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Katharina Kaineder

Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien

"Es war genial, aber es war ein Wahnsinn"

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4328-8, ISBN online: 978-3-8288-7272-1, https://doi.org/10.5771/9783828872721

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Ulrike Bechmann | Wolfram Reiss (Hg.) Anwendungsorientierte Religionswissenschaft Beiträge zu gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen 15 Katharina Kaineder Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien „Es w a r genial, aber es w a r ein Wahnsinn" Anwendungsorientierte Religionswissenschaft herausgegeben von Ulrike Bechm ann und W olfram Reiss Katharina Kaineder Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien „Es war genial, aber es war ein Wahnsinn" Tectum Verlag Anwendungsorientierte Religionswissenschaft B eiträge zu gese llscha ftlichen und p o litischen F rageste llungen B a n d 15 U lr ik e B e c h m a n n | W o lfra m R e iss (H g .) Katharina Kaineder Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien. „Es war genial, aber es war ein Wahnsinn" © Tectum - ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7272-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4328-8 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 2194-8941 Umschlaggestaltung: Rita Kämmerer Alle Rechte Vorbehalten Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Einleitung............................................................................................. 11 1 Forschungsdesign und Methoden.....................................13 1.1 Fragestellung.............................................................................. 13 1.2 Sampling und Zugang zu den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern............................................................. 13 1.3 Erkenntnisinteresse..................................................................14 1.4 Qualitative Sozialforschung und Methoden der Datenerhebung...........................................................................14 1.4.1 Gründe für die Verwendung der qualitativen Sozialforschung...........................................................................14 1.4.2 Tiefeninterview und themenzentriertes Leitfadeninterview....................................................................15 1.4.3 Paarinterview............................................................................. 17 1.5 Dokumentation der Daten......................................................18 1.5.1 Feldnotizen..................................................................................18 1.5.2 Forschungstagebuch.................................................................18 1.5.3 Tonaufzeichnung.......................................................................19 1.5.4 Transkription............................................................................. 19 1.6 Auswertung durch die Grounded Theory........................ 20 1.7 Verwendung von M axQda.................................................... 22 2 Der äußere Kontext: Asylpolitik in Österreich............ 23 2.1 Geschichte der Migrations- und A sylpolitik....................23 2.1.1 Migration durch Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter... 23 2.1.2 Fluchtbewegungen nach Österreich und gesetzliche Auswirkungen............................................................................25 2.1.3 Rechtsentwicklungen seit 1993..............................................26 2.2 Asylpolitik und Asylverfahren heute................................. 29 2.2.1 Zahlenund Fakten....................................................................30 2.2.2 Ablauf des Asylverfahrens.................................................... 35 5 2.2.3 Grundversorgung.......................................................................37 2.2.4 Arbeitsmarktzugang................................................................. 39 3 Flüchtlingskrise und mediale Bilder...............................41 4 Der engere Kontext: Leben im Dorf und in der Familie....................................................................................... 43 4.1 Engagement im D orf................................................................. 43 4.2 Vorstellung der Fam ilien......................................................... 45 4.2.1 Michaela und Anton.................................................................. 45 4.2.2 Katrin und Tobias.......................................................................46 4.2.3 Sarah und Christian................................................................... 47 5 Empirische Ergebnisse zur Asylpolitik.......................... 49 6 Einblicke in das Zusammenleben.................................... 53 6.1 Kommunikation.......................................................................... 53 6.1.1 Strategien der Kommunikation ohne Deutschkenntnisse.....................................................................54 6.1.2 Deutschkurs................................................................................. 57 6.1.3 Bedingungen für ein erfolgreiches Erlernen der deutschen Sprache.....................................................................58 6.1.4 Missverständnisse, Schwierigkeiten und Hot Spots 60 6.2 Arbeit und Bildung.....................................................................63 6.2.1 Schulbildung der K inder......................................................... 63 6.2.2 Arbeitsmöglichkeiten................................................................ 63 6.2.3 Tagelöhner, Lehr- oder Studienabschluss?.........................65 6.3 G ender........................................................................................... 66 6.3.1 Nähe und Distanz zwischen Frau und M ann.................... 66 6.3.2 Familienbild, Beziehung und Rollenaufteilung................71 6.4 Religion und G laube................................................................. 76 6.4.1 Jahresfestkreis: Weihnachten und Ram adan..................... 76 6.4.2 Putenschnitzel und Kopftuchgespräche............................. 80 6.5 Zusammenfassung und Wünsche der Interviewten 81 6 Conclusio.............................................................................................. 85 Bibliographie...................................................................................... 91 Abbildungsverzeichnis....................................................................95 Leitfaden.............................................................................................. 97 7 Vorwort Als „Flüchtlingskrise" ging die Bewegung von MigrantInnen über die Bal kanroute im Jahr 2015 nach Österreich und Deutschland in den Sprachge brauch ein. Es gab zahllose Menschen, die nicht in das allgemeine La mento einstimmten, sondern den Menschen konkret halfen, so gut sie konnten. Diese Hilfe war beträchtlich und wurde durch die nachfolgende abwertende Debatte nicht wirklich gewürdigt. Ebenso haben die darauf folgenden politischen Maßnahmen nicht die Helfenden unterstützt. Diese hätten aber mit ihrer zunächst spontanen menschlichen Hilfsbereitschaft eine professionelle Unterstützung benötigt, um ihre spontane Hilfe in eine nachhaltige und langfristige Unterstützung umzuwandeln. Vielmehr fühlten sich viele von der Politik alleingelassen, sie waren auf Eigenkräfte und Nachbarschaft angewiesen, um weiterhin die Menschen zu unterstüt zen. Soweit die Makroperspektive. Das Besondere an dieser jetzt vorliegenden qualitativen Untersuchung ist, dass sie in einer Mikroperspektive drei konkrete Familien eines Dorfes aus Oberösterreich befragt, die jeweils einer afghanischen Familie eine Woh nung boten. Damit begann für die österreichischen wie für die afghani schen Familien das Abenteuer eines interkulturellen Zusammenlebens, ohne dass beide sich darauf hätten vorbereiten können. Die Familien kom men zu Wort, ihnen wird zugehört. Ihre Geschichte wird erzählt, die kon kreten Entscheidungen, der Verlauf ihres Zusammenlebens, Erfahrungen von Grenzen und völlig neuen Möglichkeiten. „Es war genial, aber es war Wahnsinn" zitiert eine Familie und bringt damit alle Tiefs und Hochs, das Neue, Wunderbare und das Schwierige auf einen Nenner. Die Interviews werden nach einer qualitativen Methode auf bestimmte Fragestellungen hin ausgewertet. Wer diese Untersuchung liest, bekommt ein Bild von der Menschlichkeit von Familien eines oberösterreichischen Dorfes, von dem Mut, sich auf ein Zusammenleben einzulassen und nicht bei den ersten Schwierigkeiten aufzugeben. Man bekommt ein Bild von Nachbarschaften auf dem Land, die vornehmlich unterstützen. Die Studie bricht das große Thema „Flücht lingskrise" und „Integration" auf das ganz konkret Menschliche herunter, was es für die Betroffenen auf beiden Seiten bedeutet, Integration zu le ben. Es wird kaum eine wissenschaftlich fundierte Studie geben, die die Aus wirkungen dieser Zeit auf die oberösterreichische Gesellschaft so konkret vor Augen führt. Sie könnte eine Hilfestellung sein für politische Entschei dungen, die durchbuchstabieren sollten, welche Auswirkungen bestimme strukturelle Weichenstellungen haben. Sie öffnet aber auch die Augen für 9 das, was gelebt wird: Konkrete Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Blick auf die einzelnen. Dieses Engagement verdiente alle politische wie gesell schaftliche Unterstützung. Der Autorin ist zu danken, dass diese drei Fa milien eine Stimme bekamen. Diese Studie möge dem Engagement der Familien Gehör verschaffen und ihre Stimmen weitertragen. Graz, Jänner 2019 Ulrike Bechmann Institut fü r Religionswissenschaft 10 Einleitung Im Jahr 2015 kamen tausende Menschen auf der Suche nach Schutz vor Verfolgung und Krieg über Ungarn oder Slowenien nach Österreich. Sie wurden von Helferinnen und Helfern des Roten Kreuzes und verschiede ner NGOs an der österreichischen Grenze mit dem Notwendigsten ver sorgt und zu einem großen Teil mit Zügen weiter nach Deutschland ge bracht. Rund 88.000 Flüchtlinge blieben allerdings in Österreich und stell ten im Jahr 2015 einen Asylantrag. Während dieser Zeit entstand eine Dy namik der zunehmenden Sorge und Angst gegenüber zuwandernden Menschen innerhalb der österreichischen Gesellschaft. Die Themen Mig ration, Flucht und Integration beherrschten weitgehend die Wahlkämpfe der folgenden Jahre und fanden immer wieder Eingang in politische Dis kussionen. Dabei wurde das Thema vielfach mit Emotionen besetzt, was eine nüchterne Debatte über die verschiedenen Aspekte der Integration und des interkulturellen Zusammenlebens erschwerte. Während der sogenannten Flüchtlingskrise gab es neben den zunehmen den Stimmen der Angst auch eine Welle der Solidarität mit den Flüchtlin gen. Viele Menschen engagierten sich freiwillig und bemühten sich, ge flüchtete Menschen zu unterstützen. Darunter waren einige Familien, die afghanische Asylwerberinnen und Asylwerber bei sich zuhause aufnah men, um ihnen eine Bleibe zu bieten, sie beim Kennenlernen der österrei chischen Kultur und der deutschen Sprache zu unterstützen und ihnen ein würdevolleres Leben zu ermöglichen. Mittlerweile scheint dieses ge sellschaftliche Engagement in Vergessenheit geraten zu sein. Doch dieses Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in Familienhäusern ist nach wie vor Alltag mancher Menschen. In der vorliegenden Arbeit will ich diesen Menschen eine Stimme geben und ihre Situation, die Herausforde rungen und Chancen beschreiben und die unterschiedlichen Aspekte des interkulturellen Zusammenlebens beleuchten. Die Arbeit situiert sich dabei im Schnittpunkt von Religionswissenschaft und Pastoraltheologie. Durch die Perspektive der Religionswissenschaft beschreibe ich die Lebenswelten der Menschen, deren interkulturelles und interreligiöses Handeln von „außen" und versuche, wesentliche Er kenntnisse aus ihren Erfahrungen zu ziehen. Aus der Perspektive der Pas toraltheologie gehe ich der Frage nach, was Kirche am Beispiel dieser Menschen lernen kann, um „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten". (GS 4) 11 1 Forschungsdesign und Methoden Neben den öffentlichen Berichterstattungen und politischen Diskursen ist es mir ein Anliegen, das Thema des interkulturellen Zusammenlebens aus der Perspektive der Menschen zu erarbeiten, die Erfahrungen in diesem Bereich gemacht haben. Durch die wissenschaftliche Analyse möchte ich herausfinden, wie sich das Zusammenleben der österreichischen und af ghanischen Familien gestaltet (hat) und mit welchen Herausforderungen und Situationen diese Familien konfrontiert waren und sind. 1.1 Fragestellung Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen: Wie gestaltete sich das Zusammenleben österreichischer und afghanischer Familien nach den Ereignissen im Sommer 2015? Mit welchen Fragen und Situationen waren die Familien konfrontiert? 1.2 Sampling und Zugang zu den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern Um die verschiedenen Situationen, Strukturen und Erfahrungen in ihrer Tiefe und Intensität zu erforschen, wurde als Fallbeispiel ein Dorf in Oberösterreich gewählt, in dem drei Familien wohnen, die sich entschlos sen haben, afghanische Flüchtlinge bei sich zuhause aufzunehmen. Die Grundlage der Datengewinnung stellten qualitative Interviews mit den jeweiligen Elternpaaren der österreichischen Familien dar. Die Inter viewpartnerinnen und Interviewpartner dienten als Primärquellen, weil sie persönliche Erfahrungen im Bereich des interkulturellen Zusammen lebens mit Menschen aus Afghanistan machten. Hinzu kommt, dass sie bereit waren an der Studie teilzunehmen.1 Der Zugang zum Feld ergab sich durch meine engere Bekanntschaft zu einer der drei Familien. Uber sie bekam ich im Weiteren die Möglichkeit, auch mit den anderen beiden Familien in Kontakt zu treten. Durch diese Umstände entstand eine ge wisse Vertrautheit mir gegenüber als Person und als Forscherin, obwohl ich zwei der drei Familien zuvor nicht kannte. Die Stimmung vor, wäh rend und nach den Interviews war meist ausgelassen und angenehm und die Interviewpartnerinnen und Interviewpartner vertrauten mir viele Vgl. F lic k , Uwe: Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 42011 (= Rowohlts Enzyklopädie), 167. 13 ihrer Erfahrungen, Erlebnisse, Sorgen und Wünsche an, welche sich wäh rend der Zeit des Zusammenlebens ereignet hatten. 1.3 Erkenntnisinteresse Die Familien aus Österreich und Afghanistan pflegen aufgrund des Zu sammenlebens in dem gleichen Familienhaus einen sehr engen Kontakt. Die interviewten Personen kennen das Leben der Flüchtlinge, verbringen ihren Alltag mit ihnen, begleiten sie zu Behördengängen und Arzttermi nen und sind Vermittlerinnen und Vermittler zwischen den beiden Kul turen. Dadurch verfügen sie über ein relevantes und wertvolles Wissen in Bezug auf das Zusammenleben afghanischer und österreichischer Fami lien, das für die Hilfsorganisationen, Kirche, Politik und Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Durch die Auseinandersetzung mit ihrer Situation erhoffe ich, Erkenntnisse zu erhalten in welchen Themenbereichen einer seits Lernchancen liegen und andererseits Hilfestellungen für die Betroffe nen von Nöten sind. 1.4 Qualitative Sozialforschung und Methoden der Datenerhebung Im Laufe des Forschungsprozesses waren Entscheidungen in Bezug auf die Verwendung der Methoden und die daraus resultierenden Schritte er forderlich. Eine detaillierte Beschreibung der angewandten Methoden ist im Rahmen dieser Diplomarbeit nicht vorgesehen, da diesbezüglich aus reichend Literatur vorhanden ist. Daher gehe ich auf die Gründe ein wa rum ich welche Methode für diese Arbeit verwendete und gebe in Fußno ten die dazugehörige Literatur an. 1.4.1 Gründe für die Verwendung der qualitativen Sozialforschung Für die Fragestellung dieser Arbeit war es mir ein Anliegen, die Situation der Familien von innen heraus zu analysieren und zu erforschen. Dabei nahm ich besonders Rücksicht auf die Einbettung in den Kontext, welcher sich im engeren Sinn in den Situationen der Familien und des Dorfes zeigte. Im weiteren Sinn spielten auch die vorherrschende Asylpolitik, die mediale Darstellung und historische Ereignisse eine Rolle, wie die hohe Anzahl der ankommenden Flüchtlinge im Sommer 2015. Die qualitative Sozialforschung ist daher eine geeignete Grundlage für diese Arbeit, unter anderem, weil es ihr Ziel ist, das zu erforschende Themenfeld von innen heraus zu analysieren. Das bedeutet, dass die Expertinnen und Experten diejenigen sind, die auch die handelnden Akteure innerhalb des Feldes 14 darstellen.2 Ziel ist dabei, „Alltagskultur, das selbstverständliche Han deln, Erleben und Deuten von Subjekten in ihrer Lebenswirklichkeit"3 zu erforschen. Dabei situiert qualitative Sozialforschung das Forschungs thema innerhalb sozialer Beziehungen, beachtet den Raum in dem es statt findet, analysiert den betreffenden Kontext und bezieht mehrere Perspek tiven mit ein. Sie achtet auf den stattfindenden Prozess und die Einord nung in eine bestimmte Zeit.4 Dadurch ist sie sehr nahe am Leben der Menschen und deren subjektivem Erleben von gesellschaftlichen Gebil den und Strukturen. Sie ermöglicht so, relevante Fragen der Menschen aus deren Perspektiven heraus zu analysieren, die vielleicht mit Zahlen und Statistiken nicht ausreichend zu beantworten wären.5 Aus diesen Grün den, ist die Fragestellung dieser Arbeit am besten durch die Anwendung der qualitativen Sozialforschung zu beantworten. 1.4.2 Tiefeninterview und themenzentriertes Leitfadeninterview „Qualitative Interviews lassen Dichte und Plastizität erkennen und sind deshalb besonders geeignet für zentrale volkskundlich-ethno logische Fragestellungen wie die Untersuchung von subjektiven Sinnwelten, Lebensgeschichten und Alltagskulturen in ihrer histo rischen D im ension."6 Zur Datengewinnung entschied ich mich daher primär für ein qualitatives ethnographisches Interview, auch Tiefeninterview genannt. Dieses er möglichte mir durch die Informationen der zu interviewenden Personen, zu wesentlichen Erkenntnissen über deren Alltag und die verschiedenen Situationen zu gelangen. Um das Interview auf ein bestimmtes Thema, nämlich die Art und Weise des Zusammenlebens und die dazugehörigen Herausforderungen und Chancen zu fokussieren, entschloss ich mich, es anhand eines themenzentrierten Leitfadens durchzuführen. Dabei sollte aus dem Wechselspiel von sehr offen gehaltenen Fragen und deren Vgl. FLICK, Uwe / KARDO RFF, Ernst / STEIN KE, Ines: Was ist qualitative For schung? Einleitung und Überblick, in: Flick, Uwe (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 32004 (= Rowohlts Enzyklopädie), 13. SCH M ID T-LAUBER, Brigitta: Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Re den-Lassens, in: Göttsch, Silke / Lehmann, Albrecht (Hg.): Methoden der Volks kunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der europäischen Ethnologie, Berlin: Reimer 220 07 (= Ethnologische Paperbacks), 169. Vgl. ebd., 169. Vgl. ebd., 171. Ebd., 184. 15 Antworten ein dynamisches Gespräch entstehen, aus dem heraus die wichtigsten Ereignisse und Erfahrungen der Situationen der Familien er schlossen werden können.7 Um die wichtigsten Aspekte bzw. Lebensbereiche zu thematisieren, er stellte ich vorab einen Leitfaden, der die unterschiedlichen Dimensionen des Zusammenlebens benannte, insofern sie nicht aus dem Gespräch zu vor bereits angesprochen wurden. Dabei handelte es sich vor allem um die Bereiche Kommunikation, Gesundheit, Bildung und Arbeit, Mobilität, Kindererziehung, Arbeiten rund ums Haus, Nahrungsmittel und Essen, sowie Finanzielles.8 Durch Aufrechterhaltungs- und Steuerungsfragen, wie zum Beispiel „Was heißt das für eure Familie?", „Könnt ihr dazu noch etwas sagen?", „Und dann?", „Wie ging es weiter?", „Was passierte da im Einzelnen?" wurde dem Gespräch und dem Interview Tiefe verliehen und Details zu einzelnen Vorgängen und Erfahrungen erschlossen.9 Ein wesentliches Prinzip qualitativer Interviews ist das Prinzip der Offen heit. Dabei ist es wichtig, sich auf das Feld einzulassen, Veränderungen und Umstrukturierungen zuzulassen und Fragestellungen und Methoden im Laufe des Prozesses anzupassen.10 Deshalb sind die vorliegende Arbeit und deren Ablauf vorwiegend aus dem Material der Interviews und deren Analyse entstanden: Dem am Beginn angesiedelten Theorieteil über die Asylpolitik in Österreich liegen die Aussagen der Interviewten über die Auswirkungen ebendieser auf das Zusammenleben der Familien und de ren Alltag zugrunde. Die ausgewählten Themenbereiche stammen aus den Erzählungen der Paare und wurden nicht alle von mir bewusst er fragt, beispielsweise der Aspekt der Geschlechter und der Religionen. Sie sind dennoch bei allen Interviews zum Vorschein gekommen und waren somit besonderer Bestandteil des Zusammenlebens. Der Leitfaden wurde nach bestimmten Erkenntnissen aus den ersten beiden Interviews entspre chend angepasst. Zum Beispiel ließ ich die Aspekte der Wahrnehmungen von außen und der Konfrontationen im Dorf nach den ersten Interviews weg und konzentrierte mich vorwiegend auf die Aspekte des Zusammen lebens innerhalb der Familien. Im Weiteren ist es wichtig, bei qualitativen Forschungsmethoden darauf zu achten eine gemütliche und angenehme Erzählsituation zu schaffen. So Vgl. SCHLEHE, Judith: 6 Formen qualitativer ethnographischer Interviews, in: Beer, Bettina (Hg.): Methoden ethnologischer Feldforschung, Berlin: Reimer 22008 (= Ethnologische Paperbacks), 126. Vgl. SCHLEHE, Judith: Formen qualitativer Interviews, 126-127. Vgl. F l i c k , Qualitative Sozialforschung, 210. Vgl. SCH M ID T-LAUBER, Das qualitative Interview, 172-173. 16 bemühte ich mich, bei der Interviewführung die Fragen des Leitfadens im Kopf zu haben und nicht auf den Zettel angewiesen zu sein, um auch fle xibel auf das Erzählte eingehen und die Fragen angemessen stellen zu können. Die Formulierungen der Fragen waren offen und somit Anreize für längeres Erzählen auf Seiten der Interviewten. Warum-Fragen wurden vermieden. Das Interview wurde in allen drei Fällen im Haus der inter viewten Paare geführt, weshalb der Ort für sie besonders vertraut war und mir gleichzeitig Einblicke in ihre Lebens-, Wohn- und Alltagssitua tion gewährte.11 Zu Beginn des Interviews klärte ich, ob ich das Gespräch mit einem Auf nahmegerät aufzeichnen durfte, was bei allen drei Familien möglich war. Diese Aufnahmen wurden daraufhin transkribiert und analysiert. 