Content

Astrid von Friesen, Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 373 - 388

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-373

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen Astrid von Friesen Adam und Eva waren zunächst glückselig: Sie durften ohne Arbeit und Sorgen im Paradies leben. Diese Jahrtausende alte Erzählung prägt uns noch heute, zumal wir diesen paradiesischen Zustand jeweils im Verliebtheitsrausch erneut suchen und erfahren. Und – leider – beibehalten wollen, obwohl auch dieses Paar, nach der berüchtigten Vertreibung aus dem Paradies, der Arbeit und den Schmerzen verpflichtet wurde. Der Paradies-Mythos gilt jedoch als Urbild der unschuldigen Regression, als die Sexualität noch nicht erfunden war. Der griechische Philosoph Sophokles beschreibt im Ödipus-Epos die unheilvolle, weil die Pest evozierende inzestuöse Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Sigmund Freud schildert die unbewussten Sehnsüchte kleiner Kinder, denn Söhne erstreben mit ihren Müttern und Töchter mit ihren Vätern eine symbiotische Nähe, indem sie das jeweils andere Elternteil emotional ausschließen. Doch nur in der verständnisvoll-abgrenzenden Triangulierung475 kann der heranwachsende Mensch wirklich autonom und erwachsen werden. Der Hamburger Paartherapeut Michael Cöllen konstatiert, dass das Paar und nicht das Individuum die Grundform jeder humanen Existenz sei, denn Liebe und Intimität seien weltumspannende Kräfte, die „in ihrer Vielfalt sonst gegensätzliche Pole zusammen führen. Sie zeigen den Weg zur Versöhnung zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Natur, zwischen Völkern und Kulturen – sofern wir lernen, ihren psychologischen Gesetzen zu folgen“ (1997). Diese starken Narrationen haben uns immer beeinflusst, denn die Seelen sind erstaunlich, man könnte auch sagen: penetrant konservativ. 475 „Triangulierung“ bezeichnet das Verhältnis von Vater-Mutter-Kind.. 373 Diese Erzählungen, heute in Gestalt von medial vermittelten Storys, von Hollywood weitergereicht, vermitteln Bilder, was eine Familie traditionell gewesen ist und was sie sein könnte und welche Rollen Väter und Mütter innehaben (über die Entwicklung von Kindern aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen liegen noch zu wenige tiefenpsychologische Erkenntnisse vor). Sie sprechen vom Ursprung unseres Seins und dazu gehören ein Mann und eine Frau, die ein Kind zeugen. Egal, wie regenbogenbunt sich alles entwickelt. Wir sollten nicht vergessen: Ehen wurden – bis zum 2. Weltkrieg – auch in den Industrienationen noch sehr stark von den moralischen und finanziellen Erfordernissen der Eltern, Familien und der (Dorf-) Gemeinschaften geprägt und bestimmt. Kinder von Handwerkern durften nicht ungesühnt jemanden aus der Arbeiterschaft heiraten. Und Scheidungen waren für Frauen aus sozialen, religiösen und existenziellen Gründen quasi unmöglich, weil sie das Herausfallen aus den Familien und den gesellschaftlichen Kontexten bedeutet hätten – vergleichbar mit der Situation heutiger Frauen in Afrika und Asien. Die Explosion der Liberalität fegte dann in kürzester Zeit ungeheuer viele Beschränkungen hinweg: Durch die Entdeckung der Pille in den 1960er Jahren, die den permanenten Partnerwechsel zur Normalität erhob, sowie durch die Akzeptanz von Scheidungen. Erstmalig in der Menschheitsgeschichte leben Menschen seitdem alleine in ihren Wohnungen – mittlerweile fast die Hälfte der Großstadtbevölkerung.476 Auch etablierte sich die absolut neue Form der Ein-Elternteilein-Kind-Familien, meist mit Müttern, also für die kleinen Jungen zumindest im symbolisch-emotionalen Inzest, wenn die Triangulierung mit den Vätern nicht stattfinden konnte oder durfte. Das psychoanalytische Modell der Triangulierung beschreibt die Wichtigkeit des Vaters in allen Lebensphasen, um das Kind vor den mächtigen, auch ängstigenden Ansprüchen der Mütter zu schützen und das Eigene, die Welteroberung und den Mut zur Selbstwirksamkeit zu stärken. Ist er nicht vorhanden, tritt häufig die Angst vor allem Fremden auf, weil dieses als Bedrohung erlebt wird. 476 Vgl. Friesen, Astrid von und Wilke, Gerhard: Generationen-Wechsel: Normalität, Chance oder Konflikt. Für Familien, Therapeuten, Manager und Politiker, Münster 2016, S. 45 ff. Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 374 Die Kehrseite: Die Generationen nach 1945 haben – mit tiefen, unbewussten Ängsten verknüpft – erfahren, dass Liebesbeziehungen zu Ende gehen können, weswegen sie ihre (Einzel-) Kinder derart besessen und okkupierend in den Mittelpunkt ihres Lebens rücken, dass es alle überfordert. Denn für jedes Kind ist es eine schwere Bürde, den Eltern Lebenssinn sein zu müssen, was sie zudem leicht in die Position der Tyrannen bringt, wie Jirina Prekop es bereits 1988 beschrieb. Ebenfalls neu in der Menschheitsgeschichte, abgesehen von wenigen matriarchalen Gesellschaften, ist die heutige Abwesenheit von Vätern. Im ersten und zweiten Weltkrieg waren Millionen deutscher Männer gefallen. Es war die „vaterlose Nachkriegsgeneration, die der traditionellen Familie ideologisch und faktisch den ‚Krieg erklärte‘ und damit wiederum eine Kindergeneration gezeugt hat, von der gro- ße Teile ihre Väter durch den Krieg der Geschlechter verloren haben. Diese vaterverlassenen Kinder stellen die heutige Elterngeneration“ dar, was nunmehr seit vielen Jahrzehnten die Beschleunigung der Scheidungen und Trennungen nach sich zieht (H. Petri, zit. in A.v. F. 2006, S. 77 ff). Deutlich werden die matriarchalen Strukturen in der heutigen Zeit an dem Faktum, dass ca. 40% aller Kinder in Mutter-Familien aufwachsen.477 Die Kinder erfahren die Macht dieses neuen Matriarchats (z.T. in der dritten Generation) von Anbeginn, hören jedoch auch Doppelbotschaften, nämlich in den Erzählungen über die bösen, abwesenden, jedoch gleichermaßen schmerzhaft vermissten Männer sowie über die angeblich ungebrochene Macht aller Männer. Als würden alle Busfahrer oder Lagerarbeiter dazugehören! Auch deswegen verlassen manche Väter ihre Familien, weil sie in der eigenen Kindheit kein inneres Bild erwerben durften, wie wichtig ihre männliche und väterliche Autorität ist. Aber ebenso viele werden von (vaterverlassenen) Frauen aus den Familien herausgedrängt, was deutsche Gerichte und Sozialarbeiter immer noch stützen, da der Mann vielfach als „der Böse“ schlechthin sexistisch verteufelt wird. (In Frankreich und Italien gibt es für Elternentfremdung schlimmstenfalls Gefängnisstrafen. Warum? Weil es Menschenrechtsverletzungen sind und gegen die UNO-Kinderrechtscharta verstößt! Selbst Gefangene haben bei uns ein verbürgtes Recht auf Familienkontakte, viele Kinder 477 Vgl. iDAF 7-9, 2013. Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 375 nicht.) Nur selten wird kritisch darüber reflektiert, dass auch Männer meist von Müttern erzogen werden. Die Frauenbewegung in Westeuropa hat den immer als traumatisch erlittenen Vaterverlust in einer kollektiven Abwehrform in sein Gegenteil verkehrt: Es wurde zu einem Ideal hochstilisiert, dass wir keine Männer und Väter bräuchten und die Mütter die alleinseligmachenden Erziehungsinstanzen wären. Bis hin zur „Bürogamie“, wie Lionel Tiger die neue Lebensform vieler Frauen spöttisch nennt: eine Mutter, ein Kind, ein Bürokrat, sprich das Sozialamt des „Vater Staates“, welches den Lebensunterhalt ermöglicht. In der DDR, wo die Alleinerziehung durch Mütter bereits seit Jahrzehnten gegeben war, wurde sie ergänzt durch den autoritären „Vater Staat“, der als übermächtige Kontrollinstanz in der Sekundärsozialisation in den Kitas, Schulen, in der Armee, den Universitäten sowie an jedem Arbeitsplatz das Leben, die Moral, die Anforderungen des Gewissens beeinflusste. Daraus folgte ein schwaches ICH, ein missbrauchtes ES sowie ein gnadenloses Über-ICH. Wenn dann, z.B. in der Pubertät oder in politisch freieren Zuständen, das drangsalierte ES bzw. „innere Kind“ sich befreit, will es sich nicht selten rächen oder fällt der Idealisierung „alternativer Staatsformen“ anheim, z.B. dem männerdominierten Faschismus oder Kommunismus. Eine andere Variante wäre die Anpassungs-Unterordnung, wenn der Mensch sich nicht traut, sein Leid auszudrücken. Oder er bleibt dem alten autoritären System innerlich aufgrund des übermäßig strengen Über-ICHs treu, verweilt in einer Trotzkindhaltung und bewertet alles Neue und Fremde als unerträglich und verachtungsvoll. Was passiert in der notwendigen entwicklungspsychologisch wichtigen Trotzphase? Das Kind entwickelt einen eigenen Willen zur Macht und stampft mit den Füßen auf oder wirft sich im Supermarkt auf den Boden und schreit nach Eis – mit dem Gefühl „Wenn ich meinen Willen nicht durchsetzen kann, hasse ich euch und fühle mich nicht gesehen und geliebt“. Wenn Eltern diese Wutausbrüche nicht liebevoll, aber konsequent begrenzen, sondern sie durch Verwöhnung oder eigene Aggressionen beantworten und damit bestärken, kann das Kind diese Phase nicht produktiv abschließen, bleibt teilweise darin stecken, es wird also nicht konfliktfähig und frustrationstolerant. Was viele Paarkonflikte täglich lautstark zeigen! Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 376 Die häufig extremen Bürger-, Rosen- und Scheidungs-Kriege nach den Phasen der symbiotischen Verliebtheit auf ‚Wolke sieben‘ entzünden sich – wie bei Trotzkindern – immer häufiger an Kleinigkeiten, wenn die eigenen narzisstischen Bedürfnisse im Jetzt und Sofort nicht erfüllt werden. Diese ausbrechenden Dauer-Konflikte haben meist mit den unglaublichen Idealisierungen im Verliebtheitsrausch zu tun – zumal (amerikanische) Seifenopern bei Frauen zur Sozialisation dazu gehören – und mit der naturgegebenen schmerzenden Ent-Idealisierung nach jedem Verliebtheitstrip. Eine der Folgen: Die meisten Scheidungen werden mittlerweile drei Jahre nach dem letzten/einzigen Kind eingereicht, obwohl doch bereits Adam und Eva aus den paradiesischen Zuständen schmerzhaft vertrieben wurden und lernen mussten, dass das Leben Mühe und Plage ist. Heute können wir hinzufügen: Auch die Beziehungs-Arbeit bedeutet Anstrengungen und Beharrungsvermögen und eine täglich neue, oftmals schmerzhaft anzuerkennende Sicht auf die Realität. Denn „… es ist wie es ist, sagt die Liebe“, so der Dichter Erich Fried. Gerade wir Frauen, die wir die Meinungs-, Kommunikations- und Interpretationshoheit in Sachen Emotionen und Beziehungen errungen haben, übersehen folgendes: Im Verliebtheitszustand ist der Mann herausgetreten aus seiner Männerwelt und begibt sich ins wunderbar weiche, weibliche Exil. Männer verändern sich in der Liebe stärker als Frauen, sie legen ihre Ritterrüstungen ab, pflegen sich plötzlich, beginnen Liebesgedichte zu lesen und mit der Angebeteten Sonnenuntergänge zu genießen. Sie geben sich diesen „weichen“ Aspekten des Lebens hin, die meist in ihrem Männerleben auf der Strecke geblieben sind. Doch irgendwann ruft die Realität nach ihrem Recht, damit er seinem Jahrtausende alten Auftrag des Beschützers und Ernährers nachkommen kann, was die Frau, die seine Realität oftmals negiert, ihm ein (Ehe-) Leben lang zum Vorwurf machen wird. Mädchen/Frauen setzen diese Verführungen, diese süßen Verlockungen in das romantische Terrain gezielt ein, zumal sie immer noch am liebsten „nach oben“ heiraten. Das ist auch daran abzulesen, dass Frauen in Toppositionen genauso selten einen Lebens- und Liebespartner finden wie arbeitslose Männer eine Partnerin (Schwanitz zitiert in Friesen 2006, S. 129 ff). Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 377 Beide übersehen im Verliebtheitsausnahmezustand, dass der/die andere jeweils als Person so ist, wie er/sie schon immer gewesen ist, was die Familie und alle Freunde bezeugen könnten, so man sie in der eigenen Hybris danach befragen würde. Also entsteht urplötzlich und völlig überraschend der klassische Verständigungskonflikt: Der Mann verliert sich wieder in der harten Männerwelt, um seiner Liebsten und den Kindern etwas zu bieten, was seinem männlichen uralten Auftrag nach Schutz, Geborgenheit und Fortkommen der Familie entspricht. Und seine Frau klagt, weil er nicht bei den Gedichten geblieben ist, was ihn wiederum verbittert, da er seinen „Ehevertrags-Anteil“ doch erfüllt. Sie klagt manchmal 20 Jahre lang und wendet sich nicht selten, nach ihrem hervorragend absolvierten Studium, lieber der Homöopathie zu oder brennt mit dem Yogalehrer durch. Diese Mechanismen funktionieren immer noch, auch wenn die Frauen natürlich längst berufstätig sind, doch sich selbst oftmals Jobs gesucht haben, die weniger Geld, Aufstiegs- und Karrierechancen beinhalten, wie die Liste der Lieblingsberufe von Frauen erschreckend deutlich macht (Barbara Bierach, 2002). Hinzu kommt die entsetzlich häufig eingenommene Opferposition, welche den Blick auf die Realität trübt, einengt oder verzerrt und welche das eigene und das Leben der/die anderen unersprießlich bis qualvoll macht. Diese Haltung lässt sich als die Kehrseite von extremer Individualisierung, von Allmachtsphantasien und Narzissmus beschreiben: „Nur das ist gut, was MIR gerade recht kommt. Alles sollte sich nach MIR richten, mir gefallen und zu meiner Bedürfnisbefriedigung gereichen! Und zwar sofort! – Wer mein Spiel nicht mitspielt, ist mein Feind und muss bekämpft werden! Also kann und darf ich mich immer als das Opfer der anderen und der Umstände fühlen!