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Arne Hoffmann, Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung in:

Arne Hoffmann (Ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 405 - 418

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-405

Tectum, Baden-Baden
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Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung Arne Hoffmann Begleitet von großem medialen Trara setzte die ehemalige SPD-Frauenministerin Schwesig das Lohntransparenzgesetz in Kraft, das Frauen erlauben sollte, ihren Arbeitgeber nach dem Gehalt ihrer Kollegen zu fragen, um herauszufinden, ob sie benachteiligt werden. Monate danach stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund fest: Das neue Gesetz haben DGB-weit nur elf Menschen in Anspruch genommen – alle Männer. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte auch der Bundesverband der Arbeitsrechtler in Unternehmen: Bei Firmen bis 500 Mitarbeitern habe es gar keine Anfrage gegeben, bei größeren Unternehmen lediglich vereinzelte Fälle.479 Extrem in den Leitmedien gepusht wurde auch die feministische MeToo-Kampagne, bei der sich zunächst vor allem Schauspielerinnen als Opfer sexueller Belästigung outeten. Als der Leipziger Sexualwissenschaftler Kurt Starke für das „Neue Deutschland“ allerdings Frauen zu ihrer Einschätzung dieses Themas befragte, erhielt er vor allem skeptische Antworten wie diese: „Ach so, das, nee, interessiert mich nicht, ist nicht meins.“ – „Die machen sich doch nur wichtig, alles Geschäft, armselig.“ – „Mit so was kann man jeden zur Strecke bringen.“ – „Wieder so eine Welle, die anderes überspült. Ich habe andere Sorgen.“ – „Lieber mal ein verunglücktes Kompliment als gar keins.“ – „Wenn Frauen 479 Vgl. Deutschlandfunk: Entgelttransparenzgesetz – nur wenige Anfragen. Online am 16.5.2018 unter http://www.deutschlandfunk.de/entgelttransparenzgesetznur-wenige-anfragen-gestellt.2850.de.html?drn:news_id=883098. 405 grundsätzlich etwas gegen Männer haben, finde ich das extrem. Die einen gegen die anderen, da kommt nichts Gutes dabei raus.“480 Haben Frauen vielfach vielleicht ganz andere Probleme, als sie in den Leitmedien gepusht werden? Um das herauszufinden, beschließe ich die Frauen in meinem eigenen Leben zu befragen. Mit manchen dieser Frauen verbinden mich tiefe Gefühle, andere finde ich scharf, mit wieder anderen bin ich einfach befreundet. Einige von ihnen sind Feministinnen, andere nicht. Ihnen allen stelle ich dieselbe Frage: Was ist für dich persönlich dein größtes Problem als Frau? Das hat sich als ein Ansatz gezeigt, den ich jedem empfehlen möchte. Zugegeben, der wissenschaftliche Aussagewert solcher Antworten ist zunächst einmal begrenzt, schon durch die Vorselektion des jeweils eigenen Bekanntenkreises. Die mit mir befreundeten Frauen, die ich für dieses Kapitel befragt habe, unterscheiden sich zwar in Alter, Beruf und sexueller Orientierung, es handelt sich aber fast immer um akademisch vorgebildete und selbstbewusst auftretende Frauen aus der weißen bürgerlichen Mittelschicht. Dem unbenommen kann es überraschend und aufschlussreich sein, was man auf diese Weise über die Sorgen seiner Liebsten erfährt. Natürlich wäre es auch reizvoll, wenn eine Frau Männer aus ihrem Bekanntenkreis auf diese Weise interviewen würde. So ideologisiert und vergiftet, wie die öffentlichen Diskurse (einschließlich den sozialen Medien) beim Geschlechterthema sind, muss man wohl auf private Diskurse ausweichen, um überhaupt noch irgendetwas lernen zu können. Vielleicht können wir die Vernunft im Geschlechterverhältnis nur auf individueller Ebene zurückerobern, während wir lernen, den Radau auf Twitter und in den Leitmedien zu ignorieren. Ich beginne mit einer der Frauen, mit denen ich mich einmal die Woche zu einem Pub-Quiz treffe: Nastasja. Sie ist 27 Jahre alt und Physiotherapeutin. Meine Frage überrascht sie. „Eigentlich habe ich als Frau vor allem Vorteile“, sagt sie. „Wenn du mit Menschen leicht in Kontakt kommst, kommst du auch leicht durchs Leben.