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Arne Hoffmann, Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur in:

Arne Hoffmann (Ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 1 - 40

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-1

Tectum, Baden-Baden
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Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur Vorwort des Herausgebers „Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt der Gegensätze. Die Kunst besteht darin, diese Gegensätze miteinander zu versöhnen. Das bedeutet, da ist etwas in der Mitte. Und die Mitte ist kein Kompromiss, sie ist die Macht von beidem.“ David Lynch, Regisseur „Ich bin ein Männerrechtler (oder Maskulist), wenn Männerrechte und Männerbefreiung mit gleichen Chancen und gleicher Verantwortung für beide Geschlechter definiert werden. Ich bin ein Frauenrechtler, wenn Feminismus gleiche Chancen und Verantwortung für beide Geschlechter propagiert.“ Warren Farrell, Stammvater der Männerrechtsbewegung (Maskulismus) „Ich bin Tibeter, ich bin Buddhist und ich bin der Dalai Lama, aber wenn ich diese Unterschiede betone, hebt es mich von anderen Menschen ab. Was wir tun müssen, ist, mehr auf die Art und Weise zu achten, in der wir mit anderen Menschen gleich sind.“ Tweet des Dalai Lama am 21. Mai 2018 „Aus den Nachrichten und den sozialen Medien würden Sie es niemals erfahren, aber im ganzen Land gibt es Anzeichen dafür, dass Menschen versuchen, trennende Grenzen zu überwinden und aus ihren politischen Lagern auszubrechen.“ Amy Chua, US-amerikanische Publizistin, 2018 „Wir sollten ein Buch auf den Markt bringen, das erklärt, wie Frauenund Männerbewegung am sinnvollsten zusammenarbeiten könnten, um die Angehörigen beider Geschlechter politisch voranzubringen.“ Diesen Vorschlag machte ich meinem damaligen Verleger auf der Frankfurter Buchmesse 2002. Sinn der Sache war, einen Nachfolgeband zu meinem Titel „Sind Frauen bessere Menschen? Plädoyer für einen selbstbewussten Mann“ zu finden – einem Buch, in dem ich dazu aufrief, in der Geschlechterdebatte beide Seiten der Medaille zu sehen. 1 Mein Verleger wies meinen Vorschlag zurück. „Sie müssen den Leuten überhaupt erst mal klar machen, dass es eine Männerbewegung gibt“, sagte er. „Die Wahrnehmung dafür ist doch noch überhaupt nicht vorhanden.“ Er hatte natürlich Recht, wie das bei Verlegern häufig der Fall ist. Deshalb verbrachte ich die folgenden 15 Jahre damit, diese geschlechterpolitische Bewegung voranzubringen und auf sie aufmerksam zu machen. Ihr zentrales Ziel nenne ich in meinem Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ (2014): „Maskulisten geht es darum, Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen in Bezug auf alle Menschen einschließlich der Männer zu erforschen, herauszufinden, was die möglicherweise vielfältigen Ursachen dafür sind, und realistische Lösungsstrategien zu entwickeln, die dann in einer gerechten Politik zur Anwendung kommen.“1 Die Themenfelder, in die sich das auffächert, sind so umfangreich, dass sie nur stichpunktartig genannt werden können: Sabotieren des Kontaktes von Trennungsvätern zu ihren Kindern. Häusliche Gewalt gegen Männer. Sexueller Missbrauch von Jungen. Benachteiligung von Jungen in der Schule. Diskriminierung bei Einstellungen und Beförderungen (beispielsweise durch eine Frauenquote2). Obdachlosigkeit (zu geschätzten achtzig bis neunzig Prozent männlich3). Selbsttötungen (dreimal so häufig von Männern begangen). Falschbeschuldigungen. Sexistische Justiz. Sexistische Behörden. Sexistische Gesundheitspolitik. Sexuelle Gewalt gegen Männer im Krieg.4 Zwangsrekrutierungen. Menschenhandel. Genitalverstümmelungen von Jungen, mitunter mit 1 Hoffmann, Arne: Plädoyer für eine linke Männerpolitik. CreateSpace 2014, S. 11. 2 Vgl. zur Frauenquote als Menschenrechtsverletzung Rhodes Aaron: Mannomann, online seit dem 25.12.2014 unter https://www.zeit.de/2014/51/frauenquote-menschenrechte-verstoss. 3 Vgl. Malyssek, Jürgen und Störch, Klaus: Wohnungslose Menschen. Ausgrenzung und Stigmatisierung. Lambertus 2009, S. 17. 4 „Sexuelle Gewalt gegen Männer ist zweifellos eines der schwerwiegendsten Menschenrechtsprobleme unserer Zeit“, erklärt der britische Politikwissenschaftler Dr. Amalendu Misra in seinem Buch „The Landscape of Silence. Sexual Violence against Men in War“ (Hurst & Company 2015, S. 143). Von über 4000 Regierungsorganisationen, die sich mit sexueller Gewalt in militärischen Konflikten beschäftigen, sprechen jedoch nur drei Prozent explizit über männliche Opfer: „Es gibt nur geringes bis gar kein Interesse daran, sich mit ihren Fällen zu beschäftigen.“ (S. 199-200). Die einzige politische Bewegung, die sich gegen diese Form sexueller Gewalt engagiert, Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 2 tödlichem Ausgang. Geschlechtsbezogene Massentötungen (Genderzide). Zwangsarbeit und Todesstrafe. Pauschale Abwertungen männlicher Zuwanderer. Schwulenfeindlichkeit. Männerfeindlichkeit in Politik und Medien. Totschweigen oder parteiliche Berichterstattung über Männeranliegen und Männerrechtler in den Medien. Fehlende Forschung zu verschiedenen aufgeführten Problemen. All diese und andere Aspekte werden in der maskulistischen Literatur mit zahlreichen Belegen diskutiert. In den letzten Jahren haben Männeraktivisten die bislang fehlende Aufmerksamkeit erzielt – zwar längst nicht in den traditionellen Medien, wo sie weitgehend noch immer totgeschwiegen werden, wohl aber in den neuen Medien des World Wide Web. Der Feministin Angela Nagle zufolge sind in der sogenannten „Mannosphäre“ des Internets in den letzten Jahren sogar derart viele weltanschaulich und politisch heterogene Websites und Subkulturen aus dem Boden geschossen, „dass dies zweifellos als ‚digitale Revolution‘ verzeichnet worden wäre, wenn es sich um andere kulturelle und politische Milieus gehandelt hätte“.5 Dass die klassischen Medien über diese Revolution entweder gar nicht oder nur herabsetzend berichtet haben, zeigt ein starkes Desinteresse an Dingen, die viele Bürger sehr beschäftigen. Auch dieses demonstrative Desinteresse hat zum Niedergang der traditionellen Medien beigetragen. Für ihr Engagement ernten Maskulisten Anerkennung, aber auch Feindseligkeit. Im Laufe der letzten 15 Jahre habe ich überdeutlich zu spüren bekommen, welchen massiven Widerstand es in unserer Gesellschaft auslöst, wenn man dazu aufruft, Männern ebenso viel Mitgeist der Maskulismus, der seinerseits entweder ignoriert oder angefeindet wird. Misra selbst geht es nicht anders: „Ich habe nach Seminaren feindselige Angriffe von vielen anderen Akademikern erhalten, die nicht glauben, ‚dass dieses Thema Wert ist, darüber zu sprechen‘. Vergewaltiger haben über die Erwähnung ihrer schrecklichen Taten gelächelt. (…) Und dann gibt es die Allgemeinbevölkerung, die komplett ahnungslos ist, was dieses Thema betrifft.“ (S. 226) Sobald man allerdings Ärger über dieses und andere Missverhältnisse zeigt, wird man unweigerlich als „wütender wei- ßer Mann“ etikettiert, der wegen „des Verlusts seiner Privilegien“ tobe. Ich selbst behandle sexuelle Gewalt gegen Männer in militärischen Konflikten ausführlicher in meinem Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ (CreateSpace 2014). 5 Nagle, Angela: Die digitale Gegenrevolution. transcript 2018, S. 105. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 3 fühl zukommen zu lassen wie Frauen. Dass dies nicht geschieht wird inzwischen als „Gender Empathy Gap“ bezeichnet6. Mehrere wissenschaftliche Studien gelangen zu dem Ergebnis, dass das Leiden von Frauen größere Sorge erzeugt als das Leiden von Männern: „Die Teilnehmer gaben Männern stärker für deren eigene Benachteiligung die Schuld, waren mehr dafür, eine Politik zu unterstützen, die Frauen begünstigt, und spendeten mehr für ein Obdachlosenheim allein für Frauen als für ein Obdachlosenheim allein für Männer. Weibliche Teilnehmer waren parteiischer für das eigene Geschlecht, empfanden von Frauen erlittenen Schaden als problematischer und unterstützten eine Politik, die Frauen begünstigt, stärker.“7 Der Gender Empathy Gap wird verstärkt, wenn postmoderne Feministinnen oder identitätspolitisch agierende dogmatische Linke sexistischrassistische Ausdrücke wie „alte weiße Männer“ zum Zweck der Herabsetzung verwenden. Denn das impliziert, dass man diese Gruppe – mit all ihren Problemen und sozialen Anliegen – nicht ernst nehmen oder sogar bekämpfen muss. Parallelen dieser Auffassung zum Rechtspopulismus sind unverkennbar. Dessen wesentliches Merkmal bringen der Rechtsextremismus-Experte Professor Walter Ötsch und die Politikwissenschaftlerin Nina Horaczek folgendermaßen auf den Punkt: „Die Politik von Rechtspopulisten beruht auf einem einzigen Grundgedanken, einem selbst gestrickten Bild der Gesellschaft. Dieses Bild ist die Basis des Rechtspopulismus. So sieht das Bild aus: Hier sind WIR und dort sind die ANDEREN. Diese beiden Gruppen braucht der Rechtspopulismus. Sonst nichts. (…) Die ANDEREN sind immer Feinde, die UNS unterdrücken. Die ANDEREN verfügen über eine gewaltige Macht. Die ANDEREN sind übermächtig. Sie bedrohen UNS. Und WIR müssen Angst vor IHNEN haben. Deshalb bleibt UNS nur ein Ausweg: Wir müssen UNS gegen die ANDE- 6 Vgl. Zimbardo, Philip: Young Men and the Empathy Gap. Online seit dem 15.8.2017 unter https://www.psychologytoday.com/ca/blog/hero/201708/young-men-and-theempathy-gap. Der deutsche Publizist Gunnar Kunz erklärte den 11. Juli zum Gender Empathy Gap Day. An diesem Datum soll auf die Empathielücke zu Lasten von Männern aufmerksam gemacht werden. Vgl. Kunz, Gunnar: Gender Empathy Gap Day, online seit dem 23.6.2018 unter https://alternativlos-aquarium.blogspot.com/ 2018/06/gender-empathy-gap-day.html. 7 Vgl. Reynold, Tania und andere: Man up and take it: Greater concern for female than male suffering. Präsentiert beim 30. Jahrestreffen der Human Behavior and Evolution Society vom 4. bis 7. Juli 2018. Die Zusammenfassung der Metastudie steht online unter https://static1.squarespace.com/static/54e0f3f4e4b093f6b2b491a0 /t/5b3223f62b6a28366b4cb77a/1530012671813/Fullprogram+HBES+2018.pdf. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 4 REN wehren. (…) Es ist eine Welt voller Schrecken und damit die perfekte Vorlage für die Aktivierung von Ängsten – ideal für eine Bevölkerung, die von Ängsten geplagt ist und ideal für Personen, die selbst in einer Welt voller Ängste leben.“8 Diese Parallelen zwischen Aspekten der vorherrschenden feministischen Ideologie (etwas des „Patriarchats“, also der „Frauen unterdrückenden Männerherrschaft“) und der rechtspopulistischen Ideologie sind bislang nur unzureichend untersucht worden. Dabei haben sie durchaus ähnliche Folgen. So zeigen Ötsch und Horaczek, dass ein Resultat der rechtspopulistischen Rhetorik darin besteht, Mitleid gegen- über Mitgliedern der angefeindeten „Unterdrücker“-Gruppe zu senken.9 Dieselbe Rhetorik findet man auch in einflussreichen feministischen Formaten, so etwa in dem spöttischen Videoclip „Ein Herz für weiße heterosexuelle Männer“ des von ARD und ZDF für 14- bis 29- Jährige geschaffenen Medienangebots FUNK. Dieser Clip macht die Auffassung, auch Mitglieder dieser Gruppe könnten Mitleid und Empathie verdient haben, gezielt lächerlich und knüpft so an den bestehenden Gender Empathy Gap an.10 Einer der noch recht wenigen Journalisten, die die Empathie- Lücke zu Lasten von Männern zu schließen beginnen, ist der SPIEGEL- Mitarbeiter Jochen-Martin Gutsch, der in Ausgabe 23/2018 seines Magazins die Gründe dafür erläuterte, warum Sensibilität für Männeranliegen in unserer Gesellschaft keine politische Heimat findet: „Die Grünen machen bis heute ausschließlich Frauenpolitik. Bei der SPD ist es ähnlich. Die CDU sieht eine Männerpolitik kritisch, weil der ‚schwache Mann‘ nicht in ihr traditionelles Männerbild passt. Und die Linken, beeinflusst von der Genderwissenschaft, halten Männer und Frauen sowieso für überholte Geschlechterkategorien, die es zu überwinden gilt.