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7 Schlussbetrachtung in:

Larissa Eikermann

Die Externsteine in der Kunstvermittlung, page 207 - 212

Eine Studie zur regionalen Kulturerbebildung

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4261-8, ISBN online: 978-3-8288-7274-5, https://doi.org/10.5771/9783828872745-207

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 20

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
207 7 Schlussbetrachtung In der UNESCO-Welterbekonvention von 1972 und durch die Hildesheimer Konvention von 2006 wird Weltkulturerbestätten ein eigener Bildungsauftrag zugeschrieben, den es durch vielfältige Initiativen umzusetzen gilt. Für regional bedeutsame Kulturerbestätten existiert solch ein übergreifender Bildungsauftrag nicht. Dort liegt es in den Händen der Bundesländer, die die Denkmalschutzgesetze konstituieren, und in denen der Kreise und Kommunen, diese Orte mit Bildungs- und Vermittlungsarbeit zu beleben. Kulturpolitische Interessen divergieren jedoch oftmals von denen der Kulturwissenschaften. Während für die Kulturpolitik vor allem das Schutzmotiv (Denkmal- oder Naturschutz) sowie die touristische Funktion von Bedeutung sind, haben die Kulturwissenschaften die Generierung von neuen Wertigkeiten mit Blick auf die wissenschaftliche und affektive Rezeption und Vermittlung im Blick. Die Frage ist nur, was unter diesen neuen kulturellen Wertigkeiten im Kontext der Externsteine zu verstehen ist und wie diese generiert werden können. Kulturelle Wertigkeiten ergeben sich durch die in der Vergangenheit konstruierten Bedeutungszuschreibungen und Praktiken. Bei der Generierung von neuen Wertigkeiten muss es also darum gehen, diese Zuschreibungen und Praktiken zu hinterfragen, weiter zu entwickeln oder neu zu denken. Mittels der drei hier ausgewählten kunstdidaktischen Konzepte möchte diese Studie einen Prozess zur Generierung von solchen neuen Wertigkeiten einleiten, dazu vergangene Konstruktionen hinterfragen und eine Perspektiverweiterung erreichen. Die Kunstvermittlung bietet sich für diese Aufgabe primär an, da über diesen Weg ästhetische Erfahrungen gemacht werden können, die nachweislich in der direkten Auseinandersetzung mit der Lebenswelt stattfinden und dabei kognitive Denkprozesse und materielle Erfahrungen wie auch reflexive Erkenntnisse aktivieren. Ausgangspunkt dafür ist das Fehlen von außerschulischen Lehr- und Bildungsmaterialien, die vor Ort wie auch an Bildungsinstitutionen genutzt werden können. Weiterhin ist anhand der Publikationen eine einseitige Ausrichtung der inhaltlichen Vermittlung ersichtlich, die hier ebenfalls kritisch aufgegriffen wird. Die Projektarbeit setzt als Methodik an diesem Punkt an und erstellt aufgrund seiner Merkmale in dieser Studie einen Rahmen für die weitere Bildungsarbeit mit den Konzepten. Lost Places sind Orte, deren kulturelle Wertigkeiten nicht mehr unmittelbar sichtbar sind und nur durch eine gegenwärtige und zukunftsorientierte Vermittlung erhalten bleiben können. Die Wahrnehmung dieser Orte als vergangene Lebensräume und als historische Quellen, aus denen zukünftige Potentiale für die Bildung gewonnen werden können, muss daher gefördert werden. Denn die Denkmalpflege beschäftigt sich nur mit dem Erhalt von kulturellen Orten, wenn noch bauliche Substanz vorhanden ist. Der Spatial Turn führte in den 1960er und 80er Jahren zu einem neuen Raumverständnis, bei dem sich die Wahrnehmung von Räumen und Orten in Verbindung mit dem Faktor Zeit ver- änderte und auf soziale und kulturelle Beziehungen ausweitete. Reale Räume begannen neben fiktiven Räumen zu existieren; eine Verortung von Räumen und Orten wurde schwieriger. Dieses 208 Phänomen hat sich jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts enorm verstärkt. Heranwachsende leben – durch die in allen Lebensbereichen Einfluss nehmende Medialisierung – neben ihren Lebenswirklichkeiten im realen Raum zunehmend in einem fiktiven Raum- und Zeitgefüge. Social Media-Angebote bieten virtuelle Räume zur Kommunikation und Streaming-Dienste machen unabhängig von festen Zeiten, zu denen Fernsehsendungen geschaut werden können: Der Tatort am Sonntag um 20.15 Uhr kann nun zu jeder beliebigen Zeit an jedem beliebigen Ort angesehen werden. Diese Loslösung von festen Raum- und Zeitstrukturen führt zu einem Verlust von Orientierung und Wahrnehmung. Die Imagination von verlorenen Orten durch kunstdidaktische Zugänge soll dem entgegenwirken und einen Beitrag dazu leisten, eine Verortung von Räumen und Zeiten wieder möglich und greifbar zu machen. Das Kloster Hethis ist genau aus diesem Grund ein aufschlussreicher verlorener Ort an