“ 480 Vgl. Starke, Kurt: Gegen den männerfeindlichen Anstrich. In: Neues Deutschland vom 29.11.2017, online unter https://www.neues-deutschland.de/artikel/1071588. metoo-debatte-ueber-sexismus-gegen-den-maennerfeindlichen-anstrich.html. Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 406 Nach einigem Nachdenken fällt ihr doch etwas ein. „Manche Männer überschreiten bei meinem Job die Grenzen“, sagt sie. „Einer gibt mir manchmal einen freundlichen Klaps auf den Po, ohne sich viel dabei zu denken. Ein anderer hat nach meiner Telefonnummer gefragt, obwohl er 60 Jahre alt ist und theoretisch mein Großvater sein könnte.“ Kommt es auch vor, dass Männer die Nähe bei physiotherapeutischer Arbeit zu intimen Berührungen ausnutzen? „Eigentlich nicht.“ Was müsste sich ihrer Ansicht nach ändern? „Ich habe das vor allem selbst in der Hand. Wenn ich selbst die Grenzen stärker ziehen und im Kontakt mit meinen Patienten auf streng professioneller Ebene bleiben würde, dann würden solche Situationen auch nicht entstehen.“ Auf einer Grillparty nehme ich zwei Lehrerinnen, beide Ende vierzig, getrennt voneinander beiseite. Die eine berichtet, dass ihr nichts Passendes einfalle: „Uns Frauen geht es hier sehr gut. Das ist nicht überall so. Letztens habe ich im Unterricht zwei Mädchen gebeten, eine Sure aus dem Koran vorzulesen. Daraufhin haben sie mir erklärt, dass das Frauen nicht dürften. So was kennen wir hier ja überhaupt nicht.“ Als ich nachhake, ob ihr nicht doch etwas einfalle, teilt sie mir mit, dass ihr Mann gelegentlich sexuelle Bedürfnisse anmelde, wenn sie abends schon müde sei und deshalb selbst keine Lust habe. Aber das teile sie ihm mit, und dann ist es auch okay. Die zweite Lehrerin denkt ein paar Stunden über meine Frage nach. Dann berichtet sie von ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung durch ihre Migräneanfälle. „Wusstest du, dass es zu achtzig Prozent Frauen sind, die unter Migräne leiden?“ Larissa, eine junge, eher zierliche Studentin der Kulturwissenschaften und Kellnerin im Mainzer Kelly’s, mit der ich mich angefreundet habe, stört es, dass sie gelegentlich unterschätzt wird und ihr die Leute Fragen stellen wie „Du als Frau reist alleine in ein anderes Land?“ oder „Du als Frau trägst so was Schweres?“ Sie ärgert das: „Die Leute stellen mein Licht vollkommen unter den Scheffel.“ Ilona, Anfang vierzig, ist eine weitere Lehrerin, mit der ich mich im Mainzer Aposto unterhalte. Ihr fällt lange Zeit kein Problem ein, dass sie „als Frau“ besonders belastet. Erst als wir gehen, bemerkt sie, dass sie Angst hat, alleine durch die Nacht zu ihrem Auto zu gehen. „Das kannst du schreiben.“ Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 407 Im Mainzer Domsgickel frage ich Sabine, eine Internistin, 40 Jahre alt, danach, was für sie als Frau das größte Problem darstelle. Sie überlegt. „Vielleicht ist das größte Problem, dass ständig Leute meinen, dass es ein Problem darstellen muss.“ Sie nimmt einen Schluck von ihrer Rieslingschorle, dann fällt ihr doch noch etwas ein: „Andere Frauen. Ja. Was uns das Leben richtig schwer macht, sind andere Weiber. Das sind nicht die Männer.“ Claudia, Anfang dreißig, arbeitet in der Finanzbranche. Wir treffen uns etwa einmal pro Woche, und meine geschlechterpolitischen Ziele unterstützt sie voll. Was ihr größtes Problem als Frau sei? „Dass ich nicht beamen und nicht hellsehen kann“, sagt sie lachend. „Aber ich glaube, das Problem habt ihr Männer auch.“ Ernsthafter kommt sie auf etwas anderes zu sprechen, das sie ärgert: „Dass man Frauen, die attraktiv sind, also nicht gerade ein Gesichtseintopf, automatisch mangelnde Intelligenz unterstellt. Aber es sind hauptsächlich andere Frauen, die einen darauf reduzieren. Ich muss mich weniger bei Kerlen beweisen als bei Frauen. Oh, und wenn du zu irgendeinem Thema eine klare Meinung äußerst, giltst du als untervögelt.“ Lisa, Anfang vierzig, arbeitet in der Personalverwaltung. Ihr fällt zunächst auch nach längerem Überlegen nichts ein: „Keine Ahnung, ob ich da jetzt die Ausnahme bin, aber ich sehe in meinem Leben eigentlich wenig Frauenprobleme. Okay, das mit der Menstruation ist echt lästig und ich würde lieber im Stehen pinkeln.