“11 8 Vgl. Ötsch, Walter Horaczek, Nina: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung. Westend 2017, S. 13 und 21. 9 Vgl. Ötsch, Walter Horaczek, Nina: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung. Westend 2017, S. 68. 10 Vgl. kritisch zu dem FUNK-Videoclip die männerpolitische NGO MANNdat unter https://manndat.de/medien/ard-und-zdf-trimmen-jugendliche-auf-maennerhass.html. 11 Vgl. Gutsch, Jochen-Martin: Wann ist ein Mann ein Mann? In: Der Spiegel Nr. 23/2018, S. 54. Gutsch zitiert hier Dag Schölper, Geschäftsführer des dem Bundesfrauenministerium untergeordneten Bundesforums Männer. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 5 Es herrscht allerdings nicht nur Desinteresse, sondern ein regelrechtes Sprechverbot. Dazu hatte unter anderem der Publizist Thomas Gesterkamp aufgerufen, der um Männerrechtler (Maskulisten) einen „cordon sanitaire“ gezogen sehen wollte – ähnlich wie um Rechtsextremisten, die von Taxifahrern nicht befördert werden und von Hoteliers keine Unterkunft erhalten.12 Die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling, die aus dem Amt geworfen wurde, weil sie sich auch um Jungen und Männer zu kümmern begann, berichtet von einem Pamphlet ähnlichen Inhalts, das Gesterkamp für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt hatte: „Diese kleine Broschüre, sie hat weit unter 100 Seiten, ist dann in Windeseile in den bundesweiten und regionalen Frauennetzwerken verteilt worden. (…) Die Broschüre lag auf den Tischen auf der Bundestagung der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten in Wuppertal aus, und es wurde gezielt vom Podium darauf hingewiesen“. Das Motto lautete: „Nehmt bloß keinen Kontakt mit diesen ‚Männerbünden‘ auf.“ Ebeling berichtet weiter: „Man konnte den erhobenen Zeigefinger hinter diesen Worten deutlich spüren, und es schwang auch etwas Ängstlichkeit mit. Ratzfatz war das Pamphlet von der Bundestagung der Gleichstellungsbeauftragten in die Landeskonferenzen gelangt und kurz darauf in die regionalen Frauennetzwerke gewandert.“13 In der Perspektive solcher Propaganda besteht die Welt immer aus Freunden und Feinden. Es gibt keine Meinungsverschiedenheiten, sondern nur Feindseligkeiten, keine Argumente, sondern nur Angriffe, keine Kritik, sondern nur bösartige Hate Speech. Deshalb ist die politische Agenda, die aus einer solchen Weltsicht entsteht, auch nicht da- 12 Vgl. Gesterkamp, Thomas: „Gleichheit als umkämpftes Terrain? Wie antifeministische Männerrechtler emanzipatorische Begriffe umdeuten“. Online unter https:// www.boell-nrw.de/sites/default/files/downloads/Bochum_Thomas_Gesterkamp_ Dossier.pdf. Für seine krude Polemik erntete Gesterkamp allerdings auch reihenweise Kritik bis hin zu dem renommierte Professor für Staatsrecht Ingo von Münch, Begründer eines Grundgesetz-Kommentars und Verfasser mehrerer juristischer Lehrbücher, der davor warnte, Diskussionen in dieser Art abzuwürgen, politisch-ideologisch nicht Angepassten den Zutritt zu verweigern und ein Meinungsmonopol zu errichten. Die hier betriebene Ausgrenzung ziele gegen den Grundgedanken und das Lebensprinzip jeder freiheitlichen Demokratie. Vgl. von Münch, Ingo: Rechtspolitik und Rechtskultur. Kommentare zum Zustand der Bundesrepublik Deutschland. Berliner Wissenschaftsverlag 2011, S. 211-214. 13 Vgl. Ebeling, Monika: Die Gleichberechtigungsfalle. Herder 2012, S. 114-115. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 6 rauf ausgerichtet, zu differenzieren und Vielschichtigkeit sichtbar werden zu lassen. Stattdessen muss die abweichende Meinung isoliert und unschädlich gemacht werden. Es herrscht ein manichäisches Weltbild, in dem es keinen Dialog geben kann und keine gegenseitige Achtung beider Lager im politischen Wettstreit miteinander. Ein Ein-Parteien- System wird für selbstverständlich erklärt.14 „Insgesamt haftet dem Einsatz für Männerrechte (eigentlich ja nur das Pendant zu Frauenrechten!) sehr schnell der Verdacht rückwärtsgewandter Männerseilschaften an“, erklärte der österreichische Professor für Psychologie Josef Christian Aigner, der schwerpunktmäßig zu Geschlechterthemen forscht und veröffentlicht. „Auch wer das ganze politische Leben für ‚fortschrittliche‘ Ziele eingetreten ist, muss sich beim Einsatz für Männerrechte schnell als rechtslastiger ‚Maskulist‘ verunglimpfen lassen (wobei auch ‚Maskulismus‘ eigentlich nur das Pendant zum ‚Feminismus‘ ist).“15 Insofern findet sich aggressive Rhetorik, die Männerrechtler mit Rechtsextremen verknüpft, immer wieder. „Maskus und Nazis sind menschlicher Abschaum“ twittert beispielsweise der Publizist Michael Seemann.16 „Nazis und Maskus mit Büchern die Zähne einschlagen ist richtig und wichtig“ twittert eine Userin mit dem Pseudonym Alice in Standard Land.17 „Die Mehrheit der Maskulinisten 1) halten Vergewaltigung für Sex und 2) sagen, Feminismus sei aus jemandem herausvögelbar“18 behauptet Sibel Schick, Autorin des feministischen Missy Magazin auf Twitter. Auch nur irgendetwas ähnliches wie ein Beleg wird für derlei Unterstellungen nicht benötigt: Es geht darum, durch möglichst plakative Stimmungsmache gegen Andersdenkende mög- 14 Ich habe mich für diese Passage an einem Aufsatz Murat Kaymans über Erdogans AKP orientiert, vgl. http://murat-kayman.de/2018/06/03/osmanische-krieger-amrheinufer/. 15 Vgl. Aigner, Josef Christian: Jetzt ist es amtlich: Gender-Unrecht gegen Männer. In: Die Presse vom 22.3.2018, online unter https://diepresse.com/home/meinung/gast kommentar/5393721/Jetzt-ist-es-amtlich_GenderUnrecht-gegen-Maenner. 16 Vgl. Seemann, Michael unter https://twitter.com/mspro/status/4429920224385679 36. 17 Vgl. https://twitter.com/staci_stasis/status/1040693781102772224. Der Tweet wurde zwischenzeitlich gelöscht, ein, Screenshot davon liegt vor. 18 Vgl. Schick, Sibel unter https://twitter.com/sibelschick/status/10420169742204846 08. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 7 lichst viel Aufmerksamkeit zu erhaschen. Aber nichts legitimiert Maskulismus mehr als die, die ihn und seine Vertreter auf diese Weise bekämpfen. Die Attacken auf Maskulisten sind wohl auch deshalb so stark, weil Maskulisten Sexismus gegen Männer bekämpfen, dieser Sexismus aber bislang nur von wenigen als soziales Problem analysiert wurde, so etwa von dem Moralphilosophen David Benatar.19 Anhängern eines extremen Feminismus erscheint es insofern legitim, Maskulisten durch Ausgrenzung und Diffamierung an der Bekämpfung von Sexismus zu hindern. In ihrer Vorstellungswelt kommen Männer allein als Unterdrücker vor. „Der einzige sinnvolle Twittertrend momentan: #MenAreTrash“, befindet Stefanie Lohaus, Gründerin des Missy Magazins20, wobei ihr Sibel Schick mit einer Reihe entsprechender Tweets zustimmt.21 Dabei ist #MenAreTrash nur einer von vielen sexistischen Hashtags des gegenwärtigen Netzfeminismus – ähnlich eingesetzt werden #killallmen, #menaretheproblem, #castratemen, #toxicmasculinity, #maletears, #MasculinitySoFragile und dergleichen mehr. Viele Tweets mit solchen Hashtags erhalten zahlreiche Zustimmung. Dabei spiegelt auch und gerade #MenAreTrash rechtspopulistische Rhetorik, die Ötsch und Horaczek so zusammenfassen: „Die Zuhörer und Sympathisanten sollen sich dem WIR zugehörig fühlen, Angst und Hass den ANDEREN gegenüber empfinden und sich voller Begeisterung hinter ihrem SUPER-WIR sammeln.“22 Ein dezidierter Kritiker der skizzierten feministischen Rhetorik ist der Soziologieprofessor Anthony Synnott. „Es gibt nichts Radikales am 19 Vgl. hierzu Benatar, David: The Second Sexism. Discrimination Against Men and Boys. Wiley-Blackwell 2012. 20 Vgl. Lohaus, Stefanie unter https://twitter.com/slow_haus/status/10294688498911 72352. 21 Vgl. diverse Tweets von Sibel Schick, beispielsweise unter https://twitter.com/sibelschick/status/1029637375029391361 sowie https://twitter.com/sibelschick/status/ 1029614376100290560 sowie https://twitter.com/sibelschick/status/102947657901 6142848 sowie https://twitter.com/sibelschick/status/1029612158718537728 und zahllose Tweets mehr. Solche Anfeindungen erhalten hundertfach Signale der Zustimmung. 22 Vgl. Ötsch, Walter Horaczek, Nina: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung. Westend 2017, S. 56. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 8 Sexismus“, stellt er klar, „ob es sich um Frauen- oder um Männerfeindlichkeit handelt. Wie Rassismus und Antisemitismus, die ebenfalls manche Menschen als von Natur aus anderen überlegen einstufen, ist Sexismus nur eine Form von Faschismus.“23 Als nicht weniger problematisch empfindet er „das Versagen der nicht-sexistischen Feministinnen und antisexistischer Interessensgruppen, diesen neuen Sexismus zu verurteilen, darüber zu berichten, ihn zu analysieren und zu demontieren – mit demselben Eifer, Enthusiasmus und Erfolg, mit dem sie den alten Sexismus verurteilt haben und den Rassismus und andere menschenfeindliche Ideologien.“24 Ein Grund für die Unempfindlichkeit gegenüber den menschenfeindlichen Elementen der eigenen Position: Wenn Männerrechtler von manchen ideologisierten Gegnern beliebig als „rechts“ oder „rechtsextrem“ tituliert werden, können sich ihre Gegner ebenso beliebig als „links“ und aufgeklärt darstellen. Die erwähnten Anfeindungen sollen Männerrechtler und ihre Anliegen mit einem Tabu belegen, nutzen aber zugleich den wahren Rechtsextremen. Wer politische Gegner beliebig als „rechtsextrem“ oder als „Nazi“ tituliert, verwischt politisch taktierend die Grenze zwischen dem demokratischem Spektrum und rechtsradikalen Demokratiefeinden. Wenn ich vor dem Erstarken dieser Rechtsextremen warne (was ich in den sozialen Medien kontinuierlich tue), erhalte ich häufig zur Antwort, derlei Warnungen könnten doch nur hysterisch sein – schließlich würden ja auch Männerrechtler immer wieder als radikal rechts verunglimpft. Die erwähnten Anfeindungen, die sich hier im Rahmen der Geschlechterdebatte abspielen, sind dabei Teil einer insgesamt problematischen Entwicklung in den sogenannten sozialen Medien wie Twitter. Der ARD-Presseclub fasste dieses Problem in seiner Sendung „Debattenkultur im Zeitalter der kollektiven Erregung“ vom 5. August 2018 folgendermaßen zusammen: „Vom Hashtag zum Aufschrei dauert es oft nur noch wenige Stunden. (…) Hashtags beherrschten seit geraumer Zeit die Debattenthemen. (…) Doch die Hashtags sind keine neutralen Überschriften, sie liefern immer gleich 23 Vgl. Synnott, Anthony: Re-Thinking Men. Heroes, Villains and Victims. Ashgate 2009, S. 135. 24 Vgl. Synnott, Anthony: Re-Thinking Men. Heroes, Villains and Victims. Ashgate 2009, S. 161. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 9 eine Haltung mit. Entsprechend geht es in diesen Debatten nicht um Kompromissfindung, sondern um wechselseitige Diffamierung. Argumente der Gegenseite werden nicht gehört, sie werden abgetan als rassistisch, menschenverachtend, links- oder rechtsradikal. Es sind Scheindiskussionen ohne Erkenntnisgewinn, dafür voller Empörung.