“ Als Ehen in erster Linie noch Zweckgemeinschaften waren, in denen eine strenge Arbeitsteilung Rollenklarheit bedeutete, in denen die Männer bei der gefährlichen Jagd, beim Handwerk, im Bergwerk oder bei schwerster Feldarbeit oftmals früh zu Tode kamen und die Frauen zu Hause das Regime führten und durch zu viele Geburten mit frühem Tod rechnen mussten, ging es um das Überleben der familiären Gemeinschaft. Heute sterben Männer in der Regel sechs Jahre vor ihren Frauen, doch gibt es nur selten Forschungsprogramme dazu. Auch sind 78% aller Prügelopfer männlich sowie 84% aller amerikanischen Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 378 Mordopfer. Auch die „schmutzigsten, gefährlichsten, schwersten und schlechtest beleumundeten Jobs“ werden von Männern erledigt, weswegen 95% der tödlich verlaufenden Arbeitsunfälle von Männern erlitten werden (Gruner, zitiert in Friesen 2006, S. 62). Heute geht es verstärkt um die Gestaltung der individuellen Lebenssituation, der emotionalen Bedürfnisse sowie um die Selbst-Verwirklichung. Also um die verschärft wahrgenommenen Bedürfnisse des ICHs und die deswegen extrem angewachsenen Anforderungen an die Liebespartner/in sowie an die Kinder. Alles reduziert sich auf diese allerkleinste Einheit, alle Bedürfnisse, Befriedigungen, Sehnsüchte sollen von diesen Menschen erfüllt werden. Doch Vater, Mutter, Kind in einer Dreizimmerwohnung ohne nennenswerte und tragende Nachbarschaftskontakte ist eine per se unerträgliche Situation, weil wir nicht als Kleinfamilienmenschen in der Anonymität einer Massengesellschaft gedacht und emotional ausgestattet, vielmehr Gruppenwesen sind, die Gemeinschaften brauchen wie die Luft zum Atmen. Tragende Gemeinschaften bestehen aus Dutzenden von Vorbildern, besonders auch aus großen Kindergruppen, die sich gegenseitig erziehen, beflügeln und beschützen (so der Schweizer Kinderarzt Remo Largo, ZEIT, 2.8.2018). Denn sonst beginnt zu rasch der ewige Kreislauf: Wenn das „innere Kind“, welches ich einmal war und ein Leben lang in mir herumtrage, nicht ausreichend von den wenigen Liebsten nachgenährt wird, erschallt der kindlich-trotzige Wutanfall. Die französische Analytikerin Christine Olivier schreibt, auf die sogenannten „Wunschkinder“ bezogen: „Niemand ist egoistischer und untergründig gewalttätiger als eine Mutter oder ein Vater, die sich durch das Kind verwirklichen und in ihm ihre misslungene oder verlorene Kindheit wiederfinden wollen. Wenn nicht alles so geschieht, wie sie es sich gewünscht, wie sie es erwartet haben, entwickeln sie die Bereitschaft, das Kind zu vernichten, das ihrem Traum nicht entspricht. ‚Du sollst glücklich sein, wenn ich es will, ruhig, wenn ich es will, und leiden, wenn ich leide‘. So spricht das Unbewusste des misshandelnden und enttäuschten Elternteils,“ (Olivier 2000). Sie beschreibt hier zwar die Elternrolle, ich möchte diese kalte Wut jedoch auch auf die Liebespartner beziehen, wenn der eine/die andere nicht als „gute/ideale/vollkommene Eltern“, die ALLES zu geben vermögen, wahrgenommen werden können. Real ist dies sowieso eine Utopie und keineswegs der Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 379 Job, weder für den männlichen noch weiblichen Liebespartner. Doch das Verführerische und zugleich die Crux ist, das diese Liebessehnsuchtserfüllung – leider, leider – in der ersten Verliebtheit erfahren, jedoch danach unsinnigerweise als Dauerzustand in die Zukunft projiziert wird. Denn die Realität auch der Liebe, sie ist nicht so. Wird der Erwachsene, wie zu eigenen Kinderzeiten von den handyverliebten oder alkoholkranken oder narzisstisch gestörten Eltern, erneut in seiner „Inneren-Kind-Sehnsucht“ nach symbiotischer, umfassender Liebe enttäuscht, kann, wie bei dem zweijährigen Trotzkind, eine mörderische Vernichtungswut entstehen. Und diese Vernichtungswut (nicht nur in Beziehungen, auch im Internet, beim Mobbing, in der politischen Diskussion, auf der Straße und unter Nachbarn) wächst unheilvoll. Überall sind enthemmte Trotzkinder zu sehen und laut, kreischend, mit der unflätigen Sprache nicht zivilisierter Kinder zu hören. Und wie das nach Eis im Supermarkt brüllende Kind sich vielleicht anschließend versteckt, um die Eltern in Angst und Schrecken zu versetzen und zu strafen, so handhaben es