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Eilert Bartels, Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden in:

Arne Hoffmann (Ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 343 - 360

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-343

Tectum, Baden-Baden
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Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden Eilert Bartels Meinen ersten Mentor hatte ich mit neun. Pater Schuh war Jesuit und Pfarrer der Gemeinde St. Peter in Köln. Mit seinen großen Segelohren, einer dicken Hornbrille und einer riesigen Unterlippe, die immer ein wenig hing, hatte er dennoch weiche Gesichtszüge und strahlte einfach menschliche Wärme aus. Seine Predigten waren so voller Güte und Liebe zu den Menschen, dass die Sonntagsmessen weit über den Kreis der eigenen Gemeinde hinaus bestens besucht waren und sogar aufgezeichnet wurden. Bei ihm hatte ich Unterricht, und schließlich auch im Jahr 1976 die Kommunionsfeier. Zur Institution Kirche habe ich heute ein überaus gespaltenes Verhältnis. Aber aus den kindgerecht gewählten Worten, die Pater Schuh während dieser Kommunionsfeier sprach, sind mir zwei Dinge bis heute in Erinnerung geblieben. Dank einer aufbewahrten Abschrift dieser Messe kann ich seine Aussagen hier im Wortlaut zitieren. Die erste lautet: „Man glaubt gar nicht, was Worte machen können. Wenn einer zum Beispiel einem kleinen Kind sagt: ‚Du hast ja Sommersprossen, du bist gar nicht schön!‘, dann wird das Kind bestimmt nicht schön. Wenn einem Kind gesagt wird: ‚Du lernst auch nie rechnen! Du bist zu dumm!‘, dann lernt es bestimmt niemals rechnen. Dann macht es seinen Verstand einfach zu. Worte können alles schön machen und alles verderben. Ein berühmter Kinderarzt hat mit jedem Kind, das zu ihm kam, auch alleine gesprochen und hat jedes Kind gefragt: ‚Bist du auch ein liebes Kind?‘ Und dann strahlte es: ‚Ja, das bin ich. Ich bin ein liebes Kind!‘ Eigentlich heißt das: Ich bin ein geliebtes Kind, aber die Kinder sagen: Ich bin ein liebes Kind. Nun war ein Kind dabei, ein Junge, der sagte: ‚Nein, ich bin böse, ich bin ein ganz böser Heinrich!‘ Der Arzt sagte: ‚Das stimmt doch gar nicht! Wenn ich Dich so sehe, du bist doch ein so lieber Junge!‘ Es war nichts zu machen: ‚Nein, ich bin ein böses Kind!‘ Wer hat diesem Kind ein solches Wort immer wieder ge- 343 sagt? Das Kind ist für sein ganzes Leben unglücklich gemacht. – So sind Worte.“ Die zweite Aussage klingt für einen katholischen Pater geradezu rebellisch: „Du magst leben, wie du willst: fromm oder nicht fromm, moralisch oder unmoralisch, du magst beten oder nicht beten, in die Kirche gehen oder nicht in die Kirche gehen – du bist von Gott geliebt. Dieser Satz ist der Kern des Evangeliums. Haben wir keine Angst, dass die Moral kaputt geht. Die Moral besteht bloß darin, dass ich mich von Gott lieben lasse – und dann kann ich auch meinen Mitmenschen lieben. Das nimmt auch die Angst von mir, dass ich immer und immer wieder Leistungen vollbringen muss, um dem strengen Richter Genüge zu tun, einem strengen Beobachter, der auf mich schaut. Denken wir an das schreckliche Bild in der Sixtinischen Kapelle, von aller Welt bestaunt, auf dem Jesus als Athlet dargestellt ist, der die Hälfte der Menschheit von sich schleudert. Wenn ich solch einen Blick auf mir ruhen habe, kann ich nicht gut sein. Darum sagt Jesus: Habt keine Angst! Nur ein Herz, das frei schlägt und einer einfallsreichen, liebevollen Regung fähig ist, kann gut sein! Nur so sind wir imstande, froh und frei Gutes zu sehen, Gutes zu wollen, Gutes zu wünschen. Das ist die ganze Moral. Das ist die Botschaft Jesu. Er hat gesagt: Du bist mein Bruder, du bist meine Schwester, komm, ich kehre bei dir ein und halte mit dir Mahl.“ Ich habe mich von der Institution Kirche im Laufe meines Lebens zunehmend distanziert. Zuviel gibt es, was dort falsch läuft. Wie überall, wo Menschen Macht ausüben, gibt es – unabhängig vom Geschlecht – Gelegenheit, diese Macht zu missbrauchen. Aber die Botschaft „Egal, wer du bist und was du tust: Du bist geliebt“ hat mich in meinem Leben ebenso getragen wie die Erkenntnis über die Macht der Worte. Der Grund, warum ich von dieser Einsicht erzähle ist, dass sie zwei Kernaussagen enthält, die für die Ziele jeder Bewegung, die sich für Gleichstellung einsetzt, zentral relevant sind: 1.) Erst wir selbst sind es, die Menschen mit unseren Worten unterscheiden: Schön oder hässlich, klug oder dumm, gut oder böse, Opfer oder Täter, Frau oder Mann. Und mit diesen Unterscheidungen erschaffen wir Realitäten, geben wir Bilder vor, an denen sich Menschen orientieren. Das funktioniert in der Biografie eines Menschen ebenso wie in der Entwicklung einer Gesellschaft. 