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Wendy McElroy, Eine feministische Verteidigung von Männerrechten in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 199 - 214

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-199

Tectum, Baden-Baden
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Eine feministische Verteidigung von Männerrechten Wendy McElroy Es ist alltäglich geworden zu hören, dass der Feminismus tot sei. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, aber ich weiß, dass die beste Hoffnung für den Feminismus … vielleicht die einzige Hoffnung, wieder relevant zu werden … darin besteht, auf die Stimmen der Männer zu hören, die Gerechtigkeit fordern. Wenn sie sprechen, klingen ihre Stimmen ähnlich wie die der Frauen in den 60er Jahren, als die sogenannte zweite Welle des Feminismus, wie eine Naturgewalt durch unsere Kultur fegte und sie für immer veränderte. Die Frauen forderten von den Männern: „Gebt uns gleiche Rechte, gebt uns Respekt.“ Vierzig Jahre später – zwei Generationen später – ist die Situation umgekehrt. Es sind jetzt die Männer, nicht die Frauen, die gegen die systematische Diskriminierung ihres Geschlechts protestieren. Selbst die Themen, um die sich die Beschwerden drehen, ähneln denen der 60er Jahre. Männer berichten, sie werden von der Polizei als Opfer häuslicher Gewalt nicht ernst genommen. Ähnlich wie bei weiblichen Vergewaltigungsopfern vor Jahrzehnten neigt die Gesellschaft dazu, Männer, die Opfer von Gewalt in der Ehe sind, zu stigmatisieren und zu beschuldigen. Die gesundheitlichen Anliegen der Männer werden im Vergleich zu denen der Frauen nahezu ignoriert. Beispielsweise wird für die Erforschung von Brustkrebs längst das Dreifache der Erforschung von Prostatakrebs ausgegeben, obwohl Prostatakrebs tödlicher ist. Die Familiengerichte diskriminieren Männer bei Scheidungen, insbesondere in Fragen des Sorgerechts und des Besuchsrechts. Die weit verbreitete Vergewaltigung von Männern im Gefängnis wird fast totgeschwiegen, als ob dies keinerlei Grund zur Besorgnis darstellen würde. 199 In der Liste der spezifischen Beschwerden könnte man weiter und weiter blättern. Aber im Allgemeinen ist das, was Männer fordern, nichts anderes als das, was Frauen vor Jahrzehnten von Männern forderten und erhielten: Gleichheit unter vernünftigen Gesetzen … und ein wenig Respekt. Der Feminismus der 60er Jahre war eine kulturelle Revolution. Und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass eine weitere Revolution im Gange ist – diesmal angeführt von Männern. Sie wird nicht von Stimmen der Elite geleitet oder durch steuerfinanzierte Organisationen gefördert. Es ist eine Graswurzelbewegung, die aus Menschen besteht, die vom System so übel behandelt wurden, dass sie nun einen großen Teil ihres Lebens damit verbringen, „Nein“ zu sagen. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, lassen Sie mich etwas mehr über Graswurzelbewegungen sprechen. Es sind Bewegungen, die mit isolierten Personen beginnen, die sich über eine Ungerechtigkeit empören, die ihr Leben betrifft – vielleicht das öffentliche Schulsystem, Gesetze bezüglich Mindeststrafen oder eine Begegnung mit einem Polizisten. Sie werden so empört, dass sie „Nein“ zur Autorität sagen. Sie beginnen in der Regel mit einem „Nein“ auf lokaler Ebene, gegenüber ihrem Schulamt oder Stadtrat. Aber wenn die Ungerechtigkeit, über die sie sich beschweren, weit verbreitet ist, vermehren sich die Stimmen schnell zu einer mächtigen politischen Kraft. Vielleicht die mächtigste politische Kraft, die es gibt: die Stimme des Volkes. Der typische Männerrechtsaktivist ist der Mann auf der Straße – ein Mann, der nach einer Scheidung den Zugang zu seinen Kindern verloren hat; Ihr Kollege, der fälschlicherweise der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde, Ihr Nachbar, der ein Opfer häuslicher Gewalt ist, aber von den Notunterkünften abgewiesen wurde, weil er männlich war. Die typischen Frauen, die sich für die Rechte der Männer einsetzen, engagieren sich aufgrund einer Verpflichtung für Fairness und einer Sorge um die überwältigende Mehrheit der Männer in unserem Leben, die anständige Menschen sind … unsere Väter, Brüder, Söhne … unsere Freunde. Ich spreche auch aus politischer Besorgnis. Die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben das Verhältnis von Frauen zur Gesellschaft und zu Männern neu definiert. Die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts werden die Beziehung der Männer neu definieren. Und als Frau und Feministin möchte ich an