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Alicia-Marie Wolpert, 4 Bildungssystem in:

Thomas Batz (Ed.)

Zentrale Herausforderungen des Bildungsmarketings, page 53 - 64

Resultate einer Studie der DHBW Heilbronn und der Universität Stettin

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4329-5, ISBN online: 978-3-8288-7273-8, https://doi.org/10.5771/9783828872738-53

Tectum, Baden-Baden
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4 Bildungssystem A licia-M arie W olpert Im nachfolgenden Kapitel wird auf die Struktur und den Aufbau des Bildungssystems in Deutschland und Polen eingegangen. 4.1 Bildungssystem im Deutschland 4.1.1 Hintergrundinformationen In Deutschland sind Kinder in der Regel ab dem Jahr der Vollendung des sechsten Lebensjahres gesetzlich zum Schulbesuch verpflichtet. Darü ber hinaus gibt es jedoch auch die Möglichkeit, dass man die Einschu lung in bestimmten Fällen auch um ein Jahr zurückstellen kann. Es gibt eine „Vollzeitschulpflicht“, die neun bis zehn Jahre an einer allgemein bildenden Schule (je nach Bundesland) umfasst. Zum anderen gibt es für diejenigen, die keine allgemeinbildende oder berufliche Schule in Vollzeit besuchen, die „Teilzeitschulpflicht“ oder auch „Berufsschul pflicht“ genannt. Diese endet folglich mit einem Berufsausbildungsab schluss (vgl. Edelstein 2013, o. S.). Das deutsche Bildungssystem ist föderal geordnet: der größte Teil be findet sich in staatlicher Trägerschaft, was bedeutet, dass die „Hoheit“ und somit die Organisation und Finanzierung der Bildungsstruktur in der Hand der Bundesländer selbst liegt. Die übergreifenden Aspekte obliegen dem Bundesbildungsministerium, wie z. B. der Ausbau der Ganztagsschulen oder die internationalen Vergleichsstudien (vgl. Dreyer, D (o. J.), o. S.). Im Grundgesetz ist festgelegt, dass die Bildung über die Bereiche der Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II kostenlos sein müs 53 sen. Im Bereich der frühkindlichen und tertiären Bildung jedoch kön nen die Kommunen und Städte Gebühren verlangen. Parallel dazu wur den verschiedene Finanzierungsoptionen entwickelt, um u. a. Abitu rienten nicht durch anfallende Studiengebühren von einem Studium abzuhalten. Die quartäre Bildung wird ebenso privat organisiert und finanziert, wobei oftmals die Arbeitgeber die anfallenden Kosten für eine Weiterbildung tragen. Private Weiterbildung muss jeder Einzelne selbst bezahlen (vgl. Dreyer, D (o. J.), o. S.). 4.1.2 Aufbau und Struktur W ie bereits erwähnt sind für die Bildungspolitik in erster Linie die je weiligen Bundesländer zuständig. Aus diesem Grund gibt es genauer gesagt gar kein „deutsches Bildungssystem“ an sich. Die Landesregie rungen entscheiden aufgrund ihrer „Kulturhoheit“ über die Ausgestal tung ihrer Bildungssysteme weitestgehend selbst. Jedoch weisen alle eine gemeinsame Grundstruktur auf. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die sechs großen Bildungsbereiche und deren Bildungs einrichtungen bzw. Bildungsgänge gegeben. Neben den üblichen Schulformen werden in Deutschland viele Schülerinnen und Schüler mit son derpädagogischem Förderbedarf in spezifischen Förderschulen unter richtet (z. B. für Blinde, Sprachbehinderte, Gehörlose oder Lernbehin derte) (vgl. Edelstein 2013, o. S.). Der Elementarbereich bildet die Basis des Bildungssystems und steht für die Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder im Alter von we nigen Monaten bis hin zum Schuleintrittsalter. Somit umfasst er Ein richtungen wie Kinderkrippen, Kindergärten, die