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2 Die Externsteine in der Forschung – eine Einführung in:

Larissa Eikermann

Die Externsteine in der Kunstvermittlung, page 21 - 62

Eine Studie zur regionalen Kulturerbebildung

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4261-8, ISBN online: 978-3-8288-7274-5, https://doi.org/10.5771/9783828872745-21

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 20

Tectum, Baden-Baden
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2 Die Externsteine in der Forschung – eine Einführung 2.1 Geographische, geologische und etymologische Grundlagen Die Felsformation der Externsteine liegt eingebettet in ein gleichnamiges Naturschutzgebiet von 127 Hektar Größe inmitten des südöstlichen Teutoburger Waldes und gehört zur lippischen Stadt Horn-Bad Meinberg. Ihre Entstehung begann in der Unterkreide-Zeit, vor ca. 135 bis 100 Millionen Jahren, als unweit dieser Stelle das Niedersächsische Meerbecken an das Münsterländer Festland grenzte.15 Durch die Ablagerung von Sedimenten bildeten sich im Wasser verschiedene Erdschichten, die sich vor wiederum etwa 70 bis 65 Millionen Jahren durch tektonische Überschiebungen senkrecht aufstellten und zur Entstehung des Teutoburger Waldes und des Eggegebirges führten. Die Freilegung der Externsteine erfolgte erst im Laufe weiterer Millionen von Jahren durch die Spülwirkung der unmittelbar an den Felsen vorbeifließenden Quellbäche der Wiembecke.16 Bei dem genannten marinen Sediment handelt es sich um den Osning17-Sandstein, einen homogenen Quarzsandstein, dessen Struktur, gekoppelt mit den Folgen von Verwitterung und weiteren klimatischen Einflüssen, den Eindruck von anthropomorphen Formen und Bearbeitungsspuren am Gestein entstehen lassen kann (Abb. 1).18 15 Springhorn 1995, S. 19 ff. 16 Springhorn 1995, S. 23 f. 17 Als „Osning“ wurde bis zum 16. Jahrhundert der westfälische Mittelgebirgszug bezeichnet, der heute den Namen „Teutoburger Wald“ trägt. Gelehrte setzten den „Teutoburgiensis saltus“, den der antike Schriftsteller Tacitus in seinen Annalen als Ort der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. erwähnt, mit dem Osning gleich, so dass es 1616 durch Philipp Cluverius schließlich zu dieser folgenschweren Umbenennung kam. Seitdem wird der Teutoburger Wald als Ort der Varussschlacht gesehen und damit als Stätte, an der die Germanen über die Römer siegten, wo – so die veralteten Ansichten einiger Wissenschaftler – die Geschichte der Deutschen begann. Vgl. Halle 2013, S. 26 und https://www.externsteine-teutoburgerwald.de/wissen/teutoburger-wald.html (Letzter Zugriff: 17.05.2019). 18 Springhorn 1995, S. 24. Bei der Verwitterungsform , die den Anschein anthropomorpher Ausgestaltungen erweckt, handelt es sich um die Wollsackverwitterung. Dabei dringt Wasser in die Felsspalten ein, gefriert und sprengt Teile des Felsens ab oder vergrößert die Risse, so dass derartige Formen entstehen, siehe https://www.externsteine-teutoburgerwald.de/wissen/geologie/verwitterung.html (Letzter Zugriff: 17.05.2019). Abb. 1: Die Kuppe von Felsen 5 erweckt den Eindruck von übereinander gestapelten Säcken. In der Geologie wird dieser Verwitterungsprozess, bei dem gerundete Gesteinsformen entstehen, daher Wollsackverwitterung genannt. 21 22 Diese natürlich entstandenen Formen, ebenso wie die künstliche Anlage von Hohlräumen im Inneren des größten Felsens, die Kammer auf der südöstlichen Aussichtsplattform, der Sargstein, die Petrusfigur und vor allem das monumentale Kreuzabnahmerelief prägen das gegenwärtige Erscheinungsbild der Externsteine und liefern den Anlass für zahlreiche Diskussionen zum menschlichen Einfluss und der einstigen und ursprünglichen Funktion der Felsenanlage. Das zerklüftete Äußere der Felsen soll auch für die Namensgebung ausschlaggebend gewesen sein. Zum ersten Mal werden die Externsteine in einer auf 1093 datierten Urkunde als „Agisterstein“ erwähnt.19 In dieser Bezeichnung findet sich der germanische Wortstamm „-ag“ für „scharf, kantig, spitz“, der den sprachlichen Ursprung für den aus dem Mittelniederdeutschen stammenden „Landschaftsbegriff ‚Egge‘ für langgestreckte Hügelkämme und Felsgrate“ bildet.20 Der Begriff „Egge“ wiederum lässt sich in den Bezeichnungen der Gebirgszüge „Eggegebirge“ und „Osning“, ehemals Osnegge und heutiger Teutoburger Wald, wiederfinden.21 Seit Hermann Hamelmann 1564 und seiner Bezeichnung der Felsen als „rupes picarum“22, den Stein der Elstern, sind die Externsteine auch mit anderen Namensdeutungen konfrontiert worden. Meineke erklärt dazu, dass das Grundwort stēn „Stein, Fels“ nicht strittig ist, dass die Beiworte, wie egester, egster, exter etc., jedoch erst in mittelniederdeutscher Zeit mit der Bezeichnung der Elster verbunden worden sind. Sprachwissenschaftlich unstrittig ist ihrer Ansicht nach die Ableitung des Namens aus der eingangs erwähnten, ältesten Form Agister.23 2.2 Beschreibung der künstlich entstandenen Anlagen an den Felsen 13 Felsen können heute – ausgehend von dem nordwestlich gelegenen Stauteich bis in den südöstlichen Wald – hinein gezählt werden. Für den Betrachter bilden jedoch die ersten fünf Felsen die markanteste Gruppe, stehen sie doch vollständig sichtbar in der Landschaft und zeigen auf der Nordostseite zudem die ausdrucksstärksten Zeugnisse menschlichen Einflusses an diesen Steinen (Abb. 2). 19 Zu den hochmittelalterlichen Urkunden, in denen die Externsteine als „Agisterstein“ und „Egesterenstein“ erstmalig erwähnt werden, siehe Kapitel 2.3.1.1. 20 Treude und Zelle 2011, S. 12. 21 Ebd. 22 Siehe die Erwähnung Hamelmanns bei Mundhenk 1980 b, S. 126. 23 Meineke 2010, S. 245. Abb. 2: Gesamtaufnahme der Externsteine aus nordöstlicher Sicht. 23 Der Grottenfelsen wird gemeinhin als Felsen 1 bezeichnet. Er liegt am Rande des Stauteichs, teils hineinragend, und stellt den größten Felsen der Gruppe dar. Die Namensgebung erfolgte aufgrund des Grottensystems im unteren Teil des Felsens, bestehend aus der so bezeichneten Haupt-, der Neben- und der Kuppelgrotte (Abb. 3 und 4). Abb. 3: Felsen 1, der Grottenfelsen, mit dem Kreuzabnahmerelief, der Adlertür, dem Rundbogenportal, dem Fenster der Nebengrotte und der Öffnung zur Einsiedlerzelle (v. l.). Abb. 4: Der Grundriss des Grottenfelsens. 24 Die Hauptgrotte bildet mit ihren Maßen von ca. 3 Metern Breite, 9,5 Metern Länge und 2,5 Metern Höhe den größten Raum und wird durch zwei Öffnungen in der Nordwand sowie durch die Durchgänge zu den beiden danebenliegenden Grotten belichtet (Abb. 5).24 Die östliche Öffnung ermöglicht über eine Treppe den Zugang zur Hauptgrotte und wird als „Adlertür“ bezeichnet. Die Vertiefung oberhalb der Tür war namensgebend, soll sie doch zur Aufnahme eines Adlerreliefs gedient haben (Abb. 6 und 7). Belege für diese Behauptung gibt es nicht. Elke Treude und Michael Zelle geben deshalb mit Recht zu bedenken, dass die Umrisse lediglich ein geflügeltes Wesen erkennen lassen und somit auch die Darstellung eines Engels oder einer Taube – ausgehend von einer christlichen Deutung – möglich wäre.25 Bei der zweiten Öffnung handelt es sich um ein Rundbogenportal mit breiteren Ausmaßen als die der „Adlertür“. Während es von außen ungleichmäßig aus dem 24 Lobbedey 1999, S. 342 und Linde 2007, S. 19. Johannes Mundhenk hat in den 1980er Jahren im Rahmen seiner umfassenden Untersuchung zur Geschichte der Externsteine unter Berücksichtigung älterer Vermessungen und Grundrisse eine eigene Vermessung – eine architektonisch-archäologische Bestandsaufnahme – der gesamten Hauptfelsenanlage vorgenommen. Die daraus resultierenden, detailreichen Grundrisse der einzelnen Begebenheiten, die eingehende Analyse und Erläuterung sowie der Gesamtgrundriss dienen als Ausgangspunkt für die folgende Beschreibung der Anlage und die in diesem Zusammenhang genannten Maßangaben, Mundhenk 1980 a. 25 Treude und Zelle 2011, S. 4‒7. Abb. 5: Die Öffnungen der Hauptgrotte. Für den Betrachter links der heutige Hauptzugang, die sogenannte Adlertür, rechts das Rundbogenportal. 25 Abb. 6: Das sogenannte Adlerrelief oberhalb des östlichen Zugangs zur Hauptgrotte. Abb. 7: Das sogenannte Adlerrelief, Detail. Abb. 8: Die äußere Ansicht des Rundbogenportals. Abb. 9: Das Rundbogenportal im Inneren der Hauptgrotte. 26 Stein gehauen wirkt, ist der sauber gearbeitete, von Säulen getragene Rundbogen im Inneren deutlich zu erkennen (Abb. 8 und 9). Roland Pieper vermutet, dass dieses Portal aufgrund seiner mittigen Position und der Spuren eines Verschlusssystems früher der Hauptzugang war.26 An der nördlichen Innenseite der Hauptgrotte zwischen diesen beiden Öffnungen entdeckte Ernst von Bandel, der Erbauer des Hermannsdenkmals, im Jahre 1838 die einzige an den Externsteinen auffindbare Inschrift wieder (Abb. 10). Laut Aussage von Walther Matthes war die Inschrift bis in das 17. Jahrhundert bekannt gewesen, dann aber vergessen worden, bis von Bandel darauf aufmerksam wurde.27 Die in lateinischer Kapitalschrift ausgeführten, schwer lesbaren Buchstaben sind zum Teil unvollständig, lassen aber doch die Jahreszahl 1115 oder 1119 und die Worte „Weihe“ und „Heinrich“ erkennen.28 Beim Betreten der Hauptgrotte fällt des Weiteren eine etwas über ein Meter breite, runde Vertiefung im Boden vor der Südwand auf (Abb. 11 und 12). Eine Erklärung für dieses Loch steht noch aus. Als mögliche Funktionszuschreibungen werden ein „christliches Taufbecken“ oder „Weihwasserbecken“, eine „Nachbildung des Jerusalemer Kelches“ oder aber vorchristliche Deutungen wie die Zugehörigkeit zu einem Mithras- oder Druidenkult genannt.29 Rechtwinklig an die Hauptgrotte schließt im Nordwesten die Nebengrotte an. Über eine niedrige Stufe betritt man diesen kleineren, rechteckigen, rund ausgewölbten Raum von etwa drei Metern Länge und zwei Metern Breite. Durch die Stufe ergibt sich eine unterschiedliche 26 Pieper 2018, S. 124. 27 Matthes 1975, S. 154. Die Inschrift wird 1620 in einem Dokument der lippischen Regierung erwähnt, siehe Flaskamp 1955, S. 30. Erstmalig veröffentlicht wurde sie 1846 von Hans Ferdinand Massmann, Massmann 1846, auch als Online-Ressource verfügbar unter https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/urn/urn:nbn:de: hbz:6:1-19218 (Letzter Zugriff: 17.05.2019). 28 Eine Erläuterung zur Inschrift als Quellenmaterial wird in Kapitel 2.3.1.1 vorgenommen. Für eine dezidierte, aktuelle Analyse der Inschrift sei auf Giersiepen 2018, S. 77–96 verwiesen. Weiterführende Literaturhinweise zur Kontroverse um die Inschrift finden sich ebenfalls dort, S. 77, Anm. 3. 29 Mundhenk 1980 a, S. 153 f. Abb. 10: Die Inschrift im Inneren der Hauptgrotte zwischen der Adlertür und dem Rundbogenportal. 27 Abb. 11: Die Vertiefung im Boden der Hauptgrotte mit Blick auf den Durchgang zur Kuppelgrotte. Abb. 12: Die Vertiefung im Boden der Hauptgrotte mit Blick in Richtung Rundbogenportal und Nebengrotte. Abb. 13: Blick in die Nebengrotte. Abb. 14: Die Öffnung im Boden der Nebengrotte. 