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Ingbert Jüdt, Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 167 - 194

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-167

Tectum, Baden-Baden
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Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus Ingbert Jüdt Unsere Epoche ist von der Vorstellung besessen, sie könne gesellschaftliche Probleme dadurch benennen und lösen, dass sie sie zu Problemen der „Männlichkeit“ deklariert.249 Der Mann und eine „toxische Männlichkeit“ stehen stellvertretend für alle Schattenseiten, die wir an unserer modernen Zivilisation identifizieren, vom Klimawandel250 über Formen 249 Auch im aktuellen Grundsatzprogramm der SPD (immer noch das „Hamburger Programm“ von 2007) findet sich weiterhin die Aussage: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden“, die den Gedanken, dass die negativen Seiten der modernen Gesellschaft männlichen Geschlechts sind, auf die prägnanteste und kürzeste Formel bringt. Für Katrine Marçal ist die moderne Ökonomik „männlich“, weil der ökonomische Mensch, den die klassischen ökonomischen Theorien beschreiben, zugleich auch der ökonomische Mann sei. (Marçal 2016) Für Luce Irigaray ist die moderne Wissenschaft „männlich“, weil sie die Festkörperphysik vor der Hydrodynamik entwickelt hat – aufgrund einer „Komplizenschaft zwischen der Rationalität und einer Mechanik des nur Festen“, während das Weiblich-Flüssige dem wissenschaftlichen Desinteresse anheimgefallen sei. (Irigaray 1979, S. 111). Und Cara Daggett verbindet das Zeitalter der fossilen Energien (einem entscheidenden Faktor für den industriellen Vorsprung des Westens vor dem Rest der Welt, vgl. Osterhammel 2009, S. 936) mit einer „Petro- Maskulinität“, verstanden als eine „toxic combination of climate denial, racism and misogyny“ (Daggett 2018). Wissenschaft und Ökonomie und mit ihnen die ganze moderne Gesellschaft wird ausschließlich auf ihre krisenhaften Aspekte hin wahrgenommen und diese als „männlich“ apostrophiert. 250 Ein Diskussionspapier der MenEngage Alliance befasst sich mit “boys’ and men’s multiple roles in climate change by conducting an analysis of masculinities in patriarchal systems that play a contributing role in perpetuating climate change.“ (Kato-Wallace 2016) Grundlage ist das Konzept einer „hegemonic masculinity“ (hegemonialen Männlichkeit), das Resultat eine Aneinanderreihung von weasel words, die einen realen Zusammenhang vortäuschen. Die Erziehungsberaterin Lori Day führt eine lange (und für unvollständig erklärte) Liste von männlichen Untaten, 167 der gesellschaftlichen Arbeitsteilung251 und Formen der Familie252 bis hin zu Problemen der Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen253 – und die Rettung unserer Zivilisation erwarten wir uns davon, dass wir Frauen mehr „Raum“, mehr „Stimme“, „Gehör“ und Einfluss verschaffen – weil sich alle möglichen Problemlagen angeblich verbessern, sobald mehr Frauen oder mehr „Weiblichkeit“ eine Rolle darin spielen254 – am die es rechtfertigen, sich (selbstverständlich satirisch gemeint!) eine männermassenmordende Epidemie, eine „mandemic“, zu wünschen: „Climate change, Domestic violence, War, Rape, Sex trafficking, Wealth gap, Pay gap, Air and water pollution, Gun violence, Under-education of girls, Degrading porn, Religious oppression of women, Overpopulation, Deforestation, Poaching, Slavery, Gender discrimination, Poverty, Hunger, Extinction of species, Terrorism, Torture, Sexual harassment, FGM [female genital mutilation], Political corruption, Homelessness, Restricted reproductive rights, Exploitation of fossil fuels, Strip mining, Clubbing of baby seals“ (https://www.feministcurrent.com/2016/02/03/we-need-a-mandemic). 251 Die moderne geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist Katrine Marçal zufolge „auf den Bedürfnissen des Mannes (ge)gründet“ (Marçal 2016, S. 63). 252 Gisela Notz zufolge ist die Familie vor allem zur Herstellung von Geschlechterhierarchien – genauer: „geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung“ – gut (Notz 2015, S. 23), eine Wahrnehmung des Zwangscharakters der dem Mann in diesem Kontext zugeschriebenen Rolle fehlt jedoch völlig und wird per Implikation e contrario als unproblematisch und privilegiert gesetzt. 253 Die Unterstellung, dass häusliche Gewalt in erster Linie ein Problem von männlicher Gewaltausübung und weiblichen Opfern sei, gilt bis in ministeriale Politiken hinein als ausgemacht, obwohl diese Annahme einer umfangreichen Literatur zufolge als grob faktenwidrig erwiesen ist (siehe Hoffmann 2017, S. 157 ff., Hamel/Nicholls 2013). 254 Eine klassische Formulierung dieser Behauptung finden wir in Margarete Mitscherlichs einflußreichem Buch „Die friedfertige Frau“: „An der Frau liegt es, ihren männlichen Lebensgefährten daran zu hindern, ständig Sündenböcke zu produzieren, ob im Privat-, Berufs- oder politischen Leben. An der Frau liegt es, männlichem Imponier- und Selbstdarstellungsgehabe, diese Wurzel vieler Gewaltakte und kriegerischer Auseinandersetzungen, die zur Aufrechterhaltung solcher Mentalität notwendige Bewunderung zu versagen, die eigene Identifikation mit männlichen Idealen und Wertvorstellungen zu überprüfen und in Frage zu stellen. An der Frau liegt es aber auch, die von den Männern ›gepachteten‹ Positionen zu erringen, um ihre ›friedfertige‹, vernünftigere und objektbezogenere Einstellung zu vielen Fragen der Lebensgestaltung stärker zur Geltung zu bringen.“ (Mitscherlich 1987, S. 183) Mitscherlichs Buch kann man – insbesondere angesichts der Rahmung ihrer Argumentation im Vorwort – als Exkulpation der Frauen vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Epoche lesen. Ein realistischeres Bild von Rolle und Verhalten der Frau im Nationalsozialismus zeichnen Vinken (2007) und Lower (2016). Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 168 weiblichen Wesen soll die Welt genesen.255 An ihrem radikalen Ende gelangt die vorherrschende feministische Ideologie zu einer Position analog zu der Heinrich von Treitschkes, der die „soziale Frage“ zur „Judenfrage“ erklärte: indem Feministinnen den Mann faktisch zum „Zivilisationsschädling“256 stilisieren und einen Standpunkt einnehmen, der sich mit der Formulierung umschreiben lässt: „Die Männer sind unser Unglück.“257 So, wie die Identifizierung einer Reihe von gesellschaftlichen Problemen der wilhelminischen Epoche mit dem Judentum als „kultureller Code“ der Sozialkritik diente, so erfüllt der kulturelle 255 Als Ausdruck dieser Überzeugung kann man eine Vielzahl von Äußerungen verstehen, denen zufolge „die Zukunft weiblich“ sei, so etwa Sheryl Sandberg: „The world’s gone social, and women are more social than men“ (https://www.forbes .com/2010/04/26/popular-social-networking-sites-forbes-woman-time-facebooktwitter.html) Ein vergangenes, obsoletes, problembeladenes „männliches“ Zeitalter wird zugunsten einer zeitgemäßen, mit konstruktiven Problemlösungen gesegneten „weiblichen“ Zukunft überwunden, und es ist das „Weibliche“ an dieser Epoche, die die Menschheitsgeschichte regelrecht erlöst. 256 In einer solchermaßen zugespitzten, um nicht zu sagen: vulgarisierten, Form ist dies beispielsweise von Karen Duve zum Ausdruck gebracht worden: „Die Kulturleistungen, die wir den dominanten Alpha-Männern zu verdanken haben, mögen ja ganz beeindruckend sein – zumindest im Vergleich mit der Schimpansenkultur –, aber sie sind nichts im Vergleich zu dem, was alles hätte sein können, wenn wir nicht Jahrhundert für Jahrhundert von den aggressivsten, egoistischsten, raffgierigsten und dabei nicht einmal besonders intelligenten Charakteren geleitet worden wären. Die, die immer wieder verhindert oder zunichte gemacht haben, was intelligentere oder soziale Artgenossen uns hätten bieten können.“ (Duve 2014, S. 121 f.) Mit der Herrschaft „dominanter“ Männer wird also nicht mehr „Zivilisation“, sondern nur noch die Verhinderung von Zivilisation in Verbindung gebracht – und das auf diese Weise immerhin faktisch erreichte Maß an Zivilisation, das vermutlich auch Karen Duve nicht wird missen wollen, radikal entwertet. 