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Sandra Hermann, Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze in:

Arne Hoffmann (Ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 139 - 148

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-139

Tectum, Baden-Baden
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Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze Sandra Hermann Als ich 2016 anfing, mich ehrenamtlich für das Männerberatungsnetz einzusetzen, war die wohl häufigste Frage, die mir gestellt wurde: warum ich mich als Frau für männliche Opfer von häuslicher Gewalt einsetze. In Gestik, Mimik und im Tonfall schlug mir während dieser Frage ein Repertoire von wohlwollender Anerkennung bis herablassender Verachtung und Feindseligkeit entgegen. Das verunsicherte mich sowohl als Mensch wie auch als Psychologin extrem. Ich erwartete für mein Engagement weder besondere Anerkennung noch Feindseligkeit. Ich erwartete eigentlich gar nichts. Warum sollte ich mich – als Frau – denn nicht für männliche Opfer von häuslicher Gewalt einsetzen? Jemandem in einer Notlage zu helfen war und ist für mich nie eine Gender-Frage, sondern eine Frage des Gewissens, der Moral und der Menschlichkeit. Opfer sind in meinen Augen Menschen, denen durch andere Menschen oder durch äußere Umstände Schaden zugefügt worden ist. Als Psychologin frage ich nicht nach Alter, ethnischem Hintergrund, Religion oder Geschlecht, wenn jemand meinen Rat und meine Hilfe sucht. Ich helfe dort, wo es notwendig ist. Manchmal empfinde ich diese Frage als Angriff und habe das Gefühl, ich müsste mich rechtfertigen. Hilfe und Unterstützung zu leisten, wo sie gebraucht werden, muss meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt werden. Trotzdem scheint diese Frage Akteure auf allen Seiten umzutreiben. Nicht nur aus dem feministischen Lager, sondern auch von manchen Männerrechtlern habe ich mit meinem Engagement Misstrauen, Unterstellungen und Unverständnis geerntet. Deshalb werde ich hier 139 von meinen persönlichen Erfahrungen als Kind sowie meinen Erfahrungen in der Männerberatung berichten. Häusliche Gewalt ist nie nur ein Problem zwischen Männern und Frauen. Es ist ein gesamtfamiliäres Problem und betrifft direkt und/ oder indirekt die komplette Familie. Als Kind ist man der Gewaltsituation zu Hause ausgeliefert. Man liebt beide Eltern und ist verzweifelt, wenn ein Streit zwischen den Erwachsenen solche Ausmaße annimmt. Als Kind gerät man automatisch zwischen die Fronten, wird instrumentalisiert, manipuliert, emotional erpresst und gezwungen, Partei zu ergreifen. Als Kind fühlt man sich immer mitschuldig, ist hilflos und dadurch auch immer mit Opfer. Selbst wenn man als Kind keiner körperlichen Gewalt ausgesetzt ist – der psychischen Gewalt ist man es auf jeden Fall. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und wuchs bei meinen Großeltern auf. Mein Großvater arbeitete hart und viel, meine Großmutter war zu Hause und regierte die Familie. Im Haushalt einer relativ kleinen Vier-Zimmer-Wohnung plus zwei dürftig ausgebauten Dachzimmern lebten meine Großeltern, fünf meiner Onkels und Tanten (damals alle noch im Teenageralter), meine pflegebedürftige Urgroßmutter, ich selbst sowie zwei bis vier Pflegekinder meiner Großmutter. Tagsüber kamen unter der Woche noch mehr Kinder dazu, da meine Großmutter als Tagesmutter fungierte, um etwas Geld dazu zu verdienen. Es ging immer hoch her, Ruhe oder Privatsphäre waren ein Fremdwort. Geld war nie da, obwohl mein Großvater neben seiner doch ganz gut bezahlten Tätigkeit bei der Stadt noch zwei Nebentätigkeiten nachging. Meine Großmutter liebte es einzukaufen. Mit Vorliebe bestellte sie bei den großen Versandhäusern Unmengen an Kleidung, Möbel und sonstige Dinge. Sie zeigte sich auch gern spendabel nach außen, verschenkte viele Sachen, um sich beliebt zu machen und Anerkennung zu bekommen. Wenn es allerdings darum ging, diese Sachen zu bezahlen, musste mein Großvater herhalten. Selbst wenn er das Dreifache verdient hätte, wäre er nicht in der Lage gewesen, all diese Rechnungen zu begleichen. Also kam regelmäßig der Gerichtsvollzieher, nahm Dinge wieder mit, stellte den Strom oder das Telefon ab. Diese Tage waren immer besonders gefährlich. Alle wussten, was das bedeutete – ganz speziell für meinen Großvater. Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 140 Ich glaube, er sah schon an unseren Gesichtern, wenn er zur Tür herein kam, dass es wieder soweit war. Meine Großmutter überschüttete ihn mit Vorwürfen, Anschuldigungen und hasserfüllten Beleidigungen. Sie schrie so sehr, dass ihre Stimme versagte. Aber nicht nur diese Tage waren gefährlich. Manchmal lag auch kein ersichtlicher Grund vor, und meine Großmutter explodierte anscheinend aus dem Nichts heraus. Mein Großvater verschwand dann in sein Zimmer. Er hatte als einziger sein eigenes Zimmer, worum ihn jedoch niemand beneidete. Meist schloss er seine Zimmertür ab, um sich zu schützen. Manchmal verzog er sich in den Keller, dort hatte er sich schon fast heimelig eingerichtet. Oder er ging noch mal raus in die Kneipe um die Ecke, um sich zu betrinken. Heute vermute ich, er trank sich Mut an, um das zu ertragen, was ihn zu Hause noch erwartete. Aber egal wohin er sich auch verzog, irgendwann musste er ja wieder nach Hause, wo meine Großmutter wartete, um ihn zu erwischen. Sie ging dann in einer unbändigen Rage auf ihn los. Es flogen Gegenstände; Fäuste, Tritte, Bisse, Kratzer hagelten auf ihn ein – begleitet von einer Tirade an hasserfüllten, entwürdigenden und verachtenden Beleidigungen und Beschimpfungen der übelsten Sorte. Die übrigen Haushaltsmitglieder versuchten dann, sich und die kleineren Kinder in Sicherheit zu bringen, um nicht selbst in die Schusslinie zu geraten. Nachdem sich der Hass meiner Großmutter entladen hatte, verfiel sie in einen Heulkrampf und jammerte darüber, was „dieses Schwein“ (mein Großvater) mit ihr mache, zu welchen Taten er sie brachte. Wir mussten sie dann trösten, sie bedauern, ihr gut zureden und ihr Recht geben, um sie wieder zu beruhigen. Auf keinen Fall durften wir ihr Verhalten kritisieren oder den Anschein erwecken, dass er uns leidtue, weil sie doch angefangen hatte. Damit wären wir in Ungnade gefallen und hätten uns damit selbst ihrem Zorn ausgesetzt. Niemand wollte sich mit ihr anlegen. Eine Zeit lang sorgte das alles in mir als Kind für ziemliche Verwirrung. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Das was ich mit meinen eigenen Augen sah (ihre Gewaltausbrüche) und wie sie die Sache dann hinstellte (ihre Opferinszenierung) passten für mich einfach nicht zusammen. Es entsprach nicht meinem kindlichen Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 141 Verständnis von Recht, Gerechtigkeit oder Logik. Anfangs hielt ich ihr Verhalten für Theater, bemerkte dann aber, dass sie sich nicht nur nach außen so gab, sondern sich tatsächlich als Opfer empfand. Im Nachhinein, denke ich, hat sie wirklich sehr unter ihrem eigenen Verhalten gelitten und sich selbst dafür verachtet. Die Verantwortung dafür hat sie jedoch immer von sich weggeschoben und meinem Großvater zugeschrieben. In ihren Augen war ausschließlich er dafür verantwortlich, dass sie unglücklich und unzufrieden war – dass ihr Leben einfach nicht so verlief, wie sie es haben wollte. Durch ihr Verhalten gelang es ihr mühelos, auch andere davon zu überzeugen, dass stets sie das Opfer war. Für meinen Großvater hatte das natürlich fatale Folgen: Er hatte nicht nur zu Hause die Hölle auf Erden, sondern wurde auch von der Außenwelt angefeindet und gemieden. Für sein gesamtes soziales Umfeld war er der Sündenbock. Niemand wollte seine Version hören oder ihm glauben. Mitgefühl, Empathie oder Hilfe bekam er, soweit ich es beurteilen kann, nie. Für mich war es oft nur in unbeobachteten Momenten möglich, ihm Zuneigung oder Mitgefühl zu zeigen, ihm