28 Raumhöhe von 1,82 bis 2,10 Metern zwischen Haupt- und Nebengrotte.30 Direkt gegenüber des Eingangsbereichs, auf der Nordseite, befindet sich ein rundbogiges Fenster, durch das die Nebengrotte belichtet wird (Abb. 13). Unterhalb des Fensters ist eine Öffnung in den Boden eingearbeitet, die röhrenförmig hinunter zum Sargstein führt. Eine eindeutige Funktionszuweisung konnte auch hier noch nicht vorgenommen werden (Abb. 14). In der Ost- wie auch Westwand der Grotte lassen sich außerdem weitere Vertiefungen erkennen. Auf der östlichen Seite ist mittig eine quadratische sowie Richtung Hauptgrotte eine rechteckige Nische aus der Wand ausgeschnitten; westlich sind zwei sehr kleine, halbrunde Aussparungen etwa auf Augenhöhe zu sehen (Abb. 15 und 16). Alois Fuchs führt 1934 für die Nebengrotte den Begriff der „Sakristei“ ein.31 Er begründet diese Funktionszuschreibung mit einer ehemaligen Abtrennung dieses Raumes durch eine Holzwand, was die noch vorhandenen Balkenlöcher, aber auch die erwähnten Nischen und die im Boden eingelassene Röhre beweisen sollen. Die Nischen seien durch Bretter in Fächer eingeteilt gewesen, vermutlich um liturgische Geräte und Gewänder aufzunehmen. Die Röhre 30 Mundhenk 1980 a, S. 48. 31 Fuchs 1934, S. 26. Abb. 15: Die quadratische Nische in der Ostwand der Nebengrotte. Abb. 16: Die rechteckige Nische in der Ostwand der Nebengrotte. 29 wiederum sei seiner Ansicht nach eine „unentbehrliche Einrichtung“ für jede Sakristei.32 Eine weitere Datierung des Raumes nimmt er nicht vor. Ferdinand Seitz formuliert 1959 ebenfalls den Gedanken, dass in diesem Raum eine Sakristei untergebracht gewesen sei und in der christlichen Zeit auch als solche in Gebrauch war. Den Raum selbst hält er jedoch für eine frühere Schöpfung.33 Die Balkenlöcher wiederum seien nach Seitz erst durch Graf Hermann Adolph zur Lippe im 17. Jahrhundert für raumteilende Holzwände angelegt worden.34 Eine Nutzung als Wohnung für einen Eremiten im 14. Jahrhundert und einen Förster im 17. Jahrhundert stehen ebenfalls zur Diskussion.35 In den Quellen gibt es keinerlei Belege für eine Verwendung dieses Nebenraumes als Sakristei. Anne Schaich gibt für mittelalterliche Sakristeien in Kirchen zu bedenken, dass diese meistens nur durch ihren Kontext und schriftliche Quellen zu bestimmen seien.36 Mundhenk greift die Theorie einer Sakristei in seiner Analyse der Nebengrotte auf, lehnt diese jedoch ab und erklärt sich die Unregelmäßigkeiten in der Raumgestaltung von Haupt- und Nebengrotte mit der Bearbeitung durch unterschiedliche Steinmetze, mit Unabwägbarkeiten des Gesteins und vor allem mit einem Gesamtplan, der der gleichzeitigen Ausführung von Haupt- und Nebengrotte zu Grunde lag.37 In diesen Plan bezieht er auch die westlich und parallel zur Nebengrotte angelegte sogenannte Einsiedlerzelle mit ein (Abb. 17 und 18).38 Der Eingang zur Einsiedlerzelle liegt auf gleicher Höhe wie die übrigen Öffnungen des Grottensystems in der Nordwand und ist nur 0,87 Meter breit und etwas über einen Meter hoch. Mundhenk schließt daraus, dass diese Zelle nicht als Wohnraum genutzt wurde, da sich dort keinerlei menschliche Spuren in Form von Wandzeichen, Löchern, Nischen oder eines Raumverschlusses finden lassen.39 Bei einer Raumhöhe von nur 1,53 Metern und einer Länge von knapp über zwei Metern ist auch nicht zu vermuten, dass ein Mensch sich dort längere Zeit aufgehalten hat, wobei Fuchs trotz dieser Tatsache der Ansicht ist, dass es sich bei der Kammer um eine Reklusenzelle – einen Rückzugsort für einen Asketen – handelt.40 Mundhenk geht wiederum aufgrund der gleichartigen Bearbeitungsweise und der fehlenden Anzeichen eines Zugangs davon aus, dass die Einsiedlerzelle sowie Haupt- und Nebengrotte zur gleichen Zeit entstanden sind und miteinander verbunden werden sollten, was schließlich unvollendet blieb.41 Eine flache Aushöhlung in der Westwand der Hauptgrotte stützt diese These, wenn auch der eigentliche Zweck ohne Belege nicht festgelegt werden kann.42 32 Fuchs 1934, S. 26. 33 Seitz 1959, S. 17–25. 34 Seitz 1959, S. 23. 35 Pieper 2018, S. 124–127. 36 Schaich 2008, S. 15. 37 Mundhenk 1980 a, S. 50. Widersprüchlicherweise benutzt Mundhenk den Begriff der Sakristei jedoch weiterhin. 38 Mundhenk 1980 a, S. 50 f. 39 Mundhenk 1980 a, S. 114. 40 Fuchs 1934, S. 64. Fuchs bezieht sich in diesem Fall auf eine Urkunde von 1366, die eine „capella reclusorii“ nennt. 41 Mundhenk 1980 a, S. 114 f. 42 Um eine gleichzeitige Entstehungszeit aufgrund der Bearbeitungsspuren in den Grotten belegen zu können, ist eine eingehende bauhistorische Untersuchung des gesamten Felsensystems notwendig. Da Quellen fehlen, wird man sich bis dahin mit Thesen begnügen müssen. 30 Abb. 17: Rechts das Fenster der Einsiedlerzelle. Abb. 18: Grundriss der Einsiedlerzelle. 31 Zu dem Grottensystem gehört ferner die Kuppelgrotte, die über einen kurzen Korridor mit der Hauptgrotte verbunden ist und schräg nach Osten verläuft (Abb. 19-21). Die hohe, kuppelförmige Wölbung verleiht ihr den Namen und bewirkt eine höhlenartige Raumform. Mundhenk kommt nach Rücksprachen mit Fachgeologen zu dem Schluss, dass diese Kuppel nicht natürlichen Ursprungs ist, sondern künstlich geschaffen wurde, da der Osning-Sandstein keine derartigen Hohlräume bilden kann. Möglicherweise, Mundhenks Erläuterungen folgend, ist der Steinmetz im Falle der Kuppelgrotte auf poröses Gestein gestoßen, so dass ein größerer Teil als beabsichtigt aus dem Felsen herausgebrochen ist.43 Bearbeitungsspuren, die weitere Schlussfolgerungen zulassen, sind nicht zu finden. Lediglich kleine Löcher im Verbindungsgang zur Hauptgrotte zeugen davon, dass eine Absperrung in diese Richtung vorhanden war.44 Die einzige weitere Auffälligkeit ist ein Belichtungs- oder Luftschacht in der nordöstlichen Wand, der durch den unteren Teil des Kreuzabnahmereliefs ins Freie führt. Eine zufriedenstellende Erklärung für diesen Durchbruch gibt es bisher nicht. Die Nutzung für die Licht- und Luftzufuhr erscheint nicht überzeugend, da dafür die beiden Zugänge ausgereicht hätten. Notwendig wäre diese Maßnahme nur dann geworden, wenn diese Öffnungen 43 Mundhenk 1980 a, S. 30. 44 Mundhenk 1980 a, S. 29. Abb. 19: Grundriss der Kuppelgrotte. 32 verschlossen gewesen wären, wie nachfolgend weiter ausgeführt wird.45 Es bleibt die weitere Annahme, dass über diesen Weg Wasser und Schlamm aus der Grotte abgeleitet wurden.46 Während der Korridor den inneren Zugang zur Kuppelgrotte bildet, ist als äußerer und damit als Hauptzugang die Petrustür angelegt (Abb. 22). Sie liegt in einer flachen Nische an der Ostseite und wird von einer als Petrus identifizierten Figur flankiert. Die stark verwitterte Gestalt zeigt sich in der Kopf- und Schulterpartie vollplastisch ausgearbeitet. Der restliche Körper ist nur noch als Flachrelief vorhanden und geht im unteren Teil in den Felsen über. Die frontale 45 Mundhenk 1980 a, S. 32. 46 Mundhenk 1980 a, S. 31 f., Anm. 14. Abb. 20: Blick von der Hauptgrotte in Richtung Kuppelgrotte. Abb. 21: Die Kuppelgrotte mit Blick zur Petrustür. Abb. 22: Die Tür zur Kuppelgrotte mit der Petrusfigur. 33 Körperhaltung wird nur durch den – für den Betrachter nach links schauenden – Kopf unterbrochen. In den Händen hält er die für den Apostel Petrus charakteristischen Attribute: in der ausgestreckten linken Hand eine abgewickelte Schriftrolle, in der rechten Hand, vor den Körper haltend, den Schlüssel. Betrachtet man die älteste erhaltene Abbildung der Externsteine, den Kupferstich von Elias van Lennep aus den Jahren 1663/65, ist zu sehen, dass dieser Bereich des Felsens durch einen achteckigen Treppenturm überbaut war (Abb. 23).47 Diese Baumaßnahme fand im Zuge der Umgestaltungen unter Graf Hermann Adolph zur Lippe statt, als dieser im 17. Jahrhundert die barocke Festungsanlage und ein Forsthaus, später das Wirtshaus, an der Nordostseite der Externsteine errichten ließ. Die Reste dieser Anlage wurden 1810 unter Fürstin Pauline zur Lippe beseitigt.48 Der schlechte Erhaltungszustand der Petrusfigur lässt sich vermutlich auf diese baulichen Maßnahmen und deren Abtragung zurückführen. Zwar ist an der Stelle des Treppenturms auf dem Stich von van Lennep eine Figur zu erkennen, es lässt sich jedoch nicht eindeutig sagen, ob es sich dabei um Petrus oder eine andere Gestalt handelt (Abb. 24). 47 Eine Bildbeschreibung des Kupferstichs von Elias van Lennep wie auch eine Erörterung zu den baulichen Umgestaltungen unter Graf Hermann Adolph zur Lippe im 17. Jahrhundert finden sich in Kapitel 4.4.2. 48 Schmitt und Schuchert 2007, S. 546; Mundhenk 1980 b, S. 155 (Wilhelm Gottlieb Freiherr von Donop). Vgl. auch Kapitel 5.6. Abb. 23: Elias van Lennep, Externsteine, 1663/65, mit Kennzeichnung des unteren Bereichs des Treppenturms. 34 Mundhenk geht davon aus, dass es eine zeitgenössische Frauengestalt ist, da sowohl die „Adlertür“ wie auch das Portal in van Lenneps Stich mit Gestalten ausgeschmückt wurden. Als weiteres Argument für diese These zieht er das Fehlen des Spruchbandes an der Figur heran. Es gibt jedoch keinerlei Belege für diese Argumentation Mundhenks. Die Petrustür selbst ist eine rechteckig ausgeschnittene, ebenmäßige Öffnung mit einer Durchgangshöhe von 1,65 Metern. Die Bearbeitung weist, bis auf Zapfenlöcher in den Seiten, keine Besonderheiten auf. Die Datierung der Löcher ist unbekannt, deutet aber auf die Möglichkeit einer Absperrung dieses Zugangs hin, womit die Anlage eines Lichtschachtes gegebenenfalls wieder Sinn bekäme. Über dem Sturz ist ein Segmentbogen ausgeschnitten. In einigem Abstand darüber setzt die halbkreisförmige Vertiefung der Nische an, die von der Petrustür und -figur architektonisch dominiert wird.49 Rechts von der Nische gelegen, nach Nordosten ausgerichtet, befindet sich das Kreuzabnahmerelief – eine der ältesten erhaltenen Monumentalskulpturen und das kunsthistorisch wohl bedeutsamste Zeugnis an den Externsteinen, deren einzigartige Erscheinung bis heute die Forschung beschäftigt (Abb. 25).50 Der Grund dafür sind vor allem die noch ungeklärten Fragen nach der Datierung, einhergehend mit der stilistischen Einordnung und der Funktion des steinernen Bildwerks. Die Vorschläge für eine Datierung reichen vom 9. Jahrhundert bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts. Nach 49 Mundhenk 1980 a, S. 27. 50 Eine fundierte, monografische Beschreibung des Reliefs, die in diesem Rahmen nicht berücksichtigt werden kann, bietet Regine Sethe (1997): Das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen, Magisterarbeit, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, unveröff. Manuskript (Lippische Landesbibliothek Detmold, Signatur ZXYH 106). Abb. 24: Elias van Lennep, Externsteine, 1663/65, Detail der Partie um den Treppenturm. 35 Abb. 25: Das monumentale Kreuzabnahmerelief an Felsen 1. 36 Abb. 26: Das untere Register des Kreuzabnahmereliefs mit zwei sich umschlingenden Wesen. Abb. 27: Das obere Register des Reliefs mit der Kreuzabnahme. 