“25 Parallel zu diesen bedenklichen Entwicklungen stelle ich aber fest, dass ich mit meinem Engagement für Männer nicht nur bei Frauen im Allgemeinen, sondern auch bei Feministinnen immer mehr Anklang finde. Aus unseren Unterhaltungen miteinander entspann sich eine Idee: Warum setzen wir uns nicht mal zusammen zu einem gemeinsamen Projekt? Warum nehmen wir die ständig geforderte „Diversität“ nicht ernst und schreiben gemeinsam ein multiperspektivisches Buch, in dem die verschiedenen Lager ihre Sicht der Dinge darlegen und einander zuhören, statt in Frontstellung zueinander zu gehen und sich bis aufs Blut zu bekämpfen? Glücklicherweise verschafft mir meine Bekanntheit einen Luxus, den sonst kaum jemand in der Geschlechterdebatte genießt: Ich konnte aus den verschiedensten Richtungen (zum Beispiel Feministinnen, Maskulisten, Paartherapeuten und Konfliktforscher) einige derjenigen Menschen auswählen, die ich nach 20 Jahren Arbeit an diesem Thema für am klügsten halte, und sie bitten, mir mit ihren Beiträgen bei der Beantwortung der Fragen zu helfen, die mich beschäftigen: Können Frauen und Männer, Feministinnen und Maskulisten, für eine konstruktive Geschlechterpolitik zusammenarbeiten? In welchen Punkten? Mit welchem Nutzen? Was wäre notwendig, damit das funktionieren könnte? Welche Hindernisse gibt es? Wie stehen die Chancen für einen besseren Feminismus, der über „Männer sind Arschlöcher“ (so hieß 2018 ein Beitrag Sibel Schicks im Missy Magazin26) hinaus geht? Erfreulicherweise haben sich sofort viele Autorinnen und Autoren bereit gefunden, am vorliegenden Sammelband mitzuwirken. Damit positioniert sich dieses Buch zugleich konträr zu einer Partei wie der AfD, die – von allen anderen problematischen Aspekten abgesehen – ihrem 25 Vgl. die Website zum ARD-Presseclub vom 5.8.2018 unter https://www1.wdr.de/ daserste/presseclub/sendungen/debattenkultur-104.html. 26 Vgl. Schick, Sibel: Männer sind Arschlöcher. In: Missy Magazin vom 7.8.2018, online unter https://missy-magazine.de/blog/2018/08/07/maenner-sind-arschloecher. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 10 plumpen Antifeminismus nichts Positives entgegensetzen, sondern ihm rückwärts gewandte Geschlechterpolitik hinzufügen. Dabei kam es sogar im Vorlauf zu diesem Buch zu einer rufmörderischen Attacke seitens einer radikalfeministischen Gruppe. Der Gymnasiallehrer und Blogger Lucas Schoppe berichtet darüber: „Hoffmann (…) wird eben deshalb entstellend präsentiert, um ihn dann gegen eine andere Feministin ausspielen zu können. Als Mithu Sanyal für ihre Analyse zu Vergewaltigungen mit einem Preis ausgezeichnet worden sei, habe ihr doch tatsächlich auch Hoffmann auf ihrer Facebook-Seite gratuliert. Sanyal habe sich diese Glückwünsche dann nicht etwas empört verbeten, sondern sich auch noch dafür bedankt und ihn an ein gemeinsames Projekt erinnert (…). Sie steht so als Kollaborateurin mit dem Feind da, die für ihre Kollaboration mit einem Preis belohnt wurde. Der Vorwurf: Sie habe nicht nur mit Hoffmann korrespondiert, sondern auch noch Interesse an einem Interview mit dem Männerrechtler Christian Schmidt vom Blog ‚Alles Evolution‘ gezeigt. Allein schon die bloße Bereitschaft zum Gespräch erscheint hier als Verrat.“27 Wie Schoppe schildert, wurden auch andere Frauen, etwa die Filmemacherin Cassie Jaye und die FDP-Politikerin Katja Suding, von feministischen Akteurinnen unter Druck gesetzt, weil sie gesprächsbereit und offen für andere Perspektiven sind. „Jeweils wird einfach ein verzerrtes, irreführendes oder auch schlicht böswilliges Bild von einem Feind (…) gezeichnet, und dann wird eine andere Frau mit dem Hinweis diffamiert, dass sie diesem Feind gegenüber nicht genügend Abstand gehalten, vielleicht gar mit ihm gesprochen habe. Die Reihen fest geschlossen, übernimmt der heutige Feminismus damit eine Rolle, die in früheren Zeiten Sittenwächter, Pastoren oder Gouvernanten übernahmen: die der Zurichtung von Frauen, ihrer Einhegung und ihrer Verpflichtung auf ein enges Rollenkostüm, gerade im öffentlichen Agieren.“28 Auch der Diskurs der MeToo-Debatte torpediere, so die feministische Philosophin Svenja Flaßpöhler, eine erwachsene Kommunikation. Flaßpöhler beschreibt diesen Diskurs als „extrem verhärtend“, weil er „überhaupt nicht darauf angelegt ist, dass Männer mit Frauen in einen wirklichen, echten Dialog treten“. Stattdessen handele es sich um einen 27 Vgl. Schoppe, Lucas: Feministinnen gegen Frauen. Online seit dem 8.11.2017 unter https://man-tau.com/2017/11/08/frauenfeindlichkeit-feminismus. 28 Vgl. Schoppe, Lucas: Feministinnen gegen Frauen. Online seit dem 8.11.2017 unter https://man-tau.com/2017/11/08/frauenfeindlichkeit-feminismus/ Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 11 Anklagediskurs, der über die Öffentlichkeit gespielt werde, ähnlich wie bei Scheidungspaaren, die nur noch über einen Anwalt kommunizierten, weil sie selber nicht mehr miteinander reden könnten.29 Flaßpöhler führt hierzu aus: „Mich besorgt, dass wir gegenwärtig wieder extrem in politischen Lagern und Weltbildern denken. Die Grenzen der eigenen Ideologie werden streng überwacht. Die Differenzierung hat es in einer solchen geistigen Enge schwer. Entweder du bist für uns oder gegen uns: Das ist die Logik, die heute vorherrscht, auch in meinem Umfeld.“30 Svenja Flaßpöhler hat Recht. So erklärte die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung bereits im Vorwort ihrer Kampfschrift gegen die Männerrechtsbewegung, dass mit ihr „eine konstruktive Debatte nicht möglich“ sei.31 Währenddessen werden in der feministischen Twitterszene Listen von Blockempfehlungen gegen Männerrechtler (wörtlich: gegen „Maskus, Nazis, Macker, Derailing, Rechtsstaatmeinungsfreiheitgeschrei und Diskriminierung“) verteilt, so dass jede Netzfeministin sicherstellen kann, von abweichenden Meinungen, Argumenten und Informationen verschont zu bleiben.32 Wer auf Twitter doch auf einen Artikel der Männerbewegung verweist, wird z.B. von Feministinnen wie Antje Schrupp dafür augenblicklich zur Rede gestellt und muss sich rechtfertigen. Lucas Schoppe kommentiert diese Manöver so: „Dazu gehört es dann eben auch, im Netz falls nötig als Gouvernante aufzutreten und aufzupassen, dass niemand etwas Ungehöriges tut: Die eigenen Diskurse werden rein gehalten, indem die FREMDEN Diskurse draußen gehalten werden. Es ist dabei besonders wichtig und nur schlüssig, auf die Selbstbeschreibung der Fremden keine Rücksicht zu nehmen, sondern sie 29 Vgl. resonanzraum #5 – Svenja Flaßpöhler vs. Margarete Stokowski, online seit dem 1.6.2018 unter https://www.youtube.com/watch?v=CgFGTXKRuhQ. 30 Vgl. Gmünder, Stefan: Umstrittene Philosophin Svenja Flaßpöhler: „Man wird schnell zur Verräterin“. In: Der Standard vom 7.11.2018, online unter derstandard.at/2000090833581/Umstrittene-Philosophin-Svenja-Flasspoehler-Man-wirdschnell-zur-Verraeterin. 31 Vgl. Rosenbrock, Hinrich: Die antifeministische Männerrechtsbewegung – Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung. Heinrich-Böll-Stiftung 2012, S. 8. 32 Vgl. „Don Alphonso“ (Rainer Meyer): Der #Aufschrei, die Piraten und der Nazipranger. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.12.2013, online unter http:// blogs.faz.net/deus/2013/12/30/der-aufschrei-die-piraten-und-der-nazipranger -1886/. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 12 aus der Perspektive auf sie darzustellen – alles andere würde ja unweigerlich ihre Position einbinden. Wichtig ist zudem, sich nicht ernsthaft mit diesen fremden Positionen auseinandersetzen zu müssen, sondern sie über einfache Label auf die Ablage verschieben zu können. ‚Masku‘ muss reichen, und falls jemand dann immer noch nicht versteht, wird es halt zur Not noch mal mit ‚Nazi‘ kombiniert.“33 Der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault hatte solche Ausgrenzungsstrategien und Kommunikationsblockaden bereits in einem Text im Jahre 1984 treffend kritisiert: „Der Polemiker (…) tritt vor, gepanzert mit Vorrechten, die er von vornherein innehat und die er niemals in Frage stellen lässt. Er besitzt von Grund auf die Rechte, die ihn zur Kriegsführung autorisieren und die aus diesem Kampf ein gerechtes Unternehmen machen; er hat zum gegenüber nicht einen Partner in der Suche nach der Wahrheit, sondern einen Gegner, einen Feind, der Unrecht hat, der schädlich ist und dessen Existenz bereits eine Bedrohung darstellt. Das Spiel besteht für ihn folglich nicht darin, ihn als Subjekt anzuerkennen, das das Recht hat, auch das Wort zu ergreifen, sondern ihn als Gesprächspartner jedes möglichen Dialoges zu annullieren, und sein letztes Ziel wird es nicht sein, sich so gut er vermag einer schwierigen Wahrheit zu nähern, sondern die gerechte Sache triumphieren zu lassen, deren offenkundiger Träger er von Beginn an ist. Der Polemiker stützt sich auf eine Legitimität, von der sein Gegner per definitionem ausgeschlossen ist.“34 Allerdings sind die Sittenwächterinnen weniger das Problem als Personen des öffentlichen Lebens, die sich angstvoll ihren Forderungen beugen und dem befohlenen Kontaktverbot gegenüber Männerrechtlern eilfertig gehorchen. In einer Pressekonferenz der „IG Jungen, Männer, Väter“ berichtete deren Sprecher Gerd Riedmeier, der wenige Jahre zuvor den ersten ganzheitlichen, also für beide Geschlechter eintretenden, Genderkongress in Deutschland ausgerichtet hatte, welche Reaktionen er aus dem Bundesfrauenministerium erhielt, als er auch die Anliegen des männlichen Geschlechts zur Sprache bringen wollte. Der damalige Vorsitzende des Familienausschusses im Ministerium, Paul Lehrieder (CSU), habe Riedmeier und seinen Mitstreitern erklärt, er könne sie gerne einladen, um politische Vorschläge zu unterbreiten – „aber dann 33 Vgl. Schoppe, Lucas: Die stromlinienförmige Gesellschaft. Online seit dem 2.7.2018 unter https://man-tau.com/2018/07/02/wm-mannschaft-loew-merkel. 34 Vgl. Foucault. Michel: Polemik, Politik und Problematisierungen. Gespräch mit P. Rabinow, Mai 1984. In: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 725. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 13 sitze ich alleine da.“ Denn in den Bundestagsparteien erscheine alles, was Männer- und Väterpolitik darstelle, verdächtig und werde boykottiert.35 Eine ähnliche Erfahrung hatte zuvor die Organisation Gleichmaß e.V. bei dem Versuch gemacht, Schutzwohnungen für von häuslicher Gewalt betroffene Männer zu errichten. Sie wurde von allen etablierten Parteien, die zunächst Offenheit für dieses Thema signalisiert hatten, im Stich gelassen.36 Wenn Parteien und Medien den Sorgen und Problemen vieler Bürgerinnen und Bürger derart offen die kalte Schulter zeigen, ist das ein Problem. Auf der einen Seite steht eine Machtelite, die sich Männeranliegen versperrt. Auf der anderen Seite stehen immer mehr Menschen, die diese ignorante Haltung ebenso wahrnehmen wie die Mechanismen, die zu dieser Haltung geführt haben. Aufgrund der sozialen Medien bekommen aber immer mehr Menschen mit, welches perfide Spiel hier vonstatten geht. Viele dieser Menschen sind für feministische Anliegen kaum noch zu gewinnen. Sie wenden sich entsetzt ab. Statt dass Frauen- und Männeraktivisten sinnvoll zusammenarbeiten, hat sich in der Geschlechterpolitik eine absurde Frontstellung entwickelt, eine Meinungsklimakatastrophe. Dabei gibt es nüchtern betrachtet keinen Grund für Politiker, sich von den radikalsten und damit zugleich oft lautesten Feministinnen zu einem Kontaktverbot gegenüber Männerrechtlern nötigen zu lassen. Denn die eifernden Dogmatikerinnen sprechen keineswegs für den gesamten Feminismus. Das fand Mithu Sanyal heraus, als sie sich auf Facebook bei anderen Feministinnen erkundigte, ob sie auch mit Männerrechtlern Gespräche führen dürfe. Die ermutigenden Antworten, die sie erhielt, plädierten überwiegend für das Brückenbauen und gegen das Errichten ausgrenzender Feindbilder.37 35 Das Pressegespräch steht seit dem 19.5.2018 online unter https://www.youtube.com/ watch?reload=9&v=a5ryRqJngFI. 36 Vgl. Rosenkranz, Tristan: Thüringer Gewaltschutz aus humanistischer Perspektive: ein ernüchterndes Fazit. Online seit dem 3.7.2017 unter https://gleichmass.wordpress.com/2017/07/03/thueringer-gewaltschutz-aus-humanistischer-perspektiveein-ernuechterndes-fazit. 37 Mithu Sanyals kleine Meinungsumfrage findet man unter https://www.facebook. com/photo.php?fbid=10210515305185783&set=a.10208236502337136.107374182 7.1439987454&type=3&theater. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 14 Ich sehe mich durch diese Feministinnen ermutigt bei meinem Ziel einer Zusammenarbeit derjenigen Akteure in den beiden Lagern, die sich nicht hoffnungslos radikalisiert haben. Die Zeit dafür ist auch deshalb gekommen, weil das maskulistische Lager trotz oder vielleicht sogar wegen aller Denunziationen rapide gewachsen ist. Allein sein „engerer Kern“ umfasst laut einer Studie des Bundesfrauenministeriums aus dem Jahr 2016 inzwischen mehr als 400.000 Männer und 40.000 Frauen. Insgesamt sei etwa ein Drittel aller Männer für Positionen des Maskulismus empfänglich. In der ministeriellen Studie heißt es auch: „Am häufigsten äußern junge Männer (68 %; besonders stark 26 %) den Wunsch nach einer offensiveren, differenzierten und systematischen Gleichstellungspolitik für Männer. Hier zeigt sich ein Generationeneffekt: Von den älteren zu den jüngeren Altersgruppen steigt der Anteil derer, die eine Gleichstellungspolitik für die Anliegen der Männer fordern, von 47% auf 68%.“38 Die Wirtschaftspsychologin Christine Bauer-Jelinek und der Politikwissenschaftler Johannes Meiners arbeiteten in einer vergleichenden Studie zu Feminismus und Maskulismus folgendes heraus: „Maskulistisch zu sein, bedeutet (…) wesensimmanent, sich antisexistisch zu orientieren und jede Form der Diskriminierung und Herabsetzung aus geschlechtlich-sexuellen Gründen zu bekämpfen. (…) Die Einstellung des Maskulismus zum Feminismus bedarf somit einer differenzierten Betrachtung: MaskulistInnen ziehen wesentliche Erfolge der Frauenbewegungen – wie das Wahlrecht, das Recht auf Bildung und Erwerbstätigkeit oder die Gleichberechtigung in der Familie – keineswegs in Zweifel, auch weil diese Errungenschaften ihren eigenen Grundwerten entsprechen. Für MaskulistInnen ist es zweitrangig, durch welche Geisteshaltungen Diskriminierungen von Männern entstehen oder ausgeübt werden. Das Ziel ist vielmehr deren Beseitigung.“ So gelangt die Studie zu folgender Erkenntnis: „Der Maskulismus hat hohe gesellschaftspolitische Ansprüche und ist KEI- NESWEGS mit dem Begriff Frauenfeindlichkeit zu synonymisieren. Feindschaft gegenüber dem anderen Geschlecht spielt bewegungsintern für die Ar- 38 Vgl. Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Männer-Perspektiven. Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung? Penzberg 2016. Online unter https://www.bmfsfj.de/blob/115580/5a9685148523d2a4ef12258d060528cd/maenn er-perspektiven-auf-dem-weg-zu-mehr-gleichstellung-data.pdf. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 15 beit der überwältigenden Mehrheit maskulistischer Aktivisten keine Rolle. (…) Weltanschaulich besteht bei den Männerrechtlern große Vielfalt: So engagieren sich VertreterInnen nahezu aller politischen Grundhaltungen von sozialistisch über linksliberal und bürgerlich bis hin zu dezidiert konservativ oder gar rechtsaußen. (…) Im Wesentlichen gilt das weltanschauungsübergreifende Interesse der Männerbewegten dem Einsatz für eine neue Perspektive auf das Geschlechterverhältnis, welche Männer ebenfalls mit Empathie bedenkt und ihre geschlechtsspezifischen Bedürfnisse in die Überlegungen einschließt. Aus Sicht der meisten Aktivisten bedarf es hierfür einer wesentlich stärkeren Fokussierung auf die Bedürfnisse deklassierter Menschen einer Gesellschaft (Obdachlose, Strafgefangene, Langzeitarbeitslose, Suchtkranke, Vereinsamte), die (…) in der Mehrzahl Männer sind. Dazu müsste die Erforschung männlicher Lebenslagen aus der Dominanz des feministischen Paradigmas und der arithmetischen Gleichstellungsorientierung gelöst sowie in größerem Ausmaß finanziert werden. Daraus resultierende Ergebnisse sollten zu eigenständigen Empfehlungen an die Politik genutzt werden, die alle Maßnahmen in unterschiedlichen Lebensbereichen nicht nur für Frauen evaluieren dürfte, sondern der ursprünglichen Intention des Konzepts von Gender- Mainstreaming folgend für beide Geschlechter.“39 Während der Wunsch danach, die Bedürfnisse beider Geschlechter in den Blick zu nehmen, in der Bevölkerung rasant wächst, schwindet dort der Rückhalt für den bisherigen Feminismus immer mehr. Vor allem junge Frauen aus Deutschland und Großbritannien, ermittelte die Kulturwissenschaftlerin Dr. Christina Scharff, lehnten ihn in „überwältigender“ Weise als „überflüssig“, „altmodisch“ und „extrem“ ab und brächten ihn mit Männerhass in Verbindung.40 Sogar als Mitglieder der Partei Die Linke und des ihr nahestehenden Jugendverbandes „Linksjugend Solid“ 2014 ihren Austritt aus beiden Organisationen erklärten, nannten sie einen aus ihrer Sicht immer fragwürdigeren Femi- 39 Vgl. Meiners, Johannes und Bauer-Jelinek, Christine: Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen – Entstehung und Einfluss von Feminismus und Maskulismus. Wien 2014. Die Langfassung der Studie steht online unter http://www.clubofvienna.org/assets/ Uploads/PK-Meiners-2.pdf, eine Kurzfassung unter http://www.clubofvienna.org/ assets/Uploads/PK-Meiners-Kurzfassung-2.pdf. 40 Siehe Scharff, Christina: Young women may reject feminism as marginal and oldfashioned. Im Web unter http://presszoom.com/story_180733.html. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 16 nismus als einen der Gründe.41 In der Wiener Zeitung fasst Elodie Arpa diese veränderte Einstellung so zusammen: „Die Politik der vergangenen Jahre hat Frauen in ihrer Lebensrealität allein gelassen, sie nicht abholen können und Feminismus zu einem Wort gemacht, das, statt für Mut und Fortschritt zu stehen, mit Verbissenheit und Unsinnigkeit in Verbindung gebracht wird.“42 Dass insbesondere die sexistische Hate Speech, die von einigen Feministinnen verbreitet wird, viele andere Frauen abstößt, zeigen etwa die Distanzierungen, mit denen solche Frauen auf die von Mitarbeiterinnen des „Missy Magazin“, „taz“ und „Zeit“ befeuerte Twitter-Kampagne #MenAreTrash reagierten. Einige Beispiele: „Durch Hashtags wie #MenAreTrash oder auch #Menspreading wird Feminismus nie wirklich ernst genommen werden.“43 „Liebe Post-Feministinnen, die ihr so fleißig unter #MenAreTrash hetzt, Grüße von meiner Mama, die in den 70ern für Frauenrechte auf die Straße gegangen ist. Sie findet zum Kotzen, wie manche mit dem Geschenk, was uns Frauen ihrer Generation gemacht haben, umgehen.“44 „#MenAreTrash ist ein Grund dafür, dass ich mich für mein Geschlecht schäme und mich nicht so schnell Feministin nennen werde.“45 „Wie kann man Feminismus ernst nehmen, wenn Hashtags wie #menaretrash in den Trends sind? Ihr macht euch damit nur lächerlich.“46 „#MenAreTrash … und ihr wundert euch jetzt echt, warum Feminismus nicht mehr ernst genommen wird? Wirklich?“47 „Mir bereitet eine Bewegung, die Kritik formuliert, indem sie Menschen aufgrund ihres Geschlechts als Müll darstellt, leider mehr Unbehagen als Freu- 41 VGl. Dokumentiert: Austrittserklärung aus der Linkspartei. Im Web unter http:// redglobe.org/deutschland/opposition/1668-dokumentiert-austrittserklaerung-ausder-linkspartei. 42 Vgl. Arpa, Elodie: Feminismus heute – wo bleibt die Entscheidungsfreiheit? in: Wiener Zeitung vom 7.3.2019, online unter https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2000521-Feminismus-heute-wo-bleibt-die-Entscheidungsfreiheit.html. 43 Vgl. https://twitter.com/gold_loeckchen_/status/1029472135935414272. 44 Vgl. https://twitter.com/Topfritte/status/1029453631228018689. 45 Vgl. https://twitter.com/FrlVonWelt/status/1029476628026535936. 46 Vgl. https://twitter.com/NatalieReckardt/status/1029686328244547585. 47 Vgl. https://twitter.com/Angel_Lumiere/status/1029478754467364866. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 17 de. Feministinnen dürfen nicht dazu beitragen, dass es wieder akzeptabel wird, *irgendeinen* Menschen als Müll zu bezeichnen.“48 Dass sich beileibe nicht jede Feministin der Hinwendung zum Männerhass anschließt, erklärt Christine Rosen im US-amerikanischen Commentary Magazine: „In der britischen Zeitung ‚Metro‘ schlug Miranda Larbi Feministinnen vor, sich davon zu distanzieren: ‚2018 müssen sich mehr von uns dazu verpflichten, weniger allgemein und spezifischer zu sprechen, wenn wir Männer zur Rede stellen. Wir müssen uns bemühen, ihre Meinungen zu berücksichtigen, bevor wir sie vollständig negieren. Wir müssen die männliche Erfahrung genauso schätzen wie die weibliche. Wir müssen aufhören, ihnen zu sagen, dass sie keine Stimme haben können, nur weil sie männlich sind.‘ Mit anderen Worten, wir müssen Männer so behandeln, wie wir es seit der ersten Welle der feministischen Bewegung von Männern gegenüber Frauen gefordert haben.“49 Fassen wir das bisher Gesagte zusammen: Wir haben es bei Feminismus und Maskulismus mit zwei inzwischen einflussreichen Lagern zu tun, von denen eines an Zustimmung verliert, aber stark institutionalisiert ist und eine große Plattform quer durch die Leitmedien genießt, während das andere vom Establishment ignoriert oder verfemt wird, aber kontinuierlich wächst. Diese Entwicklung könnte zu einer Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft führen, die wir auch außerhalb der Geschlechterdebatte bereits verschiedentlich beobachten. So zeichnet die Extremismusforscherin Julia Ebner in ihrem Buch „Wut“ (Theiss 2018) nach, wie Islamismus und Rechtsextremismus einander bedingen und sich gegenseitig hochschaukeln, indem beide Gruppen sich selbst viktimisieren und den politischen Gegner dämonisieren. Das ist bei radikalen Feministinnen und den Radikalen in der sogenannten „Mannosphäre“ des Internets sehr ähnlich. Wohin Gruppenpolarisierung in einer westlichen Gesellschaft der Gegenwart führen kann, lässt sich an den USA gut veranschaulichen. Dort können viele Angehörige der beiden Lager (grob unterteilt in die Republikanische und die Demokratische Partei) kaum noch miteinan- 48 Vgl. https://twitter.com/sonjdol/status/1029972794145206279. 49 Rosen, Christine: Man-Hating Goes Mainstream. In: Commentary Magazine vom August 2018, online unter https://www.commentarymagazine.com/articles/manhating-goes-mainstream. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 18 der reden. Eine Studie des renommierten Pew Instituts zeigte 2016 sogar, dass die Hälfte der Demokraten, ebenso wie die Hälfte der Republikaner vor der gegnerischen Seite regelrecht Angst hat.50 Drei Jahre später ergab eine weitere Studie, dass 42 Prozent der Menschen in jeder der beiden großen Parteien die Unterstützer der anderen als „nachgerade böse“ betrachtet. Fast 20 Prozent sowohl der Demokraten als auch der Republikaner glauben, dass ihren Gegnern „die Eigenschaften fehlen, um als vollständig menschlich bezeichnet zu werden“. Rund 20 Prozent der Demokraten und 16 Prozent der Republikaner finden, die Welt wäre besser dran, wenn viele Mitglieder der anderen Partei stürben.51 In der Geschlechterdebatte baut sich derzeit eine ähnlich konfrontative Haltung auf. Das ist eine bedenkliche Entwicklung: Je parteiischer Menschen werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Gewalt gegen diejenigen rechtfertigen, mit denen sie nicht einverstanden sind, Schadenfreude oder moralisches Desinteresse empfinden, wenn sie sehen, dass ein Gegner angegriffen wird, und sogar körperliche Angriffe auf andere Gruppen unterstützen.52 Meine Einstellung hingegen ist: Zum Lösen von Problemen, die uns alle betreffen, sollten wir miteinander sprechen. Und solange wir nicht auf offene Menschenfeindlichkeit stoßen, sollten wir versuchen zu verstehen, wo unser Gegenüber Recht haben könnte, und sei es auch nur ein wenig, auch wenn er seine Position ungeschickt formuliert. Ich stimme weder mit jeder Feministin, noch mit jedem Feminismus-Kritiker, die in dieser Anthologie zu Wort kommen, bei allen Punkten überein. Aber wir reden miteinander und entwickeln Verständnis für die Sichtweise des anderen, statt uns zu hassen, zu be- 50 Vgl. Pew Research Center: Partisanship and Political Animosity in 2016. Highly negative views of the opposing party – and its members. Online seit dem 22.6.2016 unter www.people-press.org/2016/06/22/partisanship-and-political-animosity-in- 2016. 