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Elinor Petzold, Das ganze Land braucht eine Therapie in:

Arne Hoffmann (Ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 389 - 404

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-389

Tectum, Baden-Baden
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Das ganze Land braucht eine Therapie Elinor Petzold Der Gegenstand dieses Buches ist die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen im heutigen Deutschland und im Deutschland von morgen. Deshalb halte ich mich an die heteronormative Ausdrucksweise. Bi- und homosexuelle Menschen sind genauso respektvoll mitgemeint. Von der Sexualtherapie zur Gesellschaftskritik Seit zwanzig Jahren sammele ich Erfahrungen in diesem Land – als Frau, als Mensch mit Migrationshintergrund und als selbstständige Paar- und Sexualtherapeutin. Der Begriff „Migrationsvordergrund“ trifft es übrigens in meiner Wahrnehmung genauso gut: Egal, wie schön man sich die „Gleichheit“ einredet, die Unterschiede rücken sowieso immer wieder in den Vordergrund. Wir mögen es nur lieber, dass das Ungemütliche wenn nicht ganz weg, doch wenigstens weit, weit weg ist. Paradoxerweise sind Hintergrundgedanken in unserer glatt-gekämmten, konfliktverneinenden Gesellschaft nicht willkommen. (Dabei können uns Psychotherapeuten bestätigen, dass Vermeidung der Konflikte ein sicherer Weg zum Untergang des Individuums ist.) Zu groß sei die Gefahr, dass die Querdenker aus der Reihe tanzen und unserer sorgfältig justierten Demokratie Schaden zufügen würden. Umso schlimmer, wenn sie Zugang zur öffentlichen Meinungsbildung haben – wie Journalisten, Filmemacher, Redner und Autoren. Sie könnten bewirken, dass festgelegte Feind-Bilder, die ihren Zweck erfüllen, hinterfragt werden. Dass den „Opfern“ auf einmal Eigenverantwortung als Spiegel vor der Nase gehalten wird. Dass den „Tätern“ eine zweite Chance gewährt wird. Orientierungslosigkeit würde entstehen! Damit umzugehen sind wir als Gesellschaft noch nicht bereit. Uns fehlt die 389 Weitsicht und Übung, mit unterschiedlichen Denkmodellen klarzukommen. Dass das Wort „Toleranz“ inzwischen völlig inflationär benutzt wird, hilft uns an dieser Stelle auch nicht weiter. Auf der zwischenmenschlichen Ebene kennen wir alle die Parteilichkeit bzw. wie schwer es ist, unparteiisch zu bleiben, wenn sich z.B. ein befreundetes Paar trennt. Oder die berühmte Solidarität zwischen Freundinnen? Sicher tut sie gut, doch ist man dabei auch noch objektiv? Bevorzugen wir nicht alle, an einst gefassten Meinungen festzuhalten und blenden wir dadurch nicht jene Facetten des Gesamtbildes aus, die unsere Ansichten ins Schwanken bringen könnten? Wie unterscheidet sich eine Meinung von einem Vorurteil? Als Psychotherapeutin behaupte ich, dass wir Menschen zu keiner Heilung, keiner Besserung gelangen können, ohne die „Realität“ zu hinterfragen – egal, ob es sich um unsere zwischenmenschlichen Beziehungen oder um die gesellschaftliche Entwicklung handelt. Ich maße mir nicht an, ein Patent für die Stilllegung der Konflikte in der Welt zu kennen. Und dennoch gibt es Stationen in meiner Biografie und auf meinem Berufsweg, die mir vielleicht den Blick in die Breite und die Möglichkeit geben, zumindest im leider Gottes immerwährenden Geschlechterkampf einige Impulse zu setzen, die unser Leben leichter machen könnten. Und ich möchte dazu beitragen, dass die Gesellschaft im heutigen Deutschland und im Deutschland von morgen gesünder und ausgeglichener wird. Der Beginn Mit neun Jahren habe ich aufgehört, Zeitungen zu lesen. Angefangen habe ich mit dieser Lektüre mit acht – als Hausaufgabe für den Politik- Unterricht in der Schule. Diese Tortur war immer montags als Extra- Stunde vor allen anderen gelegt. Als wohlerzogenes sowjetisches Mädchen aus halb-jüdischem Zuhause bin ich kein typischer Freigeist: Ich war pflichtbewusst und gab mein Bestes von Anfang an. Und doch war es mir schlicht nicht möglich, pünktlich zu der „Politikstunde“ zu erscheinen, in der wir uns anhand von Beispielen aus der Zeitung stupide einpauken sollten, dass „unser Land das Beste ist“. Das ganze Land braucht eine Therapie 390 Wenn das der ganze Sinn und Zweck dieser Stunde ist, dachte ich, dann habe ich es bereits