257 Der entscheidende Punkt der Analogie ist hier, dass der Antisemitismus im deutsche Kaiserreich einen „kulturellen Code“ darstellte, mit dem als problematisch empfundene Entwicklungen der kapitalistischen Industriegesellschaft und der liberaler werdenden Kultur symbolisiert wurden, wobei Treitschke nur derjenige war, der diesen Code am elegantesten und subtilsten formulierte und ihn dadurch auch für gehobene Kreise salonfähig machte. (vgl. Volkov 2000, S. 13-36) In derselben Weise ist heute „Männlichkeit“ zu einem sich als analytisches Konzept ausgebenden kulturellen Code für Umweltzerstörung, politische und zivile Gewaltsamkeit, politisch missbrauchte Wissenschaft, ökonomische Krisen und weitere negative Entwicklungen geworden. https://www.gehove.de/antisem/texte/treitschke_1.pdf http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/411_Treitschke_Juden%20sind%20 Unglueck_112.pdf Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 169 Code „Mann“ (im klassischen Radikalfeminismus) bzw. „weißer heterosexueller Mann“ (im politisch korrekten Gender-Feminismus) eine identische Funktion. Weitere Radikalisierungen scheinen dabei nicht ausgeschlossen: die Aussage der britischen Journalistin und Radikalfeministin Julie Bindel: „And I am sick of hearing from individual women that their men are all right“258 erinnert in der Radikalität ihrer Verachtung von Männern als imaginiertes Kollektiv beängstigend an eine Aussage von Heinrich Himmler in der berüchtigten Posener Rede: „Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude.“259 „Wehret den Anfängen“ funktioniert nur dann, wenn man die Anfänge auch als solche benennt. Dabei verstrickt sich die vorherrschende feministische Ideologie zugleich in eine strukturelle Paranoia, die wir wiederum mit derjenigen der bolschewistischen Ideologie analogisieren können: so wie diese notorisch unfähig war, zwischen in der Sache liegenden, objektiven Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Widerstand und der Sabotage von „Klassenfeinden“ unterscheiden zu können, weil man sich ideologisch auf die Erwartung programmiert hatte, dass die „Bourgeoisie“ umso stärkeren Widerstand leistet, je näher sie am Abgrund steht260, so ist die feministische Ideologie notorisch unfähig, zwischen in der Sache liegenden, objektiven Schwierigkeiten der Emanzipation und Gesellschaftsreform einerseits und der Unterdrückung und „strukturellen Diskriminierung“ durch ein „Patriarchat“ und durch „toxische Männlichkeit“ andererseits unterscheiden zu können261 – weil sie sich auf die Erwartung programmiert hat, eben überall „patriarchale 258 https://web.archive.org/web/20150904155320/http://www.radfemcollective.org/ news/2015/8/29/an-interview-with-julie-bindel 259 http://www.1000dokumente.de/pdf/dok_0008_pos_de.pdf 260 Kotkin 2015, S. 289 ff., Kotkin 2017, S. 50 261 Eine klassische Kontroverse dieser Art ist die Frage, ob fortbestehende geschlechtsspezifische Ungleichgewichte in der Berufswahl und bei der Arbeitszeitgestaltung auf „Diskriminierung“, „Unterdrückung“ oder eher auf unterschiedliche Präferenzen zurückzuführen sind. Eine zentrale feministische Propagandabehauptung besteht darin, eine angebliche Lohnlücke von 21% (der „Gender Pay Gap“) auf „Diskriminierung“ zurückzuführen – entsprechende Wahlplakate hat die SPD noch im Bundestagswahlkampf 2017 eingesetzt (siehe hierzu auch Anm. 32). „Toxische Männlichkeit“ soll sowohl für das Gewaltniveau in der Zivilgesellschaft als auch für männliche Benachteiligungen zuständig sein, die als Form von Selbstschädigung Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 170 Unterdrückung“ und „hierarchische Geschlechterverhältnisse“ vorzufinden262. Es wird strukturell unmöglich, eine „emanzipierte“ Frau darauf hinzuweisen, dass Ansprüche Grenzen haben könnten, weil das unabhängig von Thema und Kontext zwangsläufig als Versuch „des Patriarchats“ wahrgenommen wird, sie „klein zu halten“ oder „mundtot zu machen“.263 verstanden werden. (Penny 2015, S. 69-113) Für Bascha Mika sind es wiederum die falschen Präferenzen von Frauen, die sich in Feigheit und Selbstbetrug eingerichtet haben. (Mika 2011) 262 Für Anne Wizorek ist das „Patriarchat“ allüberall: „Das Patriarchat umgibt uns förmlich wie die Matrix aus dem gleichnamigen Film“ (Wizorek 2014, S. 23) Ein kaum weiter qualifizierter Patriarchatsbegriff zieht sich mit stets beanspruchter, aber niemals nachgewiesener Erklärungskraft durch die ganze Länge von Laurie Pennys „Bitch Doktrin“ (Penny 2017). Freilich schreibt Penny auch vom „Spätkapitalismus“, dann aber auch wieder gänzlich begründungsfrei vom „kapitalistischen Patriarchat“ (S. 141), und Sätze wie „Das Patriarchat misst Frauen an unmöglichen Maßstäben und stellt sie an den Pranger, wenn sie den Maßstäben nicht genügen“ (S. 143) oder „Die Unterdrückung von Frauen ist ein globales Phänomen, weil das Patriarchat ein globales Phänomen ist“ (S. 227) sind durchaus repräsentativ für das analytische Niveau des Buches. Margarete Stokowski sieht im ihrem gleichnamigen Buch „Die letzten Tage des Patriarchats“ gekommen (Stokowski 2018), wobei sie den Begriff im Vorwort erst ein wenig einschränkt („Männer können im Patriarchat – auch heute noch – ganz oben und ganz unten stehen“, S. 11), bloß um dann doch nicht zu erklären, wieso sie den Begriff dann überhaupt und obendrein als Buchtitel verwendet – von einer nachvollziehbaren Definition ganz zu schweigen. Anke Domscheit-Berg (Domscheit-Berg 2015) titelt Kapitelüberschriften wie „Arbeiten im Patriarchat“ (S. 22) oder „Logisch: Im Patriarchat liegt alles an den Männern“ (S. 96 – was erst selbstironisch klingt, sich dann aber als viel weniger ironisch gemeint herausstellt), ohne auch nur im Ansatz zu erläutern, was der Begriff eigentlich analytisch leisten soll. Eva Cyba zufolge ist der Patriarchatsbegriff eine eierlegende Wollmilchsau, insofern die feministische Theorie postuliert, „dass dieser Begriff nicht ahistorisch oder ethnozentrisch, gleichzeitig aber als Konzept universell gültig ist, das alle Arten der Unterdrückung in allen Gesellschaften erfassen kann.“ (Cyba 2010) Die These von den „hierarchischen Geschlechterverhältnissen“ wiederum gehört seit den 1960er Jahren zum Kernbestand der feministischen Perspektive und findet sich an zahllosen Stellen. 263 Ein prägnantes Beispiel für diese Einstellung sind Antje Schrupps Äußerungen auf dem „11. PEIRA Matinee Gewaltvolle Internetkommunikation“ im März 2015 (https://www.youtube.com/watch?v=XOtEZa2sQ8I): „Wir wollen noch mehr … wir können den Hals nicht voll genug kriegen. (…) Das, was wir wollen, ist der Maßstab für Feminismus, nicht das, was uns rechtmäßig zusteht. Es geht um die Frage: ›wie wollen wir die Welt haben‹ und nicht, was dürfen wir, was steht uns zu. Das, was uns zusteht, wollen wir sowieso. Das reicht uns aber eben noch nicht.“ Für Schrupp bewegt sich der Feminismus nicht in einer Welt des Möglichen, sondern in Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 171 Und so entwickelt auch die vorherrschende feministische Ideologie aus dieser strukturellen Paranoia eine eigenständige Form von politischer Gewaltsamkeit264, die sich teils in der Ausbeutung juristischer Schieflagen265, teils in moralischen Kampagnen266 äußert, die ausgehend von teils berechtigten, teils vorgeschobenen Anlässen durch Fehl- und Überinterpretationen einen immensen Kollateralschaden anrichten267. Wie man schlaglichtartig am Verhalten von Alice Schwarzer im Fall von einer Welt des „Zugestandenen“. Das, was der Feminismus in der Welt nicht erreicht, erreicht er nicht darum nicht, weil es objektiv schwierig ist oder womöglich gar eine verfehlte Zielsetzung darstellt, sondern weil es „nicht zugestanden“ wird, und die angemessene Reaktion darauf besteht darin, den Rahmen des Wollens zu erweitern, gleichsam im Fordern nicht nachlässig zu werden. Auch ein verbreitetes Modell der „Powerfrau“ ist Ausdruck dieser Idee, insofern sie individuelle Selbstermächtigung („Empowerment“) zum Schlüssel persönlichen Vorankommens erklären. Objektive Beschränkungen des Möglichen werden vorzugsweise als Resultat struktureller Diskriminierung gegen Frauen gedeutet – mit dem Resultat: „Powerfrauen machen keinen Mut, sondern Druck.