Kindertagespflege o der auch Vorschulangebote an Grundschulen. Kinder sind nicht dazu verpflichtet, an Angeboten des Elementarbereichs teilzunehmen. Die ersten Lebensjahre bilden eine bedeutende Grundlage für das spätere Lernen und die persönliche Entwicklung. Es werden früh Wissengrund lagen durch Sprache, Kunst, Musik oder Bewegung vermittelt, um in dividuellen Förderbedarf früh zu erkennen und Fähigkeiten spezifisch zu fördern. Länder, Kommunen und sonstige Träger werden hierbei vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durch verschiedene Maßnahmen unterstützt, mit dem Ziel, durch frühkindli che Bildung die Chancengleichheit der Kinder in ihrem zukünftigen Leben zu verbessern (vgl. Bundesministerium für Bildung und For schung (Hrsg.), B (o. J.), o. S. / vgl. Edelstein 2013, o. S.). 54 Mit dem sechsten Lebensjahr und somit der Schulpflicht beginnt auch die Bildung in der Primarstufe. Diese wird in der Regel innerhalb der Grundschule von der Klassenstufe eins bis vier (je nach Bundesland ggf. auch sechs) vermittelt. Durch den Umgang mit Gleichaltrigen erlernen die Kinder wichtige soziale Kompetenzen, erfahren systematisch Wissen und bekommen eine Grundbildung in den wichtigsten Fächern wie z. B. Mathematik, Deutsch, Musik oder ersten Fremdsprachen. In der Grundschule werden im Normalfall alle Kinder einer Altersklasse ge meinsam unterrichtet und noch nicht nach Leistungsniveau unterschie den. Erst nach Besuch der Grundschule werden die schulischen Leis tungen sowie das Sozial- und Arbeitsverhalten der Kinder betrachtet und anhand dessen eine Empfehlung für eine weiterführende Schule im Sekundarbereich ausgesprochen. Diese ist in den meisten Bundeslän dern aber nicht bindend für die Eltern (vgl. Bundesministerium für Bil dung und Forschung (Hrsg.), A (o. J.), o. S.; Dreyer, B (o. J.), o. S.; Edelstein 2013, o. S.). Nach der Grundschule sollen die Kinder ihren Leistungen entsprechend auf Gymnasien, Realschulen oder Hauptschulen verteilt werden. Dort werden die erlernten Grundkenntnisse aus der Grundschule vertieft und spezifisch erweitert. Die Schulformen bzw. Bildungsgänge des Sekundarbereichs I (i.d.R. Klasse 5 bis 10) unterscheiden sich anhand der Lernmethoden und der unterschiedlichen Lehrpläne. Es gibt außerdem Gesamtschulen, die zwei oder drei verschiedene Bildungsgänge anbie ten. Schülerinnen und Schüler, die eine integrierte Gesamtschule besu chen, sind auf keinen bestimmten Bildungsgang spezialisiert, sondern haben die Möglichkeit, innerhalb der einzelnen Fächer zwischen ver schiedenen Leistungsniveaus (Förder-, Grund- und Erweiterungskurs) zu wählen. An allen Schulformen kann ein allgemeinbildender Ab schluss erworben werden, der zum Besuch weiterführender Bildungsan gebote aus dem Sekundarbereich II berechtigt (vgl. Bax, A, (o. J.), o. S; Edelstein 2013, o. S.; Schulsystem.info (Hrsg.) (o. J.), o. S.). Zum Sekundarbereich II zählen allgemeinbildende und berufliche Vollzeitschulen sowie die duale Berufsausbildung mit einer jeweiligen Dauer von zwei bis drei Jahren. Die Schularten, Dauer und Abschlüsse unterscheiden sich je nach Bundesland teilweise sehr deutlich. Es hängt vom erlangten Schulabschluss ab, für welchen weiteren Bildungsweg die Jugendlichen qualifiziert sind. Falls nach einem Hauptschulabschluss keine Lehrstelle in einer Firma gefunden wurde und die Jugendlichen meist noch im schulpflichtigen Alter sind, müssen diese übergangsweise 55 eine berufsvorbereitende Maßnahme absolvieren. Der Mittlere Schul abschluss ermöglicht bereits ein viel