1.4.3 Paarinterview Ich entschloss mich dazu, die Eltern der Familien als Paar zu interviewen und sie gemeinsam von ihren Erfahrungen erzählen zu lassen, da die Ent scheidung eine afghanische Familie zuhause aufzunehmen abgesprochen und gemeinsam gefällt wurde. Durch die Befragung beider zugleich, wurde es mir möglich unterschiedliche und geteilte Perspektiven wahr zunehmen und zu analysieren. Diese zeigten sich beispielsweise beson ders stark beim Aspekt der Geschlechter.12 Das Paarinterview erlaubte un terdessen einen Einblick in „die konkreten, interaktiven Handlungsvoll züge in unterschiedlichen Situationen":13 So konnten sie sich gegenseitig ergänzen bzw. korrigieren und die verschiedenen Begebenheiten wäh rend der Zeit des Zusammenlebens mit der afghanischen Familie rekon struieren. Besonders hilfreich erschien mir, dass diese Methode viel stär ker die Individuen als Mensch-in-Beziehung im Blick hat und sie in ihren sozialen Verflechtungen und ihrem Kontext befragt und wahrnimmt.14 Es wäre für mich künstlich gewesen, sie getrennt voneinander oder gar nach einander zu befragen, da sie in dieser speziellen Situation vieles gemein sam entschieden, erlebt und durchlebt haben. Bewusst einen von dem In terview auszuschließen hätte von vornherein keine angenehme und all tagsnahe Atmosphäre geschaffen. Vgl. ebd., 172-173. Vgl. W lM BA U ER, Christine / M O TA KEF, Mona: Das Paarinterview. Methodologie - Methode - Methodenpraxis, Wiesbaden: Springer VS 2017, 31. Ebd., 28. Vgl. ebd., 4. 17 1.5 Dokumentation der Daten Die Ereignisse im Feld werden für eine angemessene Analyse und Inter pretation zuvor dokumentiert und aufbereitet. Bei qualitativen Interviews handelt es sich dabei meist um eine Tonaufnahme während des Ge sprächs, die anschließend transkribiert wird. Hinzu kommen Möglichkei ten der Dokumentation, die den Kontext des zu erforschenden Feldes und die Ereignisse rund um das Interview einfangen.15 1.5.1 Feldnotizen Feldnotizen werden in qualitativen Studien sehr häufig verwendet, um Geschehnisse, Erfahrungen und Gespräche im Feld zu protokollieren. Da bei ist es wichtig, sich direkt nach dem Kontakt mit den handelnden Ak teurinnen und Akteuren im Feld, oder auch zwischendurch, Zeit zu neh men, um die Eindrücke achtsam niederzuschreiben. Diese Notizen stellen die ersten Interpretationen und Zugänge auf Seiten des Forschenden dar, insofern er Aspekte weglässt oder eben auch niederschreibt. Dabei ist es essentiell zu markieren, was zusammenfassend oder interpretierend be schrieben wurde.16 Diese Form der Dokumentation war in einem Moment des Prozesses be sonders wertvoll, als ich bei einem Begegnungskaffee - ein Treffen bei Kaffee und Kuchen, das den Kontakt zwischen Asylwerberinnen und Asylwerbern, die im Dorf leben und anderen Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern ermöglichen soll - teilnahm. Nach den Begegnungen und den Gesprächen mit den Menschen, die in diesem Ort leben, sowohl Asyl werberinnen und Asylwerber als auch Österreicherinnen und Österrei cher, schrieb ich die Eindrücke in Form von Stichworten, Sätzen und Zi taten als Feldnotiz nieder. Dort erhielt ich einen guten Einblick in den Kontext und die Dynamik des Dorfes, die Begegnungen untereinander, das Sich-Austauschen, einander Helfen und in das Engagement und die Organisation der Menschen, um die Flüchtlinge in den verschiedenen Be reichen zu unterstützen. Die Feldnotiz ermöglichte mir, diese Wahrneh mungen angemessen festzuhalten. 1.5.2 Forschungstagebuch Das Forschungstagebuch dient dazu, den Verlauf des Forschungsprozes ses zu dokumentieren und Veränderungen zu Methoden oder Fragestel lung, Gedanken, Theoriebildungen und dessen Verwerfungen, unter Vgl. F lic k , Qualitative Sozialforschung, 371-372 . Vgl. F lic k , Qualitative Sozialforschung, 374-377 . 18 anderem in Form von Memos festzuhalten. Außerdem hilft es der For schenden bzw. dem Forschenden, den Verlauf zu reflektieren.17 Seit Beginn der Forschung trug ich das Tagebuch bei mir, um Notizen über das zu erforschende Thema, die Abänderungen in der Auswahl der Methoden und der Fragestellung und Memos zu den ersten Interviews und möglicher Auswertungen zu machen. Im Forschungstagebuch doku mentierte ich den gesamten Forschungsprozess und vermerkte unter an derem die Situationsbedingungen der Interviewpartnerinnen und Inter viewpartner, den jeweiligen Kontext und die Gespräche vor und nach der Aufnahme, sowie Datum, Ort und Dauer des Interviews. 1.5.3 Tonaufzeichnung Wie bereits erwähnt, stellten die Interviews der drei Familien die primäre Datengewinnung dar, die ich mit einem Aufnahmegerät festhielt. Um dem Gerät so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken und ein möglichst natürliches Gespräch führen zu können, stellte ich es an den Rand des Tisches und nicht in die Mitte. Allerdings ist durch manche Aus sagen hinsichtlich des Aufnahmegerätes erkenntlich, dass sie es während dem Gespräch nicht vergessen hatten. So erinnerte in einem Interview Mi chaela Anton an die Aufnahme des Gespräches: „Du darfst nicht immer so klopfen, das nimmt alles auf!"18 Auffallend war, dass das Aufnahmegerät von den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern unterschiedlich wahrgenommen wurde. Bei man chen eher zögerlich und skeptisch, bei anderen normal und ohne Beden ken. Das könnte einerseits den Grund haben, dass sie mir unterschiedlich viel Vertrauen schenkten, andererseits, dass manche es in ihrem Feben schon mehrmals verwendet hatten oder selber schon Interviews geführt hatten, andere nicht. Prinzipiell schien das Aufnahmegerät allerdings die beste Fösung, um die vielen Facetten und Details der Geschichten und Er fahrungen einzufangen und anschließend auszuwerten.19 1.5.4 Transkription Im Anschluss an die Aufnahme der Interviews transkribierte ich sie an hand der Transkriptionsregeln des Institutes für Volkskunde und Vgl. ebd., 377-378. Michaela, 379. Vgl. ebd., 372-373. 19 Kulturanthropologie der Karl-Franzens-Universität Graz.20 Kurz zusam mengefasst bedeutet dies: - Die Interviews wurden vollständig und wörtlich transkribiert. - Die Interviews wurden mit den Namen der Beteiligten, Datum und Ort gekennzeichnet. Es wurden für alle Beteiligten Codenamen erstellt, um sie zu anonymisieren. - Bei jedem Sprechbeitrag beginnt eine neue Zeile, die mit Zeilennum mer versehen ist. Zwischendurch wurde immer wieder eine Zeitmarke eingefügt. - Die Personen wurden am Anfang des Sprechbeitrages mit einem Kür zel versehen; zum Beispiel K: für Katrin bzw. I: für Interviewerin. - Besonderheiten in der Grammatik oder andere Sprachmittel wie „mhm" wurden dann niedergeschrieben, wenn sie für das Verständnis wichtig waren. Wortwiederholungen oder abgebrochene Wörter und Sätze wurden immer miterfasst. - Der Dialekt wurde in die Hochsprache angeglichen. Nur manche Dia lektwörter, die besonders schwer zu übersetzen oder von wesentlicher Bedeutung waren, wurden beibehalten und mit >.. .< versehen. - Die Satzzeichen wurden für Pausen der Sprecherinnen und Sprecher verwendet, im Allgemeinen folgten sie allerdings den Regeln der deut schen Grammatik. - Bei Überlappungen von Sprechbeiträgen wurde dieses Zeichen einge fügt (...). - Betonte Wörter oder Satzteile wurden unterstrichen. - Wörter oder Satzteile, die nicht verständlich waren, wurden folgender maßen markiert: (...?). Wörter, die nicht sicher richtig verstanden wur den auf diese Weise: (Gasgeschäft?) - Pausen, außersprachliche Geschehnisse und ähnliches wurden in eckige Klammern gesetzt: [lacht laut auf]. 1.6 Auswertung durch die Grounded Theory Zur Auswertung bediente ich mich vorwiegend dem offenen Kodieren der Grounded Theory von Corbin und Strauss, weil sie mir ermöglichte die Daten aufzubrechen und den Gehalt und die Bedeutung zu rekonstru ieren. „Offenes Kodieren ist der Analyseteil, der sich besonders auf das Benennen und Kategorisieren der Phänomene mittels einer eingehenden Untersuchung der Daten bezieht."21 Durch den Prozess des Durchführens Die Transkripte liegen am Institut für Religionswissenschaft an der theologi schen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz auf. STRAUSS, Anselm L. / C o rb in , Juliet M.: Grounded theory. Grundlagen qualita tiver Sozialforschung, Weinheim: Beltz 1996, 44. 20 von Vergleichen und des Hinterfragens der vorliegenden Daten im Sinne von „Was steht hinter dieser Aussage?", „Was ist gemeint?", „Was reprä sentiert es?" werden die einzelnen Aussagen, Satzteile und Absätze ko diert und später kategorisiert, also in ähnliche Gruppen zusammengefasst und benannt. Während des Prozesses der Analyse verfasste ich regelmä ßig Memos, welche Gedanken, erste Theoriebildungen, Dimensionen, Ei genschaften und Ähnliches festhielten.22 Nach dem offenen Kodieren der Daten, versuchte ich diese Kategorien in Beziehung zu setzen und sie zu ordnen; in abgeschwächter Form orien tierte ich mich hierfür an dem System des axialen Kodierens.23 So beschrie ben manche der Kategorien den Kontext, die Bedingungen des momenta nen Zusammenlebens, wie zum Beispiel die Asylpolitik in Österreich, die Motivation Flüchtlinge aufzunehmen oder die Erwartungen an sie. In an deren Kategorien erkannte ich Handlungs- und Interaktionsstrategien während der Zeit des Zusammenlebens, wie das gemeinsame Beten als Strategie des Kommunizierens und sich Kennenlernens ohne sprachliche Mittel. Wieder andere sah ich als Konsequenz, als Aussicht, als Wunsch der Familien aus ihrer Situation und aus ihren Erfahrungen heraus an Po litik oder Gesellschaft. Nach diesen komplexen und vielschichtigen Vorgängen der Analyse und des Aufbrechens der Daten, entstand der Aufbau dieser Arbeit. Die Asyl politik und die familiäre Situation setzte ich an den Anfang, da sie den Kontext der Situation beschreiben und darstellen, wobei hier vorwiegend auf die wesentlichen Aspekte eingegangen wird, die von den Paaren selbst beschrieben und erwähnt wurden. Danach folgt die Auseinander setzung mit den verschiedenen Themenbereichen Kommunikation, Ar beit und Bildung, Gender, Religion und Glaube - den Kategorien also, die sich mit dem Phänomen selbst beschäftigen und das Zusammenleben in ihrer vielschichtigen Art und Weise beschreiben. Das letzte Kapitel be nennt die Wünsche und Erwartungen der Familien auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene. So verankert sich diese Arbeit und Forschung im Gegenstand selbst. Nur durch die Auseinandersetzung mit ihm ist sie entstanden und durch ihn wurde sie geformt. Vgl. ebd., 43-55. Vgl. ebd., 76-93. 21 1.7 Verwendung von MaxQda Zur Unterstützung der Analyse bediente ich mich dem Computerpro gramm MaxQda, das mir ermöglichte, die langen Interviews und Textpas sagen angemessen zu ordnen, zu kodieren und im Anschluss daran zu vergleichen. Die Verwendung unterschiedlicher Farben für die jeweiligen Kategorien und Subcodes und die Möglichkeit sie immer wieder neu ein zuordnen, zu verschieben und in Beziehung zu setzen erleichterte mir die Auswertung der Interviews und das Schreiben der Arbeit enorm.24 24 Vgl. M A YRIN G , Philipp: Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine An leitung zu qualitativem Denken, Weinheim, Basel: Beltz 52002 (= Beltz Studium), 135-137. 22 2 Der äußere Kontext: Asylpolitik in Österreich Für das bessere Verständnis der Situationen innerhalb der Familien ist der externe Kontext von Bedeutung, besonders im Bereich der vorherrschen den Asylpolitik Österreichs, da sie die Grundlage bildet und die Zeit des Zusammenlebens durch unterschiedliche Aspekte durchwebt. Sie tau chen immer wieder in den Beschreibungen der Familien auf, wie zum Bei spiel die langen Asylbescheide oder das Nicht-Arbeiten-Dürfen.25 Sie sind Teil der Realität dieser Menschen und wirken sich somit auf ihren Alltag aus. Dabei soll ein kurzer geschichtlicher Abriss dazu dienen, die momen tane Situation und politischen Entscheidungen und Rahmenbedingungen begreiflich zu machen. Anschließend folgt eine Beschreibung der institu tionellen Rahmenbedingungen, des Asylverfahrens und der Grundver sorgung, insbesondere im Bereich des Wohnens. 2.1 Geschichte der Migrations- und Asylpolitik Migrationsbewegungen und Wanderungen unterschiedlicher Personen gruppen von einem Wohnort zu einem anderen sind historisch gesehen nichts Außergewöhnliches.26 Auch das Gebiet des heutigen Staates Öster reich war und ist nach wie vor von Aus- und Einwanderungen betroffen. In der jüngeren Phase der Migrationsgeschichte wuchs die österreichische Bevölkerung vorwiegend aufgrund der Zuwanderung um rund 1,5 Milli onen Menschen. Die Gründe dafür sind durchwegs unterschiedlich und werden in den folgenden Absätzen näher beleuchtet.27 2.1.1 Migration durch Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter Nach dem zweiten Weltkrieg erfuhr Österreich in den 1960er Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung. Zu dieser Zeit mangelte es jedoch an Ar beitskräften, weil viele Menschen aus Österreich aufgrund der besseren Arbeitsbedingungen nach Deutschland, Liechtenstein, Schweden oder in die Schweiz emigrierten. Ein weiterer Grund für die fehlenden Arbeitsnehmerinnen am österreichischen Arbeitsmarkt war, dass Frauen in die ser Zeit wieder vermehrt bei ihren Kindern zuhause blieben. Dadurch ent stand eine große Nachfrage, die mit heimischen Bewohnerinnen und Vgl. Tobias, 157; Sarah, 221; Christian, 222. Vgl. M ECH ERIL, Paul, u.a. (Hg.): Migrationsforschung als Kritik? Spielräume kri tischer Migrationsforschung, Wiesbaden: Springer VS 2013, 8-9. Vgl. EMN: Die Gestaltung der Asyl- und Migrationspolitik in Österreich, Wien: 2015, 27. 23 Bewohnern nicht ausreichend besetzt werden konnte.28 Nachdem die Ver suche aus Spanien und Italien Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an zuwerben scheiterten, wurden 1961 und 1966 Abkommen mit der Türkei und mit Jugoslawien geschlossen.29 Ab diesem Zeitpunkt war es für öster reichische Unternehmen möglich, Menschen aus der Türkei oder aus Ju goslawien für eine Arbeitsstelle anzuwerben, ohne belegen zu müssen, dass für die zu errichtende Arbeit keine einheimischen Arbeitskräfte vor handen waren. Auf diese Weise kamen zwischen 1961 und 1973 rund 265.000 Menschen nach Österreich.30 Die formale Anwerbung durch An werbeagenturen in den Herkunftsländern für Arbeitskräfte aus der Türkei und Jugoslawien war zeitintensiv und teuer. Einfacher und schneller war es, die Angestellten selbst nach Familienangehörigen und Bekannten in den Herkunftsländern zu fragen und über persönliche Kontakte neue Mit arbeiterinnen und Mitarbeiter anzuwerben. Dabei war essentiell, dass in dieser Zeit die Visafreiheit zwischen den Ländern existierte: Menschen konnten nach Österreich reisen und während der Anstellung in einem ös terreichischen Unternehmen eine Beschäftigungsbewilligung anfordern.31 Für die österreichische Politik hatte die Migration in den 1960er Jahren einen wirtschaftlichen und unternehmerischen Grund. Vorgesehen war, dass die immigrierten Arbeitskräfte nur für eine bestimmte Zeit im Land bleiben und danach in ihre Heimatländer zurückkehren. Langfristige Auf enthalte waren nicht angedacht. Dadurch gab es keine Bemühungen oder politischen Entscheidungen hinsichtlich der Integration dieser Menschen. Nach der Ölkrise 1973 kamen viele österreichische Arbeitskräfte, die im Ausland gearbeitet hatten, zurück und die Arbeitslosigkeit im Land stieg. Dadurch wurden die Ausländerbeschäftigungsgesetze deutlich verschärft und Beschränkungen für Migrantinnen und Migranten eingeführt. Durch die Familienzusammenführung immigrierten dennoch erneut Menschen nach Österreich.32 Im Jahr 1987 entschied der österreichische Verfassungs gerichtshof, dass das Recht auf Privat- und Familienleben in den vorherr schenden Gesetzen zu wenig berücksichtigt sei und verlangte das Bleibe recht für Menschen, die länger als fünf Jahre in Österreich arbeiteten. Ab diesem Zeitpunkt versuchte die Politik die in Österreich lebenden Men schen rechtlich vermehrt in die Gesellschaft zu integrieren, zum Beispiel indem man den Kindern von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern Vgl. ebd., 28. Vgl. GÄCHTER, August: Migrationspolitik in Österreich seit 1945. Arbeitspapiere Migration und soziale Mobilität Nr. 12, in: https://www.zsi.at/attach/pl208vukovic.pdf [abgerufen am: 07.01.2018]. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 28-29. Vgl. GÄCHTER, Migrationspolitik in Österreich, 4-5. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 29-30. 24 ermöglichte, Arbeit in Österreich anzunehmen, was ihnen zuvor unter sagt war. Zur gleichen Zeit wurde die Zuwanderung aus dem Ausland erschwert.33 Im Jahr 1987 wanderten die Angelegenheiten für Asyl und Migrationspolitik, die zuvor im Bundesministerium für Soziales angesie delt waren, in das Bundesministerium für Inneres.34 Dadurch verlagerte sich die führende Rolle in Fragen des Asyls von den Sozialpartnern hin zum BMI, dessen Handeln vorwiegend durch Gesetze und Einsätze der Polizei gekennzeichnet war.35 2.1.2 Fluchtbewegungen nach Österreich und gesetzliche Auswirkungen Nicht nur die Migration der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter war ein wesentlicher Grund für die Zuwanderung von Menschen in den letzten Jahrzehnten nach Österreich, sondern auch die politischen Veränderun gen in den benachbarten Ländern veranlassten mehrere Flüchtlingswel len. Von 1945 bis 1950 blieben rund 530.000 Volksdeutsche und andere Flüchtlinge aus Osteuropa in Österreich. Später folgten weitere Auswan derungen aus Ungarn (1956), aus der Tschechoslowakei (1968), Polen (1980/81) und der DDR (1989).36 In den 90er Jahren flüchteten viele Men schen aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo.37 Zusätzlich kamen Flüchtlinge von Ländern außerhalb Europas nach Österreich, vor wiegend aus Chile und dem Iran.38 Die Einwanderungen nach Österreich, bedingt durch die politischen Situ ationen in den unterschiedlichen Herkunftsländern der Flüchtlinge, brachten in den 90er Jahren einige gesetzliche Erneuerungen mit sich. Dazu trug das Stärker-werden der Freiheitlichen Partei Österreich mit ih ren Forderungen zur Verschärfung des Asylgesetzes bei. So verabschie dete das Parlament 1990 eine Quote und Obergrenze für Beschäftigungs bewilligungen für Menschen aus dem Ausland. Im Asylgesetz 1991 folgten Vgl. GÄCHTER, Migrationspolitik in Österreich, 7. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 30. Vgl. GÄCHTER, Migrationspolitik in Österreich, 16. Vgl. FASSMANN, Heinz / MÜNZ, Rainer: Einwanderungsland Österreich? Histo rische Migrationsmuster, aktuelle Trends und politische Maßnahmen, Wien: J & V 1995, 34. Vgl. Medien-Servicestelle: Jugoslawien-Kriege: 115.000 flohen nach Österreich, in: http://medienservicestelle.at/migration_bewegt/2011/06/21/kriege-in-ex-jugoslawien-fuhrten-zu-drei-grosen-fluchtlingswellen/ [abgerufen am: 15.03.2018]. Vgl. FASSMANN / MÜNZ, Einwanderungsland Österreich?, 43. 25 Beschränkungen für Aufenthaltstitel. In dieser Zeit wurde auch das Bun desasylamt für die Bearbeitung der Asylanträge geschaffen.39 1993 wurde ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht fü r Schutzbedürftige Personen (Vertrie bene) gegründet. Diese Personen, vorwiegend aus Bosnien, erhielten somit ein temporäres Aufenthaltsrecht, waren aber nicht offiziell als Flüchtlinge anerkannt. „Das Instrumentarium hatte für die Betroffenen einerseits den Vorteil, dass es ohne den Nachweis persönlicher, politischer Verfolgung angewandt werden konnte, andererseits den Nachteil, dass es Niederlas sung und Integration ausschließen sollte. Die bosnischen Kriegsflücht linge wurden vier Jahre später zwar dennoch rechtlich integriert, aber die Kosovaren nach ihnen nur zu kleinem Teil."40 2.1.3 Rechtsentwicklungen seit 1993 Ab dem Fremdengesetz 1993 und dem Aufenthaltsgesetz 1993 distanzierten sich die politischen Regelungen deutlich von einer Migrationspolitik der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter der früheren Jahre. Die Neuerungen zielten darauf ab, das Asylgesetz weiter zu verschärfen. Die Änderungen waren beispielsweise, dass zwischen der Herkunft der Asylwerberinnen und Asylwerber unterschieden (Drittstaatangehörige und EU-Fänder) und eine Obergrenze für diejenigen, die neu nach Österreich immigrierten eingeführt und ein Aufenthaltstitelsystem eingesetzt wurde. Das Fremden gesetz 1997 beinhaltete beide Gesetze von 1993. Darin war die Unterschei dung der Niederlassungsbewilligung einerseits und dem befristeten Auf enthalt andererseits zu finden, was bis in die Gegenwart beibehalten wurde. Das Anliegen der damaligen Politik war mit den Gesetzen die In tegration der Menschen, die bereits in Österreich lebten zu erleichtern und gleichzeitig weitere Immigration von außen zu stoppen. 1997 und 1998 wurden die Gesetze mit den Richtlinien der Europäischen Union in Ein klang gebracht. Das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1998 war grundlegend von dem Prinzip „Integration vor Staatsbürgerschaft" geleitet. So mussten Migrantinnen und Migranten vor dem Erhalt der österreichischen Staats bürgerschaft eine Prüfung ablegen, in der die deutsche Sprache, die öster reichische Kultur und deren Geschichte abgefragt wurden.41 Diese Prü fung ist bis heute eine Voraussetzung für den Erhalt der österreichischen Staatsbürgerschaft.42 Um die Jahrtausendwende war der Ansatz der Poli tik weiterhin die Förderung der Integration der in Österreich lebenden Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 30. GÄCHTER, Migrationspolitik in Österreich, 14-15. Vgl. EMN, 31-33. Vgl. BMI: Mein Österreich. Vorbereitung zur Staatsbürgerschaft, in: http://www.staatsbuergerschaft.gv.at/index.php?id=5 [abgerufen am: 15.03.2018]. 