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Maike Wolf, Wenn Individualisten quotieren: FDP und Frauenquote – Ein Tanz am Abgrund in:

Arne Hoffmann (Ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 367 - 372

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-367

Tectum, Baden-Baden
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Wenn Individualisten quotieren: FDP und Frauenquote – Ein Tanz am Abgrund Maike Wolf Es gibt Dinge, die sieht man bei anderen Parteien, ist sich aber ziemlich sicher, dass sie nie im Leben bei der eigenen Partei thematisiert werden – weil das einfach zu abwegig ist. Und dann kam der Tag – der 16. April 2017. „Die FDP denkt über eine Frauenquote nach“ titeln die Zeitungen. Und seitdem hat sich das „wir denken nach“ verfestigt zu einem „wir wollen“. Endgültig entschieden wird das auf dem kommenden regulären Bundesparteitag im April 2019. Aber die gesamte männliche Führungsriege scheint mit der Idee mehr als stark zu sympathisieren. Die Frauen an der vordersten Front sind hingegen eher reserviert. Trotzdem scheint sich eine Stimmung für eine Quote aufzubauen, sodass zu befürchten ist, dass diese Idee, ein Mal etabliert, langfristig durch die liberalen Hallen spuken wird. Die Freie Demokratische Partei – eine Partei, die sich dem Menschen als Individuum widmet; eine Partei, die einen Schwerpunkt auf die Chancengleichheit (ungleich Ergebnisgleichheit) legt; eine Partei, dessen Ziel es ist, dass sich jeder Mensch so verwirklich kann, wie er es will. Diese Partei hat bisher Menschen eine Heimat geboten, die als Individuen und nicht Teil eines wahllosen Geschlechterkollektivs gesehen werden wollen – das schließt Frauen ein, die unabhängig und eigenständig durchs Leben gehen und Männer, die Frauen auf Augenhöhe und nicht als Teil eines Opferkollektivs begegnen. Mit der Quote schmiegt sich die FDP an alle anderen etablierten Parteien an und kollektiviert die Menschen in Geschlechterkategorien. Mich macht das sehr traurig. Ich habe mich lange und viel in der FDP und ihrer Jugendorganisation engagiert – auch in Zeiten der außerparlamentarischen Opposi- 367 tion. Es hat mir immer Kraft gegeben, dass mich die FDP nicht als kleines Püppchen für die Bilder auf Facebook wahrgenommen hat, sondern als starke junge Frau, die ernst genommen wird und etwas leisten kann. Zukünftig scheint leider die Außendarstellung wichtiger zu sein. Mindestens ein Drittel des Vorstands soll weiblich sein. Lässt sich besser der Presse und den anderen Parteien verkaufen. So sind wir nicht „sexistisch“, sondern auch ganz nett mainstream-kollektivistisch, wie sich das heute eben gehört. Dass die meisten weiblichen Führungskräfte diese Idee ablehnen wird auf abstruseste Weise rationalisiert: Auf ihre Ablehnung der Quote wird erwidert, sie säßen ja in ihrem Elfenbeinturm, seien Teil der Wenigen, die es im bestehenden „System des Patriarchats“ geschafft hätten und wollten den anderen Frauen jetzt den Weg versperren. Als ob es sonst keine individualistisch-liberalen Argumente gegen die Quote gäbe. Diese Denkweise macht mich wütend. Sollten wir, die Champions des Individualismus, nicht den weiblichen Pionieren applaudieren und sie nach bestem Wissen und Gewissen unterstützen? Stattdessen sind sie jetzt die Feinde des Fortschritts, die bearbeitet werden müssen, bis sie nachgeben. Und so entfremdet sich die FDP von ihren selbstständigen, unabhängigen, emanzipierten weiblichen Wählern. Sollte die FDP endgültig einknicken, verliert die kleinste Minderheit ihren letzten und einzigen Advokaten in Deutschland: Das Individuum wird Freiwild der kollektivistischen Politik. Konkret wäre das erste Opfer dieser neuen Politik die Vorstandsarbeit auf allen Ebenen. Momentan gibt es für jedes Mitglied