größeres Spektrum. Neben der Be rufsausbildung (dual oder Vollzeit) sind je nach Notendurchschnitt auch verschiedene Oberschultypen eine Option. Ebenso zählt die gym nasiale Oberstufe zum Sekundarbereich II. Die Berufsausbildung qua lifiziert zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, abhängig vom erlernten Berufsbild. Die Abschlüsse, zu denen die weiteren Bildungsgänge füh ren, sind die allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife und die Fachhochschulreife. Diese berechtigen zur Aufnahme eines Studiums. Viele Inhaber dieser Abschlüsse nehmen jedoch trotzdem eine Berufs ausbildung auf (vgl. Bax, B, (o. J.), o. S.; Edelstein 2013, o. S.; Schulsystem.info (Hrsg.) (o. J.), o. S.). Universitäten, Fachhochschulen und andere Hochschularten, die zu ei nem akademischen Abschluss führen, gehören zum Tertiärbereich, qualifizieren zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit und berechtigen je nach Notenschnitt zur Promotion. Durch den Bologna-Prozess wurden die Abschlüsse auf die international vergleichbaren und anerkannten Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt, die in der Regel sechs bzw. vier Semester dauern. Für die Chancengleichheit beim Studieren sollen die finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten wie „BAföG“, „Bildungs darlehen“ und Stipendien sorgen. Ebenso zählen berufsqualifizierende Studiengänge sowie Einrichtungen der beruflichen Bildung und W ei terbildung zum tertiären Bildungsbereich. Berufsakademien vermitteln in Form dualer Studiengänge in Kooperation mit einer Anstellung in einem Unternehmen eine theoretische sowie praktische berufliche Bil dung. Des Weiteren gibt es Schulen des Gesundheitswesens oder Fach schulen für die berufliche Weiterbildung. Voraussetzung hierfür ist eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie Berufserfahrung. M it den beruf lichen Weiterbildungsabschlüssen „Meister“ und „Industriemeister“ wird zudem die Hochschulzugangsberechtigung erlangt (vgl. Bundes ministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), C (o. J.), o. S.; Dreyer, A (o. J.), o. S.; Edelstein 2013, o. S.). Der Quartärbereich umfasst allgemeine, politische oder berufliche Weiterbildung sowie Weiterbildung an Hochschulen. Darunter fallen z. B. Umschulungen, Sprachkurse oder das Nachholen von Abschlüs sen. Die Konzepte der Weiterbildung dienen der Persönlichkeitsent wicklung und dem Erlernen von Wissen und Kompetenzen, um neue berufliche Chancen zu eröffnen. Außerdem sichern sie die Leistungsfä higkeit der Gesellschaft. Im Regelfall tragen Unternehmen die Kosten 56 der Weiterbildungsmaßnahmen ihrer Mitarbeiter (vgl. Bundesministe rium für Bildung und Forschung (Hrsg.), D (o. J.), o. S.; Dreyer, C (o. J.), o. S.). 4.2 Bildungssystem in Polen 4.2.1 Hintergrundinformationen Nach der im Jahr 1999 begonnenen Reform wurden einige Aspekte des Bildungssystems modifiziert. Zum einen wurde die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr verlängert. Außerdem wurde ab dem Schuljahr 2012 das Einschulungsalter auf sechs Jahre nach vorne verlegt. Zusätz lich wurde ein obligatorisches Vorschuljahr eingerichtet (vgl. Steier 2010, S. 3). Im Unterschied zu Deutschland werden die Wojewodschaften lediglich als Verwaltungsbezirke angesehen und verfügen hinsichtlich der Hoch schulpolitik, die aus zentraler Ebene gesteuert wird, über keine organi satorischen Kompetenzen. Durch den Erlass der Hochschulreform im Jahr 2011 wurde den Hochschulen selbst mehr Autonomie in der Ge staltung der Lehre