51 Vgl. Kalmoe, Nathan und Mason, Lilliana: Lethal Mass Partisanship. Prevalence, Correlates, & Electoral Contingencies. Online unter https://www.dannyhayes.org/ uploads/6/9/8/5/69858539/kalmoe___mason_ncapsa_2019_-_lethal_partisanship _-_final_lmedit.pdf. Zitiert nach: Brooks, David: Cory Booker Finds His Moment. In: New York Times vom 18.3.2019, online unter https://www.nytimes.com/2019 /03/18/opinion/cory-booker-2020.html. 52 Vgl. Duhigg, Charles: The Real Roots of American Rage. In: The Atlantic von Januar/Februar 2019, online unter https://www.theatlantic.com/magazine/archive/ 2019/01/charles-duhigg-american-anger/576424. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 19 schimpfen und gegenseitig auf Twitter zu blockieren. Wir versuchen herauszufinden, wo wir wesentliche Werte und Ziele teilen und wo wir uns auf eine gemeinsame Basis einigen können. In dieser Frage orientiere ich mich an der US-amerikanischen Frauenrechtlerin und Bürgerrechtsaktivistin Pauli Murray: Wer einen Kreis zieht, um mich auszugrenzen, darf nicht erwarten, dass ich sein Lager in meiner Reaktion darauf ebenfalls ausgrenze, sondern dass ich einen größeren Kreis ziehe, um möglichst viele auch aus dem komplementären Lager für eine gemeinsame konstruktive Politik zu gewinnen.53 Manchmal erinnert mich die Geschlechterdebatte an das Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten. Sie kennen es vermutlich: Eine Gruppe von Blinden betastet einen Elefanten, um herauszufinden, um was es sich bei diesem Tier handelt. Der eine ertastet den Rüssel und ruft: „Es ist eine Schlange!“ Der zweite ertastet ein Bein und ruft: „Es ist eine Säule!“ So geht es weiter. Erst beim Abgleichen der Erfahrungen wird die Komplexität des untersuchten Tieres angemessen sichtbar. Wenn Feministinnen und Maskulisten die Situation der Geschlechter untersuchen, dürfte dasselbe ablaufen – nur dass statt einer Säule und einer Schlange anfangs fälschlich ein „Patriarchat“ beziehungsweise eine „Femokratie“ wahrgenommen werden. Das manichäische Denken (wir sind die Guten, die anderen die Bösen) führt dazu, dass die Polarisierung zunimmt. Wenn Sie beschuldigt werden, zu den Schergen des Bösen zu gehören, reagieren Sie leichter mit derselben Rhetorik auf Ihren Gegenüber. So beschimpfen sich die beiden geschlechterpolitischen Lager gegenseitig als „Feminazis“ beziehungsweise „rechte Maskus“, als „Frauenfeinde“ beziehungsweise „Männerhasserinnen“ und unterstellen Vertretern der jeweils anderen Seite, nur noch nicht ausreichend sexuelle Kontakte genossen zu haben, vulgo „ungefickt“ zu sein. Diskriminierungserfahrungen aus dem gegnerischen Lager werden als „Mimimi“ oder „male tears“ verhöhnt. Manche Vertreter beider Seiten versuchen, abweichendes Denken mit einer jeweils eigenen Form politischer Korrektheit zu stigmatisieren. („So darfst du doch nicht denken, sonst bist du ein moderner 53 Vgl. Murray, Pauli: An American Credo. In: Common Ground 4/1945, S. 22-24, hier S. 24. Online unter http://www.unz.com/print/CommonGround-1945q4-000 22. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 20 Sexist, neo-patriarchalisch, rechts …“ versus „So darfst du doch nicht denken, sonst bist du ein lila Pudel, weißer Ritter, Mangina …“.) Obwohl der Soziologe Christoph Kucklick herausarbeitete, dass die Herabsetzung von Männern und ihre Sündenbockrolle in unserer Gesellschaft über 200 Jahre alt ist54, ordnen so manche Online-Aktivisten der „Mannosphäre“ gerne jeden männerfeindlichen Artikel „dem Feminismus“ zu. Umgekehrt verortet so manche Feministin jeden frauenfeindlichen Beitrag, der irgendwo online veröffentlicht wurde, bei „den Maskulisten“ – ob der Verfasser sich durch ernsthaftes Engagement für Männeranliegen jemals maskulistisch profiliert hat oder nicht. Die eine Seite spiegelt die andere. Die psychologischen Mechanismen, die hier ablaufen, sind inzwischen wohlbekannt. So veröffentlichte das Fachmagazin Perspectives on Psychological Science am 2. Mai 2018 eine Studie über extreme identitätspolitisch orientierte linke Studenten, die aktiv verhindern, dass an ihren Hochschulen Menschen mit Ansichten, die von den Auffassungen dieser Studenten abweichen, Vorträge halten. Bei der Untersuchung der psychologischen Hintergründe dieses autoritär-totalitären Verhaltens zeigten sich unter anderem folgende Faktoren: – vorliegende Informationen werden selektiv wahrgenommen, – die Qualität der Argumente von Mitgliedern der eigenen Gruppe werden positiver bewertet, was zu immer extremeren Positionen führt, – die Tiefe des eigenen Verständnisses von kontroversen Themen wird überschätzt, – die andere Seite wird als voreingenommener als die eigene Seite betrachtet, – bei der Sammlung von Bestätigungsbeweisen für die eigene Meinung kommt es zu Verzerrungen, – die Zugehörigkeit zu einem Lager ordnet man sich selbst als Fundament für ein höheres Maß an Aufgeklärtheit bei einem Thema zu, 54 Vgl. Kucklick, Christoph: Das unmoralische Geschlecht. Zur Genese der negativen Andrologie. Suhrkamp 2008. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 21 betrachtet ähnliche Zugehörigkeiten von Gegnern jedoch als Quelle der Voreingenommenheit, – für den eigenen Mangel an Wissen und Kompetenz fehlt das Bewusstsein.55 Bei all diesen Punkten handelt es sich um allgemeine psychologische Mechanismen. Sie sind bei den erwähnten Personen aufgrund bestimmter politischer Gegebenheiten zwar besonders ausgeprägt, aber sie finden sich bei Männerrechtlern ebenso und können in Online-Debatten auch entsprechend besichtigt werden. Der Rechtswissenschaftler und Publizist Cass Sunstein hat herausgearbeitet, welcher dreischrittige Prozess dazu führt, dass sich Positionen und Fronten verhärten: Erstens bekommt man nur eine begrenzte Anzahl von Ansichten zu hören. Zweitens verstärkt der Konformitätsdruck der eigenen Gruppe bestehende Extrempositionen, weil man seine eigenen Zweifel daran nicht offenbaren möchte. Und drittens steigert die Zustimmung der anderen die eigene Gewissheit, vollkommen richtig zu liegen.56 Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dieser Prozess ausschließlich bei Feministinnen oder ausschließlich bei Maskulisten abläuft. Er erfasst beide Lager (wenn auch vielleicht Feministinnen ein wenig stärker, weil feministische Positionen in den medialen Diskursen Allgemeingut und viele maskulistische Argumente noch immer zu wenig bekannt sind). Beide Lager sollten sich die Gefahr dieser Radikalisierung bewusst machen. Nun ahne ich allerdings schon, was zumindest einige Leser dieses Vorworts meiner These entgegnen werden, dass Frauen- und Männerbewegung einander spiegeln, was die Führung von Diskursen und Debatten angeht: – „Es gibt Vertreter des feministischen Lagers, die ein Gesprächsverbot mit Maskulisten fordern und praktizieren. Im Gegensatz dazu 55 Vgl. Ceci, Stephen ud Williams, Wendy: Who Decides What Is Acceptable Speech on Campus? Why Restricting Free Speech Is Not the Answer. In: Perspectives on Psychological Science Vol. 13, Issue 3/2018, online veröffentlicht am 2.5.2018 unter http://journals.sagepub.com/eprint/I6zYjCxgsdtnFbmPm9FI/full?platform=hootsuite. 56 Vgl. Sunstein, Cass: Infotopia. Oxford University Press 2008. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 22 wird von Maskulisten ein Gespräch mit Feministinnen kontinuierlich gesucht.“ – „Männerrechtler zitieren kontinuierlich Feministinnen, mit denen sie übereinstimmen – insbesondere liberale Feministinnen von Elisabeth Badinter bis Christina Hoff Sommers. Umgekehrt werden Maskulisten von vielen Feministinnen pauschal verteufelt, und es gibt kein maskulistisches Lager, das solchen Feministinnen genehm ist.“ – „International versuchen radikale Feministinnen männerpolitische Veranstaltungen zu sprengen und zu verhindern. Zugänge wurden blockiert oder der Feueralarm aktiviert. Das tun Maskulisten bei feministischen Veranstaltungen nicht.“ – „Maskulisten verfügen oft über ein tiefgehendes Wissen über feministische Argumente. Bei den meisten Feministinnen erstreckt sich der Umgang mit maskulistischen Argumenten auf die Weigerung, sich mit Publikationen von ‚solchen Typen‘ zu beschäftigen.“ – „Anfeindungen gegen Männer gehören zum Standard-Repertoire des vorherrschenden Feminismus und finden sich regelmäßig in Leitmedien wie Zeit und Spiegel-Online. Anfeindungen gegen Frauen hingegen gibt es nur auf privaten Webseiten und deren Foren; sie gehen von einer kleinen Zahl von Menschen aus, die nicht zwangsläufig mit der Männerrechtsbewegung etwas zu tun haben und falls doch Teil eines kleinen extremen Randes sind, der innnerhalb der Männerrechtsbewegung selbst marginalisiert ist und kritisiert wird.“ – „Hashtags wie #killallmen, #menaretrash und Slogans wie ‚Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt‘ findet man in der feministischen Bewegung, aber nicht unter den Männerrechtlern.“ All diese Kritikpunkte treffen zu, und ich halte die Kritik an solchen problematischen Erscheinungen im Feminismus, wie ich sie in meinem Blog Genderama seit 15 Jahren betreibe, deshalb auch für notwendig. Der Feminismus hat bis hin zu den Vereinten Nationen die Hoheit beim Geschlechterthema inne, und die Mächtigen sollten durch die Machtlosen, Marginalisierten und Ausgegrenzten immer kritisiert werden dürfen. Aufgrund der eben skizzierten Fehlentwick- Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 23 lungen wird der Feminismus trotz seiner starken institutionellen Verankerung ja auch zunehmend hinterfragt. Aber parallel zur Ideologiekritik können sachliche Gespräche zwischen Vertretern beider Lager stattfinden. Es wäre unfair, jede einzelne Feministin in Sippenhaft für die Hasstirade zu nehmen, die eine andere Feministin veröffentlicht hat. Das wäre genauso absurd, wie wenn man seriöse Männerrechtsvereine wie MANNdat oder den Väteraufbruch für Kinder für die Ausfälle auf radikalen Websites in Sippenhaft nehmen würde. Im Juni 2018 hatte die Professorin und Direktorin des Programms für Genderstudien an der US-amerkanischen Northeastern University Suzanna Danuta Walters in der „Washington Post“ erklärt, es gäbe guten Grund, alle Männer zu hassen.57 Daraufhin hatte Conor Friedersdorf im linksliberalen Magazin The Atlantic erklärt, warum dieses Denken in die Irre führe: „Es ist immer unlogisch, eine ganze Gruppe von Menschen für ein Verhalten zu hassen, das von einer Teilmenge ihrer Mitglieder begangen und von Millionen von ihnen aktiv bekämpft oder aufgegeben wird. Es ist genauso einfach und gerechter, kollektive Schuld den Gruppen zuzuweisen, die es verdienen, wie ‚Mörder‘ oder ‚Vergewaltiger‘ oder ‚Täter bei häuslicher Gewalt‘ oder ‚Sexisten‘. Sich dem kollektiven Hass hinzugeben, bestätigt den Hass selbst und die fehlerhafte Prämisse der Gruppe statt der individuellen Verantwortung. Es setzt alle Gruppen einem größeren Risiko aus, Hass zu erleiden, denn es gibt schlechte Individuen in jeder Gruppe und Leute, die bereit sind, jede Gruppe zu hassen. Außerdem neigt jeder Hass dazu, dem Einzelnen, der ihn beherbergt, zu schaden. Schließlich bringt der Gruppenhass dazu, diejenigen, die ihn beherbergen, weniger klar zu sehen sowie seltener Nuancen anzuerkennen und die Welt zu verbessern. Stattdessen laufen diese falschen Ideen Gefahr, andere Menschen zu zerstörerischen Irrtümern zu verleiten.“58 Während Friedersdorf von maskulistischen Websites zitiert wird, um gegen den Männerhass extremistischer Feministinnen zu argumentieren, trifft seine Argumentation aber auch die Kritik an der feministischen Bewegung, die immer wieder in pauschale, undifferenzierte Ablehnung umschlägt. „Die Feministinnen“ sind aber kein monolithi- 57 Vgl. Walters, Suzanna Danuta: Why can’t we hate men? In: Washington Post vom 8.6.2018. 58 Vgl. Friedersdorf, Conor: What One Professor’s Case for Hating Men Missed. In: The Atlantic vom 11.6.2018, online unter https://www.theatlantic.com/politics/ archive/2018/06/what-the-professor-who-hates-men-missed/562496. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 24 scher Block, sondern setzen sich aus ganz unterschiedlichen Individuen, Anliegen und Argumenten zusammen. Als beispielsweise die Feministin Sibel Schick im August 2018 auf Twitter mit menschenfeindlicher Hate Speech gegen Männer hetzte, erntete sie von so vielen anderen Feministinnen angewidert Kritik dafür, dass sie schließlich mitteilte, auch diese Feministinnen seien „Trash“, also Müll.59 „Den Feminismus“ als Kollektiv in Bausch und Bogen zu verurteilen wäre insofern genauso hanebüchen wie eine ebenso bizarre Verurteilung „des Maskulismus“. Für Feminismus wie Maskulismus gilt, was der taz-Redakteur Daniel Bax in einem anderen Zusammenhang festhielt: „Jede Bewegung zieht immer auch Extremisten an. Aber das macht die Bewegung noch nicht illegitim.“60 Nicht zuletzt sind viele Feministinnen auch deshalb so unbeweglich in ihrer Meinung, weil sie zahlreiche Fakten und Argumente überhaupt nicht kennen. Das wiederum liegt auch an den erwähnten Sittenwächterinnen, die zu verhindern versuchen, dass die weniger radikalen Feministinnen diese Informationen zur Kenntnis nehmen. In dem Akademiker-Magazin „The Chronicle of Higher Education“ untersuchten die Professoren John Villasenor und Ilana Akresh, mit welchen Methoden US-amerikanische Hochschulen abweichende Sichtweisen unterdrücken. Dabei entdeckten sie unter anderem „eine Tendenz, die Welt radikal in Gut und Böse aufzuteilen, was unbegründete Gefühle der eigenen Wahrheit und Tugend verschlimmert. Wenn die Welt auf diese Weise aufgespalten wird, schließen sich Lob und Verurteilung gegenseitig aus, ohne Raum für die Möglichkeit zu lassen, dass manchmal beides verdient ist. Dies erklärt, warum es zum Beispiel auf dem Campus inakzeptabel wird zu sagen, dass die Gründer des Landes sowohl visionär (für die Verankerung der Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit und mehr in der Verfassung) als auch schrecklich mangelhaft waren (für ihre Beteiligung an der Sklaverei und anderen schweren Missständen).“61 59 Vgl. Schick, Sibel unter https://twitter.com/sibelschick/status/10303832532813004 80. 60 Vgl. Bax, Daniel: Die Volksverführer. Westend 2018, S. 46. 61 Vgl. Villasenor, John und Akresh, Ilana: 3 Ways That Colleges Suppress a Diversity of Viewpoints. In: The Chronicle of Higher Education vom 28. September 2018, online unter https://www.chronicle.com/article/3-Ways-That-Colleges-Suppress-/ 244673. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 25 Auch Ötsch und Horaczek widersprechen in ihrer Populismus-Analyse einer derart simplen Aufteilung der Welt: „Menschen sind nicht nur GUT oder BÖSE. Jeder und jede hat soziale und destruktive Anteile in sich. Sich selbst als nur GUT und die anderen als ausschließlich BÖSE hinzustellen, ist im Kern unehrlich und verrät einen Mangel an Selbsteinsicht, der eigentlich Demagogen auszeichnet.“62 Die Fähigkeit, in anderen Gruppen sowohl die guten als auch die schlechten Aspekte anzuerkennen, würde sowohl Feministinnen als auch Maskulisten helfen, zu einer realistischeren Einschätzung zu gelangen. Bislang erlebe ich es allzu oft, dass Maskulisten bei Feministinnen ausschließlich das Negative sehen, also etwa die Tendenz Andersdenkende zu dämonisieren und auszugrenzen, während die positiven Züge und historischen Errungenschaften des Feminismus als selbstverständlich hingenommen werden: etwa das Aufbrechen starrer Geschlechterrollen, das Engagement zumindest gegen einen Teil der sexuellen Gewalt oder auch nur die Tatsache, dass Geschlecht (Gender) überhaupt zum wissenschaftlich-politischen Thema gemacht wurde. Auf der anderen Seite erlebe ich es allzu oft, dass Feministinnen in Maskulisten ausschließlich das Negative sehen, also etwa das ungehobelte Verhalten einiger Radikaler, ohne die positiven Aspekte wie das Streben nach einer umfassenden Geschlechterpolitik für beide Geschlechter anzuerkennen. Der Professor für Philosophie James A. Montmarquet definiert „epistemische Tugend“ als die Bereitschaft, Alternativen zu populär gehaltenen Überzeugungen zu konzipieren und zu untersuchen, Ausdauer gegenüber dem Widerstand anderer zu zeigen (bis man davon überzeugt wird, dass man sich irrt), seine Überzeugungen nicht aufgrund ihrer Beliebtheit bei anderen zu formen und die Bereitschaft, Beweise zu untersuchen und sogar aktiv zu suchen, die die eigene Hypothese widerlegen würden.63 Bei den erstgenannten Punkten sind viele Männerrechtler und Feministinnen stark; im letztgenannten Punkt könnten Mitglieder beider Lager noch einiges mehr leisten. 62 Vgl. Ötsch, Walter Horaczek, Nina: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung. Westend 2017, S. 195. 63 Vgl. Montmarquet, James A.: Epistemic virtue. In: Mind Nr. 96/1987, S. 482-497. „Epistemisch“ bedeutet so viel wie „erkenntnistheoretisch“. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 26 Die Professoren Villasenor und Akresh ergreifen konkrete Maßnahmen, um die Meinungsvielfalt an den Campus zurückzuholen: „Was kann getan werden, um die Toleranz gegenüber einem breiteren Spektrum von Perspektiven in der Hochschulbildung zu verbessern? Wir behaupten nicht, alle Antworten zu haben, aber eine Komponente der Lösung ist das Unterrichten. Eine von uns (Akresh) wird in diesem Frühjahr einen neuen Perspektiven-Diversity-Kurs an der University of Illinois in Urbana- Champaign mit folgendem Titel anbieten: ‚Fanatiker und Schneeflocken: Leben in einer Welt, in der alle anderen falsch liegen.‘ Der Kurs beinhaltet Lesungen aus dem gesamten politischen Spektrum und führt die Studenten in den Wert der Untersuchung mehrerer Perspektiven, der Erforschung von Nuancen, der Infragestellung von Annahmen und des kritischen Denkens in allen Aspekten ihrer Ausbildung und anderswo ein. Vielleicht können solche Kurse Teil eines wachsenden Bemühens sein, das Klima herauszufordern, das die Debatte in der zeitgenössischen Akademie und zunehmend auch im Silicon Valley und darüber hinaus einschränkt.“64 Ganz ähnlich geht die US-amerikanische Plattform Allsides.com an das Problem der wachsenden Polarisierung heran. Dieses Problem zu lösen, finden die Betreiber ungemein wichtig, weil das Funktionieren einer Demokratie vom Eingehen politischer Kompromisse abhänge. Die Ratschläge, die Allsides den Bürgern gibt, ähneln denen der Professoren Villasenor und Akresh und sind auf die Geschlechterdebatte leicht übertragbar: – Werden Sie sich Ihrer eigenen Vorurteile bewusst. Lernen Sie, wie das Internet Ihre Überzeugungen stärkt, und denken Sie dann darüber nach, wie Sie dies für verschiedene Perspektiven blind machen kann, die tatsächlich gültig und keinen Hass wert sein könnten. – Ernähren Sie sich mit einer ausgewogenen Nachrichtendiät. – Üben Sie den zivilen Diskurs. Hören Sie auf andere, lassen Sie von sich hören und lernen Sie einzigartige Perspektiven kennen, indem Sie sich für eine verantwortungsvolle freie Meinungsäußerung einsetzen. – Seien Sie bereit, aus anderen Perspektiven zu lernen. Ich habe mehrere Leute sagen lassen, dass sie Fox News sehen, „nur weil es Spaß 64 Vgl. Villasenor, John und Akresh, Ilana: 3 Ways That Colleges Suppress a Diversity of Viewpoints. In: The Chronicle of Higher Education vom 28. September 2018, online unter https://www.chronicle.com/article/3-Ways-That-Colleges-Suppress-/ 244673. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 27 macht, den Fernseher anzuschreien“. Oder Leute, die es „hassen, Vox zu lesen“. Das bedeutet, dass sie sich den Nachrichten mit dem einseitigen Glauben nähern, dass es für sie nichts zu lernen gibt. Anstatt eine Offenheit für eine andere Perspektive zu haben, konsumieren sie nur, um zu spotten. Nehmen Sie unterschiedliche Ansichten ernst. 65 An dieser Ausrichtung zum multiperspektivischen Denken können auch wir uns ein Beispiel nehmen. In den Genderstudien könnten nicht nur feministische, sondern auch maskulistische Bücher behandelt werden, so wie es Feministinnen auch privat nicht schaden würde, tatsächlich einmal maskulistische Literatur zu lesen. Umgekehrt schadet es auch Maskulisten nicht, manche feministische Werke wertschätzender zu studieren. Wenn ich nicht Mithu Sanyals Buch „Vergewaltigung“ und Mithu Sanyal nicht mein Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ mit einer Haltung der Offenheit für neue Perspektiven gelesen hätten, hätten wir niemals zu uns selbst gesagt: „Hey, das liefert viele großartige Ansätze, auf deren Grundlage man weiterdenken kann. Vielleicht sollten wir mal bei einem gemeinsamen Projekt zusammenarbeiten.“ Aus diesem gemeinsamen Projekt ist nun der vorliegende Sammelband geworden, der genau das tut, was die Professoren Villasenor und Akresh in ihrem Hochschulkurs tun: eine Diversität der Perspektiven zu bieten, einen Raum zu schaffen, in dem für Feministinnen ebenso Platz wie für Maskulisten ist und in dem man untersucht, wo verbindende Gemeinsamkeiten liegen. Beim Brückenbauen stellt sich indes die Frage, ob man das problematische „Stammesdenken“ beenden kann, ohne zugleich den eigenen Standpunkt komplett aufzugeben. Meines Erachtens sind beide Extreme falsch, die es hier in der deutschen Geschlechterdebatte gibt: – Auf der einen Seite findet sich ein staatliches Bundesforum Männer, das auf keinen Fall bei irgendeiner Frage in einen Konflikt mit dem vorherrschenden Feminismus gehen möchte und deshalb die Linie fährt, dass nichts, was Feministinnen wünschen, kritisiert werden 65 Vgl. Mastrine, Julie: Political Polarization in America, in Two Fascinating Charts. Online seit dem 12.3.2019 unter https://www.allsides.com/blog/political-polarization-america-two-fascinating-charts. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 28 darf. Einen eigenen Standpunkt für Männer gibt es nicht; jede Position muss vom feministischen Garten eingehegt sein. Diese Strategie trägt dazu bei, dass Männeranliegen bis heute in keiner der etablierten Parteien eine Rolle spielen, wie das Bundesforum im Herbst 2017 eingestehen musste.66 Darüber hinaus schadet sie einer offenen Debatte. Das ist umso befremdlicher, als viele Frauen – inklusive Feministinnen – auf Liebedienerei, Sich-Klein-Machen und kritikloses Zustimmen beim männlichen Gegenüber keinerlei Wert legen. „Widerspruch ist gut. So kommen wir weiter!“ befindet Mithu Sanyal,67 und Monika Ebeling teilt Männern mit: „Macht euer eigenes Ding! Es wird schon Schnittmengen geben – und da, wo keine sind, ist es auch okay. Das können wir Frauen schon aushalten.“68 – Auf der anderen Seite finden sich in der Männerszene Fundamentalisten, für die Feministinnen a priori allesamt schlecht sind und ihre Positionen keine Existenzberechtigung haben; alles, was Feministinnen von sich geben, sei absurd und müsse bekämpft werden. Auch von einer derartigen Position aus, die den Dogmatismus radikaler Feministinnen gegenüber Maskulisten lediglich spiegelt, kann keine vernünftige Unterhaltung stattfinden. Ein erwachsenes Gespräch auf Augenhöhe hingegen, zu dem auch die Bereitschaft zu einem fair geführten Konflikt gehört, findet oft nur auf privater Ebene statt. Dabei sind solche Unterhaltungen durchaus möglich. Beispielsweise gibt es eine Youtube-Reihe mit dem Namen „The Middle Ground“, in der Vertreter unterschiedlicher politischer Weltanschauungen einander zu einem Gespräch gegenübergesetzt werden, um herauszufinden, ob es nicht doch eine Möglichkeit der Annäherung gibt. Das Gespräch, bei dem Feministen auf Nicht-Feministen trafen, wurde nicht 66 Vgl. Bundesforum Männer: Kaum eine Spur von Gleichstellungspolitik für Jungen, Männer und Väter im Wahlkampf 2017. Online seit dem 8.9.2017 unter https:// bundesforum-maenner.de/2017/09/kaum-eine-spur-von-gleichstellungspolitik-fu er-jungen-maenner-und-vaeter-im-wahlkampf-2017/. 67 Vgl. Windmüller, Gunda: „Widerspruch ist gut“ – Das ist Mithu Sanyal. Online seit dem 16.3.2019 unter https://www.watson.de/frauen/31%20tage%20-%2031 %20frauen/899507152-frauentag-mithu-sanyal-im-portraet. 