26 Migrantinnen und Migranten und gleichzeitig die Abwehr neuzugewanderter Personen. In der Novelle des Fremdengesetzes und des Asylgesetzes aus dem Jahr 2003 wird dieser Ansatz erkennbar, indem der Zugang zum Ar beitsmarkt für Menschen aus dem Ausland weiter eingeschränkt und ver pflichtende Integrationskurse für die in Österreich lebenden zugewander ten Personen eingeführt wurden.43 Außerdem führte das Innenministe rium in diesem Jahr den Status der subsidiär Schutzberechtigten ein, welcher den legalen Aufenthalt in Österreich auf die Dauer eines Jahres be schränkte. Nach Ende dieses Jahres mussten die betroffenen Migrantinnen und Migranten einen Antrag auf Verlängerung stellen. Dadurch war für sie die Möglichkeit im Land bleiben zu dürfen ungewiss.44 Im Jahr 2005 trat das Fremdenpolizeigesetz 2005, das Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz 2005 und das Asylgesetz 2005 in Kraft, die die weiteren EU-Standards in tegrieren und umsetzen sollten. Darin wurden unter anderem das be schleunigte Abschiebeverfahren für vorbestrafte Asylsuchende, die ver schärfte und verlängerte Schubhaft und das Implementieren der Identi tätskarten für Drittstaatangehörige festgehalten. Daraufhin folgte das Fremdenrechtspaket 2011 mit der Einführung eines weiteren Quotensys tems für Drittstaatangehörige für hochqualifizierte Schlüsselkräfte, schär fere Schubhaftregelungen, den Aufenthalt für Asylsuchende für mindes tens eine Woche in einer der Erstaufnahmestellen und die Möglichkeit der kostenlosen Rechtsberatung während des Asylverfahrens. Das Jahr 2015 war von einer hohen Einwanderungswelle insbesondere aus den Ländern des Nahen Ostens zuerst nach Griechenland und Italien und im weiteren Schritt nach Österreich und Deutschland geprägt. Die Menschen machten sich aufgrund von Krieg und politischer Verfolgung in ihren Herkunfts ländern auf den Weg nach Europa um Asyl zu beantragen. Rechtlich ge sehen entstand in dieser Zeit das Fremdenrechtsgesetz 2015, das einige Neu erungen für Asylsuchende im Zulassungsverfahren und bei der Schubhaft beinhaltete. Des Weiteren wurde darin ein schnelleres Asylverfahren für Asylwerberinnen und Asylwerber aus sicheren Herkunftsländern festge halten.45 Abschließend wird in den folgenden zwei Abbildungen noch einmal ein Überblick über die Immigrationsgeschichte Österreichs seit dem Jahr 1961 gegeben. Dabei heben sich die Jahre 1990 und 2015 ab. Sie sind durch eine hohe Zuwanderung nach Österreich geprägt. Grund dafür waren wie be reits erwähnt die politischen Situationen und Umwälzungen in den Her kunftsstaaten der geflüchteten Menschen. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 31-33. Vgl. G ÄCH TER, Migrationspolitik in Österreich, 15. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 32-37. 27 WANDERUNGSSALDO ÖSTERREICHS 1961-2016 (Zuzüge minus Wegzüge) f 120.000 ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 113.067 Q.: STATISTIK AUSTRIA, Bevölkerungsfortschreibung, Wanderungsstatistik. Abb. 1: Wanderungssaldo Österreichs 1961-2016 (Zuzüge minus Wegzüge)46 ENTWICKLUNG DES AUSLÄNDERANTEILS IN ÖSTERREICH 1961-2016 Q.: STATISTIK AUSTRIA, S tatistik des Bevölkerungsstandes (Bevölkerung im Jahresdurchschnitt). Abb. 2: Entwicklung des Aus länderanteils in Österreich 1961-201647 Statistik Austria: Migration und Integration. Zahlen.Daten.Indikatoren 2017, Wien: 2017, 25. Ebd., 25. 28 2.2 Asylpolitik und Asylverfahren heute In Hinblick auf die heute noch gültigen rechtlichen Rahmenbedingungen sind vorwiegend die Asylgesetze seit den Jahren 2005, also das Fremden polizeigesetz 2005, das Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz 2005, das Asyl gesetz 2005, das Fremdenrechtsänderungsgesetz 2009, das Fremdenrechtsände rungsgesetz 2011 und das Fremdenrechtsänderungsgesetz 2015, wirksam. Weitere wichtige Zulassungsregelungen sind in folgenden Dokumenten festgehalten: die Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz-Durchführungsver ordnung, die Integrationsvereinbarungsverordnung, die Fremdenpolizeigesetz Durchführungsverordnung, die Niederlassungsverordnung, das Ausländerbe schäftigungsgesetz und das Staatsbürgerschaftsgesetz. Durch die mehrfachen Änderungen und Erneuerungen der letzten Jahre ist das österreichische Rechtssystem im Bereich der Asyl- und Migrationspolitik zu einem der komplexesten Sachverhalte Europas geworden.48 Hinsichtlich der institutionellen Rahmenbedingungen ist primär das Bun desministerium für Inneres (BMI) zu nennen, welches für einen Großteil der Asylangelegenheiten zuständig ist. In seinen Bereich fallen zum Beispiel die Überwachung des Ein- und Austritts aus dem Bundesgebiet, die Frem denpolizei und die Durchführung der Abschiebungen. Ihm ist auch die Polizeiverwaltung in den einzelnen Bundesländern unterstellt. Das Bun desamt fü r Fremdenwesen und Asyl (BFA) arbeitet ebenfalls im Auftrag des BMI und regelt alle wichtigen Maßnahmen während des Asylverfahrens. Es kümmert sich unter anderem um die Anerkennung bzw. Aberkennung von Status asylberechtigt und subsidiär schutzberechtigt, sowie die Erteilung von Aufenthaltstiteln. Ebenfalls ist es zuständig für die Entscheidung über Schubhaft und die freiwillige Rückkehr der Asylsuchenden, sowie die Durchführung von Angelegenheiten sämtlicher Dokumente während des Asylverfahrens.49 Das Bundesministerium für Europa, Integration und Außeres (BMEIA) küm mert sich insbesondere um die Bereiche der Integration. Der Österreichi sche Integrationsfonds ist Partner des BMEIA und hilft anerkannten Flücht lingen und Migrantinnen und Migranten während des Prozesses der Ein gliederung in die Gesellschaft.50 Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 17-19. Vgl. ebd., 21. Vgl. ebd., 21. 29 Das Bundesministerium fü r Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK) ist für Arbeitsmarktpolitik und die Ausländerbeschäftigungspolitik ver antwortlich. Das Arbeitsmarktservice (AMS) ist dem BMASK unterstellt und vermittelt Arbeitsstellen unter anderem an arbeitsuchende Migrantinnen und Migranten und an anerkannte Flüchtlinge.51 2.2.1 Zahlen und Fakten 22% der in Österreich lebenden Bevölkerung hat Migrationshintergrund.52 Unter ihnen besitzen 37% die österreichische Staatsbürgerschaft. Bewoh nerinnen und Bewohnern mit ausländischer Staatsbürgerschaft kommen vorwiegend aus Deutschland, gefolgt von Serbinnen und Serben und Tür kinnen und Türken. An neunter Stelle mit 45.259 Personen liegt Afghanis tan.53 Dabei ist anzumerken, dass es ganz unterschiedliche Formen der Zuwan derung nach Österreich gibt, sowie die Migration der Schlüsselarbeits kräfte oder Saisonarbeiterinnen und Saisonarbeitern aus den Drittstaaten, der Zuzug von EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern, von Asylwerberinnen und Asylwerber und deren Familien.54 Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 21-22. Migrationshintergrund bedeutet in dieser Statistik, dass beide Elternteile der Person im Ausland geboren wurden. Dabei wird zwischen der ersten und der zweiten Generation unterschieden. Die erste Generation umfasst die Menschen, die im Ausland zur Welt kamen. Die zweite Generation bezeichnet diejenigen, die bereits in Österreich geboren wurden. Quelle: Statistik Austria, Migration und Integration 2017, 22. Vgl. Statistik Austria, Migration und Integration 2017, 26-27. Vgl. ebd., 40-41. 30 FORMEN DER ZUWANDERUNG NACH ÖSTERREICH 2016 5.000 Personen 85.700 Zuzüge von Staatsangehörigen EU/EFTA1) 15.500 Rückkehr österreichischer I Staatsangehöriger1) 42.300 Asylwerber/-innen inmmm 1.200 Schlüsselarbeitskräfte aus Drittstaaten 1 7.400 Erstaufenthaltsbewilligungen2) 3.200 Saisonarbeiter/innen aus Drittstaaten3) III 14.200Familiennachzug aus Drittstaaten 6.200 Sonstiger Zuzug von Drittstaatsangehörigen4) Q.: STATISTIK AUSTRIA, Wanderungsstatistik; BMI, Niederlassungs- und Aufenthaltsstatistik sowie Asylstatistik; AMS, Arbeitsmarktdaten. - 1 ) Lt. Wanderungsstatistik (Meldewesen). - 2) Zum vorübergehenden Aufenthalt u. a. für Auszubil dende, Forscher, Au-Pair. - 3) Anrechenbarer Bestand im Jahresdurchschnitt It. AMS. - 4) Lt. Niederlassungs- und Aufenthaltsstatistik. - Aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden der verwendeten Datenquellen stim m t die Summe der angeführten Zahlen nicht m it der Summe der Zuzüge It. Wanderungsstatistik überein. A b b . 3: Form en der Zuw anderung n ach Österreich 2016;,55 Ebd., 41. Bezogen auf die Asylwerberinnen und Asylwerber, die in Österreich ei nen Asylantrag stellen, ist zu erwähnen, dass sie vorwiegend aus Afgha nistan, Syrien und dem Irak stammen, aus Ländern also, die momentan von Kriegen und humanitären Katastrophen geprägt sind. Die Situation in den Herkunftsländern vieler Asylsuchender ist dermaßen prekär, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, als aus ihren Heimatländern zu flüch ten.56 International gesehen, waren Ende 2016 rund 65,6 Millionen Men schen auf der Flucht, die Hälfte von ihnen Kinder. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien, Afghanistan, Südsudan, Somalia, Sudan und der De mokratischen Republik Kongo. Die Länder, die die meisten Flüchtlinge aufnehmen sind Türkei, Pakistan, Libanon, Iran, Uganda und Äthiopien.57 Obwohl die UNO im Jahr 2012 Hilfsgelder in der Höhe von 440 Millionen Dollar für die Unterstützung der in der Türkei, im Libanon und in Jorda nien lebenden Flüchtlinge, vorwiegend aus dem Nachbarland Syrien, for derte, zahlte die Staatengemeinschaft nur ein Drittel davon. 2014 folgte ein weiterer Aufruf der UNO an die Staatengemeinschaft um 7,7 Milliarden Euro, da die Finanzierung der Hilfsleistungen der Flüchtlinge aus Syrien und der Umgebung nicht gesichert war. Davon bekam sie in diesem Jahr lediglich 3,5 Milliarden Euro. Auf Österreich bezogen ist zu erwähnen, dass in dieser Zeit das BMI in Österreich die Aufteilung von Flüchtlingen innerhalb der Europäischen Union ablehnte, zu diesem Zeitpunkt gab es schon größere Einwande rungswellen nach Italien und Griechenland, und kein weiteres Erstauf nahmezentrum neben Traiskirchen und Thalham organisierte. Unterdes sen verringerte man seit 2008 kontinuierlich die Ausgaben im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit von 103 Millionen Euro auf 77 Millionen Euro.58 Vgl. L u f t , Stefan: Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte, Folgen, München: Verlag C.H. Beck 22016 (= C.H. Beck Wissen 2857), 7. Vgl. UNO: Zahlen und Fakten. Flüchtlinge weltweit, in: https://www.unofluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten.html [abgerufen am: 10.01.2018]. Vgl. M A IER, Ferdinand / O RTN ER, Julia: Willkommen in Österreich. Was wir für Flüchtlinge leisten können und wo Österreich versagt hat, Innsbruck: Tyrolia- Verlag 2017, 22-23. 32 Im Jahr 2015 kam es somit zu einer großen Einwanderungswelle nach Ös terreich, auf die sich die Politik nicht ausreichend vorbereitet hatte. In die sem Jahr wanderten 214.000 Personen nach Österreich zu und 101.300 Menschen aus. Das bedeutet einen Zuzug von 113.100 Menschen, die Hälfte von ihnen kommt aus Staaten außerhalb der EU59. 88.340 Asylan träge wurden in Österreich im Jahr 2015 gestellt. Das sind insgesamt gleich viele wie in den vorherigen fünf Jahren zusammen. Die meisten stammten aus Afghanistan und Syrien, gefolgt von Irak, Iran, Pakistan, Kosovo und Somalia.60 Im Jahr 2016 ging die Zahl der Asylanträge auf 42.285 zurück. Die Herkunftsländer der Asylsuchenden waren weiterhin vorwiegend Afghanistan und Syrien, Irak, Pakistan und Iran.61 ASYLANTRÄGE IN ÖSTERREICH 2015 UND 2016 nach Staatsangehörigkeit Afghanistan Syrien Irak Pakistan Iran Nigeria Russische Föderation Somalia staaten los Marokko Algerien Q.: BMI, Asylstatistik. Abb. 4: Asylanträge in Österreich 2015 und 2016 nach Staatsangehörigkeit62 Vgl. Statistik Austria, Migration und Integration 2017, 34. Vgl. DASS.: Migration und Integration. Zahlen.Daten.Indikatoren 2016, Wien: 2016, 36. Vgl. Statistik Austria, Migration und Integration 2017, 36. Statistik Austria, Migration und Integration 2017, 37. 33 Besonders viele Asylanträge bezogen auf die Bevölkerungsanzahl wur den im Vergleich der Europäischen Staaten in Deutschland gestellt, ge folgt von Österreich, Griechenland, Malta, Zypern und der Schweiz. Der EU-Durchschnitt liegt bei 2,5 Personen je 1000 Einwohnerinnen und Ein wohner. Österreich liegt mit 4,9 Personen darüber.63 Im Jahr 2015 waren 14.413 Asylanträge positiv, im Jahr 2016 waren es 22.307. Das bedeutet, dass im Jahr 2016, im Gegensatz zu den Jahren davor ein relativ hoher Prozentsatz rechtmäßig positiv entschieden wurde. Der Höchstwert der positiven Asylbescheide liegt bei Asylsuchenden aus Sy rien, die zu 89% einen positiven Asylbescheid bekamen. Der Anteil er höhte sich im Vergleich zum Vorjahr. 1.756 positive Asylbescheide wur den Personen aus Afghanistan erteilt. Das macht 25% aller Anträge von afghanischen Asylwerberinnen und Asylwerber aus. Im Vergleich zum Vorjahr nahm dieser Prozentsatz an positiven Asylbescheiden ab.64 ASYLANTRÄGE UND ANERKENNUNG VON FLÜCHTLINGEN IN ÖSTERREICH 2007-2016 ■ Asylanträge ■ Anerkennung von Flüchtlingen 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 Q.: BMI, Asylstatistik. - Die Anzahl der Anerkennungen steht in keinem Zusammenhang m it der Zahl der im selben Jahr gestellten Asylanträge. Abb. 5: Asylanträge und Anerkennung von Flüchtlingen in Österreich 2007-201665 63 Vgl. ebd., 36-37. 64 Vgl. ebd., 36-37. 65 Statistik Austria, Migration und Integration 2017, 37. 34 Asylgewährung | Ablehnung Q.: BMI, Asylstatistik. Abb. 6: Asylentscheidungen 2016 nach Staatsangehörigkeit66 2.2.2 Ablauf des Asylverfahrens Wie zuvor bereits erwähnt ist das BFA für die Durchführung des Asylver fahrens in Österreich zuständig. Das BFA unterteilt sich in die Direktion, also die Zentrale, die in Wien angesiedelt ist und in Regionaldirektionen, die sich in den jeweiligen Bundesländern befinden. Zusätzlich gibt es noch die Erstaufnahmestellen Ost, West und Flughafen.67 Grundlage des BFA sind auf europäischer Ebene die Genfer Flüchtlingskon vention und die Europäische Menschenrechtskonvention und in Österreich das Asylgesetz 2005. Ziel des BFA ist es, während des Asylverfahrens in welchem Einzelfälle überprüft werden, herauszufinden und anschließend zu entscheiden, ob den Asylwerberinnen und Asylwerber internationaler Schutz vor Verfolgung in Österreich gewährt wird oder nicht.68 Das Zulassungsverfahren am Beginn des Prozesses stellt fest, ob Öster reich für das Asylverfahren zuständig ist, oder ob aufgrund des Dublin- Ebd., 39. Vgl. BFA: Asylverfahren. Ablauf und Verfahren in Österreich, in: www.bfa.gv.at/bmi_docs/1954.pdf [abgerufen am: 23.02.2018]. Vgl. ebd., 8-9. 35 Verfahrens die Person in ein anderes EU-Land überstellt werden muss. Dazu wird gleich zu Beginn ein Asylantrag bei einer Sicherheitsbehörde in Österreich von der Asylwerberin bzw. dem Asylwerber gestellt. Dieser Antrag kann nur persönlich und innerhalb des Staatsgebietes beantragt werden. Der öffentliche Sicherheitsdienst bzw. die Sicherheitsbehörde übernimmt die Registrierung, die Erstbefragung, in der die Eckdaten zur Person und die Reiseroute geklärt werden und nimmt einen Fingerab druck ab, damit untersucht werden kann, ob die Person bereits einen Asylantrag in einem anderen EU-Land gestellt hat. Auf dieser Grundlage wird die Prognoseentscheidung durch das BFA getroffen: Ist Österreich nicht zuständig, wird der Asylsuchende in das zuständige Land über stellt; ist Österreich zuständig beginnt das inhaltliche Asylverfahren69, in welchem vor allem das Interview und die darin befragten Gründe der Flucht, der persönliche Kontext und die Sorgen im Falle einer Rückkehr grundlegend zur Entscheidung über den Asylbescheid beitragen.70 Insbe sondere wird darauf geachtet, ob der Asylsuchende falsche Aussagen macht. Für das Interview kann eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher hinzugezogen werden. Die Befragung wird daraufhin verschriftlicht und anschließend wird der jeweilige Einzelfall überprüft,71 wofür das BFA un ter anderem aktuelle Informationen zum Herkunftsland einholt, um die Plausibilität der Aussagen und die Sicherheitslage zu klären.72 In einem Bescheid wird die Entscheidung des BFA über den jeweiligen Einzelfall festgehalten. „In jedem Bescheid gibt es den Spruch, das ist das Ergebnis des Verfahrens, die Begründung der Entscheidung und die Rechtsmittelbelehrung."73 Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten des Spruches: Asyl zuerkannt (für 3 Jahre befristet), subsidiärer Schutz zuerkannt (für ein Jahr befristet), Aufenthaltstitel erteilt oder internationaler Schutz ab gewiesen. Die Asylwerberinnen und Asylwerber können vor Gericht gegen das Ergebnis des Bescheides Beschwerde einreichen. Während dieses Pro zesses darf die Person nicht abgeschoben werden.74 Wird internationaler Schutz nicht anerkannt, so muss die Asylwerberin bzw. der Asylwerber außer Landes reisen. Reist die Person nicht freiwillig aus, so kommt es zur zwangsweisen Abschiebung, bei der sie entweder in das Herkunftsland, in das Land, das für das Asylverfahren zuständig ist (Dublin-Verfahren) oder in ein anderes Land, in das sie reisen darf, Vgl. ebd., 8-13. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 67-68. Vgl. BFA, Asylverfahren, 16-17. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 67-68. BFA, Asylverfahren, 18. Vgl. ebd., 18-21. 36 gebracht wird.75 Kann die Asylwerberin bzw. der Asylwerber aus be stimmten Gründen nicht abgeschoben werden, weil zum Beispiel Reise dokumente nicht ausgestellt werden können, so kann sie oder er die Dul dungskarte beantragen, welche allerdings kein Aufenthaltsrecht bedeutet, sondern nur besagt, dass in diesem Moment die Abschiebung nicht mög lich ist.76 Neben der Duldungskarte gibt es weitere Dokumente, die während des Asylverfahrens ausgestellt werden. Darunter die grüne Karte, die der Asylsuchende während des Zulassungsverfahrens erhält und die es ihm nicht erlaubt den jeweiligen Bezirk zu verlassen. Die weiße Karte bedeutet ein Aufenthaltsrecht während des inhaltlichen Asylverfahrens. Die blaue Karte erhält man für den Status des Asylberechtigten, die graue für subsidiär schutzberechtigt. Neben diesen gibt es noch den Konventionsreisepass, den Fremdenpass, die Identitätskarte für Fremde und die Karte für den Auf enthaltstitel aus berücksichtigungswürdigen Gründen.77 2.2.3 Grundversorgung Die Grundversorgung beinhaltet die Bereitstellung einer Unterkunft und Verpflegung für Asylsuchende und andere befugte Personen, Sach- und Geldleistungen für Kleidung und Taschengeld. Unter anderem fallen nichtmaterielle Feistungen, wie Krankenversicherung, Zugang zu Bil dung und Freizeitaktivitäten in den Bereich der Grundversorgung. Es gibt drei Formen von Unterkünften für die Asylsuchenden während der Grundversorgung: (1) Erstaufnahmestellen und Durchgangszentren, (2) organisierte Unterkünfte und (3) individuelle Unterbringungen. Ersteres fällt in den Aufgabenbereich des Bundes, die anderen in den der Länder. Da es insgesamt zehn unterschiedliche Gesetzgebungen gibt, eines vom Bund und neun für die jeweiligen Bundesländer, variieren die Ausfüh rungen der Grundversorgung in den jeweiligen Bundesländern.78 Personen, die Anspruch auf die Grundversorgung haben sind Asylsu chende, die sich im Zulassungsverfahren oder im inhaltlichen Asylverfah ren befinden, subsidiär Schutzberechtigte, Personen, die abgewiesen wur den und auf die Ausreise warten, Personen, die aus rechtlichen Gründen nicht abgeschoben werden können, Personen mit Aufenthaltsbewilligung besonderer Schutz, sowie Asylberechtigte für maximal vier Monate nach Vgl. ebd., 22-23. Vgl. ebd., 22-24. Vgl. ebd., 26-30. Vgl. K oppenberg , Saskia: Die Gestaltung der Grundversorgung in Österreich, Wien: 2014,10-14. 37 ihrem positiven Bescheid. Des Weiteren muss diese Person schutzbedürf tig und hilfsbedürftig sein. Hilfsbedürftig, so das Grundversorgungsge setz von Oberösterreich, sind jene Menschen, die nicht über genügend Mittel verfügen, um sich einen ähnlichen Lebensunterhalt selbst zu finan zieren.79 Hilfsbedürftige und schutzbedürftige Asylsuchende kommen demnach bis zum Beginn ihres inhaltlichen Asylverfahrens in eine Einrichtung des Bundes, dabei kann es sich um eine Erstaufnahmestelle oder um Vertei lerquartiere handeln, je nachdem, ob die Wahrscheinlichkeit einer Uber stellung in ein anderes Bundesland als hoch eingestuft wird (Erstaufnah mestelle) oder nicht (Verteilerquartier). Danach werden die Asylwerberinnen und Asylwerber in die Bundesländer und deren Asylquartiere übermittelt.80 Die Entscheidung über die jeweilige Zuteilung trifft der Bund in Absprache mit dem jeweiligen Bundesland. Entscheidend dabei sind folgende Kriterien: Kapazität, geografische Lage (die Region wird be vorzugt, wo der Asylsuchende seinen Antrag gestellt hat), der Vertei lungsmechanismus (Verhältnis Bewohnerinnen und Bewohner zu Asyl suchenden), Familienangehörige, ethnische Zugehörigkeit oder andere Merkmale, die bei der Zuteilung besonders berücksichtigt werden sollten. Hinsichtlich des Verteilungsmechanismus ist Wien das einzige Bundes land, das seine Quote erfüllt.81 In Bezug auf die Finanzen ist bei einer individuellen Unterkunft folgendes festzuhalten: - Miete: 120€ monatlich für Erwachsene bzw. 240€ monatlich für eine Fa milie (ab zwei Personen) - Verpflegung bei Erwachsenen: 200€ monatlich - Verpflegung von Minderjährigen: 90€ monatlich - Verpflegung von unbegleiteten Minderjährigen: 180€ monatlich Bei einer organisierten Unterkunft erhält die Betreiberin bzw. der Betrei ber der Pension für die Verpflegung und Unterbringung: - für jeden Erwachsenen: 19€ täglich - für jeden unbegleiteten Minderjährigen: je nachdem wie sie unterge bracht sind; 77€ (Wohngruppen), 62€ (Wohnheime) und 39€ (betreutes Wohnen) täglich 79 Vgl. ebd., 23-25. 80 Vgl. BMI: Grundversorgung. Unterbringung und Betreuung, in: http://www. bmi.gv.at/303/start.aspx [abgerufen am: 25.01.2018]. 81 Vgl. K oppenberg , Gestaltung Grundversorgung, 37-40. 