“ (Garsoffky/Sembach 2014, S. 140 ff.) 264 Bei der jüngsten publizistischen Feier zum Jahrestag des Frauenwahlrechts wurde bequemerweise darüber hinweg gesehen, dass bereits die bürgerliche Frauenbewegung eine gewaltbereite Fraktion in Gestalt der militanten Suffragetten der „Women’s Social and Political Union“ hatte (http://www.spiegel.de/einestages/suffragettenbewegung-buergerkrieg-der-geschlechter-a-951045.html). In der Neuen Frauenbewegung richtete sich politische Gewalt vor allem gegen ideologische Abweichlerinnen wie beispielsweise Erin Pizzey, deren realistisches Bild häuslicher Gewalt nicht den radikalfeministischen Unterstellungen entsprach, oder Esther Vilar, die das feministische Bild vom privilegierten Mann einfach umdrehte. 265 In erster Linie zuungunsten von Vätern in Sorgerechtsstreitigkeiten, aber auch bei der unterschiedlichen Bewertung der Beschneidung von Jungen und Mädchen oder bei der militärischen Dienstverpflichtung. 266 Grundsätzlich beruhen die moralischen Kampagnen des Feminismus auf dem Anspruch, eine Lücke zwischen den allgemeinen Menschen- und Bürgerrechten und ihrer faktischen Geltung für Frauen identifiziert zu haben. Je nach Gegenstand ist dieser Anspruch in unterschiedlichen Graden in der Sache plausibel. Jüngere Kampagnen wie #aufschrei und #metoo, die sich stark auf die neuen sozialen Medien stützen und sich gegen einen angeblich allumfassenden „Sexismus“ richten, erwecken freilich den Eindruck, ihren Gegenstand mehr zu imaginieren als tatsächlich nachzuweisen. In ihren Folgen insbesondere für die Männer der amerikanischen Filmindustrie ähnelt #metoo der ideologischen Säuberungskampagne Joseph McCarthys zwischen 1950 und 1954. 267 Bereits die entsprechenden Anschuldigungen können existenzvernichtend sein. #metoo hat mittlerweile die Suizide von Carl Sargeant, Dan Johnson, Jill Messick, Jo Min-ki und Benny Fredriksson mitverschuldet (http://maninthmiddle.blogspot.com/p/feministische-twitter-kampagnen.html#metoo.selbstmorde). KC Johnson und Stuart Taylor beklagen die extreme Willkür in den amerikanischen Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 172 Esther Vilar268 und Jörg Kachelmann269, aber jüngst auch an den Mc- Carthyesken Aspekten der #metoo-Kampagne ablesen kann270, wird unter den Voraussetzungen eines solchen Denkens auf der Ebene der Praxis die physische Hinrichtung durch die soziale Hinrichtung ersetzt271. Auf diese Weise betreibt – ganz entgegen allen eigenen Ansprüchen – die vorherrschende feministische Ideologie von heute die letzte Form von systematischer Diskriminierung, die in der westlichen Welt „campus rape“-Vorwürfen und beurteilen die universitären Disziplinarmechanismen als „so arbitrary that the same conduct that can have no repercussions 99 times out of 100 … can lead to a life-altering expulsion“ (Johnson/Taylor 2017, S. 267) und das Verhalten der Mainstream-Medien bei diesem Thema als „biased beyond any hope of redemption“. (a.a.O. S. 270) 268 Esther Vilar war von Alice Schwarzer in einem Fernseh-Streitgespräch im Februar 1975 als „Faschistin, die auch für den ›Stürmer‹ schreiben könne“, denunziert worden (https://www.youtube.com/watch?v=y24CRiaOly8). 269 Jörg Kachelmann war nicht nur Opfer einer Falschbeschuldigung, sondern auch einer unter anderem von Alice Schwarzer persönlich betriebenen medialen Vorverurteilung, die sich nach seinem Freispruch als verbohrte Nachverurteilung weiter fortsetzte (siehe Kachelmann/ Kachelmann 2012, S. 335 ff.). 270 „McCarthyesk“ ist der Sieg einer Logik des Verdachts über das ordentliche Verfahren, bei dem die Anschuldigung als solche bereits ausreicht, irreversiblen Schaden an Ansehen und Gesundheit der Beschuldigten anzurichten. Im Falle von #metoo liegt der Grund der Anschuldigungen in der Unterstellung einer einseitigen Machtausübung, die man jedoch in vielen Fällen auch als wechselseitige Korruptionsbeziehung verstehen kann. Historisch ähnelt #metoo jedoch mehr der „Hollywood Blacklist“ des House Un-American Activities Committee, während McCarthy von 1953 bis 1955 dem Senate Government Operations Committee vorstand. (vgl. Griffith 1987) 271 Diese „soziale Hinrichtung“ ist in dem Augenblick erfolgreich, in welchem dem Beschuldigten unabhängig vom Resultat einer gerichtlichen Untersuchung erfolgreich öffentlich angehängt wird, ein Sexualstraftäter („sexual predator“) zu sein, zudem unabhängig vom Schweregrad des Vorwurfs, also ganz gleich, ob es dabei um eine echte Vergewaltigung oder um ein als „Belästigung“ wahrgenommenes Verhalten geht. Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 173 noch als legitim gilt272: einen massiven Sexismus gegen den als „toxisch“ denunzierten weißen heterosexuellen Mann.273 Dabei kann sich die feministische Bewegung bei ihren Kampagnen nicht nur auf ihre eigenen wohletablierten Netzwerke274, sondern auch auf die Kooperation staatlicher Instanzen und politischer Organisatio- 272 Das kommt beispielsweise in einem Artikel von Till Raether in der „Süddeutschen Zeitung“ zum Ausdruck, in dem er unter Berufung auf Robin di Angelos „White Fragility“ (di Angelo 2011, 2018) die These verteidigt, einen „umgekehrten Rassismus“ könne es per definitionem nicht geben: „Mag sein, dass das ein feindseliger Akt ist. Aber Feindseligkeit ist kein Rassismus. In einer Welt, in der Weiße seit Jahrhunderten die Macht haben und die Spielregeln bestimmen, kann es per Definition keinen „umgekehrten Rassismus“ geben.“ (https://sz-magazin.sueddeutsche.de/leben-und-gesellschaft/hoert-auf-zu-jammern-alte-weisse-maenner- 85975) Dass dies ein Problem der Definition sein könnte, kommt Raether und seinen Referenztexten nicht in den Sinn. Hier wird eine strukturtheoretische Behauptung („weiße Männer sind innerhalb der Gesellschaft privilegiert“) verwendet, um eine Beobachtung auf der Handlungsebene zu annullieren: die Äußerung einer rassistischen Einstellung sei keine, wenn die sie äußernde Person „strukturell“ als „nicht privilegiert“ einzustufen sei. Es liegt auf der Hand, dass damit empirische Einwände gegen ein fragwürdiges theoretisches Konzept abgewehrt werden sollen. Di Angelo definiert: „White Fragility is a state in which even a minimum amount of racial stress becomes intolerable, triggering a range of defensive moves.“ (2011, S. 57) Die einseitige Wertung von Rassismus hat die Autorin dabei in die Prämissen ihres Arguments verlegt, insofern eine „weiße“ Beanstandung rassistischen Verhaltens von vornherein einem weißen „entitlement to racial comfort“ zugeschrieben wird (a.a.O.). Auf diese Weise wird faktisch impliziert, dass „people of color“ niemals rassistisch sein können – eine manifeste Absurdität allein schon im Hinblick auf schwarzen Antisemitismus. 273 Während für den Radikalfeminismus der 1960er und 1970er Jahre „der Mann“ schlechthin das Feindbild war, hat der heutige politisch korrekte Gender-Feminismus dieses Feindbild um die zusätzlichen Merkmale Hautfarbe und sexuelle Orientierung („weiß“, „heterosexuell“) spezifiziert. Die bislang letzte Volte dieses verleugneten Sexismus ist der Twitter-Hashtag #menaretrash, der in der Dreistigkeit, sich für selbstverständlich legitim zu halten, nicht nur eine fortgeschrittene intellektuelle Verwahrlosung darstellt, sondern auch vollends aus dem politischen Diskurs aussteigt. (https://man-tau.com/2018/08/20/menaretrash) 274 Eine Geschichte der feministischen Institutionalisierung ist an dieser Stelle nicht zu schreiben – die Entwicklung als solche steht aber nicht in Frage: in der zum Standardwerk avancierten Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Frauenbewegung von Ilse Lenz wird sie als „Professionalisierung und institutionelle Integration“ bzw. als „Ausweitung des integrativen Feminismus“ registriert (Lenz 2010, S. 355 ff., 364), und in Bezug auf die Institutionalisierung des Feminismus in den Wissenschaften ist eine klassische Webersche Bürokratisierungsthese auch im Feminismus selbst durchaus nicht unbekannt (vgl. Hark 2005, S. 67 ff.) Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 174 nen275 fest verlassen276: weil sie der politischen Klasse im Nebeneffekt einen kontinuierlichen Strom von Scheinproblemen277 wie „geschlech- 275 Diese Kooperation lässt sich an der Bereitwilligkeit ablesen, mit der in Staat und Recht die Schlechterstellung und Diskriminierung von Männern implementiert worden ist – in Bezug auf die USA und Kanada kommen Nathanson und Young zu dem Befund: „By now, our legal systems are based firmly on double standards. (…) Discrimination against men is by now so pervasively institutionalized that it is best described as systemic und characteristic of the legal system as a whole.“ (Nathanson/ Young 2006, S. XI) Analoge Belege zur Situation in Deutschland finden sich ausführlich bei Hoffmann 2014, insbesondere S. 97 ff. und 157 ff. 276 Dies zeigt sich sehr deutlich beispielsweise an der Reform des Sexualstrafrechts, die trotz scharfer Kritik aus der Fachwelt und ohne das Gutachten der selbst eingesetzten Expertenkommission abzuwarten im Juli 2016 vom Bundestag einstimmig verabschiedet wurde. 277 Dass es sich um Scheinprobleme handelt, ist einer sich seit Jahrzehnten steigernden Moralisierung der Politik geschuldet. Claus Leggewie hat diesen Trend schon in den 1990er Jahren anhand der Konservativen Revolution in den USA beschrieben: „Das konservative Modell, das die minimierte Intervention in die Selbstregulierung des Marktes mit der Aufrüstung des Staates als moralische Sanktionsinstanz verbindet, erfreut sich genau wie in Amerika in vielen neuen Nationen und Demokratien wachsender Beliebtheit. Die Dynamik der Entstaatlichung ist weltweit ebenso stark wie der populistische Furor, und die allenthalben beschworene ›Krise der Werte‹ ruft als Reaktion überall eine Moralisierung der Politik hervor.“ (Leggewie 1997, S. 39) Auf der anderen Seite ist einem Schlüsselaufsatz von Klaus Eder (Eder 1989) zufolge diese Moralisierung nicht nur ein Phänomen auf der politischen Rechten: mit der Entstehung eines postmaterialistischen Kleinbürgertums wird in linksliberalen Milieus das moralische und ästhetische Ethos eines „guten Lebens“ verteidigt, das sich von der öffentlichen Sphäre, von Ökonomie und Politik, tendenziell bedroht fühlt. Der politisch mobilisierte linksliberale Kleinbürger tritt als moralischer Unternehmer auf. Problematisch daran ist, dass diese Moral als imaginäres Substitut für reale, „strukturelle“ Veränderungen auftreten kann und dass sie dazu neigt, in Abkehr von den Prinzipien einer universalistischen Moral das alte Klischee der kleinbürgerlichen Doppelmoral zu erfüllen. Dass die feministische Variante dieses Moralunternehmertums innerhalb der Frauenbewegung inzwischen dominant geworden ist, wurde dadurch begünstigt, dass Feminismus immer schon auf dem moralischen Appell an die für beide Geschlechter gleichermaßen proklamierten bürgerlichen Grundrechte beruhte. Auf diese Weise konnte schließlich die negative Moralisierung des Mannes für Konservative und Feministinnen gleichermaßen zu einer (paradoxerweise vor allem in der Familienpolitik sichtbaren) stillschweigenden Voraussetzung politischer Übereinstimmung werden. Eine daraus resultierende politische Korrumpierbarkeit des Feminismus ist insbesondere von Nancy Fraser kritisiert worden (siehe Fraser 2013a, 2013b). Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 175 tergerechte Sprache“278, „Gender Pay Gap“279, Frauenquoten und Frauenförderprogramme280 liefert, an denen diese sich parteiübergreifend281 278 Die „geschlechtergerechte Sprache“ ist ein normatives Scheinproblem: Einerseits kann man zwar plausibel dafür argumentieren, dass Sprache und Sprachgebrauch grundsätzlich Gegenstand moralischen Urteilens sein können, um beispielsweise sprachliche Diskriminierungen zu vermeiden (siehe Stefanowitsch 2018, S. 23-45). Andererseits können solche moralisch begründete Erwartungen an das Sprachverhalten selbst in Akte der Diskriminierung umschlagen, wenn sie die pragmatische Dimension des sprachlichen Ausdrucks („den Sack prügeln, aber den Esel meinen“) und damit die Möglichkeit mißachten, dass das „unkorrekte“ Sprachverhalten reale negative Erfahrungen artikulieren soll, die daraufhin unartikulierbar werden – und zwar insbesondere dann, wenn Sprachkontrolleure und unkorrekte Sprecher über ungleiche formale Sprachkompetenz verfügen. Dann können „die berechtigten Forderungen auf Anerkennung zu Floskeln moralischer Selbstüberhöhung erstarren“. (Dusini/Edlinger 2012, S. 14) Zum Scheinproblem wird die politisch korrekte Sprache, wenn sie in Verwendung als soziales Statusmerkmal die „symbolische Gewalt“ der Sprache selbst ausübt und die unbeholfene oder verschobene Artikulation realer Probleme unter Verweis auf ihre „falsche Form“ unterbindet. Im Falle der „geschlechtergerechten Sprache“ betrifft dies den weit klaffenden Unterschied zwischen lautstark beklagter sprachlicher Diskriminierung von Frauen und angestrengt übersehener realer Diskriminierung von Männern. 279 Der „Gender Pay Gap“ ist ein empirisches Scheinproblem, also eines, das verschwindet, wenn man die angeblichen Belegdaten näher in Augenschein nimmt. Die beispielsweise von der SPD noch im Bundestagswahlkampf plakatierten 21% (https://www.designtagebuch.de/die-plakate-zur-bundestagswahl-2017/btw2017 _18-1_lohngerechtigkeit/) sind, da es sich um den unbereinigten Wert handelt, hochgradig unseriös, da der bereinigte Wert bei 6% im Jahre 2014 liegt (https:// www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2017/03/PD17_09 4_621.html) und weitere bereinigende Faktoren noch hinzukommen können. Zudem muss der bereinigte GPG nicht zwingend als Resultat von Diskriminierungen, sondern es spricht mehr dafür, ihn als Ergebnis von geschlechtsspezifisch unterschiedlich gelagerten durchschnittlichen Präferenzen aufzufassen (vgl. Hakim 2004). Wie das SPD-Plakat zeigt, kann das Thema aber eingesetzt werden, um politisches „Problembewusstsein“ in Szene zu setzen. 280 Quoten und Förderprogramme haben den Vorteil, dass sie sich politisch beschließen lassen, während die Evaluation ihrer Effektivität unbestimmt verschoben und faktisch ausgesetzt wird. Den politischen Ertrag des „Wir kümmern uns!“-Status werfen sie sofort ab, ihr fragwürdiger Nutzen oder angerichteter Flurschaden erweist sich wie bei einem faulen Kredit erst mit großer Verzögerung. 281 Die Initiative für eine Frauenquote im Deutschen Bundestag geht mittlerweile von SPD und CDU gemeinsam aus, während sie von den Konservativen früher als spezifisches Merkmal „linker“ Politik abgelehnt wurde – die interne Frauenquote der SPD jährt sich derzeit zum dreißigsten Mal. (https://www.zeit.de/politik/ deutschland/2018-03/gleichberechtigung-frauenquote-parlamente-katarinabarley-annegret-kramp-karrenbauer) Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 176 abarbeiten kann, um eine Problemlösungskompetenz und Tugendhaftigkeit zu simulieren282, die sie in Bezug auf gesellschaftliche Schlüsselprobleme wie die Einhegung des neoliberal entschränkten Kapitalismus, die Bewältigung der Globalisierungsfolgen und den Umgang mit der Massenarbeitslosigkeit längst verloren hat.283 Der heute vorherrschende Feminismus repräsentiert auf diese Weise das intellektuelle und politische Elend einer Gesellschaft, die an ihrer eigenen Unfähigkeit zur Gesellschaftskritik verzweifelt.284 Und indem auf diese Weise ein analytischer Begriff der „Gesellschaft“ hinter der Klischeefigur des „Männlichen“ verblasst ist, ist ein anderer Systembegriff an seine Stelle getreten: der Begriff des „Patriarchats“ – das Gespenst einer allgegenwärtigen, die gesamte Menschheitsgeschichte durchziehenden Superstruktur, die wiederum nichts anderes darstellt als eine vulgärsoziologische Ableitungs- und Kollektivform einer solchen negativ interpretierten „Männlichkeit“285. Der 282 „Placebo-Politik“ ist im Jahre 2015 eine ebenso gängige Vokabel (Weiss 2015) wie im Jahre 2005 (https://www.welt.de/print-welt/article667787/Placebo-Politik.html) – aber „Frauenpolitik“ hat mit Ausnahme von Streitpunkten wie Unisex-Toiletten und einem über das etablierte Binnen-I hinausgehenden sprachlichen Gendern erfolgreich vermieden, als solche zu gelten. Denn solange allen Ernstes unwidersprochen behauptet werden kann, „Deutschland ist in Sachen Emanzipation finsterstes Entwicklungsgebiet“ (Mika 2011, S. 18), hat sich der Symbolwert von Frauenpolitik noch nicht abgenutzt. 