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Einführung in:

Christian J. Jäggi

Bausteine einer politischen Friedensordnung im Judentum, page 1 - 6

Ethische Grundlagen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4239-7, ISBN online: 978-3-8288-7275-2, https://doi.org/10.5771/9783828872752-1

Tectum, Baden-Baden
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1 Einführung Am 1. Februar 2019 gab die US-amerikanische Regierung ihre Kündigung des Vertrags über atomare Mittelstrecken (Intermediate-Range Nuclear Forces INF) bekannt. Dieser Vertrag von 1987 verbot die Entwicklung, Herstellung und Stationierung landgestützter Mittelstreckenraketen, die auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden können. Der INF-Vertrag war – trotz allen Mängeln – ein wichtiger Baustein für die internationale Sicherheitsarchitektur gewesen. Die Regierung Trump gab bekannt, dass sie sich nach einer im Vertrag vorgesehenen sechsmonatigen Übergangszeit nicht mehr an den Vertrag gebunden fühle. Als Gründe für die Vertragskündigung durch die USA wurde einerseits die Aufrüstung Chinas mit Mittelstreckenraketen angegeben, mit der die USA wegen des INF-Vertrags nicht gleichziehen konnte. Anderseits warfen die USA Russland vor, sich nach 2000 nicht mehr an den Vertrag gehalten zu haben, und eine als Kurzstreckenwaffe deklarierte Rakete gebaut zu haben, die in Wahrheit deutlich über 500 km Reichweite hatte und damit eigentlich den Regelungen des INF-Vertrag unterstanden hätte. Diese als SSC-8 bekannte Mittelstreckenrakete soll bereits Anfang 2019 an mindestens zwei Orten stationiert worden sein (vgl. Ackeret 2019). Dieses Beispiel zeigt, wie zerbrechlich und im Grunde unsicher die Sicherheits- und Friedensstruktur der heutigen Welt ist. Jederzeit kann eine neue Aufrüstungsrunde beginnen. Deshalb stellt sich so dringend wie nie mehr in den letzten 25 Jahren die Frage nach einer globalen Friedensordnung und Sicherheitsstruktur. Vor dem Hintergrund aktueller politischer Bedrohungen durch Terrorismus, ausufernde Grossmachtpolitik einer Reihe von Supermächten und regionalen Militärmächten sowie neo-nationalistischen Bestrebungen in vielen Ländern stellt sich die Frage nach tragfähigen Bausteinen einer umfassenden Friedensethik. Das vorliegende Werk ist der zweite Band einer Buch- und Forschungsreihe, in welchem Fragen der politischen Ethik und einer globalen Friedensordnung thematisiert werden. Im ersten Band (vgl. Jäggi 2018) wurden Bausteine einer säkularen politischen Ethik und einer entsprechenden Friedensordnung thematisiert. Die weiteren Bände arbeiten Elemente friedensethischer Vorstellungen und Möglichkeiten einer übergreifenden politischen Ethik aus der Sicht der grossen monotheistischen Religionen heraus. Dies aus der Überzeugung, dass Frieden nur möglich ist, wenn alle grossen Weltanschauungssysteme ihren Beitrag dazu leisten können. Der vorliegende Band befasst sich mit den Vorstellungen und Visionen der jüdischen Tradition zu Fragen der politischen Ordnung und zu einer übergreifenden Friedensvision. Zur Anwendung kommen dabei Methoden der Judaistik, der Theologie und insbesondere der Exegese, sowie literaturwissenschaftliche und historische Annäherungen. Dabei stellt sich die Frage, was denn eigentlich „jüdisch“ bedeutet, oder anders gesagt: was Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft gemeinsam ist. Ehrlich (2009:228f.) gibt darauf fünf Antworten: „1. Ahawat Jisrael: Die Liebe zu dem historischen und dem heutigen jüdischen Volks. …: ‚Alle Juden sind füreinander verantwortlich‘ (wie es im Talmud Schewuot 39a heisst). 