den Externsteinen, handelt es sich doch um einen „fiktiven“ Lost Place, dessen Lokalisierung wissenschaftlich bisher nicht festgeschrieben werden konnte. Zudem existieren nur ungesicherte Schriftquellen, aber keine bildlichen Zeugnisse. Bei der künstlerischen Imagination dieses Ortes ist demnach besonders die Phantasie gefragt. Dadurch, dass weiterhin keine Einschränkungen hinsichtlich des Materials festgelegt wurden, kann dieses Thema individuell forschend und experimentell bearbeitet werden und es bietet die Möglichkeit, neue Materialerfahrungen zu machen. Gleichzeitig leitet es zu einer kritischen und reflektierten Sichtweise auf historische Phänomene hin. Die beispielhaften Zeichnungen zeigen in diesem Fall eine Imagination dieses Themas, jedoch keine Annäherung an den konkreten Ort. Des Weiteren wurde die Literatur unreflektiert in die künstlerische Auseinandersetzung übernommen. Das wäre somit ein entscheidender Punkt, der bei zukünftigen Auseinandersetzungen beachtet werden müsste. Die Festungsanlage des Grafen Hermann Adolph zur Lippe wiederum ist durch den Kupferstich von Elias van Lennep eindeutig dokumentiert. Als künstlerischer Zugang wurde daher mit der Über- oder Ausmalung eine darauf aufbauende Methode gewählt, die bei der Imagination dieses Ortes vor allem den landschaftlichen Raum, also die Umwelt des Lost Place, in den Blickpunkt nimmt. Die künstlerische Vermittlung mittels der Über- und Ausmalung – auch die Collage wäre hier noch eine passende künstlerische Technik – soll dazu führen, trotz dieses Stereotyps, der durch den Kupferstich von der Festungsanlage existiert, eine neue visuelle Vermittlung zu initiieren und das Bild dafür als Kommunikationsmedium wahrzunehmen. Über die künstlerische Bearbeitung dieses Bildes können sich neue Sehweisen und Anknüpfungen ergeben, die neue kulturelle Zuweisungen offerieren. Die Durchquerung der Externsteine mit der Straßenbahn ist in der Rezeptionsgeschichte eine vielbeachtete Begebenheit und wurde durch zahlreiche Fotografien und Postkarten bildlich festgehalten. Dieser Lost Place unterscheidet sich von den beiden anderen verlorenen Orten dahingehend, dass dessen Verlust noch keine hundert Jahre zurückliegt. In heute noch lebenden Generationen ist das Wissen um dieses Ereignis somit noch verankert und damit ein identitätsstiftender Faktor in Beziehung zu den Externsteinen. Die Vermittlung über Modelle, wie 209 es Regina Reimer konstruiert hat, kann die noch lebendigen Erinnerungen dreidimensional transportieren und explizit subjektive Erfahrungen festhalten. Die größere ästhetische Präsenz steht damit sinnbildlich für die aktive Präsenz der Erinnerungen und die Identität der Menschen mit diesem Ort. Für die Vermittlung von Lost Places gibt es bisher keine komplexe Didaktik, sondern oftmals nur populäre Belebungen dieses Themas durch Fotoführungen, Geocaching u. ä. – sofern diese Orte noch fragmentarisch erhalten sind. Bei nicht mehr existenten Orten ist diese Vermittlung unbesehen schwieriger. Ein Beispiel dafür bieten die prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen. Dieses serielle UNESCO-Weltkulturerbe besteht aus 111 Pfahlbaufundstätten der Steinzeit und der Metallzeiten, die allesamt unter der Wasseroberfläche oder Moorbedeckungen liegen und sich damit nicht unmittelbar erschließen. Damit entziehen sie sich zum einen einer konventionellen touristischen Nutzung und stellen zum anderen für die Vermittlung eine Herausforderung dar, wie das zuständige Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg konstituiert. Mittels musealer Erschließung, Rekonstruktionen, digitaler und interaktiver Medien und vielfältiger Aktivitäten wird dort versucht, ein Zugang zu diesem Kulturerbe herzustellen.765 Die Imagination ist bei der Vermittlung der Lost Places somit der entscheidende Faktor. Diese kann allerdings nur dann erfolgen, wenn die Zielgruppe einen subjektiven Zugang zu dem Ort bekommt. Die Kunstvermittlung kann durch Projekte dazu hinleiten, indem diese Orte individuell forschend und entdeckend erschlossen werden. Dazu sind in diesem Fall die Materialerfahrungen inhärent wie auch die Erfahrungen an und mit der Landschaft. Die Materialien können sich in dieser Auseinandersetzung widerspiegeln, indem vornehmlich natürliche Materialien gewählt werden. Die Nachhaltigkeit von Materialien ist auch für die Vermittlung der Mail Art ein wichtiger Faktor. Oftmals griffen die Mail Artisten auf alltägliche Gegenstände für ihre Kunstwerke zurück. In der Vermittlung sollte diese historische Nutzung von Materialien berücksichtigt und mit Blick auf den heutigen Gebrauch von Konsumgütern thematisiert werden. Die