283 Dass Männer zu den großen Verlierern der neoliberalen Epoche gehören, haben Autorinnen wie Susan Faludi (Faludi 2000) und Hannah Rosin (Rosin 2012) durchaus konstatiert. Faludi sieht das Ende des „männlichen Paradigmas der Konfrontation“ heraufziehen (S. 604), und Rosin singt ein Loblied auf die weibliche Anpassungsfähigkeit („plastic woman“) im Unterschied zur männlichen Charakterstarre („cardboard man“), das wenig Spielraum für eine Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse lässt (S. 270). Nimmt man zur Kenntnis, dass „weibliche“ Verhaltenserwartungen auch schon in der Zwischenkriegszeit an Männer herangetragen wurden (Illouz 2009, S. 105 ff.) und genau besehen schon in Adam Smiths „Theorie der ethischen Gefühle“ eine Rolle spielen (Smith 2010, Kucklick 2008, 152-167), muss man fragen, was bei Faludi und Rosin über die rein beschreibende Ebene hinaus eigentlich gewonnen wurde. 284 Letztlich büßt feministische Theorie hier den Kern ihres Anspruchs ein, eine kritische Gesellschaftstheorie sein zu wollen. Ein Beispiel für dieses Scheitern ist die unter anderem von Katrine Marçal repräsentierte „feministische Ökonomik“, die einmal mehr gesellschaftliche Strukturen auf Psyche und angebliche „Bedürfnisse“ des Mannes zurückführt (https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/05/20/ neoliberalismus-feministisch-kritisiert-katrine-marcals-machonomics/). Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 177 Begriff des „Patriarchats“ und seine Implikation einer „Jahrtausende langen Unterdrückung der Frauen durch die Männer“286 ist der fundamentale Gründungsmythos der Zweiten Frauenbewegung287 und na- 285 Das wird klar, wenn man zur Kenntnis nimmt, welche Prominenz psychoanalytische Modelle in einem großen Teil der feministischen Kritik genießen – hier sei stellvertretend nur auf Margarete Mitscherlich (Mitscherlich 1987) und Juliet Mitchell (Mitchell 1985) verwiesen. Hierdurch ist die fatale Verlockung entstanden, in psychoanalytischen Begriffen ein „Wesen des Mannes“ zu bestimmen und daraus eine „patriarchale“ Gesellschaftsform zu deduzieren, anstatt umgekehrt zu fragen, wie sich dramatische gesellschaftliche Veränderungen seit der letzten Eiszeit auf die relative Positionierung von Männern und Frauen zueinander ausgewirkt haben. Ansatzweise hat dies zwar die „Saharasia“-Theorie von James De- Meo versucht, aber auch sie ist recht direkt bei der Unterstellung eines Monotypus der männlichen Psyche gelandet (DeMeo 2005). Auch einflußreiche jüngere Ansätze wie Raewyn Connells Modell der „hegemonialen Männlichkeit“ folgen demselben Konstruktionsprinzip (Wedgwood/Connell 2010). Generell scheint die jüngere wissenschaftstheoretische Diskussion um den Charakter der Psychoanalyse als Hermeneutik oder Naturwissenschaft (Grünbaum 1988, Kandel 2008) von feministischen Autoren nicht rezipiert worden zu sein. 286 Diese Vorstellung ist ein feministischer Allgemeinplatz, der auf einer radikal einseitigen historischen Bilanzierung beruht, wie sie erstmals in Warren Farrells „Myth of Male Power“ kritisiert worden ist (Farrell 1993). 287 Der Begriff des Mythos lässt sich auf die Vorstellungswelten der Neuen Frauenbewegung im Besonderen ebenso anwenden, wie Ingeborg Villinger sie auf die 68er- Bewegung im Allgemeinen angewendet hat: das mythische Denken „errichtet Identitäten (›die Studentenschaft‹, ›die Arbeiterklasse‹) durch positive Besetzung und Abgrenzung von als negativ ausgewiesenen Einheiten (wie der ›repressive Staat‹). Es regelt Tabu-Zonen (Vietnamkrieg, Ausbeutung der Dritten Welt u.a.) und Grenzen wie Oben/Unten, Innen/Außen, Heiliges/Profanes; es organisiert Ein- und Ausschlüsse wie ›Wir‹ und die ›Anderen‹ und es ordnet Vertrautes/ Unvertrautes, Eigenes/Fremdes, Gutes/Böses, Richtig und Falsch. Diese Einheiten werden in der rituellen Wiederholung wie beispielsweise Demonstrationen bestätigt und fixiert.“ (Villinger 2008, S. 322) Damit möchte ich nicht zum Ausdruck bringen, dass ich die 68er-Bewegung insgesamt für irrational halte, wie das ein modisch gewordenes 68er-Bashing gelegentlich zu meinen scheint, sondern, dass die Qualität der Gesellschaftskritik daran zu messen ist, wie weit es ihr gelingt, sich über die Ebene der mythischen Dichotomien und Vereinfachungen hinaus zu entwickeln. Während beispielsweise der Begriff des „Proletariats“, der in der Linken der 1960er und 1970er noch als eine solche mythische Simplifizierung konstruiert war, schließlich zugunsten differenzierterer Modelle der Sozialstruktur zurückgetreten ist, hat der feministische Patriarchatsbegriff eine solche Weiterentwicklung klar versäumt. Obzwar er in der feministisch orientierten Sozialwissenschaft zwischenzeitlich eine geringere Rolle spielte, ist er im zeitgenössischen Netzfeminismus des 21. Jahrhunderts auf beiden Seiten des Atlantiks und mit seinem gesamten Ballast an mythischen Vereinfachungen erneut zu erstaunli- Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 178 hezu des gesamten aus ihr hervorgehenden zeitgenössischen Feminismus288. Die Geschichte dieses Begriffs vom „Patriarchat“ ist mit der Geschichte der neuen Frauenbewegung untrennbar verbunden: es gab ihn im Sinne einer solchen umfassenden Welterklärung vor ihr nicht und es wird ihn auch nach ihr nicht mehr geben – weil es sich bei ihm in erster Linie nicht um einen wissenschaftlich tragfähigen Begriff289, sondern um eine mythische Denkform290 handelt, die eine pragmatische Funktion für die Ursprungserklärung, die Legitimierung und die Bewusstseinsproduktion der Frauenbewegung übernimmt291. Die Neue Frauenbewegung der 1960er Jahre konstituiert sich durch die mythopoetische Schöpfung des Bewusstseins, diejenige revolutionäre Bewegung zu sein, die fünf, sechs oder noch mehr Jahrtausende von „Männerherrschaft“ an ihr historisches Ende bringe292 und darin selbst der Schlüssel schlechthin zu einer fundamentalen Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse sei293. cher Prominenz gelangt. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass sich feministische Weltanschauungen heute in eine historische Sackgasse verrannt haben, in der sie aufgehört haben, analytisch – und insbesondere: gesellschaftskritisch – produktiv zu sein. 288 Dies darum, weil die Neue Frauenbewegung als Teil der 68er-Bewegung ein kulturgeschichtlicher Einschnitt war, der bis heute fortwirkt. Zu den wenigen Ausnahmen zählen individuelle Vertreterinnen des liberalen bzw. Equity-Feminismus. 289 Siehe oben Anm. 14. 290 Der Gedanke, dass es sich beim Mythos nicht nur um individuelle Geschichten handelt, sondern um eine Struktur des Denkens, die das ganze soziale und intellektuelle Leben einer Gemeinschaft fundiert, stammt von Ernst Cassirer (Cassirer 1994), ist aber seither auch in entwicklungspsychologischen Begriffen rekonstruiert worden (Habermas 1976, Hallpike 1990, Oesterdiekhoff 1997). 291 Barbara Holland-Cunz hat mit Bezug auf die Rhetorik der damals wirkmächtigen Schriften von Friedan, Firestone und Millett von den „heldinnenhaften Selbstdefinitionen des Neuanfangs“ gesprochen und damit faktisch die mythische Schöpfungsfunktion jener Texte benannt. (Holland-Cunz 2003, S. 141) 292 Das Ausgreifen des „feministischen Bewußtseins“ über die gesamte Menschheitsgeschichte wurde von Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ vorbereitet (Beauvoir 1968), von Frauen wie Shulamit Firestone radikalisiert (Firestone 1975) und Frauen wie Gerda Lerner historisch-systematisch aufbereitet (Lerner 1986, 1993). 