37 überwiegender Forschungsmeinung ordnet man es aber dem Ende des 12. Jahrhunderts zu.51 Uwe Lobbedey verweist hinsichtlich der Körpersprache, dem Umgang mit der Bildfläche sowie verwandten Details in der Gewandbehandlung auf eine mögliche stilistische Beziehung zu eine Gruppe von Skulpturen aus dem Kreis Soest von 1160/1170. Die Gestaltungsweise findet ihre Vorbilder, seiner Ansicht nach, mit Recht in der byzantinischen Kunst.52 Roland Pieper geht davon aus, dass es sich dabei um eine nicht mehr erhaltene Vorlage aus der Buchmalerei handelt. Eine kleinformatige, gut transportable Darstellung, wie die auf einem Elfenbein-Relief oder einer Miniatur, könnte seiner Ansicht nach in das große Format der Kreuzabnahme übertragen worden sein.53 Einen weiteren interessanten Aspekt, den Pieper einbringt – und der an dieser Stelle nur angeschnitten werden kann – ist die Möglichkeit einer einstigen farbigen Ausgestaltung des Kreuzabnahmereliefs im Mittelalter.54 Das Relief ist auf einer Größe von 4,8 mal 3,7 Metern durch ein Gesims in zwei Register untergliedert und zeigt neben der dominierenden Darstellung der Kreuzabnahme Jesu im unteren Drittel eine weitere Szene (Abb. 26).55 Die Identifikation dieser Szene ist nicht geklärt und wird außerdem durch die starke Verwitterung des Sandsteins in diesem Bereich erschwert. Lobbedey sieht darin „in kaum durchbrochener Symmetrie“ die knienden Gestalten von Adam und Eva, umschlungen von einem Schlangendrachen.56 Hinsichtlich der Deutung des Tieres als Drache oder auch Vogel herrscht in der Forschung ein breiter Konsens, die dargestellten Personen werden jedoch ebenfalls als verdammte Seelen, die Erzväter oder Allegorie der Sünde der Menschheit interpretiert.57 Die Abbildungen des Reliefs aus früherer Zeit sind in diesem Zusammenhang wenig hilfreich. Auf dem Kupferstich von Elias van Lennep beispielsweise ist dieser Reliefteil nicht zu sehen (vgl. Abb. 23). Das Kreuzabnahmerelief im oberen Register wird durch das gewaltige, mittige Kreuz strukturiert, von dem der leblose Körper des gekreuzigten Jesus linksseitig herabhängt (Abb. 27). Joseph von Arimathia stützt den Körper über seine Schulter ab, während Maria den Kopf ihres Sohnes hält. Die Figuren des Joseph von Arimathia und der Maria haben bereits Schäden davongetragen und besitzen keine Beine bzw. keinen Kopf mehr. Der Gestalt des Nikodemus – rechts vom Kreuz – fehlen ebenfalls die Beine und der linke Arm. Es bleibt jedoch zu erkennen, dass er auf einer wohl umgeknickten Palme stand. Mit dem rechten Arm, den Oberkörper anlehnend, umfasst Nikodemus den Scheitelpunkt des Kreuzes. An seiner Seite steht der Evangelist Johannes, die rechte Hand erhoben und in der linken ein Buch haltend. Im 51 Eine gewissenhafte Zusammenfassung der Datierungsmöglichkeiten anhand einer stilistischen Einordnung des Kreuzabnahmereliefs liefert Pieper 2018, S. 104–114. 52 Lobbedey 1999, S. 345. Zu den byzantinischen Einflüssen sei auch verwiesen auf Sethe 1997, S. 57–63 sowie Matthes und Speckner 1997, S. 86–89. 53 Pieper 2018, S. 105–109. Siehe auch Sethe 1997, S. 63–67 und für weitere Vergleichsbeispiele S. 67–79. 54 Pieper 2018, S. 119–122. 55 Treude und Zelle 2011, S. 4. Die Größenangaben weichen, wie auch bei den weiteren bisher erwähnten Maßen, in der Literatur voneinander ab, vgl. Lobbedey 1999, S. 342, Panofsky 1924 (Repr. 1969), S. 84 und Pieper 2018, S. 104. 56 Lobbedey, 1999, S. 345. Vgl. eine frühe Interpretation von Panofsky 1924 (Repr. 1969), S. 84. 57 Zur Deutung des Drachens bzw. Vogels vgl. Mundhenk 1983, S. 38 f., hinsichtlich der Interpretation der Personen vgl. Parthey 1838, S. 46. 38 Abb. 29: Der treppenartige Aufgang an der südöstlichen Seite des Sargsteins. Abb. 28: Der Sargstein unterhalb des Grottenfelsens am Ufer des Teiches. 39 Reliefteil oberhalb des Kreuzquerbalkens befindet sich im Mittelpunkt die als Gottvater oder segnender Christus gedeutete Gestalt. Auf dem linken Arm hält diese Person das Christuskind, dessen Kopf zerstört ist, und die Siegesfahne. Die rechte Hand ist zum Segensgestus hinunter zum gekreuzigten Jesus gestreckt. Als weiteres Attribut trägt sie den kreuzförmigen Heiligenschein, der die Identifikation als Christus nahelegt. An den Seiten sind die Personifikationen von Sonne und Mond dargestellt. Trauernd halten sie lange Tücher in den Händen, die wie Vorhänge seitlich am Relief herabhängen – wobei auch hier bereits Teile fehlen. Steil abfallend, unterhalb des beschriebenen Grottenfelsen, befindet sich der Sargstein (Abb. 28). Dieser massive Felsen öffnet sich auf 2,20 Metern Länge, 1,18 Metern Höhe und 74 Zentimetern Tiefe zum Teich hin als bogenförmiges Grab und zeigt eine Aushöhlung in Form einer menschlichen Gestalt.58 Weiterhin offenbaren sich an diesem Arkosolgrab keine bauplastischen Ausgestaltungen oder Formen. Lediglich ein treppenartiger Aufgang an der südöstlichen Seite ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen (Abb. 29). Über die Nutzung und Funktion des Grabes gibt es keine Quellen. Es könnte sich ebenso um ein Scheingrab für liturgische und kultische Zeremonien wie auch um ein ungenutztes menschliches Grab handeln.59 Neben dem Grottenfelsen zeigt der Felsen 2 eine weitere markante künstliche Ausgestaltung. In der Spitze des Felsens liegt die Höhenkammer mit einer rundbogenförmigen Altarnische (Abb. 30 und 31). Von dem im 14. Jahrhundert erwähnten Altar hat sich nur noch der erhöhte Sockel erhalten, über dem sich ein nach Osten ausgerichtetes Rundfenster öffnet. Dieses Rundfenster könnte neueren Untersuchungen nach für Himmelsbeobachtungen und Berechnungen wie möglicherweise zur Einbindung des Sonnenaufgangs in eine Osterliturgie genutzt worden sein.60 Die Höhenkammer selbst ist ein rechteckiger, nach Süden hin geöffneter Raum. In der durch Pilaster gegliederten Nordseite befindet sich ein Rundbogenfenster mit Blick auf das gegen- überliegende Plateau des Grottenfelsens. Die Westwand hat keine Öffnung und wird durch Dreiviertelsäulen als Nische eingefasst. Der Zugang zur Höhenkammer ist über den Felsen 3 und eine die beiden Felsen verbindende Brücke möglich. Möglicherweise war die Höhenkammer einst mit einer Holzdecke verschlossen. Noch vorhandene Balkenlöcher lassen diese Vermutung zu. 58 Mundhenk 1980 a, S. 95. 59 Siehe dazu Pieper 2018, S. 114–118. Er geht davon aus, dass an dem Arkosolgrab die Passion Christi mit der Grablege von Menschen nachgespielt wurde. Die Plattform des Sargsteins hätte die Verbindung zum Relief ermöglicht und so zu Karfreitag die Inszenierung um eine performative Komponente ergänzt. 60 Pieper 2018, S. 130 mit Verweisen auf Linde 2007, S. 50–52 und Steinrücken 2018. 40 Abb. 31: Die Ostseite der Höhenkammer mit der Altarnische. Abb. 30: Über eine Außentreppe und eine Brücke von Felsen 3 zu Felsen 2 ist der Zugang zur Höhenkammer möglich. Blick auf die Nordseite. 41 2.3 Die Quellen- und Forschungslage Das Interesse an den Externsteinen als Forschungsobjekt entstand ab dem 16. Jahrhundert, als der lippische Theologe und Historiker Hermann Hamelmann den „Rupes Picarum“, den „Elsternfels“ zum ersten Mal erwähnt.61 An Erwähnungen über die Externsteine mangelt es in den folgenden Jahrhunderten nicht, wie die Zusammenstellung bei Mundhenk zeigt,62 jedoch erscheinen erst 1823 und 1824 Einzelpublikationen, die sich wissenschaftlich den Externsteinen annähern und zugleich die Kontroversen zu Ursprung und Nutzung der Felsenanlage eröffnen.63 Die Entstehung dieser Kontroversen, die sich in den darauffolgenden Zeiten verstärken und bis in die heutige Zeit fortsetzen sollen, wird begünstigt durch die diffizile Quellenlage im Mittelalter und die archäologischen Funde. 2.3.1 Die urkundliche Überlieferung zur mittelalterlichen Geschichte der Externsteine (1093–1564) Die Quellenlage zu den historischen Ereignissen an den Externsteinen vor dem Beginn der Rezeptionsgeschichte und der wissenschaftlichen Erschließung ist spärlich und umfasst lediglich wenige, teils ungesicherte urkundliche Erwähnungen sowie eine Weihinschrift aus dem Mittelalter. Die Quellen und deren Relevanz für die Geschichte der Externsteine soll im Folgenden dargelegt werden, wobei zwischen hoch- und spätmittelalterlichen Urkunden unterschieden wird. Diese zeitliche Unterscheidung wird dadurch gestützt, dass für das Hochmittelalter zwei Urkunden des 12. Jahrhunderts existieren, die urkundliche Überlieferung jedoch zwischen 1183 und 1366 unterbrochen ist und erst im Spätmittelalter ab 1366 wiedereinsetzt. Der hochmittelalterliche Zeitabschnitt umfasst daher die Jahre 1093 bis 1183, der spätmittelalterliche die Jahre 1366 bis 1564. 2.3.1.1 Hochmittelalterliche Quellen (1093–1183) Die älteste, erstmalig von Nikolaus Schaten 1693 abgedruckte, auf das Jahr 1093 datierte Quelle wird als „Abdinghofer Kaufurkunde“ bezeichnet.64 Sie ist nicht mehr im Original, sondern nur in vier Abschriften erhalten, von denen die ältesten Fassungen aus den Jahren 61 Hermann Hamelmann war in den Jahren 1555 bis 1568 als lutherischer Pfarrer in der Gemeinde St. Marien in Lemgo tätig und zeichnete sich zudem als Chronist, Genealoge und Geschichtsschreiber der westfälischen Reformationszeit aus. Er verfasste und publizierte bis zu seinem Tod im Jahre 1595 über 100 Schriften, darunter die OPERA GENEALOGICO-HISTORICADE WESTPHALIA ET SAXONIA INFERIORI. Dieses im Jahre 1564 verfasste Werk enthält ein Kapitel mit topographischen Beschreibungen westfälischer Städte, unter anderem über Ortschaften in Lippe, wie der Stadt Horn. Seine Schriften sind erst 1711 von Ernst Casimir Wasserbach herausgegeben worden, siehe Biermann und Scheffler 2010, S. 5 f., 10, 36 f. 62 Johannes Mundhenk liefert in dem zweiten Band seiner vierbändigen „Forschungen zur Geschichte der Externsteine“ eine chronologische Zusammenstellung aller schriftlichen Erwähnungen zu den Externsteinen bis 1823, Mundhenk 1980 b, S. 125–163. 63 Die ersten Monographien stammen von Karl Theodor Menke (1823), siehe Menke 1823, und Christian Gottlieb Clostermeier (1824), siehe Clostermeier 1824. Während Menke eine vorchristliche Nutzung der Felsenanlage befürwortet, stellt sich Clostermeier gegen die germanische Deutung und plädiert für einen ursprünglich christlichen Charakter der Externsteine. 64 Zur Historie der Urkunde und ihrer Veröffentlichung ausführlich Mundhenk 1981 a, S. 79–100. 42 1374 und 1380 stammen.65 Diese Urkunde berichtet über den Erwerb der Externsteine und eines Hofes in Holzhausen durch den Abt Gumpert des Paderborner Klosters Abdinghof, dessen Gründung auf das Jahr 1015 zurückgeht. Dort heißt es aus dem Lateinischen übersetzt: „Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit. Heinrich, von Gottes Gnaden Bischof der Kirche zu Paderborn. Wir wollen der Gesamtheit der Gläubigen zu wissen geben, daß, als drei Brüder dem Fleische nach von edlem Stande ihr Erbe aufteilten, dem einen als sein Anteil die Gemarkung Colstidi [Kohlstädt] dem zweiten das obere Holthuson [Holzhausen], dem dritten namens Imico das untere Holthuson zufiel. Von diesen gab der eine seinen Teil, nämlich Costidi, dem hl. Liborius an der Hauptkirche zu Patherbrunon [Paderborn], der zweite übergab seinen Anteil, nämlich das obere Holthuson, dem hl. Luitger in Werthen [Werden an der Ruhr]. Damit jener dritte namens Imico diese Übergabe durch seine Zustimmung gutheiße, gaben sie ihm von ihrem Anteil den Stein Agisterstein in dem benachbarten Wald und das ganze Gebiet vom Gipfel jenes Steines bis zu den Ländereien des unteren Holthuson und bis zu den Feldern der benachbarten Ortschaft Hornon [Horn] zum Eigentum. […] Geschehen ist dies im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1093, in der ersten Indiktion, zur Regierungszeit König Heinrichs IV.“66 Die Authentizität der Urkunde wird in der Forschung aufgrund ihrer Tradierungsgeschichte und der verschiedenen Textfassungen in den einzelnen Abschriften angezweifelt und als eine der „Abdinghofer Fälschungen“67 angesehen. Klemens Honselmann hat schlüssig rekonstruiert, dass der Inhalt der Urkunde aus der Zeit um 1165 stammt und auf eine ältere, um 1100 geschrieben Notiz zurückgeht.68 Sie gehörte ihm zufolge zu einer Sammlung von Abschriften, die nach einem Brand des Klosters Abdinghof im Jahr 1165 und der damit einhergehenden Zerstörung der Originale angefertigt wurde.69 Während andere Urkunden dieser Serie gefälscht wurden, hält Honselmann die Externsteine-Urkunde jedoch für inhaltlich korrekt. Einen weiteren Beleg für die Übernahme des originalen Wortlauts aus dem 11. Jahrhundert sieht er in der Schreibweise „Agisterstein“. Diese Form, so setzt er der Annahme Flaskamps entgegen, ist älter als die Schreibweise „Egesterenstein“ wie sie in der Werdener Urkunde von 1129 über die Externsteine anzutreffen ist und spricht somit für eine frühere Entstehung.70 Beide Namensformen könnten aber im 12. Jahrhundert auch noch parallel verwendet worden sein. Wie Roland Linde erläutert, stellt Johannes Mundhenk den Aussagen Honselmanns – neben der umständlichen und untypischen Erzählweise der Urkunde und deren starken Fokussierung auf die Externsteine und des sie umgebenden Waldes – als gewichtiges Argument entgegen, 65 Das auf 1093 datierte, aber wahrscheinlich um 1165 ausgefertigte Original war noch 1620 auf einer Tagung in Lippspringe vorgelegt worden. Um 1700 wurde schließlich noch die Abschrift aus dem 1374 um einen Satz ergänzt. Danach gibt es keine Nachweise einer Existenz der Originalurkunde mehr, vgl. Mundhenk 1981 a, S. 79. 