begriffen. Und so wurde „Politik“ in meinem Kopf ein für alle Mal als langweilig und farblos abgestempelt und ich habe mich danach noch jahrelang nicht mehr für Zeitungen interessiert. Außerdem ist Politik sowieso nichts für Mädchen, hieß es damals. Apropos: Davon, dass wir wegen unserer Geschlechtszugehörigkeit weniger durften als die Jungs oder anders benachteiligt wurden, habe ich damals nichts gemerkt. Meine Schwester und ich wurden von beiden Eltern im Rahmen der Möglichkeiten einer durchschnittlichen Mittelschicht-Familie verwöhnt und durften tun und lassen, wonach uns der Sinn stand. Ich war Leistungssportlerin in Rhythmischer Gymnastik und wusste – eines Tages werde ich Chirurgin sein. Mein jüdischer Papa war unser Held: Seine Aufgabe war klar – ein Mann sorgt für seine Frau und seine Kinder. Doch das Geld war so knapp, dass nicht nur er, sondern auch unsere (slawische) Mama Nebenjobs hatten und ganz „gleichberechtigt“ im Drei-Schicht-Modus geschuftet haben. Dass geheiratet wird (je eher, desto besser) war selbstverständlich. Meine erste Ehe ging ich mit siebzehneinhalb Jahren fast mit spielerischer Neugierde freiwillig ein. Es war eine ungezwungene Verkuppelung mit einem guten Jungen aus einer jüdischen Familie. Eine spontane Verwandlung vom Kind zur Frau innerhalb von wenigen Monaten vom ersten Treffen bis zur Hochzeit im Sommer 1991. Vier Monate später, inzwischen 18 Jahre alt, fand ich mich zusammen mit seiner Familie auf israelischem Boden. Das Abenteuer Erwachsenwerden hatte begonnen: Auf einmal war es wichtig, zu verstehen, wie ein Land funktioniert. Damit Integration aus einem Fernziel zur Tatsache wird, habe ich angefangen, alles zu lesen, was mir in die Hände fiel (Zeitungen!), mit der Absicht, die Angst vor den „unmöglichen“ hebräischen Buchstaben zu verlieren. Israelis kennen diesbezüglich kein Pardon – willst du hier leben, sprichst du unsere Sprache. Beweise, dass du unser würdig bist, dass du ein Teil von uns sein möchtest und kannst. Warum wärst du sonst hier? Trotz der ethnischen Vielfalt in diesem jungen Land spürt man, dass Israelis ein grundlegendes Gefühl der Einigkeit und des Zusammenhalts haben und stolz auf ihr Land sind. Es schließt Gastfreundschaft keineswegs aus. Das war für mich neu und faszinierend: Bürger- Der Beginn 391 Solidarität, so wie dieses Wort gemeint ist. Ohne Pathos. Trotz der Anfechtungen und der Kritik aus der Außenwelt. Trotz der unsicheren politischen Situation und dem chronischen, fast schon „normal“ gewordenen Ausnahmezustand. Zum ersten Mal begann ich zu spüren, dass ich für ein Land arbeiten möchte. Ein ähnliches Gefühl der stolzen und doch entspannt-fröhlichen Zugehörigkeit hat mir bisher niemand aus einem anderen Land bestätigen können. Zusammenhalt der Geschlechter Nirgendwo sonst habe ich das Zusammenleben von Frauen und Männern so erlebt, wie in Israel: ein natürliches Miteinander, in dem es selbstverständlich ist, dass man sich gegenseitig braucht und gern hat. Der Gebrauch an Kosmetik übersteigt in Israel jedes erdenkliche Maß – alle, Männer wie Frauen, Jung und Alt, machen sich gerne hübsch und schick – und zwar nicht nur „für sich“, sondern damit sie gefallen und das andere Geschlecht beeindrucken können (sofern ich heteronormativ berichten darf). Und zwar ganz offen! Viele Touristen machen Fotos von jungen Soldatinnen auf der Straße: ein Gewehr über die Schulter, geschminkt, mit glänzendem gestylten Haar, umhüllt von einer Duftwolke aus Kosmetik und Parfum. „Sexy“, „Süße“ und „Leckerbissen“ sind in Israel keine Schimpfworte. Komplimente sind willkommen und selbst die Annahme, dass man eine Frau nicht allein aus sentimentalem, sondern auch aus sexuellem Interesse heraus anspricht, ruft keine Empörung hervor: Frauen beherrschen die hohe Kunst des „Nein-Sagens“ und dieses Patent funktioniert so gut, dass ich in den sieben Jahren, die ich dort verbracht habe, kein einziges Mal jemanden über sexuelle Belästigung reden gehört habe. Ich selbst bekam auch Komplimente und ich habe es genossen. Und ganz ehrlich? Ich vermisse es manchmal noch, auch wenn ich mich in den letzten 20 Jahren in Deutschland daran gewöhnt habe, dass es hier kaum welche gibt. „Wenn ich mich zurecht mache, dann ganz bestimmt nicht für einen