293 Dieses Sendungsbewusstsein war zeitweise am stärksten in der sogenannten „Matriarchatsforschung“ ausgeprägt (für den Anspruch siehe z. B. die Texte des Sammelbandes „The Rule of Mars“, Biaggi 2005, in stärker populärer Form Riane Eislers Bestseller „The Chalice and the Blade“, Eisler 1988, dazu kritisch Nathanson/ Young 2010) und ist mittlerweile – auch hierin dem Begriff des Mythos entspre- Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 179 Das bedeutet: Dieser Begriff des „Patriarchats“ ist ein Mythos im strengen Sinne294 – bis zum heutigen Tag regelmäßig zur Beglaubigung feministischer Behauptungen und Geschichtskonstruktionen beschworen295, aber trotz der Bemühungen von zwei oder drei feministischen Generationen niemals empirisch überzeugend dargelegt296. Gerd Koenen hat diese Monomanie der radikalfeministischen Welterklärung pointiert kritisiert: „In den feministischen Fundamentalschriften wurde die Totalkritik des Kapitalismus durch eine noch totalere Kritik des Patriarchats überlagert und schließlich ganz ersetzt. Die dialektische Widersprüchlichkeit des historischen und gesellschaftlichen Prozesses wurde abgelöst von einem erdrückend monokausalen, ein-eindeutigen Bild der Welt und der Geschichte, worin nichts mehr regierte als die blanke physische oder die versteckte psychische Gewalt des global herrschenden Geschlechts. (…) In diesem permanenten, völlig einseitigen Krieg der Geschlechter bildeten ›Männer und Frauen zwei Nationen auf einem Boden‹. Eine ›patriarchalische Weltzivilisation‹ war seit zwei Jahrtausenden dabei, die ursprünglicheren, dem Leben und der Natur zugewandten weiblichen Kulturen zu unterdrücken und notfalls auschend – zu einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit des feministischen Bewusstseins sedimentiert, die auch heute noch allgegenwärtig mobilisierbar ist. 294 „Im strengen Sinne“ heißt, den philosophischen und kulturanthropologischen Konzepten des Mythos im Detail entsprechend: totalisierendes Denken in binären Oppositionen (Lévi-Strauss 1976, S. 627 ff., Müller 1989, S. 235 ff., Oppitz 1993, S. 291 ff.), ätiologische (historische Ursprungs-) Erzählung (Dux 1982, S. 122 ff., Fuchs-Heinritz et al. 2007, S. 449), legitimierende Erzählung (a.a.O.), emotional mobilisierend, an Rituale gekoppelt (Mauss 1989, S, 94 ff.), die soziale Funktion über die historische Wahrheit stellend (Hallpike 1990, S. 175 ff.) 295 Wie oben (Anm. 14) bereits angedeutet, wird der Begriff des Patriarchats in einer ganzen Reihe aktueller Texte von Anke Domscheit-Berg, Laurie Penny, Rebecca Solnit, Margarete Stokowski, Anne Wizorek und weiteren als fraglos selbstverständlich vorausgesetzt. 296 Diese These lässt sich an dieser Stelle aus Platzmangel nicht im Detail belegen – der Kern meines Einwandes betrifft die im Feminismus völlig unzulänglich geleistete historische Bilanzierung weiblicher und männlicher Kosten für die „Teilnahme“ am Prozess der Zivilisation. Hier stützen sich theoretisch gesteuerte Wahrnehmungsfilter sowie empirische Betriebsblindheiten und Rezeptionsverweigerungen des Feminismus in zirkulärer Weise gegenseitig. Dieser Vorwurf einer systematischen Fehlbilanzierung wurde zuerst von Warren Farrell erhoben (Farrell 2000). Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 180 zurotten. (…) Nahm man diese Theorien beim Wort, waren sie womöglich noch hermetischer und totaler, um nicht zu sagen: totalitärer, als es jede noch so radikale Rassen-, Klassen- oder Imperialismustheorie hätte sein können.“297 Dieser Patriarchatsmythos weist eine genau benennbare Grundstruktur und in dieser einen grundsätzlichen Denkfehler auf: Feministinnen verwechseln die Beziehung der Frau zum Mann mit der Beziehung der Gesellschaft zur Umwelt298. Aus ihrer Perspektive ist der Mann die Gesellschaft, mit dem ganzen doppelten Irrtum einer ihm zugeschriebenen Allmacht und als primärer Adressat für Wunscherfüllungen und Veränderungserwartungen299. Und aus demselben Grund meinen Feministinnen, dass wenn sich die Gesellschaft ändern soll, der Mann sich ändern müsse300. Es handelt sich sozusagen um einen „topologischen“, in der Grundfigur der Idee angelegten Irrtum: die Fixierung der Feministinnen auf den Mann verstellt ihnen den Blick auf die Gesellschaft als Ganze, von der sie selbst ein Teil sind, 297 Koenen 2001, S. 246 f. 298 Christoph Kucklick hat denselben Grundgedanken in die sperrige, an Niklas Luhmann orientierte Formulierung gebracht: „Geschlecht supercodiert die Differenz von Interakion und Gesellschaft.“ (Kucklick 2008, S. 209-236) 299 Auch die generationsspezifische Neubelebung des Feminismus durch die „Netzfeministinnen“ hat diese fehlgesteuerte Erwartungshaltung nicht überwunden, und die Generation der „Alphamädchen“ ist an ihrem Anspruch gescheitert, „dass der Feminismus einfach mal nur auf den neuesten Stand gebracht werden“ und (unter anderem) „den Männern erklären (muss), warum es auch für sie super ist, wenn wir uns weiterentwickeln.“ (Haaf/Klingner/Streidl 2009, S. 16 f.) Das Anprangern „sexistischer Strukturen“ ersetzt keine Gesellschaftskritik – erst recht nicht dann, wenn die Möglichkeit eines Sexismus gegen Männer durch Junk-Science-Theorien wie einen einseitig interpretierten Intersektionalismus, bei dem Diskriminierungen immer nur in eine Richtung verlaufen können, a priori ausgeschlossen wird und die „Kritik“ in das überhitzte Jagdfieber von Kampagnen wie #aufschrei und #metoo mündet. 300 Diese Erwartung finden wir symbolisch verdichtet beispielsweise in der von Myriam Chalek erdachten „#MeToo-Fashion Show“ vom Februar 2018, in der weibliche Opfer von Vergewaltigung Männer in Schweinemasken und Handschellen vorführen (https://www.thedailybeast.com/brutal-stories-and-pig-men-inhandcuffs-at-the-metoo-fashion-event). Als Kern der von #metoo aufgeworfenen Probleme wird ein diffuses „Schwein-Sein“ des Mannes inszeniert, wobei weder der psychologische Reduktionismus noch die faschistoide Ästhetik der Inszenierung als Problem wahrgenommen wird (https://man-tau.com/2018/02/12/fashion-und-faschismus/). Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 181 während sie sich selbst nur in Opposition, dem Manne gegenüber, wahrnehmen – weshalb sie außerstande sind, ihre eigenen Verstrickungen in faktische Mitverantwortlichkeit wahrzunehmen301, und weshalb sie sich ermächtigt fühlen, sich selbst einen überlegenen, erkenntnistheoretisch privilegierten Standpunkt zuschreiben. Die Feministin nimmt die wahrgenommene Beziehung der Frau zum Mann für die gesamte Struktur der Gesellschaft. Es wird unterstellt, dass die Perspektive des Mannes mit der Perspektive der Gesellschaft in Eins falle, weil der Mann über die Frau „herrsche“. Und weil diese Herrschaft seinen Interessen entspreche und sein Privileg darstelle, darum sei diese Herrschaft mit der Struktur der Gesellschaft identisch, weshalb nicht nur von einer patriarchalischen Geschlechterbeziehung, sondern von einer „patriarchalen Gesellschaft“ gesprochen werden könne – mithin vom „Patriarchat“302. Die etwa bei Alice Schwarzer regelmäßig wiederkehrende Formulie- 301 Die Eigenverantwortung von Frauen in Herrschaftskontexten wurde im Feminismus unter dem Stichwort „Mittäterschaft“ diskutiert, welches „die patriarchale Kultur implizit als Ensemble von Männern und Frauen“ kennzeichnet (Thürmer- Rohr 2010, S. 91). Aber auch diese Perspektive bleibt noch auf den Mann und seine relative Position zur Frau fixiert und schafft es nicht, von der handlungstheoretischen Ebene des Täterbegriffs zu einer systemtheoretischen Ebene überzugehen, auf der die Idee einer „gesellschaftlichen Struktur“ analytisch fruchtbar werden könnte. Diese systemtheoretische Schwäche feministischer Theorie ist immer noch unzureichend kritisiert, eine seltene Ausnahme finden wir bei Weinbach 2004. 302 Auf den ersten Blick ist diese starre Fixierung auf den Patriarchatsbegriff in den Theorien des Intersektionalismus überwunden worden. So schreiben beispielsweise Winker und Degele (2010, S. 10): „Inzwischen gehört es auch zum guten Ton der Gender und Queer Studies, Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnisse nicht mehr auf die Kategorie Geschlecht zu reduzieren. Eindimensionale Modelle wie das Patriarchat haben zur Beschreibung und Erklärung von Ungleichheiten ausgedient. Geschlecht, Klasse und Rasse gelten in der Geschlechter-, Ungleichheits-, und Migrationsforschung als zentrale Kategorien der Unterdrückung.