66 Die vollständige Übersetzung findet sich bei Mundhenk 1981 a, S. 80. Für den originalen, lateinischen Wortlaut vgl. Flaskamp 1966, S. 18 ff. 67 Vgl. Honselmann 1950, S. 292–356. 68 Honselmann 1955, S. 215 f. 69 Honselmann 1955, S. 215. Vgl. auch Mundhenk 1981 a, S. 79 f. 70 Honselmann 1955, S. 217. 43 dass das Kloster Abdinghof die darin beschriebenen Besitzrechte nie in Anspruch genommen hat, wohingegen das nachweisbare Patronatsrecht an der Externsteine-Kapelle ab 1366 keine Erwähnung findet.71 Linde geht daher davon aus, dass es sich in der Abdinghofer Urkunde um eine erdachte Geschichte handelt, wobei die Absichten des Bearbeiters unklar sind. Sie zeigt jedoch auch, so Linde weiter, dass die Externsteine im 12. Jahrhundert einen Ort darstellten, der Begehrlichkeiten weckte.72 Die Werdener Urkunde wiederum ist die früheste, im Original überlieferte urkundliche Erwähnung zu den Externsteinen – ein sogenannter „Meierbrief“. Sie berichtet von einer Bemeierung auf dem Gelände „Holthusen sive Egsterenstein“ durch den Abt Bernhard des Klosters Werden-Helmstedt (1126–1133), dessen Reiseweg von Werden bei Essen zum Schwesterkloster nach Helmstedt über die Externsteine und Horn führte.73 Die Externsteine lagen im Mittelalter an einem der wichtigsten Fernhandels- und Verkehrswege, der Kölnischen Straße, der über einen Gebirgspass, den heutigen Teutoburger Wald, führte. Dieser Fernweg, so Linde, erklärt warum das Kloster Werden-Helmstedt Besitzungen in dieser Gegend besaß.74 Für die Verwaltung dieses Besitzes und die Versorgung der Äbte während ihres Aufenthaltes wurde laut Urkunde ein Dienstmann namens Heinrich als Meier bzw. Verwalter eingesetzt, der sich auch um die weiteren Gebäude und Anlagen (aedificia et aliae culturae) sowie die Vorbereitungen zur Durchführung der Messen zu kümmern hatte.75 Entsprechend erfuhren „Holzhausen beziehungsweise Externstein“ zu dieser Zeit eine christliche Nutzung, wobei der genaue Standort aus der Quelle nicht hervorgeht. Nach Linde wird die Lokalisierung der Raststation unmittelbar an den Externsteinen – und nicht in Holzhausen – durch die Grabungsfunde von 1934/35 und deren erneute Beurteilung durch Uta Halle 2001 gestützt. Diese Funde, wie der eines Reitersporns, deuten nach Aussage von Halle und Linde auf eine rege Siedlungstätigkeit unterhalb der Externsteine im 10./11. Jahrhundert und einen hochmittelalterlichen Herrensitz hin. Die Weihinschrift von 1115 oder 1119 wiederum bezeugt einen nutzbaren Altarraum an den Externsteinen – alles Voraussetzungen für eine Raststation und Nachweis für den Aufenthalt von bedeutenden Persönlichkeiten für die Zeit vom 10. bis 13. Jahrhundert sowie für einen möglichen Adelssitz.76 Zur weiteren Existenz des Werdener Besitzes nach der Amtszeit des Abts Bernhard gibt es nur noch in den 1150er Jahren Auskünfte. Johannes Mundhenk vermutet, dass die Raststation schon 1165 – im Jahr der vermeintlichen Erstellung der Abdinghofer Urkunde – nicht mehr bestanden hat. Er schätzt deren gesamtes Bestehen auf höchstens 25 Jahre, wahrscheinlich sogar sehr viel weniger. Seines Erachtens war die Blütezeit des Klosters Werden nach dem Tod des Abtes Bernhard 1140 bereits überschritten und daher ein so aufwendiger Besitz wie 71 Linde 2018 a, S. 59 f. Vgl. auch Mundhenk 1981 b, S. 46–59. 72 Linde 2018 a, S. 62. 73 Zum Inhalt der Urkunde ausführlich Mundhenk 1981, S. 59–77. Vgl. auch Linde 2007, S. 26 ff. mit einer Karte zur Lage der Externsteine am mittelalterlichen Fernweg zwischen den Abteien Werden und Helmstedt. Das Kloster Werden wurde 799 gegründet, das Schwesterkloster in Helmstedt im Jahr 850. 74 Linde 2018 a, S. 63. 75 Honselmann 1955, S. 219. 76 Linde 2018 a, S. 64 f., Linde 2007, S. 28. Vgl. auch Halle 2018. 44 der an den Externsteinen nicht mehr aufrecht zu erhalten.77 In den Jahren zwischen 1190 und 1240 erwerben die Edelherren zur Lippe die Besitzungen des Werden-Helmstedter Abtes in Horn und Umgebung und damit auch die Nutzungsansprüche an den Externsteinen.78 Die Wirkungsgeschichte des Klosters Werden-Helmstedt beschränkt sich daher auf eine kurze Zeitspanne im Verlaufe der Geschichte der Externsteine und endet vermutlich zwischen ca. 1160 und 1190. Mit der Weihinschrift in der Hauptgrotte existiert ein weiteres hochmittelalterliches Zeugnis zur Historie der Externsteine. Die dreizeilige Inschrift befindet sich zwischen den beiden Öffnungen an der Nordwand der Grotte (Abb. 32). Durch die schwache Beleuchtung in der Grotte und die nur wenig ausgeprägten letzten beiden Zeilen ist die Inschrift nur schwer lesbar. Ein Abguss, der 1980 vom Westfälischen Landesamt für Denkmalpflege angefertigt wurde und heute nicht mehr auffindbar ist, ließ einige Details besser erkennen. Johannes Bauermann hat die Zeilen daher folgendermaßen ergänzt: „+ ANNO AB INC(ARNATIONE) D(OMI)NI M C XV IIII K(A)LENDAS DEDIC[A]TV(M) [ES]T HO[C] [ALTARE… A VENERABILI] HEINRICO [EPISCOPO]…“79 Seine Übersetzung lautet demnach: „Im Jahre nach der Fleischwerdung des Herrn 1115 am 4. Tag vor den Kalenden des […] wurde dieser Altar geweiht vom hochwürdigen Bischof Heinrich […].“80 Der fragmentarische und teils schwer zu entziffernde Zustand, vor allem der beiden unteren Zeilen, lässt Annahmen einer Fälschung oder späteren Ergänzung der Inschrift zu. Möglicherweise wurde aber auch nur der vorhandene Platz für die Ausführung der Inschrift unterschätzt. Die Frage nach Original oder Fälschung, kann, wie Giersiepen es formuliert, nicht eindeutig beantwortet werden. Aus epigraphischer Sicht würde ihres Erachtens aber 77 Mundhenk 1983, S. 101. 78 Linde 2007, S. 29. 79 Zitiert nach Giersiepen 2018, S. 77 f. Vgl. auch Bauermann 1973, S. 5, Anm. 7 und Mundhenk 1981 a, S. 106, 112. 80 Zitiert nach Giersiepen 2018, S. 78. Abb. 32: Die Weihinschrift in der Hauptgrotte der Externsteine. 45 nichts gegen die Echtheit der Inschrift sprechen, da Inschriften zwar individuelle Erscheinungen seien, aber gewissen Gewohnheiten folgten, wie Anbringungsort, Schrifttyp, Art der Ausführung, Formular und Inhalt.81 Diese Gewohnheiten sind an den Externsteinen vertreten, außerdem gibt es aus paläografischer Sicht weitere Belege. Alle Buchstabenformen seien für diese Zeit belegt und die Kapitalschrift eine zeittypische Erscheinung.82 Dieser Meinung war schon Mundhenk – auch er vertrat die Ansicht, dass hochmittelalterliche Inschriften nicht nur einer Gewohnheit, sondern einem gewissen Grundschema folgen, das er an den Externsteinen ebenfalls als gegeben ansah.83 Diesem Schema nach beginnt eine solche Inschrift mit der Zeitangabe, es folgt der Weiheakt im Passiv, dann wird das Objekt der Weihe genannt und schließlich der Name des Weihbischofs.84 Die Expertise von Giersiepen muss an dieser Stelle aufgrund des Fortschritts in der Epigraphik jedoch maßgebend sein. Es bleibt festzuhalten, dass die Externsteiner Inschrift in der Art ihrer Ausführung den zeittypischen Inschriften entspricht und somit höchstwahrscheinlich in der Zeit um 1115, möglicherweise auch 1119, entstanden ist.85 Sie ist damit von entscheidender Bedeutung für die Chronologie der Externsteine, bildet sie doch einen terminus post quem für die Existenz der Grottenanlage und deren christliche Nutzung, da die beiden hochmittelalterlichen Urkunden von 1093 und 1129 keine Aussagen über das Vorhandensein der Grotten machen. Gleichwohl ist die Existenz der Hauptgrotte um 1115/1119 nicht zwingend mit ihrer Entstehung gleichzusetzen, so Mundhenk. Die Höhlenanlage könnte bereits eine Vorgeschichte haben, die nur durch archäologisch-architektonische Untersuchungen nachgewiesen werden könnte.86 Eine archäologisch-baugeschichtliche Analyse der Externsteine steht bis heute aus, 2004 konnten mit Hilfe des Lumineszenzverfahrens jedoch neue Datierungszeiträume für die Grotten gewonnen werden.87 Bei den festgestellten Altersabschätzungen handelt es sich ausschließlich um Datierungen in das Mittelalter, wobei die Zeitspannen teilweise sehr groß 81 Giersiepen 2018, S. 96 und hinsichtlich Anbringungsort, Schrifttyp, Ausführung, Formular und Inhalt S. 84–96. 82 Giersiepen 2018, S. 92. 83 Mundhenk 1981 a, S. 107. Eine ausführliche Beschreibung des Grundschemas mittelalterlicher Inschriften im Hinblick auf die Externsteiner Inschrift findet sich bei ihm auf den Seiten 104–108. 84 Mundhenk 1981 a, S. 105 und 111, Anm. 6. Er bezieht sich in diesem Fall auf die Untersuchungen von Johannes Bauermann, der die Dedikationen von Inschriften verglichen hat und das ermittelte Schema „am reinsten“ in der Externsteiner Inschrift wiedergegeben sieht. Vgl. Bauermann 1973, S. 5, Anm. 17. 85 Helga Giersiepen gibt zu bedenken, dass durchaus auch das Jahr 1119 für die Weihe in Frage käme, da römische Jahresangaben in mittelalterlichen Inschriften nicht immer korrekt ausgeführt wurden. Sie verweist dabei auf den zeitlich und geographisch naheliegenden Freckenhorster Taufstein von 1129, bei dem die Jahreszahl als M.C.XX. VIIII. anstatt als M.C.XX.IX. wiedergegeben ist, Giersiepen 2018, S. 79, dort auch Anm. 9. 86 Mundhenk 1981 a, S. 109. 87 Initiiert von der Schutzgemeinschaft Externsteine wurde das Projekt der Lumineszenz-Datierung 2004 gemeinsam mit dem Landesverband Lippe, dem Lippischen Landesmuseum Detmold und der Forschungsstelle Archäometrie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften an den Externsteinen durchgeführt. Mit Hilfe des physikalischen Lumineszenzverfahrens kann bestimmt werden, wann Gestein zum letzten Mal großer Hitze ausgesetzt war und somit menschliche Aktivitäten dort stattgefunden haben. Es kann jedoch keine Aussage darüber getroffen werden, ob schon zuvor ein Feuer an den jeweiligen Orten gebrannt hat, da nur der Zeitpunkt des letzten Feuers analysiert werden kann. Als Ausgangspunkt für die Probenentnahme in den Grotten der Externsteine wurden die – zum ersten Mal von Ulrich Niedhorn 1989 auf der 1. Horner Fachtagung erwähnten – Brandspuren genommen. Insgesamt wurden 14 Proben in der Haupt-, Kuppel- und Nebengrotte entnommen, von denen sich einige jedoch als nicht verwertbar erwiesen. Neun Entnahmen konnten schlussendlich ausgewertet werden, vgl. Jähne 2007, S. 55–92 und Woda 2007, S. 97–125. 46 sind und nur wenige Proben brauchbare Anhaltspunkte liefern konnten.88 Eine der wenigen aussagekräftigen Proben ist die Probe 9 aus der Kuppelgrotte. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,4 Prozent sind die dortigen Brandspuren älter als die Weihinschrift, d. h. terminus antequem 1115/1119. Der dort genommene Messwert besagt, dass das letzte Feuer um 934 n. Chr. +/- 94 Jahre dort gebrannt hat und somit die Kuppelgrotte schon vor der Weihe des Altars in der Hauptgrotte eine Nutzung erfahren hat.89 Im Kontext der dargelegten Urkunden des 12. Jahrhunderts belegen diese Angaben zunächst einmal, dass im frühen bis hohen Mittelalter – in diesem Fall von 934 bis 1129 – christlich geprägte, menschliche Aktivität an den Externsteinen stattgefunden hat. Davon zeugen auch die archäologischen Funde. Die Besitzverhältnisse in dieser Zeit sind jedoch unklar. Das Kloster Abdinghof, wie auch das Kloster Werden-Helmstedt, formulieren in den Urkunden Besitzansprüche an den Externsteinen, wobei das Kloster Abdinghof seine Rechte niemals geltend gemacht hat oder diese nicht direkt auf die Steine bezogen waren. Das Kloster Werden wäre somit für kurze Zeit alleiniger Nutzer der Externsteine gewesen und hätte die Felsen für die erwähnten Messfeiern nutzen können.90 Die Besitzverhältnisse klären sich erst in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als die Edelherren zur Lippe die Besitzungen des Klosters Werden-Helmstedt und damit auch die Externsteine erwerben.91 Das Kloster Abdinghof hat zu dieser Zeit – bis zum 17. Jahrhundert – jedoch nach wie vor ein Patronatsrecht über die Kapelle an den Externsteinen, nachgewiesen ab 1366.92 Mutmaßlich sind weitere Quellen verloren gegangen, die hier Klarheit bringen könnten. Dafür spricht auch das Aussetzen der urkundlichen Überlieferung von 1183 bis 1366. Für diesen Abschnitt gibt es in der Geschichte der Externsteine keine Nachweise. 2.3.1.2 Spätmittelalterliche Quellen (1366–1564) Erst ab 1366 gibt es weitere Nachrichten für die mittelalterliche Chronologie der Externsteine und zum Verhältnis des Klosters Abdinghof zu den Externsteinen. Durch eine Investitururkunde des Abtes von Abdinghof an den Pfarrer aus Horn ist das Patronat des Paderborner Klosters an den Externsteinen für diese Zeit eindeutig belegt.93 Die Urkunde gehört zu einer Gruppe von sieben Urkunden aus den Jahren 1366/67, die sich mit der Einführung von neuen Rektoren an der Externsteiner Kapelle befassen.94 Nach einer Übersetzung von Mundhenk heißt es in der Urkunde vom 8. August 1366: 88 Woda 2007, S. 123 f. 89 Ebd. Zur näheren Erläuterung der Messung in der Kuppelgrotte sei gesagt, dass bei den Messwerten ein gewisser Fehlerbereich inkludiert ist, um eine annähernd hundertprozentige Wahrscheinlichkeit zu bekommen. Bei der Probe 9 bedeutet es, dass der Messwert zwar 934 n. Chr. entspricht, aber mit einer 99,7-Prozent-Wahrscheinlichkeit das letzte Feuer in den Jahren von 652 bis 1216 n. Chr. dort gebrannt hat. Die Toleranz der Werte ist demnach sehr groß. 90 Linde 2007, S. 26 f. 91 Linde 2007, S. 28 f. 92 Eine detaillierte und rekonstruierte Darlegung des Übergangs der Besitzverhältnisse vom Kloster Werden-Helmstedt an die Edelherren zur Lippe und deren Besitzungen in Holzhausen-Externsteine findet sich bei Linde 2018 a, S. 43–76. 93 Honselmann 1955, S. 219. 94 Mundhenk 1981 a, S. 21. 47 „Heinrich, von Gottes Gnaden Bischof zu Paderborn, an Martinus, Leutpriester der Pfarrkirche zu Horn, Heil im Herrn. Unlängst sind auf Antrag des Paderborner Diakons Lutfrid Everberen, der durch den frommen Herrn Abt des Paderborner St.-Petri- und Pauli-Klosters vom Orden des heiligen Benedikt als Patron uns für die durch den Tod des letzten Rektors, des Priesters Wybert, vakante Kapelle des Reklusoriums Egesterensteyn bei Horn vorgeschlagen worden war, alle und jegliche, die etwa ihre Belange berührt glaubten und Einspruch erheben wollten, zu einem bestimmten unaufschiebbaren Termin, nämlich dem heutigen Samstag, geladen worden […]. Seinen uns gerecht erscheinenden Bitten zustimmend haben wir ihn aufgrund seiner Präsentation [durch den Abt] als Rektor an besagter Kapelle zugelassen, ihm, wie es Sitte ist, durch ein Buch die Investitur erteilt und ihn eingesetzt […].“95 Diese Urkunde berichtet von einer vakanten Rektorenstelle für eine Kapelle des Reklusoriums, also einer Einsiedelei, an den Externsteinen. Dieser Urkunde folgen die weiteren sieben Dokumente, die bis 1469 von der Einsiedelei mit einer dem Heiligen Kreuz geweihten Kapelle und den dort oftmals wechselnden Rektoren berichten. Die Rektoren wurden auf Vorschlag des Abtes des Klosters Abdinghof vom Paderborner Bischof eingesetzt, um die Kapelle zu verwalten.96 In Konkurrenz dazu, wie Mundhenk darlegt, existierte die Einsiedelei, die durch eine Prozessakte von 1385 bezeugt ist. Der Kapellenrektor Bertold Wedemhover klagte darin gegen den Anachoreten (Einsiedler, Eremit) Johannes von Waddenhausen, dem er vorwirft, er habe sich „in die ‚inclusoria‘ und das dazu gehörige Haus eigenmächtig eingemischt und mischt sich noch immer in sie ein, hat sie in Besitz genommen und nimmt sie noch immer in Besitz“.97 Mit der „inclusoria“ wird vermutlich die Felsengrotte gemeint gewesen sein, in der sich Spuren von Holzeinbauten, Nachweise von verputzten Wänden und Brandspuren aus dem 14. und 15. Jahrhundert finden lassen, die von den Einsiedlern stammen könnten.98 Aus dem Jahr 1469 gibt es eine weitere Klage eines Rektors gegen den damaligen Klausner. Streitpunkt in diesem Fall ist das schlechte Verhalten des Klausners, das zu einem Einbruch in der Kapelle geführt habe.99 An dieser Klage ist wiederum die Beschreibung der Kapelle aufschlussreich, die demnach mit Bleiglasfenstern und Heiligenfiguren ausgestattet gewesen sein muss.100 In der vorherigen Klage von 1385 wurden außerdem der Altar und ein Opferstock für die Spenden erwähnt,101 95 Mundhenk 1981 a, S. 21. 96 Linde 2018 a, S. 50 ff. Eine Zusammenstellung der spätmittelalterlichen Quellen findet sich bei Mundhenk 1981 a, S. 15–54. 97 Mundhenk 1981 a, S. 18, 31. Die Eremiten stammen, wie Roland Linde vermutet, aus dem Herforder Augustiner-Konvent, Linde 2007, S. 29. 98 Linde 2018 a, S. 54, hier auch Anm. 29. Roland Linde verweist hinsichtlich der Einbauten in der Grotte auf Roland Pieper, Pieper 2018, und zu den Brandspuren auf Woda 2007, S. 123 f. Siehe außerdem Kapitel 2.2. 99 Mundhenk 1981 a, S. 45. 100 Mundhenk 1981 a, S. 45 sowie Linde 2018 a, S. 52. 101 Mundhenk 1981 a, S. 31 und Linde 2018 a, S. 54 f. Linde weist darauf hin, dass laut der Schrift von 1385 für die Spenden der Gläubigen verschiedene Stellen an den Externsteinen existierten. Neben dem genannten Opferstock und dem Altar in der Kapelle wird auch ein superius altare, ein höher gelegener Altar, erwähnt. Mit großer Wahr- 48 aber weiterhin ist über die Gestalt und Ausstattung der Kapelle nichts bekannt. Wie Linde erklärt, ist Mundhenk darin zuzustimmen, dass die Bleiverglasung auf ein externes Kapellengebäude verweist und nicht die Grotten als solche genutzt worden sein könnten. Bei den Grabungen 1932–1935 fanden sich Reste einer winkligen Trockenmauer vor den Felsen 1 und 2 (Abb. 33). Johannes Mundhenk sieht darin die Reste eines geosteten mittelalterlichen Kirchen- oder Kapellengebäudes, das dieser Funktion entsprochen haben könnte.102 Uta Halle, die die Grabungen neu ausgewertet hat, hält fest, dass sich zu diesem Befund heute keine eindeutige Aussage mehr treffen lässt und die Rekonstruktion der Kapelle nicht möglich ist.103 Aus dem späten 16. Jahrhundert und dem Jahr 1627 gibt es zwei unabhängig voneinander entstandene Niederschriften, die das Ende der Einsiedelei bezeugen. Heinrich Duden, Abt der Benediktinerabtei Werden von 1573 bis 1601, berichtet über die Externsteine, dass es dort ein Sazellum gäbe, „dies bewohnten bis in unsere Zeiten Klausner oder Eremiten, die, als Räuber ertappt, vertrieben und ausgerottet worden sind“.104 Johann Piderit (1569–nach 1637), Pfarrer zu Blomberg, schreibt 1627 deutlich dramatischer, dass sich Unordnung, Unscheinlichkeit war damit der Altar in der Höhenkammer gemeint, dessen Fuß noch erhalten ist. Siehe auch Kapitel 2.2. 102 Mundhenk 1981 a, S. 202. 103 Halle 2002, S. 269‒273. 104 Nach der Übersetzung bei Mundhenk 1980 b, S. 126 f. Abb. 33: Ausgrabungen an den Externsteinen. Blick von oben auf die winklige Trockenmauer, 1935. 49 zucht und Mord durch die Geistlichen und Diener der Kapelle zugetragen hätten und daher die „Obrigkeit“ das Werk zerstört hätte.105 Linde geht davon aus, dass diese Ereignisse spätestens in der Zeit der Reformation stattgefunden haben und der Externsteiner Kapellendienst schon zwischen 1469 und 1514 in die Horner Kirche verlegt worden sei und somit auch die Kapelle aufgegeben wurde. Von 1592 gibt es eine Abdinghofer Aufzeichnung, dass der gräfliche Holzförster mit seiner Familie in den Grotten lebte und somit das profane Leben dort Einzug gehalten hatte.106 Diese Quellen setzen einen gewissen zeitlichen, wenn auch relikthaften Rahmen für die Geschehnisse in der Zeit vor der ersten literarischen Äußerung durch Hermann Hamelmann 1564. Durch die daraus ersichtlichen Aussagen lassen sich Rückschlüsse und Vermutungen über die nicht dokumentierten Phasen anstellen und ein Eindruck über das mittelalterliche Leben an den Externsteinen gewinnen. Durch die nicht dokumentierten Phasen und die nicht immer eindeutigen bzw. auslegbaren Ausführungen in den mittelalterlichen Quellen entsteht aber ebenso ein Feld für Spekulationen, zu welchem Zweck die Externsteine ursprünglich geschaffen wurden und wie ihre Nutzung ausgesehen haben mag. Dieses schlägt sich in den schriftlichen Erwähnungen über die Externsteine nieder, die 1564 ihren Anfang nehmen und zu einem Kompendium an Theorien führen. 2.3.2 Die Anfänge der Rezeptionsgeschichte ab 1564 bis 1823/1824 Die Anfänge der Rezeptionsgeschichte zu den Externsteinen begründen sich im 16. Jahrhundert, einer Zeit, in der sich die Wissenschaft etabliert und sich durch die Reformation die politischen und religiösen Verhältnisse in der Gesellschaft neu ordnen. Dazu kommen die Ausweitung des globalen Handels und die Nutzung des Buchdrucks, die dazu führen, dass sich das Wissen über die Welt weiter verbreiten kann als bisher. Diese Veränderungen schlagen sich auch in dem schriftlichen Mitteilungsbedürfnis über die Externsteine nieder, das sich in dieser Zeit zu entwickeln begann. Die schriftlichen – oft auch nur kurzen – Erwähnungen über die Externsteine ab 1564 finden sich in topographischen und historischen Schriften oder Chroniken zu Lippe und Westfalen, als Bemerkungen zu Berichten der Diözese Paderborn, sind Teil von handschriftlichen Manuskripten einzelner Persönlichkeiten oder Ergänzungen zu Bildwerken, Lexikoneinträge oder kurze Aufsätze in lippischen Publikationsorganen der entsprechenden Zeit. Die Verfasser sind Historiographen aus Paderborn, lippische Archivare, meist protestantische norddeutsche Kirchen- und Profanhistoriker und Reisende. Bei dem Inhalt dieser Erwähnungen ist zwischen Beschreibungen der Felsenanlage und des Kreuzabnahmereliefs, Bezugnahmen und Niederschriften zu dem urkundlichen Material sowie Deutungstheorien zu unterscheiden. Im Folgenden soll es jedoch nur um eine Darlegung der wesentlichen Deutungstheorien gehen, die sich 105 Mundhenk 1980 b, S. 127 f. 106 Linde 2018 a, S. 56. 50 in der Zeit von 1564 bis 1823/24 – dem Erscheinen der ersten monografischen Publikationen und damit dem Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen – manifestieren und bis in die heutige Zeit wirken.107 Die historischen Gegebenheiten, die für die Rezeptionsgeschichte weiterhin von Bedeutung sind, werden in der Beschreibung der Gesamtanlage (Kapitel 2.2) skizziert wie auch durch das urkundliche Quellenmaterial (Kapitel 2.3.1) ersichtlich. Im Kontext mit den Deutungstheorien ergibt sich damit ein umfassender Überblick über die Rezeptionsgeschichte der Externsteine, der eine inhaltliche Einordnung der Anknüpfungsmöglichkeiten für die Projektkonzepte erlaubt. Vorchristliche Deutungen In einer Schrift über die westfälischen Städte von 1564 von Hermann Hamelmann findet sich die erste Mitteilung mit einer expliziten Erwähnung der Externsteine, dort noch als „Elstern-Stein“ bezeichnet.108 Diese erste Erwähnung hat wichtigen historischen Wert, jedoch ist für die weitere Deutung der Externsteine entscheidender, dass Hamelmann diese als ursprünglich heidnische Stätte sieht, die erst durch Karl den Großen christianisiert worden sei.109 Die Felsenanlage wird bei ihm mit folgenden lateinischen Worten beschrieben: „Horna oppidum campos & agros jucundos habet, & ex vicina rupe Picarum, antiquo monumento, cujus veteres scriptores mentionem fecerunt, claret; Legi aliquando, quod ex rupe illa picarum,idolo Gentilitio, fecerit Carolus magnus altare Deo sacratum & ornatum effigiebus Apostolorum.