erwachsene Partner auch miteinander. Da wird die Keule der Liebesentzugsdrohungen immer rascher geschwungen, immer rascher wird fremdgegangen und die Trennung eingereicht. Hinzu kommt ein neues Problem: Es sind die Millionen Suchenden, die in den Partnerbörsen herumirren. Das heißt, wenn es zu Hause mal gerade nicht klappt, gehen viele Menschen erneut auf die Suche nach dem Ideal. Der Soziologe und Philosoph Sven Hillenkamp beschrieb bereits 2009 „Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“, wenn nämlich „aus Freiheit und immer mehr Freiheit Zwang wird“, was er an der nie endenden Partnersuche fest macht. Früher konnte der Mensch eine begrenzte Anzahl von potentiellen Partnern in seinem Dorf, in seinem Umfeld kennenlernen, er entschied sich und lebte in dieser Ehe-Begrenzung. Heute lebt er in allen Lebensbereichen auf der Suche nach dem je Besseren, Schöneren, Gesünderen. Was unseren Anspruch auf Selbst-Verwirklichung und Selbst-Vervollkommnung permanent steigert: als Chance, aber auch als Pflicht. Die Gründe für den Optimierungs-Zwang: Unsere unendlichen Freiheiten in der Konsum- und Medienwelt, eine „Grenzen-, Raum- Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 380 und Zeitlosigkeit“ (Bergmann). Menschen aus modernen Gesellschaften haben die Option, sich überall auf der Welt sowohl virtuell aufzuhalten, als auch real überall zu leben, zu arbeiten, zu lieben – weswegen ihnen Millionen von Partnern zur Auswahl, zur Verfügung stehen. Wer will und kann sich da auf einen einzigen beschränken? Auch wird diese Suchhaltung leicht zur Sucht, wenn selbst während einer festen Beziehung, die nur noch eine „Etappenbeziehung“ mit einer „Etappenseele“ ist, die Suche weiter betrieben wird. So viele stehen zur Auswahl, ergo kann kein Einziger alles erfüllen. Hillenkamp zitiert eine Frau: „Mit dem Einen kannst du toll reden, der andere ist toll im Bett, der Dritte ist zuverlässig. Aber das alles findest du nie in einer Person. Nie!“ Serielle, temporäre, partielle, komplementäre Beziehungen? Jeder neue Partner wird mit den Dutzenden von Verflossenen verglichen: Man wird zum Kenner, zum Gourmet, aber auch depressiv und einsam. Hillenkamp schreibt: So entstehen dreißigjährige Greise, die vom Leben angeekelt genug haben. Denn die grenzenlose Freiheit bot ihnen keinen Widerstand, an dem sie sich hätten lustvoll, kraftvoll und kreativ abarbeiten können, weil man bereits nach dem ersten Date permanent zusammen ins Bett ging. Diese Freiheit ist wie eine Gummizelle: Man darf alles tun, aber es gibt keinen produktiven Widerstand, kein Echo, keine Anbindung. Nur Leere und Ekel. Und „Der Mensch trennt sich nicht mehr NACH, sondern VOR der Liebe“: Speed-Dating, dieses Minuten-Abtasten-Verwerfen ist sein zeitgemä- ßer Ausdruck. Die Selfiesucht entspricht einer Dauererregung im ICH- Modus; d.h., das Paar als Ur-Baustein menschlichen Zusammenlebens wird geleugnet. In diesem Suchvorgang verleibt man sich den Partner nach der Disko oder dem ersten Date durch sofortigen Sex ein und erbricht ihn bei Tageslicht ebenso rasch, ist also ein „Bulemiker der Liebe“, wie der Autor bösartig zutreffend schreibt. Was wiederum den Selbsthass verstärkt. Diese Spirale dreht sich immer rascher, der Zwang nimmt zu. Diese Menschen werden zu „monströsen Kopfmenschen, Augenmenschen und Geschlechtsmenschen … mit Zwangsgrübelei, Zwangsguckerei und Zwangserregung“. Hillenkamp spricht von der „Nichtliebe“, die sich speist aus nie versiegender Hoffnung und Nostalgie, vom Zu-viel-Wissen über Pro- Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 381 jektionen, Elternkonflikte, Scheidungsfolgen, aus Klischees, Filmen und Pornografie. Trotzdem sitzen die Menschen Täuschungen, extremen Erwartungen auf, mit „Verhaltens-, Schönheits-, Sexual-, Erotik-, Interessen-, Wohnorts-, Freundeskreisenttäuschungen …“ in der Folge, und sie sammeln Belege auf ihrer Negativliste gegen den Anderen. Sie werden dadurch zum „Allergiker der Sinne“. Alles nervt sie, alles gerät zur Krise, alles macht Stress und wendet sich zum Selbsthass. Eine Frau beschreibt ihren Trennungsgrund: „Ich hasse Männer, die Hunde halten und weiße T-Shirts tragen“. Die manisch-depressive Störung, das hysterische Auf und Ab wird zum Normalfall. Die Partnersuche wird industrialisiert, beschleunigt, automatisiert, rationalisiert, standardisiert, letztendlich arrangiert: im Internet wie auf Single-Ferienexkursionen und