“ Dann findet sie aber doch etwas Erwähnenswertes: „Das einzige wirkliche Ärgernis, das ich diesbezüglich mal erlebt habe, betraf die Jobsuche. In einem Bewerbungsgespräch ritt der Personaler sehr auf meinem gebärfähigen Alter rum und bohrte immer wieder nach, wie denn die Familienplanung aussähe. Das war wirklich nervig, weil ich ansonsten Topkandidatin für den Job war. Inzwischen kenne ich die Frau, die als Assistentin bei dem Gespräch dabei war, auch privat und weiß, dass ich den Job tatsächlich nicht bekommen habe, weil ‚die wäre super, wird aber bestimmt bald schwanger‘. Es ging übrigens nur um eine Teilzeitstelle mit recht wenig Stunden. Was Jobsuche angeht, ist man als Frau echt etwas gekniffen. Wenn man noch Kinder kriegen könnte, ist man für die Personaler ein Risiko, wenn man noch kleinere Kinder hat ebenso. Je kleiner die Firma, desto Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 408 schlimmer, weil die Ausfallzeiten da natürlich noch schlechter kompensiert werden können. Ich sehe das zum Beispiel auch immer, wenn [mein Mann] Guido neue Leute sucht. Bewerbungen von Frauen zwischen 25 und 45 werden im Prinzip direkt aussortiert. Auch von mir. Er kann es sich einfach nicht leisten bzw. den anderen Kollegen antun. Leider Fakt. Noch ein interessanter Fakt ist übrigens, dass die Bewerbungen der Frauen durchweg besser waren (sowohl inhaltlich/optisch als auch was die Qualifikation betrifft), sie aber viel niedrigere Gehaltsvorstellungen angeben. Daraus lässt sich jetzt aber nicht schließen, dass Frauen besser sind, sondern eher, dass sie sich weniger zutrauen. Männer bewerben sich oft nach oben, Frauen häufig eher nach unten. So zumindest meine Beobachtungen in der Firma meines Mannes (ich treffe da immer die Vorauswahl aus den Bewerbungen) und auch im Bekanntenkreis. Ich kenne also beide Seiten der Bewerbungsproblematik bei Frauen.“ Sie überlegt noch einmal und zieht dann ein Fazit: „Mein größtes Problem als Frau? Für mich persönlich? Mein erster Gedanke war: habe ich nicht. Und das trifft es eigentlich auch.“ Annemarie, Mitte vierzig, eine Marketing-Referentin, antwortet mir: „Momentan? Da mache ich mir große Gedanken in Sachen Zukunft und Rente, dass es eben nicht reichen kann – gerade als Frau. Es ist erwiesen, dass es gerade für Frauen nicht reichen wird. Zwei Drittel werden Probleme kriegen. Und das, obwohl man jetzt gerade ganz okay verdient – und dazu zähle ich mich mal.“ Lara ist eine weitere Lehrerin. (Das ist reiner Zufall; ich habe keinen Fetisch.) Wir haben uns vor ein paar Jahren kennengelernt, als sie mir ihre Arbeit zum Geschlechterbild in phantastischen Erzählungen zum Gegenlesen gegeben hatte. „Mein größtes Problem ist meine biologische Uhr“, berichtet sie. „Ich bin jetzt 31, gerade mit dem Referendariat fertig und fange jetzt meinen ersten richtigen Job an. Zum Arbeiten werde ich jedoch kaum kommen, da ich in ein bis zwei Jahren schwanger werden sollte, damit es auch hinten raus noch für zwei Kinder reicht. Das bereitet mir Stress und ist auch für meinen künftigen Arbeitgeber doof. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Moment, wenn ich meinem Chef sagen muss, dass ich schwangerschaftsbedingt ausfalle, auch wenn mir deswegen keiner einen Vorwurf machen kann.“ Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 409 Ganz ähnlich geht es Elena, einer Spanierin, die im Vertrieb arbeitet, aus beruflichen Gründen ein paar Jahre in Deutschland verbracht hat und dann nach Barcelona zurückgekehrt ist. Sie berichtet mir im Chat von ihrer Situation: „Mein größtes Problem im Moment ist, dass ich weiß, dass ich eine kürzere Zeitspanne habe, um Kinder zu haben. Ich bin 35. Beruflich gesehen ist von jetzt an bis zu meinen Vierzigern die interessanteste Zeit, in der ich die größten Fortschritte machen sollte, also zum Beispiel Teams zu leiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das mit einem Kind vereinbaren soll. Also fühle ich mich gezwungen, zu wählen: Karriere oder Kinder. Jetzt. Nicht, dass meine Familie oder meine Bekannten drängen. Ich habe nicht einmal einen Partner. Aber es ist etwas, das mir im Kopf herum geht, und wo ich nicht viel tun kann. Kurz gesagt: Mein größtes Problem ist die Biologie.