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4 Kunstvermittlung im Kontext der Rezeptionsgeschichte: Lost Places an den Externsteinen – Ein Projektkonzept über verlorene Orte in:

Larissa Eikermann

Die Externsteine in der Kunstvermittlung, page 91 - 122

Eine Studie zur regionalen Kulturerbebildung

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4261-8, ISBN online: 978-3-8288-7274-5, https://doi.org/10.5771/9783828872745-91

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 20

Tectum, Baden-Baden
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91 4 Kunstvermittlung im Kontext der Rezeptionsgeschichte: Lost Places an den Externsteinen – Ein Projektkonzept über verlorene Orte 4.1 „Lost Places“ – Eine Einleitung „Der Ort ist vielgestaltiger und grundlegender Aspekt dessen, was es heißt, Mensch zu sein“, schreibt Alastair Bonnett in der Einleitung seines Buches „Off the map“. Er meint damit, dass es die „Liebe zum Ort“ sei, die uns Menschen trägt und verbindet, und dass der Ort gerade in der heutigen Zeit, wo das Bedürfnis nach Entschleunigung und Flucht aus dem Alltag besteht, wieder von größter Bedeutung ist.301 Dabei geht es ihm nicht um die Orte, die bereits bekannt sind und wo genau feststeht, wo sie sich befinden und wie sie aussehen, sondern um die Erkundung und Entdeckung von „namenlosen und verworfenen Orte(n) – solche, die weit entfernt sind, und solche, an denen wir jeden Tag vorbeikommen“, also Orte, die für den Menschen „off the map“ liegen und an denen die Gedanken ungehindert schweifen können.302 „In Wahrheit aber wünschen wir uns gerade eine Welt, die nicht durch und durch bekannt ist und die in der Lage ist, uns zu überraschen. Je weiter sich unsere Informationsquellen verbessern und je umfassender sie werden, desto stärker wächst das Bedürfnis, neue Orte zu schaffen und herbeizuzaubern, die sich wie zum Trotz auf keiner Karte finden.“303 Es geht demnach nicht darum, das Offensichtliche wahrzunehmen, sondern seine Perspektive auf Orte zu erweitern, die sich nicht mehr auf den ersten Blick erschließen lassen oder über die vielleicht gar keine Kenntnisse mehr bestehen. Im Sinne von Bonnett bedeutet dies, dass man sich auf die Suche nach diesen Orten begibt. Er unterscheidet dabei zwischen verlorengegangenen Orten, versteckten Geographien, Niemandsländern, Geisterstädten, Ausnahmeräumen, Enklaven und abtrünnigen Nationen, schwimmenden Inseln und vergänglichen Orten. Als verlorengegangene Orte, also „Lost Places“, greift er beispielsweise „Leningrad“, „die Aralkum-Wüste“ und das „alte Mekka“ heraus – Orte, die unter einem neuen Namen existieren, auf natürliche Weise neu an einem anderen Ort entstanden sind oder von Menschenhand umgewandelt wurden.304 „Weil die Identität des Menschen eng mit dem Ort verwoben ist, haben die Orte, die verschwinden, diejenigen, die kommen und gehen, etwas besonders Beunruhigendes an sich. Verlorene Orte verweisen auf verborgene Geschichte, aber auch auf eine andere, alternative Zukunft.“305 Um diese verlorenen Orte und die Gewinnung neuer Perspektiven auf sie soll es im Folgenden gehen. 301 Bonnett 2015, S. 11 f. 302 Bonnett 2015, S. 12 f., 22. 303 Bonnett 2015, S. 24. 304 Vgl. Inhaltsverzeichnis von Bonnett 2015. 305 Bonnett 2015, S. 19. 92 4.2 Der Raum als Ort – Die „Heterotopien“ von Michel Foucault als historische Grundlage und die methodische Vorgehensweise Die eingangs erwähnte Publikation von Alastair Bonnett, „Off the map“, darf als aktuellste und eine der wenigen – wenn auch eher populärwissenschaftlichen – Veröffentlichungen zu der Thematik „Lost Places“ gelten. Der Mehrwert dieser Veröffentlichung ist daher, dass sie „Lost Places“ wieder in den Fokus rückt und damit eine neue Debatte zum „Ort“ eröffnet, zu der bisher keine eingehende wissenschaftliche Erschließung vorliegt. Die „Lost Places“ werden bislang fast ausschließlich in diversen Internetforen behandelt oder als einzelne künstlerische Projekte bzw. in Bildbänden dokumentiert, weshalb die Zahl verwendbarer wissenschaftlicher Literatur stark begrenzt ist.306 Bonnett gibt den gegenwärtigen Impuls für die Öffnung dieses Themenfelds für die Forschung und sein Buch kann als Ausgangspunkt für die weiterführende Beschäftigung gelten. Das zugrundliegende Verständnis für den „Ort“ ist eng verknüpft mit dem des „Raumes“ und damit mit dem „spatial turn“, einer Wende in den Kultur- und Sozialwissenschaften, die seit Ende der 1980er Jahre zu einem neuen Raumverständnis führt und seitdem den Raum als geographisches Phänomen und kulturelle Größe wahrnimmt.307 Bedingt ist dieser Wandel in der Raumauffassung unter anderem durch die historischen Umstände und gesellschaftlichen Umbrüche der damaligen Zeit wie dem Mauerfall, damit verbunden der Öffnung der Grenzen und die einsetzende Globalisierung, sowie den medialen Neuerungen (E-Mail, Internet etc.).308 Das Verständnis vom Raum ist nicht länger territorial geprägt, sondern nun auch sozial und kulturell. Das heißt, nicht nur fest verortete, geographische Räume, sondern auch Räume innerhalb von sozialen Beziehungen oder kulturellen Phänomenen werden nun als Räume verstanden. Der Raum wird nicht nur zu einem Untersuchungsgegenstand, sondern zu „einem Erkenntnismittel oder einer Denkfigur“, welcher neue methodische Prozesse einleitet, wodurch „sich raumbezogene Konstruktionsprinzipien sozialen Verhaltens und spatiale Repräsentationsstrategien […] ebenso aufzeigen wie Materialität und Erfahrungsnähe – quer durch alle kulturwissenschaftlichen Disziplinen“.309 Da der „spatial turn“ disziplinenübergreifend in der Wissenschaft thematisiert wird, existieren eine Vielzahl von Publikationen dazu. Diese Zahl engt sich ein, wenn man sich auf ein Raumkonzept konzentriert, in dem der „spatial turn“ sich ausdrückt. 306 Siehe z. B. www.lost-places.com, www.rottenplaces.de, www.geschichtsspuren.de, www.broken-places.de (Letzter Zugriff: 29.05.2019) oder künstlerische Dokumentationen, wie von Marc Mielzarjewicz und Erik Neumann, „Lost Places Halle (Saale)“, 2016, und von Peter Untermaierhofer, „Lost Places fotografieren“, 2016 etc. sowie zahlreiche Tisch- und Wandkalender zu „Vergessenen Orten“ oder „Lost Places“. 307 Der Begriff des „spatial turn“ geht zurück auf den amerikanischen Humangeographen Edward W. Soja, der diesen in seinem Hauptwerk „Postmodern Geographies“ 1989 zum ersten Mal verwendet. Er bezieht diesen Begriff auf eine räumliche Wende, die er in der Denkweise von Michel Foucault sieht, obwohl Foucault sich nicht explizit mit dem „Raum“ befasst. Ein Paradigmenwechsel war damals jedoch nicht damit gemeint, vgl. Günzel 2010, S. 90 und Döring und Thielmann 2009, S. 8. 308 Bachmann-Medick 2013, S. 664. 309 Bachmann-Medick 2013, S. 665. 93 Eines dieser für den „spatial turn“ inhärenten Raumkonzepte, das mit Bezug auf die „Lost Places“ greift und hier grundlegend sein soll, ist das der „Heterotopie“ von Michel Foucault.310 Denn Foucaults Theorien sind besonders für die Historiographie und somit auch für die Kunstwissenschaft entscheidend, da für ihn der Raum eine neue Kategorie des historischen Denkens ausmacht, die neben die Kategorie der Zeit getreten ist, wie sie für die Historiker*innen zuvor als Einteilung für Ereignisse (Epoche) üblich war: „Die große Obsession des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich die Geschichte gewesen […]. Hingegen wäre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raumes“.311 Mit den Heterotopien bezeichnet Foucault 1967 sogenannte „Gegenorte“: „In den Gegenräumen werden der Raum (Heterotopie) und gelegentlich auch die Zeit (Hetereochronie) gebrochen.“312 Im Gegensatz zu den Utopien handelt es sich hierbei um wirkliche, reale Räume.313 Dazu gehören laut Foucault Orte wie Altersheime, Bordelle, Gefängnisse, Friedhöfe, Gärten, Kinos, Museen, Bibliotheken oder Feste und Schiffe, die alle eine unterschiedliche Funktion und Zeitauffassung haben.314 In Museen und Bibliotheken wird beispielsweise das Ziel verfolgt, „eine Art Generalarchiv zusammenzutragen, der Wille, an einem Ort alle Zeiten, alle Epochen, alle Formen, alle Geschmäcker einzuschließen […]“. Dagegen sind Feste oder Feriendörfer flüchtige, kurzweilige Räume.315 Foucault nennt diese Orte übergreifend „Abweichungsheterotopien“. Es sind für ihn die Orte, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, in dem Sinne, dass sie nicht zum alltäglichen Gebrauch der Menschen gehören und je nach Kultur anders funktionieren können.316 Diese Räume stehen beispielhaft für die Auffassung Foucaults, dass die Räume im 20. Jahrhundert – bedingt durch einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel – eine neue Wahrnehmung erfahren, bei dem die Zeit eine neue Funktion bekommt. Er erfasst damit bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Entwicklung, die sich erst im 21. Jahrhundert richtig entfaltet: der Einfluss der medialen Technologien auf die Lebenswelt der Menschen und damit auf die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Foucault bezeichnet es als ein „Nebeneinander“ und „Auseinander“, als einen Moment, „wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt“.317 Petra Roettig fasst es so zusammen, dass heutzutage eine „verlässliche Verortung von Dingen und Räumen kaum mehr möglich“ sei und sich Räume in der Wahrnehmung vervielfältigen und vernetzen.318 Die Menschen leben heute 310 Es wird dabei Bezug auf den Aufsatz „Andere Räume“ von Michel Foucault von 1967 genommen, veröffentlicht 1993. 