diesem Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 200 Prozess teilhaben, weil ich denke, dass „Gerechtigkeit für Männer“ der wichtigste Kampf in unserer heutigen Gesellschaft ist. Ich bezeichne mich selbst als Feministin. Das wirft die Frage auf: Welche Art von Feministin bin ich, wenn ich Männern zuhören und mich um Gerechtigkeit für sie sorge? Die dominierende Stimme des Feminismus ist heute das, was als „Gender-Feminismus“ bezeichnet wird. Und eine der Mythen, die diese Feministinnen erfolgreich verkaufen konnten, ist, dass jeder, der bei irgendwelchen Fragen, von der sexuellen Belästigung bis zum Sorgerecht für ein Kind, mit ihrem Ansatz nicht einverstanden ist, antifeministisch und sogar frauenfeindlich ist. Dieser Vorwurf ist absolut falsch. Die Wahrheit ist, dass es innerhalb der feministischen Tradition viele Denkschulen gibt und gab: von sozialistisch bis individualistisch, von liberal bis radikal, von christlich bis islamisch. Und wenn man darüber nachdenkt, macht die Meinungsvielfalt Sinn. Denn wenn Feminismus als der Glaube definiert werden kann, dass Frauen als Individuen befreit und zu Männern als Klasse gleichberechtigt sein sollten, dann ist es natürlich, dass es Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen darüber gibt, was eine komplexe Idee wie Befreiung bedeutet und wie „Gleichheit“ definiert werden sollte. Es wäre erstaunlich, wenn alle Frauen, die sich um Befreiung und Gleichheit kümmerten, zu genau den gleichen Schlussfolgerungen kommen würden. Ich habe diese Rede begonnen, indem ich sagte, dass ich nicht wüsste, ob der Feminismus tot ist. Aber ich habe keinen Zweifel, dass Genderfeminismus und Radikalfeminismus tot sind. Und ich sage: „Gut, dass wir sie los sind!“ Dieser Feminismus ist tot, weil er systematisch Privilegien für Frauen in das Gesetz einführte und die gerechtfertigten Beschwerden von 50% der Gesellschaft – den Männern – ignorierte. Er hat die Geschlechter am Arbeitsplatz und in der Wissenschaft gegeneinander aufgebracht, und er hat jede Feministin – wie Daphne Patai, Camille Paglia und mich – beschimpft, die die Sünde beging, eine abweichende Meinung zu äußern. Um also die Frage zu beantworten, was für eine Feministin ich bin: Ich bin eine Individual-Feministin, was manchmal als IFeministin bezeichnet wird. Der Individual-Feminismus ist eine Schule des Feminismus, die bis in die 1830er Jahre zurückreicht, bis hin zur Antisklavereibewe- Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 201 gung in den USA … und zu Mary Wollstonecraft und dem klassischen Liberalismus in Europa. Der Individual-Feminismus definiert Befreiung für Frauen als das Recht jeder Frau, ihren eigenen Körper und ihr Eigentum zu kontrollieren, jede friedliche Wahl mit ihrem Körper und ihrem Eigentum zu treffen, die möglich ist. Von der Ehe über die Prostitution bis zum Zölibat. Der Körper einer Frau, die Wahl einer Frau. Der Individual-Feminismus definiert Gleichheit auf einfache und unkomplizierte Weise. Jedes Individuum – weiblich/männlich schwarz/ weiß – sollte gleich behandelt werden, im Rahmen von Gesetzen, die jede Person und ihr Eigentum gleichermaßen schützen. Der gleiche Schutz des Rechts eines jeden auf friedliche Wahl. Ich werde mich in ein paar Minuten weiter in die Theorie vertiefen, um deutlich zu machen, wie sehr sich Individual-Feminismus von Radikal- und Gender-Feminismus in seiner Herangehensweise an Männer unterscheidet, aber bevor ich das tue, möchte ich nur ein einziges Thema ansprechen, um zu zeigen, wie sehr Männer von vielen Feministinnen missachtet und ausgegrenzt wurden … und durch das Gesetz. Dabei handelt es sich um das Thema Abtreibung. Abtreibung ist das vielleicht am meisten diskutierte Thema in Nordamerika. Aber eine Frage wird fast nie angesprochen: „Was ist die Rolle der Männer?“ Ich bin für die Freiheit der Wahl: der Körper einer Frau, das Recht einer Frau. Aber das bedeutet nicht, dass ich glaube, dass Männer – die angehenden Väter – aus dem Bild gelassen werden sollten. Zu sagen, dass die endgültige Entscheidung über die Abtreibung bei den schwangeren Frauen liegt, bedeutet nicht, dass Männer unbeteiligt sind und keine Rolle spielen oder keine Stimme haben sollten. Sie sind die angehenden Väter; das ist natürlich eine Frage, die sie etwas angeht. Mein neuestes Buch, eine Anthologie mit dem Titel „Liberty for Women“, enthält einen langen Aufsatz über Abtreibung und ich stellte sicher, dass er von einem Mann geschrieben wurde … gerade weil Männer bei diesem Thema zum Schweigen gebracht wurden. Welche Rolle sollten Männer spielen? Nun … Betrachten