“ Ob sie als Frau in Spanien oder in Deutschland lebe, spiele vor diesem Hintergrund keine Rolle. Mit Nuray, Ende dreißig, einer Zahnärztin mit türkischem Hintergrund, spreche ich am Telefon: „Mein größtes Problem als Frau ist, den richtigen Partner zu finden“, sagt sie mir. Vor allem das Thema „Vertrauen“ sei dabei sehr schwierig: „Du datest zum Beispiel einen Mann drei Monate lang und findest dann heraus, dass er immer noch auf drei Datingportalen aktiv ist. Kerle halten sich immer noch eine warm. Falls es mit dir nix wird, gibt es da immer jemanden … ‚eine sehr gute Freundin‘ … Auch in meiner Mädels-Freundesliste ist so was das vorherrschende Problem: Es gibt eine Sinnesüberflutung an Frauen, und du bist dadurch auswechselbar geworden. Und wenn du einen Freund hast, wird der in deiner Anwesenheit angebaggert. Ich könnte dir Storys erzählen … füllt drei Bücher, und es wäre ein Bestseller! Frauen trauen sich oft nicht etwas zu sagen. Selbstwertgefühl und so was.“ Judith, Mitte vierzig, eine ehemalige Kommilitonin von mir, findet es am schwierigsten, „dem typischen Frauenbild nicht zu entsprechen, aber bisweilen darauf reduziert zu werden. Und das zieht sich bisweilen durch alle Lebensbereiche.“ Was meint sie damit? „Ich habe Schwierigkeiten mit den typischen Rollenmustern im Alltag, bisweilen langweilen sie mich. Nun lebe ich in der Schweiz, da ist man diesen Rollen noch stärker verpflichtet als in Deutschland. Ich empfinde das Ganze häufig als einschränkend und sehr klischeehaft. Zum Beispiel Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 410 darfst du als Frau nicht wütend sein und nicht diskutieren, jedenfalls nicht offensiv. Ich kenne hier Familien, wo die Männer krank werden, weil sie die Rolle des Versorgers verlieren. Ist das besser?“ Jacquelin, eine 24 Jahre alte Studentin der Genderstudien, die ich ebenfalls aus der Mainzer Kneipen- und Bistro-Szene kenne, berichtet: „Ehrlich gesagt finde ich, mir fallen wenige Sachen ein. Das ist Fliegenschiss im Vergleich zu anderen Problemen, die ich hatte. In meinem Alter hat man als Frau schon immense Freiheiten, die man sich nicht erkämpfen musste. Von den paar Problemen, die es noch gibt, finde ich es am nervigsten, dass man immer in so Schubladen gesteckt wird, nur weil man eine Frau ist. Und wenn man sich in der Schublade nicht wohl fühlt, wird einem immer eingeredet, das komme noch.“ Sie erklärt konkreter, was sie damit meint: „Für mich ist eine der nervigsten Sachen, ständig nicht ernst genommen zu werden, dass ich nicht heiraten und keine Kinder will. Männern in meinem Alter wird nicht so vehement eingeredet, das würde sich noch ändern. Natürlich kann sich so was ändern, aber das wird grundsätzlich nicht ernst genommen, egal wie begründet es bei mir ist und wie groß meine Abneigung dagegen ist. Es wird permanent für etwas Unreifes gehalten. Ich dagegen frage mich eher, ob diese Frauen das wirklich alle wollen oder nur denken, sie sollten es wollen, weil sie halt Frauen sind. Ich versuche denen ja auch nicht einzureden, dass ihre Entscheidung für eine Familie heutzutage dumm ist. Ähnlich ist es bei Charakterzügen die als männlich eingeordnet werden und wofür man dann gerne mal kritisiert wird. Schon seit dem Kindergarten hatten meine Eltern es echt schwer, dieses viel zu laute dominante Mädchen zu verteidigen, zu dem sie mich erzogen haben beziehungsweise zu dem ich halt geworden bin, weil mein Bruder und ich nicht unterschiedlich behandelt wurden.“ Melanie, Anfang dreißig, eine Mainzer Stylistin, fällt auf meine Frage als erstes ein, dass ihr in vielen verschiedenen Bereichen noch immer nicht genügend Respekt entgegengebracht wird: „Ich habe durchaus öfter das Gefühl, dass im Bereich Job und/oder Gesellschaftsleben mir nicht immer der gleiche Respekt in Form von ‚gehört werden‘, ‚Kompetenz‘, ‚Selbstständigkeit‘, ‚starke Eigenschaften‘ und ‚Sexualität‘ entgegengebracht wird. Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 411 Um das in kurzen Beispielen zu verdeutlichen, passiert es mir manchmal, dass die Meinung eines männlichen Familienangehörigen oder männlichen Freundes in der Öffentlichkeit, aber auch im privaten Raum mehr Bedeutung beigemessen wird und das auch mit dem Geschlechterunterschied verargumentiert wird. In Sachen Kompetenz ist es mir mehr als einmal passiert, dass mein gepflegtes Äußeres beim Gegenüber (auch bei Frauen manchmal) zu Vorurteilen meiner Person oder meines Geschlechts führt. Kurz, man glaubt nicht, dass auch ein hübscher Kopf denken kann. Mein Äußeres (das auch betont weiblich ist) ist also manchmal für mich ein Nachteil und manchmal ein Vorteil mit einem unangenehmen Beigeschmack. Zum Beispiel wenn ich merke, dass ich allein aufgrund meines Äußeren bevorteilt werde. Außerdem spielt das Thema Kinder bei Jobkompetenz und Verfügbarkeit eine wichtige Rolle. Auch da merke ich deutliche Unterschiede zu männlichen Kollegen. Noch immer wird von Kollegen und Vorgesetzten oft davon ausgegangen, dass man als Frau öfter wegen Kindern ausfällt, allwissende Antworten zum Thema Erziehung hat oder der Job eher ein Freizeitvergnügen ist. Stichwort: Teilzeitjob. In Sachen Selbstständigkeit erlebe ich, seit ich denken kann, durch einen Teil meiner Familie, Freunde, Bekannten und auch im öffentlichen Raum, dass ich anders wahrgenommen werde, wenn ich in einer Beziehung bin, sprich: Menschen um mich herum verhalten sich anders, meine Lebenssituation wird anders bewertet. Oft kommt es einem vor, als wüssten die Menschen um einen herum nicht, dass man auch schon mal ohne Partner gelebt hat und eine Aufgabe hatte. Ein weiteres Problem ist der Umgang mit starken Eigenschaften, vor allem denen, die als typisch männlich charakterisiert werden; Ehrgeiz, Mut, Loyalität, Intelligenz oder Emotionen wie Wut und Schadenfreude. Ich bin persönlich oft kritisiert worden, wenn ich diese ‚typisch männlichen‘ Eigenschaften gezeigt habe oder auch nicht für voll genommen. Anscheinend ist das noch nicht so üblich, dass Frauen sich auch lautstark äußern, diskutieren, hartnäckig sind. Zum Thema Sexualität: Seit ungefähr meinem zehnten Lebensjahr werde ich von außen durch Werbung, Gesellschaft, Öffentlichkeit, Bekannte, Verwandte, Partner und viele mehr mit meiner Sexualität konfrontiert, ob ich das möchte oder nicht. Da ich gerne eine Frau bin und Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 412 meine körperlichen, aber auch geistigen weiblichen Attribute mag und nicht verstecke, bin ich aber auch laufend Situationen ausgesetzt, in denen ich das Gefühl habe, dass jemand von außen in meinen intimen Raum eindringt – ohne meine Erlaubnis und manchmal auch ohne dass ein Verbot oder Zurückziehen akzeptiert wird. Ich werde einfach sehr, sehr oft auf das offensichtlich Äußere reduziert. Dagegen kann ich mich auch manchmal schlecht wehren beziehungsweise hab ich mit der Zeit tatsächlich auch gelernt einiges zu ignorieren und zu vergessen. Wütend macht mich es dann trotzdem oft.“ Nici ist Ende vierzig, diplomierte Sozialpädagogin, nebenberuflich Popsängerin und eine sehr gute Freundin aus meiner Schulzeit. Mit ihr treffe ich mich noch immer alle paar Jahre – diesmal vor einer ihrer Proben im „60/40“, einem linken Wiesbadener Szenelokal. Wir sitzen dort in einer gemütlichen Couchecke an einem flackernden Kamin, Nici mit einem Latte Macchiato, ich mit einem Fair-Trade-ChariTea. Meine Frage nach ihrem größten Problem als Frau trifft sie so unvorbereitet, dass sie erst einmal laut lachen muss. So wie die meisten Frauen, die ich das gefragt habe, muss sie erst mal ein wenig nachdenken: „Es ploppt jedenfalls nicht sofort was raus“ sagt sie. Sie habe sich allerdings schon öfter mal die Frage gestellt, berichtet sie dann, ob ihr Leben besser oder leichter verlaufen wäre, wenn sie ein Mann gewesen wäre. Dabei hat auch sie den Eindruck, dass man solche Dinge nicht vom Geschlecht allein abhängig machen kann: „Ein bisschen empfinde ich es so“, sagt sie, „wäre ich ein dezenter Mann gewesen, hätte ich es schwerer gehabt. Wäre ich ein großmäuliger Proll gewesen, dann hätte ich es leichter gehabt.“ Sie habe eine Erziehung genossen, die sie „eher zur Zurückhaltung animiert hat, auch im Negativen: Bedürfnisse nicht so ernst nehmen, bloß nicht großmäulig rüberkommen.