2. Ahawat Tora: Liebe zur Tora, und damit zur jüdischen Religion, getreu dem Satz aus der jüdischen Liturgie …: ‚Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten‘. 3. Ahawat Erez Jisrael: Die Liebe zum Lande Israel. Die Zukunft des jüdischen Volkes der ganzen Welt hängt davon ab, in welcher Weise Israel nicht nur ein physisches Sammelbecken der Juden wird, sondern auch eine geistige, moralische und kulturelle Triebkraft. 4. Ahwat Briot: Die Liebe zur Menschheit. Sie folgt aus dem Schöpfungsbericht, nach welchem der Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Wer den Mensch schändet, schändet Gott. Mit dieser Vorstellung hat die Bibel im Grunde erst den Mitmenschen entdeckt. Wenn man es unternähme, die Summe dessen zu ziehen, was das 2 Einführung Judentum der Welt geschenkt hat, so könnte man sagen, es sei die Entdeckung des Anderen als des Mitmenschen. 5. Ahawat Adonaj: Liebe zu Gott. …: ‚Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig‘, und darauf folgt: ‚Und du sollst lieben den Ewigen deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen‘ (Dtn 6,4.5)“ Die Rabbinerin Elisa Klapheck (2014a:98) hat die Frage gestellt, ob es eine „jüdische Ethik“ gibt und ob diese universalistisch ist. Ihre Antwort: „Sicher – von den Noachidischen Gesetzen im Talmud, die eben nicht nur Juden, sondern alle Menschen als gleich verantwortlich anerkannten, bis hin zu Hermann Cohens (1929) ethischem Monotheismus, der vor allem eine Ethik der sozialen Mitverantwortung ist, durchziehen universalistische Ansätze die gesamte jüdische Geistesgeschichte“. Und Klap heck meint, dass eine jüdische Ethik insbesondere auch auf den rabbinischen Diskussionen und Rückfragen an die Tora aufbauen sollte, mit einem engen Bezug auf die gegenwärtig Lebenssituation (vgl. Klapheck 2014a:98). Dabei sei nicht das „Was“ das Spannende, sondern das „Wie“. Im Zentrum der jüdischen Tradition stehe nicht die Lehre des Guten, sondern die Frage nach der Möglichkeit, sich zum Guten hin zu verhalten: „Nicht auf das Ideal des Guten ist der Fokus gerichtet, sondern auf die Komplexität des Möglichen“ (Klapheck 2014a:98). Dazu brauche es eine religiöse Erstbegründung, welche den Menschen in ein konfliktuöses, aber gerade deshalb auch produktives Verhältnis zu Gott stelle. Das zeigte sich etwa in Gen 32,23 ff., als Jakob mit Gott am Jabbok gerungen hat. Auch der Name Israel – entscheidend für die religiöse Identität des jüdischen Volkes – bedeute „Er ringt mit Gott“ oder „Gott ringt [mit dem Menschen]“ (Klapheck 2014a:101). Boccaccini (2014:27f.) hat auf das Problem hingewiesen, dass der Begriff „Judentum“ im Grunde eine unzulässige Verallgemeinerung sei, weil es faktisch mehrere „Judentümer“ gebe. Dahinter stehe die Frage, welche Elemente ein Glaubenssystem oder eine Glaubenspraxis als „jüdisch“ charakterisiere. Doch es hilft wenig, den verallgemeinernden Begriff des einen Judentums durch „Judentümer“ zu ersetzen: „Die Ersetzung des Konzepts ‚Judentum‘ durch das Konzept der ‚Judentümer‘ löst ein Problem und erzeugt ein anderes, vielleicht noch fundamentaleres – näm- 3 Einführung lich die Frage, was es ist, das irgendein beliebiges „Judentum“ zu einem Judentum macht … Der Plural ‚Judentümer‘ erfordert eine Definition von „Judentum“ im Singular, um selbst sinnvoll zu sein“ (Davies 1995:147 und 151, zitiert nach der Übersetzung von Boccaccini 2014:28). Eine mögliche – wenn auch nicht ganz befriedigende – Antwort könnte das Verständnis der Betroffenen sein, sozusagen eine In-Group-Definition: Was jüdische Menschen als „jüdisch“ empfinden, könnte eine Art