311 Foucault 1993, S. 34, vgl. Döring und Thielmann 2009, S. 77. 312 Ruoff 2013, S. 182. 313 Foucault 1993, S. 38 f. 314 Siehe Foucault 1993, S. 40–46. 315 Foucault 1993, S. 43. 316 Foucault 1993, S. 40. Foucault unterscheidet zwei Typen von Heterotopien: die Krisen- und die Abweichungsheterotopien. Unter Krisenheterotopien werden Orte verstanden, die „Individuen vorbehalten sind, welche sich im Verhältnis zur Gesellschaft und inmitten ihrer menschlichen Umwelt in einem Krisenzustand befinden“, wie z. B. Frauen im Wochenbett oder menstruierende Frauen. Diese Krisenheterotopien werden hier nicht miteinbezogen. 317 Foucault 1993, S. 34. 318 Roettig 2012, S. 9. 94 in einer visuellen, medial geprägten Welt, in denen reale Räume eine untergeordnete Rolle spielen und die Wahrnehmung zwischen diesen und fiktiven Räumen verschwimmt. „Das Bild vom Raum als einem verlässlichen Ort der Orientierung wird somit mehr und mehr in Frage gestellt“, so Roettig.319 Diese Aussage von Petra Roettig ist entscheidend für die begriffliche Trennung von „Raum“ und „Ort“ und deren Verständnis im weiteren Zusammenhang. Sie versteht den Raum als einen Teil des Ortes. Riccardo Bavaj wird noch etwas konkreter und sagt: „Letztere [Orte] bezeichnen bestimmte Plätze und Stellen, die konkret benennbar und geographisch markiert sind. Sie machen die Entstehung von Räumen erst möglich, etwa durch die spezifische Synthese und Verknüpfung von Orten. Zugleich werden Orte ihrerseits durch die Konstitution von Raum hervorgebracht.“320 Demnach bedingen sich Ort und Raum gegenseitig und funktionieren nur miteinander. Sie haben eine wechselseitige Beziehung. An einem Ort können mehrere Räume entstehen, die wiederum den Ort ausmachen. Ein Raum/Räume hingegen entstehen dort, wo sich ein konkreter Ort befindet. Diese begriffliche Trennung von Raum und Ort ist wichtig für die weitere Diskussion über die „Lost Places“, bei denen es um verschiedene Sichtweisen auf verlorengegangene Orte und Lebensräume, und – nach Foucault – um die Bedeutung der Zeit an diesen gehen soll. Das geschilderte Raumverständnis und Raumkonzept von Michel Foucault soll im Folgenden auf die „Lost Places“ übertragen, deren verborgene Geschichte und deren kulturelle Bedeutung für die Vergangenheit und die Zukunft der Menschen rezeptionshistorisch und künstlerisch im regionalen Kontext der Externsteine aufgearbeitet werden, um die Möglichkeit eines neuen Erkenntnismittels im Sinne des „spatial turn“ für die kulturwissenschaftliche Erschließung und Erforschung dieses Thema aufzuzeigen. 4.3 „Verlorengegangene Orte“ oder „Lost Places“ – Eine Definition „Lost Places“ sind, wie der Name schon sagt, Orte, die verlorengegangen und somit vom Zerfall betroffen, für den Menschen nicht mehr sichtbar oder in Vergessenheit geraten sind und somit eine „verborgene Geschichte“ haben.321 Das liegt daran, dass Orte im Laufe ihrer Existenz verschiedenen Daseinszuständen unterliegen. Sie verändern sich stetig, Teile der Orte oder die kompletten Orte gehen verloren, zerfallen oder werden neu entdeckt, entwickeln sich weiter oder passen sich den Umständen an. Sie befinden sich über Generationen hinweg im Wandel, wahren aber dennoch Spuren von Unendlichkeit. Doch um welche Art von Orten handelt es sich genau? Jörg Dünne gibt dazu eine Definition nach Michel de Certeau an: 319 Roettig 2012, S. 10. 320 Bavaj 2006, S. 481. 321 Bonnett 2015, S. 19. In dem Ausstellungskatalog „Lost Places – Orte der Photographie“ werden unter den „Lost Places“ auch Orte verstanden, die im Begriff sind, verloren zu gehen, vgl. Gaßner und Roettig 2012, S. 10. Im Falle dieser Arbeit werden unter dem Begriff jedoch nur tatsächlich verlorengegangene und nicht mehr sichtbare Orte verstanden. Synonym zu „verlorengegangenen Orten“ wird oft auch der Begriff „vergessene Orte“ verwendet. Diese Begriffe werden hier gleichgesetzt. 95 „Natürlich geht es, wenn man von verlorenen Orten spricht, nicht um das Verschwinden eines physischen Raumes, sondern um Veränderung von kulturell, durch ‚Raumpraktiken‘ im Sinne von Michel de Certeau überhaupt erst geschaffenen oder ‚produzierten‘ Orten; möglicherweise aber auch um die Wahrnehmbarkeit von Orten.“322 Mit den „Lost Places“ sind nach diesem Verständnis und für diesen Kontext somit kulturell und für die Menschen bedeutsame Orte gemeint – nicht im Sinne einer Räumlichkeit, sondern als Stätten, die erinnerungs- und identitätsstiftend sind und mit denen „historische Ereignisse und gesellschaftliche Umbrüche“ verbunden werden, die auf die Menschen und deren Wahrnehmung der Orte wirken und im Gedächtnis als solche abgespeichert werden, so Petra Roettig.323 Also Orte, die ein Teil des kollektiven, kulturellen Gedächtnisses darstellen, wie es im Sinne des „spatial turn“ zu verstehen ist. Allgemein gesehen, können alle Arten von Orten zu „Lost Places“ werden. Entweder sind diese Orte gänzlich verschwunden oder nur noch in Teilen oder als Ruine sichtbar. Orte lassen sich jedoch ihrer ursprünglichen Funktion entsprechend kategorisieren. So können ganze Landschaften, Städte, Stadtteile, Dörfer oder Inseln, wie es Alastair Bonnett zeigt, „Lost Places“ sein oder – wie es Kai Fricke auf seiner Internetplattform www.lost-places.com im engeren Sinne spezifiziert – Burgen und Schlösser, Industriestätten, Freizeitorte (Hotels, Theater, Freizeitparks, Restaurants etc.), militärische Anlagen, öffentliche Gebäude (Kliniken, Schulen, Gefängnisse, Botschaften etc.), religiöse Plätze (Klöster, Friedhöfe, Kirchen etc.), Transportstätten (Bahnhöfe, Schrottplätze etc.), Orte im Untergrund (Bergwerke, Bunker etc.), Villen und Häuser und sonstige Orte „Lost Places“ darstellen. In vielen Fällen sind diese Orte bisher nicht bewusst als solche wahrgenommen worden und müssen erst einmal erschlossen werden. Dieser Aspekt ist im Sinne der kulturwissenschaftlichen Raumforschung entscheidend. Denn die grundsätzlichste Frage ist doch, wie es Jörg Dünne formuliert, wer eigentlich bemerkt, wenn ein Ort verloren geht, sofern das überhaupt möglich ist, und was bzw. wer dabei eigentlich verloren geht.324 Ein Beispiel aus dem Buch von Alastair Bonnett soll diese Frage und deren Bedeutung verdeutlichen. Das „alte Mekka“ wurde vonseiten der Saudis wegen des Bedarfs von neuem Wohnraum für die jährlichen Pilgerströme sowie dem Wunsch nach Modernisierung, Konsum und einer Abneigung gegenüber alten Gebäuden und Zeichen zu 95 Prozent umgebaut, so dass das alte Stadtbild nur noch in wenigen Teilen existiert. Zudem wird Nicht-Muslimen verboten, die Stadt zu betreten.325 Nach Bonnett wird auf diese Weise die Vergangenheit entsorgt und gleichzeitig auch die Erinnerungen, Geschichten und Beziehungen, die den Zusammenhalt der Menschen ausmachen, zerstört und die Menschen entwurzelt und kulturell verwundbar gemacht. Die Historizität der Stadt geht verloren.326 322 Dünne 2012, S. 19. 323 Roettig 2012, S. 9. 324 Dünne 2012, S. 19. 325 Bonnett 2015, S. 33–36. 326 Bonnett 2015, S. 34. 96 „Die Zerstörung des alten Mekka und das Betretungsverbot für Nicht-Muslime sorgen dafür, dass Vergangenheit und Zukunft der Stadt nur auf eine einzige Weise gesehen werden. Sie wecken jedoch auch nostalgische Sehnsucht nach der verlorenen Vielfalt. Es ist wie bei Leningrad: Je weiter das alte Mekka hinter der Realität verschwindet, desto stärker wird es zu einem Ort der Phantasie und der Kritik. In einer alten Stadt wie Mekka wird das eklatante Fehlen der Vergangenheit zu einer eigenen Form von Präsenz, zu etwas Ungreifbarem, das zugleich aber dauerhaft und wichtig ist, zu etwas, das unabdingbar zur Geschichte (im Sinne von story) der Stadt gehört und das sich niemals ganz auslöschen lässt.“327 Der Umbau der Stadt Mekka macht deutlich, worum es, im Sinne von Dünne, bei der Erforschung von „Lost Places“ geht. Es geht nicht um den Verlust eines physischen Raumes, wie bereits festgehalten wurde, sondern um kulturelle Veränderungen und Wahrnehmbarkeiten von Orten, deren Verlust vielleicht grundlegender ist als der von Objekten oder Personen, so Dünne.328 Die Stadt Mekka veranschaulicht diesen Verlust für das kulturelle Gedächtnis auf eindrucksvolle, wenn auch negative Weise. Gleichzeitig gibt es Orte, das soll hier kurz angeführt werden, die keine eigene Identität oder Geschichte haben und somit nicht Teil des kollektiven Gedächtnisses und der Erinnerungskultur werden. Der französische Ethnologe Marc Augé hat für diese Orte die Bezeichnung „Nicht-Orte“ geprägt. Seiner Ansicht nach sind z. B. Flughäfen, Supermärkte, Autobahnen, Tankstellen und weitere Transiträume solche Orte, in denen die Identität eine untergeordnete Rolle spielt, ebenso wie die Kommunikation, und die somit für die Erinnerungen der Menschen nicht bedeutsam sind.329 Diese Orte sollen jedoch nicht Bestandteil des Konzeptes der „Lost Places“ sein. Bei dem Vermittlungskonzept der „Lost Places“ soll es vielmehr darum gehen, – nach dem Verständnis von Foucault, Certeau, Bonnett und Dünne – die nicht mehr sichtbaren Zustände eines Ortes, also eines verlorenen Ortes, zu erschließen, darzustellen und zu vermitteln. 