zuerkannt, wobei immer der allgemeine nationale Qualifikationsrahmen berücksichtigt werden muss. Seit 2006 ist das Ministerstwo Nauki i Szolnictwa Wyzszego - M niSW (Ministerium für Wissenschaft und Hochschulwesen) für die Hochschulpolitik verant wortlich (vgl. Deutscher Akademischer Austauschdienst 2017, S. 11). Die Finanzierung der Bildungseinrichtungen erfolgt überwiegend aus öffentlichen Mitteln. Im Tertiärbereich ist der Anteil der privaten Finanzierung wesentlich höher als im Primär- und Sekundärbereich. Generell existiert in der polnischen Bevölkerung eine relativ hohe Be reitschaft, in Bildung zu investieren. Das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulen sorgt, neben der Erhebung von Studiengebühren und Forschungsaufträgen oder Dienstleistungen, für die zentrale Finanzie rung der staatlichen Hochschulen. Nichtstaatliche Hochschulen wer den fast ausschließlich über Studiengebühren finanziert. Fachgebun dene Hochschulen erhalten die Finanzierungsmittel aus den jeweiligen fachlich zuständigen Ministerien. Für polnische Studierende sowie Studierende aus dem Ausland, die unter den gleichen Bedingungen ein Studium in polnischer Sprache beginnen, ist ein Vollzeitstudium an öffentlichen Einrichtungen kostenfrei. Für Studierende aus Nicht-EU- 57 Ländern ist auch das Studium an staatlichen Hochschulen gebühren pflichtig (vgl. Deutscher Akademischer Austauschdienst 2017, S. 13; Knabel 2018, o. S.). Durch den Systemwechsel in Polen im Jahr 1990 von der sozialistischen Volksrepublik Polen zur demokratischen Republik Polen wurde auch ein Wandel in den Werten im Hochschulwesen deutlich. Die dritte Republik verfolgte das Ziel einer Steigerung des allgemeinen Bildungs niveaus und einer Erweiterung des Bildungsangebots. Die neuen demo kratischen Strukturen erforderten rechtliche Rahmenbedingungen, die 1990 im Hochschulgesetz verankert wurden. Dadurch wurde u. a. das Prinzip der Freiheit von Forschung und Lehre eingeführt, das den Hochschulen ihre Autonomie als eigenständige Institution zurückgab. Außerdem durften im Zuge dessen private Hochschulen eröffnet wer den. Die Zahl der Studierenden konnte rasant in die Höhe getrieben werden. Aus diesem Grund stieg auch die Anzahl an tertiären Einrich tungen. Im akademischen Jahr 1990/1991 gab es noch 112, 20 Jahre später dann um die 470 Hochschulen in Polen. Die meisten davon wa ren neu gegründete private Einrichtungen. 2015/2016 existierten ins gesamt 415 Hochschulen, davon 132 staatliche und 283 private. Einen ähnlich rasanten Anstieg erfuhren die Studierendenzahlen. Im Jahr 2013 wurde eine Anzahl von 1.902.718 Studierenden verzeichnet, wäh rend es knapp 20 Jahre zuvor gerade einmal knapp über 400.000 Stu dierende gab. Im Vergleich dazu zählte man 2013 in Deutschland 2.616.881 Studierende (vgl. Deutscher Akademischer Austauschdienst 2017, S. 10 f.). 4.2.2 Aufbau und Struktur Die Vorschulerziehung im Rahmen von Kindergärten oder vorschuli schen Angeboten an Schulen sind fester Bestandteil des polnischen Bildungswesens. Diese sollen auf das schulische Lernen vorbereiten, Bil dungsbenachteiligungen durch soziale Defizite kompensieren und auch dem frühzeitigen Erkennen von spezifischen Begabungen dienen. Es handelt sich um ein Betreuungsangebot für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren. Das letzte Kindergartenjahr wurde als verpflichtend fest gelegt. Somit hat jedes Kind mit 5 Jahren das Recht auf einen Kinder gartenplatz (vgl. Steier 2010, S. 4; Institut für ökonomische Bildung (Hrsg.) 2018, o. S.). Darauf