38 Die Asylwerberinnen und Asylwerber erhalten in organisierten Unter bringungen zusätzlich 150€ jährlich für die Bekleidung und 40€ monatlich als Taschengeld.82 Für die soziale Betreuung der Asylsuchenden, die Weitergabe an Informa tionen und die Beratung bei diversen Anliegen liegt der Schlüssel für eine Mitarbeiterin bzw. einen Mitarbeiter bei 170 Asylwerberinnen bzw. Asyl werber. Das variiert für Gruppen, die spezielle Unterstützung benötigen, z.B. unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.83 2.2.4 Arbeitsmarktzugang Asylwerberinnen und Asylwerber dürfen in den ersten drei Monaten ih res Asylverfahrens nicht arbeiten. Danach ist für sie der Zugang zum Ar beitsmarkt beschränkt möglich.84 Darunter fallen Hilfstätigkeiten im Quartier, selbstständige Tätigkeiten, Saisonarbeit, gemeinnützige Tätig keiten und eine Fehre für Asylwerberinnen und Asylwerber bis zum voll endeten 25. Febensjahr.85 Für die Hilfstätigkeiten im Quartier wird eine Vereinbarung mit der Ver antwortlichen bzw. dem Verantwortlichen des Quartiers, jedoch keine Be willigung des AMS benötigt. Es handelt sich in diesem Fall um Bereiche wie Reinigung, Küche, Transport und Instandhaltung des Quartiers. Die Asylwerberin bzw. der Asylwerber soll im Gegenzug einen Anerken nungsbeitrag erhalten.86 In manchen Bundesländern gibt es zusätzlich die Möglichkeit Hilfstätig keiten für Bund, Fand oder Gemeinde auszuführen. Dafür erhalten sie derzeit höchstens 110€ monatlich.87 Das sind Tätigkeiten im Bereich Fandschaftspflege und Fandschaftsgestaltung, Soziales, Kindergärten und Schulen, Gesundheit, Umwelt, Abfall und Tiere, Kultur und Sonstiges.88 Für Asylsuchende ist es unter anderem möglich, in der Saisonarbeit im Bereich Fand- und Forstwirtschaft und Tourismus mitzuarbeiten. Dafür benötigt sie oder er eine Beschäftigungsbewilligung des AMS. Außerdem Vgl. ebd., 44-45. Vgl. ebd., 47-48. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 80-81. Vgl. AMS OO: Arbeitsmöglichkeiten für Asylwerberinnen und Asylwerber, in: www.ams.at/_docs/400_Asyl-Folder_DEUTSCH.pdf [abgerufen am: 25.01.2018]. Vgl. AMS OO, Arbeitsmöglichkeiten für Asylwerberinnen, 4. Vgl. EMN, Asyl- und Migrationspolitik, 81. Vgl. BMI, Grundversorgung. 39 ist zu beachten, dass die Saisonarbeit immer für eine gewisse Zeit befristet ist, so ist es zum Beispiel im Bereich der Landwirtschaft möglich für max. 6 Monate angestellt zu werden. Die Dienstgeberin bzw. der Dienstgeber muss die Angestellte bzw. den Angestellten sozial versichern und ihn bei der Gebietskrankenkasse anmelden.89 Des Weiteren können Asylwerberinnen und Asylwerber bis zum vollen deten 25. Lebensjahr eine Lehre im Bereich der Mangelberufe beginnen. Der Lehrlingsmangel muss anhand eines Ersatzkraftverfahrens festge stellt werden. Der Asylsuchende beantragt zur Zulassung zum Lehrberuf eine Beschäftigungsbewilligung beim AMS, die für die gesamte Zeit der Lehre ausgestellt wird. Die Dienstgeberin bzw. der Dienstgeber ist ver pflichtet, den Lehrling sozial zu versichern und bei der Gebietskranken kasse anzumelden.90 89 Vgl. AMS OÖ, Arbeitsmöglichkeiten für Asylwerberinnen, 5. 90 Vgl. ebd., 6. 40 3 Flüchtlingskrise und mediale Bilder Seit Herbst 2014 wurde in den Medien vermehrt über die Situation der Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa berichtet, darunter die Ereignisse bei Bootsüberfahren am Mittelmeer und die Lage in Griechenland. Im Jahr 2015 erhöhten sich die Flüchtlingszahlen weltweit und die Berichterstat tung über das Thema Flucht und Asyl in Österreich verdichteten sich.91 Unter anderem, weil es sich um ganz konkrete Ereignisse an der Grenze Ungarns zu Österreich handelte, beispielsweise das Unglück vom 27. Au gust 2015, bei dem 71 Leichen in einem Kühllaster in der Nähe von Wien gefunden wurden.92 Zu dieser Zeit flüchteten immer mehr Menschen über die sogenannte Balkanroute über Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn Richtung Mitteleuropa. Ende August entschied die ungarische Regierung die Züge Richtung Österreich und Deutschland für Flüchtlinge regulär zu ermöglichen, was sie gleich darauf, nämlich Anfang September wieder verhinderte, woraufhin sich tausende Asylsuchende am Budapester Bahnhof sammelten. Am 4. September entschlossen 1.200 Flüchtlinge eigenständig und zu Fuß über die Autobahn an die Grenze nach Öster reich zu gelangen. Nach einer Entscheidung zwischen Österreich, Deutschland und Ungarn, wurde es den Menschen ermöglicht über die Grenze nach Österreich und weiter nach Deutschland reisen.93 Ab dem 5. September 2015 stiegen die Zahlen der ankommenden Flücht linge in Österreich auf rund 5.000-10.000 Menschen täglich. Das Rote Kreuz versorgte die Ankommenden in Nickelsdorf mit dem Notwendigs ten und von Seiten der ÖBB wurden Züge organisiert, um sie nach Deutschland weiterzubringen.94 Zu diesem Zeitpunkt waren die Erstauf nahmezentren und Flüchtlingslager in Österreich längst überfüllt und die Kapazitäten weit überschritten. Bereits im August 2015 waren rund 4.900 Menschen im Lager Traiskirchen untergebracht, davon 1.600 minderjäh rige Flüchtlinge. Von Mai- Dezember 2015 machte die Diakonie rund 350 Mal auf Kindeswohlsgefährdung und schwere Nachlässigung im Lager Traiskirchen aufmerksam.95 Vgl. MAIER / Ortner, Willkommen in Österreich,10-ll. Vgl. Lehmann, Julian: Flucht in der Krise- Ein Rückblick auf die EU- "Flücht lingskrise" 2015, in: APuZ 52/2015, 7-8. Vgl. ebd., 8. Vgl. Maier / Ortner, Willkommen in Österreich, 19. Vgl. ebd., 10-16. 41 2015, der Höhepunkt steigender Flüchtlingszahlen, sollte die nächsten Jahre europäischer und österreichischer Politik und gesellschaftlicher Dis kurse prägen. In diesem Kontext verorten sich die Geschichten und Situa tionen der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner. In ihm findet das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien ihre Motivation und ihren Beginn. Die Bilder der Flüchtlingskrise und die über füllten Aufnahmezentren lösten in ihnen ein Bedürfnis aus Hilfe zu leisten und den Menschen auf der Straße eine Unterkunft zu bieten.96 Ja, M otivation war, man hat einfach immer dieses Leid gesehen, also einfach, diese Problematik war ja ständig in den Medien.97 W ie im Frühjahr 2015 die ersten Bilder durch die M edien gegangen sind, dass in Österreich, vor allem in Traiskirchen aber auch an derswo Flüchtlinge auf der Straße schlafen, weil sie- und diese Bil der näm lich nicht abgerissen sind, haben wir relativ flott eigentlich überlegt, wir haben zwei Kinderzimmer, die wir nicht brauchen und die können wir jedenfalls zur Verfügung stellen, dass die M enschen zum indest nicht auf der Straße schlafen müssen.98 Der erste Kontakt zweier Interviewpartnerinnen zu den Flüchtlingen war in genau diesem Kontext eingebettet: überlastete Flüchtlingslager, Men schen, die auf der Straße schlafen, überforderte NGOs. Ja, das war furchtbar wie viele Leute da am Bahnhof waren. Ich hab das gesehen, das war arg.99 He, mir sind die Knie geschlottert. ( ...) Ich bin in das Zimmer hin eingegangen, in dem Flüchtlingsheim war es voll chaotisch, voll laut, es hat ausgeschaut, es war "schiach", es war heruntergekom men es war ziem lich viel kaputt- die Kinder waren lustig drauf und die Erwachsenen haben irgendwie auch das Beste draus ge macht, aber das Heim dort war ein W ahnsinn!100 96 Vgl. Tobias, 6; siehe auch Sarah, 28; Anton, 24. 97 Sarah, 28. 98 Tobias, 6. " Michaela, 180. 100 Katrin, 24. 42 4 Der engere Kontext: Leben im Dorf und in der Familie Im folgenden Kapitel gebe ich einen Einblick in den engeren Kontext der Familien, um die nachfolgenden Themenbereiche des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien angemessen einordnen zu können. Dabei werfe ich einen Blick auf das Engagement im Dorf und beschreibe die Situation der Familien, deren Wohnsituation und Motiva tion. 4.1 Engagement im Dorf Es ist Begegnungskaffee. Menschen trudeln von allen Seiten ins Pfarrheim ein, um den Nachmittag in Gesellschaft ihrer Nachbarinnen und Nach barn zu verbringen. Darunter Familien, Kinder, ältere und jüngere Men schen, Menschen aus Afghanistan und Syrien, Frauen mit und ohne Kopf tuch. Sie alle wohnen in dem einen Dorf, kennen sich, scheinen sich zu verstehen, lachen, quatschen und tratschen über Neuigkeiten, unterhalten sich über das Leben, die nächsten Schritte, die Herausforderungen, trin ken Kaffee und essen Kuchen. Sie helfen einander, begegnen einander auf Augenhöhe. Die eine braucht die Übersetzung eines Liedes von Deutsch auf Farsi, die andere die Unterstützung für die nächste Deutschprüfung. Sie feiern die Erfolge der letzten Monate, insbesondere den Erfolg ihrer Nachbarinnen und Nachbarn aus Afghanistan und Syrien in den Prüfun gen der Deutschkurse B l. Sie alle, Männer wie Frauen, können sich ohne größere Anstrengung in deutscher Sprache unterhalten. Alle Anwesenden scheinen stolz darauf zu sein, denn sie haben zu diesem Erfolg beigetra gen.101 Dieses Zusammenleben verschiedener Kulturen innerhalb des Dorfes war nicht von vornherein gegeben. Es entstand aufgrund des Engagements ei niger Freiwilliger nach den Ereignissen im Sommer 2015, die in ihnen das Bedürfnis ausgelöst haben etwas für diese Menschen zu tun und sie zu unterstützen. In diesem Dorf wohnen rund 3.200 Menschen und auf poli tischer Ebene wurde zu dieser Zeit im Bereich der Asylpolitik wenig ge tan. Ich kann m ich gut erinnern, dass medial alle überfordert waren, vom Innenministerium herunter, so viele M enschen auf der Straße, Vgl. Gedächtnisprotokoll Begegnungskaffee, 25.7.2017. 43 in den Zelten, überall und wir waren, [Name des Dorfes] hat seit 30 Jahren keine Flüchtlinge mehr gesehen.102 Deshalb begannen einige von sich aus die Bereitstellung von Unterkünf ten zu organisieren. Eine Familie entschied bei sich zuhause Flüchtlinge aufzunehmen, zwei weitere schlossen sich an. So hat sich „der Blick ge schärft auf die Geschichten"103 dieser Menschen und Kräfte und Engage ment wurden gebündelt, um ein größeres Haus zu organisieren, indem gleich mehrere Asylsuchende unterkamen. Gleich darauf wurde ein Ver ein gegründet, der sich um Themen und Aktivitäten der Integration be mühte, das Begegnungskaffee einmal im Monat veranstaltete, einen Deutschkurs organisierte, welcher von unterschiedlichen Leuten aus dem Dorf vier Mal die Woche gehalten wurde und indem die Asylsuchenden die Basis der deutschen Sprache und Kommunikation erlernten. Die Prü fungen der unterschiedlichen Niveaus machten sie in der nächstgrößeren Stadt, um zertifizierte Abschlüsse zu erhalten. Das Engagement bewährte sich, denn innerhalb kürzester Zeit konnten sich alle zugewanderten Dorf bewohnerinnen und Dorfbewohner, natürlich unterschiedlich schnell, in der deutschen Sprache unterhalten und die Prüfungen erfolgreich beste hen. Nach zwei Jahren entschied der Verein, die Deutschkurse im Dorf zu beenden und sie in den regulären Deutschkursen in der nächstgrößeren Stadt anzumelden. Individuelle Unterstützung und Hilfe beim Lernen für Prüfungen wurden allerdings weiterhin gegeben. Des Weiteren wurden Lehre und Hilfsarbeiten bei der Gemeinde, in Kindergärten und Schulen für die Flüchtlinge ermöglicht.104 Das Beispiel zeigt, dass sich das Leben im Dorf durch das Engagement an der Basis, die individuelle Unterbringung und den Privatverzug105 asylsu chender Menschen verändert hat und sie eine Antwort der Zivilgesell schaft auf die Überforderung und mediale Zuspitzung nach der Flücht lingskrise 2015 bietet. Durch den Einsatz vieler wurde es möglich, 14 Fami lien aus Afghanistan und Syrien aufzunehmen und im dörflichen Leben zu integrieren. Die Politik bot dafür wenig Unterstützung.106 102 Tobias, 175. 103 Tobias, 175. 104 Vgl. Gedächtnisprotokoll Begegnungskaffee, 25.7.2017. 105 Privatverzug bedeutet, dass der Wohnraum vom Asylsuchenden selbst gemie tet wird. Quelle: Land Oberösterreich: Infoblatt: Privatverzug von Asylwer bern, in: https://www.land-oberoesterreich.gv.at/Mediendateien/Formulare/DokumenteBH_GM/Infoblatt_Privatverzug_Sept2015.pdf [abgerufen am: 15.03.2018]. 106 Vgl. Tobias, 175; siehe auch Gedächtnisprotokoll Begegnungskaffee, 25.7.2017. 44 4.2 Vorstellung der Familien Das Zusammenleben innerhalb der Familien stellt eine eigene, ganz be sondere Art und Weise der interkulturellen Kommunikation dar. Sie er möglicht einen intensiven und engen Kontakt und eine besondere Einbin dung der österreichischen Paare in die Situation der Asylwerbenden. In den folgenden Absätzen gehe ich kurz auf die familiäre Situation, die Konstellation der zusammenlebenden Familien, die Erfahrungen der Paare im Bereich der individuellen Unterbringung von Flüchtlingen und den zur Verfügung stehenden Wohnraum ein. 4.2.1 Michaela und Anton107 Michaela und Anton besitzen einen Bauernhof und eine Landwirtschaft, auf der sie auch ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie sind seit 23 Jahren verheiratet und haben fünf Kinder, wobei nur noch die Jüngste von ihnen ebenfalls auf dem Bauernhof lebt, da die anderen bereits ausgezogen sind. Anton ist landwirtschaftlicher Facharbeiter und Meister. Michaela ist in der Nähe des Dorfes ebenfalls auf einem Bauernhof aufgewachsen. Den Vierkanthof haben sie damals auf Leibrenten erworben.108 Innerhalb die ses großen Hauses gab es eine leerstehende Wohnung, die sich als Unter bringung für eine geflüchtete Familie eignete.109 Seit Dezember 2015 woh nen dort fünf afghanische Flüchtlinge: Marina und Ibrahim mit ihren zwei Kindern Bassem und Selina und ihrem Neffen namens Firas. Die Familie befindet sich noch im inhaltlichen Asylverfahren. Mittlerweile arbeitet Marina einmal in der Woche im Kindergarten als Helferin mit110, Bassem und Selina besuchen die Schule111 und Firas macht eine Lehre als Friseur112. Ibrahim besucht weiterhin Deutschkurse.113 Die Wohneinheit der Familie aus Afghanistan befindet sich auf der anderen Seite des Bauernhofes, 107 Da sich die Zeiten im Präsens auf den jeweiligen Zeitpunkt der geführten Inter views beziehen werde ich am Beginn des jeweiligen Absatzes das Datum des Interviews anführen. Das Interview mit Michaela und Anton fand am 19.05.2017 statt. 108 Vgl. Michaela und Anton, 3-19. 109 Vgl. Anton, 24. 110 Vgl. Michaela, 413. 111 Vgl. Anton, 205. 112 Vgl. Michaela und Anton, 325-326. 113 Vgl. Michaela, 252. 45 wodurch die räumliche Distanz zwischen den beiden Familien eher groß ist.114 Michaela und Anton hatten zuvor noch keine Erfahrungen im Bereich der individuellen Unterbringung von Flüchtlingen und ihr eigentlicher Plan war es, über das Rote Kreuz jemanden zu organisieren, unter anderem um eine Ansprechperson in schwierigen und heiklen Situationen zu haben. Allerdings suchten die NGOs und die Flüchtlingskoordinatorinnen und Koordinatoren zu dieser Zeit aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen Un terkünfte, in denen möglichst viele Personen auf einmal untergebracht werden konnten.115 So kam es, dass Michaela und Anton nach einem Hin weis von Katrin und der Caritas die afghanische Familie ohne sie zuvor gesehen oder kennenzulernen zu haben, direkt am Bahnhof selbst abhol ten. Vieles organisierten sie eigenständig ohne Unterstützung von Flücht lingsorganisationen oder von Seiten der Politik und mit äußerst spärlichen Informationen. Schritt für Schritt wurden die bürokratischen Angelegen heiten abgearbeitet. Es war für sie ein Sprung ins kalte Wasser und mit manchem Zweifel verbunden.116 Ich hab so eine Liste gehabt was man nach der Reihe tun muss und ich habe sie von unten nach oben abgearbeitet so ungefähr, weil wir falsch angefangen haben. W eil Privatverzug gehst du erst, wenn du alles gemacht hast und plötzlich haben wir sie hier ge habt. [lacht]117 4.2.2 Katrin und Tobias118 Katrin und Tobias haben drei Kinder im Alter von zwei, sechs und sieben Jahren und leben seit neun Jahren zusammen mit den Eltern von Katrin und ihrer Schwester in einem Haus, wobei die obere der beiden Wohnun gen von der Kleinfamilie bewohnt wird. In dieser Wohnung waren zwei Kinderzimmer frei, die umgebaut, hergerichtet und als Wohnraum für die Flüchtlingsfamilie verwendet wurden.119 Es handelte sich also um eine kleine Wohnung für die Familie aus Afghanistan, mitten im Wohnraum der österreichischen Familie, mit einem Zimmer als Küche und Wohnzim mer und einem weiteren als Schlafzimmer. Die Flüchtlingsfamilie hatte ein eigenes Bad wofür sie allerdings durch den Vorraum gehen musste. Die österreichische Familie musste wiederum von ihrem Bereich der 114 Vgl. ebd., 136; siehe auch Michaela, 302. 115 Vgl. Maier / Ortner, Willkommen in Österreich, 10-16. 116 Vgl. Michaela und Anton, 140-181. 117 Michaela, 176. 118 Mit Katrin und Tobias führte ich das Interview am 25.07.2017. 119 Vgl. Katrin und Tobias, 3-10. 46 Sch lafz im m er u n d des W asch rau m es d urch d en V orrau m in ihre K üche u n d das W oh n zim m er. D er V orrau m w u rd e also von b eid en Fam ilien g e n u tzt u n d d iente für b eid e F am ilien als D urchgang, w o d u rch die räu m li che D istan z seh r eng u n d der K o n takt zu ein an d er b eson d ers in ten siv w ar.120 In d iesen zw ei Z im m ern w oh n ten un gefähr e in ein h alb Jahre lang Id ris u n d Sam ira m it ihrem K ind N ila, die in T raisk irch en g eboren w urde. N ila w ar d rei M o n ate alt, als sie n ach [N am e des D orfes] k am .121 Im A p ril 2017 zog die afghan ische F am ilie dann in eine e igene W oh n u n g in der N ähe des D orfes.122 K atrin u n d T ob ias h atten kein erlei E rfah ru n g im B ereich der ind iv id u ellen U n terbrin gu n g von F lü ch tlin gen u n d d eren B etreu u n g u n d sin d „d a e in fach h in e in g e stie g e n ".123 W ir waren in W ahrheit voll überfordert und volle Küken, wir ha ben noch nie wirklich in so enger Beziehung gelebt mit Menschen, die, erstens, nichts haben, wirklich bedürftig sind auch finanziell und materiell und alles, aus einem kom plett anderen Kulturkreis stamm en.124 A ls gute V orau ssetzu n g für ein g e lin gen d es Z u sam m en leb en m it M en schen von außerhalb der Fam ilie sah en sie n eb en d en m ateriellen Stru k tu ren , so w ie e in großes H au s u n d gen ü g en d R aum , die p ersön lich en S tär ken, w ie die S tab ilitä t in der e igenen Fam ilie , das gute N etzw erk an B ez ie h u n gen u n d die G esu n d h eit der Fam ilienm itg lied er. In H in blick au f diese V orau ssetzu n g en h ab en sie d en Sch ritt im Som m er 2015 g ew ag t.125 4.2.3 Sarah und Christian126 Sarah u n d C h ristian w ohnen au f e in em B auernhof, b etreiben eine F an d w irtsch aft u n d h ab en fü n f K ind er zw isch en 24 u n d 34 Jahren , w obei nu r der Jü n gste von ih n en n o ch im g leich en H aus, allerd ings in e in er e igenen W ohn u ng , leb t.127 D er H of b ie te t v iel P latz, w eshalb d ort auch F irm en ein g em ietet sind. N ach e in em W ech sel der F irm en w urd e das B üro v erk lei n ert, w eshalb ein zu sätz lich er R aum freigew ord en ist, der m it K ästen 120 Vgl. Gesprächsprotokoll am 25.07.2017. 121 Vgl. Katrin, 20. 122 Vgl. Tobias, 76. 123 Ebd., 24. 124 Vgl. Tobias, 179. 125 Katrin, 10. 126 Das Interview mit Sarah und Christan führte ich am 30. September 2017. 127 Vgl. Sarah, 3. 47 abgetrennt und dann als Wohn- und Schlafraum verwendet werden konnte. Nebenbei gibt es auch Dusche und WC. Die Wohnung befindet sich auf der anderen Seite des Hofes, weshalb die räumliche Distanz eher groß ist.128 Seit Dezember 2015129 wohnen dort Bekannte von Idris und Samira, Ala und Tarek, die sich auf der Flucht kennenlernten und nach einer Zeit in Salzburg in die Privatunterkunft wechselten.130 Ala studierte in Af ghanistan Biologie und Tarek arbeitete in einer Firma als Lastwagen Chauffeur. Beide stammen aus Herat.131 Ala und Tarek haben vor nicht allzu langer Zeit ihr Baby bekommen, als sie schon in [Name des Dorfes] gewohnt haben. Aufgrund der Tatsache, dass sie nun zu dritt sind und etwas mehr Platz benötigen, werden sie in nächster Zeit in eine eigene Wohnung in einem schönen, großen Haus in der Nähe des Bauernhofes ziehen, wo bereits eine zweite afghanische Familie wohnt.132 Sarah und Christian hatten bereits Erfahrungen im Bereich der individu ellen Unterbringung, da sie in der Jugoslawienkrise ein Ehepaar mit zwei Kindern aufnahmen. Diese Zeit des Zusammenlebens wurde als sehr po sitiv und bereichernd erlebt, weshalb sie sich entschieden, wieder Flücht linge aufzunehmen.133 Im Frühjahr 2015 gaben sie den Lehrraum beim Ro ten Kreuz bekannt, die sich die Wohnung ansahen und für gut befanden, sich aber dann nicht mehr gemeldet hatten. Uber Katrin, Idris und Samira kam dann der Kontakt zu Ala und Tarek, die daraufhin bei ihnen unter kamen.134 128 Vgl. Christian, 163. 129 Vgl. ebd., 78. 130 Vgl. Katrin, 165. 131 Vgl. Sarah, 41. 132 Vgl. Sarah und Christian, 242-245. 133 Vgl. Sarah und Christian, 5-7; siehe auch Christian, 21 134 Vgl. Sarah und Christan, 22-27. 48 5 Empirische Ergebnisse zur Asylpolitik Im ersten Kapitel der empirischen Darlegungen gehe ich auf die zentralen Erfahrungen und Kritikpunkte der drei Familien in Hinblick auf die vor herrschende Asylpolitik ein. Die afghanischen Familien, die bei den öster reichischen Familien wohnen und wohnten, befinden sich allesamt noch in der Grundversorgung. Sie haben also nur beschränkt Zugang zum Ar beitsmarkt, somit auch nur beschränkt finanzielle Mittel. Sie, und mit ihnen die österreichischen Familien, warten seit einiger Zeit auf das Inter view, welches über ihren Asylstatus entscheidet.135 Im Fall der drei Fami lien liegt die Dauer des Asylverfahrens mittlerweile bei zwei Jahren. Das bedeutet zwei Jahre ohne zu wissen, ob sie schlussendlich bleiben dürfen oder nicht, was für alle Beteiligten unverständlich und unangenehm ist, insbesondere auch, weil sie nicht damit gerechnet hatten, dass das Asyl verfahren so lange dauern würde. Die Hilfeleistung und Breitstellung von Wohnungen bei österreichischen Familien für Flüchtlinge während der Zeit der Jugoslawienkrise und das Wissen, dass dieses Zusammenleben funktioniert hatte, war ein Grund warum sich die drei Familien unter an derem zugetraut hatten, Flüchtlinge bei sich zuhause aufzunehmen. Die Rahmenbedingungen und die Gesetze von damals waren allerdings an ders als im Jahr 2015, weshalb die Zeit des Zusammenlebens damals um einiges kürzer war, weil die Geflüchteten relativ schnell zu arbeiten be ginnen konnten, und somit schneller unabhängig und selbstständig wa ren. Ein kürzeres Verfahren wäre für die Integration, die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Flüchtlinge von Vorteil und gleichzeitig eine Unterstützung und Entlastung für die helfenden Österreicherinnen und Österreicher.136 Und die Abhängigkeiten und das Nicht-arbeiten-dürfen... Und das ist ein Vollscheiß! Und da merkt man richtig wie der Zeitpunkt nach einem halben Jahr gut gewesen wäre wahrscheinlich sogar. Eine eigene W ohnung suchen, eine Arbeit suchen. Tut! Da hätten s ie ... Das wäre Pareto effizient gewesen, da wären 80% vom Weg, was lern ich über die Leute hier, wie bewege ich mich hier, das wäre erledigt gewesen und den Rest schaffen sie selbst. Das war nach ein paar M onaten erledigt. Die ersten W örter Deutsch, ein kaufen gehen, Rad fahren. Das haben wir alles gehabt nach einem 135 Vgl., Sarah, 223. 