gemeinsamer Nenner dafür bilden, was als jüdisch gelten kann. Es ist ja gerade ein Kennzeichen des Judentums, dass es – im Unterschied zum Christentum und zum Islam – praktisch nie (mit der einen Ausnahme der Karäer1) zu einer organisatorischen Spaltung kam, und dass in der jüdischen Tradition auch äusserst konträre Positionen ihren Platz hatten und haben, ohne dass sie ein Schisma verursachten. Gerade diese Tatsache macht den grossen Reichtum jüdischen Denkens aus. In der rabbinischen Literatur wird Gut und Böse thematisiert. Dabei sei der Mensch ethisch autonom gegenüber Gott, wobei diese Autonomie nach rabbinischer Auffassung gerade nicht zur Loslösung oder Abwendung von Gott führe. Ganz im Gegenteil: „Gott und Mensch bleiben weiterhin in ihrer konfliktuösen und deshalb produktiven Beziehung, um im Ko-Schöpferbund von unterschiedlichen Polen her die Schöpfung zu gestalten. Wendet sich eine der beiden Seiten ab, führt dies in die Katastrophe. Die Menschen haben ein Recht darauf, verärgert auf Gott zu sein, wenn er sie vergisst, wie auch umgekehrt Gott dieses Recht gegenüber den Menschen hat. Gott bleibt in der Beziehung. Gleichwohl bleibt der Preis, den die Menschen für ihre ethische Autonomie zahlen der, dass sie bei Problemen nicht mehr mit Gott rechnen können, sondern mit ihrer Situation selbst zurande kommen müssen. Kein Volk musste dies so eindeutig erfahren wie das jüdische Volk“ (Klapheck 2014a:104). In einem ähnlichen Sinn meint Crüsemann (2003a:53), dass die Paradiesgeschichte im Grunde bedeutet, dass „nicht Gott allein und nicht die Tradition allein bestimmen, was gut und böse, schädlich und förderlich ist. Das tut, und zwar unausweichlich, der Mensch selbst“. Damit könnte man im Grunde die gesamte Hebräische Bibel als Auseinandersetzung mit dem Gegensatz von Heteronomie – Gehorsamkeit gegenüber Gott – und Autonomie des 1 Die Karäer wurden nach langen Kämpfen aus den jüdischen Gemeinschaften ausgeschlossen, weil sie die kanonische Autorität des Talmuds nicht anerkannten (vgl. Drews 2004:130f.). 4 Einführung Menschen lesen. Dieser Konflikt setzt sich später in der christlichen Bibel und im Koran fort. Dabei sind die Antworten auf diesen Grundkonflikt natürlich äusserst unterschiedlich und widersprüchlich – sie schwanken zwischen den Extremen der uneingeschränkten Gottesgehorsamkeit und der vollständigen Ichbezogenheit des Menschen. In diesem Rahmen bewegen sich auch die folgenden Überlegungen. 5 Einführung

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Zusammenfassung

In der heutigen Zeit haben aktuelle politische Fragen – wie etwa die Konflikte im Nahen Osten – häufig eine religiöse Dimension oder werden auch über die Religion ausgetragen. Eine globale Friedensordnung ist nur denkbar, wenn die großen weltanschaulichen Systeme, also auch die großen Religionen, einbezogen werden. Die großen Religionen haben auch einen wichtigen Beitrag an die Friedensthematik zu leisten.

Der vorliegende Band analysiert, diskutiert und entfaltet schwergewichtig die Beiträge der jüdischen Tradition und besonders des jüdischen Schrifttums, also Tanach und Talmud, zu Fragen der Friedensordnung, zu einer übergreifenden politischen Ethik und zu Themen wie Krieg, Gewalt, Frieden und Versöhnung. Zur Sprache kommen neben den Schriften des antik-klassischen Judentums punktuell auch rabbinische Stellungnahmen, jüdische Autoren des Mittelalters und moderne jüdische Autoren.

Das Buch ist Bestandteil einer fünfbändigen Reihe. Bereits erschienen ist Frieden, politische Ordnung und Ethik. Fragestellungen – Erklärungsmodelle – Lösungsstrategien (2018).