Sie einen Aspekt der Abtreibung, der sie stark betrifft. Wenn eine Frau entscheidet, ein Kind auszutragen, dann – kann – unter dem gegenwärtigen System – dem Mann die finanzielle Unterstützung für dieses Kind (für) die folgenden 18 Jahre rechtlich auferlegt werden. Er hat kein Mitspra- Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 202 cherecht. Die Frau kann sich entscheiden, Mutter zu werden oder nicht. Der Mann kann sich nicht aus der Vaterschaft zurückziehen. Er hat kein Mitspracherecht, er hat keine Rechte. Und doch, ohne irgendwelche Rechte zu haben, hat der Mann eine rechtliche Verantwortung, die sich über fast zwei Jahrzehnte erstreckt. Ich glaube nicht, dass es Pflichten ohne Rechte geben sollte. Und doch sind Pflichten ohne Rechte das, was heute für Männer in diesem Bereich gilt. Ich wiederhole, ich bin für das Recht der Frau auf Abtreibung und ich glaube an den Grundsatz: der Körper einer Frau, das Recht einer Frau. Meine Absicht, dieses Thema anzusprechen, ist nicht, dass Männer die Kontrolle über den Körper einer schwangeren Frau haben sollten. Das ist nicht die einzige Alternative. Eine Möglichkeit könnte das Recht eines Vaters sein, auf alle elterlichen Ansprüche und Verantwortlichkeiten zu verzichten und ihm damit die Möglichkeit zu geben, die Vaterschaft auf der gleichen Ebene aufzugeben, auf der sich die Frau gegen die Mutterschaft entscheiden kann. Mein Hauptziel bei der Behandlung dieses Themas ist es, ein Beispiel dafür zu geben, wie Männer nicht in die Diskussion von Angelegenheiten einbezogen werden, die nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für ihr eigenes Leben von entscheidender Bedeutung sind. Warum wurden die Stimmen von Männern zum Schweigen gebracht? Die Erklärung dafür führt mich zurück zur Theorie und zum Radikalfeminismus und Genderfeminismus. In den 60er Jahren startete die zweite Welle des Feminismus wie eine Rakete aus einer Kombination von mehreren Gründen. Eine neue Generation von Frauen war mit den Antworten ihrer Mütter unzufrieden; sie wollten stattdessen die Küche verlassen und zur Arbeit oder an die Universität gehen. Die sexuelle Revolution brach sich Bahn, zum Teil aufgrund einer neuen Methode der Geburtenkontrolle – der Pille – und Frauen erlebten eine neue sexuelle Freiheit; Sex hörte auf, so eng mit Schwangerschaft verbunden zu sein. Der Vietnamkrieg führte eine ganze Generation dazu, Werte in Frage zu stellen und sich der Autorität zu widersetzen. Es war eine Zeit der sozialen Instabilität … so ähnlich wie jetzt mit unserer Angst vor Terrorismus, militärischen Aktionen und Unzufriedenheit an der Basis. Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 203 Im Jahr 1966 wurde die National Organization for Women (NOW) gegründet. Es gab Zorn über Männer, weil Gesetze und Regelungen Frauen diskriminierten – z.B. die gefühllose Weise, in der die Polizei Anzeigen wegen Vergewaltigung von Frauen behandelte. Aber die Wut gegen Männer konzentrierte sich gewöhnlich auf bestimmte Themen, wie Vergewaltigung, und auf bestimmte Männer, wie Vergewaltiger. Die zweite Welle des Feminismus war durch einen liberalen Feminismus geprägt, und sie war nicht generell männerfeindlich, auch wenn es solche Stimmen gab. Aber die damalige liberalere NOW begrüßte Männer wie Warren Farrell und den Schauspieler Alan Alda, die beide zu Symbolen des aufgeklärten Mannes wurden. Der Fokus lag auf der Befreiung der Frauen, nicht auf der Notwendigkeit, Männer zu entmachten. Zur gleichen Zeit entwickelte sich auch eine andere Form des Feminismus – zuerst der Radikalfeminismus, dann der Genderfeminismus. Ein entscheidendes Buch in der Entwicklung des Radikalfeminismus war Simone de Beauvoirs „Das zweite Geschlecht“, das 1953 ver- öffentlicht wurde. [Von Simone de Beauvoir wurde auch die Radikalfeministin Alice Schwarzer entscheidend geprägt. –A.H.] Das Buch war unverhohlen männerfeindlich. Aber viel mehr als das … es war in philosophischer, ideologischer, politischer Hinsicht männerfeindlich. Es war nicht nur eine Tirade. Das Buch war ein ideologischer Angriff auf Heterosexualität und die traditionelle Familie als männliche Unterdrückung und behauptete, dass die bestehenden Institutionen der Gesellschaft für die Unterwerfung der Frauen verantwortlich seien. Um Frauen zu befreien, begannen Genderfeminismus und Radikalfeminismus eine Theorie zu entwickeln, die die weiße männliche Kultur oder das Patriarchat wegzufegen suchte. Es ging um Männer gegen Frauen. Sie sehen hier den Unterschied zwischen liberalem Feminismus einerseits und Radikalfeminismus und