136 Vgl. Tobias, 157; siehe auch Sarah und Christian, 221-224. 49 halben Jahr. Und das ist... Und die größte Schwierigkeit ist: die lan gen Asylbescheide sind eine Katastrophe für alle Beteiligten.137 Die lange Wartezeit verstärkt die Abhängigkeit der afghanischen Flücht linge in Bezug auf das System der Grundversorgung und in ihrem Fall der individuellen Unterbringung gegenüber der österreichischen Familien. Sie können ohne die Hilfe und Unterstützung der Bekannten aus dem ös terreichischen Umfeld nicht selbst bestimmen, wo sie leben und was sie arbeiten möchten. Damit verbunden ist auch der beschränkte Zugang zum Arbeitsmarkt. Beispielsweise hätte eine Reinigungsfirma Tarek gerne eingestellt, was trotz Ansuchen einer Arbeitsbewilligung aufgrund der Regelungen in der Grundversorgung nicht möglich war. Auch Christian wollte ihn als Saisonarbeiter anstellen, allerdings war einerseits das Kon tingent voll und andererseits hätte er ihn voll und nicht geringfügig an stellen und anmelden müssen, was ihm rund 1.500€ gekostet hätte. Mit dem Einkommen auf seinem Bauernhof und seiner Landwirtschaft war dies nicht möglich.138 Die einzige Möglichkeit für die Flüchtlinge im Dorf etwas Geld zu verdienen waren die Gemeindearbeiten, bei der sie zu ge wissen Zeiten zwei bis drei Tage die Woche eingesetzt wurden und dabei fünf Euro die Stunde erhielten. Christian beschreibt, dass Tarek diese Ar beiten gerne übernahm und sich dabei freute. Es war für ihn positiv arbei ten zu gehen, sich zu beschäftigen und etwas für die Menschen im Dorf beizutragen.139 Mit dem langen Warten auf die Asylbescheide wächst auch die Sorge um einen negativen Bescheid und die Frage taucht auf, was passiert und wo sie hingehen, sollten sie einen negativen Bescheid erhalten, was für afgha nische Flüchtlinge nicht ungewöhnlich ist. Bei diesen Gedanken kommt gegenüber der österreichischen Asylpolitik Arger und Unverständnis auf.140 Das ist natürlich klar. W enn sie nicht dableiben dürfen, fällt für sie die W elt zusam m en nach zwei Jahren.141 137 Tobias, 157. 138 Vgl. Christian, 294; siehe auch Sarah und Christian, 307-309. 139 Vgl. Christian, 309; siehe auch Anton und Michaela, 370-372. 140 Vgl. Sarah und Christian, 303-307; siehe auch Sarah, 229. 141 Christian, 224. 50 Nach Meinung der Familien wäre es also wichtig, dass die Flüchtlinge möglichst früh die Entscheidung des Asylverfahrens erhalten. Denn mit einem positiven Bescheid geht die Eingliederung in die österreichische Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt und ein selbstbestimmtes und selbst ständiges Leben einher. Die Zeit im Asylverfahren wiederum ist von Ab hängigkeit und Ungewissheit geprägt.142 Vgl. Michaela und Anton, 409; siehe auch Sarah und Christian, 307-309; Tobias, 157. 51 6 Einblicke in das Zusammenleben Die Gespräche mit den österreichischen Paaren ermöglichten mir, Einbli cke in die Zeit des Zusammenlebens mit den afghanischen Familien zu erhalten. Hier ist anzumerken, dass es sich bei den Auslegungen durch gehend um die Sichtweise und die Perspektive der österreichischen Paare und nicht die der afghanischen Familien handelt. Die Analyse zeigt, dass die Zeit mit vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken verbunden war und die Interviewpartnerinnen und Interviewpartner teils ein großes Be dürfnis hatten, diese Erfahrungen zu erzählen und zu teilen. Ich hatte den Eindruck, dass trotz der Fänge des Interviews von jeweils eineinhalb Stunden noch lange nicht alles erzählt war und vieles offen blieb. Dazu kam, dass manche Situationen, Begegnungen und Erfahrungen und deren Zusammenhänge und Konsequenzen für die Handelnden teilweise un klar blieben, vieles vom Erlebten erst sickern und verarbeitet werden musste. Das enge Zusammenleben mit Menschen aus einer anderen sozi alen Schicht und einem anderen Kulturkreis wurde als sehr intensiv wahr genommen und war von unterschiedlichen Emotionen durchwebt. Fustig, verwundert, überfordert, gespannt, fasziniert, berührt, „grantig", pein lich, verärgert, neugierig, schockiert, traurig, verängstigt, dankbar und viele weitere Gefühlszustände waren Teil dieser engen Beziehung mit den afghanischen Flüchtlingen, der Beteiligung und Teilhabe an ihrer Situa tion und der Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen Handlungs weisen und Formen und der eigenen Unsicherheit. In dieser Intensität fan den auch die Erlebnisse in den unterschiedlichen Febensbereichen statt, die in diesem Kapitel beleuchtet und dargestellt werden. Dabei wird ins besondere auf die Themenbereiche eingegangen, die in den Gesprächen häufig angesprochen und in der Analyse am häufigsten kodiert wurden. 6.1 Kommunikation Die ersten Kontakte waren, wie bereits erwähnt, geprägt vom Eintauchen der österreichischen Familien in eine völlig andere Febenswelt, nämlich die der Flüchtlinge in einem Fand, das seit Monaten im Umgang mit ge flüchteten Menschen herausgefordert war. Die Umgebung und Situation in denen die afghanischen Flüchtlinge zuvor lebten, war für die Inter viewpartnerinnen ungewohnt und schockierend, die Erwartungen und Vorstellungen andere. Und dann hab ich sie abgeholt in ihrem Zimmer und sie haben ber geweise in M üllsäcken- Gewand, Spielsachen, Kuscheltiere, fünf Thermoskannen- also alles was sie irgendwie gekriegt haben, was ihnen irgendwer wo geschenkt hat, haben sie sich halt geschnappt, 53 weil sie sonst nichts gehabt haben. Und ich mit unserem weißen Golf Kombi, Georg drinnen, die drei habe ich m itnehmen müssen und ich hab gesagt: "Ich kann das alles nicht mitnehmen." Und dann haben wir mal aussortiert. Dann haben sie die ganzen Spiel sachen ausgeleert. Da war ein Riesenberg mit Kuscheltieren. Und da hab ich mir echt gedacht: "Scheiße. Das schaffen wir nie im Le ben". Das war für mich in diesem Zeitpunkt klar. Das ist eine grö ßere Baustelle, als wir geglaubt haben.143 Anzunehmen ist in diesem Fall, dass die afghanischen Familien in größe rem Ausmaß in den ersten Wochen in ihrem neuen Zuhause in eine ihnen unbekannte und ungewohnte Welt eintauchten. Das größte Handicap der Kommunikation war zu Beginn in erster Linie die sprachliche Barriere.144 Sie erforderte teils andere Wege, um miteinander ins Gespräch zu kom men oder Bedürfnisse und Grundinformationen zu übermitteln. 6.1.1 Strategien der Kommunikation ohne Deutschkenntnisse Englisch war in diesem Fall für alle drei Familien die erste und einfachste Form der Kommunikation mit den afghanischen Familien. Für manche war dies leichter möglich, wie zum Beispiel in der Familie von Christan und Sarah mit Tarek und Ala, für andere schwieriger, wie zum Beispiel bei Michaela und Anton mit Marina und Ibrahim, aber bei allen drei Fa milien ermöglichte es zumindest teilweise die ersten Kommunikationser folge. Es stieg die Sicherheit und das Gefühl, dass das Zusammenleben, vor allem am Beginn, funktionieren könnte, in dem Wissen um eine ge meinsame sprachliche Basis: Englisch.145 Bei denjenigen, die nicht selber Englisch konnten, wie Michaela und Anton, dolmetschten die Kinder.146 Doch neben Englisch als Basis der ersten Tage und Wochen entstanden ganz unterschiedliche, kreative Strategien des Kommunizierens ohne sprachliche Mittel, so zum Beispiel das gemeinsame Beten. Aus der Schwierigkeit heraus, nicht ordentlich miteinander kommunizieren zu können, wurde die sprachliche Ebene durch die spirituelle Ebene erwei tert, woraus erste tiefgründige Begegnungen ermöglicht und der Zugang zueinander erleichtert wurde. Tobias und Idris begannen in den ersten Wochen, gemeinsam zu beten. Dabei betete jeder für sich, nebeneinander, oder wie Tobias es beschreibt, miteinander im gleichen Raum, das Gebet der eigenen Glaubensrichtung. Durch den Einblick, das Kennenlernen und dem Respekt gegenüber einer neuen und anderen Form des Betens, eröffneten sich neue Zugänge zur eigenen Glaubensrichtung, so wie das 143 Katrin, 24. 144 Vgl. Anton, 63-65. 145 Vgl. Tobias, 19; siehe auch Sarah, 95. 146 Vgl. Michaela, 40. 54 Kennenlernen des Stundengebetes aus der christlichen Tradition, welches Tobias für sein individuelles Beten kaum bis gar nicht verwendet hatte. Es war das Gebet, das man am besten mit der Struktur und Durchführung der täglichen fünf Gebete des Islam kombinieren bzw. nebeneinander aus führen konnte. Es eröffnete die Möglichkeit miteinander in Kontakt zu kommen, einander kennenzulernen und miteinander zu kommunizieren. Die Bereitschaft gemeinsam zu beten war auf beiden Seiten gegeben, er sichtlich durch die Offenheit beider gegenüber dem jeweils anderen, bei spielsweise durch das Hergeben des schöneren Gebetsteppichs und das Einlassen auf neue, unbekanntere Gebetsformen. T: Da hat er mir dann seinen schönen Gebetsteppich hergeworfen, damit ich auch etwas habe, wo ich drauf sitzen kann. Und er hat sich einen alten Teppich genommen. Das war voll schön. Und ich kann m ich auch gut erinnern, das war am Anfang ziemlich steil, weil ich hab nicht gewusst, was ich beten soll. Er hat ja sein Stan dardgebet gehabt, er war ja geübt und zack und hin und pfeift. Und dann hab ich mir gedacht: "Naja. Ok. W as haben die Christen in solchen Situationen dreimal am Tag gemacht? Stundengebet." Dann hab ich mir das Gotteslob geschnappt, dann hab ich mal ge schaut, hab einm al nachgeblättert. K: Aha. Eigentlich ein schönes Gebet. Noch nie gehört, [alle lachen] T: Naja. Schön. Die Ästhetik der Gebete war mir in diesem Zusam menhang eh wurscht. Ich hab nur was zu tun gebraucht, weil wir waren miteinander und haben gebetet. Und dann hab ich halt, sin gen hab ich mir nicht getraut, weil beide halt still irgendwie so ihr Gebet m achen und dann hab ich immer ein wenig diese Psalmen meditiert. Das war eigentlich recht schön. Das hat uns irgendwie gut zusam men geholfen am Anfang.147 Der erste Kontakt und die Kommunikation am Beginn zwischen Katrin und Tobias und Samira und Idris waren auch geprägt vom gemeinsamen Kochen und Einkäufen, welches das Kennenlernen erleichterte. Das Mit einander-Essen verband und schaffte Raum für Begegnung.148 Michaela, Anton, Ibrahim und Marinas Strategie, um am Beginn die we sentlichen Grundinformationen weiterzugeben, war es Dolmetscher zu Rate zu ziehen, insbesondere auch, weil sie die englische Sprache nur bis zu einem gewissen Grad beherrschten und diese deshalb nur gering zu einer erfolgreichen Kommunikation beitragen konnte.149 Bei den 147 Katrin und Tobias, 27-29. 148 Vgl. ebd., 24-25. 149 Vgl. Michaela und Anton, 113-119. 55 Dolmetschern handelte es sich einerseits um einen Bekannten der afgha nischen Familie, der immer wieder in heiklen und unverständlichen Situ ationen, in denen die Flüchtlingsfamilie nicht genau wusste und nicht ver standen hatte was passiert und worum es geht, was sie zu tun hatten, an gerufen wurde, um die wichtigsten Ereignisse und Rahmenbedingungen zu klären. Gleich zu Beginn, am Weg vom Bahnhof nach Hause wurden die ersten Schwierigkeiten der direkten Kommunikation erkennbar und über Telefon in einem Gespräch zwischen Michaela und dem Bekannten der afghanischen Familie das Wesentliche vermittelt. (...) W ir steigen in Linz ins Auto ein, plötzlich gibt mir einer das Handy und ich muss jetzt reden und ich weiß überhaupt nicht mit wem ich jetzt rede, hab ich mir gedacht und naja der hat dann doch so halbwegs Deutsch können. Wo ich sie jetzt hinbringe und was jetzt passiert? Der hat ihnen dann gleich einmal erklärt, was los ist, warum ich jetzt alle einpacke, [lacht]150 Zum anderen war Idris zu diesem Zeitpunkt schon seit vier Monaten im Dorf und beherrschte die deutsche Sprache so gut, dass er manches zwi schen den beiden Familien dolmetschen konnten. So auch bei der Ankunft von Marina und Ibrahim und ihrer Kinder in den ersten Tagen, um in ers ter Linie zu klären, was sie zu essen brauchen, wo sie einkaufen gehen können, was bürokratisch nun auf sie zukommt und was die nächsten Schritte sind.151 Durch die Schwierigkeit nicht angemessen miteinander kommunizieren zu können, kam es teilweise zu verwirrenden, unver ständlichen und erklärungsbedürftigen Situationen, so auch an Weih nachten, der zweite Tag ihrer Ankunft: Und auf einmal: alle kom men den ersten Tag wieder herüber m ar schiert, sie m üssen jetzt nach Linz, das ist alles was ich verstanden habe. W as tun wir jetzt in Linz? Es ist der 24. [alle lachen laut auf] Dann haben wir eh wieder Idris geholt, weil wir jetzt einmal au ßerbringen müssen: "Ja sie müssen sich da melden", haben sie ge glaubt. Sie haben geglaubt sie müssen sich wieder melden, dass sie ihr Bett nicht verlieren, [lacht]152 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ersten Kontakte zwischen den österreichischen und den afghanischen Familien ohne die Möglich keit der deutschen Sprache geprägt waren durch Begegnungen, die sich nicht auf die sprachlichen Kommunikationsmittel beschränkten, sondern diese Kommunikation durch weitere Ebenen und Formen erweiterten. 150 Michaela, 140. 151 Vgl. Michaela und Anton, 126-128; siehe auch Michaela, 136. 152 Michaela, 136. 56 Dazu zählten auch ganz einfache Gesten wie eine Umarmung und ein ge flüstertes „Danke".153 6.1.2 Deutschkurs Die Deutschkurse, die von den Ehrenamtlichen organisiert und durchge führt wurden nachdem im Dezember viele weitere Flüchtlinge ins Dorf gezogen waren, begannen Mitte Jänner und fanden vier Mal die Woche statt. Der Fortschritt im Erlernen der deutschen Sprache und der Kommu nikation auf Deutsch zwischen den österreichischen und afghanischen Fa milien war schnell und deutlich spürbar.154 Der Deutschkurs wurde als große Hilfe empfunden, da er es ermöglichte zumindest die grundlegen den Informationen zu kommunizieren.155 Dabei beschreiben die österrei chischen Paare die afghanischen Familien als klug, motiviert, lernwillig und eifrig.156 Während dieser Zeit lernten sie viel gemeinsam und unter stützen die afghanischen Familien beim Erlernen der deutschen Sprache auf unterschiedliche Art und Weise. Anton und Michaela beispielsweise spielten fast jeden Abend mit Marina, Ibrahim, Bassem, Firas und Selina Uno und Memory, um so die Vokabeln von Zahlen und Tieren zu lernen. Sie bemühten sich im Gegenzug, sich die Wörter auf Farsi zu merken, wo bei sie sich, laut Michaela, um einiges schwerer taten als die afghanische Familie.157 Bei Katrin war es ähnlich und sie unterstützte die Familie nicht nur indem sie während des Deutschkurses, vier Mal die Woche, auf die kleine Nila aufpasste, sondern auch indem sie abends mit Samira und Idris Vokabeln lernte und sich dabei selbst ein paar Vokabeln auf Farsi aneignete. Bei ihr hörte das Lernen irgendwann einmal auf während die beiden anderen weiterlernten. Dabei bemühte sie sich besonders langsam und deutlich mit ihnen zu sprechen.158 Christian wiederum versuchte im Alltag, zum Beispiel während den Fahrten zu anderen Bauernhöfen mit Tarek Verkehrszeichen zu lernen, da dieser in seiner Heimat als Lastwa gen-Chauffeur arbeitete und in diesem Bereich besonderes Interesse zeigte.159 Zu erkennen ist, dass die afghanischen Flüchtlinge durch den Deutsch kurs die Basis der deutschen Sprache erlernten, mit der es möglich wurde 153 Vgl. Katrin, 24. 154 Vgl. Katrin, 50; siehe auch Sarah, 103. 155 Vgl. Anton, 125. 156 Vgl. Sarah, 103; siehe auch Anton, 185; 157 Vgl. Michaela, 188. 158 Vgl. Katrin, 100. 159 Vgl. Sarah und Christian, 104-106. 57 Grundlegendes auf Deutsch zu kommunizieren. Dabei wurden sie durch gehend von den österreichischen Paaren unterstützt, die sich ihrerseits be mühten zumindest ein paar Wörter auf Farsi zu erlernen und zu verwen den. Die Umgebung und der Kontext, sowie die Voraussetzung, wie Mo tivation und Ehrgeiz der afghanischen Flüchtlinge, ermöglichten einen schnellen Fortschritt in der sprachlichen Kommunikation zwischen den beiden Familien, worauf in den kommenden Absätzen näher eingegangen wird. 6.1.3 Bedingungen für ein erfolgreiches Erlernen der deutschen Sprache Aus den Interviews geht hervor, dass das erfolgreiche Erlernen der deut schen Sprache der afghanischen Flüchtlinge in ihrem Dorf auf sechs Kri terien zurückzuführen ist, welche unter anderem die unterschiedliche Ge schwindigkeit vom Erlernen der Sprache der einzelnen Flüchtlinge erklä ren. Eine der wichtigsten und grundlegenden Voraussetzungen und Bedin gungen für ein schnelles Erwerben der Sprache waren die Motivation und der Eifer mit welchem die afghanischen Flüchtlinge Deutsch lernten. Da bei beschreiben die österreichischen Paare durchwegs alle Flüchtlinge als eifrig und bemüht, jene, die sich leichter und jene, die sich schwerer ta ten.160 Des Weiteren war ein wesentlicher Punkt bei den Fernenden, deren Mut tersprache Farsi ist, ob sie bereits Vorkenntnisse im Bereich der lateini schen Schriftzeichen besaßen oder nicht. Beherrschte beispielsweise der Fernende die englische Sprache auch in schriftlicher Form, so fiel es ihm um einiges leichter dem Deutschkurs zu folgen und die Sprache zu erler nen. Beherrschte er diese nicht, musste er zuvor die für ihn völlig neuen Schriftzeichen lernen, um danach mit der Grammatik und dem Erlernen der Vokabeln beginnen zu können.161 Ein weiteres Merkmal für die unterschiedliche Geschwindigkeit mit der die Flüchtlinge die deutsche Sprache erlernten, war der Charakter und das Talent für Fremdsprachen. Beispielsweise wurde Ala im Vergleich mit an deren als besonders intelligent und als Sprachentalent beschrieben, weil sie schnell Deutsch lernte und sich die Vokabeln gleich beim ersten Hören merkte.162 Auch die Charaktereigenschaften wurden als ausschlaggebend 160 Vgl. Sarah, 103. 161 Vgl. Christian, 98-100. 162 Vgl. ebd., 103. 58 bewertet, beispielsweise wurde Schüchternheit als Hindernis für ein schnelles und erfolgreiches Anwenden der Fremdsprache beschrieben.163 Der nächste ausschlaggebende Punkt war das Alter der Lernenden. Die Kinder lernten laut Interviewpartnerinnen und Interviewpartner wesent lich schneller als die Erwachsenen.164 Gut erkennbar wurde es am Beispiel von Georg und Nila, die gleich alt waren und viel zusammenspielten und Zeit miteinander verbrachten. Nila ist in Österreich geboren und war des halb seit Beginn ihres Lebens mit der deutschen Sprache konfrontiert. Sie spricht Dialektwörter, die ihre Eltern teilweise nicht verstehen können: ...fragt m ich Samira: "Katrin, was heißt >aufa>? >aufaAufaAufaAufa<, >aufa<, >aufa<, >aufa<" und sie wissen nicht was sie meint. Oder Nila sagt: „>kum<, >kum<" [lachen]. Das hat Georg auch ständig gesagt: „>kum<, >kum<, >kum<, >kum<, >kum<” [lachen]165 Außerdem spielte der Kontakt zu Muttersprachlerinnen und Mutter sprachlern eine wesentliche Rolle beim Erlernen der Fremdsprache. Bei spielsweise war es von Vorteil, wenn die Flüchtlinge Hilfstätigkeiten im Kindergarten oder in der Schule, einer Arbeit oder einer Lehre nachgehen konnten, in der sie gezwungen waren das Erlernte auszuprobieren und zu verwenden. Die Kinder befanden sich in der Schule in einer ähnlichen Si tuation, in der sie im Kontakt mit den Österreicherinnen und Österrei chern die deutsche Sprache um ein Vielfaches leichter erlernten, als Flüchtlinge, die den Zugang zur Sprache nur über den Deutschkurs er hielten.166 Doch nicht nur der Kontakt zu den Österreicherinnen und Österreichern, sondern insbesondere die persönliche Beziehung zueinander war ent scheidend im Sprachprozess. So kam es auch vor, dass eine eng-gewach sene Beziehung das Einander-Verstehen und eine gelungene Kommuni kation deutlich vereinfachte.167 Und es war irgendwie witzig, weil wenn irgendwer anderer auch mit ihr geredet hat, langsam - sie hat m ich immer angeschaut und 163 Vgl. Michaela, 411. 164 Vgl. ebd., 254. 165 Katrin, 146. 166 Vgl. Michaela und Anton, 409-411. 167 Vgl. Katrin, 98. 59 hat gesagt: "Katrin, bitte!” [lacht] Ich hab vom Deutschen ins Deut sche übersetzen müssen, damit Samira das versteht.168 Das persönliche Miteinander und die Sympathie füreinander waren die Basis für ein gemeinsames Lernen, das Freude bereitete und lustig war. Eine ausgelassene Atmosphäre untereinander führte meist zu einem schnelleren Lernerfolg.169 6.1.4 Missverständnisse, Schwierigkeiten und Hot Spots Die interkulturelle Kommunikation der österreichischen und afghani schen Familien war unter anderem von Missverständnissen geprägt, die sich einerseits auf mangelnde deutsche Sprachkenntnisse zurückführen lassen und andererseits durch kulturelle Unterschiede in Handlungen und Sichtweisen zu erklären sind. Ein einfaches, lustiges Beispiel für ein sprachliches Missverständnis ist die falsche Übersetzung aus dem persi schen Wort für Armband zu Handschellen. Im Kindergarten kam es auf die Frage hin, ob sie heute Handschellen (eigentlich Armbänder) mit den Kindern basteln dürfte zu Irritationen auf Seiten der Kindergartenpäda gogin.170 Eine weitere Schwierigkeit im Bereich der interkulturellen Kommunika tion, so beschreiben es Sarah und Christian, war die Tatsache, dass die afghanischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sehr viel Kontakt mit ihren Familien hatten und häufig mit den Menschen in ihren Heimatlän dern telefonierten, die ihnen wiederum Ratschläge und Anweisungen für das Leben in Österreich gaben. Die Ursprungsfamilien kannten allerdings das Leben und die Kultur der Österreicherinnen und Österreicher nicht und die Ratschläge waren demnach in dem anderen und neuen Kultur kreis von Ala und Tarek nicht zielführend und führten zu Unverständnis auf Seiten von Christian und Sarah. Dabei ging es um Themen wie Fahr rad fahren, welches sie nachdem Ala schwanger geworden war nach Mei nung ihrer Mutter nicht mehr tun sollte und demnach auch nicht mehr tat. Oder die Empfehlung bei allen gesundheitlichen Beschwerden wie etwas Kopfweh oder Bauchschmerzen, sofort ins Krankenhaus oder zum Arzt zu fahren. Es handelte sich um Vorschläge aus der Distanz, die deshalb den Kontext, die Umgebung und die Kultur vor Ort wenig bis gar nicht im Blick hatten und so die Kommunikation untereinander erschwerten.171 168 Ebd., 100. 169 Vgl. Christian, 104. 170 Vgl. Michaela, 413-415. 171 Vgl. Sarah und Christian, 121-127; siehe auch Sarah, 138; Sarah und Christian, 141-143. 