baut die Pflichtschulbildung auf. Die sechsjährige Grundschule (poln. szkola podstawowa) gliedert sich in die Klassen 1 bis 3, die nach 58 dem Klassenlehrerprinzip mit integriertem Fachunterricht erfolgen, und in die Klassen 4 bis 6, in denen Blockunterricht in den einzelnen Fächern wie Naturwissenschaft oder Sprache stattfindet. Abschließend absolvieren die Kinder einen verpflichtenden Grundschultest, der keine Selektionsfunktion besitzt, jedoch Auskunft über die individuelle Ent wicklung und den Wissenstand geben soll (vgl. Steier 2010, S. 4; Insti tut für ökonomische Bildung (Hrsg.) 2018, o. S.). Anschließend besuchen die Schülerinnen und Schüler ein dreijähriges allgemeinbildendes Gymnasium (poln. gimnazjum) im Sekundarbereich I. Es besteht ein relativ dichtes Netz an Gymnasien, das für eine hochwertige Grundbildung sorgen soll. Diese Schulform führt jedoch nicht zum Abitur, sondern deckt nur einen Teil der Schulpflicht und schließt nach der 9. Klasse ab. Die weiterführenden Sekundarschulen selektieren dann anhand der Ergebnisse der externen Gymnasialprüfung und entscheiden über eine Aufnahme oder Ablehnung. Eine gesonderte Eingangsprüfung gibt es nicht (vgl. Steier 2010, S. 4 f.; Institut für öko nomische Bildung (Hrsg.) 2018, o. S.). Wenn die Jugendlichen die zweite Sekundarstufe besuchen, befinden sie sich in einem Altersrahmen von 16 bis ca. 20 Jahren. Dieser Sektor des Bildungssystems umfasst allgemeinbildende, berufliche und doppelt qualifizierende Schulen. In der Regel wird nach 12 Jahren das Abitur abgelegt. Die obere Sekundarstufe lässt sich in vier Schulformen unter scheiden: es gibt zum einen das dreijährige allgemeinbildende Lyceum (poln. liceum ogolnoksztalcqce), das für eine klassische und breit gefä cherte Allgemeinbildung steht sowie durch das Abiturexamen für den Hochschulzugang berechtigt und vergleichbar mit den deutschen Gym nasien ist. Zudem gibt es das profilierte Lyceum (poln. liceum profilowanie). Dabei handelt es sich um einen eher neuen und wenig nachge fragten Schultyp, der nach drei Jahren ebenfalls mit dem Abitur ab schließt und fünfzehn Profile (z. B. Umwelttechnik, Verwaltung, Infor matik und Ökonomie) inkludiert. Das Technikum (poln. technikum) ist eine vierjährige berufsbildende und doppelt qualifizierende Schule und ist in Polen sehr anerkannt. Es verleiht seinen Absolventen eine Technikerqualifikation und parallel dazu auch das Abitur. Durch den Besuch einer drei- bzw. vierjährigen Berufsgrundschule (poln. zasadnicza szkola zawodowa) absolvieren die Jugendlichen in zwei bis drei Jahren eine Facharbeiterausbildung. Die abschließende Berufsprüfung ermöglicht den Einstieg in das Berufsleben. Jedoch berechtigt sie auch 59 dazu, die Ausbildung an ergänzenden allgemeinbildenden oder profi lierten Lyzeen sowie an einem Technikum fortzusetzen. Im Unterschied zur deutschen dualen Berufsausbildung ist diese Ausbildungsform nicht betriebsgestützt und mit berufspraktischen Elementen ausgestattet, son dern vollzeitschulisch organisiert. Die Abschlüsse der Sekundarstufe II sind somit das Zentralabitur (poln. egzamin maturalny) und die externe Berufsprüfung (poln. egzamin zawodowy) (vgl. Steier 2010, S. 4 f.; Institut für ökonomische Bildung (Hrsg.) 2018, o. S.). Der Bildungsweg kann im Tertiärbereich auf klassischen Universitä ten, Technischen und Pädagogischen Hochschulen aber auch Akade mien fortgesetzt werden. Für die Aufnahme eines Studiums an allen Hochschultypen wird in Polen die allgemeine Hochschulreife voraus gesetzt, die durch das Bestehen