“110 Diese Äußerung lässt sich folgendermaßen übersetzen: „Die Stadt Horn [Horna oppidum] hat ansprechende Felder und Äcker und ist ausgezeichnet durch den benachbarten Externstein [rupe Picarum], ein uraltes Denkmal, das alte Schriftsteller erwähnt haben. Ich las einmal, daß aus jenem Externstein, einem heidnischen Heiligtum [idolo Gentilicio], Karl der Große einen Gott geweihten und mit Apostelbildern geschmückten Altar gemacht hat.“111 Die Bezeichnung „heidnisch“ ist in diesem Zusammenhang als eine allgemeine Beschreibung für eine vorchristliche Kultanlage an den Externsteinen zu verstehen, die nicht zwingend sächsischen Ursprungs sein muss, sondern zeitlich weiter zurückreichen könnte.112 Als 107 Eine Zusammenstellung der schriftlichen Mitteilungen in chronologischer Ordnung von 1564 bis 1823/1824 sowie Angaben zu den Biografien der Verfasser finden sich bei Mundhenk 1980 b, S. 125–163. Nach 1823/24 entstehen noch weitere Deutungstheorien, z. B. die der Lokalisierung des Klosters Hethis, dem späteren Corvey, siehe Matthes 1982 sowie Kapitel 4.4.1, oder die der Megalith-Skulpturen an den Externsteinen, siehe Neumann-Gundrum 1981. 108 Mundhenk 1980 b, S. 126. Vgl. Hamelmann 1564. 109 Ebd. 110 Mundhenk 1980, S. 126. Im Original siehe Hamelmann 1564, S. 79. 111 Zitiert nach Kittel 1957–2013, S. 23 f. Eine weitere, jüngere Übersetzung findet sich bei Mundhenk 1980 b, S. 126: „Die Stadt Horn hat schöne Felder und Äcker und ist berühmt durch den Elstern-Stein, ein antikes Monument, das die alten Schriftsteller erwähnt haben; ich habe irgendwann gelesen, daß aus jenem Elstern-Stein, einem heidnischen Idol, Karl der Große einen Gott geweihten und mit den Bildern der Apostel geschmückten Altar gemacht habe.“ Die für die Etymologie der Externsteine wichtige Abweichung in dieser Übersetzung betrifft die wörtlich korrekte Bezeichnung der Externsteine als „Elstern-Stein“. 112 Vorchristlich ist im weiteren Verlauf synonym für germanisch, heidnisch und sächsisch zu verstehen. 51 terminus ante quem kann daher lediglich das Jahr 772 n. Chr. gelten – das Jahr, in dem die Sachsenkriege unter Karl dem Großen begannen. Hamelmann begründet mit dieser Äußerung den Strang der vorchristlichen Deutung der Externsteine. Im Kontext des wachsenden Interesses für die germanische Altertumskunde und deren archäologischen Zeugnisse ist eine weitere Ansicht Hamelmanns zu dieser Zeit – und nachwirkend – von Bedeutung: die Lokalisierung der Varusschlacht in der Grafschaft Lippe. Als Belege führt Hamelmann den Fund von menschlichen Knochen, Überresten von verschiedenen Waffen und römischen Münzen mit Aufschriften Julius Caesars und weiterer römischer Befehlshaber auf den lippischen Äckern an.113 Die Funde stammen, nach Erich Kittel, jedoch überwiegend aus späterer Zeit, dem 4. bis 6. Jahrhundert. Im Teutoburger Wald wurden zwar zahlreiche augusteische Münzen gefunden, die auf römische Kriege in diesem Gebiet hinweisen, die aber keine zeitlichen Rückschlüsse auf das Jahr der Varusschlacht erlauben, so seine Ansicht.114 Neben den Funden werden sprachliche Rückführungen von der „Teutoburg“ zur „Grotenburg“ als Anhaltspunkte für die Varusschlacht angeführt. Kittel sieht zwar hinsichtlich des Schlachtortes „die Möglichkeit, aber nicht die Sicherheit einer Lokalisierung unmittelbar bei Detmold“, die Gleichsetzung der Teutoburg mit der Grotenburg hält er jedoch für unbeweisbar.115 Mit dieser Auffassung zeigt Hamelmann, dass er das lippische Gebiet als eine germanische Wirkungsstätte – zurückzuführen auf den Sieg des germanischen Heerführers Arminius gegen den römischen Befehlshaber Varus im „saltus Teutoburgiensis“ – ansieht. Belege für diese Annahme fehlen ebenso wie für seine Behauptung, an den Externsteinen habe sich eine heidnische Kultstätte befunden. Dennoch ist diese Ansicht aufschlussreich, zeigt sie doch, dass nach Hamelmann die Externsteine durch ihre Lage im Teutoburger Wald inmitten eines germanisch geprägten Gebietes gelegen haben sollen. Er weist sich damit, wenn auch noch nicht bewusst und nicht unmittelbar auf die Externsteine bezogen, als Anhänger der germanischen Theorie aus. Die folgenreiche Umbenennung des Osning in „Teutoburger Wald“ hatte zu dieser Zeit gleichwohl noch nicht stattgefunden. Erst 1616 wurde durch das Werk „Germania antiqua libri tres“ 113 Kittel 1957, S. 15. 114 Kittel 1957, S. 15 f. 115 Kittel 1957, S. 16 f. Zum besseren Verständnis der Gleichsetzung von Teutoburg und Grotenburg seien an dieser Stelle Kittels Ausführungen detaillierter wiedergegeben: „Wenn die Römer das von ihnen gemeinte Waldgebirge als das ‚Teutoburger‘ bezeichneten, so war das kein germanischer Name, sondern es bedeutete: Das Waldgebirge mit einer ‚Teutoburg‘, einer Volksburg. Trotzdem irrte man, wenn man, um den ‚Teutoburger Wald‘ das Tacitus zu finden, einen Berg mit dem Namen ‚Teut‘ und mit einer germanischen Burg suchte und in der Grotenburg gefunden zu haben glaubte. Selbst wenn man dem Berg, der nachweislich schon 1475 Grotenburg hieß, den Namen Teut zubilligen würde, weil die Höfe zu seinen Füßen schon ca. 1390 ‚in dem‘ bzw. ‚to dem Toyte‘ genannt wurden, so wäre nichts gewonnen, weil die Sprache vom Germanischen zum Niederdeutschen sich im Konsonantismus und Vokalismus gewandelt hat: Was zu den Zeiten des Tacitus ‚Teut‘ hieß, konnte im 14. Jahrhundert nicht immer noch den Namen ‚Toyt‘ tragen und umgekehrt. Es steckt vielmehr im Namen Teutoburg wie im Ortsnamen Detmold das Wort theot, thiet = Volk, und er bedeutet also Volksburg. Da die Befestigungsanlage auf der Grotenburg eine solche germanische Volksburg ist, kann sie die Volksburg sein, nach der die Römer das Gebirge benannt haben; sie braucht es nicht zu sein, […].“ 52 von Philipp Cluverius diese Bezeichnung festgeschrieben, so Halle.116 Entgegen der späteren Befürworter der germanischen Theorie fußt die Auffassung von Hamelmann somit auf der geographischen Einordnung bei Tacitus und der Rückführung auf die Teutoburg und nicht auf der Synonymität von „saltus Teutoburgiensis“ und „Teutoburger Wald“. Diese Lokalisierung spielte bei der Wahrnehmung der Felsen eine bedeutende Rolle, die sich durch den Bau des Hermannsdenkmals 1838 noch verstärkt.117 Während Hamelmann die Externsteine nicht im Kontext der Varusschlacht erwähnt, verorten Ferdinand von Fürstenberg und Nicolaus Schaten am Ende des 17. Jahrhunderts die Felsen in dem römisch-germanischen Gebiet „beim Eingang in den Teutoburger Wald“, in die Nähe des Hohlwegs, „auf welchem nach dem Bericht des Dio Cassus Drusus auf seinem Rückzug von der Weser eingeschlossen wurde“.118 Die beiden miteinander bekannten Theologen erwähnen die römischen Spuren im Teutoburger Wald jedoch nur am Rande, vielmehr drücken sie ihre Bewunderung für die Externsteine aus.119 Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts wird der unmittelbare Bezug zwischen den Externsteinen und der Grotenburg als Ort der Varusschlacht hergestellt. Der Pfarrer Christoph Friedrich Fein sieht in den Wäldern des Teutoburger Waldes einen Ort, an dem Druiden zu Ehren des Gottes Teut ihren Götzendienst mit „Gözenhain“ und „barbarischen Altären“ abhielten.120 „Nächtsdem wurde zugleich in diesen Wäldern die teutsche Diana, der Mond, unter dem Namen Oester verehret; Davon habe ich in der Zugabe gehandelt, und diese barbarischen Altäre (eostrae rupes) insgemein Exstersteine genannt (…). Ich zweifle gar sehr, ob ganz Teutschland ein einziges Denkmahl seines eigenthümlichen Alterthums habe, daß diesem zu vergleichen wäre.“121 Nach Christoph Friedrich Fein führen zahlreiche weitere Personen die Theorie der Lokalisierung der Varusschlacht im Teutoburger Wald in Zusammenhang mit der Annahme von einer ursprünglich heidnischen Kultstätte an den Externsteinen weiter. Vielfach wird in den Erwähnungen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Wandel von einem heidnischen zu einem christlichen Kultort beschrieben.122 Diese mündet in der germanischen Rezeption der Externsteine und führt schließlich dazu, dass die Externsteine von einem gewissen Personenkreis als eine Stätte gesehen werden, die durch Karl den Großen entweiht und damit die dortige germanische Hochkultur zerstört worden sei. Diese Deutung findet ihre Fortführung in der Germanenideologie der völkischen Bewegung und schließlich in der offiziellen Geschichtspolitik des Nationalsozialismus. Als Verweis auf 116 Halle 2013, S. 26. Vgl. auch Kapitel 2.1, Anm. 17. 117 Siehe Kapitel 5.7. 118 Mundhenk 1980 b, S. 130 f. 119 Mundhenk 1980 b, S. 130 ff. Nicolaus Schaten veröffentlichte als erste Person die Abdinghofer Kaufurkunde von 1093, vgl. Kapitel 2.3.1.1. 120 Mundhenk 1980 b, S. 137. 121 Mundhenk 1980 b, S. 137. 122 Mundhenk 1980 b, S. 137–154: Johann Friedrich Falke (1762), Friedrich Christoph Puhstkuchen (1767 und 1771), Christoph Ulrich Grupen (1768), Wilhelm Strack (1801) sowie „X“ (=‘v. Bl.‘omberg?) (1805). 53 den Exkurs zum nationalsozialistischen Wirken an den Externsteinen sei hier erwähnt, dass der Germanenforscher Wilhelm Teudt (1860–1942) für die Manifestation dieser Theorie im völkischen Kontext verantwortlich ist und die Aussage Hamelmanns soweit ausdeutet, dass er auch das sächsische Heiligtum der Irminsul an den Externsteinen verortet und Karl den Großen als denjenigen, der „unter die germanische Vergangenheit den großen Abschlussstrich gemacht“ hätte.123 In die Reihe der vorchristlichen Deutungen ist auch die These Gustav Otto [Freiherr] von Bennigsen einzuordnen, der 1823 erstmalig davon spricht, dass „von den alten Deutschen“, die einst in den Externsteinen „gehaust“ haben, „durch die gegen Morgen gewendete Oeffnung über dem Heidenaltar hier oben auf dem Externstein, besonders deren runden Gestalt wegen“ Sonnen- und Mondaufgang und -untergang beobachtet worden sind.124 Die Grundlage für seine Theorie zieht er aus der Edda-Dichtung, einer Sammlung von Schriften altisländischen Ursprungs aus der Feder christlicher Autoren zur nordischen Mythologie und über germanische Heldengeschichten, die im 17. und 18. Jahrhundert eine Renaissance erfuhren.125 „Erst die Wiedergeburt der Edda hat uns durch den tiefen Sinn der in ihr enthaltenen deutschen Geheimlehre darauf aufmerksam gemacht, daß die Deutschen alter Zeit auch in ihrem übrigen Leben und Verhältnissen dieser tiefsinnigen Geheimlehre würdig gewesen sind und in ihrer Bildung lange nicht so weit zurückstanden, als jene Schriftsteller glauben machen … Für die Astrologie liefert die Edda Beweise genug.