2.) Alle Menschen sind gleich. Wir sind gleich. Wir sind schön und hässlich, klug und dumm, gut und böse, Opfer und Täter, Frau und Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 344 Mann. Wir müssen nicht erst dahin gebracht werden, gleich zu sein. Es reicht, wenn wir uns in unserer Ganzheit sehen und „Ja“ zu uns selbst wie zu anderen sagen. Menschen kategorisch zu unterscheiden ist zutiefst patriarchal und hat eine Tradition, deren tiefste Wurzeln bis zur Sesshaftwerdung reichen. Mit Ackerbau und Viehzucht begannen Menschen erstmals in der Weltgeschichte, Lebewesen nach Geschlecht zu trennen und aktiv in die Sexualität anderer Lebewesen einzugreifen. Weibliche Tiere wurden in großen Gruppen bei individueller Bedeutungslosigkeit in relativer Sicherheit gehalten, um aus ihren Körpern Ertrag zu erwirtschaften: Nachwuchs, Milch, Wolle. Männliche Tiere wurden geschlachtet oder kastriert und als Arbeitsvieh verheizt. Nur wenige männliche Tiere mit vielversprechenden Zuchteigenschaften wurden für die Fortpflanzung ausgewählt und erlangten so individuell höhere Bedeutsamkeit und Sicherheit.462 Die Sexualität der Tiere wurde instrumentalisiert für Zwecke, die mit den Bedürfnissen der Tiere nichts mehr zu tun hatte. Die hier zugrunde liegende Struktur finden wir bis heute auch in unseren patriarchalen Gesellschaften. Über Sklavenhaltung, Lehnsherrschaft bis hin zur modernen Ausbeutung des Menschen für eine Handvoll Konzerne hat sich ein System verfeinert, in dem einige wenige Menschen in Machtpositionen davon profitieren, Menschenhaltung zu betreiben. Weibliche Menschen werden dabei immer noch auf ihren Körper reduziert, welcher kommerzialisiert wird; männliche Menschen werden immer noch in der Industrie und auf den Schlachtfeldern verheizt und so auf ihre Leistung reduziert. Der Wille weiblicher Menschen interessiert dabei ebenso wenig wie die Emotionen männlicher Menschen. Kurz: Das Patriarchat ist ein System, das davon profitiert und daran wächst, Menschen ihrer Ganzheitlichkeit zu berauben, indem es sie nach Geschlechtern spaltet und beiderseits Individuen daran hindert, ihr ganzheitliches Potential zu leben. Das schafft künst- 462 Vgl. Vonier, Hannelore: Der Beginn von Akkumulation und Geschlechtertrennung vor 6000 Jahren. Online ohne Datum unter http://rette-sich-wer-kann.com/ patriarchat/entstehung-patriarchat-akkumulation-geschlechtertrennung-vor -6000-jahren. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 345 liche Abhängigkeiten, erhöht die individuelle Bedürftigkeit und somit die Bereitschaft, sich profitabel ausbeuten zu lassen. Das Installieren eines scheinbaren Machtgefälles zwischen den Geschlechtern hat dieses System über Jahrtausende aufrechterhalten. Vermeintliche Macht auf Männerseite gegen vermeintliche Sicherheit auf Frauenseite – das waren lange Zeit die Verheißungen und somit die Gewichte, die das Patriarchat in der Balance gehalten hat. Wirklich profitiert haben jedoch stets nur kleine mächtige Gruppen davon, gro- ße Menschenmengen in dieser Art der Menschenhaltung zu lenken. So, wie es einst relativ wenige Menschen waren, die davon profitierten, in der Viehzucht große Mengen an Tierindividuen als Masse zu lenken und zu manipulieren. Wir haben es der ersten und zweiten Welle des Feminismus zu verdanken, dass wir begonnen haben, Schicht um Schicht die Mauern dieser Art Menschenhaltung abzutragen. Ging es in der ersten Welle der Frauenbewegung an der Schwelle zum 20. Jahrhundert darum, allen Menschen unabhängig von Rasse und Geschlecht ein Wahlrecht und damit überhaupt erst die Möglichkeit für gesellschaftliche Gestaltung zu erstreiten, stand in der zweiten Welle an, wirklich gesellschaftliche Gleichstellung auch gesetzlich umzusetzen. Und das tat Not! Bis 1957 zum Beispiel hatte in der BRD ein Ehemann das Letztentscheidungsrecht auch über das in die Ehe eingebrachte Vermögen seiner Frau.463 Bis 1977 regelte der § 1356 BGB, dass eine Ehefrau einer Erwerbsarbeit nachgehen dürfe, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ 464 Erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe strafbar. 465 Zuvor gab es tatsächlich eine Rechtsprechung, nach der der Unwille einer verheirateten Frau, ehelichen Geschlechtsver- 463 Vgl. Deutscher Bundestag: Vor 60 Jahren: Bundestag beschließt Gleichberechtigungsgesetz. Online seit dem 26.4.2017 unter https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw17-kalenderblatt-gleichberechtigungsgesetz/504286. 