“ Diese Behauptung steht jedoch in einem erklärungsbedürftigen, deutlichen Kontrast zum allgegenwärtigen Gebrauch des Patriarchatsbegriffs in der öffentlichen Debatte. Zum einen sind die intersektionalistischen Theorien von dem Vorwurf betroffen, bloß eine neue Form des Dogmatismus entwickelt zu haben, indem sie dazu neigen, „Kategorien der Identität zu essenzialisieren und als Marker für starre Identitäten und Subjektpositionen zu verwenden“ (Meyer 2017, S. 151), wobei die „richtigen“ Subjektpositionen dann die entsprechende überlegene Kritikfähigkeit verbürgen sollen, während die „falschen“ Subjektpositionen davon dogmatisch ausgesperrt bleiben. Zum anderen gilt zwar die Geschlechtskategorie nicht mehr wie Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 182 rung von der „Männergesellschaft“303 ist ein typischer Ausdruck dieser analytischen Konfusion. Dieses Unterlaufen der für eine Gesellschaftsanalyse erforderlichen Distanz ist aber genau das, was es dem Feminismus ermöglicht hat und weiterhin ermöglicht, sich in einem auf einer simplen binären Unterscheidung beruhenden mythischen Koordinatensystem einzurichten, das von Anfang an gegen empirische Einwände verriegelt war. „Männliche Herrschaft“ und „männliche Privilegien“ werden damit zu den Prämissen, ja geradewegs zu den Axiomen der feministischen Weltsicht: sie folgen nicht aus tragfähigen empirischen Befunden, sondern regulieren umgekehrt die Wahrnehmung der Realität. Ein dramatisches und folgenreiches Beispiel für diese Abriegelung ist die im Feminismus seit den 1970er Jahren bis heute andauernde systematische Fehlwahrnehmung häuslicher Gewalt304, die als ein ganz überwiegend männliches Phänomen dargestellt wird305 – obwohl bereits in älteren radikalfeministischen Theorien als Wurzel aller Unterdrückungsverhältnisse schlechthin, dennoch gehört der Begriff des Patriarchats innerhalb der Geschlechtskategorie zwingend zur begrifflichen Bestimmung von „strukturellen Dominanz- und Herrschaftsverhältnissen“ dazu. Die Obsession mit „hierarchischen Geschlechterverhältnissen“ macht es auch dem Intersektionalismus unmöglich, diese als ein asymmetrisches Komplementärverhältnis zu modellieren und damit den Blick für eine empirische Bilanzierung zu öffnen, in der Kategorien wie Klasse und Geschlecht nicht gleichsinnig, sondern gegensinnig wirken. Denn in der feministischen intersektionalistischen Praxis wird die Kategorie „Klasse“ stets dann außer Betracht gelassen, wenn – salopp formuliert – Männer dadurch mehr „oppression points“ sammeln können als Frauen. Insofern wurden die intersektionalistischen Modelle zwar einerseits entwickelt, um der Kritik an der früheren eindimensionalen Perspektive zu begegnen, aber andererseits nicht darum, um die Ideologie zugunsten von Wissenschaft zu überwinden, sondern um die Ideologie unter veränderten Bedingungen fortzusetzen. 303 So etwa hier: „Frauen zu zeigen, dass ihre angeblich persönlichen Probleme zu einem großen Teil unvermeidliches Resultat ihrer Unterdrückung in einer Männergesellschaft sind, ist eines meiner ersten Anliegen.“ (Schwarzer 1975, 2002, S. 17.) 304 Siehe zum Beispiel den Sammelband von Hamel und Nichols (2013) und den Online-Literaturüberblick auf https://frauengewalt.wordpress.com. 305 Diese Sichtweise hat sich bis in die Spitzen der Politik durchgesetzt: so geht eine Plakat-Kampagne des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahre 2014 (https:// man-tau.com/2014/04/13/merkel-schwesig-und-die-freude-an-gewalt/) völlig selbstverständlich von ausschließlich weiblichen Opfern und männlichen Tätern aus. Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 183 die Gründerin der britischen Frauenhausbewegung, Erin Pizzey, dies besser wusste und wofür sie von den Radikalfeministinnen ihrer Zeit aus ihrem eigenen Projekt gemobbt wurde306. Weil die ideologische Grundstruktur des (vorherrschenden) Feminismus aus der Selbstverpflichtung hervorgeht, den Standpunkt der weiblichen Perspektive ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken307, wird folgerichtig die tatsächliche männliche Perspektive an den Rand gedrängt und schließlich systematisch ausgeblendet, während eine imaginierte männliche Perspektive ins Zentrum der Kritik gerückt wird. Der männliche Standpunkt existiert fortan nur noch als Projektionsfläche feministisch-ideologischer Zuschreibungen308. Die Perspektive der (feministischen) Frau auf den Mann wiederum wird zum Kern der Perspektive der Feministin auf die Gesellschaft.309 Paradoxerweise setzt der sich für emanzipiert haltende Feminismus damit das Geschlechtsrollenmodell der bürgerlichen Gesellschaft mit anderen Mitteln fort. Am Beispiel des Unterhalts- und Sorgerechts werden verblüffende Parallelen zwischen feministischen und konser- 306 Pizzeys Einschätzung aus den 1970er Jahren ist im Hinblick auf die heutige Situation prophetisch: „Any refuge was better than none, but it concerned me that people working at such places should spout the notion that all women were innocent victims of men’s violence. Of the first hundred women who came through our doors sixtytwo were as violent as the men they had left behind. I had to face the fact that the males were always going to be blamed for violence within a family and that … false claims would be made against them and that the women would always be believed.“ (Pizzey 2011, S. 82) 307 An der Wurzel der Neuen Frauenbewegung steht ein radikaler Subjektivismus: „Insbesondere die ›Betroffenheitsliteratur‹ erfreute sich großer Beliebtheit und regte oftmals zu radikalen Selbstanalysen an. Ihr Einfluss auf die Geschlechterdiskussion ist kaum zu überschätzen. (…) Empfindsamkeit und Solidarität standen gegen eine als männlich wahrgenommene kühle Objektivität.“ (Reichardt 2014, S. 618) Dieses Prinzip der „Parteilichkeit und Betroffenheit“ prägte auch die methodischen Postulate zur Frauenforschung. (vgl. Müller 2010) 308 Die erstmals von Warren Farrell formulierte kritische Selbstwahrnehmung der männlichen Rolle kam nicht zufällig von jemandem, der sich selbst lange Zeit der feministischen Bewegung zugerechnet hatte. Farrell markiert jedoch auch den Beginn der Einsicht, dass eine vom Feminismus unabhängige kritische Perspektive von Männern auf die traditionelle männliche Rolle überhaupt nicht erwünscht ist, sondern dass von Männern erwartet wird, sich den feministischen Fremdzuschreibungen zu unterwerfen. 309 Man kann das auch als den analytischen Verlust der Systemebene bezeichnen. Es ist diese Grundkonstruktion, die am Ende in jenes System platter Projektionen mündet, dass ich eingangs sinngemäß als „Treitschke-Feminismus“ bezeichnet habe. Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 184 vativen Standpunkten erkennbar: Für beide kommt dem Mann in erster Linie die Zuständigkeit für die materielle Versorgung von Mutter und Kind zu – für den Konservativen im Rahmen der Familie, für die Feministin auf dem Umweg über den Staat. Beide aber opfern im Zweifelsfall den Mann als sozialen Vater seiner Kinder zugunsten seiner Funktionsrolle als personifiziertes Bankkonto. Dem vorherrschenden Feminismus gilt die (heterosexuelle) Paarbeziehung – und damit die Familie – per se als Kern und Inbegriff „männlicher Herrschaft“ – die Möglichkeit, dass es sich auch um eine gleichrangige Kooperationsund insbesondere wechselseitige Solidaritätsbeziehung handeln könnte, bleibt von vornherein ausgeschlossen. Dadurch steht überall dort, wo feministische Überzeugungen als Bestandteil von Verwaltungshandeln institutionalisiert worden sind, der behördliche Umgang mit familiären Beziehungen unter einem entsprechenden „bias“, ganz gleich, ob es dabei um häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauchs, das Unterhaltsund Sorgerecht oder die Definition des „Kindeswohls“ geht. Stets läuft es darauf hinaus, a priori die Frau bzw. Mutter als schutzbedürftig und den Mann bzw. Vater als „Gefährder“ zu betrachten und eine „Eignung“ für die Kindeserziehung primär der Mutter und nicht dem Vater zuzuschreiben. Dies schließt auch ein, dass Frauen in beliebigen Mischungsverhältnissen die Wahl zwischen Beruf und Kindern offenstehen soll, während dem Mann im Zweifelsfall die Rolle desjenigen zugewiesen wird, der die Familie durch Erwerbsarbeit finanziell abzusichern hat. Auf diese Weise kommt es faktisch zu einer Konvergenz mit konservativen Standpunkten, die den innerfamiliären Funktionen des Manns und Vaters ebenfalls misstrauen, weil diese „von Natur aus Müttersache“ seien, und das bürgerliche Rollenmodell wird im Grundsatz fortgesetzt. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eben die durch Kampf- und Kriegsmetaphern vergiftete solidarische Paarbeziehung. Und hier stoßen wir auf das historische Problem des Patriarchatsbegriffs: Er repräsentiert die aus einer oberflächlichen und radikal einseitigen Fehlbilanzierung gewonnene vermeintliche historische Tiefendimension einer ausschließlich auf Konflikt, Kampf, Macht und Herrschaft gebürsteten Paarbeziehung. Es ist hier nicht der Raum, um aufzuzeigen, unter wie vielen Aspekten dieses historische Bild einseitig, schief und verzerrt ist. Tatsächlich haben Männer und Frauen die Geschlechterbeziehungen immer schon, auch in vermeintlich finstersten Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 185 patriarchalen Zeiten, gemeinsam verändert. Der zentrale feministische Denkfehler in diesem historischen Zusammenhang besteht darin, nicht den Mann ebenfalls als ein Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse zu sehen, an die er sich in einer Position der systematischen Überforderung und Überverantwortlichkeit mal besser, mal schlechter anzupassen versucht, sondern umgekehrt die gesellschaftlichen Verhältnisse als Emanation einer spezifisch männlichen Psyche aufzufassen, die dann üblicherweise mit psychoanalytischen Modellen erklärt wird. Die Merkmale der Gesellschaft verschwinden in der feministischen Perspektive in bzw. hinter den angeblichen Merkmalen einer männlichen Psyche. Wie in der traditionell weiblichen Perspektive wird der Mann hier zum Stellvertreter der gesellschaftlichen Verhältnisse, und darum werden Änderungserwartungen an eine Reform dieser männlichen Psyche adressiert. Der Patriarchatsbegriff definiert somit eine 50jährige Epoche in der Geschichte der modernen Frauenemanzipation, denn die Epoche der Neuen Frauenbewegung ist zugleich die Epoche einer ideologischen Dominanz des Patriarchatsbegriffs. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass er die Menschheitsgeschichte radikal auf eine Halbwahrheit reduziert: auf die Formel einer „Unterdrückung der Frauen durch die Männer“, die (a) radikal ausblendet, dass menschliche Gesellschaften hier auf der Systemebene auf eine bis dahin präzedenzlose Verdichtung von Konfliktpotenzialen reagieren, die (b) in theoretischer Hinsicht fälschlich unterstellt, dass sich diese Systemebene auf ein negativ bewertetes psychologisches Modell von „Männlichkeit“ reduzieren lasse, und die (c) auf der empirischen Ebene radikal ausblendet, welchen Preis Männer historisch und zeitgenössisch für eine Rollenverteilung zahlen, bei der die von ihnen gleichermaßen ausgeübte wie erlittene Gewalt stets auch eine von Frauen delegierte Gewalt ist. Derselbe Feminismus, der regelmäßig von „systematischer“ und „struktureller“ Unterdrückung, Diskriminierung und Sexismus spricht, erweist sich in analytischer Hinsicht als notorisch unfähig, die Systemebene zu erreichen und kollabiert regelmäßig auf die Ebene psychologisierender und moralisierender Schuldzuschreibungen. Diese Epoche neigt sich heute dem Ende zu und verlangt eine eigenständige historische Bilanzierung, mithin das, was Historisierung genannt wird: wie die Emanzipationsbewegungen der Bürger und der Arbeiter vor ihr hat auch die Frauen- Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 186 bewegung das Stadium einer institutionellen Erstarrung erreicht, in dem sie auf eine Logik von Besitzstandswahrung, Feindbildpflege und Machtmissbrauch zusammenschrumpft. Und in diesem Aggregatzustand ist sie zugleich zum integralen Bestandteil einer „Moralfalle“ geworden (Stegemann 2018), in der moralische Problembeschreibungen zum ideologischen Deckmäntelchen neoliberaler Glaubenssätze eingedampft310 und somit zu einem Teil unserer Probleme und Blockaden werden, anstatt zu einem Teil der Lösung. Der heute in westlichen Gesellschaften vorherrschende Feminismus hat nichts mehr mit irgendeiner Emanzipation zu tun – im Gegenteil: wer es vermag, die Menschen zu einer beständigen Selbstkontrolle im Hinblick auf „gendergerechtes Sprechen“ und „toxische Männlichkeit“ zu erziehen, der vermag es auch, sie zu einer beständigen Selbstkontrolle im Hinblick auf „marktgerechtes Verhalten“ zu erziehen. Beides sind Kontrollmechanismen, die auf einer umfassenden und andauernden disziplinarischen Selbst- überwachung jedes Einzelnen zur Vermeidung auch nur geringfügiger „Fehltritte“ beruhen. Damit hat sich der zeitgenössische Feminismus von einer ursprünglichen Emanzipationsbewegung in ein Laboratorium kultureller Herrschaftstechniken verwandelt und sich als Kernstück eines ideologischen Verblendungszusammenhangs etabliert, in dem eine Verbindung von Gesinnungsethik und Narzissmus zum neuen Opium des Volkes wird.311 Nicht das, was man in einem weiten Sinne als modernen Feminismus bezeichnen kann, hat sich mit diesem 310 Bernd Stegemann vergleicht diese fatale Kooperation mit der Geschichte von Hase und Igel: „Ein passendes Beispiel aus jüngster Vergangenheit für den Igel ist Jens Spahn. Er schlägt vor, man solle dem (sic!) Pflegenotstand beheben, indem man in ganz Europa Pflegekräfte anwirbt und nach Deutschland importiert. Als beispielhafter Hase merkt nun eine linke Politikerin zurecht an, dass dieser Import Druck auf die bestehenden Löhne ausübt. Ihre Position wird allerdings nicht von Herrn Spahn gekontert, sondern von Frau Igel auf der anderen Seite – nämlich von den Grünen, die ihr Nationalismus oder sogar Rassismus vorwerfen. Hier verbrüdert sich ein neoliberales Konzept – Grenzenlosigkeit, damit die Arbeit billig wird und die Unternehmen mehr Gewinne machen können – mit einer moralischen Position.“ (https://www.cicero.de/innenpolitik/bernd-stegemannmoralismus-die-moralfalle-sammlungsbewegung-aufstehen-gruene-cdu-linke) 311 In der feministischen Mainstream-Literatur hat meines Wissens bislang nur Barbara Holland-Cunz ein ähnlich kritisches Argument formuliert, als sie 2003 im Hinblick auf den von ihr als „Berufsfeminismus“ bezeichneten institutionalisierten Feminismus und unter Rückgriff auf Michel Foucaults Machttheorie hellsichtig schrieb: „Viele Berufsfeministinnen bewegen sich heute in institutionellen Si- Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 187 intellektuellen Bankrott ruiniert – der Gedanke, dass beiden Geschlechtern gleiche politische und gesellschaftliche Rechte zukommen – sondern die ideengeschichtliche Ära einer Engführung der Geschlechterverhältnisse auf einen vermeintlich universellen Kriegszustand. Literatur Beauvoir, Simone de (1968), Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.) (2010), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 3., erweiterte und durchgesehene Auflage. Wiesbaden: VS Verlag Biaggi, Cristina (ed.) (2006), The Rule of Mars: Readings on the Origins, History and Impact of Patriarchy. Manchester: Knowledge, Ideas & Trends Cassirer, Ernst (1964, 91994) Philosophie der Symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Cyba, Eva (2010), Patriarchat: Wandel und Aktualität. 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Viele Berufsfeministinnen, mich eingeschlossen, übernehmen inzwischen aber auch selbst gesellschaftliche Aufgaben und Funktionen, die die Erzeugung von klassifizierenden Unterschieden zum Inhalt haben …. In solch doppelter Weise in die macht-vollen Netze der Normalisierung verstrickt, sind Berufsfeministinnen heute sowohl Ziel- und Ansatzpunkte der Normalisierungsmacht als auch ihre aktiven Vollstreckerinnen. (…) Als aktueller Standort einer Theorie und Praxis, die mit dem Aufruf zur Befreiung angetreten ist, muss das feministische Verstricktsein in die Techniken der Macht heute unangenehm auffallen.“ (Holland-Cunz 2003, S. 169, Herv. i. Orig.) Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfällige Historisierung des Feminismus 188 Domscheit-Berg, Anke (2015), Ein bißchen gleich ist nicht genug. Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. München: Heyne Dusini, Matthias; Edlinger, Thomas (2012), In Anführungszeichen. Glanz und Elend der Political Correctness. 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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.