Mann“ – habe ich öfter als einmal von hiesigen Frauen gehört. Das verstehe ich immer noch nicht. Meine ich damit, dass Make-up und Parfum das Rezept für eine bessere Welt sein sollen? Sicher nicht. Aber Das ganze Land braucht eine Therapie 392 vielleicht das Zulassen des Gedankens, dass Anziehungskraft nicht nur bei der Suche nach der „Seelen-Verwandtschaft“ hilft. Sondern auch im Sinne der puren Lust an der Freude sein darf und nichts Anzügliches in sich trägt. Noch ist die Technik nicht soweit und die meisten von uns brauchen sich gegenseitig zumindest um Kinder zu kriegen. Die Königin der deutschen Kabarett-Bühne, Lisa Eckhard, sagte einmal: „Ich möchte auf gar keinen Fall von den Männern auf meine Intelligenz reduziert werden. Sonst würde ich eine Erektion nur vom Hörensagen kennen.“ So prägte sich in mir – gestern noch ein artiges Mädchen – in sieben israelischen Jahren das Bild einer modernen, selbstbestimmten und sexuell interessierten Frau. Nicht, weil sie jemandem etwas beweisen möchte, sondern weil es ihr Freude macht, ihr Leben in einem Land zu gestalten, in dem sie gerne lebt. Seite an Seite mit anderen Frauen und Männern, von denen sie sich eines Tages einen Partner wählen wird. Mit dem sie gerne Kinder haben wird. Eine moderne israelische Frau ist sich ihrer Macht bewusst: Sie steht am Ursprung des Lebens, indem sie neues Leben hervorbringt. Deshalb wählt sie einen Mann und weiß ihn zu schätzen. Sie verdient ihr eigenes Geld und sie kann durch den Mann an ihrer Seite unterstützt werden. Deshalb kann sie den Mann an ihrer Seite respektieren. Sie kann ihre Familie zusammenhalten und es liegt in ihrer Macht, sie aufzulösen. Deshalb fühlt sie sich nicht untergeordnet. Sie wählt ihre Liebhaber oder sie wählt die Treue zu einem Mann. Deshalb kann sie stolz sein, unabhängig davon welche Entscheidung sie trifft. Weil sie es freiwillig tut. Sie macht Geschäfte oder sie wählt einen anderen Beruf, der ihren Möglichkeiten entspricht. Sie weiß, dass ihr Platz im Leben sicher ist – unabhängig von einem Mann, an seiner Seite oder ohne ihn. Es würde ihr nie einfallen, Männer als Konkurrenz zu sehen – sie genießt das Spiel des Lebens. Deshalb hat sie es nicht nötig, jemandem etwas zu beweisen. Sie lächelt genussvoll, wenn ihr Komplimente entgegengebracht werden, und sie ist frei, JA oder NEIN zu sagen. Sieben Jahre Sonne und allgegenwärtigen heißen Wind, ungezwungenen Körperkontakt und oft sehr direkte Fragen. Sieben Jahre Staunen darüber, wie gern in diesem Land geheiratet wird, wie kinderfreundlich eine Gesellschaft sein kann und wie selbstbewusst eine ganze Nation mit Schicksalsschlägen und Kritik umgehen kann. Neue Zusammenhalt der Geschlechter 393 Sprache, die „umgekehrt“ geschrieben wird, in die ich noch heute verliebt bin, und neue Freunde, Arbeit als Profi-Tänzerin und parallel dazu fast drei Jahre Studium an der Universität Tel Aviv, Scheidung, Selbständigkeit, ein neuer Lebensgefährte und ein Missverständnis. Die Gesichter des Feminismus Meine Ankunft in Deutschland verdanke ich einem Missverständnis. Ich wundere mich noch heute, wie schnell und leichtfertig ich damals mit 25 die Entscheidung getroffen habe, meine erfolgreich aufgebaute israelische Existenz aufzulösen. Ein neuer Wind namens Europa wehte in meine Segel und brachte mich im späten Herbst 1998 mit zwei Koffern nach Hannover – in der Hoffnung, mich meiner Ursprungsfamilie, die seit zwei Jahren in Deutschland lebte, anzuschließen. Nach dem ersten Schock durch die Nachricht, dass ich hier als israelische Touristin nicht wirklich bleiben durfte und mit keinerlei Unterstützung zu rechnen hatte, hatte ich mich trotzdem entschlossen, eine Weile auf der Couch bei meiner Schwester zu wohnen und wenigstens die Sprache zu lernen. Neue Sprache (auch in diese habe ich mich verliebt), Verlängerung der Duldung, ein paar neue Bekannten und eine Sondergenehmigung für einen Mini-Job. Ein neuer Lebensgefährte, Heilpraktiker-Schule und deutsche Frauen. Sie sind so anders … so ungeschminkt. Sie haben getrennte Konten und fahren ohne ihre Männer in Urlaub. Sie machen sich keinen Kopf über ihre Kochkünste und pflegen ein entspanntes Verhältnis mit ihrem Ex. Später habe ich erfahren, dass sich einige von diesen Freiheit liebenden