Wegwerfgesellschaften, wie sie heute vor allem in den westlichen Industrieländern existieren, könnten hier ebenso kritisch betrachtet werden wie der Tourismus. Zu starker Tourismus kann zu Verschmutzungen, einer Überlastung oder Übernutzung führen und damit Kulturerbestätten gefährden. Durch eine nachhaltig orientierte Vermittlung kann darauf kritisch aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig ist der Tourismus aber auch wichtig für eine Belebung der Stätten, wie die Umgestaltungsmaßnahmen von Fürstin Pauline gezeigt haben.766 Dieser positive Faktor wird oftmals auf den Postkarten der Studierenden thematisiert. Postkarten 765 https://www.unesco-pfahlbauten.org/fileadmin/media/pfahlbauten/Presseartikel/UNESCO-Welterbe_Praehistorische_Pfahlbauten_um_die_Alpen.pdf (Letzter Zugriff: 23.05.2019). 766 An dieser Stelle muss kritisch darauf hingewiesen werden, dass der Tourismusbegriff, der zur Zeit der Fürstin Pauline zur Lippe existierte, nicht mit dem heutigen Verständnis des Tourismus gleichzusetzen ist. Eine weitergehende Differenzierung kann in diesem Rahmen jedoch nicht erfolgen. Wichtig ist, dass Fürstin Pauline zur Lippe die touristische Belebung der Externsteine einleitete und dadurch an der heutigen touristischen Erschließung mitgewirkt hat. 210 können die Erinnerungen der Besucher*innen festhalten und bei einem heutigen Einsatz in der Vermittlung zum Erhalt der Kulturtechniken des Lesens und Schreibens beitragen. Durch die Erstellung eigener Postkarten kann außerdem zur Entwicklung eines individuellen Blicks auf die Landschaft – fern von kanonisierten Postkartenbildern oder Handyfotografien – hingeführt werden. Das Projektkonzept der Mail Art bietet somit die Möglichkeit, künstlerisch kommunikativ zu arbeiten, dabei gesellschaftskritische Themen in den Blick zu nehmen und wesentliche Kulturtechniken zu stärken. Außerdem durchbricht die Produktion von individuellen Postkarten den festgelegten Bilderkanon von touristischen Postkarten. Bilderbücher sind die ersten Bücher, zu denen Kinder eine Beziehung aufbauen, so sagt es Jens Thiele. Diese Beziehung gilt es zu stärken und zu erhalten. Die Kinder-Medien-Studie 2017 hat gezeigt, dass Heranwachsende zwischen vier und 13 Jahren immer noch gerne von Papier lesen.767 Dabei handelt es sich allerdings oft um Printmedien und keine Bücher im klassischen Sinne. Klassische Bücher bieten aber durch ihre Haptik eine Vielfalt an Möglichkeiten für die Vermittlung, die wiederum bei der eigenen Produktion berücksichtigt werden können. Sachbilderbücher sind in diesem Kontext der Typ von Bilderbuch, bei dem die Wissensvermittlung im Vordergrund steht und der daher für eine kulturwissenschaftlich orientierte Didaktik am besten geeignet ist. Als Projektkonzept in der Kulturerbevermittlung angelegt, soll daher dazu plädiert werden, Sachbilderbücher als didaktisches Mittel in der Kunstvermittlung verstärkt einzusetzen. Bisher finden diese in der Kunstvermittlung kaum Verwendung, dabei könnten sie als ganzheitliche, handlungs- wie produktorientierte Lernform in der Bildung genutzt werden. Sie müssen dafür als „autonome ästhetische Produkte“ anerkannt werden, die offen, experimentell und fragmentarisch sein können.768 Das heißt, dass Bilderbücher keinem exakten Typus entsprechen müssen und für einen breiteren Adressatenkreis mit Blick auf die aktuellen medialen und gesellschaftlichen Entwicklungen erschlossen werden können. Keine Generation, so stellt Grünewald schon 1991 fest, ist mit so einer steten Medienpräsenz aufgewachsen wie diese. Diese Präsenz ist seitdem noch deutlich angestiegen und bringt mit sich, dass „der Anteil der Medien für die Prägung unserer Erfahrung verglichen mit Primärerfahrungen sehr hoch ist“.769 Dadurch „besteht gerade für Kinder, deren Persönlichkeit, deren Einstellungen und Werte sich in Entwicklung befinden, die Gefahr einseitiger Ausrichtung, die Orientierung an Klischees, Stereotypen und Mustern.“770 Dementsprechend wichtig ist es, dass Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene, für den Umgang mit Bildern sensibilisiert werden und lernen, diese richtig zu lesen. Denn oftmals wiegt in der Bildung, besonders im Schulunterricht, die „Kulturtechnik Lesen“ schwerer als die des Bilderlesens.771 Dabei kann das Bilderbuch, wenn es als eigenständiges Vermittlungsmedium wahrgenommen wird, eine 767 www.kinder-medien-studie.de/?page_id=246 (Letzter Zugriff: 03.06.2019). 768 Thiele 1991, S. 10 ff. 769 Grünewald 1991, S. 39. 770 Ebd. 771 Thiele 2003, S. 178. 