Genderfeminismus andererseits. Die Liberalen wandten sich gegen bestimmte Diskriminierungen innerhalb der Gesellschaft, wie z.B. Einstellungspraktiken, und sie lehnten Männer nicht grundsätzlich ab, sondern wollten nur, dass auch Männer sich verändern. Radikalfeministinnen lehnten Männer – alle Männer als Klasse – ab, weil sie Unterdrücker seien, der Feind der Frauen. Sie lehnten nicht bestimmte Aspekte der Gesellschaft ab, sie lehnten alles ab. Die Institutionen der Gesellschaft … wie die Familie, Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 204 die Religion, das Gesetz .. .mussten aus ihrer Sicht abgebaut und dann wieder aufgebaut werden, um Frauen zu befreien. Radikalfeministinnen boten eine neue politische Theorie an, die Männer als Klassenfeinde betrachtete. Und ungefähr in den Jahren 1983 und 1984 kam es zum Aufstieg des Radikalfeminismus und er begann, die feministische Bewegung im Allgemeinen zu dominieren. Genauer gesagt, der liberale Feminismus fing an, die Theorie des Radikalfeminismus zu absorbieren, und näherte sich dadurch dessen geschlechtsspezifischer Weltanschauung immer mehr an. Und es war an diesem Punkt, als man sehen konnte, dass Männer wie Warren Farrell bezüglich des Feminismus – und insbesondere bezüglich der feministischen Organisation NOW – desillusioniert wurden wegen der wachsenden Vorurteile gegenüber Männern und allem Männlichen. Farrell verließ NOW, und die Organisation wandte sich mit bösartiger Leidenschaft gegen ihn. Lassen Sie mich noch etwas auf die Theorie eingehen. Radikalfeminismus kann als die Schule des Feminismus definiert werden, die Männer und Frauen als getrennte und politisch verfeindete Klassen betrachtet. Männer als Klasse unterdrücken Frauen als Klasse. Männer unterdrücken Frauen, indem sie das Patriarchat – oder männliche Herrschaft (…) etablieren. (…) Überall und in jedem Moment wirkt die weiße männliche Kultur darauf hin, Frauen zu unterwerfen. Durch häusliche Gewalt, Werbung, Pornographie, Vergewaltigung, Einstellungspraktiken, den Gebrauch von männlich dominierter Sprache, sexuelle Belästigung, durch Schulbücher in öffentlichen Schulen, Prostitution … die behauptete Unterdrückung durchdringt jeden Aspekt der Gesellschaft. Und es läuft auf nichts Geringeres als einen ausgeprägten Geschlechter-Krieg hinaus. Es ist kein Wunder, dass das Ziel von Feministinnen, die der heutigen Ausrichtung von NOW folgen und sich weitgehend der radikalfeministischen Theorie verschrieben haben, nicht die Gleichberechtigung mit Männern ist, sondern Vorteile gegenüber Männern. Sie wollen nicht mit ihrem Unterdrücker gleichberechtigt sein, sie wollen die Unterdrückung stoppen. Einer der Schlüsselbegriffe in der radikalfeministischen Theorie lautet „Klasse“ – Männer als Klasse … das bedeutet, jeder Mann … trägt dazu bei Frauen als Klasse zu unterdrücken. Und ich möchte da- Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 205 mit verdeutlichen, wie sehr sich Radikalfeminismus und Individual- Feminismus in ihrer Herangehensweise an das Thema Männer unterscheiden. Also … Klasse. Es ist nicht zwangsläufig etwas falsch daran, die Geschlechter in Klassen einzuteilen. Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Medizin zum Beispiel trennt oft die Geschlechter. Frauen werden auf Gebärmutterhalskrebs und Männer auf Prostataprobleme untersucht. Aber wenn Ärzte die Geschlechter in diesem Sinne trennen, behaupten sie nicht, dass die grundlegenden medizinischen Interessen von Männern und Frauen im Widerspruch zueinander stehen. Die Ärzte stellen fest, dass beide Geschlechter die gleiche grundlegende Biologie teilen, die die gleichen grundlegenden Voraussetzungen hinsichtlich Ernährung, Bewegung, Sauerstoff und gesundem Menschenverstand im Hinblick auf den Lebensstil erfordert. Mit anderen Worten, obwohl die Medizin Männer und Frauen für bestimmte Zwecke in getrennte Klassen einteilt, leugnet sie nicht ihre gemeinsame Menschlichkeit. Die Medizin erkennt die grundlegende Wahrheit an: Männer und Frauen sind beide Menschen mit gemeinsamen Bedürfnissen, wobei es ein paar Ausnahmen aufgrund der Biologie gibt … zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs. Im Gegensatz dazu sagt der Radikalfeminismus nicht, dass Männer und Frauen eine gemeinsame Menschlichkeit teilen und daher gemeinsame politische Interessen haben. (…) Er sagt, dass Männer und Frauen nicht die gleichen grundlegenden menschlichen Bedürfnisse teilen – in politischer Hinsicht. Das wäre wie ein Arzt, der sagt, dass die zwei Geschlechter nicht die gleichen fundamentalen Bedürfnisse bei der Nahrung