Frauen auch „Feministinnen“ nennen. Und dass „Frauenbewegung“ etwas ganz Großes und Wichtiges in Deutschland ist. Das Wort war mir neu. Direkt zu fragen und mich dabei zu blamieren war mir zu peinlich und ich dachte: Beobachtung wird dieses Rätsel bald lösen. Die neuen Menschen um mich herum waren ganz anders als die israelischen Frauen, ganz zu schweigen von meinem anerzogenen Bild der slawischen Frau. Ich wusste, dass „Femina“ Frau bedeutet. Feministinnen betonen ihre Unabhängigkeit von den Männern, sind oft gereizt, wenn das Ge- Das ganze Land braucht eine Therapie 394 spräch auf das Thema Beziehung zusteuert, und sie sind meiner Erfahrung nach oft Single. Also sind sie lesbisch, war meine unbeholfene Schlussfolgerung. Nach einigen peinlichsten Fettnäpfchen und vielen Gesprächen in meinem inzwischen zumutbaren Deutsch mit lieben und nachsichtigen Kolleginnen hat sich das Rätsel „Frauenbewegung“ endlich geklärt. Wie selbstverständlich genieße ich inzwischen selbst die Errungenschaften der Frauenbewegung. Zugegeben, ich erlebe immer noch Aha-Momente und lerne von meinen deutschen Freundinnen. Und doch habe ich einige Fragen an deutsche Frauen. Daran sind die Israelinnen Schuld – sie haben den Maßstab gesetzt. Ich weiß dank ihnen: Echte Gleichberechtigung geht auch anders. Emanzipation und Rücksicht auf den Partner stehen nicht im Widerspruch zueinander. Widersprüchlich ist in meinen Augen zu sagen „Ich bin eine unabhängige Frau“ und dann bei der Scheidung den Ex finanziell ausbluten zu lassen. Und sollte er sich bei dieser spontanen Schlachtung wehren wollen, ihn auch noch „egoistisches Schwein“ zu nennen. Ich bin zum dritten Mal verheiratet und weiß, dass eine Trennung beiden Seiten den Boden unter den Füßen wegreißt. Auch mein Mann hat schon in mehreren Ehen gelebt. Er wurde bis dato bei jeder Scheidung finanziell in die Knie gezwungen. Ehrlicher wäre zu sagen: Unser Bündnis geht auseinander – ich bin unabhängig – du schuldest mir nichts, ich schulde dir nichts. Aber wenn es um Trennung geht, ist die groß proklamierte Unabhängigkeit der Frauen plötzlich dahin. Eigenständigkeit und Zusammengehörigkeit sind kein Widerspruch. Sich selbst ein Selbstbestimmungsrecht einzuräumen und dabei dem Vater der Kinder bei der Trennung den Kontakt mit ihnen vorzuenthalten – das ist ein Widerspruch. Auch in meinem Umfeld beobachte ich es immer wieder: Frauen benutzen Kinder als Machtmittel – und die Männer sind darüber todtraurig. Dabei gibt es Wege, Trennungen gesünder zu gestalten. Sinnvoller für alle Beteiligten wäre zu sagen: „Es ist schiefgelaufen, ich lasse mich von dir so nicht mehr behandeln und ich möchte mit dir ab jetzt nicht mehr leben. Aber als Eltern bleiben wir für immer verbunden. Deshalb stelle ich mir das folgendermaßen vor – im Sinne der Kinder.“ Ich wäre die Erste, die die Petition für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche unterschreibt. Doch darauf auch ohne Einverständnis des Vaters zu bestehen und gleichzeitig dem Mann das Recht auf einen Die Gesichter des Feminismus 395 Vaterschaftstest – ohne das Einverständnis der Mutter – zu verweigern ist in meinen Augen Heuchelei. Diese Fragen begleiteten mich persönlich so lange durch die Höhen und Tiefen meiner Beziehungen, dass ich Paartherapie schließlich zum Schwerpunkt meiner Arbeit gemacht habe. Ich stoße auf Unverständnis und Vorwürfe, wenn ich mich in Frauenkreisen in diesem Ton äußere. Die Frage einer Gesprächspartnerin „Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“ machte mir erst recht deutlich, wie weit entfernt wir von dem entspannten Miteinander sind. Solange diese Abgrenzung aufrechterhalten wird, bleiben die Fronten bestehen. Einer Frauenbewegung wird sich eine Männerbewegung entgegenstellen. Das hat etwas von Gegenwehr, und Gegenwehr kann nicht die Lösung sein, wenn wir miteinander leben möchten. Dabei brauchen wir nur die Lernfähigkeit und die Bereitschaft, die eigenen Fehler zuzugeben und die Fehler des anderen zulassen zu können. Ja, manche Frauen wurden von Männern verletzt. Und nun bestehen sie auf Gerechtigkeit. Solange beide Seiten darüber nicht offen sprechen, besteht das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung, das keine Frau offen beim Namen nennen