60 Wie zuvor bereits erwähnt, waren Katrin und Tobias besonders eng und stark mit Idris, Samira und Nila verbunden und in deren Situation invol viert. Die Tatsache, dass sie die Situation der Flüchtlinge mit viel eigener Initiative unterstützten, wie vier Mal die Woche auf Nila aufzupassen, for derte die zur Verfügung stehenden Kräfte besonders heraus. Es war unter anderem mit Erwartungen gegenüber den Mitbewohnerinnen und Mitbe wohnern verbunden ihre Rolle und dabei eine der wichtigsten Aufgaben, das Erlernen der deutschen Sprache, ernst zu nehmen.172 Die Unterstüt zung dabei war von ambivalenten Gefühlen begleitet, einerseits von der Freude Katrins mit Samira, die ihre Freizeit sichtlich genoss und sich wohlfühlte im Deutschkurs, andererseits die Erwartung dieses Angebot der Unterstützung, sinnvoll zu nützen und dankbar und achtsam damit umzugehen. Es hat m ich ja dann gefreut, es war immer so ambivalent. Sie ist mit ihrer Tasche hinausgerannt. Irgendwie die Schuhe an, irgend welche Som mersandalen m itten im Schnee, Tuch herum, fesch ge macht, nicht Zähne geputzt, schnell irgendein Semmerl gegessen, ist hinüber gewatschelt und Nila hat sie mir ungewickelt, ungew a schen hergestellt mit einem Flascherl. "Da! Tu!" Und ich glaub um halb 11 war der Kurs wieder aus oder um 11. Ich glaub von 9 bis halb 11 war er. Um 11 kom m t sie irgendwann einm al gemütlich mit vier Freundinnen daher und ich hab mir gedacht: "So jetzt reicht's. Du machst dir eine gemütliche Zeit und ich >wurschtl< m ich hinunter!" Nein. Das war... Wahhh.. [lacht] wuah, steil.173 Im Hinblick auf kulturelle Unterschiede, die sich auf die Kommunikation und die Beziehung zueinander auswirken, gebe ich an dieser Stelle ein Beispiel von Michaela und Anton, welches zu Missverständnis, Arger und Frust geführt hat und indem der Wunsch nach mehr Aufklärung und W is sen um die anderen kulturellen Codes und Werte laut wurde. Es handelt sich um die Arbeit rund ums Haus, insbesondere um das Zusammenkeh ren vor der Haustüre oder das Rasenmähen im Garten. Dabei war die Er wartung der österreichischen Familie, dass sich die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner um die gemeinsam genützte Fläche und die Fläche kümmern, die nur von der afghanischen Familie genützt wird, beispiels weise ihr eigener Eingang zum Haus. Die afghanische Familie jedoch be mühte sich nicht diese Tätigkeiten durchzuführen, außer sie wurde expli zit darauf angesprochen was zu Frustrationen (zumindest) auf Seiten der Hausbesitzerin und des Hausbesitzers führte. Diese waren der Meinung es wäre selbstverständlich, sich um eine gemeinsam genützte Fläche auch 172 Vgl. Katrin und Tobias, 50-55. 173 Katrin, 60. 61 gemeinsam zu kümmern.174 Erst in einem Gespräch mit Firas, der den Är ger erkannte und ihnen erklärte, dass bei ihnen zuhause diese Arbeiten als minderwertig und abstoßend gelten, begannen Michaela und Anton darüber nachzudenken, dass es daran liegen könnte, dass die afghani schen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner denken, sie wären minder wertige Arbeitskräfte, wenn sie beginnen im Garten mitzuarbeiten, was natürlich keineswegs beabsichtigt war. A: Aber das muss einfach wer tun und die Arbeit ist sehr wohl bei uns anerkannt und es ist glaube ich nicht so, dass das nur minder wertige Personen machen. W obei mir das der Firas schon so erklärt hat, dass das für sie eigentlich ganz was... Und das sind eben Dinge (...) M: .. .die wir nicht wissen von ihnen. A: (...) die wir nicht wissen. Ja, sie wissen es natürlich auch nicht ( - ) 175 Aus dieser Situation heraus entstand der Wunsch neben dem Deutsch kurs, der die Basis der Kommunikation bildet, auch Aufklärung und W is sen über kulturelle Codes, Unterschiede und Handlungsweisen zu erhal ten, damit sich solche Hot Spots zumindest ein Stück weit vermeiden las sen und dadurch die Kommunikation zueinander erleichtert wird.176 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kommunikation zwischen den österreichischen und den afghanischen Familien vor allem zu Beginn bis zu den ersten Deutschkenntnissen der Flüchtlinge einerseits von der Sprache Englisch, andererseits von nonverbalen und kreativen Formen geprägt war, welche die sprachliche Ebene durch andere Ebenen erwei terte. Diese Zeit forderte die Handelnden heraus, ließ sie aber auch kreativ werden und Strategien entwickeln, um die Kommunikation zueinander weitestgehend zu ermöglichen. Der Sprachkurs, den alle zugezogenen Af ghaninnen und Afghanen besuchten, half schließlich Grundlegendes auch sprachlich zu übermitteln, miteinander ins Gespräch zu kommen und ei nander zu verstehen. Die Flüchtlinge erlernten die deutsche Sprache rela tiv schnell auch aufgrund ihrer Motivation und ihres Eifers, weshalb die sprachliche Kommunikation auf Deutsch nach kurzer Zeit durchwegs möglich war, auch wenn sie immer wieder von Missverständnissen ge prägt war. Diese ergaben sich einerseits aus sprachlichen Defiziten und andererseits aus kulturellen Unterschieden, Codes und Werten, die meist schwieriger zu erkennen und mit mehr Emotionen verbunden waren. 174 Vgl. Michaela und Anton, 354-378. 175 Ebd., 382-384. 176 Vgl. Anton, 386. 62 6.2 Arbeit und Bildung Wie bereits erwähnt ist der Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylsuchende in Österreich beschränkt. Trotzdem haben viele der afghanischen Flücht linge im Dorf im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine Beschäftigung in der Struktur der Gemeinde oder eine Lehre im Bereich der Mangelberufe ge funden, die sie während der Zeit des Wartens auf den Bescheid durchfüh ren können. Im Folgenden möchte ich kurz auf die unterschiedlichen Wege der einzelnen Personen eingehen, was sie machen, wie sie sich im Dorf einbringen und welche Erfahrungen die österreichischen Familien im Bereich Arbeit und Bildung mit den afghanischen Nachbarinnen und Nachbarn machten. 6.2.1 Schulbildung der Kinder Die Kinder, die bereits das Schulalter erreicht haben, sind alle in die Bil dungsstrukturen vor Ort integriert und erhalten Volksschulbildung, so wie Hauptschulbildung und Zugang zum Gymnasium. Bei den afghani schen Familien sind in diesem Fall die Kinder von Marina und Ibrahim, Bassem und Selina betroffen. Bassem besuchte für ein Jahr eine Uber gangsklasse in einem Privatgymnasium der Oberstufe in der Nähe des Dorfes, die einige Asylwerberinnen und Asylwerber aufnahmen, sie fi nanziell unterstützten und ihnen so das Studium an ihrem Gymnasium ermöglichten. Die Lehrerinnen und Lehrer unterrichteten sie zu Beginn in ihren Freistunden in der deutschen Sprache, um sie auf den Regelunter richt vorzubereiten. Bassem ist besonders bekannt für sein Talent im Sport; speziell für Tischtennis und Fußball hat er großes Interesse. Selina ging zuerst in die Volkschule und wechselte dann in die Hauptschule, die sie derzeit besucht. Im Fach Englisch kann sie mitunter beweisen, dass sie zu den besten Schülerinnen und Schülern der Klasse gehört. Michaela und Anton beschreiben die Kinder als sehr ehrgeizig, klug und motiviert die Schule gut zu absolvieren.177 6.2.2 Arbeitsmöglichkeiten Einer Arbeit nachgehen zu können ist für die Asylsuchenden von beson derer Bedeutung, weil es in mehrfacher Hinsicht das Leben der Einzelnen und somit auch das Zusammenleben positiv beeinflusst. Zum einen bringt Arbeit Selbstbestätigung, sich in der Gesellschaft einzubauen und etwas einbringen zu können. Zum anderen bringt es Beschäftigung und somit 177 Vgl. Michaela und Anton, 213-223; 236-237; 452-456; siehe auch Gesprächspro tokoll am 25.07.2017. 63 eine Struktur und einen geordneten Tagesablauf. Und nicht zuletzt bringt es Geld und somit Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.178 Aus den Ge sprächen geht deutlich hervor, dass durchwegs alle motiviert sind, arbei ten zu gehen, sich finanziell unabhängig zu machen und genügend Geld zu verdienen, um die eigene Familie zu erhalten. Während des Asylver fahrens ist der Arbeitsmarktzugang allerdings nur beschränkt möglich, weshalb die erwachsenen Asylsuchenden unterschiedliche Wege in Be reich der Arbeit und Ausbildung wählten, um sich bestmöglich auf die Situation in Österreich einzustellen.179 Idris und Firas machen beispielsweise eine Lehre im Bereich der Mangel berufe. Idris begann die Ausbildung zum Tischler in einer Firma ein paar Kilometer von seiner Wohnung entfernt und bekommt dort etwas Geld für seine Anstellung als Lehrling. Er absolvierte das erste Jahr mit ausge zeichnetem Erfolg. Firas macht die Lehre zum Friseur.180 Tarek wollte schon seit längerem arbeiten gehen, hat allerdings aufgrund seines Status und seines andauernden Asylverfahrens noch keine Mög lichkeit, normalen Zugang zum Arbeitsmarkt zu genießen. Die Bemühun gen von Seiten der Österreicherinnen und Österreichern ihm die Möglich keit zu geben einerseits als Saisonarbeiter mitzuarbeiten, andererseits bei einer Reinigungsfirma tätig zu sein, scheiterten. Vor allem seine genaue und gewissenhafte Art zu putzen, würde ihm schnell eine Arbeitsstelle im Bereich der Reinigung bringen, sollte er einen positiven Asylbescheid be kommen, so Christian. Bis zu dieser Entscheidung arbeitet Tarek, wie auch Ibrahim und vor der Lehre zum Friseur Firas, als Helfer für die Ge meinde, wo er den Rasen mäht und sich um die Reinigung öffentlicher Plätze bemüht.181 Eine weitere Möglichkeit für Tarek und die anderen Flüchtlinge ein bisschen Geld zu verdienen, sind die Dienstleistungs schecks, wo sie bei Nachbarinnen und Nachbarn haushaltsnahe Dienst leistungen erbringen und dafür entlohnt werden.182 178 Vgl. Sarah und Christian, 380-384. 179 Vgl. Katrin und Tobias, 161; siehe auch Sarah und Christian, 294-296; Anton, 472. 180 Vgl. Michaela und Anton, 325-326; siehe auch Christian, 384. 181 Vgl. Sarah und Christian, 309-310; siehe auch Michaela und Anton, 370-372. 182 Vgl. Sarah und Christian, 310. Asylwerberinnen und Asylwerber haben seit 1. April 2017 die Möglichkeit über den Dienstleistungsscheck legal Arbeiten in privaten Haushalten wie Gartenarbeit, Putzen, Babysitten etc. durchzuführen. Der Stundenlohn wird zwischen Arbeitnehmerin bzw. Arbeitnehmer und Ar beitgeberin bzw. Arbeitgeber verhandelt, wobei der Mindestlohn gewährleistet werden muss. Die monatlichen Einnahmen dürfen die gesetzliche Geringfügig keitsgrenze mit jeweiligen Sonderzahlungen von 583,15 € nicht überschreiten. Die Arbeitnehmerin bzw. der Arbeitnehmer ist unfallversichert und hat die 64 Ala betätigte sich bis zum Ende ihrer Schwangerschaft zwei Mal die Wo che als Helferin in der Volkschule des Dorfes, wo sie der Werklehrerin assistierte und beim Basteln und beim Handwerken mit den Kindern half. Dort unterstütze sie außerdem die afghanischen Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache und förderte sie in ihrer Muttersprache Farsi, denn das Beherrschen der eigenen Muttersprache ist für die Entwicklung der Kin der von besonderer Bedeutung. Ala möchte in Zukunft eine Ausbildung im Bereich der Arbeit mit Kindern machen.183 Marina kam ebenfalls mit Erfahrungen als Volkschullehrerin nach Österreich und unterstützt ehren amtlich einmal die Woche die Kindergartenpädagogin in einer Gruppe als Kindergartenhelferin.184 Nach den Erfahrungen der österreichischen Familien wollen die afghani schen Frauen und Männer, sobald sie einen positiven Asylbescheid haben und einen unbeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten eine Aus bildung machen oder ohne zusätzliche Ausbildung direkt arbeiten gehen. Durch den Deutschkurs den alle absolviert haben ist die sprachliche Vo raussetzung dafür gegeben.185 6.2.3 Tagelöhner, Lehr- oder Studienabschluss? Aus den Gesprächen mit den österreichischen Paaren geht hervor, dass die Möglichkeiten und Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge meist anders geregelt waren als in Österreich. Die Einstellung zur Arbeit ist demnach primär auf das Einkommen und weniger auf die Freude im Beruf, eine gute Ausbildung oder Nachfrage im Hinblick auf die Entwicklung der nächsten 20 Jahre gerichtet.186 Auf das nimmt er keine Rücksicht, weil das in seinem Land egal ist, weil du findest morgen wieder was anderes und es gibt einen Haufen Jobs für Leute, die keine Qualifikation haben.187 Anton fügt hinzu, dass die afghanischen Nachbarinnen und Nachbarn, die zuvor bereits im Iran gelebt hatten, dort tageweise bzw. stundenweise Arbeit suchten und in diesen Fällen nicht sozial versichert waren. Eine Möglichkeit eigenständig eine Sozial- und Pensionsversicherung abzuschlie ßen. Quelle: https://www.dienstleistungsscheck-online.at [zuletzt abgerufen am 19.02.2018]. 183 Vgl. Sarah und Christian, 289-293. 184 Vgl. Michaela, 413. 185 Vgl. ebd., 371; siehe auch Katrin und Tobias, 158-161. 186 Vgl. Tobias, 157; siehe auch Anton, 472. 187 Tobias, 157. 65 geregelte Arbeitswoche war für sie im Iran nicht möglich,188 weshalb für sie eine 40 Stunden Woche ungewohnt erscheint.189 Eine angemessene Qualifikation und Ausbildung ist in Österreich allerdings ein ganz we sentlicher Faktor um eine gute und sichere Arbeitsstelle zu erhalten und auch die Bildung spielt in Österreich eine wichtige Rolle. In diesem Zu sammenhang gehen bei Tobias Sorgen einher, dass die Kinder aufgrund der Einstellung der Eltern mit 15 Jahren eine Lehre beginnen werden und nicht das Gymnasium und anschließend ein Studium abschließen.190 Kat rin hingegen hat den Eindruck, dass speziell die Frauen eine Ausbildung machen wollen und sich einen Bereich suchen, der ihnen Spaß macht und sie die Chance auf Bildung und Ausbildung für die Kinder sehr wohl sieht.191 Festhalten will ich an dieser Stelle vor allem, dass sich die Einstellung zur Arbeit und der Stellenwert der Bildung der Ursprungsfamilien und deren Herkunftsländern in den Herangehensweisen der afghanischen Flücht linge spiegelt und sie sich nach und nach auf den Arbeitsmarkt und die Bedingungen in Österreich einstellen. Die österreichischen Familien neh men hier eine Mittlerrolle ein, indem sie ihnen immer wieder deutlich ma chen wie das Arbeitssystem in Österreich funktioniert und welchen Wert Bildung und Qualifikation in der österreichischen Gesellschaft einnimmt. 6.3 Gender Den Bereich Gender teile ich in zwei Abschnitte: Erstens wird ein Einblick zum Thema der kulturellen Unterschiede und deren Herausforderungen im Bereich der Nähe und Distanz zwischen Frau und Mann gegeben, im zweiten Punkt geht es um das Familienverständnis, die Paarbeziehung und die Rollenaufteilung und wie diese gelebt werden. Dabei werde ich von ganz konkreten Situationen der Familien erzählen und die Herausfor derungen, die daraufhin getätigten Handlungen der Betroffenen und die Veränderungen auf Seiten der Geflüchteten aufgrund des geänderten Kontextes schildern. Außerdem werden die unterschiedlichen Einstellun gen und die Auslebung der Familien zum Thema Gender dargestellt. 6.3.1 Nähe und Distanz zwischen Frau und Mann Die Unterschiede in der Handhabung von Nähe und Distanz in Bezug auf das Geschlecht des Gegenübers werden in verschiedenen Situationen und 188 Vgl. Anton, 94. 189 Vgl. Christian, 374. 190 Vgl. Tobias, 157. 191 Vgl. Katrin, 158. 66 Erfahrungen der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner sichtbar und beginnen mit der Begrüßung. In Österreich ist es üblich sich dabei die Hand zu geben, während in Afghanistan der Körperkontakt zwischen Männern und Frauen vermieden wird. Anton erzählt aus seiner Erfah rung, Marina nicht die Hand geben zu dürfen, weil sie den Körperkontakt zu Männern auch in Österreich weiterhin meidet.192 Auch Tobias schildert die ersten Begegnungen mit Samira als distanziert und beschreibt, dass sie ihm nicht in die Augen geschaut193 und besonders stark darauf geachtet hat, dass alle ihre Haare unter dem Kopftuch verschwinden194. Auch Idris und Ibrahim waren in den ersten Kontakten zu den österreichischen Frauen vorsichtig, sie legten allerdings diese Distanz relativ schnell ab und gaben den österreichischen, nicht aber den afghanischen Frauen die Hand oder begrüßten sie mit „Bussi links, Bussi rechts".195 Körperliche Be rührungen zwischen gleichgeschlechtlichen Personen ist für die afghani schen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner kein Problem, so Michaela. Auch Katrin erzählt von einer herzlichen Umarmung mit Samira in den ersten Momenten des Ankommens in ihrer neuen Wohnung.196 Unter schiede im Umgang mit dem Gegenüber in Hinblick auf körperliche Nähe 192 Vgl. Anton, 287. 193 Anm. der Autorin: Aus eigener Erfahrung kenne ich die Situation einer ersten Begegnung zwischen Männern aus Syrien aus traditionellen Familien und Re gionen und meinem Freund und mir, in der sie meinem Freund die Hand gaben und ihn direkt begrüßten, bei mir im Gegenzug den Blick senkten, ein kurzes „Hallo" formulierten und an mir vorübergingen. Meine erste Reaktion war Wut und Unverständnis. Ich hatte mich schlicht geärgert über diese Tatsache. Mein Freund, der selbst aus Syrien kommt, erklärte mir, dass das in traditionellen Familien eine Haltung des Respekts sei. Es war also ihrerseits nicht negativ, sondern durchaus positiv und höflich gemeint. Ich entschloss also direkt auf sie zuzugehen ihnen die Hand zu geben und mich mit ihnen zu unterhalten, was zu einer ausgelassenen Situation und zu interessanten Gesprächen führte. Da bei möchte ich hinzufügen, dass mir vorkam, dass ich in diesem Moment als Frau bestimmte, wie viel Nähe ich zulasse und wie viel Distanz ich brauche. Das Hand-geben, das ich initiierte, akzeptierten sie; hätte ich das nicht gewollt, hätten sie es ebenso akzeptiert. Es führt mich an dieser Stelle zur Frage, ob diese unterschiedlichen Begrüßungsformen auf beiden Seiten gut und höflich ge meint, jedoch in der jeweils anderen Kultur als unhöflich wahrgenommen wer den. Dabei ist zu erwähnen, dass unhöfliches Verhalten in uns meist Wut, Arger aber auch Trauer erzeugt. Kulturelles Wissen wäre in diesem Fall von großem Vorteil, um Konflikten zu entgehen oder sie zumindest wahrzunehmen und an gemessen ansprechen zu können. 194 Vgl. Tobias, 91. 195 Vgl. Gesprächsprotokoll am 25.07.2017. 196 Vgl. Katrin, 24. 67 und Distanz aufgrund des Geschlechts werden in diesen Situationen deut lich. Ein weiteres Beispiel für die Distanz zwischen den afghanischen Frauen gegenüber den österreichischen Männern ist das Verwenden des Kopftu ches der afghanischen Frauen in Gegenwart eines Mannes, nicht jedoch zwingend in Gegenwart einer Frau. Diese Tatsache führte zu Situationen in denen die österreichische Frau mehr Zeit mit den afghanischen Mitbe wohnerinnen und Mitbewohnern verbrachte und somit mehr Nähe zu ihnen aufbauen konnte als der österreichische Mann. Ausschlaggebend war in diesem Fall auch, dass Tobias die Distanz, die Samira ihm gegen über wollte, respektierte und sie nicht mit unangenehmen und umständ lichen Situationen, wie das erneute Aufsetzen des Kopftuches und einer angemessenen Kleidung konfrontieren wollte. Katrin konnte hingegen ohne weiteres auch abends zu ihnen, um noch Vokabeln zu lernen und zu reden ohne Umstände in Bezug auf die Kleidung zu machen.197 Die erste Zeit war ich extrem viel bei ihnen drinnen. Da sind wir oft hier auf der Couch gelegen und ich hab gesagt: "Ich komme gleich wieder muss noch schnell zu den [Nachname der Flücht lingsfamilie] schauen" und drei Stunden später war ich noch im mer nicht da. [lachen] Du ins Bett gegangen. Du hast dich unwohl gefühlt, weil du gewusst hast, Samira ist jetzt im Trägerleiberl ohne Kopftuch drinnen und da wolltest du dann nicht anklopfen, weil du gewusst hast sie muss sich jetzt anziehen und Kopftuch hinauf und am Anfang war sie noch richtig hysterisch.198 Das Kopftuch ist ferner im Kontext der Familien von Michaela und Anton und Ibrahim und Marina Thema. Es handelt sich um eine ähnliche Situa tion in der der österreichische Mann nicht ohne weiteres in den Wohn raum der afghanischen Familie eintreten kann ohne zuerst erkenntlich zu machen, dass er es ist, der hinein möchte, denn die afghanischen Frauen, in diesem Fall betrifft es Marina und die Tochter Selina, tragen in ihrer eigenen Wohnung kein Kopftuch, jedoch bei Besuch eines anderen Man nes ziehen sie sich das Kopftuch an. Auch Firas, der Neffe von Marina „muss zuerst schon laut sein unten, dass sie mitbekommen, dass er hin aufkommt"199. Dabei beschreibt Anton, dass er diese Art und Weise nicht gewöhnt ist und deshalb oftmals „nicht so daran denkt".200 Anton und Michaela erzählen von weiteren Situationen, die den unge wohnten Umgang in Bezug auf Nähe und Distanz zwischen Mann und 197 Vgl. Katrin und Tobias, 98-100. 198 Katrin, 98. 199 Michaela, 196. 200 Vgl. Michaela und Anton, 290-297. 68 Frau beschreiben. Deutlich sichtbar wurde es bei den Spieleabenden zu sammen mit der afghanischen Familie, bei dem zwischen Anton und Ma rina immer mindestens eine Person, entweder Ibrahim oder ein Kind von ihnen, dazwischen saß. Michaela hingegen durfte überall Platz nehmen.201 Und dann haben wir mal das Klatschspiel gemacht, wo man im mer so über die andere Hand greift. Das war auch. Da sofort, wir haben gesagt, tun wir klatschen, >wupsch<, alle sind aufgestanden und haben sich anders gesetzt [lacht laut auf]. Dass da eine richtige Reihe war, dass die Hände nicht zu weit Zusammenkommen [lacht laut auf]. Das war irgendwie witzig. Auweh.202 Auffallend war für Anton auch, dass Marina sich ihm gegenüber anders verhalten hatte, wenn sie ihm alleine begegnete. Wenn Ibrahim dabei war, blieb sie stehen, führte ein Gespräch mit Anton, erzählte ihm von ihrem Tag, fragte etwas nach und nahm sich die Zeit, um mit ihm zu sprechen. Wenn sie Anton allerdings alleine begegnete, mied sie längere Gespräche, antwortete nur kurz auf seine Frage ohne stehen zu bleiben und führte ihren Weg fort.203 Für Anton war diese Distanz von Marina ihm gegenüber ungewohnt und eine Hürde, um eine engere und herzliche Beziehung zu einander aufzubauen.204 Von Seiten der afghanischen Frauen, so nahmen es die Interviewpartne rinnen und Interviewpartner war, wurde der österreichische Mann vor wiegend als Respektsperson behandelt, während die Frau eine engere und nähere Beziehung einnahm, wie beispielsweise die Rolle der großen Schwester oder der Mama. Das Geschlecht des Gegenübers bestimmte also auch zum Teil die Art der Beziehung zueinander. Diese Rolle der Res pektsperson war mit mehr Distanz und mit besonderer Höflichkeit im Sinne der afghanischen Kultur verbunden. Christian erzählt, dass sich eine nähere Beziehung und das Vertrauen Alas ihm gegenüber erst entwi ckelt hatte, als sie ihr Baby und daraufhin Unterstützung und Hilfe von Christian bekam.205 Durch das Baby entstand eine besondere Nähe. Als die Kleine, da hat sie recht Bauchw eh gehabt und ich hab sie halt anders getragen, ich nehme sie halt immer am Bauch am Arm und klopfe auf den Hintern, dass halt ein wenig ein Puh kommt oder was. Und da ist sie halt jedes Mal, wenn Ala gekom m en ist, verzweifelt, weil sie halt schon so lange geschrien hat, ist sie halt 201 Vgl. ebd., 192-200. 