464 Vgl. Bundesgesetzblatt vom 21.6.1957 sowie Podolski, Tanja: „Die Todesstrafe ist abgeschafft“. In: Legal Tribune Online vom 2.8.2017, online unter https://www.lto .de/recht/hintergruende/h/gute-gesetzliche-regelungen-todesstrafe-frauen-homo sexualitaet/3. 465 Vgl. Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages: Vergewaltigung in der Ehe. Vom 28.1.2008, online unter https://www.bundestag.de/blob/407124/68 93b73fe226537fa85e9ccce444dc95/wd-7-307-07-pdf-data.pdf. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 346 kehr auch gegen ihren Willen zu erdulden, ein Scheitern der Ehe begründete. 466 Es war also an vielen Stellen offensichtlich, per Gesetz lange Zeit verankert und nachlesbar, dass Frauen nicht die gleichen Rechte eingeräumt wurden. Die Männerbewegung indes hat ihre Anfänge in den USA infolge des Vietnamkriegs. Alte Ideale der Männerrolle wurden infrage gestellt, es wurde nach neuen Idealen des Mannseins gesucht. Dabei wurden die Ideen des Feminismus von Geschlechtergleichheit und Gerechtigkeit aufgegriffen, weil Männer darin Auswege aus den tradierten Rollen und damit eine Chance auf Verbesserung auch ihrer Lebenssituation fanden. Im Laufe der Jahre verzweigte sich die Männerbewegung in verschiedene Strömungen, die sich einerseits profeministisch an der Frauenbewegung anlehnten, auf der anderen Seite nahmen Teile der Männerbewegung als Reaktion auf eine Radikalisierung innerhalb des Feminismus nach und nach auch Gegenpositionen ein, bis hin zu klar antifeministischen Positionen. Letztlich lässt sich auch über die Männerbewegung das Gleiche sagen, was die Journalistin und Feministin Laura Lucas über den Feminismus konstatiert: „DEN Feminismus gibt es nicht.“ DIE Männerbewegung auch nicht. Beiderseits haben wir vielmehr ein breites Spektrum von Strömungen. Am einen Ende dieses Spektrums wird beiderseits auf einer alten Ordnung beharrt, in der Männer aus radikalfeministischer Sicht per Biologie Täter seien beziehungsweise es aus radikalmaskulinistischer Sicht eine naturgegebene (patriarchale) Geschlechterordnung gebe. An diesem Ende des Spektrums stehen sich Frauen und Männer in verhärteten Fronten gegenüber. Am anderen Ende des Spektrums gibt es Strömungen, die daran glauben, dass Veränderung, Verständigung und schließlich Frieden zwischen den Geschlechtern möglich sein kann. Hier sehen Frauen und Männer Chancen darin, Gräben zu überwinden und Verantwortung für erlittene wie auch für verübte Verletzungen zu übernehmen. 466 Vgl. Urteil des Bundesgerichtshofs vom 2. November 1966, Az. IV ZR 239/65 (NJW 1967, 1078–1080), in: OpinioIuris – Die freie juristische Bibliothek. Online unter https://opinioiuris.de/entscheidung/1659. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 347 Die Grenzen zwischen den Farben dieses Spektrums sind indes fließend, und wer Verletzungen in sich trägt, weiß, wie schnell wir aus dem grünen Bereich geraten und nur noch rot sehen. Mitunter reichen wenige Worte dafür, um von der Ebene der Verständigung in die Schützengräben verhärteter Fronten zurückzufallen. Einmal von extremen Rändern abgesehen gibt es heute wohl in der Breite der Bevölkerung Einigkeit darüber, dass gesetzliche Gleichberechtigung aller Menschen (d.h.: Gesetze, die Menschen unabhängig vom Geschlecht gleichstellen) eine Selbstverständlichkeit ist. Über die faktische Gleichstellung aller Menschen unabhängig vom Geschlecht (d.h.: sie findet nicht nur in Gesetzen, sondern auch in der Lebenswirklichkeit statt) hingegen streiten wir bis heute leidenschaftlich. Infolge einer gemeinsamen Geschichte, die Gleichberechtigung lange Zeit nicht kannte, tun wir uns immer noch schwer damit, Gleichstellung nicht nur umzusetzen, sondern sie überhaupt erst zu denken! Die tradierten Vorstellungen sitzen tief. Wir sind es gewohnt, Männer als mächtig, Frauen als ohnmächtig zu denken, Männer als Täter und Frauen als Opfer. Wir denken Veränderung zu oft mit Blick auf Vergangenheit und Gegenwart, und zu selten mit Blick auf das Ziel unserer Visionen. Entsprechend gestalten wir unsere Sprache und unsere Botschaften. In Berlin plakatiert zum Beispiel der Verein BIG, welcher sich gegen häusliche Gewalt stark macht. Auf seinen Plakaten ist zu lesen: „Bei häuslicher Gewalt – Hilfe für Frauen und ihre Kinder unter Tel.: …“ In dieser Sprache scheinen Männer als Opfer häuslicher Gewalt nicht denkbar. Aber selbst, wenn sie tatsächlich Täter häuslicher Gewalt sind, wird ihnen keine Hilfe angeboten. Welche Botschaft sendet dies an einen Mann, der möglicherweise als Opfer oder auch als Täter von häuslicher Gewalt betroffen ist? „Ich muss mir selber helfen“ dürfte allzu oft die Antwort sein. Nicht selten mit destruktiven Folgen. So verfestigen sich stereotype Bilder. Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Und so bleibt es dann auch: Männer müssen bestraft werden, Frauen müssen geschützt werden. So wurde z.B. die Verschärfung des Sexualstrafrechts in den Medien praktisch ausschließlich „zum Schutz von Mädchen und Frauen vor sexuellen Übergriffen“ diskutiert. Dabei ist das Gesetz selbst vollkom- Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 348 men geschlechtsneutral formuliert und soll alle Menschen schützen, also auch Männer! Äußert sich ein Mann zu selbsterlebter sexueller Gewalt, wird ihm oft nicht geglaubt, er wird verlacht, oder sein Erleben wird für statistisch unbedeutend erklärt. So, als sei sein Erleben geschlechtsbedingt weniger wert als das anderer Menschen.467 Viele Männer, die ich kenne, sind deswegen schlicht verstummt. Auch, weil sie meist nicht einmal auf Rückhalt von anderen Männern hoffen dürfen. Dieses Schweigen halte ich für gefährlich. Denn unabhängig vom Geschlecht: Wer Gewalt erlebt hat, wer diese destruktive Energie in sich aufnehmen musste, wird sie irgendwie ableiten. Und solange erlebte Gewalt nicht in ein konstruktives Spektrum transformiert ist, wird sie destruktiv abgeleitet. In Form von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt, gegen andere Personen, gegen Dinge oder gegen sich selbst. Ich setze mich gerne aktiv dafür ein, dass sexuelle, körperliche, seelische und strukturelle Gewalt zurückgehen können. Aber dafür brauchen wir das ganze Bild, und das Bewusstsein, dass jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, Würde, Schutz und Respekt verdient. Dafür brauchen wir das Bewusstsein, dass kaum ein Mensch ausschließlich Opfer ist, und kein Mensch ausschließlich Täter, sondern jeder Mensch mit höchster Wahrscheinlichkeit beides ist. Wenn wir uns Menschsein wie einen voll entfalteten Fächer vorstellen, neigen wir dazu, beim Blick auf Männer die eine Seite, beim Blick auf Frauen die andere Seite des Fächers zusammenzuklappen. Wir sind es gewohnt, weiblichen Menschen ihre Wehrhaftigkeit und Entschlossenheit abzusprechen. Wir sind es gewohnt, männlichen Menschen ihre Zartheit und Verletzlichkeit zu verleugnen. Und das macht etwas mit uns. Erinnern wir uns an den alten Pater Schuh, und was er über die Macht der Worte gesagt hat: „Wenn einem Kind gesagt wird: ‚Du bist zu dumm!‘, dann macht es seinen Verstand einfach zu. Worte können alles schön machen und alles verderben.“ Wenn wir also in unseren Aussagen dabei bleiben, dass Männer Täter und Frauen Opfer sind, dann werden wir genau das in die Zu- 467 Vgl. Bartels, Eilert: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Online seit dem 28.7.2018 unter https://www.lvstprinzip.de/humor-ist-wenn-man-trotzdem-lachtein-text-von-eilert-bartels. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 349 kunft tragen. Dann bleiben Männer Täter und Frauen Opfer. Und – das muss uns klar sein – wir erhalten damit aktiv die patriarchale Grundstruktur der geschlechtertrennenden Menschenhaltung bei. Das ergibt für eine Frauenbewegung bzw. eine Männerbewegung nur dann Sinn, wenn wir das Gegenüber als Feind auf der anderen Seite brauchen, um unsere eigene Identität als „Krieger/in für die gute Sache“ imaginieren zu können. Wenn Teile der Männerbewegung auf eine angeblich natürliche Geschlechterordnung pochen, die durch den Feminismus untergraben werde, ist es ziemlich offensichtlich, dass hier kein Interesse an Veränderung einer patriarchalen Gesellschaft mitsamt ihrer Charakteristik der Geschlechterteilung besteht. Zweimal hingucken muss ein Mensch jedoch, wenn es um Teile des Feminismus geht, die zum Beispiel in „jedem Mann einen potentiellen Vergewaltiger“ sehen, statt in jedem Menschen (!), oder – wie eine Twitter-Kampagne es vormacht – gleich erklärt, dass „Männer Abfall sind“. Im Kern sind solche Aussagen das, was angeblich bekämpft werden soll: zutiefst patriarchal. Sie sind patriarchal, weil Geschlechter trennend, patriarchal, weil in wertvoll versus wertlos trennend, patriarchal, weil machtorientiert. Menschlich sind derartige Radikalisierungen nachvollziehbar. Wenn wir traumatisch durch andere Menschen verletzt wurden, benötigen wir erst einmal Distanz vom Täter, von der Täterin. Wir brauchen es, in unserer Verletztheit gehört und wahrgenommen zu werden, ehe wir wieder Vertrauen fassen können. An Kindern können wir dies gut beobachten. Sich gesehen zu fühlen, ist für ein Kind überlebensnotwendig! Ein Kind, das sich in seinem Verletztsein nicht gesehen fühlt, wird umso lauter weinen und schreien, bis es gehört wird. Wenn es sich auf Dauer nicht gesehen fühlt, wird es schließlich keine Nähe mehr zulassen, und wird jeden und jede auf Distanz halten, der oder die als Gefahr wahrgenommen wird. Ist das Gegenüber ebenso verletzt, weiß es dieses Auf-Distanz-Halten ebenfalls nicht anders zu deuten als: „Ich werde in meinem Schmerz nicht gehört, ich muss mich schützen.