mag. Die gut gemeinte Ermutigung, zu verzeihen, ist oft eine zu hohe Anforderung. Die Beweggründe eines Vergehens zu verstehen kann als erster Schritt ausreichen. Als Paarberaterin habe ich schon mehrmals erlebt, wie dieser Blickwinkel eine Wiederannäherung ermöglicht. Verzeihen zu können ist ein Segen, aber keine Voraussetzung für ein gutes Leben im Jetzt. Vielleicht würde uns auf dieser Weise und mit der Erkenntnis, dass das Patriarchat Frauen und Männern gleichermaßen geschadet hat, gelingen, den gerechten Groll darüber hinter uns zu lassen und viel mehr damit anzufangen, uns (gegenseitig) wohlwollend und geduldig anzunehmen und dadurch zu heilen. „Deine Vorstellung ist viel zu idealistisch, sie ist nicht objektiv“ – meinte neulich eine Verwandte meines Ehemannes auf einer Familienfeier, als ich sagte, dass das „Siegen“ und „Gewinnen“ nicht nur übers Kämpfen geht. Wir beide haben es irgendwie hingekriegt, das Gespräch binnen Sekunden in eine heikle Richtung zu lenken: über die Wege zur Versöhnung mit den Menschen, die uns Unrecht angetan haben. Das ganze Land braucht eine Therapie 396 Ich war der Meinung – und dieser Meinung bin ich immer noch –, dass sich Menschen definitiv wehren sollten, wenn ihre Grenzen bedroht werden. Dass Verbrecher verfolgt und bestraft gehören. Dass es jedoch einen Unterschied gibt zwischen der moralischen und der juristischen Schuld und insbesondere auf der Ebene der Moral die Schuldfrage oft eine Sache der Auslegung ist. Ich habe versucht, in dem „Mann-Frau“-Missverständnis, in dem wieder mal Kinder als Knüppel der Rache benutzt wurden, beide Perspektiven zu zeigen. Und ich sagte der Dame, dass wir Frauen es in den Händen haben, ob die Kriegsbeile begraben werden oder nicht. Sie fand mich idealistisch und nicht objektiv, weil ich ihren fast schon militanten Standpunkt nicht bestätigt habe. Einer der deutlichsten Unterschiede zwischen einem Gespräch unter Freunden und mit einem Psychotherapeuten ist der Umgang mit dem Begriff „Schuld“: Wir Therapeuten sind nicht dafür da, jemanden anzuprangern. Klar ist mein Weltbild subjektiv: Es basiert auf meiner Erfahrung. Und diese Erfahrung ist eine Tatsache. Mit vielen Männern und Frauen an meiner Seite, die mich unterstützt oder mir Schaden zugefügt haben, mit zwei Scheidungen und der dritten glücklicherweise bestehenden Ehe ist sie auch recht bunt. Ich bin 18 Mal umgezogen, habe zweimal meine Existenz in einem anderen Land komplett neu aufgebaut. Nachdem ich vor einem durch einen eifersüchtigen Mann ausgewechselten Schloss stand und mit 30 Jahren zu meinen Eltern ziehen musste, nachdem meine Einbürgerung in Deutschland durch den Rachefeldzug eines anderen Mannes aufs Eis gelegt worden war und ich vier Jahre lang staatenlos mit einem Ersatzpapier gelebt habe, nachdem ich mit Hilfe von anderen Männern und Frauen immer wieder auf die Beine gekommen bin – nach all dem was ich selbst erlebt und mit meinen Klienten*innen miterlebt habe, kann ich es mir leisten, idealistisch zu sein. Und zu behaupten: Täterinnen sein können Frauen genauso gut wie Männer. Retter*innen sein können alle Geschlechter gleichermaßen. Wäre es uns bloß möglich, ein psychologisches Experiment zu starten, in dem die Wahrnehmung von der eigenen Genderzugehörigkeit zu Übungszwecken abgeschaltet wäre … Dann würden wir feststellen, dass alle Menschen dieselben Instinkte und Bedürfnisse teilen: Die Gesichter des Feminismus 397 Sicherheit, Autonomie, Zugehörigkeit, Anerkennung, Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Auch die Verteilung der weniger wohlklingenden Attribute wie Machtgier, Intrigen, Neid und Eifersucht, Missgunst und Schadenfreude wären „gleichberechtigt“ verteilt. Warum schaffen wir es denn immer noch nicht, im gegenseitigen Respekt und bei gleicher Wertschätzung, also „Gleich-Wertschätzung“, miteinander zu leben? Weil es noch einen Punkt gibt, der auf allen Ebenen – persönlich wie auf Landesebene – nicht intakt ist und systematisch verletzt wird: Es geht um Grenzen. Grenzen Kein Mensch hat mir als Kind erklärt, welche Rolle eigene Grenzen spielen dürfen und sollen. Das Leben selbst kam um die Ecke und hat es mir beigebracht. Welche Länder könnten es besser als Israel und Deutschland? Vielleicht ist Freiheit