4.4 „Lost Places“ an den Externsteinen Im Verlaufe der Millionen von Jahren, die die Externsteine existieren, hat sich dieser Ort gewandelt und verschiedene historische Ereignisse und Veränderungen durchlaufen, die heute zum Teil nicht mehr sichtbar oder in Vergessenheit geraten sind. Einige dieser Ereignisse sind historisch belegt, wieder andere sind nur als Theorie vorhanden. Als „Lost Places“ wurden daher drei Beispiele ausgewählt, die sowohl nur „theoretisch“ bestanden als auch nachweislich existiert haben und damit gleichzeitig einen Blick in die vielfältige Wissenschaftsgeschichte der Externsteine öffnen, die von eben diesem Zusammenspiel – nicht nachweisbarer Theorien und nachweisbaren Ereignissen und Orten – geprägt ist. 327 Bonnett 2015, S. 37. 328 Dünne 2012, S. 19. 329 Augé 2014, Kapitel „Von den Orten zu den Nicht-Orten“, S. 79–114. 97 Die drei unterschiedlichen Daseinszustände werden zunächst chronologisch und inhaltlich dargelegt, um eine theoretische Basis für die künstlerische Vermittlung zu haben. Als Theorie wird es um die Behauptung von Walther Matthes gehen, dass sich an den Externsteinen im frühen Mittelalter die Ursprungsgründung des Klosters Corvey namens Hethis und der Standort der Irminsul befunden haben sollen. Als nachweisbare Existenzen wird zum einen die Festungsanlage des Grafen Hermann Adolph zur Lippe aus dem 17. Jahrhundert im Fokus stehen sowie die Straßenbahnlinie Paderborn- Detmold, die bis in die 1950er Jahre durch die Externsteine hindurch fuhr. 4.4.1 Corvey und die Externsteine – Das Kloster Hethis und der Standort der Irminsul 1982 stellt der emeritierte Hamburger Professor für Ur- und Frühgeschichte Walther Matthes mit seiner Veröffentlichung „Corvey und die Externsteine – Schicksal eines vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit“ die Theorie auf, dass an den Externsteinen die Stätte der ursprünglichen Klostergründung von Corvey, das Kloster Hethis, nachzuweisen sei und dieser Platz innerhalb des Irminsul-Bezirkes gelegen haben soll.330 Eine Theorie, die bis heute nicht bewiesen ist und für die es keinerlei stichhaltige Anhaltspunkte gibt bzw. dessen Beweisführung nach Einschätzung der Forschung Matthes nicht gelingt, wie im Folgenden deutlich wird. Dennoch soll sie hier im Sinne eines fiktiven Lost Place an den Externsteinen aufgegriffen werden, der zwar nicht bewiesen, aber auch nicht auszuschließen ist. Das Kloster Corvey bei Höxter, heute UNESCO-Weltkulturerbe, wurde 822 durch Mönche des französischen Mutterklosters Corbie an der Somme als „Corbeia nova“ gegründet. Initiator dieser Gründung war Karl der Große, der nach seinem Sieg über die Sachsen im Zuge der Christianisierung einen geeigneten Ort für ein Reichskloster suchte, von dem aus die christliche Missionierung weiter gen Norden vorangetrieben werden sollte. Durch verwandtschaftliche Beziehungen zu dem Abt des Klosters in Corbie, Adalhard, und die Vorbildhaftigkeit der dortigen Mönche, betraute der Kaiser den Corbier Abt mit dem Aufbau eines Benediktinerklosters im damals sächsischen Raum.331 Ausgeführt wurde diese Gründung schließlich durch Adalhard den Jüngeren – jedoch nicht an der heutigen Stelle von Corvey, sondern zunächst (815–822) an dem unbekannten Ort namens Hethis (altsächs. hethi, Heide).332 Als Quellen für seine These zieht Matthes drei Schriften aus dem 9. Jahrhundert heran. Dabei handelt es sich zum einen um den Bericht über die Überführung der Reliquien des heiligen Vitus – die Translatio sancti Vitii – sowie die Biographien der Corbier Äbte Adalhard und Wala.333 Der Ort Hethis wird jedoch nur in dem Vitusbericht als in loco qui dicitur Hethis 330 Matthes 1982, S. 13–21. 331 http://nova-corbeia.uni-paderborn.de/index.php?id=8 (Letzter Zugriff: 29.05.2019) und Kasten 1986, S. 145. 332 http://nova-corbeia.uni-paderborn.de/index.php?id=8 (Letzter Zugriff: 29.05.2019), Matthes 1982, S. 107 und Stüwer 1980, S. 237. 333 Matthes 1982, S. 111 und 158. Zur eingehenden und seriösen Besprechung dieser drei Quellen siehe Krüger 2001. 98 explizit erwähnt und das auch nur als jener Ort, an dem die Mönche zu bauen begannen und der innerhalb des Bistums Paderborn liegen sollte.334 Weiterhin wird dort beschrieben, dass „die reine Lehre in einer Einöde verkündet wurde. Denn der Ort war so unergiebig, daß sie dort weder zu Nahrung noch zu Kleidung kommen konnten, soweit diese nicht auf Veranlassung des genannten Abtes aus seinem Kloster herangeschafft wurden. (…) In der gleichen Zeit war Adalbert, ein frommer Mann, an dem genannten Kloster der Vorsteher. Angesichts der schwierigen Zwangslage wurde er in lebhafte Sorge versetzt, eben dadurch, daß er für das Arbeiten der Brüder keine Mittel zur Verfügung hatte, und so fing er an, sich über einen Ortswechsel Gedanken zu machen.“335 Eine detaillierte Ortsangabe liefert der Bericht demnach nicht. Er macht nur deutlich, dass die Mönche den Ort aufgrund der widrigen Bedingungen verlassen und einen Platz für eine neue Gründung gesucht haben, der sich, wie weiter berichtet wird, „am Flusse Wesara“ befand, „der zu einem Landgute gehörte, das Uxerri hieß“.336 Die Biographien der Äbte Adalhard und Wala enthalten den Namen Hethis nicht. In der Lebensbeschreibung des Adlahard wird zwar „jener Ort, wo die Anlage gewesen war“ erwähnt und das dieser als „nicht für brauchbar oder geeignet gehalten“ wurde; genauere Angaben zur Lokalisierung liefert aber auch diese Quelle nicht.337 Ebenso verhält es sich mit der Biographie des Wala, die sich vor allem mit der Zusammenarbeit von Adalhard und Wala und nicht mit dem ursprünglichen Klosterbau beschäftigt.338 Matthes selbst ist es, der zu bedenken gibt, dass „in diesen Schriften nur an wenigen Stellen und dann auch nur recht unbestimmt angedeutet“ wird, wo das Kloster Hethis zu finden sei.339 Dazu kommt die Tatsache, dass die Translatio sancti Vitii in ihrer Authentizität nicht gesichert ist. Wie Karl Heinrich Krüger ausführlich darlegt, stammt die älteste erhaltene Handschrift dieses Textes aus dem 15. Jahrhundert und auch erschließbare Textformen reichen nur bis in das 12. Jahrhundert zurück. Weiterhin ist der Autor nicht bekannt, und es steht die These im Raum, dass ein zweiter Verfasser an diesem Werk mitgewirkt hat und es daher eventuell nicht durchgängig, sondern zeitlich versetzt entstanden ist.340 Die einzige aussagekräftige Quelle in diesem Fall muss daher kritisch betrachtet werden. Matthes führt seine These trotzdem weiter aus, geht es ihm doch auch darum, nachzuweisen, dass sich an den Externsteinen ein vorchristliches Heiligtum befand, dem, wie der Untertitel seines Buches schon sagt, in karolingischer Zeit ein Schicksal widerfahren sei. Dieser Ort sei dann auf Initiative Karls des Großen für die Klostergründung genutzt worden. 334 Matthes 1982, S. 116. In diesem Fall und auch im weiteren Verlauf wird sich an den Übersetzungen des Vitusberichtes orientiert, die Walther Matthes und Karl Heinrich Krüger in ihren Werken darlegen, vgl. Matthes 1975, S. 114–118 und Krüger 2001, S. 103–108. 335 Matthes 1982, S. 117. 336 Ebd. 337 Matthes 1982, S. 122. 338 Matthes 1982, S. 124–157. 339 Matthes 1982, S. 113. 340 Krüger 2001, S. 77. 99 Wie Jakobi erklärt, nimmt Matthes damit zugleich zwei Probleme in Angriff: die Frage nach der Lokalisierung des Klosters Hethis und die nach Ziel und Verlauf der Sachsenkriege durch Karl den Großen, die mit der Zerstörung der Irminsul 772 begonnen haben sollen.341 Die Irminsul wird in den fränkischen Annalen als „ein Ort oder eine Örtlichkeit“, „ein Heiligtum“, „ein Götzenbild“ oder als ein „berühmtes Heiligtum und ein Hain“ erwähnt, zu dem der König (Karl der Große) nach der Eroberung der Eresburg mit seinem Heer gezogen sei, diese zerstört habe, um weiter an die Weser zu ziehen, so Matthias Springer.342 Eine Ortsangabe zur Irminsul gibt es jedoch nicht, ebenso wenig wie eine gesicherte bildliche Darstellung, wie auch Roland Linde feststellt.343 Dazu kommt, dass – wie Springer betont – die zeitgenössischen Quellen nicht darauf schließen lassen, dass es 772 nur eine einzige Irminsul gegeben haben muss und diese kriegerisch von Bedeutung war.344 Matthes kommt trotz allem zu dem Schluss, dass die Irminsul nicht nur „ein hochaufragender, säulenartiger Kultgegenstand…, den man in der vorchristlichen Zeit als das sichtbare Abbild einer mythischen Weltstütze, als ein heiliges Wahrzeichen kosmischer Ordnung angesehen und verehrt hatte“ gewesen sei, sondern eine Sakrallandschaft mit einem heiligen Hain, in dem die Irminsul einen wichtigen Platz einnahm.345 Er bezieht sich dabei ebenfalls auf die Annalen aus der Zeit Karls des Großen, verweist aber, wie an zahlreichen weiteren Stellen seines Buches auch, auf zukünftige Publikationen, in dessen Rahmen er seine Aussagen ausführlicher zu besprechen gedachte.346 Jakobi nennt Matthes Vorgehensweise einen „mehrstufigen Gesamtbeweisgang, der sich teilweise auf archäologische Befunde aus vorkarolingischer Zeit stützt, größtenteils jedoch aus weiteren Hypothesen und sehr extremen Interpretationen der fränkisch-christlichen Schriftquellen besteht“, um „seine Sicht der Dinge zu verifizieren“.347 Der Umstand, dass eine vorchristliche Vergangenheit des Klosters Hethis in den Quellen keine Erwähnung findet, führt Matthes auf eine gezielte Absicht zurück, diese zu verschweigen, „denn ein solches Verhalten des ‚nicht davon sprechen Wollens‘ ist auch anderweitig zu beobachten, wenn es sich um Stätten der vorchristlichen Religion handelte“.348 Durch das Gedicht „Egloga“ des Abtes Radbert aus dem 9. Jahrhundert ist für Matthes aber eindeutig belegt, dass Hethis an einem ehemals heidnischen Ort gegründet wurde: 341 Jakobi 1984, S. 168. 