und so weiter haben. Im Gegensatz dazu betrachtet der Individual-Feminismus Männer und Frauen in erster Linie als individuelle Personen mit einer gemeinsamen Menschlichkeit. Und so wie Männer und Frauen die gleichen biologischen Grundbedürfnisse haben, teilen wir auch die gleichen politischen Bedürfnisse: die gleichen Rechte und Pflichten. Das grundlegendste Menschenrecht ist der friedliche Genuss des eigenen Körpers und des eigenen Eigentums. Die grundlegendste menschliche Verantwortung besteht darin, die friedliche Entscheidung zu respektieren, die andere Menschen mit ihrem Körper und ihrem Eigentum treffen. Die Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 206 Entscheidungen anderer rechtlich zu tolerieren, wenn nicht sogar zu respektieren. Mit anderen Worten … das höchste politische Gut für Männer und Frauen entsteht nicht aus ihrer Geschlechtlichkeit. Es leitet sich von ihrem menschlichen Wesen ab. Auch wenn Männer und Frauen aus allen möglichen Gründen – von der Medizin bis zur Marketingstrategie – begründet in verschiedene Klassen eingeteilt werden können, können ihre Grundrechte und -pflichten nicht auf diese Weise eingeteilt werden. Denn diese Rechte und Pflichten gehen jeder Betrachtung der Geschlechtszugehörigkeit ebenso voraus wie jeder Betrachtung der Hautfarbe. Das sind sekundäre Merkmale: Geschlecht, Hautfarbe, Größe, ethnische Zugehörigkeit. Das Hauptmerkmal ist unsere Mitgliedschaft als Individuen in der menschlichen Spezies. Und aus diesem Hauptmerkmal ergeben sich unsere Rechte. Gesetze zum Schutz dieser Rechte – oder zur Durchsetzung dieser Pflichten – sollten keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen machen. Das Gesetz sollte sie sowohl hinsichtlich seines Inhalts als auch seiner Anwendung gleich behandeln. (…) Im Gegensatz zum Radikalfeminismus und Genderfeminismus zeigt sich, dass der Individual-Feminismus nicht nur Chancengleichheit mit dem Mann umfasst, sondern dass die Forderung nach Gleichberechtigung ein wesentlicher Aspekt seiner Theorie ist. Privilegien – egal für welches Geschlecht – sind ein Gräuel. Nach diesem Verständnis von Feminismus – Individual-Feminismus – hat es heute entschiedene Priorität, alle Privilegien und Benachteiligungen, die auf dem Geschlecht beruhen, aus dem Gesetz zu entfernen. Dazu gehören auch Privilegien für Frauen, wie z.B. Frauenquoten. Das Gesetz muss geschlechtsblind werden und darf Menschen nur als Individuen betrachten. Dies muss sowohl zum Wohle der Frauen als auch der Männer geschehen. Ich sage „zum Wohle der Frauen“ aus mehreren Gründen. Es kann keinen Frieden oder guten Willen in unserer Gesellschaft geben, solange das Gesetz Kategorien von Menschen unterschiedlich behandelt, solange 50% der Bevölkerung – Männer – Bürger zweiter Klasse sind. Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 207 Außerdem müssen Frauen aufhören, sich auf einen paternalistischen Staat und privilegierende Gesetze zu verlassen. Wir müssen auf eigenen Füßen stehen. Des Weiteren glaube ich nicht, dass es jemals im besten Interesse von irgendjemandem ist, einen anderen zu unterdrücken. Die Anti- Sklaverei-Aktivisten der frühen 1800er Jahre argumentierten, dass die Sklaverei den Sklavenbesitzer psychologisch genauso beschädigte wie den Sklaven. Und ich denke, da steckt viel Wahrheit dahinter. Schließlich sind die Männer, die von echter Gleichberechtigung profitieren werden, Freunde und Familie: Menschen, deren Wohlergehen uns manchmal genauso viel bedeutet wie unser eigenes. Sie tun einer Frau keinen Gefallen, wenn Sie Gesetze erlassen, die ihre Tochter auf Kosten ihres Sohnes privilegieren. Glücklicherweise glaube ich, dass die Gesellschaft auf eine echte Gleichberechtigung unter dem Gesetz zusteuert, und die Männerbewegung ist nur eine Bestätigung dafür. Wie gesagt, der Feminismus im NOW-Stil ist tot … Das Problem ist, er hat immer noch Auswirkungen Er hat immer noch Auswirkungen, weil er in den letzten Jahrzehnten Privilegien für Frauen und Ungerechtigkeiten in das Gesetz und in die Institutionen der Gesellschaft eingebettet hat. Und es wird harte, nachhaltige Arbeit erfordern, sie zu entfernen. Lassen Sie mich anhand eines konkreten Beispiels erläutern, was ich meine, wenn ich von Institutionen spreche. Und zum Abschluss des Beispiels möchte ich Ihnen sagen, warum ich der Meinung bin, dass Befürworter echter Gleichberechtigung dadurch ermutigt sein sollten. Zurückgehend auf etwa das Jahr 1983, als der Radikalfeminismus begann, den Mainstream des Feminismus ideologisch zu dominieren, wurde ein neuer Begriff in unsere