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Maike Wolf, Die notwendige Rückeroberung des Feminismus: Ein Plädoyer für mehr Mut und weniger Rückzug in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 195 - 198

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-195

Tectum, Baden-Baden
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Die notwendige Rückeroberung des Feminismus: Ein Plädoyer für mehr Mut und weniger Rückzug Maike Wolf Ein großer Versprechensbruch des Feminismus war die Gleichberechtigung beider Geschlechter: der Männer und der Frauen. Während sich der Feminismus tiefgehend mit den noch so kleinsten Problemen von Frauen beschäftigt, bleiben große Probleme der Männer wie hohe Suizidraten, eine geringere Lebenserwartung und geringere Bildungschancen größtenteils unadressiert. Dafür werden die kleinsten „Fehltritte“ der Männer (siehe z.B. „Manspreading“, also wenn Männer mit gespreizten Beinen im öffentlichen Nahverkehr sitzen und so die anderen Fahrgäste „behindern“) scharf kritisiert und als Teil der großen Verschwörungstheorie „Patriarchat“ eingeordnet. Derweilen wird selten Verantwortungsübernahme von Frauen erwartet – die ultimative Opferrolle muss schließlich erhalten bleiben. Keine Kritik daran, dass Frauen vielleicht auch einfach zu selten selbstständig in einen STEM-Studiengang hineingehen, keine Kritik daran, dass Frauen weniger aufstiegsmotivierte Überstunden machen, wodurch sie bei Beförderungen weniger häufig berücksichtigt werden. Auch ein Aufruf an die Frauen, den Gender Pay Gap dadurch zu schließen, dass sie öfter, aber auch aggressiver in Gehaltsverhandlungen gehen, bleibt aus. Während von Feministen oft Handlungsaufrufe an Männer formuliert werden, sind Frauen im aktuell vorherrschenden feministischen Weltbild in der Regel passive Opfer der Umstände. „Männer aktiv und Frauen passiv“ – ironischerweise ist dies eines der fundamentalsten Geschlechterstereotypen und es wird genau von den modernen Feministen aufrecht erhalten. Kein Wunder, dass die Geschlechtergleichstellung nicht wirklich vorangekommen ist und sich insbesondere die Männer nicht vom Feminismus repräsentiert fühlen. In der Folge ru- 195 fen immer mehr Männer, aber auch Frauen, zur Bekämpfung des Feminismus auf. Der Feminismus wird für diese moderne Radikalisierung verdammt, für verloren erklärt und aufgegeben. Mit Blick auf die eben beschriebenen Auswüchse scheint das verständlich, wenn nicht sogar der logische Schritt zu sein – gerade für Männerrechtler, die in dem ideologischen Bild der Feministen keinen, oder nur einen verrufenen Platz finden. Allerdings ist das ein Prozess, der sich in verschiedensten Formen immer wieder zu wiederholen scheint. Feministen argumentieren mit Gefühlen und reißen auch mithilfe ihres Durchhaltevermögens die Dinge an sich. Menschen, die mit Logik und Verstand argumentieren, scheuen oft dieses Spiel, geben die Dinge auf und tendieren eher dazu, sich die Dinge neu zu bauen – so wie sie es gerne hätten. Auf diese Art verlieren wir momentan eine Bastion nach der nächsten, seien es politische, wirtschaftliche oder auch gesellschaftliche. Ich werde oft gefragt, warum ich mich noch als Feministin bezeichne und das obwohl meine Meinung doch so viel eher zu den Einstellungen einiger Männerrechtler passt – bloß keine Quote und der Schwerpunkt auf den Problemen der Männer wie z.B. den Väterrechten. Ganz einfach: weil das eine Bastion ist, die zu mächtig ist, als dass wir sie aufgeben sollten. Der Feminismus ist etabliert. In jeder Universität, in jeder Institution. Es gibt Gleichstellungsbeauftragte in jedem größeren Unternehmen und sogar ein Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Männer wurden da irgendwie vergessen – sonst hätte man es nämlich auch einfach „Bundesministerium für Menschen“ nennen können. Kurz gefasst: der Feminismus hat eine gewaltige Macht, die ganz im Gegensatz zu der Männerrechtsbewegung auch schon institutionalisiert ist. Wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung von Feminismus anschaut (die auch gerne von heutigen Feministen opportunistisch herangezogen, aber nicht gelebt wird) geht es um die Gleichberechtigung: von Männern und Frauen. Nichts anderes wollen wir Männerrechtler. Wir wollen nicht, dass Frauen nur mit Erlaubnis des Mannes am Wirtschaftsleben teilhaben dürfen und in die Küche geschickt werden (um mit Extrembeispielen zu arbeiten). Wir wollen, dass Frauen nicht diskriminiert werden und ihnen keine Steine in den Weg gelegt werden, Die notwendige Rückeroberung des Feminismus: Ein Plädoyer für mehr Mut und weniger Rückzug 196 vor allem keine strukturellen – aber Männern eben auch nicht. Mit Blick auf die ursprüngliche Bedeutung liegen diese Ziele nicht weit voneinander entfernt. Der heutige Feminismus hat diese Werte leider schon lange aus den Augen verloren. Auf dem Weg zur Gleichberechtigung beider Geschlechter ist dieser Feminismus falsch abgebogen – links abgebogen, obwohl der Weg geradeaus gewesen wäre. Mich macht es traurig zu sehen, wie sich die Fronten gegeneinander erhärten: die Feministen gegen die Männerrechtler, die Männerrechtler gegen die Feministen. Seien wir ehrlich mit uns. Der Feminismus wird nicht durch eine neue Gleichberechtigungsbewegung aus den Institutionen zu vertreiben sein. Er muss zurückerobert werden. Wir haben etwas, was die modernen Feministen nicht haben: die Fakten auf unserer Seite. Es gibt Diskriminierung von Männern, es gibt strukturelle Steine in ihrem Weg. Und gerade weil wir das wissen, brauchen wir einen Strategiewechsel im Umgang mit dem Feminismus. Man gewinnt keine Schlachten, indem man ständig seine Burgen aufgibt. Lasst uns mit den Fakten und dem Wissen, auf der richtigen Seite zu stehen, den Feminismus zurückerobern – von innen umdrehen, nicht von außen die Mauern versuchen zu erklimmen, die dann doch zu steil und zu glatt sind. Lasst uns die eroberten Burgen – die Gleichstellungsbeauftragten, die Forschungszentren, die Aktivistengruppen, ja, sogar das Ministerium – für und mit einer echten Gleichberechtigung besetzen. Lasst uns die Institution „Feminismus“ mit all ihrer Wirkungskraft nicht den Radikalen, den Third-Wave-Feministen überlassen. Sie ist zu mächtig, um sie links liegen zu lassen. Die notwendige Rückeroberung des Feminismus: Ein Plädoyer für mehr Mut und weniger Rückzug 197

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.