342 Springer und Maier 2000, S. 504. 343 Linde 2007, S. 47. Roland Linde gibt an, dass die einzige ernstzunehmende Beschreibung der Irminsul von Rudolf von Fulda aus dem 9. Jahrhundert stammt und es sich demnach um „einen Baumstumpf von beträchtlicher Größe, der unter dem freien Himmel in die Höhe ragte und den sie in ihrer Muttersprache Irminsul nannten, was auf lateinisch universalis columna bedeutet, als ob die Säule das All getragen hätte“ handelte. 344 Springer und Maier 2000, S. 504 f. 345 Matthes 1982, S. 17 ff. 346 Matthes 1982, S. 18. Im Besonderen verweist Matthes auf das Buch „Externsteine und Irminsul“, vgl. S. 15, 192, 193 und eine „besondere Veröffentlichung“, vgl. S. 18, in dem seine Ausführungen weitergehend besprochen werden sollen. Diese Veröffentlichungen sind jedoch nie zustande gekommen. 347 Jakobi 1984, S. 168. 348 Matthes 1982, S. 166. 100 Abb. 37: Für die Ortsbestimmung des Hethis-Klosters ergibt sich, nach Matthes, eine erste Grundlage dadurch, dass es westlich der Weser gelegen haben muss, von Corvey mehr als 20 Kilometer und weniger als 40 Kilometer entfernt war und sich in einem unfruchtbaren Gebiet befand. 101 „Ich sage: Corbie, du mögest als die ältere den Greis im Grabe bewahren; andererseits aber möchte ich als die jüngere, die eines solchen Beschützers beraubt ist, alsbald im Wechselgesang die Wehklage in Form eines Gedichts anstimmen. (…) Diese zweite hat jener überaus selige Mann frohlockend begründet, indem er viele göttliche Offenbarungen mit heilbringenden Worten den Leuten zukommen ließ. Denn wo damals noch der Götze wütete, wo die feindlich gesinnte Macht und die Verehrung des heidnischen Heiligtums das ganze bebaute Land in Unehre gebracht hatte, hat er die Kultstätte zunichte gemacht und zu Schafställen für die Herde Christi geweiht. Darauf errichtete er, nachdem der heidnische Hain bis auf die Wurzel beseitigt worden war, für die Mönche weitab von diesem Orte von Grund auf und in vollkommener Weise die geheiligten Klostergebäude.“349 Dieses Gedicht belegt zwar die heidnische Vorgeschichte des Klosters Hethis, allerdings wird wiederum kein Name des Standortes genannt und mit „das ganze bebaute Land“ ein nicht einzugrenzendes Areal angegeben. Die Irminsul wird mit keinem Wort erwähnt, von Matthes aber stets mit dem heidnischen Heiligtum gleichgesetzt. Wie kommt Matthes also auf den Gedanken, dass die Externsteine dieser Standort gewesen sein könnten und sich dort gleichzeitig die Irminsul befunden haben soll? Aufgrund der Angaben über die Feldzüge Karls des Großen durch das sächsische Gebiet und vermutlich auch aufgrund der Darlegung in den Reichsannalen, dass sich „das von Karl d. Gr. zerstörte Heiligtum zw. Marsberg (wo die Eresburg stand) und der Weser befunden haben muß“350, beschränkt Matthes den Standort von Hethis auf die Gebiete westlich der Weser. Weiterhin zieht er noch einmal den Vitusbericht heran, in dem beschrieben ist, dass die Mönche bei ihrer Umsiedlung nach Corvey zwei Tage benötigten. Matthes schließt daraus, dass die Strecke nach Corvey mehr als 20 Kilometer und weniger als 40 Kilometer betragen haben muss, wenn der Umzug nicht mit einer Tagesreise zu schaffen gewesen war.351 Er geht außerdem davon aus, dass die Mönche bei ihrem Umzug vorhandene Wege benutzten, um ihr zahlreiches Hab und Gut zu transportieren und Hethis daher an einer wichtigen frühmittelalterlichen Straße gelegen haben muss (Abb. 37).352 Zudem muss sich das Kloster dem Vitusbericht zufolge in einem unfruchtbarem Gebiet befunden haben, denn „die schlechten topographischen Bedingungen machten es den Mönchen unmöglich, ihren eigenen Unterhalt zu erwirtschaften. Nur mit materiellen Zuwendungen aus dem Mutterkloster Corbie gelang es, die Mönchsniederlassung einige Jahre vor dem völligen Ruin zu bewahren.“353 Außerdem habe „die Stätte der Externsteine bisher immer Vordergrund der Diskussion gestanden, wenn von einem ehemaligen Heiligtum die Rede war, das in der vorgeschichtlichen Zeit 349 Matthes 1982, S. 159. 350 Springer und Maier 2000, S. 504. 351 Matthes 1982, S. 182 ff. 352 Matthes 1982, S. 182, 187. 353 Kasten 1986, S. 146. 102 von Bedeutung gewesen sein soll.“354 Weitere Zeugnisse seien Arbeitsspuren an den Felsen, deren Altersbestimmung, wie Matthes selbst erläutert, nicht leicht oder überhaupt möglich sei.355 Dabei handelt es sich um Flächen für Gestirnsbeobachtungen an Felsen 11 sowie im Stein sichtbare Figuren an Felsen 4, die seiner Ansicht nach nicht anders zu erklären sind, als das sie „im Rahmen eines solchen Brauchtums der naturverbundenen heidnischen Religion zu verstehen und als Anlagen der vorchristlichen Zeit anzusprechen“ seien, wie auch „etwas von der bedeutenden Stellung, die dieses Felsenheiligtum in der vorchristlichen Zeit innegehabt haben muß“ verraten.356 All diese Erwähnungen zieht Matthes zusammen, um zu dem Schluss zu gelangen, dass für die Lokalisierung des Klosters Hethis nur die Externsteine in Frage kommen können.357 4.4.2 Die Festungsanlage des Grafen Hermann Adolph zur Lippe an den Externsteinen Der niederländische Künstler Elias van Lennep hatte am 20. April 1663 durch den Grafen Hermann Adolph zur Lippe (1653–1666)358 den Auftrag bekommen, eine Reihe von Kupferstichen gräflich-lippischer Örtlichkeiten anzufertigen. Er hatte die Aufgabe „Unsere sembtliche Städte undt also auch Lemgo zu delineiren und in Abriß zu bringen“.359„In diesen 27 Lennepschen Stichen besitzt das Land Lippe einen unverhältnismäßig großen Schatz bildlicher Wiedergaben des 17. Jahrhunderts, wie ihn in solcher Vollständigkeit kaum ein anderes Gebiet gleicher Größe aufweisen dürfte“, so Erich Kittel.360 Zu diesem Schatz bildlicher Wiedergaben zählt auch ein Kupferstich der Externsteine, der in diesem Rahmen 1663 angefertigt wurde und bei dem es sich um die erste bildliche Darstellung der Externsteine handelt (Abb. 38).361 Dieser sehr detailgetreue Kupferstich zeigt die Festungsanlage des Grafen im Zentrum des Bildes, den Externsteinen trapezförmig vorgelagert.362 Friedrich Christoph Puhstkuchen be- 354 Matthes 1982, S. 192 f. 355 Matthes 1982, S. 195. 356 Matthes 1982, S. 198 und 201. Hinsichtlich der Felsenfiguren bezieht sich Matthes dabei zum Teil auf Elisabeth Neumann-Gundrum, eine von völkischen Vorstellungen geleitete und der rechten esoterischen Szene zugewandte Lehrerin, die ihre Abstammung nach Atlantis zurückverfolgte und in den Felsstrukturen der Externsteine sogenannte „Megalith-Skulpturen“ – überdimensionale Figuren anthropogener Entstehung aus der Steinzeit – sehen wollte. Er hegte einen regen schriftlichen Austausch mit Neumann-Gundrum, wie die Belege bei Uta Halle zeigen, siehe Halle 2009, S. 201 f. mit Anmerkungen, vgl. auch Raabe und Wilke 2018, Neumann-Gundrum 1981 und www.ur-europa.de/forschung/grossskulpturen.php (Letzter Zugriff: 29.05.2019). 357 Vgl. Matthes 1982, S. 192. 358 Mundhenk 1980 b, S. 61. Das Geburtsdatum von Elias van Lennep ist unbekannt, lediglich der Geburtsort, Borkelo im niederländischen Gelderland, ist bekannt. Verstorben ist er 1694 oder Anfang des Jahres 1695. 359 Kittel 1950, S. 88. 360 Kittel 1950, S. 103. 361 Mundhenk 1980 b, S. 61. Nach Erich Kittel kann sein Aufenthalt in Lippe nicht von langer Dauer gewesen sein. Er geht davon aus, dass er von 1663 bis 1666 in Detmold für den Grafen Hermann Adolph zur Lippe tätig war. Schriftliche Nachweise für seinen Aufenthalt fehlen, Kittel 1950, S. 93. Auf den Kupferstich wird bereits kurz in Kapitel 2.2 hinsichtlich der barocken Baumaßnahmen und dem daraus resultierenden Zustand der Petrusfigur eingegangen. 362 Die Fundamentmauern der Festungsanlage wurden bei den Ausgrabungen 1934/1935 freigelegt und anschließend zerstört. Eine Fotografie von 1935 lässt den Grundriss der Anlage jedoch noch gut erkennen, ebenso sind die Auswertungen von Uta Halle zu den Grabungen aufschlussreich, siehe Stiewe 2018, S. 186 f. sowie Halle 2002, S. 191–343. 103 Abb. 38: Elias van Lennep, Externsteine, 1663/65. schreibt 1767 den Zweck der Anlage wie folgt: „Die ehemaligen hohen Landesregenten und absonderlich der Hochgeborene Graf Hermann Adolph haben auch hier oft ihre Lustbarkeit gehabt, und ein Vergnügen gefunden, sich da aufzuhalten.