211 „beispielgebende Einübung in das verstehende (Bild-)Lesen“ darstellen.772 Die Dominanz des Bildes ist in diesem ebenso vertreten wie in anderen Formen der Massenmedien, mit dem Unterschied und großen Vorteil, dass es ein „individuelles Medium“ ist, das alleine oder mit einer Gruppe gelesen werden kann und bei dem die Rezeptionszeit selbst bestimmt werden kann.773 Dies ist ein ganz entscheidender Faktor gegenüber anderen Medienformen. Ein Bilderbuch lädt zum Verweilen, zum Vor- und Zurückblättern, zum spontanen Noch-Einmal-Lesen, zum Entdecken ein – und das in aller Ruhe. Bei der Produktion eines solchen Bilderbuchs treffen diese Faktoren ebenfalls zu. Hier geht der Rückgriff allerdings mehr auf die Primärerfahrungen, die laut Grünewald inzwischen weniger vorhanden sind. Experimentell können dabei verschiedene Darstellungs- und Erzählmöglichkeiten erprobt werden, die dem eigenen Interesse entsprechen oder der Zielgruppe entsprechend ausgerichtet sind.774 Es kann somit auch in der Vermittlung der Entschleunigung in visuell überreizten Zeiten dienen. Die in dieser Studie konzipierten kunstdidaktischen Vermittlungszugänge über die Lost Places, die Mail Art und das Konzept von A bis Z, die sich in Thema, Kontextualisierung und Vermittlung gliedern, sind offene Lernformen, die frei interpretiert werden können und damit auf jede Kulturerbestätte übertragbar sind. Sie sollen ein allgemeines Bildungsangebot für diese Stätten darstellen, exemplarisch verdeutlicht anhand der Externsteine. Neben der Vermittlung eines Grundlagenwissens geht es auch um die Kontextualisierung von Orten und Räumlichkeiten und deren Potentiale als ästhetische Bildungsstätten. Diese hier gewählte offene Form der Kunstvermittlung im Rahmen von Projekten kann möglicherweise eben dadurch Schwierigkeiten bei der Annäherung bieten. Trotzdem ist es wichtig, diesen Ansatz zu verfolgen, da nur darüber eine interessenorientierte Bildung für breite Zielgruppen erfolgen und die statische Sichtweise auf Kulturerbestätten aufgebrochen werden kann. Wichtig ist es flexibel auf kulturelle Veränderungen zu reagieren und diese zeitgemäß umzusetzen. Dahingehend ist eine Entwicklung von weiteren künstlerischen Vermittlungsstrategien möglich. Genannt werden können an dieser Stelle ausblickend die Museumskoffer und das Mapping, ebenso die Vermittlung über ästhetische Biografien, die weitere handlungs- und bildungstheoretische Felder für die Erforschung und Reflexion von Kulturerbestätten bieten. Die ästhetischen Biografien befassen sich mit der Rekonstruktion von Biografien bekannter wie auch weniger bekannter Persönlichkeiten, deren Leben mit dem jeweiligen Kulturerbe verbunden war. Das Biografieren wird dabei als mediales wie auch ästhetisches Transformationsverfahren verstanden, so Johanna Tewes in Anlehnung an Karl-Josef Pazzini, da das autobiografische Material oftmals lückenhaft oder widersprüchlich ist.775 Es geht bei der ästhetischen Biografiearbeit somit darum, Fiktion und Wirklichkeit miteinander zu verbinden und Biografien durch eigene Inszenierungen, Imaginationen, Übertreibungen, Setzungen und Selektionen zu (re-)konstruieren und damit wieder erlebbar zu machen.776 Johanna Tewes 772 Grünewald 1991, S. 40. 773 Ebd. 774 Grünewald 1991, S. 40. 775 Tewes 2011, S. 17. Zur ästhetischen Biografie siehe auch Kämpf-Jansen 2012, S. 169–205. 776 Tewes 2011, S. 17 f. 212 weist hinsichtlich der Arbeit mit Biografien darauf hin, dass in der Menschheitsgeschichte oftmals bewusst wie unbewusst mit archetypischen Grundmustern gearbeitet wird, die eine Identifikations- oder Ablehnungshaltung evozieren.777 An den Externsteinen könnten über das ästhetische Biografieren vergessene Biografien für die Vermittlung aufgearbeitet werden, „in ihrem formbaren ästhetischen Gestaltungspotenzial begriffen, kritisch reflektiert und zu neuer Vielfalt transformiert werden, um über biografische Fakten erzeugte erinnerungskulturelle Setzungen und Inszenierungspraxen, beispielsweise hinsichtlich Geschlecht, als solche aufzudecken, zu hinterfragen und aufzubrechen“.778 Wie die Konzepte zeigen, ist das Potential der Externsteine für neue, innovative und gleichzeitig traditionell verhaftete Bildungszugänge noch lange nicht ausgeschöpft und eine Generierung von zeitgemäßen kulturellen Wertigkeiten in modernen medialen Zeiten notwendig. Die künstlerische Imagination durch verschiedene Medien und vielfältige Materialien mit unterschiedlichen didaktischen Zielen eröffnet einen Dialog, der eine Perspektiverweiterung initiiert und vergangene Konstruktionen aufbricht und neu belebt. „Erinnern und Aufbruch“ ist eines der Leitthemen des europäischen Kulturerbejahres 2018 und unter diesem Blickwinkel kann auch diese Studie gesehen werden. 777 Tewes 2011, S. 19 f. 778 Tewes 2011, S. 24.