der Abiturprüfung erlangt wird (pol nisch „matura“). Zugelassen wird je nach Abiturnote sowie teilweise durch spezielle Aufnahmeprüfungen. Das Studium ist in drei Zyklen gegliedert. Der erste Abschluss ist der „Bachelor“ und wird nach 3 bis 3,5 Jahren erreicht (polnisch „licencjat“/an Technischen Hochschulen „inzynier“). Daran knüpft der „Master“-Abschluss an, der ca. 1,5 bis 2,5 Jahre dauert (polnisch „magister“). Dieser Magistertitel berechtigt zu einem Doktorandenstudium. Zusätzlich gibt es noch die Möglichkeit eines Studiums in Rechtwissenschaften und in Medizin, die gesondert behandelt werden. Außerdem ist die Möglichkeit eines Abend- und Fernstudiums eine sehr beliebte tertiäre Bildungsform, wofür private als auch öffentliche Einrichtungen Studiengebühren erheben (vgl. Institut für ökonomische Bildung (Hrsg.) 2018, o. S.; Knabel 2018, o. S.). 4.2.3 Weitere Informationen Durch den politischen Umbruch konnte sich das polnische Bildungs system erweitern und differenzieren. Dies verdeutlicht sich an den un terschiedlichen Schulangeboten und der Pluralität an Trägerschaften, wodurch sich das System auch an die Heterogenität gesellschaftlicher Gruppen anpasst. Die Anzahl nichtstaatlicher Schulen, aber auch die Zahl der Schulen mit einem reformpädagogischen Profil ist gewachsen. Letztere Schulformen zeichnen sich oftmals durch besser ausgebildetes und junges Personal, kleinere Lerngruppen und eine bessere Gesamt ausstattung aus. Auf Zahlen aus dem akademischen J ahr 2015/2016 ba sierend studierten ca. 30 % aller Studierenden an 19 Volluniversitäten, ca. 21 % an 23 Technischen Hochschulen und ca. 13 % an 67 wirt schaftlichen Hochschulen. Darüber hinaus gibt es noch agrarwirtschaft liche, medizinische und pädagogische Hochschulen sowie z. B. Sport 60 oder Kunsthochschulen (vgl. Steier 2010, S. 5; Deutscher Akademischer Austauschdienst 2017, S. 12). Für die polnischen Hochschulen stellt der demografisch bedingte Rück gang der Studierendenzahlen innerhalb der letzten zehn Jahre ein großes Problem dar. Laut einer Erhebung gab es im Jahr 2016/2017 1.348.822 eingeschriebene Studierende und somit 4 % weniger als im Jahr zuvor. Im Hochschulsystem werden einige Auswirkungen der fallenden Zahl an Studienanfängern sichtbar: staatliche Hochschulen müssen Studiengänge streichen, Personal einsparen oder die Fristen zur Immatrikulation flexibilisieren. Oftmals werden alle Studienbewerber angenommen, da es mehr Plätze als Kandidaten gibt. Zudem müssen viele private Hochschulen komplett schließen. Aus diesem Grund wurde durch gezieltes Marketing versucht, mehr Studierende aus dem Ausland, v. a. aus nichteuropäischen Ländern, zu akquirieren, um somit die durch die demografische Entwicklung entstandene Lücke zu schlie ßen und gleichzeitig die Qualität des Studiums zu verbessern. Des W ei teren haben die sinkenden Studierendenzahlen auch finanzielle Auswir kungen, was z. B. bedeutet, dass die Zahl gebührenpflichtiger Studien plätze zurückgeht, um mehr Interessenten zu generieren. Dasselbe gilt für gebührenpflichtige Abend- oder Fernstudiengänge, die aus dem Be werbungsverfahren ausgeschiedenen Studienbewerbern angeboten wur den. Lediglich die Anzahl an Studierenden in einem Doktorandenstu dium steigt stetig. Aufgrund der hohen Arbeitslosenquote nach einem Hochschulstudium ist daher ein starker Trend zu einem Promotions studium sichtbar (vgl. Deutscher Akademischer Austauschdienst 2017, S. 5 ff.; Knabel 2018, o. S.). Eine weitere Auffälligkeit ist auch der hohe Frauenanteil in allen Stu