202 Michaela, 198. 203 Vgl. Anton, 301. 204 Vgl. ebd., 297. 205 Vgl. Katrin, 87; siehe auch Sarah und Christian, 359-361. 69 dann ruhig gewesen. Da warst du, da warst du mal fort oder was. Da haben wir uns hier im W ohnzimm er zum Kachelofen herge setzt und sie ist halt dann noch eingeschlafen da, friedlich. Und Ala hat sie stundenlang herum getragen und dann hat sie halt immer geweint. Ich glaube von der Zeit ist auch wirklich das Vertrauen gekommen, das sie mir als Mann, als fremden Mann entgegen bringt.206 Diese Beispiele zeigen unter anderem, dass das Thema um Nähe und Dis tanz zwischen Männern und Frauen besonders für die österreichischen Männer spürbar war, da die afghanischen Frauen im Gegensatz zu den afghanischen Männern die größere Distanz gegenüber dem anderen Ge schlecht beibehielten. Daraus ergab sich die größere Einbindung der ös terreichischen Frau in das Zusammenleben mit der afghanischen Familie. Sie konnten zur Begrüßung die Hand reichen, abends im Wohnraum der Flüchtlinge Zeit verbringen, neben den afghanischen Männern Platz neh men.207 Speziell bei Tobias und Anton wuchs durch diese Situationen das Gefühl, nicht gleichberechtigt zu sein und anders behandelt zu werden, was Gefühle wie Trauer oder Ausgeschlossenheit zur Folge hatte.208 Bis zum Schluss war ich der Fremdkörper. ( ...) W ir haben das dann irgendwann angesprochen. Ich war der einzige Mensch in dem Haus, weil Katrins Papa ist zu alt, das war auch kein Thema, ich war der einzige M ensch in dem Haus, der nicht gleichberechtigt war, was das betrifft und das hat m ich voll beschäftigt. Hat mich traurig gemacht, [geflüstert]209 Die afghanischen Frauen der drei Familien sind unterschiedlich mit dem neuen Kontext umgegangen in dem sie leben. Beispielsweise ist bei Sa mira erkennbar, dass sie sich seit ihrer Ankunft im Umgang mit Nähe und Distanz deutlich geändert hat. So hat sie am Anfang genau darauf geach tet alle Haare unter dem Kopftuch zu verstecken und Männern nicht di rekt in die Augen zu blicken, während sie ein Jahr später mit wehendem Kopftuch mit dem Fahrrad durch das Dorf fuhr und Männern wie Frauen entgegen lachte. Dennoch gab sie einem Mann nur ungern die Hand zur Begrüßung. Der Kontext veränderte also bei Samira die Art und Weise des 206 Christian, 359. 207 Anm. der Autorin: Die Frage, die sich mir an dieser Stelle stellt, ist, ob die Ent scheidung für die angemessene Nähe und Distanz zu einem großen Teil bei den Frauen liegt. Denn die afghanischen Männer behalten die Distanz gegenüber den afghanischen Frauen bei. Ein Beispiel ist auch das Stillen eines Babys einer österreichischen Frau vor dem afghanischen Mann, der sich in dieser Situation mit dem für ihn ungewohnten Umgang von Nähe und Distanz fügte. Quelle: Katrin, 24. 208 Vgl. Tobias, 99; siehe auch Anton, 195. 209 Tobias, 99. 70 Umgangs mit den anderen, auch wenn sie das Eigene und das für sie Ge wöhnliche dabei nicht zur Gänze aufgab.210 Marina hingegen hat sich bis zum Zeitpunkt des Gespräches mit Anton und Michaela bezüglich ihrer eigenen Grenzen wenig geändert und bleibt Anton und anderen Männern gegenüber distanziert.211 Im Gegensatz dazu mag Ala die Lebensweise der Frau in Österreich gerne und trägt im Haus auch innerhalb des Wohnraumes der österreichischen Familie kein Kopftuch und manchmal auch en gere Kleidung. In der Öffentlichkeit hingegen wirft sie teilweise ein Kopf tuch über212, insbesondere im Kontakt mit der afghanischen Gesellschaft, so die Interviewpartnerin. Tarek und Ala waren von Anfang an in Bezug auf Nähe und Distanz offener und auch die besondere Distanz der Frau gegenüber den Männern der österreichischen Familie ist im Fall von Ala aus dem Interview nicht explizit hervorgegangen.213 6.3.2 Familienbild, Beziehung und Rollenaufteilung Die Wahrnehmung des Familienbildes und des Auslebens der Beziehung und der Rollenaufteilung des Gegenübers hat sehr viel mit der eigenen Form sie zu leben und den eigenen Ideen eines guten Zusammenspiels und einer Gleichberechtigung zwischen Partnerin und Partner zu tun. Die Interviews zeigen, dass die Auseinandersetzung und Meinungsverschie denheiten zwischen den Familien in Bezug auf dieses Thema vielschich tige Gründe aufweisen, die in den Interpretationen nicht ausreichend be rücksichtigt werden können. Dabei handelt es sich um Umstände wie das Alter der handelnden Personen, die Herkunft, das eigene Leben und Auf wachsen, die Rolle innerhalb der Kindheitsfamilie und die Umstände des Zusammenlebens. Es kann an dieser Stelle aufgezeigt werden, dass die österreichischen Familien während der Zeit des Zusammenlebens mit für sie ganz ungewohnten Familienbildern und Rollenaufteilungen innerhalb der Beziehungen der afghanischen Paare konfrontiert waren. Das betrifft beispielsweise die Verlobung und Hochzeit im afghanischen Raum, die Familienstrukturen und die Rollenzuschreibungen innerhalb der Bezie hung. Diese waren teils sehr anders, weshalb es zu Meinungsverschieden heiten kam. 210 Vgl. Tobias, 91. 211 Vgl. Anton, 287. 212 Anm. der Autorin: Beim Begegnungskaffee durfte ich Ala kennenlernen, die zu diesem Zeitpunkt kein Kopftuch trug. Anscheinend trägt sie es in der Öffent lichkeit auch nur manchmal. 213 Vgl. Sarah und Christian, 385-399. 71 Katrin und Tobias beschäftigten sich sehr intensiv mit diesem Thema und nahmen bei Samira und Idris wahr, dass ihre Art und Weise Beziehung und Familie zu leben, der Art und Weise ihrer Elterngeneration sehr ähn lich ist. In dieser Form von Beziehung ist Samira für den Haushalt und die Kinder zuständig und verantwortlich, während Idris arbeiten geht und sich um das finanzielle Erhalten der Familie kümmert. Idris beschreiben sie als ganz lieben und wunderbaren Vater, der auch alleine auf Nila auf passt, der sich allerdings für das Wechseln der Windeln beispielsweise nicht verantwortlich fühlt.214 Katrin und Tobias sprachen dieses Thema durchaus mit den beiden direkt an, kritisierten es und lebten ihre Bezie hung anders, bemerkten aber auch, dass diese Rollenaufteilung Samira und Idris nicht bedrückte und dass sie sich gut damit arrangieren konn ten. Idris ist für Samira ein wunderbarer Mann, mit dem sie vieles durch lebt hat und der sie aus einer ganz schwierigen Situation herausgeholt und sie auf ihren gemeinsamen Weg zu Fuß und mit Schleppern Richtung Eu ropa gebracht hat. Es sind Dinge, die sie ganz eng miteinander verbindet und die großen Respekt von Katrin und Tobias ihnen und ihrer Beziehung gegenüber eröffnen.215 Sie sind kleine Helden. Auf alle Fälle. Große Helden.216 In der Auseinandersetzung der beiden Familien um das Thema Rollen aufteilung und Familienverständnis kam es zu zwei Situationen, auf die ich an dieser Stelle näher eingehe. In denen wird ersichtlich, dass mit dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Strukturen auch die Sorge um die eigene Identität, die Suche nach der angemessenen Form miteinander und, für die afghanische Familie, innerhalb des neuen Kontextes einher gehen. Katrin und Tobias zeigten und erklärten von Anfang an, dass in ihrem Haus alle zusammenhelfen, den Tisch abräumen und in der Küche mitarbeiten und sich den Haushalt teilen. Die Unterschiede in der Hand habung und die Meinungsverschiedenheiten, die insbesondere zwischen den beiden Männern aufgrund der Nähe des Zusammenlebens direkt auf einandertrafen, zeigten sich in der folgenden Situation: Ich kann m ich gut an eine Szene erinnern, da sind wir gesessen und da haben sie wieder einm al afghanisch gekocht für uns und dann haben wir gegessen und wie wir fertig waren sagt Idris zu mir: "Heute ist afghanisch. Du bleibst sitzen." Und er hat das im mer so stolz erzählt, wie das in Afghanistan ist, da lehnen sich die Männer zurück und sagen [klopft mit dem Glas auf den Tisch]: "W asser!" und dann holt sie einem W asser. ( ...) Und an dem Abend hat er halt gesagt: "Du bleibst jetzt sitzen!", zu mir "weil heute ist 214 Vgl. Katrin und Tobias, 90-91; siehe auch Katrin, 161. 215 Vgl. Tobias, 93. 216 Katrin, 94. 72 afghanischer Abend und wir tun nichts." Und ich hab dann zu ihm gesagt: "Das ist ein europäischer Tisch und wir zwei stehen jetzt auf und helfen mit."217 In diesem Fall gehen ganz konkrete Unterschiede im Hinblick auf das Bild des Mann-Seins, der Rolle des Vaters und des Ehemannes voraus. Dabei scheint Idris ein Stück weit seine Identität als Mann und sein Bild von Fa milie, mit welchem er aufgewachsen ist und mit welchem er sich identifi ziert hatte, verloren zu haben. Er ist plötzlich mit einer ganz anderen Art und Weise des Zusammenspiels von Mann und Frau in einer Beziehung konfrontiert, welches in seine eigene Familie hineinspielt. Er muss sich aufgrund seiner Situation, enger Nachbar einer österreichischen Familie zu sein, mit diesem ihm ungewohnten Bild auseinandersetzen und es hin terfragen, auch wenn er schlussendlich wieder zu seinem gewohnten Bild zurückkehrt.218 Diese Bilder hatten grundsätzlich nebeneinander Platz und die Beziehungsformen wurden nebeneinander in ihrer Andersheit gelebt,219 wobei es dennoch zu Situationen kam, in denen vor allem Idris eine gewisse Abhängigkeit gegenüber Tobias und Katrin verspürte, auf grund der Tatsache, dass er in gewisser Weise „Gast" in ihrem Haus war und nicht über alles bestimmen konnte. Des Weiteren musste er vieles er fragen, war nicht in seinem Heimatland und konnte sich nicht perfekt aus drücken. Dazu kam, dass Tobias eine „kräftige Persönlichkeit" ist und Idris erst kurz zuvor zum ersten Mal Vater wurde und das Bedürfnis hatte, Entscheidungen über seine Familie selber und ohne Einfluss von außen zu treffen.220 Die Zeit des Zusammenlebens war demnach auch von dem Aushalten ei ner anderen Lebensweise geprägt. Katrin und Tobias beschrieben es teils als eine große Herausforderung in einem so engen Kontakt mit Samira und Idris, Entscheidungen in der jeweils anderen Familie zu belassen. In einer Situation, so erzählt Tobias, hatte er ebendiese Grenze überschritten, woraufhin bei Idris sehr viel Frust entstanden ist. Dabei ging es um ein Ereignis, bei dem das afghanische Paar ungefähr zehn Freundinnen und Freunde aus Afghanistan abends bei sich zuhause hatte, obwohl Nila erst vor einem Tag aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war. Diese konnte von so vielen Menschen umgeben nicht schlafen und schrie deshalb durchgehend, was Katrin und Tobias in ihrem Wohnraum 217 Tobias, 88. 218 Vgl., Tobias, 88. 219 Vgl. ebd., 88. 220 Vgl. Katrin, 87. 73 wahrgenommen hatten. Deshalb entschloss Tobias, Nila zu sich zu neh men und ihr einen ruhigen Schlafplatz zu bieten.221 Die hat da drinnen geschrien sicher 20 Minuten, bis ich hineinge gangen bin und sie herausgeholt habe. Und das war, ist mir nicht zugestanden. Die Eltern von Nila sind nicht wir, sondern sie. Und da ist ganz viel... An dem Abend ist sehr viel Gram entstanden beim Idris, der plötzlich das Gefühl hatte: "Was tust du jetzt in mei ner Familie?" Das geht sich nicht aus. Ich hab das nachher eh sofort gespürt, dass das nicht gepasst hat. Aber, das hab ich schon ausge halten.222 Für Idris war dieses Eindringen in die Angelegenheiten seiner Familie ein Schritt über die Grenzen und ein gewisser Bruch in der Beziehung zuei nander. Tobias hatte das gespürt und sich daraufhin entschuldigt. Faut Tobias, war auch dieser Akt des Entschuldigens von Seiten eines Mannes neu für Samira und Idris. Diese erklärten wiederum die Umstände, dass man in Afghanistan eine Einladung niemals ausschlagen darf und es des halb zu dieser Situation kam, dass so viele Menschen bei ihnen waren. Dass sie in diesem Moment nicht fragten, ob Nila bei Tobias und Katrin in einem Raum schlafen dürfte, war wiederum für Tobias unverständlich.223 Die zweite Situation macht deutlich, dass es für Idris nicht einfach war in dieser Abhängigkeit zu leben und er sich mit seiner Identität und seinem Bild des Mann-Seins, nämlich Entscheidungen für seine Familie zu treffen und Verantwortung über seine Familie zu tragen, in diesem Kontext des engen Zusammenlebens mit einer österreichischen Familie oftmals her ausgefordert und angegriffen fühlte.224 Samira hingegen hat sich, laut Kat rin, leichter getan, sich in die neue Umgebung einzufügen. Sie hat ihren Platz gefunden und Tobias als Respektsperson und Katrin als große Schwester behandelt. Idris im Gegenzug wusste oft nicht genau, wo er steht.225 Die geschilderte Situation zeigt auch, dass das Empfinden für rich tig und falsch und demnach die Entscheidung in Bezug auf Kindererzie hung in der jeweils anderen Familie zu belassen und die andere Form von Entscheidungen über Erziehung und Familienstruktur zu akzeptieren, eine große und teils schwierige Aufgabe war. Die Grenzen waren dabei oftmals nicht klar, auch deshalb nicht, weil es sich in diesen Fällen um das Wohl eines Kindes handelte.226 221 Vgl. Tobias, 86. 222 Tobias, 86. 223 Vgl. ebd., 86. 224 Vgl. ebd., 86; siehe auch Katrin, 87; Katrin, 161. 225 Vgl. Katrin, 87. 226 Vgl., Tobias, 86; siehe auch Katrin und Tobias, 129-136. 74 Ganz anders wurde die Beziehung von Tarek und Ala erlebt, die sich die Aufgaben des Haushalts und der Kindererziehung aufteilen. Beispiels weise übernimmt Tarek das Putzen der Wohnung, wobei Sarah und Christian auch beschreiben, dass er das wirklich gut, gerne und genau macht, während Ala oftmals im Zusammenhang mit den Aufgaben rund ums Baby beschrieben wird, wo Sarah und Christian wahrnehmen, dass Ala besonders zufrieden und glücklich wirkt, seit sie Mutter geworden ist.227 Auch die Aufteilung des Einkommens auf zwei Teilzeitstellen mit jeweils 20 Stunden scheint bei Tarek und Ala vorstellbar und realistisch.228 Interessant, ungewohnt und „witzig" war für Christian und Sarah die Art und Weise der Verlobung und der Hochzeit bei Tarek und Ala und deren Familien, da die Partnerin bzw. der Partner von den Müttern ausgesucht wurde, wobei die Beteiligten die Auswahl ablehnen konnten. Ala und Tarek waren fünf Jahre verlobt und trafen sich während dieser Zeit ein paar Mal, um sich kennenzulernen bevor sie geheiratet haben. Ala war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt. Auch Geschichten über den Bruder von Ala, der einige Male die Auswahl der Mutter verweigerte und schlussend lich doch heiratete wurden mit einem Lächeln erzählt229: Und da hat man so richtig gesehen, dass Ala auch jetzt so richtig eine Freude hat, weil er jetzt doch einmal gesagt hat: "Ja, das passt." Also da hat man das so richtig gemerkt, Ala wie sie sich gefreut hat, dass er doch eine passende Frau gekriegt hat.230 Zusammenfassend möchte ich an dieser Stelle festhalten, dass innerhalb der drei afghanischen Familien Unterschiede im Hinblick auf die Rollen aufteilung und die Nähe und Distanz gegenüber dem jeweils anderen Ge schlecht bestehen. Dennoch wird das Familienverständnis der afghani schen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner bei den Österreicherinnen und Österreichern überwiegend als „traditionell" empfunden und es stellt einen Gegensatz zur Einstellung der österreichischen Familien dar. Zwei der drei österreichischen Männer fühlten sich durch die andere Art der Nähe und Distanz benachteiligt und waren diese Rollenaufteilung der beiden Geschlechter nicht gewöhnt, was zu Unverständnis und Irritatio nen führte. 227 Vgl., Christian, 236; siehe auch Sarah, 284; Sarah und Christian, 357-358. 228 Vgl, Sarah, 377. 229 Vgl., Sarah und Christian, 41-51; 347-353. 230 Christian, 353. 75 6.4 Religion und Glaube Während der Zeit des Zusammenlebens der österreichischen und afgha nischen Familien kam es zu interreligiösen Begegnungen zwischen Musliminnen und Muslimen und Christinnen und Christen. Es wurde gemein sam gebetet, Weihnachten gefeiert und Ramadan gefastet. Dabei war das Auseinandersetzen mit anderen Lebensformen, Essensgewohnheiten und Glaubenseinstellungen Teil dieses interreligiösen Prozesses. In den fol genden Absätzen werden zuerst die Erfahrungen und das Kennenlemen der jeweils anderen Religion durch das gemeinsame Feiern von Festen und durch die Begegnung miteinander in religiösen Riten und gemeinsa men Gesprächen dargestellt. Im Anschluss daran werden die Auseinan dersetzungen mit den ungewohnten Formen und Regeln im Alltag der muslimischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner von Seiten der christlichen Familien und der jeweilige Umgang mit ihnen beleuchtet. 6.4.1 Jahresfestkreis: Weihnachten und Ramadan Die christlichen und muslimischen Feste während des Jahres waren ein besonderer Bestandteil des Zusammenlebens der afghanischen und öster reichischen Familien und wurden teils auch miteinander gefeiert. Ein Bei spiel dafür war das Weihnachtsfest, das in allen drei Familien gemeinsam mit den afghanischen Familien gefeiert wurde. Die Offenheit der afghani schen Flüchtlinge gegenüber dem Christentum wurde in diesen Momen ten besonders deutlich. Alle Flüchtlinge waren am 24. Dezember in der Mette und feierten diesen besonderen Tag ihrer christlichen Nachbarin nen und Nachbarn mit.231 Dabei beschreiben Sarah und Christian sie als besonders neugierig, alles zu erfahren, auszuprobieren und mitzuerleben. C: (...) Sie sind dann am 24. gleich in die Mette mitgegangen. S: Alle Flüchtlinge von [Name des Dorfes] waren dann auch in der Mette. W ir haben ihnen dann gesagt zur Kommunion sollen sie nicht gehen, [lacht] C: W eil Ala hat gesagt sie will es probieren. Hab ich gesagt (...) S: W eil die Ala [lacht] (...) C: (...) das geht nicht, [alle lachen] Diese neuen und unbekannten Formen und die dahinterliegenden Regeln und Zugänge mussten erst erlernt und verstanden werden, beispielsweise das Sakrament der Eucharistie, dessen Empfang nach dem Recht der ka tholischen Kirche nur für getaufte Katholikinnen und Katholiken und un ter diesen nur für diejenigen, die bereits das Sakrament der 231 Vgl. Sarah und Christian, 78-95; siehe auch Tobias, 179; Katrin, 46. 76 Erstkommunion erhalten hatten und nicht in schwerer Sünde leben zu gänglich ist.232 Das gemeinsame Feiern an Weihnachten, welches beispiels weise bei Sarah und Christian aufgrund der Interreligiosität an Tiefe ge wonnen hatte, wurde einerseits als besonders schön und andererseits, bei spielsweise bei Katrin und Tobias, als besonders intensiv und emotional beschrieben.233 W eihnachten war ein Wahnsinn. Sie haben so geweint. Sie haben so geweint. Samira hat so geweint.234 Mit diesem Weihnachtsfest kamen bei Samira Erinnerungen an die Situa tion in ihrem Herkunftsland, in ihren eigenen Familien, die Angst der ge genwärtigen Situation, aber auch die Angst um die Zukunft und die da zugehörige Traurigkeit über ihre Geschichte und ihr Schicksal hoch.235 In der Feier von Weihnachten fand das alles einen Ausdruck. Die Feiertage um Weihnachten waren für Tarek und Ala und Ibrahim und Marina und deren Kinder der Zeitpunkt ihrer Ankunft in ihrem neuen Zuhause in Oberösterreich.236 Sarah und Christian beschreiben diesen Zeitpunkt als besonders ideal, aufgrund der Tatsache, dass viele Men schen im Haus waren, die Stimmung lustig und ausgelassen war und sich die ganze Familie und auch Großfamilie versammelt hatte, die die neue Mitbewohnerin und den neuen Mitbewohner neugierig nach ihrer Her kunft, ihrem Land, ihrer Kultur und Religion fragten, um von ihnen zu lernen. Zusätzlich gab es noch Geschenke und Festessen.237 Die werden sich gedacht haben: „Das ist Himmel auf Erden wo wir da hinkom m en."238 Für Michaela und Anton ging auch die Sorge um genügend Essen und ausreichend Versorgung während der Zeit der Feiertage einher. A: Ja, ich meine, wir haben ihnen ja irgendwie sagen müssen, dass Feiertag ist und dass sie da nichts zum Einkäufen kriegen, und sie kom m en so her und was brauchen sie, was wollen sie, ich meine, 232 Vgl. H a e r i n g , Stephan / R e e s , Wilhelm / S c h m i t z , Heribert (Hg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts, Regensburg: Pustet 32015, 1177. 233 Vgl. Sarah und Christian, 83-84; siehe auch Katrin, 46. 234 Katrin, 46. 235 Vgl. ebd., 46. 236 Vgl. Michaela und Anton, 126-136; siehe auch Sarah und Christian, 78-95. 237 Vgl. Sarah und Christian, 78-95. 238 Christian, 88. 77 damit wir zum indest einmal über die Feiertage kommen, weil das war einmal (...) M: Ja eh, weil wir haben auch nicht gewusst, was sie brauchen. A: (..) für uns auch einmal wichtig, wir wissen, dass sie Moslem sind [klopft auf den Tisch], dass sie kein Schw einefleisch essen [klopft auf den Tisch], aber was essen sie und was brauchen sie, ah [lacht] (,..)239 Dabei wird unter anderem deutlich, dass das Wissen über die andere Re ligion anfangs gering und bis auf ein paar Eckdaten, wie beispielsweise, dass Musliminnen und Muslime kein Schweinfleisch essen, noch unbe kannt war und sich erst im Laufe der Zeit durch Begegnungen zueinander und eigene Erfahrungen mit ihren muslimischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern weiterentwickelte. Auch für die afghanischen Familien war es so, wie bereits am Beispiel der Hl. Kommunion erwähnt. Ein weiterer Zeitpunkt für interreligiöse Begegnungen und für das tiefere Kennenlernen der muslimischen Religion war der Fastenmonat Rama dan240. Tobias erzählt, dass er 10 Tage mit Idris gemeinsam gefastet hatte, was er als große Bereicherung erlebte.241 Ich mein es war voll anstrengend, ja. Aber es war so gut, wenn wir zu zweit um 5 Uhr in der Früh, es war still, dunkel im Haus, Tee gemacht haben.242 Ergänzend beschreibt er, dass er das Gottesbild und die Glaubenseinstel lung von Idris unglaublich schätzt und sehr bewundert. Laut Tobias ist es ein sehr weitherziges, offenes und großartiges Gottesbild, dass es erlaubt, miteinander zu beten und zu feiern und einander spirituell zu begegnen, obwohl die beiden nicht der gleichen Religion angehören.243 So erzählt er auch beim Thema der Konfessionszugehörigkeit von Nila, deren Mutter 239 Michaela und Anton, 127-129. 