zuzuzwinkern, über den Arm zu streichen und ihm zu verstehen zu geben, dass ich ihn nicht hasste oder die Schuld für alles gab, woraufhin er sehr dankbar und oft zu Tränen gerührt war. Ich denke, er verstand, warum ich ihm in den entscheidenden Momenten nicht beistehen oder helfen konnte. Er muss sich unsagbar einsam, verzweifelt und verlassen gefühlt haben. Und im Nachhinein schäme ich mich für meine Feigheit und meine Hilflosigkeit. Dafür, ihm nicht mehr beigestanden zu haben und ihn in Schutz genommen zu haben. Aber ich war noch klein und der Situation – wie alle anderen Beteiligten auch – ausgeliefert, musste mich selbst schützen. Und ich weiß, dass ich dafür keine Verantwortung getragen habe. Die lag bei den beiden selbst. Von der gesellschaftlichen Verantwortung ganz zu schweigen! Das Haus – in dem noch fünf andere Familien wohnten – musste bei den Ausbrüchen meiner Großmutter gebebt haben. Es wurde jedoch niemals von den Nachbarn oder irgendjemand anderen die Polizei geholt. Niemand wollte es sich mit meiner Großmutter verscherzen. Familienangelegenheiten waren Privatsache – und vor allem war es ja auch lächerlich, die Polizei zu holen, wenn eine Frau einen Mann schlägt. Der wird es dann schon verdient haben! Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 142 Meist waren es lediglich Blessuren, die mein Großvater äußerlich davontrug. Manchmal sah man aber, wie übel zugerichtet er war. Wurde er auf seine Verletzungen angesprochen, redete er sich meist damit raus, hingefallen zu sein oder sich beim Arbeiten verletzt zu haben. Alle wussten jedoch, woher seine Verletzungen stammten. Aber statt ihm beizustehen fingen die Leute an, ihn auszulachen, zu verhöhnen und mit dem Finger auf ihn zu zeigen. Er war der „Schlappschwanz“, der sich von seiner Frau zu Hause schlagen ließ, wurde zur Witzfigur des Viertels und seiner Kollegen. So erntete er Sprüche wie: „Irgendwas werde er schon getan haben, dass sie ihn schlägt. Er wird es bestimmt verdient haben! Zumindest hat er es verdient, weil er sich das gefallen lässt und kein richtiger Mann ist.“ Meine Großmutter fügte sich ihre Verletzungen meist selbst bei den unkontrollierten Ausbrüchen durch ihre extreme Rage zu, erntete manchmal auch ein paar Abwehrverletzungen. Die äußerlichen Wunden heilten meist recht schnell. Die inneren blieben. Für immer. Bei beiden hinterließen die Ausbrüche eine zerstörte Persönlichkeit, die sich in einem abgewerteten Selbstbild, Selbstzweifel, Hilflosigkeit, Unzulänglichkeit, Selbsthass, Scham und Verbitterung zeigte. So ging das viele Jahre und alle anderen Familienmitglieder schauten, dass sie so bald wie möglich das Haus verließen und die beiden ihrem Schicksal überließen: Flucht aus der Hilflosigkeit. Je älter die beiden wurden, umso ruhiger wurde es – meinem Gefühl nach jedenfalls. Vielleicht weil beide aufgrund des Alters körperlich abbauten und für solche Exzesse die Kraft gar nicht mehr da war, vielleicht weil der Stress weniger wurde, als immer mehr Kinder ausgezogen sind. Vielleicht denke ich auch nur, dass es ruhiger wurde, denn ich lebte ja nicht mehr dort und bekam es einfach nicht mehr mit – wollte es auch nicht mehr mitkriegen. Angesprochen wurde dieses Thema in der Familie nie mehr. Vermutlich waren alle froh, es nicht mehr miterleben zu müssen. Es wurde einfach verdrängt. Das Leben ging weiter. Meine Großeltern starben. Ich fühlte mich zum Glück durch das Erlebte nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil: Ich wusste genau, wie ich es in meinem Leben nicht haben wollte, und tat, was notwendig war, um es anders zu machen. In der Psychologie bezeichnet man dies als ausgeprägte Resilienz. Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 143 Ich empfand mich nie als Opfer. Weder als Opfer meiner Kindheit, noch als Opfer, weil ich eine Frau bin – im Gegenteil. Ich fühlte mich als Frau immer sehr wertgeschätzt und unterstützt. Wenn nicht, wusste ich mir Hilfe zu holen. Als Frau hat man in unserer Kultur zum Glück dieses Privileg. Nicht jedoch als Mann – was ich aber erst später in vollem Umfang realisierte. Mit 34 Jahren erfüllte ich mir meinen lang gehegten Berufswunsch und begann, Psychologie zu studieren – nicht aufgrund meiner schlimmen Kindheit. Für mich war es normal so aufzuwachsen; ich kannte es ja nicht anders. Ich wollte nur schon immer wissen, was Menschen dazu bringt sich so zu verhalten, wie sie es tun. Also studierte ich die Lehre vom Erleben, Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen – und bekam Antworten. Es klärte sich einiges für mich, und ich verstand die Mechanismen, die das ganze Drama zu einer Endlosschleife für meine Großeltern werden ließ und ihnen beiden damit das Leben so unerträglich schwer, leidvoll und unglücklich machte. Ich bekam endlich Erklärungsmodelle und Theorien auf so viele meiner Fragen, zum Beispiel warum keiner von beiden versucht hat, sich aus der unglücklichen Familiensituation zu befreien: Beide fühlten sich der familiären Situation ausgeliefert und nicht in der Lage, etwas daran zu ändern. Beide wollten eigentlich gut für ihre Familie sorgen und schafften dies nicht mit den Mitteln und Fähigkeiten, die ihnen persönlich zur Verfügung standen. Die dadurch entstandenen Selbstzweifel sowie ein negatives Selbstbild führten bei meinem Großvater zur Resignation, die ihn immer weiter in den Alkoholmissbrauch trieb. Seine Resignation und das Trinken sowie die Unzufriedenheit mit sich selbst und dem Leben trieb wiederum meine Großmutter immer weiter in die Wut und die Aggressionen. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn es Hilfe gegeben hätte – für beide! Eine Stelle oder jemanden, an den man sich hätte wenden können. Wenn die Nachbarn mal die Polizei geholt hätten. Wenn mein Großvater anstatt ausgelacht zu werden ein offenes Ohr, einen Zufluchtsort oder tröstende Worte der Hoffnung bekommen hätte. Wenn diese Negativspirale durch irgendetwas durchbrochen worden wäre. Auch meine Großmutter hätte dringend Hilfe gebraucht. Hilfe dabei, zu lernen, anders mit ihrer Wut umzugehen, ihre Erwartungen zu Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 144 reflektieren, ihre Kaufsucht in den Griff zu bekommen oder zu erkennen, wann sie mit allem überfordert war, und Hilfe zu holen. All das und noch viel mehr hätte helfen können. Während ich also all die Erklärungen, Entstehungsmodelle, aufrechterhaltende Faktoren und mögliche Interventionen studierte und mich in meinen Abschlussarbeiten intensiv mit den Themen häusliche Gewalt, Geschlechterrollen und Geschlechterstereotype befasste, musste ich zu meinem Bedauern feststellen, dass meine Großeltern heute – fast 40 Jahre später – sich wahrscheinlich immer noch in derselben Situation befänden wie früher und für sie nach wie vor keine oder keine erreichbaren Anlaufstellen oder Unterstützungsmöglichkeiten vorhanden wären. Wenn sie noch am Leben wären, würden sie sich vermutlich immer noch prügeln. Dass es sich bei meinen Großeltern nicht um einen bedauerlichen Einzelfall handelte, zeigten mir nicht nur eigene Beobachtungen, Erzählungen anderer oder veröffentlichte Studien zu diesem Thema. Während meiner Tätigkeit im Männerberatungsnetz erfuhr ich von so vielen weiteren familiären Tragödien, dass es mir manchmal fast das Herz brach. Es kamen Männer aus allen sozialen Schichten und Berufen. Von Doktoren der Mathematik und Physik, Managern, leitenden Bankangestellten bis hin zu arbeitslosen und gesundheitlich wie körperlich eingeschränkten Männern. Immer waren Kinder mit im Spiel. Immer extreme Demütigungen, jahrelanger psychischer Terror und körperliche Gewaltausbrüche seitens ihrer Frauen (primäre Viktimisierung205). Nie hat einer der Männer Anzeige gegen seine Frau erstattet (soviel zur Aussagekraft von kriminalpolizeilichen Statistiken). Wenn die Polizei jedoch zum Beispiel von Außenstehenden alarmiert wurde, bekamen sogar meist