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References

Zusammenfassung

Regionale Kulturerbestätten bedürfen einer Vermittlung, welche die Identifikation der Menschen, die Wahrnehmung und kulturelle Teilhabe sowie das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein stärkt und fördert. Kulturerbebildung soll als Teil einer umfassenden Bildung verstanden werden. Dazu müssen die kulturellen Wertigkeiten, die sich durch in der Vergangenheit zugeschriebene Bedeutungen und Praktiken entwickelt haben, reflektiert, hinterfragt und weiterentwickelt werden.

Die Externsteine, eine Sandsteinformation im Teutoburger Wald bei Horn Bad-Meinberg, stellen im Sinne der kulturwissenschaftlichen Forschung eine solche regionale Kulturerbestätte dar. An diesem Ort, der seit dem 16. Jahrhundert das öffentliche Interesse weckt, verdichten sich Wertvorstellungen, Traditionen, Geschichten(n) und Identitäten zu einer komplexen und kontroversen Rezeptionsgeschichte. Die Initiierung von zukunftsweisenden Vermittlungsprojekten mit unmittelbarem Bezug zur Geschichte soll dazu beitragen, alte Sichtweisen aufzubrechen und neue Betrachtungsweisen über die Kunstdidaktik zu schaffen.

Larissa Eikermann entwickelt dazu in dieser Arbeit drei kunstdidaktische Konzepte – Lost Places, Mail Art und A bis Z –, die einen exemplarischen Beitrag im Sinne der Übertragbarkeit auf andere Kulturerbestätten zur kulturellen Bildung darstellen sollen. Die traditionellen Konzepte aus der Kunstvermittlung, qualitativ erprobt in der universitären Lehramtsausbildung, bieten das entsprechende Potential, indem unmittelbare ästhetische Erfahrungen gewonnen werden können, die kognitive, materielle und reflexive Prozesse aktivieren. Damit kompensieren sie zudem durch die digitale Vermittlung regressive Fähigkeiten.

Diese Studie möchte einen methodischen Rahmen für die Initiierung von Vermittlungsprojekten an den Externsteinen bieten und damit dem Desiderat an Lehr- und Bildungsmaterialien für diese Stätte entgegenwirken.