“ Bei ihren Erinnerungen daran muss sie an einen ehemaligen Grundschullehrer denken (ein „alter Nazi und autoritärer Sack“), der Jungen streng bestrafte, wenn sie zum Beispiel einen Bleistift fallen ließen, und vor allem eines der Mädchen immer lobte, weil sie ihn immer so nett anlächelte. Die damit verbundene Botschaft, wie sich eine Frau zu verhalten habe, sei durchaus prägend gewesen. „Es gibt nicht die eine Antwort, sondern viele kleine“, erklärt Nici, „ich denke mir zum Beispiel: Wenn ich diesen Sex-Appeal nicht ge- Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 413 habt hätte, hätte ich mich vielleicht mehr anstrengen müssen.“ (Nici verfügt seit ihrer frühen Jugend über eine starke erotische Ausstrahlung.) Was das Berufliche angehe, fällt ihr ein, „dass es unter Frauen viel Zickenscheiß gibt – und gerade der Sozialbereich ist ja sehr frauenlastig. Die Konflikte unter Frauen sind anders, der Umgang miteinander gnadenloser.“ Ida, 21, die Tochter einer anderen ehemaligen Klassenkameradin, befindet sich in der Ausbildung Richtung Verlagswesen und Journalismus und ist Gründungsmitglied der „Queerdenker“, einer Stuttgarter LSBTTIQ+-Jugendgruppe. Sie findet meine Frage schwer zu beantworten: „Ich bewege mich in Kreisen voller starker Frauen und Männer, denen Gleichberechtigung wichtig ist. Aber wenn ich aus der Blase meiner Freundschaften raus trete, merke ich, dass man als Frau bei manchen Dingen immer noch nach einem veralteten Weltbild behandelt wird. Ich werde oft beschützt, obwohl ich eigentlich selber stark bin und mich manchmal gerne ausprobieren oder selbst aus Situationen herausbringen würde. Oder ich werde belächelt oder nicht ganz ernst genommen. Oder man versteht Nettigkeit als Flirt. Und wenn ich mich hübsch mache, dann für einen Mann: Solche Klischees gibt es oft. Aber andersrum merke ich auch, dass immer noch Männern sogenannte feminine Eigenschaften als negativ angerechnet werden. ‚Du wirfst wie ein Mädchen‘ oder ‚Pussy‘ sind da Beispiele. Ich wünsche mir so, dass Männer und Frauen beide so stark und so weich sein können, wie sie eben wollen, ohne dass nur aufgrund des Geschlechtsteils in der Hose etwas davon lächerlich sein soll.“ Eine Frau, mit der ich in Unizeiten an der Fachschaftszeitung zusammen gearbeitet habe, ist Alyce (Mitte vierzig). Sie verortet sich als Feministin und hat auch eine Zeitlang für die Polizei von South Wales als Diversity-Trainerin gearbeitet. Heute arbeitet sie als Übersetzerin und im wissenschaftlichen Forschungsfeld Animal Studies. Als wir uns in Wiesbaden treffen, hat sie mir ein Buch mitgebracht; Robert Pfallers Kritik an der Politischen Korrektheit. Ihre Antwort fällt so reflektiert aus, wie ich es erwartet hatte: Zunächst einmal findet sie es „etwas schwer, die Frage zu beantworten, weil die Kategorie Frau für mich sich nicht von anderen isolieren lässt – also weiß, Mittelklasse, höherer Bildungsabschluss etcetera. Ich habe auch keine Ahnung, wie das Leben nicht-als-Frau ist. Ich kann nicht vergleichen und dann das größte Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 414 Problem identifizieren. Aber Transmenschen können das unter Umständen, weil da die anderen sozialen, familiären Kategorien gleich bleiben und sich nur die Variable ‚Mann‘/‚Frau‘ ändert. Ich habe da sehr interessante Unterhaltungen gehabt.“481 Es entwickelt sich eines unserer mehrstündigen Gespräche mit Themen wie dem geschlechtergerechten Schreiben bei Thomas Pinker, gefakete Tierbiographien und den moralischen Partikularismus von Jonathan Dancy. Dann kommt Alyce doch auf ein bestimmtes Problem zu sprechen: Auch sie fühlt sich als Frau oftmals unterschätzt. Als Beispiel nennt sie einen Konflikt mit einem ihrer Mieter, der sie per Mail so heruntergeputzt hätte, wie er es ihrer Einschätzung nach bei einem Mann nicht getan hätte. „Ich glaube, er hat nicht auf die Reihe gekriegt, dass ich als Vermieterin und wegen meinem Doktortitel einerseits statushöher bin als er, andererseits aber in seinem Alter, mit einem unkonventionellen Äußeren“ – sie weist auf ihr Piercing und ihre Tattoos – „und eine Frau. Das meine ich, wenn ich sage, dass man die verschiedenen Kategorien schwer trennen kann. Ich hatte den Eindruck: Er hat mich auf seinen Status runtergeholt, während er mit einem Mann eher eine Kumpelschiene versucht hätte. Ich denke, er hat mich unterschätzt und wollte probieren, wie weit er gehen kann.