“363 Die Anlage diente somit dem freizeitlichen und repräsentativen Vergnügen des Grafen und seiner betuchten Gäste und hatte „keine reale fortifikatorische Bedeutung“, sondern ist als „barocke Kulissenarchitektur“ zu deuten, wie Heinrich Stiewe bemerkt.364 Der Bau besteht aus zwei niedrigen Rundtürmen, die durch eine gleichhohe Mauer miteinander verbunden sind. In dieser Mauer befindet sich mittig eine Öffnung, die einen Zu- bzw. Aufgang ermöglicht. Zwei weitere Mauern schließen sich seitlich an die Rundtürme an. Die Mauer an dem rechten Rundturm verbindet die Festungsanlage mit den Externsteinen auf Höhe des Fensters der Nebengrotte; die Position der Mauer am linken Turm ist nicht eindeutig erkennbar. Sie steht entweder frei und gestattet den Zutritt zu dem Gelände vor den Externsteinen oder stößt an den Treppenfelsen an. Das Äußere des Baus wird nur durch wenige Fensteröffnungen gegliedert, ansonsten ist er glatt und schmucklos. In beiden Rundtürmen befindet sich mittig im oberen Drittel ein kleines, quadratisches Fenster, weiterhin gibt es nur schmale strichförmige Öffnungen im unteren Drittel, die sich wie ein Band über das Bauwerk 363 Mundhenk 1980 b, S. 139. 364 Stiewe 2018, S. 188. Stiewe begründet diese Schlussfolgerung mit den durch die Grabungen ersichtlichen Mauerstärken der Anlage, die für eine Festung völlig unzureichend gewesen wären. 104 ziehen. Die Anlage an sich ist ein flacher und schmaler Bau, der durch seine Architektur den Blick auf die Externsteine im Hintergrund frei lässt: eine Art Kulissenarchitektur. Die Externsteine breiten sich in ihrer Gesamtheit, das heißt Felsen 1 bis 5, über den Hintergrund des Bildes und somit den der barocken Anlage aus. An den stilisiert gezeichneten Felsen sind weitere Umgestaltungsarbeiten zu erkennen, die sich jedoch auf die Felsen 1 bis 3 unmittelbar hinter dem Festungsbau beschränken. Nach Mundhenks Meinung sind durch die Baumaßnahmen des Grafen zum ersten Mal „alle drei Felsen zu einem geschlossenen Komplex verknüpft, und erst jetzt konnte man mit vollem Recht von den Externsteinen im Plural sprechen.“365 Der Felsen 1, der Grottenfelsen, ist wie bereits beschrieben, auf Höhe des Fensters der Nebengrotte mit dem Festungsbau verbunden. Daneben wird das Fenster der Eremitenzelle sichtbar. Unterhalb dieser beiden Fenster liegt der Sargfelsen, der durch Erde überbaut ist. Die Öffnungen der Hauptgrotte (Portal und „Adlertür“) sind mit Figuren ausgefüllt, so dass darüber kein Zugang in die Grotte möglich war. Das Kreuzabnahmerelief ist äußerst detailliert wiedergegeben. Die heute zerstörten Stellen (der Kopf Marias, die Beine von Joseph von Arimathia und Nikodemus sowie das Tuch der Sonne) sind damals noch vorhanden, so dass sich das Relief in seiner Unversehrtheit offenbart.366 Lediglich das untere Register mit dem Drachenrelief und der Öffnung des Lichtschachtes wird nicht dargestellt. Mundhenk schließt daraus, dass es zu dieser Zeit verputzt war, so wie es auf dem Bild auch dargestellt ist.367 So läßt sich vermutlich auch der schlechte, heutige Zustand und die unterschiedliche Qualität der beiden Register erklären. An der Ostseite wird der Grottenfelsen – neben dem Kreuzabnahmerelief und im Übergang zu dem Felsen 2, der damals noch durch einen Durchgang von diesem getrennt war – von einem achteckigen Treppenturm flankiert. Im unteren Teil des Treppenturmes ist der frontale Zugang durch eine mit Scharnieren verzierte Tür möglich, die von einem großen Wappen überkrönt wird. Zwischen dem Wappen und der Tür ist eine Kartusche angebracht, die die Inschrift „Hermann Adolpho G V E H Z L“ (= Graf und Edler Herr zur Lippe) trägt und damit eindeutig den Grafen als Erbauer angibt.368 Das Wappen zeigt in vier Feldern die Symbole der lippischen Regenten: Oben links und unten rechts die lippische Rose und oben rechts und unten links den fünfzackigen schwalenbergischen Stern mit der Schwalbe (Abb. 39). 365 Mundhenk 1980 b, S. 25. 366 Zur Beschreibung des Reliefs vgl. Kapitel 2.2. 367 Mundhenk 1980 b, S. 64. Mundhenk weist darauf hin, dass bereits Hans Ferdinand Massmann eine ähnliche Vermutung ausgesprochen hatte. Dieser war jedoch davon ausgegangen, dass der untere Teil des Reliefs mit Moos, Schorf oder Schutt bedeckt oder vom Künstler nicht ausgeführt worden war, vgl. Mundhenk 1980 b, S. 65, Anm. 8. Die ersten Fragmente des Drachenreliefs zeigen sich, laut Mundhenk, auf der Zeichnung von Johann Ludwig Knoch, 1802. In einer Mitteilung von Wilhelm Gottlieb Levin Freiherr von Donop wird es im Zusammenhang mit dem Kreuzabnahmerelief 1810 aber noch nicht erwähnt, so dass Mundhenk davon ausgeht, dass es erst in den nächsten sechs Jahren (bis zur ersten Erwähnung 1816) freigelegt wurde, Mundhenk 1980 b, S. 173. 368 Mundhenk 1980 b, S. 63 sowie Stiewe 2018, S. 189. 105 Neben dieser Tür befindet sich auf gleicher Höhe eine Nische mit einer nicht erkennbaren Figur, darüber eine elliptische Öffnung mit einem Kreuz. Heute ist an dieser Stelle die Nische mit der Petrusfigur, die zum damaligen Zeitpunkt zugebaut war. Der gegenwärtig schlechte Zustand dieser Skulptur ließe sich durch diese Baumaßnahmen erklären. Der Treppenturm zieht sich etwa bis auf halbe Höhe des Grottenfelsens und schließt oben mit einer Balustrade ab. Die Balustrade führt den steilen Aufgang über den Grottenfelsen bis zum Gipfelplateau hinauf und umfasst damit repräsentativ die Aussichtsplattform. Der Höhenkammerfelsen – Felsen 2 – zeigt in verzerrter Perspektive die Öffnung der Höhenkammer und das westlich gelegene Seitenfenster. Das Rundloch und die Altarnische sind nicht eingezeichnet. Am Fuße des Felsen ist nach Mundhenk die sogenannte Kanzel zu sehen. „Sie wird von einer schlichten, unkannelierten Säule überkrönt, deren durch einen Parallelring gegliedertes oberes Ende (ohne Kapitell) sich entweder an den Felsen anlehnen oder frei enden soll.“369 Treppenstufen führen zu der Kanzel hinauf, es ist jedoch kein Zugang zu der Höhenkammer möglich, da Felsen 2 und 3 nicht durch eine Brücke miteinander verbunden sind. Der Aufstieg zu Felsen 3 ist über eine gewundene, in den Stein gehauene Treppe möglich, die sich bis in den oberen Bereich des Felsen zieht und dort eine Aussichtsmöglichkeit, aber keine Plattform bietet. Es wird daher vermutlich zuvor möglich gewesen sein, über den Felsen 3 auf den Höhenkammerfelsen zu gelangen. Mutmaßlich ist der Aufgang baufällig geworden 369 Mundhenk 1980 b, S. 64. Abb. 39: Elias van Lennep, Externsteine, 1663/65, Detail der Partie um den Treppenturm mit Kennzeichnung des Wappens. 106 und wurde abgerissen oder man wollte die Aufmerksamkeit auf den Grottenfelsen und die Festungsanlage lenken. Das Felsentor zwischen den Felsen 3 und 4 ist auf diesem Bild bereits vorhanden. Noch führte aber kein Fernweg hindurch. Dahinter wird durch einzelne Bäume ein Wald angedeutet. Im Vordergrund des Bildes sind drei gut gekleidete Personen, zwei zu Pferd und der dritte Mann zu Fuß, zu erkennen. Weitere Personen sowie zwei Hunde sind auf dem Aufgang zur Bastion, vor dem rechten Rundturm und vor dem Zugang zum Treppenturm dargestellt. Die Szene bekommt dadurch einen leicht belebten Charakter. Der Kupferstich von Elias van Lennep hat als erste erhaltene Abbildung der Externsteine eine herausragende Bedeutung und dokumentiert eindrücklich das Erscheinungsbild der Felsformation zu Beginn der Neuzeit, entkleidet von ihrer „mittelalterlichen Naturgestalt“.370 Auch auf einer Zeichnung von Johann Georg Rudolphi um 1670 ist der Zustand der Externsteine mit den barocken Umgestaltungsarbeiten – mit leichten Abweichungen zu van Lennep – anschaulich dargestellt (Abb. 40). Dort ist auch ein schlichtes Fachwerkhaus, das Försterhaus, vor dem Felsen 4 zu sehen, das noch von dem Grafen in Auftrag gegeben wurde, dessen Vollendung er aber nicht mehr erlebt haben soll, da er 1666 verstarb.371 Dem Betrachter stellt sich, so Mundhenk, damit „ein Ensemble von seltener Eindrücklichkeit dar, das ein schon von Natur ansprechendes Wiesen- und Waldtal ausfüllte.“372 Nach dem Tod des Grafen Hermann Adolphs wurden die barocken Baumaßnahmen nicht mehr weitergeführt und standen schon einige Jahrzehnte später vor dem Verfall. Bereits 1691 berichtet ein Horner Amtmann von dem drohenden Niederfall einiger Bauteile. Kurze Zeit später gibt es Berichte über Reparaturarbeiten und schon im 18. Jahrhundert ist die Festungsanlage verfallen. Bildlich dokumentiert ist der ruinöse Zustand in dem Kupferstich von 370 Mundhenk 1980 b, S. 25. 371 Mundhenk 1980 b, S. 26. 372 Mundhenk 1980 b, S. 25. Abb. 40: Johann Georg Rudolphi, Exterstein, Feder in braun laviert, um 1670. 107 Abb. 41: Ferdinand Helfreich Frisch, Kupferstich „Naehere Vorstellung der vier ersten Klippen von den Estersteinen bey Horn“, 1750. Ferdinand Helfreich Frisch aus dem Jahre 1750 (Abb. 41).373 Dort sind lediglich die Reste des Treppenturms zu erkennen, die wohl bis 1810 Bestand hatten.374 Friedrich Christoph Puhstkuchen (1767) und Johann Ludwig Knoch (1768) gehen in ihren Erwähnungen ebenfalls auf diesen Niedergang ein. Puhstkuchen bekommt nur noch die Reste der Treppenanlage zu sehen, wenn er sagt, „zu diesem Gebrauch waren Treppen in den Felsen eingehauen, es war auch oben von einem auf den anderen ein Gang und ein Platz für etliche Personen. Diese Werke der Kunst sind nachher großenteils wieder zerfallen.