“126 Diese Äußerung zum Lichtdienst und der Mondverehrung an den Externsteinen rekurriert ebenfalls auf die Aussage Hamelmanns zum heidnischen Ursprung der Felsenanlage; in Wilhelm Strack findet Bennigsen einen Befürworter, der die Theorie weiterträgt, und auch 1823 wird diese bei Schierenberg, schließlich bei Teudt und bis heute fortgeführt.127 Mundhenk zieht daraus die Rückschlüsse, dass eine sehr lebhafte Diskussion zu dieser Zeit stattgefunden haben muss, eine Feststellung, die auch die folgenden Kommentare betrifft.128 Christliche Deutungen Während die zuvor ausgeführten Theorien von einer Entstehung der Anlagen an den Externsteinen in vorchristlicher Zeit ausgehen, beschäftigen sich andere Nachrichten ausschließlich mit christlichen Deutungen, also entweder der Zeit nach 772 n. Chr. oder der durch die urkundlichen Überlieferungen festgelegten Jahresangaben (ab 1093). 123 Linde 2013, S. 475 f. Zur völkischen und nationalsozialistischen Rezeption der Externsteine sei verwiesen auf den eingangs erwähnten Sammelband zur Fachtagung „Die Externsteine – Ein Denkmal als Objekt wissenschaftlicher Forschung und Projektionsfläche völkischer Vorstellungen“, die vom 06.–07. März 2015 im Lippischen Landesmuseum in Detmold stattfand, siehe Eikermann et al. 2018. 124 Mundhenk 1980 b, S. 158–161. Der Eintrag fand sich in einem Gästebuch, das inzwischen verschollen ist. 125 Mundhenk ergänzt, dass die eddische fast gleichzeitig mit der ossianischen Dichtung Mitte des 18. Jahrhunderts in den Gesichtskreis der Deutschen trat. Auf die Generation von Gustav Otto von Bennigsen und Wilhelm Strack habe aber vermutlich erst die Prosaübersetzung der Brüder Grimm von 1815 eingewirkt, Mundhenk 1980 b, S. 160 f. 126 Gustav Otto [Freiherr] von Bennigsen in einem Brief an Wilhelm Strack 1825, zitiert bei Mundhenk 1980 b, S. 159. 127 Zu den archäoastronomischen Deutungsmöglichkeiten siehe Steinrücken 2018. 128 Mundhenk 1980 b, S. 160. 54 Der Blomberger Pfarrer Johann Piderit verfasste 1627 die lippische Chronik Chronicon Comitatus Lippiae, in der er sich in einigen Abschnitten mit den Externsteinen befasst. Er beschreibt sie als einen Ort, an dem „bey alten zeiten viel Zeichen und Wunder geschehen“ sind und der aus diesem Grund viele Menschen angezogen hätte. Der große Andrang hätte dann dazu geführt, dass „eine Capell und Gotteshauß / wie auch in der Höhe des andern steines eine andere Capelle ingleichen / mit einer hohen Brücken“ aus dem Stein gehauen worden wären.129 Wie durch Piderits Worte ersichtlich wird – denn schon im vorherigen Abschnitt schreibt er die Entstehung der Externsteine Gott zu – ist die ausgestaltete Felsenanlage der Externsteine für ihn christlichen Ursprungs, und die Ausgestaltung begründet sich in dem zunehmenden Pilgerstrom aufgrund der Wundertätigkeit vor Ort. Dadurch, dass er keine explizite zeitliche Angabe macht, kann nur vermutet werden, dass er sich auf die durch die Urkunden belegbare Zeit im 14. Jahrhundert bezieht, in der die Kapelle zum ersten Mal erwähnt wird.130 Ansonsten könnte seine Datierung, aufgrund seiner Annahme der göttlichen Erschaffenheit, sogar vor die Zeit Karls des Großen zurückreichen. Diese Aussage ist somit eine Theorie wie auch eine Bezugnahme auf die urkundlichen Quellen, wobei Mundhenk anmerkt, dass an den Aussagen von Johann Piderit schon zu Lebzeiten Kritik hinsichtlich der Zuverlässigkeit geübt wurde.131 Auf Piderits Aussage mit Bezugnahme auf die urkundliche Überlieferung finden sich zahlreiche weitere Nachrichten des 17. bis 19. Jahrhunderts mit Beschreibungen der Anlagen und der Baugeschichte sowie Erzählungen über die Externsteine als christlichem Wallfahrtsort.132 Eine im christlichen Kontext sehr bedeutende These, die an dieser Stelle ausgeführt werden soll, sieht die Externsteine als eine Nachbildung des Heiligen Grabes in Jerusalem.133 Der Ursprungsbau der Grabeskirche in Jerusalem wurde von Kaiser Konstantin dem Großen nach dem Konzil von Nicäa 325 n. Chr. in Auftrag gegeben. An diesem Ort soll der Legende nach die Heilige Helena, die Mutter des Kaisers, die Überreste des Kreuzes Jesu in einer Grotte und damit seinen Sterbeort gefunden haben. Der Kirchenbau war, wie Rekonstruktionen zeigen, zu damaliger Zeit so angelegt, dass er im Osten durch ein Atrium betreten wurde, an das die Basilika anschloss. An deren Westseite grenzte ein Innenhof, in dessen südlicher Ecke der Golgathafelsen lag. Dahinter, inmitten eines Rundbaus (Anastasis), befand bzw. befindet sich das Heilige Grab. Aufgrund der Zerstörung der Grabeskirche 1009 und die darin anschließenden Bauphasen im Laufe der folgenden Jahrhunderte herrscht heute nicht mehr der ursprüngliche Zustand.134 Der Rundbau über dem Grab konnte durch Restaurierungen 129 Mundhenk, S. 127. 130 Siehe Kapitel 2.3.1.2. 131 Mundhenk 1980 b, S. 127. 132 Mundhenk 1980 b, S. 128–154: Bernhard Frick (1645–1655), Johannes Kloppenburg, Nicolaus Schaten (1693), Anton Heinrich Küster (gest.1758), Johann Ludwig Knoch (1768), Wilhelm Gottlieb Levin Freiherr von Donop (1784 und 1790), Johann Ludwig Knoch (1781–1785), Christoph Meiners (1791), Wilhelm Strack (1801) sowie „X“ (=‘v. Bl.‘omberg?) (1805). 133 Der Begriff des „Heiligen Grabes“ ist an dieser Stelle von dem des „Heiligengrabes“ zu differenzieren. Bei ersterem handelt es sich um das Grab in Jerusalem, in das den Evangelienberichten nach der Leichnam Jesu gelegt und welches am dritten Tag leer aufgefunden wurde. „Heiligengräber“ dagegen sind Grablegen von Heiligen, so Krüger 2018, S. 144. 134 Krüger 2006, S. 501 f. Siehe auch die skizzierte Baubeschreibung bei Krüger 2018, S. 148–152. 55 in den 1970er Jahren gut in seiner originalen Struktur erfasst werden, das Heilige Grab selbst ist auch nach den erneuten Restaurierungen 2016/2017 nicht mit größerer Präzision rekonstruierbar, wie Jürgen Krüger erklärt.135 Die Rotunde mit dem Heiligen Grab und der Golgathafelsen sind jedoch im Gesamtbau der Grabeskirche die konstitutiven Baubestandteile geblieben (Abb. 34).136 Die seit dem 4. Jahrhundert in Jerusalem verehrte Kreuzesreliquie ist nach Krüger die wohl am meisten geschätzte Reliquie der Christenheit, die oftmals einen Kult des Heiligen Kreuzes oder Heiligen Grabes begründete. Damit verbunden waren die entsprechenden Bauten, welche die Pilger, zumeist Adelige und Kleriker, zu Hause nachbilden wollten.137 Diese Nachbildungen des Heiligen Grabes im Abendland konnten unterschiedliche Ausformungen haben. Es konnte sich um einen Nachbau der Jerusalemer Grabeskirche oder ausschließlich um einen der Grabrotunde handeln, um eine Kopie des Heiligen Grabes, um eine des Kalvarienberges oder um eine Wiedergabe der Kreuzwege.138 Die Beurteilung dieser Nachbildungen, die vor allem eine mitteleuropäische Erscheinung des Mittelalters sind,139 ist für Krüger von verschiedenen Faktoren abhängig, die den „Transformationsprozess vom Original zur Architekturkopie“ beeinflussen. Dazu gehören für ihn „die Kenntnis des Zustands des Ursprungsbaus, die Kopie in Europa und der dazugehörige Pilgerbericht“.140 Weiterhin sind sie 135 Krüger 2018, S. 149–152. 136 Krüger 2006, S. 505, vgl. Linde 2007, S. 39 f. 137 Krüger 2018, S. 152. 138 Krüger 2018, S. 152–166. 139 Krüger 2006, S. 507 ff. 140 Krüger 2018, S. 153. Abb. 34: Jerusalem, Grabeskirche, Grundriss der konstantinischen Grabeskirche bzw. des frühchristlichen Komplexes im 4. Jahrhundert. 56 „nach dem Gegenstand zu unterscheiden, zum andern nach ihrer Zeitstellung. Auch wandelt sich die Intention, warum die Heiligen Stätten in Europa nachgebildet werden. Immer ist das Interesse an einer konkreten Nachbildung festzustellen, also im idealen Fall einer praktisch wörtlichen Kopie im heutigen Sinn. Immer werden konkrete Zahlen genannt: die Pilgerfahrt ist die Grundlage; sie bietet Gelegenheit zum Maßnehmen, dann folgt zu Hause das Bauen. Das bedeutet aber auch, dass die aktuell gebaute Situation in Jerusalem ausschlaggebend war.“141 Wie kommt dieser Erkenntnisstand nun mit der Theorie zusammen, dass die Externsteine eine Heilig-Grab-Nachbildung darstellen sollen? Nach einer schriftlichen Mitteilung in der Vita des Bischofs Meinwerk von Paderborn soll dieser 1033 den Abt Wino von Helmarshausen nach Jerusalem geschickt haben, „um die Grabeskirche und das Heilige Grab auszumessen, für die Erstellung einer Heilig-Grab-Kopie in der Heimat“.142 Alois Fuchs bezog diese Aussage 1934 auf die Externsteine, begründet und vermeintlich belegt durch den dortigen Besitz des Bistums laut der Urkunde von 1093.143 Für seine Theorie gibt es nach Krüger jedoch keinerlei Belege, wie er dezidiert anhand der einzelnen Bestandsteile der Felsenanlage an den Externsteinen nachweist.144 Krüger zieht einzig die christliche Nutzung der Externsteine als mittelalterliche Felsenkirche oder Felseneremitage in Erwägung.145 Ansätze aus der Heilig-Grab-Theorie übernehmend, bringt Roland Pieper aktuell „mediale Aspekte zum Ensemble der Externsteine“ auf und hält eine „Inszenierung zwischen Karfreitag und Ostern“ für möglich. Kreuzabnahmerelief, Arkosolgrab, Kuppelgrotte und Höhenkammer könnten in diesem Fall als sakrale Architektur Teil einer Osterliturgie gewesen sein, in denen die Passion Christi performativ dargestellt wurde.146 Vom 16. bis in die heutige Zeit laufen demnach vorchristliche und christliche Deutungen zu Ursprung und Gestaltung der Felsenanlage nebeneinander her, wobei vielfach die Umwandlung von einem heidnischen zu einem christlichen Kultort an den Externsteinen thematisiert wird. Wie die urkundliche Überlieferung es bereits zeigte, ist die christliche Nutzung – wenn auch in den einzelnen Aspekten und der chronologischen Reihenfolge umstritten – doch unumstritten. Ob es zuvor eine heidnische Aktivität an diesem Ort gab, ist unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen.147 141 Krüger 2018, S. 153. 142 Krüger 2018, S. 166. 143 Krüger 2018, S. 167. Siehe auch Alois Fuchs (1934): Im Streit um die Externsteine. Ihre Bedeutung als christliche Kultstätte, Paderborn: Verlag der Bonifacius-Druckerei. Vor Alois Fuchs äußerte Johann Ludwig Knoch erstmalig 1768 den Gedanken an ein Grabmal Christi an den Externsteinen, siehe Mundhenk 1980 b, S. 142. 144 Krüger 2018, S. 167, 171 f., 177. Es sei erwähnt, dass Krüger 2006 noch eine andere Meinung vertrat und in Betracht zog, dass die Externsteine eine romanische Verbildlichung der Evangelienberichte darstellen könnten, siehe Krüger 2006, S. 507 ff. 145 Krüger 2018, S. 172–177. 146 Pieper 2018, S. 97–138. 147 Es fehlen sämtliche Hinweise auf eine vorchristliche Nutzung. Selbst die frühesten Thesen in diese Richtungen können bisher keine Nachweise liefern. Zur christlichen Nutzung hingegen gibt es heute sichtbare Zeichen. 57 Exkurs: Die völkische und nationalsozialistische Instrumentalisierung der Externsteine (ca. 1890‒1945) Die Erwähnungen und Beschreibungen über die Externsteine von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu dem Beginn des 19. Jahrhunderts, in denen die Felsenanlage als eine ursprünglich germanische Kultstätte angesehen wurde, sowie die Ansichten, der Teutoburger Wald sei der Ort der Varusschlacht gewesen – verstärkt durch den Bau des Hermannsdenkmal 1838 bis 1875 – führten dazu, dass die Externsteine am Ende des 19. Jahrhunderts von Anhängern der völkischen Weltanschauung Beachtung fanden. Die völkische Weltanschauung war eine Bewegung, die im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in der Nachfolge der antisemitischen Strömung entstand und das „Ergebnis der Radikalisierung des deutschen (und vor allem auch des deutsch-österreichischen) Nationalismus an der Wende zum 20. Jahrhundert“ war, so Uwe Puschner. Sie ist neben vielen weiteren, ein Produkt der Umbruchsstimmung, die aus der industriellen und gesellschaftlichen Entwicklung resultiert, in der düstere Gegenwarts- und Zukunftsdeutungen neben dem Fortschrittsoptimismus stehen.148 Die völkische Weltanschauung fußte auf der Ansicht, das deutsche Volk sei von einer Apokalypse bedroht und die deutsch-arische Menschheit und der drohende Rassenverfall seien nur zu retten, wenn eine radikale Erneuerungsbewegung einsetze.149 Dieses Ziel wurde versucht durch verschiedene Teilbewegungen, Organisationen und Verbände zu erreichen.150 „Neben vor allem den lebensreformerisch, rassenhygienisch und religiös orientierten Gesinnungsgemeinschaften waren es vornehmlich die überwiegend den Erziehungsidealen des 19. Jahrhundert anhängenden Protagonisten der völkischen Kulturbewegung, die wirkungsvoll Einfluss auf die Gesamtbewegung wie auch auf die deutsche Gesellschaft auszuüben vermochten, indem sie auf eine ‚Neuschaffung wahrhafter artgemäßer deutscher Kultur abzielt[en]‘. Eine Schlüsselstellung hatten die vielen völkischen Akteure in der Heimat- und Heimatkunstbewegung inne.