“ So etwas erlebte sie nicht zum ersten Mal: „Als ich an der Volkshochschule Kurse gegeben habe, hatte ich einen afghanischen Schüler. Der hat meinen Unterricht ständig sabotiert, indem er den Klassenclown gespielt hat. Er war nett, aber für ihn war das ein Weg, mir keinen Respekt zollen zu müssen.“ Als ein weiteres Problem fallen ihr dann die körperlichen und seelischen Folgen des Monatszyklus ein. „Der Einfluss, den das auf deinen Alltag hat, wird total unterschätzt. Frauen sprechen in der Regel nicht darüber, weil das schambesetzt ist.“ Ich erinnere mich daran, dass Alyce den Umgang mit dem Thema Menstruation schon zu Fachschafts- 481 Wenige Wochen nach meinem Gespräch mit Alyce veröffentlichte die Washington Post einen großartigen Artikel darüber, wie Transgender nach ihrer Geschlechtsumwandlung zum Mann erstmals erkannten, welchen Diskriminierungen Männer in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Vgl. Bahrampour, Tara: Crossing the Divide. Online seit dem 20. Juli 2018 unter https://www.washington post.com/news/local/wp/2018/07/20/feature/crossing-the-divide-do-men-reallyhave-it-easier-these-transgender-guys-found-the-truth-was-more-complex. Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 415 zeiten thematisiert hatte. Wir beraten, ob man das in diesem Buch überhaupt erwähnen sollte oder ob das nicht Klischees der einmal im Monat unzurechenbaren Frau verstärkt. Zuletzt kommt Alyce darauf zu sprechen, dass eine Familiengründung für eine berufstätige Frau immer noch schwer sei, „auch wenn da viel, viel getan wird. Aber wenn du Mutter sein willst, hast du es immer noch schwer, an bestimmte Arbeitsplätze zu gelangen, und landest wieder in der klassischen Rollenaufteilung. Das ist für beide Geschlechter schlecht, aber für Frauen noch schlechter, weil sie in eine finanzielle Abhängigkeit von ihrem Partner geraten. Dafür landet ihr Männer eher in einer Zwangsjacke, was eure langfristige Lebensplanung angeht.“ Wir sind uns einig: Generell haben Frauen viel eher eine Wahl als Männer, ob sie vollzeit tätig sein wollen, halbzeit oder ob sie ganz zu Hause bleiben. Anette, Anfang dreißig, promoviert über Männlichkeitskonstrukte unter Soldaten im Zweiten Weltkrieg und arbeitet nebenher für den Hessischen Landtag. Ihr fallen auf meine Frage zwei Antworten ein: „Einmal stört es mich, wenn ich in eine bestimmte Geschlechternorm gepresst werden, wenn mich meine Bekannten also fragen, warum ich als Frau denn keine Kinder haben möchte. Oder wenn mein Chef ganz selbstverständlich Frauen den Auftrag gibt, Blumen zu besorgen. Zum anderen finde ich es schwierig, dass für mich Kommunikation und Kompromisse wichtig sind, ich mich aber in einer männlich geprägten Welt behaupten muss, wo es oft ruppiger zugeht. Allerdings habe ich selbst noch nie erlebt, dass mir zum Beispiel mein Chef den Respekt verweigert hat. Und dass sich immer Frauen um das Besorgen von Blumen und solche Dinge kümmern müssen, könnte ich auch einfach mal ansprechen. Vermutlich ist ihm das selbst noch gar nicht aufgefallen.“ Birte, Ende Vierzig, die sich ebenfalls feministisch positioniert, arbeitet als Übersetzerin und Lektorin. Sie sieht als größtes Problem „das über Medien, einschließlich die Social Media, verbreitete Frauenbild. Sowohl körperlich wie perfekt geschminkt und getonet und ständig jung, als auch dass von dir erwartet wird, dass du Haushalt, Kind und Corporate Karriere zusammen einfach wuppen sollst. Dir wird vorgegaukelt, dass dein Leben auf bestimmte Weise verlaufen soll und was du dafür alles leisten musst – schon als Nulllinie, ohne dass es etwas Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 416 Besonderes wäre. Das Problem habt ihr Männer zwar auch, aber auf andere Weise.“ Anja, Mitte dreißig, arbeitet in Mainz für Jugendschutz.net – eine Einrichtung, die theoretisch auch für die von mir veröffentlichten Erotika zuständig wäre. Wir haben uns allerdings privat und nicht beruflich kennengelernt. „Ich persönlich habe kein Problem, nur weil ich eine Frau bin“, teilt sie mir mit. „Ich ärgere mich nur gelegentlich darüber, dass ich beim Friseur mehr bezahlen muss und dass Männer viel einfacher im Freien pinkeln können.