die Männer einen Platzverweis oder eine 205 Das Online-Kriminologie-Lexikon „Krimlex“ erklärt die von mir verwendeten Ausdrücke unter Verweis auf Hans Joachim Schneiders Fachbuch Viktimologie, UTB 1975, S. 15, wie folgt: „Der Begriff ‚Viktimisierung‘ wird in der kriminologischen Terminologie genutzt, um den Prozess des ‚Zum-Opfer-Werdens‘ bzw. ‚Zum-Opfer-Machens‘ (…) zu erfassen und beschreibt damit die unmittelbaren opferorientierten Ursachen und Wirkungen der Straftat (primäre Viktimisierung) einerseits sowie die indirekten Folgen der Straftat für das Opfer im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen dem Opfer und seinem sozialen Umfeld bzw. den Instanzen sozialer Kontrolle andererseits (sekundäre, tertiäre Viktimisierung).“ Vgl. http://www.krimlex.de/artikel.php?BUCHSTABE=&KL_ID=202. Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 145 Anzeige, da es ihre Frauen stets verstanden, sich als Opfer zu präsentieren und diesen Frauen auch immer die Opferrolle zugesprochen wurde. Den Männern wurde nicht zugehört, nicht geglaubt. Ihnen wurden Dinge unterstellt, Hilfe oder Unterstützung verweigert. Noch dazu wurden sie bestraft. Die Männer mussten dann zum Beispiel Anti-Aggressionstrainings – natürlich auf eigene Kosten – absolvieren und schauen, wie sie auch sonst weiter klar kamen. Obwohl sie selbst Opfer waren, wurde ihnen immer wieder von allen Seiten suggeriert, sie allein seien die Aggressoren (sekundäre Viktimisierung). So konnte zum Beispiel einer der Männer, die sich an mich wandten, über mehrere Jahre lang seine Wohnung nicht mehr verlassen. Er litt an einer degenerativen neurologischen Erkrankung und war auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Frau nahm ihm den Rollstuhl weg (er war ihr im Weg), demütigte ihren Mann fortlaufend, bezeichnete ihn unter anderem als „unnützen Krüppel“, der ihr nur noch auf der Tasche liege und ihr keinen Nutzen mehr bringe. Um sich fortzubewegen musste er durch die Wohnung robben, zuletzt nur noch in Unterhosen, weil sie seine Wäsche nicht mehr mit wusch, sondern entsorgte. Warum solle sie ihn unterstützen und versorgen, er würde sich ja auch nicht um sie kümmern, sei kein richtiger Mann, sondern ein Versager und nur noch eine Last. Er war ihr komplett ausgeliefert. Oft schlug sie in ihrer Wut und Überforderung auf ihn ein. Als er diese jahrelange Demütigung nicht mehr ertragen konnte und Gegenstände nach ihr warf, um sie von sich fern zu halten, holte sie die Polizei: Sie fühle sich von ihm bedroht, und die Kinder hätten Angst vor ihm. Sie ließ ihm einen Platzverweis erteilen und erwirkte ein Kontaktverbot. Obwohl es wohl das Beste war, was ihm passieren konnte, empfindet er es als Strafe, fühlt sich schuldig, als Versager (tertiäre Viktimisierung) und würde lieber wieder heute als morgen zurück zu seiner Frau und natürlich zu seinen Kindern – die sie ihm seither vorenthält. Ich könnte noch von vielen weiteren solcher perfiden Tragödien berichten. Das Ergebnis war und ist so gut wie immer dasselbe. Häusliche Gewalt wird leider bisher immer noch nur einseitig betrachtet. Es herrscht nach wie vor die Meinung, dass die Männer immer Täter und die Frauen immer Opfer sind. Was häusliche Gewalt an- Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 146 geht, gibt es aber keine eindeutige Täter- und Opferrollen. Die ganze Familie ist stets Opfer solcher Ausbrüche. Trotz unzähliger, teils schon vor Jahrzehnten veröffentlichter Studien206 und jahrelangen Bemühungen darauf hinzuweisen, dass Männer und Frauen gleichermaßen häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, die Gewalt sogar häufiger von den Frauen initiiert wird, halten sich alteingesessene Stereotype und gesellschaftliche Glaubenssätze über den bösen Mann und die arme Frau. Diese werden sogar durch die einseitige staatliche Unterstützung und ebenso einseitige mediale Berichterstattung befeuert. Wie kann denn ein menschliches und