“ Dann stehen wir uns erstarrt und voneinander abgeschottet gegenüber. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 350 Radikalisierung ist so letztlich der Verlust der Bereitschaft, miteinander in Verbindung zu treten, sich dem anderen erzählend und zuhörend zu öffnen. Sie ist der Verhaltensmodus und das letzte Mittel des ungehörten verletzten Kindes. Radikalisierung markiert den roten Bereich des Spektrums, auf dem sich Menschen in der Frauenbewegung ebenso wie in der Männerbewegung befinden können. Und letztlich ist sie die Vorstufe zu Gewalt. Gehen wir davon aus, dass jede und jeder von uns aus 8000 Jahren Patriarchat und einem oft unterschwellig ausgetragenen Geschlechterkrieg Verletzungen in sich trägt, wird spürbar, warum auch gesellschaftlich die Grenzen im Spektrum des Feminismus wie auch der Männerbewegung fließend sind. In uns gespeicherte Verletzungen können uns in den roten Bereich radikalisieren, wenn a) wir uns vom Gegenüber nicht gehört fühlen, b) wir Allianzen unter „Unseresgleichen“, unter Leidensgenossen oder Leidensgenossinnen eingehen, uns in unserem Leid gegenseitig bestärken, weil wir uns endlich gehört fühlen und uns deshalb umso stärker c) kollektiv vom Gegenüber abgrenzen. Unsere Verletzungen bleiben erhalten, Veränderung wird kaum möglich, was unser Gefühl von Verletzt-Sein bestärkt und Veränderung noch unmöglicher macht … eine Teufelsspirale. Wenn wir aber Veränderung möglich machen wollen, wenn wir die Spirale des Verletzt-Seins und der radikalen Abgrenzung, die noch mehr Verletzung schafft, stoppen wollen, brauchen wir den verstehenden und liebenden Erwachsenen in uns, der uns zuhört, unseren Schmerz versteht, uns nicht verurteilt und uns durch das Gefühl des Angenommenseins ermöglicht, auch für unser Handeln Verantwortung zu übernehmen. Und das bedeutet auch, unserem Gegenüber zuhörend und mit der Bereitschaft des Annehmens verbunden zu sein. Wir brauchen das Verständnis und die Liebe füreinander, um uns in den grünen Bereich des Spektrums zu bewegen, in welchem wir patriarchales Denken und Handeln überwinden können. Wenn wir wirklich eine egalitäre Gesellschaft anstreben, in der Menschen unabhängig vom Geschlecht gleichgestellt sind, brauchen wir deshalb Botschaften in einer Sprache, die nicht unnötig die alten Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 351 Narrative reproduziert. Wir brauchen eine Sprache, die nicht mehr trennt, sondern inkludiert. Wir brauchen eine Sprache, die allen Menschen Schutz signalisiert und zugleich alle Menschen in die Verantwortung einlädt. Kurz: Wir brauchen eine Sprache, die sich an der Vision des Neuen, wo wir hinwollen, orientiert. Einer Vision der Gleichberechtigung und Gleichstellung für alle Menschen. Dazu gehört auch das Anerkenntnis, dass jeder Mensch – unabhängig von Geschlecht – Täter- und Opferaspekte in sich trägt, und damit auch jeweils eine positive Kehrseite dieser Aspekte verbunden ist, nämlich Handlungsfähigkeit und Empfindsamkeit. Sie sind Teil des menschlichen Potentials und können aktiviert werden. Deshalb müssen wir auch männliches Opfererleben denkbar werden lassen und so Männern mehr Bewusstsein über die eigenen Grenzen ermöglichen, wenn wir nicht nur Frauen, sondern alle Menschen zu Empathie und Mitgefühl befähigen wollen. Dr. Mithu Melanie Sanyal hat das in einem Satz auf den Punkt gebracht: „Menschen, die sich über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen klar sind, können auch Bedürfnisse und Grenzen von anderen Menschen besser respektieren.“ 468 Wir müssen darüber hinaus aber auch weibliches Täterin-Erleben denkbar werden lassen und so Frauen mehr Bewusstsein über ihre eigene Wehrhaftigkeit geben, wenn wir nicht nur Männer, sondern alle Menschen zu Tatkraft und Handlungsfähigkeit befähigen wollen. Auf diese Weise können sie aktiv für ihre Bedürfnisse einstehen und auch aktiv Grenzen setzen. Dafür brauchen wir eine Sprache, die der Ganzheitlichkeit des Menschseins gerecht wird. Unsere bisherige Sprache, in der wir gewohnt sind, direkt oder implizit Missstände zu beschreiben, ist auf Vergangenes oder allenfalls auf Gegenwärtiges gerichtet. Sie enthält Ausgrenzung, unterteilt direkt oder implizit nach Geschlecht und gut und böse. Wenn wir wirklich Gleichstellung aller Geschlechter erreichen wollen, müssen wir einen neuen Umgang mit Sprache bewusst einüben. 