der verschiedenen Ebenen die Möglichkeit, sich dafür zu entscheiden, auf einen Posten zu kandidieren. Das beinhaltet, Wahlkampf für sich zu machen und den anderen Parteimitgliedern im Vorfeld der Wahl zu erklären, warum man die beste Person für diesen speziellen Posten ist. Anschließend muss man sich am Tag der Wahl mit einer ausgefeilten Rede ans Pult stellen, um auch noch die letzten unsicheren Wähler zu überzeugen. Dieser Prozess ist kein leichter, weder für Männer, noch für Frauen. Man muss sich bewusst dafür entscheiden, im Vorfeld der Wahl die meisten Abende der Woche für den Wahlkampf „zu opfern“, jeden Stammtisch Wenn Individualisten quotieren: FDP und Frauenquote – Ein Tanz am Abgrund 368 der Nachbarschaft zu besuchen, auch noch um Mitternacht mit unsicheren Wählern zu telefonieren und sich für die Sache energisch einzusetzen. Darunter leiden andere Teile des Lebens. Man wird, gerade in der heißen Wahlkampfphase, in den letzten paar Tagen und Wochen vor der Wahl, mit weitaus weniger Schlaf als gewohnt auskommen müssen. Das Privatleben, die engeren Freunde und sogar die Familie müssen zurückstecken können. Das kann so weit gehen, dass der Wahlkampf negative Konsequenzen mit sich bringt, da schwierige Priorisierungsentscheidungen getroffen werden müssen. Und bei alledem ist noch nicht einmal klar, ob es sich rentiert und man auch wirklich die Wahl gewinnt. Nicht jeder ist für eine derartige Wahlkampfphase gemacht und es hat auch nicht jeder Lust auf eine solche Zeit. Das ist in Ordnung. Es gibt einen fairen Wettbewerb, dem man sich stellen kann, aber nicht muss, und in dessen Verlauf man etwas gewinnen kann, aber es keine Garantien gibt. Zumindest momentan. Nun stellen wir uns die Situation mit Frauenquote vor. Vielleicht in einem der vielen Kreisverbände, in denen eine Mitgliedschaft im Kreisvorstand auch eine gewisse Chance auf ein Mandat für das lokale Rathaus mit sich bringt. Hier gibt es weitaus weniger Frauen als Männer, die sich engagieren – auch unterdurchschnittlich im Vergleich mit dem Anteil der weiblichen Mitglieder in der Gesamtpartei. Diese Vorstände sind weitestgehend männlich und die Wahlkämpfe, die hier geführt werden, sind entsprechend meist zwischen zwei Männern. Wahlkämpfe, in denen man versucht, den Kreisverband von der eigenen Person zu überzeugen. Möge der Bessere gewinnen. Nun muss aber genau dieser Kreisverband auf einmal ein Drittel Frauen im Vorstand haben, wobei zuvor maximal eine der z.B. 12 Personen weiblich ist. Bei den 11 männlichen Mitgliedern und dem einen weiblichen Mitglied des Vorstands, die allesamt fähig sind und sich ihren Posten verdient haben, müssen nun qua Satzung drei Männer durch drei Frauen ausgetauscht werden: Qualifikation irrelevant. Realistisch sieht das so aus: Vielleicht hat man noch eine Frau, die recht aktiv ist, aber eigentlich keine Lust auf einen Posten hat. „Wenn’s denn unbedingt sein muss“, lässt sie sich überreden. Unsere Kandidatin Nummer 1. Wenn Individualisten quotieren: FDP und Frauenquote – Ein Tanz am Abgrund 369 Des Weiteren hat einer der Männer, die Mitglieder des Vorstands sind, eine Frau, die noch kein Parteimitglied ist und zumindest ab und zu mal zur Sitzung mitkommen könnte. Unsere Kandidatin Nummer 2. Außerdem gibt es noch die eine, die es eigentlich sogar schon mal versucht hatte, aber gegen ein derzeitiges, männliches Mitglied des Vorstands in einem fairen Wettbewerb verloren hatte. Unsere Kandidatin Nummer 3. Dagegen stehen drei Männer, die im Vorstand sein wollen und es sich schon erarbeitet sowie erkämpft haben – in einem fairen Wettbewerb. Diese Männer müssen jetzt mehr oder weniger freiwillig ihren Posten räumen. Für die neue „Gleichberechtigung“, die neue „Chancengerechtigkeit“, das Drittel Frauen. Irgendwie