Kultur eingebracht: sexuelle Belästigung. Ich sollte innehalten, um klarzustellen, was ich hier mit sexueller Belästigung meine. Mit sexueller Belästigung meine ich nicht ungewolltes Berühren, Begrabschen oder irgendeine andere Form von körperlicher Aggression. Das ist Körperverletzung, das ist ein Übergriff, das ist ein Verbrechen. Und Gesetze gegen diese Verbrechen gibt es schon seit vielen Jahren. Alles, was vor Jahrzehnten gebraucht wurde, Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 208 als sexuelle Belästigung ein großes Thema wurde, war, diese Gesetze rigoros durchzusetzen. Weil solche körperliche Aggressionen bestraft werden sollten. Stattdessen schufen Radikalfeministinnen ein neues Gesetz, eine neue Politik, die zum Beispiel „ein feindseliges Arbeitsumfeld“ verbietet, in dem sich Frauen durch Worte und anderes gewaltfreies Verhalten beleidigt fühlen. Das meine ich mit dem Begriff sexuelle Belästigung. Das ist es, was ich meine … Worte und gewaltfreies Verhalten, die als Übergriff angesehen werden. Sexuelle Belästigung ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Feminismus im NOW-Stil seine Politik aus zwei Gründen in die Gesellschaft institutionalisiert hat: Zuerst einmal ist jeder damit vertraut, weil Gesetze und Richtlinien zur sexuellen Belästigung praktisch jedes Unternehmen und Klassenzimmer in Nordamerika durchdrungen haben. Das Gesetz regelt nun, welche Einstellungen gegenüber Frauen geäußert werden dürfen, welche Sprache in Bezug auf Frauen angewendet werden darf … sogar in privaten Institutionen. Durch diese Gesetze greift die Regierung in den Privatsektor ein und regelt Einstellungen und Worte in einem Ausmaß, das in den 60er Jahren, sogar in den 70er Jahren, unvorstellbar gewesen wäre. Zweitens ist sexuelle Belästigung zu dem geworden, was die ketzerische Feministin Daphne Patai in ihrem Buch „Heterophobia: Sexual Harassment and the Future of Feminism“ als eine Multi-Milliarden- Dollar-Wachstumsbranche bezeichnet. Diese Industrie beruht auf den Menschen, die vom Thema der sexuellen Belästigung leben und somit ein begründetes Interesse daran haben, sie dauerhaft als „Problem“ in der Gesellschaft darzustellen, das gelöst werden muss. Zu diesen Leuten gehören Anwälte, Forscher, Berater, Pädagogen, Schriftsteller, Verwaltungskräfte, Gesetzgeber, Psychologen und Medienleute. Gemeinsam bilden sie ein starkes Hindernis gegen jeden Versuch, die Institution und die Industrie der sexuellen Belästigung abzubauen. Ich sagte, ich würde dieses Beispiel mit Worten der Ermutigung abschließen. Und das sind sie: Der Begriff „sexuelle Belästigung“ gelangte erst vor etwa zwanzig Jahren in unsere Kultur. Als juristisches Konzept wurde er von der Radikalfeministin Catharine MacKinnon 1979 in einem Buch mit dem Titel „The Sexual Harassment of Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 209 Working Women“ eingeführt. Dort argumentierte MacKinnon, dass Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz sich nicht als Körperverletzung und physische Angriffe zeigten – bei ihren Einwendungen ging es niemals um körperliche Gewalt gegen Frauen. Sie argumentierte, dass sexuelle Belästigung eine Form der Diskriminierung sei, eine Verletzung der Bürgerrechte, die in Zivilprozessen und nach dem Bürgerrechtsgesetz behandelt werden sollte. Im nächsten Jahr, 1980, erweiterte die Kommission für Chancengleichheit ihre Leitlinien um sexuelle Belästigung. (…) So neu ist sie – die Politik bezüglich sexueller Belästigung, mit der wir leben. Etwa 20 Jahre. Obwohl sie das Leben jedes Menschen in diesem Raum beeinflusst, ist das Konzept der sexuellen Belästigung erst zwei Jahrzehnte alt. Das ist aus zwei Gründen ermutigend: Wenn es zu unseren Lebzeiten etabliert werden kann, kann es auch demontiert werden … und möglicherweise viel schneller. Im Guten wie im Schlechten ist es meist einfacher, Dinge auseinander zu nehmen, als sie zu konstruieren. Es ist auch ermutigend, weil zwanzig Jahre eine Generation bedeuten, und das ist ungefähr so lange, wie es dauert, bis die Menschen erkennen, dass etwas nicht funktioniert. Zu erkennen, dass die Industrie der sexuellen Belästigung keine sozialen Probleme löst … sondern schafft. Es ist jedoch lehrreich zu untersuchen, warum das Konzept der sexuellen Belästigung erfolgreich war. Ich denke, es gibt wertvolle Lehren, die Männer aus dem Erfolg der feministischen Bewegung ziehen können. Als Lin Farleys Buch über sexuelle Belästigung 1978 erschien – und es war das erste Buch zu diesem Thema – ließ es Frauen aktiv werden. Das Buch trug den Titel „Sexual Shakedown: The Sexual Harassment of Women on the Job.