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Christina Hoff Sommers, Würde, Fairness und persönliche Freiheit für alle in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 361 - 366

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-361

Tectum, Baden-Baden
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Würde, Fairness und persönliche Freiheit für alle Christina Hoff Sommers Die Frage „Sind Sie ein Feminist/eine Feministin?“ beantworten die meisten Amerikaner mit „Nein“. Eine aktuelle Umfrage, die YouGov für die Huffington Post durchführte, ist typisch: Nur 23 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer identifizierten sich als „feministisch“. So fähige und zugleich unterschiedliche Frauen wie Taylor Swift, Sandra Day O’Connor, Marissa Mayer und Beyoncé lehnen diese Bezeichnung ab. Die Emanzipation der Frauen ist eine der Sternstunden der westlichen Zivilisation und einer der Meilensteine in der Geschichte der Freiheit. Warum hat dann der Begriff, der dieses Erbe bezeichnet, einen derart schlechten Ruf? Einige werden sagen, dass diese Bewegung deshalb auf dem Rückzug ist, weil sie ihre wesentlichen Ziele erreicht hat. Warum sollte man sie also nicht von der Bühne verabschieden? Das ist eine verständliche, aber falsche Schlussfolgerung. Obwohl die großen Kämpfe um Gleichberechtigung und Chancengleichheit in den Vereinigten Staaten geführt und weitgehend gewonnen wurden, bleibt das Werk des Feminismus unvollendet. Weltweit kämpfen junge Frauengruppen angesichts echter und oft gewalttätiger Unterdrückung ums Überleben. Bei uns im Westen enthält die Populärkultur starke Elemente von Frauenfeindlichkeit. Frauen haben weit mehr als Männer mit der Herausforderung zu kämpfen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Trotz der immensen Fortschritte von Frauen sind die Armutsregister überproportional gefüllt mit Frauen mit Kindern. Wer braucht den Feminismus? Wir brauchen ihn. Die Welt braucht ihn. Aber eine wirksame Frauenbewegung muss von ihrem derzeitigen Außenseiterstatus befreit werden. Jeder, der daran interessiert ist, die Situation von Frauen auf der ganzen Welt zu verbessern, sollte daran arbeiten, eine Frauenbewegung zu schaffen, die bei Frauen 361 Anklang findet. Ein realitätsnaher, Männer respektierender, vernunftgeleiteter Feminismus könnte für Frauen sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in der ganzen Welt sehr hilfreich sein. Ich bezeichne dies als „Freiheitsfeminismus“. Freiheitsfeminismus steht für die moralische, soziale und rechtliche Gleichheit der Geschlechter – und die Freiheit der Frauen, ihren gleichberechtigten Status zu nutzen, um auf ihre jeweils eigene Weise nach Glück zu streben. Der Freiheitsfeminismus befindet sich nicht im Krieg gegen die Weiblichkeit oder Männlichkeit, und er betrachtet Männer und Frauen nicht als verfeindete Stämme. Theorien einer universellen patriarchalen Unterdrückung stehen nicht auf seinen Gründungstafeln. Es gibt auch keine Gesinnungsprüfungen für seine Anhänger. Er heißt Frauen und Männer aus dem gesamten politischen Spektrum willkommen. Vereinfacht ausgedrückt, bejaht der Freiheitsfeminismus für Frauen, was er für alle Menschen bejaht: Würde, Fairness und persönliche Freiheit. Ich entwickelte diese gemäßigte Alternative, indem ich die Geschichte der Frauenbewegung studierte. Seit ihrem Beginn im 18. Jahrhundert haben die Reformerinnen unterschiedliche Positionen zum Thema Geschlechterrollen eingenommen. „Egalitär-orientierte“ betonten eine wesentliche Gleichheit der Geschlechter und versuchten, Frauen von konventionellen Rollen zu befreien. Im Gegensatz dazu hatten wendeten sich „mutterschaftsorientierte Feministinnen“ nicht gegen Geschlechterrollen. Sie betonten die Beiträge der Frauen als Ehefrauen und Mütter. Gleichzeitig suchten sie nach Möglichkeiten, Frauen mehr Respekt und Einfluss im öffentlichen Raum sowie mehr Schutz vor Missbrauch und Ausbeutung zu Hause zu verschaffen. Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony, Suffragetten aus dem 19. Jahrhundert, waren egalitär-orientiert; ihre Rivalin und unverzichtbare Verbündete im Kampf für das Wahlrecht war Frances Willard, Führungsfigur in der Abstinenzbewegung und überzeugte mutterschafts-orientierte Feministin. Eleanor Roosevelt war ebenfalls lebenslang eine Mutterschafts-Feministin, die Männer und Frauen als gleichwertig, aber grundsätzlich verschieden betrachtete. Sie bezeichnete das häusliche Leben als den „vorrangigen Aufgabenbereich“ der Frauen, aber als man sie fragte, ob der Platz einer Frau im Haus sei, Würde, Fairness und persönliche Freiheit für alle 362 antwortete sie: „Das ist er sicherlich, aber wenn sie sich wirklich um ihr Haus kümmert, wird diese Fürsorge sie weit hinaus führen“. Die Geschichte deutet darauf hin, dass Frauen am besten fahren, wenn die beiden Strömungen – progressiv und konservativ – zusammenarbeiten. Wie aber sieht es heute aus? In den Augen vieler hat sich die gegenwärtige Frauenbewegung zu einer engstirnigen, in einseitiger Weise links orientierten Interessengruppe entwickelt. Die Mehrheit der Frauen wurde dabei zurückgelassen. Der Freiheitsfeminismus verbindet Aspekte sowohl der egalitärorientierten als auch der mutterschafts-orientierten Tradition. Mit dem egalitären Feminismus teilt er dessen Abneigung gegen vorgeschriebene Geschlechterrollen: Frauen sollten frei sein, sich von den weiblichen Stereotypen zu lösen, wenn sie das möchten. Gleichzeitig respektiert er die Entscheidungen freier und selbstbestimmter Frauen, wenn sie sich für herkömmliche weibliche Rollen entscheiden. Der Freiheitsfeminismus steht für Chancengleichheit, besteht aber nicht auf der Gleichheit der Ergebnisse. In einer 2013 durchgeführten Umfrage zum Thema moderne Elternschaft hat das Pew Research Center Mütter und Väter gebeten, ihre „ideale“ Arbeitsaufteilung zu beschreiben. Einundsechzig Prozent der Mütter gaben an, dass sie es vorziehen würden, Teilzeit zu arbeiten – oder gar nicht. Väter antworteten anders: 75 Prozent bevorzugten Vollzeitarbeit. Ähnliche Ergebnisse erzielte Catherine Hakim, Soziologin an der London School of Economics, als sie die Vorlieben von Frauen und Männern in Westeuropa erforschte. Nach Ansicht vieler in der zeitgenössischen Frauenlobby sind diese konventionellen Entscheidungen ein Beweis für fest verwurzelten Sexismus und verinnerlichte Unterdrückung. „Die persönlichen Entscheidungen von Frauen stecken voller Ungerechtigkeiten“, befand die American Association of University Women. Die National Organisation for Women verweist auf „hartnäckige Stereotypen“ und „unzählige Formen des Sexismus“, die Frauen zu bestimmten beruflichen Laufbahnen und Familienrollen hinsteuerten. Aber amerikanische Frauen gehören zu den am stärksten selbstbestimmten Frauen in der Geschichte. Warum sollte man ihre Entscheidungen nicht respektieren? Man könnte die gleiche Frage stellen, was die berufliche Laufbahn angeht, die Männer und Frauen verfolgen. Auch nach 40 Jahren femi- Würde, Fairness und persönliche Freiheit für alle 363 nistischer Bewusstseinsbildung treten Frauen mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit in Bereiche wie Unterricht, Kinderbetreuung, Soziale Arbeit, Krankenpflege und Kinderheilkunde ein. Männer sind viel eher als Ingenieure, Automechaniker, Metallurgen und Bauarbeiter tätig. Sind diese Trends das Ergebnis von geschlechtsbezogener Diskriminierung, feindseliger Umgebung oder von unsichtbaren Hindernissen – wie Gender-Aktivisten nicht müde werden zu behaupten? Das könnte sein. Aber könnte es nicht auch sein, dass Männer und Frauen im Streben nach Glück zum Teil unterschiedliche Wege gehen? Der Freiheitsfeminismus respektiert solche sich hartnäckig haltenden menschlichen Bestrebungen. Frauen sind vielfältig. Trotz jahrzehntelanger Warnungen und Denunziationen, die auf traditionelle Geschlechterrollen abzielen, bleibt das häusliche Leben für Millionen von Frauen eine wesentliche Priorität. Und auch noch so viele Überredungsversuche haben Frauen nicht von Berufen im Pflege- und Sozialbereich abgehalten. Obwohl sich die britische Komödiantin Caitlin Moran als „streitbare Feministin“ bezeichnet, bringen viele Passagen in ihrem lustigen Buch „How to be a Woman“ den Geist des Freiheitsfeminismus zum Ausdruck. „Was ist Feminismus?“ fragt sie. „Einfach der Glaube, dass Frauen so frei sein sollten wie Männer, wie verrückt, dümmlich, verblendet, schlecht gekleidet, fett, faul und selbstgefällig sie auch sein mögen.“ Wie würde sich die Frauenbewegung verändern, wenn der Freiheitsfeminismus ihre Leitphilosophie wäre? Erstens würden durchschnittliche Unterschiede bei Löhnen, der politischen Führung und in Berufen nicht automatisch als Beweis für Diskriminierung betrachtet. Freiheitsfeministinnen akzeptieren, dass es harmlose Erklärungen für solche Abweichungen geben kann. Stattdessen würden sie sich auf wirkliche Ungerechtigkeit konzentrieren. Zweitens würde die Frauenlobby den Mut aufbringen, eine wesentliche Ursache der Armut in Amerika anzugehen: fehlende Väter. Freiheitsfeministinnen können sich ihren fortschrittlicheren Schwestern anschließen und Initiativen zur Hilfe für arme alleinerziehende Mütter unterstützen, aber der Schwerpunkt würde auf der Bekämpfung einer männerfeindlichen Bildungs- und Sozialpolitik liegen, die dazu beigetragen hat, eine dysfunktionale Kultur der Vaterlosigkeit zu schaffen. Würde, Fairness und persönliche Freiheit für alle 364 Drittens würde sich der geografische Schwerpunkt von den Vereinigten Staaten mehr auf die Entwicklungsländer verlagern. In ganz Asien, Afrika und dem Nahen Osten gibt es zeitgenössische Elizabeth Cady Stantons und Frances Willards, die tapfer für die Verbesserung des Lebens von Frauen kämpfen. Sie fragen nach unserer Unterstützung. Die Geschichte deutet darauf hin, dass eine Koalition von konservativen und fortschrittlichen Frauen eine starke Kraft für den Wandel bilden könnte. Indem der der Freiheitsfeminismus Frauen aus dem gesamten ideologischen Spektrum willkommen heißt, würde er eine solche beeindruckende Koalition aufbauen. Mein Rat an die jungen Frauen von heute: Reformiert den Feminismus. Gebt gemäßigten und konservativen Frauen eine Stimme. Und macht vor allem gemeinsame Sache mit Frauen auf der ganzen Welt, die für ihre grundlegenden Freiheiten kämpfen. Die Unterstützung wirklich unterdrückter Frauen würde dem heutigen westlichen Feminismus etwas geben, was ihm seit vielen Jahren fehlt: einen zeitgenössischen Zweck, der seiner glanzvollen Vergangenheit würdig ist. Würde, Fairness und persönliche Freiheit für alle 365

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.