468 Vgl. Sanyal, Mithu: Prävention statt Strafe. Podcast online seit dem 2.2.2018 unter https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-zwischenruf---praevention-statt-strafe-100.html. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 352 Einige Beispiele, die Botschaften in tradierten Sprachgewohnheiten übermitteln und dazu in Gegenüberstellung, wie ein wirklich visionärer und alle Geschlechter inkludierender, Sprachgebrauch aussehen kann: 1.) In vielen öffentlichen Badeanstalten hängen seit etwa zwei Jahren Baderegeln im Stil von Comic-Illustrationen aus. Darunter finden sich Regel 9: Egal, welche Badekleidung eine Frau trägt, sie ist zu achten und zu respektieren. Regel 10: Den Anweisungen des Badepersonals ist Folge zu leisten, egal ob Mann oder Frau. Regel 12: Keine verbale oder körperliche sexuelle Belästigung gegenüber Frauen in jeglicher Bekleidung.469 Es ist wohl so, dass es Vorfälle gibt, in denen Männer eine Frau nicht respektieren oder sie belästigen. Ganz sicher aber ist: Auch Männer sind Menschen. Und Menschen möchten im Allgemeinen respektiert werden. Und niemand möchte aufgrund seines Geschlechts pauschal ausgegrenzt oder beschuldigt werden. Nicht direkt, nicht indirekt und schon gar nicht vorsorglich. Diese Baderegeln selektieren mutmaßliche Opfer nach Geschlecht und denken die Täter auf der geschlechtlichen Gegenseite gleich mit! Das ist in letzter Konsequenz nach allen Richtungen hin sexistisch. Bei den oben genannten Baderegeln scheint von vorneherein klar, wer der böse Bube sein soll: der spitze Bube. Ob es die Bereitschaft zu Respekt und Akzeptanz fördert, wenn einseitig der mahnende Finger erhoben wird, sei mal dahingestellt. Menschen jedoch (egal, ob Männer oder Frauen), denen stets, immer und von vornherein eingebläut wird, dass sie es falsch machen, reagieren oft mit Trotz oder sie fressen diese Demütigung in sich hinein, bis sie sich an anderer Stelle wieder Bahn bricht. Zum Beispiel auch in sexueller Übergriffigkeit (die keineswegs nur von Männern ausgeht). 469 Vgl. Plarre, Plutonia: Vorbildhaft baden gehen. In: taz vom 18.1.2016, online unter http://www.taz.de/!5266306/. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 353 Wie also wäre es, künftig einfach alle Menschen wie folgt mit einzubeziehen: Regel 9: Egal, welche Badebekleidung ein Mensch trägt: Dieser Mensch ist zu achten und zu respektieren. Regel 10: Den Anweisungen des Badepersonals ist Folge zu leisten, egal ob Mann, Frau oder ein anderes Geschlecht. Regel 12: Keine verbale oder körperliche Belästigung gegenüber Menschen jeglichen Geschlechts und jeglicher Bekleidung. In der hier alternativ vorgeschlagenen Form würden diese Baderegeln jeder Frau, jedem Mann und jedem Menschen dazwischen signalisieren: „Wir achten dich und wir respektieren dich. Gleiches wünschen und erwarten wir von dir.“ Als Mensch respektiert und geachtet zu werden, das wünscht sich jede Frau, aber auch jeder Mann, kurz: jeder Mensch. Frauen UND Männer als wertvoll genug zu erachten, ihre seelische und körperliche Unversehrtheit zu schützen: wäre das nicht ein richtiger Schritt gegen sexuelle Gewalt und Übergriffe? 2.) Das Magazin Neon sinnierte über Mainstream-Porno: „Doch was macht es mit einer jungen Frau oder einem jungen Mann, wenn der oft erste Kontakt mit Pornografie ein völlig verzerrtes Frauenbild propagiert?“470 Ich stolpere darüber, dass scheinbar niemandem auffällt, dass Mainstream-Pornos auch ein völlig verzerrtes Männerbild propagieren. Stimmiger klingt es für mich so: „Doch was macht es mit einem jungen Menschen, wenn der oft erste Kontakt mit Pornografie ein völlig verzerrtes Bild menschlicher Sexualität propagiert?“ 3.) Anlässlich der nun zwei Jahre zurückliegenden Verschärfung des Sexualstrafrechts resümierte die Süddeutsche Zeitung: „Viele feierten das neue Sexualstrafrecht damals als Meilenstein der sexuellen Selbstbestimmung. Ein Gesetz, das Frauen schützt und ihnen 470 Vgl. Richter, Anne: Berliner SPD will feministische Pornos fördern – und das ist sinnvoll. In: Neon vom 6.6.2018, online unter https://www.stern.de/neon/herz/ liebe-sex/spd-fordert-staatliche-finanzierung-von-feministischem-porno-811111 6.html. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 354 die Scham nimmt, ihre Peiniger anzuzeigen. Doch haben sich diese Erwartungen erfüllt? Ist es für Frauen einfacher geworden, Vergewaltiger vor Gericht zu bringen? Werden nun mehr Männer verurteilt, manche vielleicht sogar zu Unrecht?