“375 Knoch berichtet, der Graf „lies eine Treppe hinaufführen, oben darauf eine Gallerie, und daneben ein kleines Lustschlos anlegen, welches aber durch Zeit und Umstände verwüstet worden; so daß man jetzo sagen kann: Sic transit gloria mundi.“376 373 Stiewe 2018, S. 191 f. 374 Mundhenk 1980 b, S. 50. 375 Mundhenk 1980 b, S. 18 und 139. 376 Mundhenk 1980 b, S. 19 und 143. 108 Schon hundert Jahre nach dem Bau des „Lustschlosses“ und der weiteren Anlagen waren diese demnach wieder zerfallen bzw. nur noch in Teilen, wie den Treppen, erhalten. Den Besucher*innen muss sich nicht einmal mehr eine Ruine dargeboten haben, da Puhstkuchen wie auch Knoch nur noch in der Vergangenheitsform davon berichten, diese Bauwerke anscheinend aber nicht mehr selbst gesehen haben. In dem Zeitraum von 1696 bis 1736 gibt es keine Erwähnungen über die repräsentative Festung und die übrigen Anlagen, so dass in dieser Zeit das Bauwerk fast vollständig niedergegangen sein muss. Das Försterhaus diente seit 1698 als Krugwirtschaft und lebte, wenn auch in veränderter Gestalt, bis 1867/68 fort. Erst dann wird es durch einen neugotischen Hotelneubau ersetzt, der inzwischen ebenfalls nicht mehr vorhanden ist.377 4.4.3 Die Straßenbahn durch die Externsteine Während die ersten Eisenbahnen in Deutschland, im damaligen Preußen, schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Betrieb aufnahmen, wurde in Lippe erst 1872 eine Eisenbahnlinie eröffnet. Gründe dafür lagen in der Skepsis gegenüber Neuerungen von Seiten des Fürsten Leopold III. zur Lippe (1821–1875) und der schlechten finanziellen Lage des Fürstentums. Von Schieder aus konnte man aber nun die Verbindung Hannover–Altenbeken nutzen und in den darauffolgenden Jahren auch Verbindungen von Herford nach Detmold und schließlich bis nach Lemgo, Altenbeken und Horn. Für diese und auch die später folgenden Städte bedeutete der Eisenbahnbau einen wirtschaftlichen Aufschwung, verbunden mit dem Bau von Industriestätten und der Schaffung von zahlreichen Arbeitsplätzen, die für die arme lippische Bevölkerung äußerst wichtig waren. Die übrigen Ortschaften innerhalb des Fürstentums profitierten jedoch nicht von dieser Neuerung und wünschten sich eine Stra- ßenbahn, um ebenfalls die Anbindung an die städtischen Zentren, an die überregionalen Bahnverbindungen nutzen zu können, den Fremdenverkehr zu verbessern und damit das Umland 377 Stiewe 2018, S. 193, vgl. Mundhenk 1980 b, S. 53 und S. 87, Anm. 10. Der Hotelbau überdauerte zwar die Zeit des Zweiten Weltkrieges, wurde dann aber 1965 abgerissen. Abb. 42: Die Gebirgsstraßenbahn auf ihrem Weg zur Egge, Foto von 1952. 109 Abb. 43: Die PESAG-Straßenbahn an der Haltestelle an den Externsteinen (Nordostseite), Foto um 1917/18. Abb. 44: Die PESAG-Straßenbahn an den Externsteinen (Südwestseite), Foto um 1917/18. 110 bestmöglich wirtschaftlich und verkehrsmäßig zu erschließen.378 Am 1. März 1900 konnte die erste Straßenbahnlinie in Lippe schließlich eröffnet werden. Sie führte von Detmold nach Berlebeck und Hiddesen und war von der neu gegründeten Lippischen Elektrizitäts-A.G. (LEAG) ausgeführt worden.379 Von der lippischen Bevölkerung wurde sie „liebevoll die Elektrische, die Bimmelbahn oder auch schon mal die Ruckeltante“ genannt.380 Auch andere Orte in Lippe wollten nun an das Straßenbahnnetz bis hin nach Paderborn angeschlossen werden und im April 1911 wurde die Strecke Paderborn-Schlangen eingeweiht.381 Im Sommer 1911 wurde von der Paderborner Elektrizitätswerke und Straßenbahn AG (PE- SAG) mit dem Bau der sogenannten „Gebirgsstraßenbahn“ von Paderborn nach Schlangen, Kohlstädt, durch die Externsteine zum Bahnhof in Horn begonnen, die 1912 eingeweiht werden konnte.382 Mit der Überquerung der Kleinen Egge war der PESAG eine große technische Leistung gelungen. Auf einem Streckenabschnitt von 3,5 Kilometern musste ein Höhenunterschied von 140 Metern bewältigt werden, was besonders bei Laub- und Schneefall eine Herausforderung darstellte (Abb. 42).383 Von 1912 bis 1936 führte diese Straßenbahnlinie entlang der späteren Reichsstraße 1 durch die Externsteine hindurch (Abb. 43 und 44). Die Straßenbahnschienen wurden neben der Straße auf Holzschwellen mit Vignolschienen verlegt.384 Die Tatsache, dass mit dieser „Teutoburger-Wald-Bahn“ zum ersten Mal ein ganzes Gebirge durchquert wurde und dabei durch die damals schon berühmten Externsteine fuhr, erregte – wie ein Bericht aus dem Berliner Lokalanzeiger vom 8. Dezember 1912 zeigt – auch überregional Aufsehen. Das Bild von einer idyllischen Strecke zeichnend, findet sich dort folgende Wegbeschreibung: „Die erste deutsche Gebirgsstraßenbahn beginnt am Hauptbahnhof von Paderborn, der Stadt an der Pader. Unsere Teutoburger-Wald-Straßenbahn durchzieht zuerst die Hauptstraßen der schönen alten Bischofsstadt, vorbei am mittelalterlichen Steilgiebelbau des Rathauses und dem stattlichen Dom. Am südlichen Saum der Senne fahren wir zunächst entlang und erreichen das an den Quellen gelegene Heilbad Lippspringe. In weiterem Verlauf führt die Fahrt, die mit einer von Straßenbahnen nicht erwarteten Geschwindigkeit auf der ganzen 30 km langen Strecke vor sich geht, durch die noch urwüchsigen Dörfer Schlangen und Kohlstädt in das Gebirge hinein. Nun folgt eine der schönsten deutschen Gebirgsstrecken. Durchs Wiesental hinauf, dicht unter den Wipfeln laub- und immergrüner 378 Mariß 2012, S. 10, 12, 14 und Otte-Schacht 1973, S. 255. 379 Mariß 2012, S. 12. 380 Mariß 2012, S. 9. 381 Für den Ausbau des Straßenbahnnetzes in Paderborn und dem Umland der Stadt war am 9. Januar 1909 die „Paderborner Elektrizitätswerk und Straßenbahn AG“ gegründet worden. Die Versorgung des Staßenbahnnetzes mit Strom und der Ausbau der Linien und die Verbindung von Paderborn nach Lippe konnten jedoch nur durch die Zusammenarbeit der PESAG mit der LEAG erfolgen. 1918 wurde die LEAG von der PESAG übernommen und 1922 vollständig in diese eingegliedert. Dabei wurden das Paderborner und das Detmolder Straßenbahnnetz zusammengelegt. Das Straßenbahnnetz wurde daraufhin noch weiter ausgebaut, PESAG-Aktiengesellschaft 1984, S. 13, 19, 53 und Mariß 2012, S. 25 ff. 382 Mariß 2012, S. 14. 383 PESAG-Aktiengesellschaft 1984, S. 51. 384 Heusinkveld und Kenning 2012, S. 142. 111 Bäume, unter Eichen und Fichten fährt der Zug rasch zur Höhe der Kleinen Egge empor. Langsam senken sich Straße und Bahn hinab. Nun kommt der interessanteste Augenblick der Fahrt: Links schimmert ein Waldsee und durch die Enge von zwei hohen Felsen, durch die mittleren Felsen der Externsteine, fährt die zierliche grüne elektrische Bahn flott hindurch. […]. Es erregt bei manchem Befremden, dass die neue Bahn ohne Umstände durch die Externsteine, jenes berühmte Naturwunder hindurch fährt.“385 Für die Externsteine war der Bau dieser Straßenbahnlinie auch touristisch bedeutsam, besichtigten viele Ausflugsgäste – auch Schulen und Vereine – die Externsteine durch die Fahrt mit der Bahn überhaupt zum ersten Mal. So herrschte dort natürlich auch an den Sonn- und Feiertagen ein reger Ausflugsverkehr, der den Einsatz von Extrazügen erforderlich machte.386 Zu dieser Zeit bestanden neben den Externsteinen noch das Hotel Ulrich (bis 1966) und bis 1934 die Pension „Villa Viktoria“.387 Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nahm dieser Ausflugsverkehr zunächst ab, erfuhr in den 1920er Jahren aber einen erneuten Anstieg, so dass sogar ein Stichgleis an den Externsteinen geplant wurde, um zusätzliche Beiwagen abstellen zu können.388 Das Ende der Straßenbahnlinie durch die Externsteine zeichnete sich seit 1926 ab. 1926 wurde das Gebiet um die Externsteine unter Naturschutz gestellt und 1936 der Betrieb dieses Teilstücks der Straßenbahnlinie nach Horn schließlich eingestellt, da an den Externsteinen umfangreiche Ausgrabungen stattfanden und die Nationalsozialisten diese zu einem „Nationalheiligtum“ erklärten.389 Jetzt war keine Durchfahrt mehr möglich, da die Bahn zusammen mit der Reichstraße 1 auf eine andere Trasse verlegt wurde, um sie aus dem „Heiligen Hain“ zu entfernen und die Reichstraße für militärische Transporte zu nutzen. Es blieb lediglich bis Ende 1941 ein Pendelverkehr nach Horn bestehen.390 385 Mariß 2012, S. 21 f. 386 Heusinkveld und Kenning 2012, S. 142. 387 Heusinkveld und Kenning 2012, S. 158 f. 388 Heusinkveld und Kenning 2012, S. 146, 159. 389 Linde 2018 b, S. 362 ff., 373. 390 Linde 2018 b, S. 373, PESAG-Aktiengesellschaft 1984, S. 56 und Heusinkveld und Kenning 2012, S. 5, 146. Abb. 45: Der Wandhaken an Felsen 3 als Erinnerung an die Straßenbahn. 