“151 Die Aufmerksamkeit, die die völkischen Denker nun den Externsteinen schenkten, orientierte sich maßgeblich an den Beiträgen von Gotthilf August Benjamin Schierenberg (1808–1894) (vgl. Kapitel 2.3.3 / Vorchristliche Deutungen), der seit den 1870er Jahren – in Anlehnung an Bennigsen und Strack – „maßgeblich die germanophilen und religiösen völkischen Narrative über die pittoreske Felsenformation prägte“.152 Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Auffassung von den Externsteinen als vorchristliche, germanische Kultstätte jedoch die bestimmende Deutung und erfuhr intensive Aufmerksamkeit. Sie gipfelte in der nationalsozialistischen Instrumentalisierung des Ortes. 148 Puschner 2018, S. 294 f. 149 Puschner 2018, S. 296. 150 Puschner 2018, S. 301. 151 Puschner 2018, S. 301 f. 152 Puschner 2018, S. 303. Schierenberg, zeitweiliger Bürgermeister der Stadt Horn, ließ 1881 eine erste Ausgrabung an den Externsteinen durchführen, mit dem Ziel das Schlachtgelände der Auseinandersetzungen zwischen den Germanen und den Römern zu finden. Er wollte damit die Aufmerksamkeit auf die germanischen Gottheiten und deren vorchristlichen, sakralen Kult an den Externsteinen lenken, Halle 2002, S. 96 f. 58 Den größten Einfluss auf diese Entwicklung hatte Wilhelm Teudt. Durch sein systematisches Wirken, wie Uta Halle es bezeichnet, wird der Grundstein für die archäologischen Untersuchungen der Nationalsozialisten gelegt und alle weiteren Schritte in diese Richtung zielstrebig in Gang gesetzt.153 Teudt wurde nach seiner langjährigen Tätigkeit als Pfarrer Geschäftsführer des 1907 gegründeten „Keplerbundes zur Förderung der Naturerkenntnis“. Dieses Amt hatte er bis 1925 inne und war federführend daran beteiligt, dass die Leitung des Keplerbundes nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Zentrale vom besetzten Rheinland 1920 nach Detmold verlegte. Sein Interesse für Detmold war in seiner Zeit als Militärdienstleistender geweckt worden und nun konnte er dieses mit seiner Gesinnung in Einklang bringen.154 Julia Schafmeister bemerkt, dass mit dem Ortswechsel für Wilhelm Teudt auch eine Interessensverschiebung einhergeht und er sich nun stärker auf die Germanenkunde und eine radikale politische Aktivität konzentriert.155 Sein besonderes Interesse galt dabei den Externsteinen. Nach Ansicht von Teudt handelte es sich bei den Externsteinen um ein vorchristliches Observatorium, ein Gestirnsheiligtum, als Zentrum einer germanischen Hochkultur mit weiteren Kultstätten in lippischen Ortschaften.156 Seine Thesen veröffentlichte er in zwei Aufsätzen in der Zeitschrift „Mannus“ (1926 und 1927) sowie als Monographie unter dem Titel „Germanische Heiligtümer. Beiträge zur Aufdeckung der Vorgeschichte, ausgehend von den Externsteinen, den Lippequellen und der Teutoburg“ (1929).157 Gleichzeitig wollte er seine Ansichten über die Gründung der „Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte“ (1928) für eine größere Zielgruppe publik machen. Nach Linde war das öffentliche Echo auf seine Publikationen immerhin so groß – bis 1936 erschien seine Monographie in vier Auflagen, noch 2013 gab es eine Neuauflage158 –, dass die Bodendenkmalpflege in Lippe 1932 August Stieren, dem Leiter der vor- und frühgeschichtlichen Abteilung des Landesmuseums in Münster, den Auftrag für eine archäologische Untersuchung an den Externsteinen erteilte.159 Die Untersuchung brachte für Teudt nicht die erhofften Ergebnisse. Unzufrieden mit diesem Ausgang gelang es ihm Einfluss auf die nationalsozialistische Landesregierung in Detmold zu nehmen und seine Pläne weiter zu verfolgen. Er war zum überzeugten Nationalsozialist geworden und sah die Machtübernahme der NSDAP als Erfüllung seiner langgehegten Hoffnungen.160 „Sowohl auf Grund seines langjährigen Kampfes für das rechte politische Lager Lippes als auch wegen der inhaltlichen Übereinstimmungen seiner germanenkundlichen Thesen mit der völkisch-nationalsozialistischen Ideologie erwartete er Anerkennung und einen steilen Aufstieg seiner wissenschaftlichen Karriere im ‚Dritten Reich‘ – Hoffnungen, die durchaus erfüllt wurden: Anlässlich seines 75. Geburtstages im Jahr 1935 wurde sein 153 Halle 2002, S. 70. 154 Schafmeister 2018, S. 316. 155 Ebd. 156 Schafmeister 2018, S. 324. 157 Schafmeister 2018, S. 316 f. und Linde 2007, S. 34. 158 Schafmeister 2018, S. 317, siehe auch S. 317, Anm. 4. 159 Linde 2007, S. 35 f. Zur Grabung siehe Halle 2002, S. 120–124. 160 Schafmeister 2018, S. 318. 59 Einsatz mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Detmold belohnt, im April 1936 ernannte Adolf Hitler ihn zum Professor und im Oktober desselben Jahres schließlich übernahm er – immerhin 76-jährig – die Leitung der in Heinrich Himmlers Wissenschaftsorganisation ‚SS-Ahnenerbe‘ eingeordneten Detmolder ‚Pflegstätte für Germanenkunde‘.“161 Teudt konnte die nationalsozialistischen Machthaber, allen voran Heinrich Himmler, von seiner Theorie einer einstigen germanischen Hochkultur an den Externsteinen überzeugen und ebenso von der Idee, die Externsteine in ihren „germanischen Zustand“ zurückzuversetzen.162 Zur Verwirklichung seiner Umgestaltungspläne waren zunächst Ausgrabungen angedacht, die 1934 und 1935 durchgeführt wurden. Die Grabungen wurden unter der Prämisse Teudts angeordnet, dort Nachweise eines germanischen Kultortes zu finden. Als Grabungsleiter war der Münsteraner Archäologe und Geologieprofessor Julius Andree ausgewählt worden.163 Die Entwicklung in den Befunddeutungen Andrees beschreibt Uta Halle wie folgt: „Andree entwickelte damit eine deutlich wahrnehmbare Affinität zu den NS-Kultvorstellungen und -inszenierungen und übertrug dabei den aktuellen Gegenwartsbezug auf die Grabungsbefunde. Vergleicht man die hier vorgestellten Interpretationen der Ergebnisse beider Grabungskampagnen 1934 und 1935, so kann unzweifelhaft eine Veränderung der Interpretationen beschrieben werden. Hatte sich Andree für die Deutung der Befunde der Grabungskampagne 1934 vollkommen von den schon seit Mitte der 1920er-Jahre von Wilhelm Teudt propagierten Vorstellungen eines durch Karl den Großen zerstörten germanischen Heiligtums leiten lassen, so ist eine Veränderung der Interpretation hin zu nationalsozialistischen Propagandainszenierungen für die Befunde der zweiten Grabungskampagne zu beobachten.“164 Die Befunde der Ausgrabungen wurden von Andree somit zunächst im Sinne Teudts als germanische Kultgegenstände gedeutet bzw. bewusst verfälscht. Dazu gehörten ein germanischer Steintisch, ein Kultschacht sowie das vermeintliche Standloch der Irminsul auf Felsen 2.165 1935 wurde Teudt aus dem Vorstand der Externsteine-Stiftung166 und 1938 aus dem Ahnenerbe entlassen. Möglicherweise hatte dieses Vorgehen Einfluss auf die Interpretationsverschiebung bei Andree „hin zu nationalsozialistischen Propagandainszenierungen“. Diese NS-Inszenierungen begannen im Sommer 1935 mit einer Feier zur Sommersonnenwende und wurden bis 1939 regelmäßig zu den Sonnenwenden veranstaltet (Abb. 35). Weiterhin traf sich dort der Arbeitsdienst mit Mitgliedern der Hitlerjugend, des Jungvolks und des Bunds Deutscher Mädel.167 161 Schafmeister 2018, S. 318 f. 162 Halle 2018, S. 340–343. 163 Halle 2018, S. 343. 164 Halle 2018, S. 351. 165 Linde 2007, S. 36 und Halle 2018, S. 343–350. 166 Zu dem Wirken der Externsteine-Stiftung in der Zeit des Nationalsozialismus an den Externsteinen siehe Linde 2018 b. 167 Halle, S. 293 f. 60 Abb. 36: Eingangstor zu den Externsteinen als Propagandastätte, fotografiert von einem Mitarbeiter des „Bauernhofbüros“ in Münster, Eith, unter der Leitung von Prof. Gustav Wolf, Mai 1939. Abb. 35: Ernst Rötteken, Sonnenwendfeier an den Externsteinen bei Horn, Auftragsarbeit für Heinrich Himmler, 1938, Reproduktion eines Gemäldes, Original verloren. 61 Die Idee der „germanischen“ Umgestaltung nach Teudt wurde an den Externsteinen trotzdessen fortgesetzt: Die Reichsstraße 1 und die damit verbundene Straßenbahntrasse wurden verlegt, der Teich abgelassen und die touristischen Gebäude abgerissen. Vor den Felsen wurden die germanischen Bestandteile des Heiligtums inszeniert und die Wege an den Felsen mit Holzzäunen eingefasst. Die Besucher*innen wurden über einen mit Flechtwerk eingefassten Weg und durch ein Eingangstor mit der Aufschrift „Haltet Ruhe am Heiligtum der Ahnen“ auf dem Gelände empfangen und in einer Broschüre über den germanischen Kultort an den Externsteinen informiert (Abb. 36).168 Dieser Zustand wurde bis 1945 beibehalten und erst nach Kriegsende allmählich verändert, bis es schließlich zum heutigen Landschaftsbild kam. 168 Halle 2018, S. 355.

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Zusammenfassung

Regionale Kulturerbestätten bedürfen einer Vermittlung, welche die Identifikation der Menschen, die Wahrnehmung und kulturelle Teilhabe sowie das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein stärkt und fördert. Kulturerbebildung soll als Teil einer umfassenden Bildung verstanden werden. Dazu müssen die kulturellen Wertigkeiten, die sich durch in der Vergangenheit zugeschriebene Bedeutungen und Praktiken entwickelt haben, reflektiert, hinterfragt und weiterentwickelt werden.

Die Externsteine, eine Sandsteinformation im Teutoburger Wald bei Horn Bad-Meinberg, stellen im Sinne der kulturwissenschaftlichen Forschung eine solche regionale Kulturerbestätte dar. An diesem Ort, der seit dem 16. Jahrhundert das öffentliche Interesse weckt, verdichten sich Wertvorstellungen, Traditionen, Geschichten(n) und Identitäten zu einer komplexen und kontroversen Rezeptionsgeschichte. Die Initiierung von zukunftsweisenden Vermittlungsprojekten mit unmittelbarem Bezug zur Geschichte soll dazu beitragen, alte Sichtweisen aufzubrechen und neue Betrachtungsweisen über die Kunstdidaktik zu schaffen.

Larissa Eikermann entwickelt dazu in dieser Arbeit drei kunstdidaktische Konzepte – Lost Places, Mail Art und A bis Z –, die einen exemplarischen Beitrag im Sinne der Übertragbarkeit auf andere Kulturerbestätten zur kulturellen Bildung darstellen sollen. Die traditionellen Konzepte aus der Kunstvermittlung, qualitativ erprobt in der universitären Lehramtsausbildung, bieten das entsprechende Potential, indem unmittelbare ästhetische Erfahrungen gewonnen werden können, die kognitive, materielle und reflexive Prozesse aktivieren. Damit kompensieren sie zudem durch die digitale Vermittlung regressive Fähigkeiten.

Diese Studie möchte einen methodischen Rahmen für die Initiierung von Vermittlungsprojekten an den Externsteinen bieten und damit dem Desiderat an Lehr- und Bildungsmaterialien für diese Stätte entgegenwirken.