für die meisten Menschen der heilige Gral, doch sie ist erst im Erleben der (eigenen) Grenzen erfahrbar. Ähnlich wie eine gesunde freiwillige Gastfreundschaft nicht die Abwesenheit eines Zaunes bedeutet, sondern ein Willkommenheißen mit dem Recht, Herr und Frau in eigenem Raum zu bleiben. Ein Berliner Kollege Stephan Konrad Niederwieser nennt seine Psychotherapie- Praxis „Gesunde Autonomie“ – wie treffend. So wie sich Öl und Wasser nicht homogen mischen lassen, lassen sich nicht alle Meinungen harmonisch vereinen. Und doch ist ein langfristiges Miteinander auf der Basis von gegenseitigem Respekt und Gleich-Wertschätzung möglich. Sicherheit ist das Zauberwort, wie einer meiner Lehrer, Andreas Krüger, es seinen Schülern beibringt. Erst der eigene sichere Raum kann zu einem fruchtbaren Boden für ein gutes Zusammenleben werden – in der Familie, in der Sexualität, im Berufsleben und überall, wo mindestens zwei Menschen aufeinander treffen. Dort, wo echte Gleichberechtigung und Aufrechterhaltung der intakten Grenzen selbstverständlich geworden sind und die Kriegsbeile ruhen dürfen, wo ungebetene Gäste der Tür verwiesen werden dürfen, entsteht ein Raum, in dem ein sinnvoller Dialog möglich ist. Nicht ein Das ganze Land braucht eine Therapie 398 umgeworfener Zaun, sondern ein gleiches Recht für alle, ihre Tore zu öffnen und zu schließen, und zwar dann wenn es sich stimmig anfühlt. Das beinhaltet unweigerlich auch die Möglichkeit eines Konflikts. Andreas Krüger nennt es ein Grundrecht auf ein unkommentiertes Nein. Dieser Impuls kann subjektiv sein und darf gelten unabhängig davon, ob er objektiv „berechtigt“ ist oder nicht. Respekt erzeugt Respekt, und wir sollten am besten schon gestern anfangen, ihn einzu- üben. Solange wir auf der Richtigkeit unserer Position bestehen und den unbequemen Meinungen anderer den Raum verbieten, wird es Aggression und Übergriffe geben – im privaten oder im beruflichen Bereich und ganz genauso auf der politischen Arena. Sich um Frieden zu bemühen, bedeutet keineswegs allen recht zu geben, sondern in erster Linie sich selbst (und dann gegenseitig) das Recht auf Grenzen zugestehen. Eigene Grenzen zu wahren und gegebenenfalls zu verteidigen gehört definitiv dazu. Mein Appell an die Frauen „Wir wollen echte Männer“ – sagen Frauen. Zuverlässig, verantwortungsbewusst, selbstständig und beziehungsfähig. Die, die wir haben … sind es nicht so ganz. Nach wie vor gibt es unter ihnen zu viele Schweine. Irgendwie sind sie alle potenziell verdächtig. Die wenigen Guten sind vergeben. (Wo warst du bloß selbst bei der Vergabe?) Der, den ich will, soll auch erfolgreich sein. Das steht mir zu. Mit weniger gebe ich mich nicht ab. Sie sollen gute Väter sein. Auch für mein Kuckuckskind. Das geht ihn nichts an. Mein Bauch – mein Recht. Er soll es respektieren. So weit, so gut. Doch wann wollen wir selbst anfangen, andere zu respektieren? Was soll ein Mensch, vor allem ein Mann, uns Frauen alles beweisen, damit wir bereit sind, ihm mit Respekt zu begegnen? Wie wäre es, wenn wir Frauen aufhören würden, unseren Töchtern und Söhnen zu sagen „Dein Vater ist ein Idiot“, „Er kommt nie wieder, er ist böse“, nachdem wir selbst dem nun getrennt lebenden Ex den Kontakt verboten haben? Schaffen wir es, als neue Partnerin abwertende Bemerkungen über die Ex unseres Liebsten in Gegenwart seiner Kinder zu vermeiden? Können wir ihnen versichern: „Deine Mama ist Mein Appell an die Frauen 399 eine ganz tolle Frau und sie hat dich bestimmt ganz doll lieb“? Sind wir in der Lage, dem Vater unseres Kindes zu sagen: „Ich wünsche mir, dass unser Kind weiterhin weiß, wer sein Vater ist, und auch wenn ich mit dir nicht mehr zusammen leben möchte, bin ich dir für immer dankbar dafür, dass ich es habe“? Vielleicht wachsen dann unsere Kinder endlich in dem Bewusstsein für gegenseitigen Respekt und Gleich- Wertschätzung auf, anstatt, durch unseren Groll vergiftet, später in den endlosen Machtkampf ziehen zu müssen. Hier höre ich es schon von meinen Freundinnen und meinen Klientinnen: „Das ist nicht dein Ernst!? Endlich haben wir uns aus dem Jahrtausende langen Patriarchat befreit und jetzt sollen wir auch noch den ersten Schritt unseren Peinigern von gestern entgegen machen?!