112 Während des Zweiten Weltkrieges und später durch die Besetzung des ostwestfälischen Raumes durch die Alliierten war der gesamte Straßenbahnverkehr größtenteils zum Erliegen gekommen. Nach dem Ende des Krieges konnte der Straßenbahnbetrieb zwar noch einmal aufgenommen werden, wurde in den 1950er Jahren dann aber endgültig – unter anderem – aufgrund des zunehmenden Kraft- und Busverkehrs und dem daraus resultierenden nur noch geringen Fahrgastaufkommens und der Behinderung auf den Straßen eingestellt.391 Die Imposanz der Durchquerung der Externsteine mit der Straßenbahn wird auch auf zahlreichen Fotografien und Postkarten aus dieser Zeit deutlich. Heute erinnern nur ein Wandhaken für das Stromkabel an dem nordwestlichen Felsen 3 (Abb. 45) und eine einzelnen Kastanie (Abb. 46) – die Straßenbahn durchfuhr eine Kastanienallee auf dem Weg zwischen der Felsengruppe und dem heutigen Parkplatz am Informationszentrum (Abb. 47) – inmitten der nordöstlichen großen Wiese noch an diese Zeit.392 Denn auch von den Gebäuden an den Externsteinen – dem Gasthaus, dem Hotel und der Pension – sowie der Allee existieren heute keine Spuren mehr.393 391 Mariß 2012, S. 39–53, vgl. PESAG-Aktiengesellschaft 1984, S. 56 und Otte-Schacht, S. 263. 392 Heusinkveld und Kenning 2012, S. 157. 393 1867 hatte Carl Friedrich Fricke das alte Krughaus an den Externsteinen übernommen und durch einen neogotischen Neubau ersetzt, der im Volksmund „Bierkathedrale“ genannt wurde und gleichzeitig auch als Hotel diente. Das Hotel wechselte ab 1872 dreimal den Besitzer, bevor es 1889 die Familie Ulrich übernahm und um einen Fachwerkbau, ein Pensionshaus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite erweiterte. 1938 verkauft die Familie Ulrich die Besitztümer an die nationalsozialistische Externsteine-Stiftung, bleibt aber bis zum Abbruch des Gaststättenund Hotelgebäudes 1965 als Pächter tätig. Beide Gebäude wurden 1936 (Villa Viktoria) bzw. 1938 (Hotel Kaiserhof, zuletzt Vestisches Kinderheim) abgebrochen, siehe Linde 2018 b, S. 377. Abb. 46: Die heute einzig verbliebene Kastanie der früheren Allee auf der nordöstlichen Wiese vor den Externsteinen. 113 Während des Zweiten Weltkrieges und später durch die Besetzung des ostwestfälischen Raumes durch die Alliierten war der gesamte Straßenbahnverkehr größtenteils zum Erliegen gekommen. Nach dem Ende des Krieges konnte der Straßenbahnbetrieb zwar noch einmal aufgenommen werden, wurde in den 1950er Jahren dann aber endgültig – unter anderem – aufgrund des zunehmenden Kraft- und Busverkehrs und dem daraus resultierenden nur noch geringen Fahrgastaufkommens und der Behinderung auf den Straßen eingestellt.391 Die Imposanz der Durchquerung der Externsteine mit der Straßenbahn wird auch auf zahlreichen Fotografien und Postkarten aus dieser Zeit deutlich. Heute erinnern nur ein Wandhaken für das Stromkabel an dem nordwestlichen Felsen 3 (Abb. 45) und eine einzelnen Kastanie (Abb. 46) – die Straßenbahn durchfuhr eine Kastanienallee auf dem Weg zwischen der Felsengruppe und dem heutigen Parkplatz am Informationszentrum (Abb. 47) – inmitten der nordöstlichen großen Wiese noch an diese Zeit.392 Denn auch von den Gebäuden an den Externsteinen – dem Gasthaus, dem Hotel und der Pension – sowie der Allee existieren heute keine Spuren mehr.393 391 Mariß 2012, S. 39–53, vgl. PESAG-Aktiengesellschaft 1984, S. 56 und Otte-Schacht, S. 263. 392 Heusinkveld und Kenning 2012, S. 157. 393 1867 hatte Carl Friedrich Fricke das alte Krughaus an den Externsteinen übernommen und durch einen neogotischen Neubau ersetzt, der im Volksmund „Bierkathedrale“ genannt wurde und gleichzeitig auch als Hotel diente. Das Hotel wechselte ab 1872 dreimal den Besitzer, bevor es 1889 die Familie Ulrich übernahm und um einen Fachwerkbau, ein Pensionshaus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite erweiterte. 1938 verkauft die Familie Ulrich die Besitztümer an die nationalsozialistische Externsteine-Stiftung, bleibt aber bis zum Abbruch des Gaststättenund Hotelgebäudes 1965 als Pächter tätig. Beide Gebäude wurden 1936 (Villa Viktoria) bzw. 1938 (Hotel Kaiserhof, zuletzt Vestisches Kinderheim) abgebrochen, siehe Linde 2018 b, S. 377. 4.5 „Lost Places“ als Projektkonzept für die Vermittlung „Die Liebe zum Ort“ sei es, die die Menschen trägt und verbindet, sagt Alastair Bonnett. Er meint damit die Liebe zu Orten, die nicht mehr oder nur fragmentarisch existieren, aber trotzdem bewusst oder oftmals auch unbewusst als erinnerungs- und identitätsstiftend empfunden werden.394 Denn mit verlorenen Orten werden historische Ereignisse und gesellschaftliche Umbrüche verknüpft, die Teil eines kollektiven kulturellen Gedächtnisses sind, wie bereits von Petra Roettig zitiert.395 Somit sind auch die Zukunft und der Umgang mit einem verlorenen Ort wichtig für die Identität der Menschen. Das Empfinden von Orten hat sich seit dem „Spatial Turn“ jedoch verändert. Das neue Raumverständnis seit den 1980er Jahren, bei Foucault schon seit den 1960ern, führte zur Wahrnehmung von Räumen/Orten nicht nur als geographisches Phänomen, sondern auch als kulturelle Größe, so dass sich das Verständnis dieser Kategorie auf soziale und kulturelle Beziehungen ausgeweitet hat und auch die Kategorie der Zeit ein einflussnehmender Faktor geworden ist. Während vor diesem „cultural turn“ Dinge und Räume noch verlässlich verortet werden konnten, sind nach der einsetzenden Globalisierung und Technisierung die Grenzen schwimmender geworden. Die zunehmende Medialisierung und Visualisierung der Diese Gebäude werden an dieser Stelle, obwohl sie ebenfalls zu den „Lost Places“ an den Externsteinen gehören, nicht eingehender behandelt, da sie im Kapitel zur Mail Art unter touristischen Aspekten thematisiert werden. 394 Vgl. Kapitel 4.1. 395 Vgl. Kapitel 4.3. Abb. 47: Externsteine, Fernsicht von Norden, links die mit Kastanien bestandene Straße von Horn (Reichsstraße 1); vor den Felsen im Hintergrund das Hotel Kaiserhof, Ansichtskarte von 1930. 114 Welt hat dazu geführt, dass reale Räume nicht mehr primär wahrgenommen werden und sie gleichzeitig neben fiktiven Räumen – beispielsweise durch Social Media oder Videospiele – existieren. Dieser Einfluss war in den 1980er Jahren noch überschaubar, hat seitdem aber stark zugenommen, so dass im Grunde von einem neuen „cultural turn“ gesprochen werden kann, der neue methodische Prozesse im Umgang mit Räumen und Orten fordert, um dem Verlust der Orientierung und Wahrnehmung entgegenzuwirken. Mit dem Projektkonzept der Lost Places soll daher ein didaktischer Rahmen für die Vermittlungsarbeit geschaffen werden, der sich solchen verlorenen Orten, wie sie an Kulturerbestätten zu finden sein können, über künstlerische Zugänge nähert, sie darüber erschließt und Rückschlüsse auf den gegenwärtigen und zukünftigen Umgang ziehen lässt. Wie Peter Dippon es in seiner Dissertation schon herausgestellt hat, sind beide Zeitbezüge – Vergangenheit wie Zukunft – aus Sicht der Welterbestätten nötig, um einen lebendigen Umgang mit dem Welterbe leisten zu können. Diese Sichtweise trifft auch auf regionale Kulturerbestätten zu und ist vermutlich in seiner Ausführung noch wichtiger, um eine reflektierte Vermittlung initiieren zu können. Mittels der Malerei sollen in diesem Konzept die historischen Schichten der verlorenen Landschaftsräume und Orte imaginiert und darüber die Lost Places wiederbelebt werden. Dazu gehört eine Erkundung und Erforschung dieser verlorenen Orte, um sich ihre Topographie, geologische und biologische Struktur, die mit der Geschichte verbundenen Erzählungen, Sagen, Mythen, Religionen, aber auch Biografien und die Alltagskultur erschließen zu können. Das „Verborgene“ soll im „Offenbaren“ aufgesucht werden, so Hermann Seiberth. „Im rechten Verständnis der Dinge (dem Offenbaren) liegt der Zugang zu ihrem Wesen (dem Verborgenen). In meinem Bewusstsein wird Verborgenes offenbar. Exakte Beobachtung, aufmerksame Wahrnehmung und sorgfältige Begriffsbildung sind Zugänge, mein Tor zur Welt.“396 Als Basis für das „rechte Verständnis“, die exakte Beobachtung und Wahrnehmung sowie die sorgfältige Begriffsbildung sollen die zuvor bereitgestellten Informationen dienen. Darauf aufbauend soll der Zugang erfolgen. Eine Begegnung vor Ort ist zwar nicht mehr möglich, trotzdem ist die unmittelbare Erfahrung an der Landschaft wichtig, um die Vorstellungskraft anzuregen und einen affektiven Zugang zu den Themen zu bekommen. Bei diesem Konzept sind die „Bedürfnisbezogenheit“ und das subjektive, individuelle Interesse am Thema, wie es die Projektarbeit fordert, besonders wichtig. Das zeigen auch die Erfahrungen aus der universitären künstlerischen Praxis, in der die Studierenden oftmals Schwierigkeiten hatten, zu den Lost Places einen Zugang zu finden. So sind in den Seminaren, aus denen die künstlerischen Ansätze stammen, sehr heterogene Ergebnisse entstanden, wie Jutta Ströter-Bender resümiert hat.397 396 Seiberth 1992, S. 6. 397 Dieses Fazit zu der Arbeit mit dem Konzept der „Lost Places“ formulierte Jutta Ströter-Bender in einem Gespräch mit der Verfasserin. 115 Abb. 48: Inga Elena Gerling und Angelika Lipp, Zeichnung zu dem Thema „Das Kloster Hethis“ aus dem Seminar „Der Mythos ‚Externsteine‘ – Ein regionales Kulturdenkmal von A bis Z“, Aquarell und Bleistift, 2015. Abb. 49: Inga Elena Gerling und Angelika Lipp, Zeichnung zu dem Thema „Das Kloster Hethis“ aus dem Seminar „Der Mythos ‚Externsteine‘ – Ein regionales Kulturdenkmal von A bis Z“, Aquarell und Bleistift, 2015. 