“ Und es wurden darin wirklich entsetzliche Fälle von Diskriminierung aufgezeichnet, die buchstäblich die Karrieren unschuldiger Frauen zerstörten. Der Erfolg des Themas sexuelle Belästigung resultierte vor allem aus der Tatsache, dass Farley (und andere) Geschichten erzählten. Sie ließ den Leser die menschlichen Kosten der Diskriminierung sehen und fühlen, so dass sogar eine Skeptikerin wie ich es unmöglich fand, Farleys Buch zu lesen, ohne das Gefühl zu haben, dass etwas in unserer Gesellschaft falsch war, schief lief. Ich hätte kein zusätzliches Gesetz verabschiedet, aber ich wäre be- Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 210 reit gewesen, ein Protestschild aufzunehmen und vor bestimmten Firmen zu protestieren. Das war und ist eine große Stärke des Feminismus. Er zeigte das menschliche Elend, das durch ungerechte Gesetze und ungerechtes Sozialverhalten verursacht wurde. Denken Sie an das Thema Vergewaltigung. In den 60er Jahren waren Frauen, die vergewaltigt worden waren, – wie ich oben erwähnt hatte – in einer ähnlichen Situation wie heutige männliche Opfer häuslicher Gewalt. Die Polizei nahm sie nicht ernst. Die Gesellschaft gab ihnen oft die Schuld, als hätten sie ihre eigenen Vergewaltigungen durch provokative Kleidung oder Promiskuität verursacht. Als Frauen sich erhoben und ihren Schmerz offen und ohne Scham zum Ausdruck brachten, öffneten sie ein Fenster zu ihren eigenen Erfahrungen und ließen die Menschen indirekt den Schmerz spüren, vergewaltigt zu werden … und nicht nur einmal, sondern zweimal, das zweite Mal von einem Rechtssystem, das diese Frauen nicht verstand oder sich nicht für sie interessierte. Es war, als die Menschen die Tiefe des Schadens, der unschuldigen Menschen zugefügt wurde, erkannten, dass die Gesellschaft begann sich zu verändern. Denn nichts ist politisch so mächtig wie öffentlich einen Lichtstrahl auf Ungerechtigkeit zu werfen und sich zu weigern wegzuschauen. Und nichts schafft dies so effektiv, wie die unverblümte Wahrheit zu sagen. Daphne Patai hat die menschlichen Kosten der Politik der sexuellen Belästigung in „Heterophobia“, Teil II mit dem Titel „Typifying Tales“, ausgezeichnet zum Ausdruck gebracht. Sie macht die Grausamkeit dieser Gesetze und Politik an den Universitäten deutlich, wo die Angeklagten über keine Unschuldsvermutung verfügen, sondern beweisen müssen, dass sie nicht schuldig sind. Sie müssen dies vor Ausschüssen beweisen, die oft die Macht haben, ihre Karriere und ihr Leben zu ruinieren. Die Angeklagten – fast immer Männer – haben kein Recht, sich im Gespräch zu stellen oder Zeugen zu befragen, kein Recht auf einen Anwalt oder sogar die genauen Anklagen zu kennen, die gegen sie erhoben wurden. Und eine Anklage kann potentiell bereits erhoben werden, dafür, dass man die falschen Hausaufgaben aufgegeben hat oder einen falschen Witz erzählt hat. Eine der exemplarischen Berichte, die Patai vorträgt, handelt von einem übergewichtigen Professor, der nach allen vorliegenden Infor- Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 211 mationen beliebt, sympathisch und kompetent war. Mitten in einer Vorlesung wurde er eines Tages von einer Studentin mit einem Kommentar über die extreme Größe seiner Brust gestört. Er merkte an, dass sie kein ähnliches Problem habe und fuhr dann mit seiner Vorlesung fort. Die Studentin reichte bei der Universität Anklage wegen sexueller Belästigung gegen ihn ein. Es gab keinen Vorwurf eines Übergriffs oder eines Versuchs, Sex gegen bessere Noten einzutauschen gegen ihn. Die Anschuldigungen basierten ausschließlich auf dem Vorfall im Klassenzimmer. Eine Hexenjagd folgte. Diese war so extrem, dass der Professor Selbstmord beging. Danach äußerte die Universitätsleitung in einer Pressemitteilung eine große Besorgnis: nämlich, dass der Tod des Professors andere ähnlich „missbrauchte“ Frauen davon abhalten könnte „sich zu Wort zu melden“. Halten Sie einen Moment inne und denken Sie über Ihre Reaktion auf das Statement der Universität nach. Von jedem, mit dem ich über dieses Beispiel gesprochen habe, habe ich eine ähnliche Reaktion erhalten: Empörung über die Universitätsleitung, Empathie mit dem Mann. Wut auf die Studentin. Eine Überzeugung, dass sich die Dinge ändern sollten. Das ist die Macht, die das einfache Aussprechen der Wahrheit über Ungerechtigkeit auf die meisten Menschen, ob männlich oder weiblich, hat. Das ist die Macht des Erzählens von Geschichten. Also lassen Sie mich Ihnen eine andere Geschichte erzählen, diesmal über eine andere Form