68 Vgl. den Beitrag Monika Ebelings in diesem Sammelband. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 29 nur über eine Million Mal aufgerufen, es endete auch mit folgender Verabschiedung des Moderators: „Vielen Dank euch allen für eine der respektvollsten Middle-Ground-Diskussionen, die ich je gesehen habe.“69 Vielleicht war diese Diskussion auch deshalb so erfolgreich, weil hier tatsächlich einmal Menschen zerstrittener Lager einander begegnet sind. Mir ist selbst häufig aufgefallen, dass ich von Feministinnen, die ich persönlich kenne, ein wesentlich besseres Bild habe als von Feministinnen, deren Artikel mir lediglich aus den Medien bekannt sind. Das mag zum Teil daran liegen, dass in den Leitmedien besonders aggressive Feministinnen eine gute Position errungen haben, vermutlich auch weil ihre Artikel hervorragendes Clickbait darstellen. Es mag dafür aber auch einen anderen Grund geben. Eines der vier Zitate, die dieses Vorwort eröffneten, stammt von der US-amerikanischen Publizistin Amy Chua, die zu den einflussreichsten Denkern ihres Landes gezählt wird. In ihrem aktuellen Buch „Political Tribes“ schildert Chua eingehender, wie trotz der immensen Polarisierung der USA zunehmend mehr Amerikaner ihre Hand über die Kluft hinweg ausstrecken, die andere Seite verstehen und sich in den politischen Gegner einzufühlen lernen. Während das im ersten Moment klingen möge wie Heftpflaster für Schusswunden, so Chua, gebe es erstaunlich viele Hinweise darauf, dass „sobald Angehörige verschiedener Gruppen einander als menschliche Weisen kennen lernten, gewaltiger Fortschritt erreicht werden könne“.70 Chua zitiert in diesem Zusammenhang den Professor für Sozialpsychologie Gordon W. Allport, der bereits 1954 herausfand, dass direkter Kontakt von Mitgliedern verschiedener Gruppen dazu beitrage, Vorurteile abzubauen und eine gemeinsame Basis zu finden. Diese Erkenntnisse, so Chau, haben sich in den letzten 60 Jahren weltweit immer wieder bestätigt.71 Dass sich die Spannung zwischen Feministinnen und Maskulisten immer wieder hochschaukelt, ist womöglich nicht zuletzt der gestörten 69 Man findet das Video unter https://www.youtube.com/watch?v=E37swnRU2fs. 70 Vgl. Chua, Amy: Political Tribes. Group Instinct and the Fate of Nations. Bloomsbury 2018, S. 198. 71 Vgl. Chua, Amy: Political Tribes. Group Instinct and the Fate of Nations. Bloomsbury 2018, S. 198-199. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 30 Kommunikation via Internet zu verschulden. Nur minimaler oder oberflächlicher Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen, führt Chua aus, vertiefe die Kluft zwischen ihnen sogar häufig. Notwendig ist eine intensivere persönliche Begegnung. Erst dadurch lerne man die Mitglieder der anderen Gruppe als menschliche Wesen kennen, die oft dasselbe wollten, wie man selbst: Zuwendung, Würde und Sicherheit für die Menschen, die man liebt.72 Insofern glaube ich, dass es mir nicht zuletzt deshalb gelungen ist, einen gemeinsamen Sammelband von Feministinnen und Maskulisten herauszugeben, weil ich zu Vertretern beider Lager starke persönliche Beziehungen habe. Wenn ich hingegen so manches pauschale Angegifte im Internet lese, habe ich oft den Eindruck, die Person, die gerade undifferenziert über Feministinnen oder Maskulisten herzieht, hat mit Vertretern des anderen Lagers noch kein einziges tiefer gehendes Gespräch geführt. Mahatma Gandhi sagte einmal: Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest! Insofern erschien es mir nicht nur sinnvoll, sondern geradezu überfällig, dieses Buch herauszugeben, in dem Feministinnen, Maskulisten und Autoren außerhalb der beiden Bewegungen dieses Spannungsverhältnis analysieren und gemeinsam nach einer konstruktiven Lösung des Geschlechterkonfliktes suchen. Für eine zielführende Geschlechterdebatte ist es nicht nur notwendig, den destruktiven, männerfeindlichen Feminismus zu kritisieren, sondern auch den konstruktiven, positiven Feminismus zu stärken. (Auch hier gilt für den Maskulismus spiegelbildlich dasselbe.) Zum Herausgeber dieses Buches fühle ich mich auch deshalb besonders berufen, weil ich ohnehin schon von Extremisten beider Lager unter massivem Beschuss stehe (während ich bei Moderaten ebenso großen Respekt genieße). Im Gegensatz zu anderen Autoren, die befürchten müssten, beim Brückenbau ins Kreuzfeuer der Radikalen beider Seiten zu geraten, wird sich durch diesen Sammelband für mich nichts ändern. 72 Vgl. Chua, Amy: Political Tribes. Group Instinct and the Fate of Nations. Bloomsbury 2018, S. 201-202. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 31 Alles in allem hat dieser Sammelband zwei Ziele: 1.) Die Leitmedien, die Politik und der akademische Bereich analysieren das Geschlechterverhältnis fast ausschließlich aus feministischer Perspektive. Diese Eintönigkeit ist intellektuell unbefriedigend. Der vorliegende Sammelband soll zu größerer Diversität und Vielfalt anregen. Insofern ist es gewollt, wenn die Positionen der einzelnen Autorinnen und Autoren voneinander abweichen und vielleicht sogar gegensätzliche Anschauungen vertreten werden. Erst wenn man die Sichtweise des anderen überhaupt wahrnimmt, kann ein fruchtbarer Dialog beginnen. 2.) Dieser Sammelband soll Kommunikationskanäle öffnen, um die breite Kluft zu überwinden, die sich zwischen dem feministischen und dem maskulistischen Lager aufgetan hat. Langfristig kann dies zur Bildung lagerübergreifender Bündnisse führen und damit der immer stärkeren Polarisierung unserer Gesellschaft entgegen wirken. Tatsächlich gibt es zwischen den Auffassungen von Feministinnen und Maskulisten oft große Überschneidungen. Beispielsweise teile ich mit den feministischen Autorinnen dieses Buches ihr Engagement gegen Sexismus, sexuelle Gewalt, die Ausgrenzung der verschiedensten Minderheiten und eine autoritäre Politik (auch wenn mir der Mainstream-Feminismus in all diesen Punkten nicht weit genug geht) und bin bei Fragen etwa zum Thema Menschenrechte oder dazu, dass Menschen sich nicht in Geschlechternormen pressen lassen sollten, voll auf ihrer Seite. Wird diese Anthologie auch nur eine derjenigen Feministinnen eines Besseren belehren, die Maskulisten wie mich gerne mit einem Bannfluch belegen würden? Vermutlich nicht. Aber vielleicht kann sie parallel zu solchen Entgleisungen eine konstruktivere Geschlechterdebatte herbeiführen. Ich schließe mich hier dem an, was Julia Ebner im Zusammenhang mit Islamismus und Rechtsextremismus befindet: „Je lauter die gemäßigten Stimmen werden, desto schwerer wird es werden, sie einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.“73 73 Vgl. Ebner, Julia: Wut. Was Islamisten und Rechtsextremisten mit uns machen. Theiss 2018, S. 281. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 32 Die Autoren dieses Buches und ihre Beiträge – In meinem ersten eigenen Beitrag „Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner?“ lote ich einige Ursachen dafür aus, dass sich beide Lager in einer Frontstellung zueinander befinden, und erörtere die Chancen und ersten Ansätze einer lagerübergreifenden Zusammenarbeit. Dabei erkläre ich eingehender als in meinen bisherigen Veröffentlichungen, was mit dem für die maskulistische Philosophie grundlegenden Konzept eines „Integralen Antisexismus“ gemeint ist. Dieses Konzept näher zu umreißen ist ein Ziel dieses Buches insgesamt und auch der Grund, warum ich erstmals einen Sammelband mit einer Vielzahl von weiblichen wie männlichen Autoren herausgebe: Ein Konzept, das Sexismus gegen Frauen wie gegen Männer ablehnt, sollte nicht von einem einzelnen Autor erarbeitet werden. (Ein Abriss der Ideengeschichte des Integralen Antisexismus findet sich im Anhang dieses Sammelbandes.) – Kritisieren Männerrechtler den Feminismus, weil sie gegen die Gleichberechtigung sind und ein Rollback in frühere Jahrzehnte wünschen? So zu denken wäre bequem, aber falsch. Der Gymnasiallehrer und maskulistische Blogger Lucas Schoppe erläutert in dem Beitrag „Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen?“, was maskulistische Ethik tatsächlich am vorherrschenden Feminismus zu beanstanden hat, und plädiert für „Foren der zivilen Verständigung“ als Gegengewicht zu einer Eskalation an Radikalität. – Mithu Sanyal ist nach einem Magna-cum-Laude-Abschluss in der Kulturwissenschaft Journalistin und Dozentin mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung und Feminismus. Sie ist feste Autorin für den WDR und veröffentlicht zudem bei NDR, BR, Frankfurter Rundschau, Literaturen, taz, junge Welt, Emma, Missy Magazin sowie der Bundeszentrale für politische Bildung. Ihr Beitrag „Feminism is good for you – und zwar auch oder gerade wenn du ein Mann bist“ trägt entscheidend dazu bei, den längst überfälligen Dialog zwischen dem feministischen und dem maskulistischen Lager zu eröffnen. In diesem Text antwortet Sanyal auf häufig an ihre Bewegung gerichtete Vorwürfe und gelangt in der Gesamtsicht zu dem Fazit, es sei „jetzt die Aufgabe von Männern, den Frauen, an- Die Autoren dieses Buches und ihre Beiträge 33 deren Männern und der Gesellschaft zu erklären, was ihre Probleme sind“, auch wenn die andere Seite dabei noch häufig die Augen verdrehe. – Gerd Riedmeier ist zertifizierter Mediator, Vorsitzender des Vereins "FSI-Gleichbehandlung.de" und Sprecher der "Interessensgemeinschaft Jungen, Männer, Väter", dem bundesweiten Zusammenschluss der geschlechterpolitischen Organisationen FSI, Manndat e.V., Trennungsväter e.V. und Väterbewegung.org. In seinem Beitrag „Ein Land, geprägt von Frauen“ liefert er einen Insider-Einblick in die deutschen Ministerien und Parteien und berichtet, wie einseitig Geschlechterpolitik dort heute noch stattfindet. Riedmeier fordert dazu auf, die Ungleichbehandlung, Geschlechtertrennung und Polarisierung in diesem Bereich zu überwinden. – Die Psychologin Sandra Hermann berichtet in ihrem Beitrag „Warum ich mich als Frau für männliche Opfer einsetze“ über ihre langjährige Erfahrung als Mitarbeiterin eines Notruf-Telefons. Sie legt dar, welche Schieflagen es bis heute bei einer zielführenden Bekämpfung von häuslicher Gewalt gibt, und schlägt aufgrund ihrer Erfahrungen ein zukunftsweisendes Gesamtkonzept vor, das tatsächlich Aussichten hat, häusliche Gewalt zu reduzieren. Dabei wirft sie die zentrale Problematik bisheriger Ansätze auf: „Wie kann ein menschliches und partnerschaftliches Miteinander funktionieren, wenn ein geschlechtliches Gegeneinander propagiert und praktiziert wird?“ – In meinem Beitrag „Warum es auch Frauen nutzt, wenn männliche Opfer Hilfe erhalten“ unterstütze ich Sandra Hermanns Ausführungen mit einer Darstellung des aktuellen Standes wissenschaftlicher Forschung, was die geschlechtsübergreifende Verkettung von häuslicher und sexueller Gewalt betrifft, und argumentiere, dass Männer eher für die Bekämpfung solcher Gewalt gewonnen werden können, wenn man ihre eigenen Opfererfahrungen nicht mehr konsequent beiseite wischt. – Der Soziologe Ingbert Jüdt, der unter dem Nick „djadmoros“ Beiträge auf den Seiten des Blogs „Geschlechterallerlei“ veröffentlicht, arbeitet gerade an einem Buch, in dem er feministische Geschichtsklitterung analysiert. Einen Vorgeschmack darauf liefert er mit seinem Beitrag „Abschied vom Patriarchatsmythos. Für eine überfälli- Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 34 ge Historisierung des Feminismus“. Dieser Beitrag zeigt auch, dass maskulistische Akademiker – ganz im Gegensatz zu dem, was manche ihnen unterstellen – keineswegs kenntnisfrei sind, was feministische Literatur angeht, sondern diese Literatur im Gegenteil intensiv studiert haben und gerade deshalb zu einer kritischen Einschätzung verschiedener im vorherrschenden Feminismus geäu- ßerter Thesen gelangt sind. – Maike Wolf ist Feministin, Studentin der Politikwissenschaft und war bis zum September 2018 Vorsitzende der Jungliberalen (FDP) in Rheinland-Pfalz. Sie kam durch ihren Freund zum Thema Männerrechte („Durch die Medien erfährt man ja NICHTS darüber!