“471 Nun soll dieses Gesetz nicht allein Frauen schützen, sondern Menschen überhaupt. Dass es von der strafrechtlichen Umsetzung her schwierig bleibt, ergibt sich aus dem Grundsatz: im Zweifel für den/die Angeklagte/n. In der Tat braucht es einen Diskurs darüber, was da verbessert werden kann, ohne den Boden der Rechtsstaatlichkeit zu verlassen. Allerdings trägt eine einseitige und sexistische Berichterstattung, die Frauen nur als Opfer und Männer nur als Täter kennen will, dazu bei, dass Männer, die Opfer von sexueller Gewalt sind, sich schon mal gar nicht geschützt fühlen. Probieren wir doch endlich mal eine Berichterstattung, die alle Menschen inkludiert, statt Fronten aufzubauen. Zum Beispiel so: „Viele feierten das neue Sexualstrafrecht damals als Meilenstein der sexuellen Selbstbestimmung. Ein Gesetz, das Menschen schützt und ihnen die Scham nimmt, ihre Peiniger/innen anzuzeigen. Doch haben sich diese Erwartungen erfüllt? Ist es für Opfer einfacher geworden, Vergewaltiger/innen vor Gericht zu bringen? Werden nun mehr Täter/ innen verurteilt, manche vielleicht sogar zu Unrecht?“ Sexismus, liebes Redaktionsteam der Süddeutschen, auch sprachlich zu vermeiden, ist nicht so schwer. Man muss es nur wollen. (Übrigens, und das fällt mir erst jetzt beim Verfassen dieses Textes auf: Bei einer inkludierenden Sprache stutze ich sofort: Was ist daran erstrebenswert, „manche vielleicht sogar zu Unrecht?“ zu verurteilen?) 4.) Die Berliner „taz“ kritisiert Svenja Flaßpöhler für ihr Buch „Die potente Frau“ und erklärt, ganz in patriarchalen Denkstrukturen verhaftet: „Ja, ein Mann kann zu Beginn nicht sicher sein, ob eine Frau eine Annäherung angenehm oder unangenehm findet. Deshalb müssen sich nun auch die letzten selbsternannten Schwerenöter dazu bequemen, 471 Vgl. Mayer, Verena: Das große Schweigen. In: Süddeutsche Zeitung vom 8.7.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/vergewaltigungen-das-grosseschweigen-1.4040762. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 355 wahrzunehmen, wie ihre Kontaktversuche wohl ankommen beim anderen Geschlecht.“472 Aber, liebes Redaktionsteam der „taz“, auch eine Frau kann sich nicht sicher sein! Nicht mal ein nonbinärer Mensch kann sich sicher sein. Wie wäre es damit, die Schubladen mal zu verlassen, mit denen wir unablässig unsere Prophezeiungen selbst erfüllen? Etwa so: „Ja, eine Person kann zu Beginn nicht sicher sein, ob eine andere Person eine Annäherung angenehm oder unangenehm findet.“ Das ist klar, verständlich und spricht alle an, ohne zu spalten. 5.) Wenn es darum geht, sprachlich den Weg zu ebnen für eine wirkliche Gleichstellung, sehe ich insbesondere Medien in der Verantwortung und in der Pflicht, Texte zunehmend visionsorientiert egalitär zu formulieren. Wie über #metoo, sexuelle Übergriffe und Unterstützungsangebote geschlechtsneutral und inkludierend berichtet werden kann, ohne auf Geschlechterrollen-Zuschreibungen zu verengen, macht der Tagesspiegel vor: „‚Die Zeit des Schweigens muss vorbei sein‘, betonte die Kulturstaatsministerin. Es sei ihr ein wichtiges politisches und menschliches Anliegen, angesichts sexueller Belästigungen, Demütigungen und Gewalt […] eine Anlaufstelle mit zu initiieren, an die Betroffene sich vertrauensvoll wenden können. […] [Diese] richte sich an Betroffene sexueller Belästigung und Gewalt und sei zunächst auf den Film-, Fernseh-, Theaterund Orchesterbereich beschränkt. Sie könne aber auf die gesamte Medienbranche, den Musikbereich und andere Kulturzweige ausgeweitet werden, wenn diese sich beteiligen wollten. […] Hintergrund für die Gründung ist die sogenannte #metoo-Debatte, die eine breite Diskussion über Abhängigkeiten und Machtmissbrauch bis hin zu sexuellen Übergriffen in der Kultur- und Medienbranche angestoßen hat.“473 Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, Menschen für Gleichberechtigung, Gleichstellung und Verständigung zwischen den Geschlechtern zu gewinnen. Unser Umgang mit Sprache ist ein elementarer Baustein 472 Vgl. Oestreich, Heide: Nein zur Gewalt, ja zur Lust: In: taz vom 12.5.2018, online unter http://www.taz.de/!5502572/. 473 Vgl. N.N.: #metoo: Film- und TV-Branche gründet Vertrauensstelle. In: Tagesspiegel vom 1.6.2018, online unter https://www.tagesspiegel.de/medien/sexuellebelaestigung-metoo-film-und-tv-branche-gruendet-vertrauensstelle/22633898 .html. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 356 dazu. Wer patriarchale Strukturen der Menschenhaltung überwinden will, kommt nicht umhin, sich das bewusst zu machen. Das bedeutet letztlich den bewussten Verzicht auf implizite generalisierende Vorwürfe, sowie den Verzicht auf vermeidbare geschlechtliche Gruppierung und Trennung in der Sprache. Das bedeutet nicht, dass wir nicht über männliches oder weibliches Täter/innenverhalten sprechen können. Wir können und müssen weiterhin auch über weibliches und männliches Opfererleben sprechen, aber wir werden es konkret und fallbezogen tun, statt pauschalisierend und generalisierend. Oder wir werden allgemein, dann aber inkludierend, darüber sprechen. Um es klar zu sagen: #metoo hat durchaus seine Berechtigung. Es ist richtig und wichtig, dass wir darüber sprechen, dass immer noch viel zu viele Menschen sexuelle Übergriffe erleiden müssen, dass immer noch Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert, misshandelt oder sogar getötet werden. Erinnern wir uns: Wenn wir traumatisch durch andere Menschen verletzt wurden, benötigen wir erst einmal Distanz vom Täter, von der Täterin. Wir benötigen es, in unserer Verletztheit gehört und wahrgenommen zu werden, ehe wir wieder Vertrauen fassen können. Und um dies zu ermöglichen, brauchen wir ganz klar eine Frauenbewegung, und wir brauchen ebenso klar eine Männerbewegung. Es gibt immer noch viel zu viel Gewalt gegen Frauen, und es gibt immer noch viel zu wenig Bewusstheit über das Leid, dem sich Männer in dieser Gesellschaft aussetzen (müssen). Wir brauchen diese Räume unter unseresgleichen, die uns ersten Schutz bieten, Distanz ermöglichen und uns überhaupt für Erlebtes Worte finden lassen. Zugleich aber sage ich: Die Begriffe des „Feminismus“ und des „Maskulismus“ reichen nicht, um sich wieder anzunähern. Erst recht reichen sie nicht, wenn wir wirklich Gleichstellung erreichen wollen. Weil letztlich auch diese Begriffe patriarchal geprägt sind. Sie beinhalten Trennung, nicht Inklusion. Oft höre ich von Feministen und Feministinnen den Einwand, dass Feminismus doch gerade Gleichstellung wolle, also doch auch die Männer „mitgemeint“ seien. Ich frage dann zurück: „Wie viele Frauen fühlen sich denn wohl von der Männerbewegung oder vom Maskulismus mitgemeint?“ Wohl die allerwenigsten! Selbst wenn in Teilen der Männerbewegung Gleichstellung ganz Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 357 oben auf der Agenda steht. Schon rein sprachlich ist auch der Begriff „Feminismus“ abgrenzend, nicht inkludierend. Viele Männer erreicht dieses „mitgemeint“ ebenso wenig, wie viele Frauen sich nicht „mitgemeint“ fühlen, wenn auf Sparkassenformularen „Unterschrift des Kunden“ steht. Nicolas Zogg von der profeministischen Schweizer Männerbewegung männer.ch formuliert das so: „Feminist zu sein reicht mir darum nicht. Ich will mich mit der persönlichen und gesellschaftlichen Bedeutung von Mann-Sein auseinandersetzen, männliche Identitäten und Perspektiven einbringen. Da fühle ich mich durch den Begriff ‚Feminismus‘ zu wenig abgeholt.“474 Das Ziel von Gleichstellung aller Geschlechter sprachlich egalitär zu unterstützen, ist relativ einfach. Es bedarf nur unseres Willens und einer Veränderung unserer Gewohnheiten, eine Sprache zu verwenden, die nicht mehr patriarchale Narrative reproduziert. Als Menschen in der Frauenbewegung und in der Männerbewegung steht uns mit dem Ziel einer Gleichstellung in letzter Konsequenz jedoch eine Aufgabe bevor, die uns mehr abverlangt: Feminismus wie Maskulismus sind Worte, die wir wie Fahnen vor uns her tragen. Aber ist es nicht widersinnig, mit Worten, die implizit stets die halbe Menschheit ausgrenzen, für eine Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen? Ich glaube, wir brauchen die Bereitschaft zur Überwindung der Identität, die wir bislang zur Abgrenzung gesucht haben. Für das Erreichen einer egalitären Gesellschaft, für Gleichberechtigung und Gleichstellung müssen wir den Mut haben, Feminismus und Maskulismus als Relikte einer patriarchalen, trennenden Struktur am Ende hinter uns zu lassen und bereit sein, uns als Menschen zu begegnen. Um es abschließend mit meinem ersten Mentor, Pater Schuh, zu sagen: „Das ist die Botschaft Jesu. Er hat gesagt: Du bist mein Bruder, du bist meine Schwester, komm, ich kehre bei dir ein und halte mit dir Mahl.“ Dass Schuh als katholischer Pater Funktionär einer heute zunehmend in der Kritik stehenden Institution war – geschenkt! Er war ein Mensch. Und als solcher hat er mit seinen Worten damals und bis 474 Vgl. Soller, Adrian im Interview mit Nicolas Zogg: „Feminist zu sein reicht nicht“. Online unter http://www.ernstmagazin.com/176_6_maumlnnerch.html. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 358 heute Männer und Frauen, die ihn erlebt haben, als Menschen berührt. Seine Worte haben Früchte getragen. Für mich gilt deshalb: Männer sind Menschen. Frauen sind Menschen. Wir sind Menschen. Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden 359

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.