partnerschaftliches Miteinander funktionieren, wenn ein geschlechtliches Gegeneinander propagiert und praktiziert wird? Die Kinder, die in diesen Fällen involviert sind (und nicht immer so glimpflich davon kommen wie ich), sind leider auch kaum Thema, es sei denn, dass sie selbst Opfer der Gewalt sind und dies anhand von deutlichen Spuren (psychisch oder physisch) erkennbar ist. Es werden große Summen an Geldern für Gewaltprävention an Schulen und Kindergärten investiert, um Kindern und Jugendlichen einen rücksichtsvollen Umgang miteinander beizubringen und um Konflikte im Einvernehmen und ohne Gewalt zu lösen – was ich für sehr sinnvoll und notwendig halte. Aber wie effektiv können diese Maßnahmen denn überhaupt sein, wenn schon das eigene Zuhause ein Ort der Demütigungen, der Angst und der Gewalt ist und man so in diese Welt hineinwächst? Hier müsste viel früher angesetzt werden, um sinnvolle und effektive Prävention zu leisten. Allen Beteiligten müssten Unterstützungsangebote nach Bedarf zur Verfügung gestellt werden. Den Familien ist nicht damit geholfen, einseitige Täter- und Opferzuschreibungen und entsprechend geartete und voneinander getrennte Interventionen aufrecht zu erhalten. Durch die normativ hergestellte Einteilung „Mann/Täter – Frau/Opfer“ schafft man eher eine Kluft in den Familien, anstatt sie zusammenzubringen und sie dazu zu befähigen, Probleme konstruktiv und gemeinsam zu lösen. Man erzeugt zwei sich diametral gegenüberstehende Parteien: die eine gut, die andere schlecht. Dadurch sind andere Beteiligte 206 Einen exzellenten Überblick über mehr als 560 solcher Studien bietet die zuletzt 2017 aktualisierte Website https://frauengewalt.wordpress.com. Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 147 (angefangen bei Familienmitgliedern bis hin zu Nachbarn, Polizei und der Gesamtgesellschaft) gezwungen, Partei zu ergreifen. Vielleicht sollte man weniger darüber diskutieren, wer denn Täter und wer Opfer ist, sondern Gesamtprogramme erstellen, an denen alle Beteiligten teilnehmen müssen, wenn häusliche Gewalt im Spiel ist. Es müssten Familienprogramme und Familieninterventionen aus einer Hand erstellt werden. Dann könnte klar erkannt werden, wer sich wann wie verhält und an was gearbeitet werden müsste, damit keiner mehr Opfer und keiner mehr Täter sein muss, sondern die Beteiligten gleichberechtigte Partner, verantwortungsvolle Eltern und selbstbewusste Kinder werden können. Auf Dauer ist ein Miteinander für alle vorteilhafter und gewinnbringender als ein Gegeneinander. Dazu braucht es jedoch einen Wandel im gesamtgesellschaftlichen Denken, einen ganzheitlichen Blick auf das System Familie und Partnerschaft, ein Miteinander von Männern und Frauen, sowie klare staatliche und mediale Signale, dass häusliche Gewalt keine einseitige Geschichte ist. Die Abwertung der Männer durch das Nicht-anerkennen-Wollen ihrer Notlagen und das Verweigern von Unterstützung – nicht nur im Bereich der häuslichen Gewalt – muss aufhören! Vielleicht würden dann auch weitere gesellschaftliche Probleme wie zum Beispiel die extrem hohe Suizidrate bei Männern zurückgehen. Solange kein neues Gesamtkonzept für betroffene Familien erarbeitet ist, halte ich es für notwendig, den Bereich zu unterstützen, der bisher am wenigsten unterstützt wird – männliche Opfer von häuslicher Gewalt. An der Situation früher konnte ich als Kind nichts ändern. Heute bin ich erwachsen und nicht mehr hilflos ausgeliefert. Heute kann ich mich engagieren, Hilfsmöglichkeiten schaffen und etwas für diejenigen beitragen, die Unterstützung brauchen. Denn gesellschaftlicher Wandel oder ein Umdenken beginnt bei jedem einzelnen von uns. Genau aus diesem Grund – und aus noch vielen anderen – engagiere ich mich als Frau, als Psychologin, aber in erster Linie als Mensch für männliche Opfer von häuslicher Gewalt. Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze 148

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.