116 Einen Eindruck der heterogenen und individuellen Herangehensweise zu den drei zuvor aufgeführten Lost Places stellen die nachfolgenden Abbildungen dar, die einen knappen Einblick in die Vielfalt der künstlerischen Zugänge geben können und sollen. Zeichnungen Auf Grundlage der Publikation von Walther Matthes haben Inga Elena Gerling und Angelika Lipp Aquarellzeichnungen zum Kloster Hethis entworfen (Abb. 48 und 49). Sie thematisieren darin die Konfliktsituation, der die Mönche bei der Wahl nach einem passenden Standort für ihr Kloster ausgesetzt waren. Die Mönche stehen ratlos vor der Entscheidung, an den Externsteinen zu bleiben oder nach Corvey weiterzuziehen. Die Bilder können als Visualisierung des Zitats in Kapitel 4.4.1 gelten, in dem von den Externsteinen als unergiebigem Ort gesprochen wurde, wo weder Nahrung noch Kleidung zu bekommen waren und u. a. dadurch die Idee zu einem Ortswechsel aufkam. Im Fokus steht die Situation der Mönche, das Kloster selbst wird nicht bildlich dargestellt. Die Frage, ob die Externsteine überhaupt der Standort des Klosters waren, wird in diesem Fall nicht kritisch aufgegriffen. Die Zeichnungen veranschaulichen somit die Theorie dieses „fiktiven“ Lost Place und weisen gleichzeitig auf die Schwierigkeiten einer Imagination hin, da keinerlei Abbildungen und auch keine unbestrittenen Beschreibungen zu diesem Thema existieren und den Zugang erleichtern. Bei einem künstlerischen Zugang zu diesem Thema kommt es somit vollständig auf die eigene Vorstellungskraft und Herangehensweise an, die durch das Erkunden und Erforschen der literarischen Vorlagen angeregt werden kann. Über- und Ausmalung, Collagieren und Verfremden Die Festungsanlage des Grafen Hermann Adolph zur Lippe wird hingegen durch den Kupferstich von Elias van Lennep eindrücklich und detailliert wiedergegeben. Es ist das Zeugnis für den Beginn der Neuzeit an den Externsteinen und somit die Grundlage für jegliche Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt der Geschichte der Externsteine. Der Zugang zu diesem Lost Place hat also bereits eine bildliche Manifestation. Eine Form der künstlerischen Vermittlung könnte daher durch die Techniken der Über- und Ausmalung dieses Bildes erfolgen, um den vergangenen Landschaftsraum imaginativ zu beleben (Abb. 50-54). Das Übermalen von künstlerischen Arbeiten ist in der Kunstgeschichte seit langer Zeit eine gängige Methode, wie jüngst die Entdeckung eines Landschaftsgemäldes unter dem Werk „La Miséreuse accroupie“ (1902) von Pablo Picasso zeigt oder die schon zuvor bei Edgar Degas und Vincent van Gogh gefundenen Übermalungen.398 Leinwände wurden demnach aus Kostengründen mehrfach benutzt oder Motive im Laufe des künstlerischen Prozesses verändert. 398 http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/picasso-forscher-entdecken-verstecktes-bild-unter-beruehmtem-gemaelde-a-1194067.html (Letzter Zugriff: 29.05.2019). 117 Abb. 50: Julia Theis, Über- und Ausmalung einer A4‒Kopiervorlage des Bildes von Elias van Lennep, 1663/65, Buntstift, 2016. Abb. 51: Isabel Rösler, Über- und Ausmalung einer A4‒Kopiervorlage des Bildes von Elias van Lennep, 1663/65, Buntstift, 2016. 118 Abb. 52: Svenja Langer, Über- und Ausmalung einer A4‒Kopiervorlage des Bildes von Elias van Lennep, 1663/65, Aquarell und Buntstift, 2016. Abb. 53: Viviane Bierhenke, Über- und Ausmalung einer A4‒Kopiervorlage des Bildes von Elias van Lennep, 1663/65, Mischtechnik, 2016. 119 Abb. 54: Viviane Bierhenke, Über- und Ausmalung einer A4‒Kopiervorlage des Bildes von Elias van Lennep, 1663/65, Mischtechnik, 2016. Beim Ausmalen wird das Motiv beibehalten und mit eigenen Farben und Formen ergänzt. Ausmalbücher für Kinder wie auch Erwachsene haben zurzeit Hochkonjunktur, wie ein Blick in jeden Buchladen zeigt. Sie weisen damit auf ein Bedürfnis der Menschen nach Ruhe und Entschleunigung hin, sie üben eine meditative Funktion aus, ohne dass großes künstlerisches Können notwendig ist. Das Collagieren und Verfremden kann ebenfalls als stilistische Methode angewandt werden. Jugendliche bevorzugen die Collage als künstlerisches Ausdrucksmittel. Als Gründe nennt Schiebel „die Verfügbarkeit und der ästhetische Reiz vorhandener Materialien sowie des Bilderfundus‘“ und „die handwerkliche Einfachheit des Ausschneidens und Aufklebens und – interessanterweise – die Verwendung akzeptierter Bilder“.399 Die Wiedererkennbarkeit der Motive ist hier somit entscheidend und stimulierend für die kreative Auseinandersetzung. Gleichzeitig können verschiedenste Materialien variiert werden. Die genannten Strategien der künstlerischen Darstellungsweisen können somit gut als Einstieg in ein Thema funktionieren, da keine Voraussetzungen vonseiten der Zielgruppen notwendig sind und der Zugang über ein bekanntes Motiv produktivitätsfördernd wirkt. Landschaftsmodelle Die Durchfahrt der Gebirgsstraßenbahn von 1912 bis 1936 zwischen den Felsen 3 und 4 war eine imposante und überregional beachtete Erscheinung, von der auf den ersten Blick keine 399 Kirchner und Kirschenmann 2015, S. 68 f. 120 ersichtlichen Spuren an den Externsteinen mehr zu finden sind, die aber auf vielen Fotos und Postkarten dokumentiert wurde. Wie der Name schon sagt, durchquerte die Straßenbahn ein Gebirge und war ein wichtiger Bestandteil des landschaftlichen Bildes der damaligen Zeit. Diese Einbettung in die Natur zeigt Regina Reimer beispielhaft mittels eines künstlerischen Landschaftsmodells (Abb. 55). Landschaftsmodelle können anders als Zeichnungen, Collagen und andere eindimensionale künstlerische Techniken eine größere ästhetische Präsenz durch ihre dreidimensionale Materialität erzeugen. „Durch ihre ästhetische Präsenz, Materialität und Gestaltungsweisen und Inszenierungen bieten Modelle ein vielfältiges Feld von Assoziationen an, welche sich in ersten subjektiven Erfahrungen jenseits von Ansprüchen nach Objektivität eröffnen können“, erläutert Ströter-Bender zur Vermittlung durch Modelle.400 Modelle fungieren als dreidimensionale historisierende Erinnerungsobjekte und rekonstruieren einen Teil der Geschichte.401 Das Landschaftsmodell verweist in diesem Fall gleichzeitig auf das Naturdenkmal Externsteine und zeigt die enge Verknüpfung von Kultur und Natur. 400 Ströter-Bender 2014 c, S. 223. 401 In Anlehnung an Ströter-Bender 2014 c, S. 215. Abb. 55: Regina Reimer, Landschaftsmodell mit der Straßenbahn an den Externsteinen, Mischtechnik, 2015. Bei einer künstlerischen Annäherung an die Lost Places ist es entscheidend und für Projekte inhärent, auf das individuelle Interesse der Zielgruppen einzugehen und dadurch eine affektive, durch die intrinsische Motivation bestimmte Rezeption und damit auch Vermittlung initiieren zu können. Lost Places bergen die Schwierigkeit, dass die Orte nicht mehr primär in der Natur erfahren werden können, was in Zeiten, wo die Primärerfahrungen bei Heranwachsenden stetig durch die Medienwelt abnehmen, eine weitere Hürde darstellen kann. Die Landschaft wird kaum mehr als Erfahrungsraum wahrgenommen, wobei hier vielfältige authentische und sinnliche Erlebnisse möglich sind. 122

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Zusammenfassung

Regionale Kulturerbestätten bedürfen einer Vermittlung, welche die Identifikation der Menschen, die Wahrnehmung und kulturelle Teilhabe sowie das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein stärkt und fördert. Kulturerbebildung soll als Teil einer umfassenden Bildung verstanden werden. Dazu müssen die kulturellen Wertigkeiten, die sich durch in der Vergangenheit zugeschriebene Bedeutungen und Praktiken entwickelt haben, reflektiert, hinterfragt und weiterentwickelt werden.

Die Externsteine, eine Sandsteinformation im Teutoburger Wald bei Horn Bad-Meinberg, stellen im Sinne der kulturwissenschaftlichen Forschung eine solche regionale Kulturerbestätte dar. An diesem Ort, der seit dem 16. Jahrhundert das öffentliche Interesse weckt, verdichten sich Wertvorstellungen, Traditionen, Geschichten(n) und Identitäten zu einer komplexen und kontroversen Rezeptionsgeschichte. Die Initiierung von zukunftsweisenden Vermittlungsprojekten mit unmittelbarem Bezug zur Geschichte soll dazu beitragen, alte Sichtweisen aufzubrechen und neue Betrachtungsweisen über die Kunstdidaktik zu schaffen.

Larissa Eikermann entwickelt dazu in dieser Arbeit drei kunstdidaktische Konzepte – Lost Places, Mail Art und A bis Z –, die einen exemplarischen Beitrag im Sinne der Übertragbarkeit auf andere Kulturerbestätten zur kulturellen Bildung darstellen sollen. Die traditionellen Konzepte aus der Kunstvermittlung, qualitativ erprobt in der universitären Lehramtsausbildung, bieten das entsprechende Potential, indem unmittelbare ästhetische Erfahrungen gewonnen werden können, die kognitive, materielle und reflexive Prozesse aktivieren. Damit kompensieren sie zudem durch die digitale Vermittlung regressive Fähigkeiten.

Diese Studie möchte einen methodischen Rahmen für die Initiierung von Vermittlungsprojekten an den Externsteinen bieten und damit dem Desiderat an Lehr- und Bildungsmaterialien für diese Stätte entgegenwirken.