“) und gibt ihren Dozenten regelmäßig Kontra, wenn diese wie selbstverständlich mit dem Begriff „Patriarchat“ hantieren. („In der Wissenschaft möchte ich gerne sachlich unterrichtet werden und nicht mit einer ideologischen Bias.“) In „Die notwendige Rückeroberung des Feminismus: Ein Plädoyer für mehr Mut und weniger Rückzug“ macht Wolf sich dafür stark, dass Feministinnen ihre inzwischen gewonnene Macht endlich dafür einsetzen, ihr ursprüngliches Versprechen zu halten und sich für die Gleichberechtigung beider Geschlechter zu engagieren. – Die Kanadierin Wendy McElroy ist die wohl bekannteste Vertreterin der liberalen „individualist feminists“. Sie verfasste mehrere Bücher zur Geschlechterdebatte, so etwa „Liberty for Women: Freedom and Feminism in the 21st Century“ (Dee 2002). In ihrem Beitrag für diese Anthologie legt McElroy dar, welchen Gewinn die feministische Bewegung daraus ziehen kann, dass sie sich auch dem Thema „Männerrechte“ annimmt. – Robin Urban ist Netzfeministin und hat als freie Journalistin unter anderem bei Alice Schwarzers „Emma“ veröffentlicht.74 In ihrem Beitrag „Warum die Beschneidung von Jungen ein feministisches Thema sein sollte“, erklärt sie, warum „der Feminismus eben nicht ausreicht, um alle Ungerechtigkeiten zu eliminieren, weil das Problem von den meisten Feministinnen weder erkannt, noch behandelt wird.“ Dies sei aber nicht nur angesichts des Leidens, das Be- 74 Vgl. Urban, Robin: Wie abseits ist das denn?! Online seit dem 21.6.2014 unter https://www.emma.de/artikel/wie-abseits-ist-das-denn-317291. Die Autoren dieses Buches und ihre Beiträge 35 schneidungen oft zur Folge haben, notwendig, sondern weil „gewisse männerrechtliche Belange auch eine Auswirkung auf Frauen haben und nicht nur deswegen sehr berechtigt sind.“ Beschneidung bei Frauen zu verdammen und bei Männern zu verharmlosen, zeuge von Doppelmoral, und Angriffe auf Betroffene spiegelten frauenfeindliche Kommentare: „Das ist kein Feminismus mehr, sondern Antimaskulismus.“ – Dr. Hanna Milling ist seit vielen Jahren in Forschung und Lehre an verschiedenen Universitäten im Bereich internationale Zusammenarbeit, interkulturelle Kommunikation und internationales Konfliktmanagement tätig. Zu diesen Themen hat sie zahlreiche Fachartikel und Bücher veröffentlicht und arbeitet als Mediatorin und Trainerin im In- und Ausland, insbesondere im interkulturellen Kontext. Im August 2018 stellte sie für „Authentic Love Berlin“ eine Botschaft von Frauen an Männer auf Youtube online, die sofort für große Begeisterung sorgte: Völlig konträr zum herrschenden Zeitgeist erklären darin Frauen unterschiedlicher ethnischer Hintergründe den männlichen Rezipienten des Videos ihre Zuneigung und ihren Respekt. In einem Interviewbeitrag erklärt Milling, was hinter dieser Botschaft steckt und wie man den Konflikt zwischen Feministinnen und Maskulisten sinnvoller angehen kann als bisher. – Die Frankfurter Allgemeine erntete vor mehreren Jahren wegen ihrer Berichterstattung zum Thema Homosexualität erhebliche Kritik bis hin zu einer Rüge des Presserates wegen eines schweren Verstoßes gegen das Diskriminierungsverbot.75 In meiner Diskursanalyse „Frankfurter Allgemeine & Co: Denunziation statt Aufklärung“ erläutere ich anhand eines Artikels des FAZ-Mitarbeiters Sebastian Eder, dass es in dieser Zeitung bei der Darstellung maskulistischer Anliegen ein ähnliches Versagen journalistischer Ethik gibt. Das Kapitel zeigt auf, mit welchen sozialen Sanktionen Männer rechnen müssen, die tatsächlich aus der klassischen Männerrolle ausbrechen, erörtert, ob Schwule, männliche Opfer und Männeraktivisten aus ähnlichen Gründen herabgesetzt werden, wie es 75 Vgl. Kram, Johannes: Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber … Querverlag 2018, S. 74 sowie N.N.: Missbilligung für „Bild“, Rüge für die „FAZ“, online seit dem 15.9.2017 unter http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/deutscher-presserat-ruegen-fuer-bild-und-frankfurter-allgemeine-zeitung-a-1167854.html. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 36 zu dieser Entwicklung kommt, welche Folgen sie hat und wie man ihr begegnen kann. Darüber hinaus ist dieser Beitrag Teil der Debatte über das verlorene Vertrauen vieler Bürger in die Seriosität unserer Leitmedien – insbesondere nach dem Fall des „Spiegel“- Reporters Claas Relotius, der ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichte.76 – Die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling wurde auf feministischen Druck hin aus diesem Amt entlassen, weil sie, statt sich ausschließlich um Frauen zu kümmern, auch die Anliegen von Jungen und Männern ernst zu nehmen begann. In einem Interviewbeitrag erklärt Ebeling, inwiefern bei solchen Fragen gerade ein Umdenken stattfindet. Ebeling fordert einen „intergeschlechtlichen Abgleich und Gedankenaustausch zwischen Frauen- und Männergruppen“ – und zwar auch wenn diese Männergruppen nicht feministisch ausgerichtet sind – statt des bisherigen Geschlechterkampfes, bei dem Feministinnen „zunehmend die Unterstützung von den eigenen Geschlechtsgenossinnen“ fehle. Die bestehende „mediale Filterblase“ schaffe „eine Sicht auf Frauenthemen, die an der weiblichen Realität und den vielfältigen Anforderungen an einen Frauenalltag und ein Frauenleben oft vorbei geht.“ Gleichzeitig dürften auch Männerrechtler „nicht müde werden in ihrem Engagement.“ Sie seien oft „die einzige Stimme, die Männer in Not haben, und das ist sehr wertvoll.“ – Eilert Bartels ist Paar- und Sexualtherapeut; im März 2019 erschien sein Buch „huMANNoid: Männer sind Menschen“. In Bartels Beitrag für den vorliegenden Sammelband verrät schon die Überschrift seine zentrale These: „Wenn Gleichstellung das Ziel ist, müssen sich Frauen- und Männerbewegung selbst überwinden“. In diesem Beitrag entwickelt Bartels die feministische Sprachkritik weiter, indem er Vorschläge liefert, wie man so über die Geschlechter spre- 76 Vgl. https://www.hamburgmediaschool.com/koepfe/relotius-claas sowie Sternberg, Jan: „Spiegel“ macht eigenen Betrugsfall publik. In: Wolfsburger Allgemeine vom 19.12.2018, online unter http://www.waz-online.de/Nachrichten/Medien/Spiegelmacht-eigenen-Betrugsfall-publik sowie N.N.: „Spiegel“-Reporter Moreno wurde offenbar mit Rauswurf gedroht. In: Frankfurter Allgemeine vom 22.12.2018, online unter https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/fall-relotius-spiegelreporter-mit-rauswurf-gedroht-15954983.html. Die Autoren dieses Buches und ihre Beiträge 37 chen kann, dass jeder integriert und niemand ausgegrenzt wird. Bartels warnt vor einer Radikalisierung, die dadurch eintreten könne, dass man sich vom Gegenüber nicht gehört fühle, daraufhin nur unter Leidensgenossen Allianzen bilde und sich kollektiv vom Gegenüber abgrenze. – Professor Christina Hoff Sommers ist eine US-amerikanische Feministin, Videobloggerin und Publizistin zahlreicher Artikel unter anderem für die New York Times und das Magazin „Time“. Sie positioniert sich gegen die Männerfeindlichkeit vieler anderer zeitgenössischer Feministinnen und machte in ihren Büchern auf feministische Mythen sowie auf die Benachteiligung von Jungen in unserer Gesellschaft aufmerksam. In ihrem Text „Würde, Fairness und persönliche Freiheit für alle“ bewirbt sie ihr Konzept des Freiheitsfeminismus als politische Lager und weltweite Kulturen verbindende weltweite Emanzipationsbewegung. – In ihrem zweiten Artikel für diesen Sammelband, „Wenn Individualisten quotieren: FDP und Frauenquote – Ein Tanz am Abgrund“, setzt sich die liberale Feministin Maike Wolf mit den alarmierenden Entwicklungen in ihrer Partei auseinander, Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit ein Amt zu verleihen, und erklärt, warum gerade viele Frauen solche Manöver als kränkend empfinden. – Astrid von Friesen ist Erziehungswissenschaftlerin, Trauma- und Paar-Therapeutin sowie Autorin von Büchern wie „Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer“ (2006). Sie unterrichtet an der Freiberger Universität und kommentiert bei Deutschlandradio- Kultur. In ihrem Beitrag „Paarkonflikte: Warum die Bürger-Kriege sich verschärfen“ analysiert sie die gemeinsamen psychologischen Ursachen sowohl für eskalierende Konflikte in Partnerschaften als auch die sich verschärfende Aggression im Internet. Dabei stellt sie die Frage, „wie Frauen und Männer in einer ‚gegenderten‘ Welt friedlich, liebevoll und geborgen zusammenleben können“, und entwickelt konkrete Ratschläge, damit sich unsere Gesellschaft zu einer echten „Geschlechterdemokratie“ entwickelt und Frauen wie Männer den Kreislauf wechselseitiger Schuldzuweisungen durchbrechen können. Brücken statt Schützengräben: Wir brauchen eine neue Debattenkultur 38 – Elinor Petzold ist Paar- und Sexualtherapeutin (auch als Kink-Aware-Professional) jüdischer Abstammung und mit mehrfachem Migrationshintergrund. Sie lebte einige Jahre in Israel und stellte fest, dass die Geschlechter dort unbefangener und zugleich selbstbewusster miteinander umgehen als hierzulande. Auf der Grundlage dieser und anderer biographischer Erfahrungen ist ihr Beitrag „Das ganze Land braucht eine Therapie“ entstanden, in dem sie darlegt, was Frauen und Männer tun können, um zu „Gleich-Wertschätzung“ und gegenseitigem Respekt zu gelangen. – Geht man nach der Häufigkeit, mit der Frauenanliegen in den Leitmedien vorkommen, sind die wichtigsten Themen für Frauen die Gehaltslücke, die Quote und sexuelle Belästigung. Aber ist das wirklich so oder liegt das nur daran, dass es zu diesen Themen feministische Kampagnen gibt? Für den Beitrag „Welche Probleme haben Frauen heute? Eine Befragung“ habe ich ein Experiment durchgeführt, das ich jedem Leser (geschlechtsunabhängig) empfehlen kann: Ich habe die verschiedensten Frauen in meinem privaten Bekanntenkreis gefragt: „Was ist eigentlich dein größtes Problem als Frau?“ Die Antworten, die ich erhalten habe, sind immer aufschlussreich und durchdacht, oft überraschend und vielfach lebensnäher als die bekannten ideologischen Botschaften vom Unterdrücker Mann und Opfer Frau. – Dr. Katja Kurz ist Feministin, Anthropologin und Expertin für Menschenrechte. Sie lebt als Program Officer der American India Foundation (AIF), die das William J. Clinton Fellowship for Service in India leitet, teils in New York, teils in Indien. Ihr Beitrag „Welche Probleme haben Frauen heute? Eine interkulturelle Perspektive“ knüpft an das vorangegangene Kapitel an und schildert eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Geschlechterrollen in verschiedenen Regionen dieser Erde sind, und wie stark sie sich gerade weltweit verändern. Dabei kommt Kurz auch auf die in Indien bekannte Frauenrechtlerin Kamla Bhasin zu sprechen, für die der Neoliberalismus die Schuld daran trägt, dass die Interessen von Frauen und Männern antagonistisch gegenüber gestellt werden. – Jeannette Hagen ist Autorin mehrerer Bücher unter anderem zum Thema Vaterentbehrung, Dozentin, Coach und engagiert sich darüber hinaus im Kampf gegen Rechtsradikalismus und für eine Die Autoren dieses Buches und ihre Beiträge 39 menschenwürdige Flüchtlingspolitik. In ihrem Beitrag „Das Potential der Unterschiede“ legt sie dar, warum die so beliebte Abwertung von Männern in unserer Gesellschaft problematisch ist, und gibt Anregungen, wie man den Geschlechterkonflikt überwinden kann. Es würde mich freuen, wenn der Dialog, den wir alle hier aufgenommen haben, Früchte trägt und vielleicht sogar in einem Nachfolgeband weitergeführt wird. Für Autorinnen und Autoren, die daran mitwirken möchten, bin ich per Mail, Telefon und Briefpost gerne ansprechbar. 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References

Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.