schafft man es, dass sich drei Männer finden, die mehr oder weniger freiwillig nicht mehr antreten, sodass es keine Kampfkandidatur gegen die Frauen gibt (und die Vorstandsbemühungen, das Drittel Frauen zu erreichen, nicht noch durch Wählerpräferenzen der Verbandsmitglieder auf dem Parteitag zerstört werden können), die man doch gerade erst mit Müh und Not zusammengekratzt hat. Kandidatin Nummer 1 findet Spaß an der ganzen Sache, arbeitet sich noch tiefer in die Materie rein, macht einen fantastischen Wahlkampf und schließt diesen mit einer gut erarbeiteten Rede auf dem Parteitag ab. Vielleicht wäre sie sonst nicht auf die Idee gekommen zu kandidieren, sie ist eine Bereicherung für den Vorstand. Kandidatin Nummer 2 sieht man nicht oder nur als Begleitung des Mannes im Vorfeld des Wahlkampfs. Man kennt sie eher indirekt und wählt sie halt, weil sie doch die Frau des einen Mannes ist. Sie kommt immer mal wieder mit, die Teilnahmebegeisterung nimmt aber zu Ende der Periode hin immer weiter ab – „man hat ja auch anderes zu tun“. Bei wichtigen Abstimmungen tritt sie natürlich auf, wählt aber immer nur wie ihr Mann und bringt sich sonst nicht inhaltlich ein. Schön für den Mann: er hat doppeltes Stimmgewicht. Kandidatin 2 versucht ein bisschen zu helfen, aber gleicht vom Arbeitsaufwand und der Kenntnis leider nicht den Mann aus, der gehen musste, damit sie kommen konnte. Der Vorstand muss sich umorganisieren und Arbeit umlagern. Kandidatin Nummer 3 hat keine Lust auf den Wahlkampf. Die wollten sie doch schon bei ihrer ersten Kandidatur alle nur deswegen Wenn Individualisten quotieren: FDP und Frauenquote – Ein Tanz am Abgrund 370 nicht, weil sie eine Frau ist und alle anderen Sexisten sind. Sie liefert auch keine richtige Rede ab. Sie wird ja eh gewählt – weil sie gewählt werden muss. Es gibt keine Alternative und die Satzung schreibt es vor: „Ein Drittel muss sein“. Bei der Vorstandsarbeit blockiert sie mehr, als dass sie helfen würde. Sie will ihre Macht im Vorstand demonstrieren und ist nur sauer, dass sie nicht gleich das erste Mal reingewählt wurde. Für den Kreisvorstand erschwert sie die Arbeit maßgeblich. Natürlich kann eine Frauenquote dazu führen, dass sich „Frauen auch trauen, mal zu kandidieren“ wie bei Kandidatin Nummer 1. Der Weg hierhin hätte aber auch ein anderer sein können; man hätte sie ansprechen und aktiv ermutigen können, zu kandidieren. Sie ist eine starke Kandidatin und hätte sich auch im Wettbewerb durchsetzen können. Diese Entwicklung hat nichts damit zu tun, dass die Beispielkandidaten Frauen sind, sondern damit, dass die Vorstandsmitglieder aus zwei verschiedenen Kandidatenpools gezogen werden: ein hart umkämpfter und einer, der erst künstlich mit Leuten gefüllt werden muss. Dadurch müssen die Kandidaten über unterschiedlich hohe Hürden springen und werden deswegen nicht im gleichen Maße Vorschläge durchsetzen und Meinungen repräsentieren können. Es wird im Vorstand nicht auf Augenhöhe gearbeitet; die gewünschte Vorstandsdynamik ist gestört. So muss es nicht notwendigerweise ablaufen, aber realistischerweise gibt es neben Vorzeigekandidatin Nummer 1 auch unsere Kandidatinnen Nummer 2 und Nummer 3 mit den genannten Konsequenzen. Wenn die FDP als liberale Partei weiterhin als Bollwerk gegen die ewige Gruppeneinteilung der Menschen stehen soll, dann kann sie sich nicht diesen Quotenträumen hingeben. Der leichte Weg ist nicht immer der richtige. Manchmal müssen wir uns entscheiden – zwischen dem Weg der richtig ist und dem, der bequem ist. Männern Steine in den Weg zu legen ist bequem, Frauen Steine aus dem Weg zu räumen ist richtig. Wenn Individualisten quotieren: FDP und Frauenquote – Ein Tanz am Abgrund 371

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.