der institutionalisierten Diskriminierung von Männern: Diskriminierung im Familiengerichtssystem. Viele von Ihnen werden bereits damit vertraut sein. Letztes Jahr ging ein 43-jähriger Mann namens Derrick K. Miller zu einem Wachmann am Eingang des Gerichtsgebäudes in San Diego, wo ein Familiengericht kürzlich gegen ihn wegen überfälliger Unterhaltszahlungen entschieden hatte. Er hielt die Gerichtsakten in der einen Hand und zog mit der anderen eine Waffe. Mit dem Ausruf „ihr habt mir das angetan“ schoss er sich selbst tödlich durch den Schädel. Miller ist kein Einzelfall. In den meisten westlichen Ländern gibt es einen alarmierenden Anstieg an männlichen Selbsttötungen. Laut eines zentralen Gesundheitsberichts der Vereinigten Staaten (Surgeon General’s Report) aus dem Jahre 1999 ist Selbsttötung die achthäufigste Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 212 Todesursache in Amerika, wobei sich Männer vier Mal so häufig selbst töten wie Frauen. Eine Reihe von Studien, die in Nordamerika, Europa und Australien durchgeführt wurden, legen nahe, dass ein Grund für diese Zunahme die Diskriminierung von Vätern vor Familiengerichten sein könnte, insbesondere bezüglich der Verweigerung des Zugangs zu ihren Kindern. Denken Sie an Warren Gilbert, der an einer Kohlenmonoxidvergiftung starb und dabei einen Brief des Kinderschutzdienstes umklammert hielt. Oder Martin Romanchick, der New Yorker Polizist, der sich erhängte, nachdem ihm der Kontakt zu seinen Kindern aufgrund von Anklagen seiner Ex-Frau verweigert wurde, die das Gericht später als ungerechtfertigt beurteilte. Es gibt inzwischen Webseiten, die die vielen Namen solcher Männer auflisten … und ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage… Männer, die durch Verzweiflung in den Selbstmord getrieben wurden, die durch institutionalisierte Diskriminierung gegen sie verursacht wurde, insbesondere in Familiengerichten. Diese Männer reagierten in ihrer Verzweiflung auf die einzige Weise, von der sie glaubten, dass sie für sie übrigblieb. Sie zerstörten sich selbst angesichts eines Systems, das ihnen Würde, Gerechtigkeit und – in einigen Fällen – die Kinder, die sie liebten und die das Leben lohnend machten, vorenthalten hat. Das muss sich ändern. Worin kann diese Veränderung bestehen? Nun … ich spreche nicht für die Männerbewegung, aber ich habe eine Meinung darüber, wie echte Gleichberechtigung erreicht werden kann. Beseitigen Sie alle Frauenquoten. Das Gleiche gilt für die neuen Gesetze zur sexuellen Belästigung. Führen Sie das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall in das System der Familiengerichte ein. Anerkennen Sie männliche Opfer häuslicher Gewalt und männliche Opfer sexueller Übergriffe und behandeln Sie sie wie weibliche Opfer. Weigern Sie sich, die Vorurteile gegen Jungen in öffentlichen Schulen oder anderen steuerfinanzierten Einrichtungen zu akzeptieren – vielleicht sogar, indem Sie sich weigern, jene Steuern zu zahlen, die dazu beitragen Jungen und Männer zu benachteiligen. Diese Änderungen wären ein guter Anfang (…). Zum Abschluss meines heutigen Vortrags muss ich eine Sorge zum Ausdruck bringen. Ich habe auf „Erzählen von Geschichten“ als etwas Wertvolles hingewiesen, das die Männerbewegung vom Feminismus Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 213 lernen könnte. Nun möchte ich eine Warnung aussprechen. Die Entwicklung des Feminismus von den 60er-Jahren bis heute ist ein warnendes Beispiel dafür, wie eine politische Bewegung von Wut beherrscht werden und die Stimme der Vernunft verlieren kann. Ich fürchte die Möglichkeit, dass Männer, die ich kenne und respektiere, mich eines Tages als „den Feind“ ansehen, nur weil ich eine Frau bin. Und ich werde alles tun, damit das nicht passiert. Weil wir so überhaupt erst in diesen Schlamassel geraten sind. Feminismus muss eine Hand des Wohlwollens gegenüber Männern ausstrecken, deren Leben durch geschlechtsbezogene Diskriminierung im System zerstört wurde. Frauen müssen aufstehen und die Abschaffung aller Gesetze und deren Anwendungen fordern, die aufgrund des Geschlechts diskriminieren, unabhängig davon, ob diese Diskriminierung angeblich Frauen zugute kommt oder nicht. Denn das tut sie nicht. Weil es unmöglich ist. Frauen sind Individuen, und alles, was die individuellen Rechte auf der Grundlage einer gemeinsamen Menschlichkeit schwächt, schadet Frauen ebenso wie Männern. Eine feministische Verteidigung von Männerrechten 214

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References

Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.