“ – Ich riskiere noch mehr Unmut und sage – ja. Als Kinder hören wir von den Älteren: „Die Stärkeren geben nach. Die Klügeren machen den ersten Schritt“. Weil sie es können. Weil wir heute, nach den berechtigten und überstandenen Kämpfen in Sicherheit sind (auch diese Annahme wurde mir schon als Irrtum und Naivität vorgeworfen) und dazu übergehen können, gemeinsam am neuen Leben zu bauen. Und weil Frauen sich ihrer Macht bewusst geworden sind. Nun könnte ein guter nächster Schritt sein, die Macht als eine konstruktive, tragende Kraft zu begreifen und nicht als Gut, welches es "den Männern“ zu entreißen gilt. Ein Schritt auf den anderen zu ist immer ein Willensakt, eine Vorleistung und ein Risiko: ein Risiko, dass meine Grenzen (wieder) nicht erkannt und nicht respektiert werden und dass meine Gutmütigkeit missbraucht wird. Wohlwollen und Wachsamkeit sich selbst und dem anderen gegenüber können diesen Seiltanz möglich machen. Auch in der Paartherapie erlebe ich den ersten Schritt im Dialog meiner Klienten*innen als eine Kunst, die viele von uns erst lernen dürfen. Eigenen „Monstern“ und Schattenseiten in uns zu begegnen, unsere wahren Beweggründe und die eigene manipulative Kraft zu sehen ist eine hohe Anforderung. Eigenverantwortung auf dem Weg aus dem Opfersein auf sich zu nehmen ist die Königsdisziplin schlechthin. Und wer weiß, was aus diesem neuen Bewusstsein heraus auch im Sinne der Gesellschaft möglich ist? Vielleicht erübrigen sich dann die Männer- und die Frauenbewegung und wir können – jede*r in sich ruhend und neugierig auf den anderen – unabhängig voneinander auf- Das ganze Land braucht eine Therapie 400 einander zugehen. Vielleicht liegt dem demographischen Schwund nicht nur die Bequemlichkeit der Deutschen zugrunde? Sondern er ist auch eine Nebenwirkung der chronisch gewordenen Opfer-Täter-Verstrickung? Und die Geburtsrate würde dann steigen, wenn die Deutschen, ähnlich wie Israelis, das Gefühl haben, am Leben bauen zu wollen und das Leben feiern zu dürfen? Gerade als Frauen können wir hier den Ton angeben. Weil wir dieselben menschlichen Grundbedürfnisse mit den Männern teilen: Sicherheit und Zugehörigkeit, Autonomie, Selbstverwirklichung und Anerkennung. Trauen wir uns doch, Schritt für Schritt unsere Vision vom neuen, gerechten und gleichberechtigten Miteinander Wirklichkeit werden zu lassen: Seite an Seite mit Männern, die so unvollkommen sind wie wir selbst. Das wäre eine neue Wirklichkeit, nach der sich doch so viele sehnen: mit Respekt als Vorleistung, Wohlwollen als Mantra und einer tiefen inneren Sicherheit innerhalb der intakten eigenen Grenzen. Mein Appell an die Männer Es geht nicht darum, dass sich die Männer von der natürlichsten Sache der Welt befreien, aber aus der Abhängigkeit davon. Nach meiner Beobachtung sind viele Männer tief in ihrem Inneren durch und durch darauf fixiert und unbewusst abhängig davon, wie der Sex mit Frauen ausfällt. Wie die Frau ihre Männlichkeit – gerade im sexuellen Sinne – annimmt oder bewertet. Das beeinflusst auch, wie sie in der Öffentlichkeit gesehen werden – bis hin zu ihrem gesellschaftlichen Status. Dieser Druck lastet auf Männern. Mir ist klar, dass dies im Gegensatz dazu steht, wie sich manche Frauen fühlen – ausgebeutet und belästigt, siehe Me-too-Debatte. Aber es ist kein Widerspruch! Beide Geschlechter tappen immer wieder in die Falle des Einander-Brauchens und gehen daraus jedes Mal noch traumatisierter hervor, als sie hineingegangen sind. Kaum jemand sagt heute noch ohne Ironie, dass Männer das starke Geschlecht sind. Zumindest in den therapeutischen Kreisen hat man längst erkannt, dass alle Menschen weibliche und männliche Anteile in sich tragen und gleichermaßen stark und schwach sein können. Mein Appell an die Männer 401 Doch die meisten Menschen übersehen, dass Männer empfindlicher und oft abhängiger sind, als wir das öffentlich wahrnehmen. Sie suchen tief im Inneren die Anerkennung der Frau. Es beginnt mit der Mutter und erstreckt sich später, gefüttert durch die gesellschaftlichen Irrtümer über Sex, auf die Beziehung zu Frauen. Am deutlichsten wird es bei Jungs, die in der Frauenbewegung groß geworden sind und ihre männlichen Qualitäten verneint haben. Sie haben gelernt: Als Mann darf ich nicht Mann sein, weil ich dann