in Erotik-Sex-Swinger-Clubs. So wie Prostitution und Pornografie von der Inszenierung der unbegrenzten Möglichkeiten leben, so leben die privat ins Netz gestellten Fotos ebenfalls von dieser Utopie, dieser Distanzlosigkeit, der Nacktheit, der Infantilisierung des gesamten Lebens. Natürlich mit politischen Folgen, denn das „Private wurde nicht aufgelöst von einem totalitären Staat, sondern von der totalen Freiheit“, so Hillenkamp. Einerseits! Andererseits stehen wir alle unter der minutiösen Beobachtung und Effizienzoptimierung an den Arbeitsplätzen, verbunden mit existentieller Unsicherheit. Auch hier gibt es, wie in Liebesbeziehungen, kein Modell von Beständigkeit, der ‚soziale Klebstoff ‘ fehlt überall. Denn auch hier werden Konflikte durch rasche Trennungen gelöst. Kommen wir nun ganz konkret zu der Frage, wie Frauen und Männer in einer ‚gegenderten‘ Welt friedlich, liebevoll und geborgen zusammenleben können? Oder: Was nehme ich als Paartherapeutin bezogen auf die Verschärfung der Bürger-Kriege wahr? (Ohne auf die speziellen Themen wie weibliche und männliche häusliche bzw. sexualisierte Gewalt einzugehen, denn ich will nur den, sagen wir, normalen, zerstörerischen Wahnsinn der Rosenkriege betrachten.) Frauen beklagen sich zum Beispiel regelmäßig über die Faulheit der Männer. Klar, wird oftmals so sein. Doch wenn ich dreimonatige Protokolle zur „Familienarbeit“ von beiden anfertigen lasse stellt sich meist heraus, dass die Männer mehr „Familienarbeit“ verrichten als die Frauen. Denn wir Frauen zählen keineswegs die 8- bis 10-stündige Erwerbsarbeit plus notwendigem Arbeitsweg hinzu, nicht den Haus- Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 382 bau und die Reparaturen, das Rasenmähen, die Steuerklärung und das allmorgendliche Kinder-zur-Kita-Bringen. Wir zählen meist nur die Arbeit unmittelbar in der Küche und mit den Kindern. Also: Ich fordere die Paare auf, sich diese (schmerzhaften) Fakten anzuschauen! Einige Beispiele: Ein Akademikerpaar, beide entscheiden mit ihrer jeweiligen 50%igen Verantwortung, dass die Frau zunächst bei den Kindern zu Hause bleibt; der Mann arbeitet in einem universitären Institut, die beiden Kinder sind bis 16 Uhr in der Kita und im Hort. Er bringt die Kinder morgens dorthin und versucht, unter Aufbietung aller Kräfte, täglich um 18 Uhr pünktlich zu Hause zu sein, weil 20 Minuten Verspätung ein Ehedrama nach sich zieht. Jedes Mal neu! Obwohl seine Frau aus der eigenen Berufstätigkeit die Macht von Chefs und Chefinnen genau kennt, zeigt sie keine Gnade mit ihm. Als ich vorsichtig frage, wie lange sie zwischen 7 bis 16 Uhr „Familienarbeit“ leistet, wird es bereits brenzlig, und ich habe Sorge, dass sie die Therapie abbricht. Das Protokoll macht jedoch deutlich, dass sie tags- über im Durchschnitt nur drei Stunden für die Gesamtfamilie arbeitet, also bis 16 Uhr 6 Stunden für sich hat, jedoch massiv ihren Mann anklagt, dass er faul sei. Und sich selbst als Opfer fühlt. Oder: Eine 55jährige Frau hat ihren Achtstunden-Job im Familienbetrieb auf zwei Stunden täglich reduziert. Kinder sind nicht vorhanden. Sie lebt hervorragend vom Geld ihres Mannes. Als sie noch voll berufstätig war, liebte sie es, mit dem eigenen Hund täglich mehrfach Gassi zu gehen. Nachdem sie ihre Arbeitszeit reduziert hat, beginnt sie, das Ausführen des eigenen (!) Hundes als Last zu empfinden und ihrem Mann vorzuwerfen, dass er sich nicht daran beteilige. Oder: Eine erwachsene, vernunftbegabte Frau heiratet einen Pastor. Es ist keine Zwangsehe. Noch nach 25jähriger Ehe macht sie ihm Szenen, dass er an Sonntagen sowie an den hohen kirchlichen Feiertagen arbeiten, nämlich predigen müsse! Oder: Ein Handwerker baut eigenhändig in jahrelanger Arbeit ein Haus für seine Familie. Der einzige Raum, der ihm bleibt und nicht von seiner Frau mit – ihm verhassten – Rosenmustern, weiblichem Deko-Firlefanz usw. besetzt und okkupiert wird, ist seine Werkbank in der kalten Garage. Die andere Seite: Manche feministische Frauen hassen sich in der Tiefe ihrer Seele selbst, projizieren diesen Hass unbewusst jedoch auf Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 383 die rasch als ungenügend abgestempelten Männer, die wiederum diesem Ansturm von Argumenten, emotionalen Attacken und Zuschreibungen völlig hilflos gegenüberstehen. Sie beginnen sich selbst so zu betrachten, wie sie beschrieben werden, resignieren, ziehen sich in sich