“ Sie grinst und berichtet dann: „Ich habe erst heute einen Artikel gelesen, dass beim neuen Battlefield 5 eine Frau auf dem Cover ist. Viele Menschen finden das Kacke, so dass es das Spiel jetzt auch mit einem Mann auf dem Cover geben wird. Allerdings 20 Euro teurer. Die Diskussion hat aber auch viele sachliche Argumente gebracht und die Frage aufgeworfen, ob so was dem Kampf für Gleichberechtigung dienlich ist.“ Nala, 38 Jahre alt, ist eine befreundete Domina aus Hamburg. „Als Frau erlebe ich sicher Dinge, die nicht schön sind“, erzählt sie. „Zum Beispiel sexuelle Belästigung. Oder die Selbstverständlichkeit der Schulen, immer erst die Mutter und nie zuerst den Vater zu informieren (klassische Rollenverteilung). Oder die Tatsache, dass meine fachliche Kompetenz im IT-Bereich eher in Abrede gestellt wird als bei männlichen Kollegen, ich also mehr ‚beweisen muss‘ als der xy-Träger. Aber daraus ein großes Problem zu stricken … dafür bin ich zu alt. Dazu kommt, dass Probleme, wie groß sie auch aktuell erscheinen mögen, die Angewohnheit haben, wieder zu verschwinden. Und die meisten Probleme eher geschlechterübergreifend sind und nicht nur mich als Frau sondern eher mich als Mensch betreffen. Ein großes Problem würde ich zum Beispiel Verhütung nennen, die überwiegend (im hormonellen, körperlich belastenderen Bereich) den Frauen überlassen wird. Da ich demnächst aber schnippschnapp mache und mich seit 20 Jahren jeglichen Hormonmitteln verweigere, ist das auch nicht persönlich. Du siehst also: Ich habe sicherlich Probleme, die mit dem Frausein zu tun haben. Und ich habe auch große Probleme, die nichts mit meinem Geschlecht zu tun haben.“ Alles in allem geht aus den Äußerungen meiner weiblichen Bekannten hervor, dass Frauen zwar durchaus spezifische Probleme haben, z.B. mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dass aber Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 417 durchaus gesehen wird, dass Männer komplementäre spezifische Probleme haben können. Auch gibt es Frauen, die von Übergriffigkeiten berichten. Aber dabei geht es eher darum, dass es eben Männer gibt, die übergriffig sind, und nicht darum, dass Übergriffigkeit ein allgemeines männliches Verhaltensmuster wäre. Kurz: Das politisch und medial vermittelte Bild einer männlichen Herrschaft und einer weiblichen Ohnmacht, von männlicher Gewalt und weiblichem Leiden, findet sich bestenfalls zufällig gespiegelt in dem, was diese Frauen als Problem schildern. Es ist, als käme dieses Bild aus einer ganz anderen Welt. Auch was die Feministinnen in meinem Freundeskreis sagen, ist um etliche Male erwachsener und differenzierter als die im Vergleich geradezu kleinkindlich simplen Schemas, die man in vielen Artikeln der Leitmedien zum Geschlechterthema lesen kann. Wie schon zu Beginn dieses Beitrags erwähnt, steht mir kein repräsentatives Sample an Frauen zur Verfügung. Eben deshalb rege ich alle dazu an, selbst einmal ähnliche Umfragen durchzuführen, um sich ein eigenes Bild von der Tragfähigkeit politischer, massenmedialer Darstellungen zu machen. Zuletzt frage ich eine weitere liebe Bekannte: Alexandra Gentara, Mitte vierzig, eine Bestseller-Autorin im Erotikbereich. Wenn sich jemand mit dem Geschlechterthema auskennt, dann sicherlich sie, denke ich mir. Was ist ihr größtes persönliches Problem als Frau? Sie überlegt kurz und antwortet dann lachend: „Männer.“ Unabhängig von der inhaltlichen Bewertung dieser Antwort bin ich beeindruckt, wie sehr Alex komplexe Fragestellungen auf den Punkt bringen kann. Das nutze ich, um mich nach einem anderen diffizilen Thema zu erkundigen. „Was ist der Sinn des Lebens?“ frage ich sie. Diesmal benötigt sie fünf Wörter für ihre Antwort: „Glücklich sein und Spuren hinterlassen.“ Das scheint mir ein Ziel zu sein, auf das wir uns schnell einigen können. Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung 418

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References

Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.