Vergewaltiger bin. Und ich muss unbedingt den Frauen gefallen. Es ist eine von Kindesbeinen erzwungene Unterwerfung und keine Basis für ein Gleichgewicht. Da wir einerseits in der zwangsartigen Abspaltung von Aggression und Wut groß werden (böse sein ist eben böse) und andererseits in einer übersexualisierten und doch nicht wirklich in einer Sex bejahenden Kultur leben, wissen die beiden Geschlechter nicht so recht, wie sie mit ihren Rollen in der Sexualität umgehen sollen. So etwas kann auf Dauer nur schief gehen – die „natürlichste Sache der Welt“ wird zu einer Zwickmühle. Ich möchte die Männer ermutigen und darin unterstützen, ihren Wert wiederherzustellen, unabhängig davon, ob sie von einer Frau sexuell anerkannt werden. Jedes Mal wenn ich über ein Flirt-Seminar von Frauen für Männer höre, werde ich wütend. Für mich als Psychotherapeutin wirkt das so, als würde man den Männern sagen: „Ihr sexsüchtigen Idioten, wir zeigen euch, wie ihr bei uns wirklich landen könnt!“ Selbst als Frau finde ich das beleidigend und erniedrigend. Eine Entwürdigung der Männer. Wir brauchen keine Strategien, wie wir jemanden für uns gewinnen, aufs Kreuz legen oder uns unter den Nagel reißen. Verführung kann sehr kreativ und doch frei von Tücke, leidenschaftlich und doch frei von Gewalt sein. Junge Männer sollten zum Beispiel genauso in Verantwortung für Safer Sex und Verhütung erzogen werden wie junge Frauen – dann gäbe es weniger „Unfälle“, weniger Manipulationen und weniger Groll. Tatsache ist, dass Frauen bei einer ungewollten Schwangerschaft eine ganze Reihe anderer Konsequenzen davontragen. Die Folgen von einem „Unfall“ im Bett sind so massiv, dass es im Erleben einer Frau regelrecht ein Verrat ihr gegenüber ist, die Verantwortung darüber nicht zu teilen. Kommt es dennoch zu einer ungewollten Schwangerschaft, fühlt sich die Frau bewusst oder unbewusst im Recht, Das ganze Land braucht eine Therapie 402 sich für den falschen Umgang am Mann zu rächen. Das Ganze wäre viel einfacher, wenn Männer sich als sexuell kraftvolle und in sich ruhende Wesen erleben würden, unabhängig davon, wie oft sie sich überhaupt bei einer Frau sexuell entladen können. Sexualwissenschaftler sprechen immer wieder darüber, dass so etwas wie ein „Trieb“, den es unbedingt so oder so oft zu befriedigen gilt, nur ein weitverbreiteter Irrtum ist! In seinem Werk „Himmel auf Erden & Hölle im Kopf “ erläutert der führende klinische Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers, was Sexualität für uns bedeutet – wertvolle Beobachtungen seiner lebenslangen Forschung und Praxis auf diesem Gebiet, die uns zuteil werden. Wie viel angenehmer wäre das Leben – wie viel mehr Energie und Lebendigkeit würden wir spüren –, wenn wir unsere Beziehungen aus einer entspannten Haltung heraus gestalten würden. Wir würden wissen, dass wir unsere Sexualität, unsere Kreativität und unser Leben miteinander teilen können, aber nicht müssen. Wir würden begreifen, dass unsere Selbstwahrnehmung und unser Status nicht länger davon abhängen, wie unsere Sexualität bewertet wird. Wir brauchen vor allem, dass beide Seiten aus sich heraus glücklich sein können, bevor sie aufeinander zugehen, und nicht den anderen dafür (miss)brauchen. Sonst sind wir nicht frei. Auf die pseudo-feministischen Strömungen mit der fanatischen Argumentation, dass wir keine Männer brauchen, gehe ich erst gar nicht ein – sie ist in meinen Augen purer Schwachsinn. Die Zeit ist reif dafür, dass wir wieder Männer- und Frauenkreise bilden, in denen das Gefühl des gegenseitigen Halts und der Raum für das Weiterreichen des Wissens von den Älteren zu den Jüngeren möglich werden: männliche und weibliche Kreise und keine in ihrem Unterton gegnerische „Bewegungen“. Dann bräuchten wir keinen Kampf um die Gleichberechtigung mehr zu führen, sondern würden es lernen, in Gleich-Wertschätzung und gegenseitigem Respekt – diese fünf Worte sind mein Motto, mein Aushängeschild geworden – aufeinander zuzugehen. Damit das klappt, bemühen wir uns um nicht mehr und nicht weniger als einen Paradigmenwechsel. Es gibt so viel zu tun: Das ganze Land braucht eine Therapie. Aber die Aussichten auf Heilung sind gut. Mein Appell an die Männer 403

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.