selbst, ins Schweigen und in ihre Männerwelt schützend zurück und triggern damit einen neuen Projektionszyklus. Welche Rollenbeschränkungen gerade hinsichtlich männlicher Rollen wir alle haben, wird an einem Beispiel der Autorin Beate Kricheldorf (1998) deutlich: „Viele ‚typisch weibliche‘ Vorlieben oder Tätigkeiten wirken grotesk, wenn ein Mann sie ausführt. Ein Mann, der staubsaugt oder kocht, wirkt nicht komisch, weil damit notwendige Tätigkeiten verrichtet werden. Man stelle sich aber einen Mann vor, der mit Hingabe das Klofenster mit einer selbstgehäkelten Gardine dekoriert und der liebevoll den Kaffeetisch deckt, um seine Nachbarsmänner zu einem Kaffeeklatsch einzuladen. Diese Männer brechen dann in ein entzücktes ‚Ah und Oh‘ aus, wenn sie bemerken, dass das Geschirr und die Servietten Ton in Ton gehalten sind. Oder man stelle sich einen Hausmann vor, der mit Seidenmalerei oder Puppennähen anfängt oder einen Bastelkurs besucht“. (zitiert in Friesen 2006, S. 100). Immer wieder muss ich als Therapeutin konstatieren: Jede/er ist für seine ENT-Täuschungen selbst verantwortlich, weil diese meist auf einer Täuschung beruhen. Auch staune ich häufig, wie wenig klare Absprachen Beziehungspartner treffen. Denn, wie immer im Leben: „Klarheit gibt Licht und Luft, Saft und Kraft“. Es gibt weder klare Rollenabsprachen, Arbeitsplatzbeschreibungen, Raumaufteilungen und noch nicht einmal Klarheit darüber, was die eigenen Kinder mit 18 Jahren auch wirklich können (waschen, bügeln, putzen, kochen …) sollten und in welchem Alter mit dem Üben begonnen wird. Ein älterer Wissenschaftler erzählte vom Geheimnis seiner 50jährigern glücklichen Ehe: Sie hätten seit Anbeginn klare ‚Arbeitsverträge‘, die sich wandelten, aber jeweils schriftlich festgehalten wurden. Und deswegen plagt sie wenig Stress. Wunderbar! Zumal wir wissen, dass gerade Männer klare, eindeutige, nicht zu komplexe Forderungen oftmals gerne erfüllen. Ich nenne es „klare Regieanweisungen“! Doch diese (verbale) Klarheit müssen Frauen wiederum oftmals erst üben, Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 384 jenseits vom Beleidigtsein, vom undeutlichen Grummeln und der passiv-aggressiven Opferhaltung. Auch muss die Frage gestellt werden, ob Frauen wirklich wollen, dass die Männer die Erziehungsarbeit absolut teilen? Anonyme Befragungen haben nämlich ergeben, dass sie panische Ängste davor haben, die Macht über die Kinder abzugeben.478 Täglich kann man dies bei jungen Eltern beobachten, wenn Frauen keinen innigen, intimen, d.h. alleinigen Kontakt des Vaters mit seinem Baby ertragen können, weil sie alles kontrollieren und bewerten müssen; sie einfach nicht akzeptieren können, dass der Vater anders, nicht schlechter, mit seinem geliebten Kind umgeht. Und wenn sie nach der Scheidung lieber die Seelen ihrer Kinder zutiefst schädigen als Vaterkontakte zu erlauben. Das Parental Alienation Syndrome (PAS), die Elternentfremdung, wurde erst nach harten Kämpfen in den deutschen Katalog der psychischen Kinderkrankheiten aufgenommen! Mein Fazit aus der Sicht einer Paartherapeutin: Jeder hat in jeder Kommunikationssituation 50 Prozent Verantwortung, nicht Schuld, sondern wirkliche Verantwortung. Man könnte auch sagen: nur 50 Prozent! Man stelle es sich wie einen Tenniscourt vor: Dort bin ich auf meiner Platzhälfte ausschließlich für mich verantwortlich, meine Kraft, mein Können, meine Gegenwehr und meine Schläge, also für mein eigenes Glück, mein eigenes Leben. Wie kann ich somit in meinem Bereich von 50%iger Verantwortung in der Beziehung mit den „harten Fakten“ umgehen und dazu mich selbst demokratisch, fair, tolerant und versöhnlich verhalten? Jenseits einer Stilisierung zum Opfer und damit zur ewigen Schwarz-Weiß-Malerei? Glasklar wird bei diesem Bild, dass ich den anderen Spieler/in nicht verändern kann! Das beinhaltet viel Realitätssinn, keine ‚gegenderte‘ Sicht auf das vermeintlich „Böse“ beim Anderen. Extrem wichtig ist zudem, die Ohnmachtserfahrungen jeweils am Arbeitsplatz, durch die mangelhafte Kinderbetreuung beim anderen/der anderen anzuerkennen. Denn jede/r von uns ist abhängig vom Chef, den Umständen, dem Stau oder dem schlechten Wetter. Also weg von den Schuldfragen, die das Primat des eigenen Glücks uns einflüstern, hin zu den konservativen Bedürfnisse unserer Seelen. Und die heißen: Wunsch nach Ge- 478 Vgl. idAF 45 – 2009. Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 385 borgenheit, Verständnis, Zärtlichkeit und emotionaler Heimat. Nur wer die eigene Ohnmacht und die des Partners ansieht, aushält und darüber kommuniziert, ohne zu nörgeln, zu zicken und Schuldzuweisungen abzuspielen, kann gemeinsam fühlen und zusammen produktiv etwas verändern. Dazu gehört auch, die Spirale der 100sten Wiederholungen zu durchbrechen bzw. auf die heilende Seite von Humor und Selbstironie zu wechseln. Männer müssen lernen, die Emotionalität in der weiblichen Argumentation zuzulassen, nicht weiterhin schweigend zu grummeln, und die Frauen sollten das klassische Problemlösungsverhalten der Männer akzeptieren und goutieren. Zu einer „Geschlechterdemokratie“, wie Michael Cöllen sie fordernd beschreibt, gehört in erster Linie eine gut ausgebildete Realitätswahrnehmung der eigenen Grenzen, Beschränkungen, Wünsche und Sehnsüchte. Erst dann ist jede/r in der Lage, die anderen Menschen realistisch und keineswegs verzerrt durch die Brille der eigenen Kinder- Bedürftigkeiten, der Wünsche und Idealisierungen anzuerkennen. Wie ich aufgezeigt habe, wird die Zweisamkeit zunehmend erschwert: durch die geschichtlich bedingten Rollenunklarheiten, durch die vielfache Vater- und Männerlosigkeit und die damit oftmals verknüpfte Kinderüberhöhung in zunehmend matriarchalen Familienstrukturen, durch das narzisstische Verharren in der Trotzkind- oder Opfer-Position im übersteigerten Individualismus, welche die Sucht der Suche nach dem/der idealen Partner/in nach sich zieht. Aber auch durch die Zerstörung von Sicherheiten, tragenden Strukturen sowie Selbstwirksamkeiten an den Arbeitsplätzen. Die Folge ist, dass das Paar, dieser Grundpfeiler unserer Gesellschaft, ins Wanken geraten ist, wir also diese gesellschaftlichen Wirkkräfte auch in der individuellen Paartherapie nicht ignorieren dürfen. Literatur Bergmann, Wolfgang: „Abschied vom Gewissen. Die Seele in der digitalen Welt“, Asendorf 1999 Bierach, Barbara: Das dämliche Geschlecht. Warum es kaum Frauen im Management gibt, Weinheim 2002 Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen 386 Cöllen, Michael: Paartherapie und Paarsynthese. Lernmodell Liebe, Wien 1997 Friesen, Astrid von: Schuld sind immer die anderen. Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer, Hamburg 2006 Friesen, Astrid von: „So haben wir das nicht gewollt! Die Ausgrenzung von Männern“, Süddeutsche Zeitung, 13.3.1999 sowie im Südwest-Rundfunk zweimal gesendet Friesen, Astrid von: „Männerfreie Zonen in Kindergärten und Grundschulen“, Kommentar im Deutschlandradio-Kultur am 3.7.2006 Friesen, Astrid von: „Bürger- Krieg. Verlorene Kinder, entsorgte Eltern“, ein Interview im MUT-Heft Okt. 2007/Heft 482, 42.Jg. mit dem Psychiater und Psychoanalytiker Dr. med. Dieter Katterle Friesen, Astrid von: „Häusliche Gewalt ist auch Gewalt von Frauen gegen Männer und Kinder!“ Kommentar im Deutschlandradio-Kultur am 28.9.2007 Friesen, Astrid von: „Ignoranz, Mitleidlosigkeit, Hass. Über das Auslöschen der Gefühle von Männern“, in P.-H. Gruner und E. Kuhla: „Befreiungsbewegung für Männer“, Psychosozial-Verlag 2009, Giessen Friesen, Astrid von: „Trennungskinder klagen an! Die Geschichte eines 17jährigen Jungen im Bürger-Krieg seiner Eltern“, in Tristan Rosenkranz (Hrsg.): „Kinderherz. Familien zwischen Ausgrenzung und Aufbruch“, Klotz-Verlag, 2010 Friesen, Astrid von: „Vaterlose Gesellschaft“, Kommentar im Deutschlandradio- Kultur am 12.12.2011 Friesen, Astrid von: „Frauen – verletzt und aggressiv“, Kommentar im Deutschlandradio-Kultur am 16.5.2012 Friesen, Astrid von: „Eine stille Revolution der jungen Väter“, Kommentar im Deutschlandradio-Kultur am 10.2.2016 Friesen, Astrid von und Gerhard Wilke: Generationen-Wechsel: Normalität, Chance oder Konflikt. Für Familien, Therapeuten, Manager und Politiker, Münster 2016 Gruner, Paul-Hermann: Frauen und Kinder zuerst, Denkblockade Feminismus, Reinbek 2000 Hillenkamp, Sven: „Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“, 2009 Kricheldorf, Beate: Verantwortung? Nein, Danke! Weibliche Opferhaltung als Strategie und Taktik, Frankfurt 1998 Olivier, Christiane. Das innere Monster zähmen, Freiburg/Breisgau 2000 Petri, Horst: Das Drama der Vaterentbehrung, Freiburg/Breisgau 1999 Tiger, Lionel: Auslaufmodell Mann, Wien 2000 Schwanitz, Dietrich: Männer. Eine Spezies wird besichtigt. Frankfurt/Main 2001 Literatur 387

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.