dienstufen und -bereichen. Im Jahr 2007 lag dieser bei ca. 57,5 %, sechs Jahre später bereits bei ca. 59,7 %. Dieser Trend wird als überraschend hinsichtlich der traditionellen Ansichten der polnischen Kultur bewer tet. Um die 90 Prozent der polnischen Bevölkerung gehört der katholi schen Kirche an. Dies bedeutet, dass die Ansichten in der Regel sehr konservativ geprägt sind. Darunter fällt auch die bedeutende Rolle von Kirche und Familie im Leben der Polen, was auch auf ein eher traditio nelles Frauenbild schließen lässt (vgl. Deutscher Akademischer Aus tauschdienst 2017, S. 16 ff.). Viele Polen studieren im Ausland. Im Jahr 2013 wurden ca. 23.000 Per sonen erfasst. Das Absolvieren eines Studiums in Deutschland sowie ein 61 deutscher Studienabschluss sind in Polen sehr begehrt. Ebenso werden „Erasmus+“-Programme im Rahmen der EU stark genutzt. 2014/2015 gingen um die 2.600 polnische Stipendiaten für ein Studium nach Deutschland (vgl. Deutscher Akademischer Austauschdienst 2017, S. 24 ff.). Generell werden in Polen höhere Bildungsabschlüsse gesellschaftlich stark geschätzt. Dies ist in der Bildungsexpansion in den 90er Jahren durch die unspezifischen Erfordernisse des Arbeitsmarktes begründet. Es lässt sich feststellen, dass das Interesse an beruflichen Ausbildungs gängen seit einigen Jahren immer mehr zunimmt. Somit generierten v. a. Berufsgrundschulen mit konkreter beruflicher Ausbildungsmög lichkeit immer mehr Zuwachs. Die Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaft und den Hochschulen ist jedoch ausbaufähig. Daher wurde 2014 im neuen Hochschulgesetz für praxisrelevante Studiengänge ein jeweiliges Pflichtpraktikum vorgeschrieben. Es gibt zudem Ansätze, das Bildungswesen enger mit der Wirtschaft zu verknüpfen. Das Ziel be steht darin, eine Art duales Bildungssystem auf akademischer und nicht akademischer Ebene zu etablieren und die wenigen bereits existierenden universitären dualen Programme auszubauen (vergleichbar mit den deutschen Strukturen) (vgl. Steier 2010, S. 4; Deutscher Akademischer Austauschdienst 2017, S. 11). 62 4.3 Literatur BAX, M., A (o. J.). Was ist die Sekundarstufe I? Von der Hauptschule bis zum Gymnasium. Online abrufbar unter: https://www.bildungsxperten.net/wissen/was-ist-die-sekundarstufe-i/ (o. D.) (zuletzt abgerufen am 07.02.2019). BAX, M., B (o. J.). Was ist die Sekundarstufe II? Online abrufbar unter: https://www.bildungsxperten.net/wissen/was-ist-die-sekundarstufe-ii/ (o. D.) (zuletzt abgerufen am 07.02.2019). Bu n d e s m i n i s t e r i u m f ü r Bi l d u n g u n d Fo r s c h u n g (Hrsg.), a (o. J.). Bildung im Schulalter. 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References

Zusammenfassung

Von Dezember 2018 bis März 2019 führten Studierende des Studienschwerpunkts Human Resources der DHBW Heilbronn in enger Zusammenarbeit mit der Universität Stettin ein gemeinsames Projekt durch. Auslöser für dieses Projekt waren teils deutlich zurückgehende Studierendenzahlen an der Universität Stettin, trotz der dort vorhandenen hervorragenden Rahmenbedingungen und des ausgezeichneten Lehrpersonals – ein Umstand, der an verschiedenen polnischen Universitäten aktuell zu verzeichnen ist.

Die Studierenden stellten sich nun die Frage, welche Ursachen für diese kritische Entwicklung verantwortlich sind und welche Maßnahmen geeignet sein könnten, um mit zielgerichtetem Bildungsmarketing zu einer positiven Entwicklung beitragen zu können. In diesem Buch werden die Ergebnisse und Erkenntnisse aus der studentischen Studie vorgestellt.