240 Der Ramadan ist der Fastenmonat der Musliminnen und Muslime und betrifft den neunten Monat des islamischen Mondkalenders. Das Mondjahr besteht aus 354 Tage, weshalb sich der Ramadan im Sonnenjahr jedes Jahr ungefähr um elf Tage verschiebt. In dieser Zeit sollen Musliminnen und Muslime bei Tageslicht keine Lebensmittel und Genussmittel zu sich nehmen und sich sexuell enthal ten. Ausgenommen sind kranke und reisende Menschen, wobei durch Analo gien auch Schwangere, Alte, Ammen und Menschen mit schwerer Arbeit dazu gezählt werden. Diese sollen allerdings das Fasten entweder durch das Geben von Almosen ersetzen oder es zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Quelle: H a lm , Heinz: Der Islam. Geschichte und Gegenwart, München: Beck s2011 (= Beck'sche Reihe C. H. Beck Wissen), 68. 241 Vgl. Tobias, 179; siehe auch Christian 335; Michaela, 242. 242 Tobias, 179. 243 Vgl. ebd., 179; siehe auch Tobias, 27. 78 Schiitin und deren Vater Sunnit ist, dass Idris eine sehr offene Einstellung hat. Er hat auch beim Interview ganz selbstbewusst gesagt, wie sie ihn gefragt haben: "Schiiten, Sunniten, wie wollen sie Nila jetzt erzie hen?" Er hat gesagt: "Das ist völlig egal. Die ist noch viel zu klein. Die entscheidet das eh selber einmal."244 Anders als Tobias erzählen Christian, Michaela und Anton über ihre Er fahrungen und Wahrnehmungen mit den afghanischen Mitbewohnerin nen und Mitbewohnern während der Zeit des Ramadans. Sie selber faste ten nicht mit und so änderte sich der Tagesrhythmus und der Ablauf des Alltags der afghanischen Familie im Gegensatz zum Tagesrhythmus der österreichischen Familien in dieser Zeit stark. Wie auch Tobias erzählt hatte, stehen die Musliminnen und Muslime während des Fastenmonats um fünf Uhr früh auf, um zu frühstücken und essen bzw. trinken dann den ganzen Tag über nichts. Erst in der Nacht von 21:00 Uhr abends bis 5:00 Uhr morgens nehmen sie wieder Nahrung und Flüssigkeit zu sich, weshalb sie meist auch länger wach bleiben.245 Zu Mittag, so Christian, ruhten sie ungefähr eine Stunde und so gegen 14:00 Uhr beteten sie. Diese Tatsachen veränderten die Struktur des Tages. Michaela nahm außerdem wahr, dass sich die afghanische Familie in dieser Zeit eher zurückzog und weniger außer Haus ging.246 Außerdem kam es zu Situationen, wo die Flüchtlinge während eines anstrengenden Arbeitstages fasteten, wie bei spielsweise Tarek, der trotz schwerer Arbeit und großer Hitze auf Wasser und Essen verzichtete, was bei Christian Unverständnis hervorrief. Ja, Ram adan ist für uns ein wenig unverständlich. W enn wer m it ten im Sommer ist und du darfst von 10 Vormittag bis 9 am Abend nichts trinken und er arbeitet wom öglich den ganzen Tag auf der Gemeinde. Also dass das nicht gesund sein kann und nicht ver nünftig ist, das... W eil wenn man sagt, wenn du da arbeitest musst du wenigstens was trinken, wenn du schon nichts isst.247 Durch den veränderten Tagesrhythmus und die Tatsache, dass die öster reichischen Familien in dieser wichtigen Zeit der Musliminnen und Mus lime nicht fasteten, diese Art des Fastens auch nicht gewöhnt waren und ihren Alltag fortsetzten, entstand während des Fastenmonats teils eine größere Distanz zueinander als in den übrigen Monaten. 244 Ebd., 179. 245 Vgl. Christian, 335; siehe auch Tobias, 179; Michaela, 242. 246 Vgl. Michaela, 242. 247 Vgl. Christian, 335. 79 In den Erzählungen der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner wird auch deutlich, dass die Musliminnen und Muslime in einem mehr heitlich christlich-geprägten Land leben, weshalb die Feierlichkeiten des Christentums in den staatlichen Feiertagen berücksichtigt werden, nicht aber die der Musliminnen und Muslime. Ihre Feste fallen oftmals auf ge wöhnliche Schul- und Arbeitstage, weshalb die Kinder zu diesen Zeiten manchmal nicht die Schule besuchten, um nach ihrer Ansicht angemessen feiern zu können. Diese Situation beschäftigte Anton, der die Schulpflicht der Kinder als wichtiger empfindet, als das Feiern ihres religiösen Fes tes.248 6.4.2 Putenschnitzel und Kopftuchgespräche Anton hatte den Eindruck, dass die Lebensweise der afghanischen Nach barinnen und Nachbarn stark vom Glauben geprägt war. Er führt die Art der Begrüßung, die Form von Nähe und Distanz und das Tragen des Kopftuches auf die religiöse Ausrichtung der Flüchtlinge zurück und be schreibt, dass sie sich auf den Alltag und die Handlungen im Miteinander auswirkt.249 Darunter fallen auch die Essensgewohnheiten, wie beispiels weise das Verbot im islamischen Recht Schweinefleisch zu essen,250 wel ches die österreichischen Familien in ihren gemeinsamen Essenszeiten be rücksichtigten. Hier ist anzumerken, dass manche der afghanischen Flüchtlinge mittlerweile Schweinefleisch essen, andere nicht.251 Ein weiterer Punkt, der bei den Interviewpartnerinnen und Interviewpart nern vermehrt angesprochen wird, ist das Tragen des Kopftuches der Musliminnen. Wie bereits in Kapitel 6.3 erwähnt, sind die Kleidervor schriften des Islam durchaus Thema im Zusammenleben der Familien. Bei Michaela und Anton ergab sich beispielweise eine Veränderung im Um gang mit Selina, die mit 11 Jahren begonnen hatte, das Kopftuch zu tragen. Dadurch distanzierte sie sich mehr von Anton, der sich auf eine neue Art des Miteinanders einstellen musste. An dieser Stelle ist anzumerken, dass es bei den afghanischen Frauen große Unterschiede im Umgang mit dem Tragen des Kopftuches gibt. Manche von ihnen tragen es ständig sobald sie mit anderen Männern als ihrem Ehemann im gleichen Raum sind, an dere tragen es wenig bzw. nur in der Öffentlichkeit. Bei manchen ist auch ein Unterschied im Umgang mit dem Kopftuch in der österreichischen Gesellschaft zum Umgang innerhalb der afghanischen Gesellschaft 248 Vgl. Anton, 229. 249 Vgl. Michaela und Anton, 511-519. 250 Vgl. E l g e r , Ralf (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte, Alltag, Kultur, Mün chen: Beck 42006 (= Beck'sche Reihe), 289. 251 Vgl. Sarah und Christian, 326-334. 80 erkennbar. In der Analyse wird deutlich, dass mit dem Kopftuch eine Dis kussion um die Gleichberechtigung von Mann und Frau einhergeht.252 6.5 Zusammenfassung und Wünsche der Interviewten In Bezug auf das Asylverfahren lässt sich sagen, dass zum Zeitpunkt des 16. März 2018 alle drei afghanischen Familien bereits das Interview hatten. Samira und Idris und Marina und Ibrahim erhielten einen negativen Be scheid. Sie reichten Beschwerde ein und warten auf die weiteren Schritte und die endgültige Entscheidung über ihren Asylantrag, was bis zu einem weiteren Jahr dauern kann. Tarek und Ala wissen noch nichts Genaueres über den Spruch, also die Zu- oder Aberkennung ihres Antrages auf Asyl. Idris, Samira und Nila leben momentan in einer eigenen Wohnung in der nächstgrößeren Stadt und Ala, Tarek und Shahed in einer eigenen Woh nung innerhalb des Dorfes. Sie sind also bereits bei den österreichischen Familien ausgezogen. Marina, Ibrahim, Firas, Bassem und Selina wohnen noch bei Michaela und Anton.253 In Bezug auf das Zusammenleben lässt sich zusammenfassend erkennen, dass es für die österreichischen und afghanischen Familien eine sehr in tensive und aufregende Zeit war. Sie war von vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken geprägt. Für die Interviewpartnerinnen und Inter viewpartner war sie in vielerlei Hinsicht eine Möglichkeit, Neues kennen zulernen und in eine andere Kultur einzutauchen. Angefangen von einer anderen Sprache, über andere Essens- und Einkaufsgewohnheiten und Alltagsstrukturen bis hin zu neuen Formen des Gebets und des Umgangs mit Rollenbildern und Beziehungsformen. Es war eine persönliche Berei cherung, die es erlaubte, eine ganz enge Beziehung zu Menschen aus an deren Kulturkreisen und anderen sozialen Schichten aufzubauen und zu leben. Dadurch entstand gelebtes Wissen über interkulturelle Kommuni kation, welches ein besseres Verstehen der Situation der geflüchteten Menschen und ihrer Lebensweisen ermöglichte. Dieses Auseinanderset zen mit anderen Gewohnheiten, Normen und Lebensformen erweiterte den Horizont und das eigene Spektrum, erforderte allerdings auch eine Reflexion über die eigenen Sichtweisen und die eigenen Grenzen, die 252 Vgl. Michaela und Anton, 511-519; siehe auch Sarah und Christian, 386-399; Katrin und Tobias, 98-100. 253 Vgl. Gesprächsprotokoll am 16.03.2018. 81 Privatsphäre, die die Familie benötigt, die Kraft, die sie aufbringen kann und wo diese endet.254 Die interkulturellen Begegnungen waren insbesondere für die Kinder eine große Bereicherung. Sie haben Freundschaften mit Kindern aus anderen Ländern und mit anderen Muttersprachen geschlossen und sie wurden Teil ihres Lebens.255 Ich finde ja, die größten Profiteure von den eineinhalb Jahren wa ren die vier Kinder. Für unsere Kinder ist es völlig selbstverständ lich, dass Idris und Samira aus einem anderen Land kommen, eine andere Sprache sprechen. Sie sind zu ihnen so gerne hineingegan gen, hinein marschiert und Uno gespielt und Tanja hat so lieb ge redet mit ihnen einfach dann. Und geredet mit Idris und langsam und deutlich gesprochen, ganz fein.256 Das enge Zusammenleben wurde auch als Herausforderung erlebt, einer Gratwanderung zwischen der Selbstbestimmung und den eigenen Ent scheidungen auf Seiten der Flüchtlinge und deren noch fehlendem Wissen über unterschiedlichste Strukturen in Österreich. Die österreichischen Paare sahen sich oft als Mittlerinnen, die versuchten den Flüchtlingen das österreichische System besser zu erklären, sie zu beraten und ihnen zu helfen. Sie erkannten aber auch, dass die afghanischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner selber entschieden und teils in ihren gewöhnten Struk turen dachten und handelten, was in dem neuen Kontext nicht zwingend zur bestmöglichen Lösung führte. Diese Herausforderung durchzog alle Lebens- und Themenbereiche angefangen von der Kommunikation und den kulturellen Codes, über das Sozialsystem, die Bildungseinrichtungen und Ausbildungsformen hin zu Arbeitsbedingungen und beruflichen Qualifikationen.257 Aus dieser Mittlerrolle heraus entspringt auch der Wunsch nach mehr Wissen der jeweils anderen Kultur und einer Unter stützung von außen einen Kurs für Flüchtlinge anzubieten, in dem Infor mationen über die wichtigsten Bereiche des Lebens in Österreich, über die kulturellen Codes wie Höflichkeit und Unhöflichkeit und das Sozialsys tem, das Gesundheitssystem und wie diese funktionieren angesprochen werden. Dieser Kurs ginge über die sprachliche Ebene hinaus um die in terkulturelle Kommunikation zwischen Menschen, die in Afghanistan und Menschen, die in Österreich aufgewachsen sind zu fördern. Ein Input von außen würde das Zusammenleben im positiven Sinne unterstützen. 254 Vgl. Katrin und Tobias, 179-181; siehe auch Tobias, 173; Sarah und Christian, 316-324; Michaela und Anton, 393-394. 255 Vgl. Tobias, 173; siehe auch Sarah und Christian, 321-323. 256 Tobias, 173. 257 Vgl. Tobias, 76. 82 Dadurch könnten Hot Spots vermieden oder zumindest besser reflektiert werden.258 Auf gesellschaftlicher Ebene hat der Privatverzug der afghanischen Flüchtlinge in die Privathäuser der österreichischen Familien eine Verän derung im Leben des Dorfes gebracht und ein Bewusstsein geschaffen, über die Situationen in Ländern des Nahen Ostens und die Schicksale der einzelnen Menschen nachzudenken. Daraus entwickelte sich ein Engage ment zu helfen und zu unterstützen, Menschen anderer Kulturen ins dörf liche Leben zu integrieren und voneinander zu lernen.259 Damit geht auch der Wunsch an die Gesellschaft in Österreich einher, eine gute Sprache im Diskurs um Flüchtlinge und eine Balance zu finden zwischen den Berei cherungen, die man in anderen Kulturen und Sprachen erlebt und er kennt, und den Ansprüchen, die man an alle Bürgerinnen und Bürger in Österreich stellen will.260 Auf persönlicher Ebene wuchs während der Zeit des Zusammenlebens bei allen Familien eine ganz enge Beziehung. Die österreichischen Paare be schreiben die Afghaninnen und Afghanen, die bei ihnen leben und lebten, als Teil der Familie. Ala und Tarek bezeichnen Sarah und Christian als „Mama" und „Papa", Samira sieht in Katrin eine große Schwester und sagt „Mama" auch zu Katrins Mutter und für Michaela ist Firas wie ihr fünftes Kind. Die österreichischen Paare kümmern sich um die afghani schen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, machen sich Sorgen, wollen sie auf ihrem Weg weiterhin unterstützen und fühlen sich ein Stück weit für sie verantwortlich.261 Es ist ihnen wichtig, dass sie einen guten Weg für sich finden, einen positiven Bescheid erhalten, Arbeit bekommen, eine Ausbildung machen und ihre Talente entfalten können und sich in Öster reich wohl fühlen. Dabei wollen sie weiterhin Familie für sie sein und ihnen in den verschiedenen Lebensphasen zur Seite stehen. Die gewach senen Freundschaften zueinander und auch die der Kinder sollen weiter hin gepflegt werden und in ihrem Alltag Platz finden.262 Die Zeit miteinander mit all den Herausforderungen und Bereicherungen kann in ihrer Intensität mit folgendem Satz zusammengefasst werden: Es war genial, aber es war ein W ahnsinn.263 258 Vgl. Michaela und Anton, 237-238. 259 Vgl. Tobias, 175. 260 Vgl. ebd., 186. 261 Vgl. Sarah und Christian, 319-320; siehe auch Michaela, 319; Katrin, 179. 262 Vgl. Katrin und Tobias, 183-184; siehe auch Sarah und Christian, 369-371. 263 Katrin, 64. 83 Conclusio Diese Forschung zeigt, dass das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien durch verschiedene Faktoren geprägt war: das gesellschaftliche und politische Umfeld, die Asylpolitik in Österreich und die Situation innerhalb der Familien, die handelnden Personen, ihre Er fahrungen, Prägungen und Ansichten zu Gender, Beziehung, Religion, In terreligiosität und Kindererziehung. In diesem Geflecht der Lebenswelten und Anschauungen greife ich aus religionswissenschaftlicher und pastoraltheologischer Sicht Schwerpunkte heraus und gehe auf einige interes sante Erkenntnisse ein. Aus religionswissenschaftlicher Sicht werfe ich einen Blick auf das ge meinsame Beten von Tobias und Idris. Beide beteten in ihrer eigenen Tra dition fühlten sich dabei aber miteinander verbunden. In dieser Begeg nung wurde nicht das Trennende der christlichen und muslimischen Re ligionsformen, sondern die gemeinsame spirituelle Ebene in den Vorder grund gestellt. Das Gebet war eine Möglichkeit, mit Gott in Verbindung zu kommen und gleichzeitig gut zueinander zu finden und sich besser kennen zu lernen. Es bedurfte keiner sprachlichen Kommunikation zwi schen den Betenden und war die Chance, den jeweils anderen ohne Worte zu verstehen und den Respekt und die Offenheit zu signalisieren. Das Kennenlernen des islamischen Gebets durch Idris motivierte Tobias sogar, seine eigene christliche Tradition verstärkt kennen zu lernen. Dieses Bei spiel zeigt, dass die Offenheit für neue Traditionen und das Aufeinander treffen von Menschen aus verschiedenen Religionen und deren Gebetsfor men, Rituale, ethische Überlegungen, Essgewohnheiten und Formen des Zusammenlebens die eigene religiöse Existenz vertiefen kann. Es lässt die eigenen Prägungen klarer erscheinen, weil die eigene Identität vor allem durch die Beziehung zu anderen und die Differenz zu ihnen in verschie denen Bereichen bestimmt wird. Durch die Einwohnung in eine andere religiöse Tradition wird die mitgebrachte religiöse Prägung . Durch diesen Ver fremdungseffekt erscheint sie in neuem Licht und kann dadurch sogar intensiviert werden.264 Im Weiteren kann interreligiöse Begegnung die eigenen Traditionen er weitern und neue spirituelle Formen ermöglichen, ohne dabei die Diffe renzen der Religionen zu vermindern.265 So fastete Tobias mit Idris im 264 B e r n h a r d t , Reinhold: Religiöse , in: Theologische Zeitschrift 70 / 1 (2014), 65. 265 Vgl. ebd., 65. 85 Ramadan und erlebte dies als persönliche Bereicherung in seiner christli chen Existenz. Diese Beispiele machen deutlich, dass Interreligiosität, auch auf der Ebene des gemeinsamen Gebetes, zu einer Erweiterung und Vertiefung der eigenen religiösen Prägung beitragen kann. Muslimisch christliche Begegnungen können somit ein besseres Verstehen untereinan der und gleichzeitig ein intensiveres Kennenlernen der eigenen religiösen Tradition ermöglichen.266 Im Bereich der Kommunikation ist das Erlernen der deutschen Sprache für die geflüchteten Menschen in Österreich die wesentliche Basis für ge lungene Verständigung mit Österreicherinnen und Österreichern und für die Eingliederung in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Die interkulturelle Kommunikation ist dennoch mehr als die Aneignung einer anderen Spra che. Sie wird durch körperliche und nonverbale Gesten ergänzt. Daher wäre es für eine erfolgreiche Verständigung untereinander von großer Be deutung, zusätzlich zur grammatikalischen und sprachlichen Ebene die Erlernung der Grundlagen von interkultureller Kommunikation zu er möglichen und das Entstehen von Hotspots und die nonverbale Interak tion zu besprechen. Dazu gehören auch die Unterschiede im Begrüßen, das Wissen um die verschiedenen Formen von Nähe und Distanz zwi schen Männern und Frauen in der afghanischen und österreichischen Kul tur und die Einsicht, dass man Missverständnisse nie ganz vermeiden, sich dennoch dafür sensibilisieren kann.267 Beim Zusammenspiel der Fa milien zeigte sich, dass sich in der interkulturellen Begegnung andere, nonverbale Ausdrucksformen entwickeln. Vor allem bei den Kindern wurde deutlich wie ein Miteinander und eine Kommunikation auch ohne sprachliche Basis funktionieren kann. Eine interessante Erkenntnis im Bereich Gender war, dass sich vor allem die österreichischen Männer in Bezug auf Nähe und Distanz zwischen den Geschlechtern benachteiligt fühlten. Sie hatten das Gefühl nicht gleichbe rechtigt behandelt zu werden und weniger Einblicke zu erhalten als ihre Im Weiteren zeigt sich in diesem Beispiel des gemeinsamen Betens die Art der eigenen Identitätsbildung durch andere Weltanschauungen und Religionen. Die Suche nach Identität in Zeiten des Pluralismus und der Individualisierung ereignet sich auf unterschiedliche Weise. Auf der einen Seite, beispielsweise in fundamentalen Kreisen, werden Normen und Traditionen verstärkt festgesetzt um sich von dem „anderen" abzugrenzen. Auf der anderen Seite steht die freie Sinnsuche, die sich an keine traditionellen Vorgaben bindet und im Zugehen und In-Beziehung-Setzen des Unbekannten eigene spirituelle Formen lebt, die sich teils aus verschiedenen Religionen speisen. Beide Bewegungen sind Teil einer Identitätssuche innerhalb einer pluralen Gesellschaft. Quelle: B e r n h a r d t , Religiöse , 60-61. Vgl. H ERIN GER, Hans Jürgen: Interkulturelle Kommunikation. Grundlagen und Konzepte, Tübingen: Francke 32010 (= UTB Sprachwissenschaften 2550), 161. 86 Frau. Aufgrund der Tatsache, dass die afghanischen Frauen die Konven tionen im Umgang mit dem anderen Geschlecht beibehielten, erfuhren sie mehr Distanz auf der Beziehungsebene als sie es gewohnt waren, wodurch Emotionen wie Trauer ausgelöst wurden. In Bezug auf die Hilfestellungen für die Betroffenen braucht es auf politi scher Ebene für die Förderung und die Unterstützung des guten interkul turellen Miteinanders einige wesentliche Maßnahmen. Dazu gehören schnellere Asylverfahren, vermehrte Deutschkurse, Zugang zum Arbeits markt und zur Schulbildung für Kinder und nicht zuletzt Kontakt zu Ös terreicherinnen und Österreichern. Ein großer Frust bei engagierten Men schen in Österreich entsteht derzeit auch aufgrund der großen Anzahl an negativen Asylbescheiden von Afghaninnen und Afghanen, die bereits seit mehreren Jahren in Österreich leben und hier Fuß gefasst haben. Der Ruf nach „Ausbildung statt Abschiebung" wird aus gesellschaftlichen Kreisen immer lauter.268 Darüber hinaus ist es wichtig, in der österreichi schen Gesellschaft interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen zu för dern und zu stärken. Aus der Perspektive der Kirche handelt es sich bei der momentanen Situ ation der Flüchtlinge um ein Zeichen der Zeit, das „Großzügigkeit, Enga gement, Klugheit und Weitblick" bedarf.269 Papst Franziskus macht darauf aufmerksam, indem er für seinen ersten Besuch außerhalb des Vatikans auf die Flüchtlingsinsel Fampedusa fährt, die „Globalisierung der Gleich gültigkeit" kritisiert und die Solidarität mit den geflüchteten Menschen fordert.270 Es gehe darum, sich von den Geschichten und Schicksalen der Flüchtlinge berühren zu lassen, sie aufzunehmen, zu beschützen, zu för dern und zu integrieren. Die Religionsfreiheit hält er für wichtig, um den Menschen die Entfaltung in allen Dimensionen zu ermöglichen. Die inter religiöse und interkulturelle Begegnung beschreibt er als Bereicherung, die es uns ermöglicht einander besser verstehen zu lernen und die Vgl. R o h r h o f e r , Markus: Petition gegen Lehrlingsabschiebungen in Oberöster reich gestartet, in: https://derstandard.at/2000068878976/0beroesterreich-startet-Petition-gegen-Lehrlingsabschiebungen [abgerufen am: 14.04.2018]. Vgl. Papst Franziskus: Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flücht lings 2018. Die Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren, in: https://dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Botschaften/2018-Botschaft-Welttag-Migranten-Fluechtlinge.pdf [abgerufen am: 13.04.2018]. Vgl. Papst Franziskus: Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa. 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Sie gingen das Risiko ein, Fehler zu machen und zu scheitern und lebten ihren Glauben an den Grenzen des Sicheren.273 In die ser Unsicherheit, dass sie verletzt, enttäuscht und verwundert Zurückblei ben könnten, wagten sie es dennoch, in der Situation des Uberfordernden zu handeln, anstatt nur darüber zu diskutieren. Sie stellten sich selbst, als ganze Menschen in die Begegnung des Noch-nicht-Bekannten und kom munizierten in neuen Sprachen. Dabei lernten sie Menschen aus anderen Lebenswelten und mit anderer Religion und sich selbst kennen und re flektierten die eigenen Grenzen. Im Zusammenspiel der Familien aus Af ghanistan und Österreich ergaben sich für die Beteiligten nicht nur Ant worten und Statements zu verschiedenen Aspekten des interkulturellen Zusammenlebens, sondern es tauchten Fragen auf. Fragen über das Wahr oder Falsch, über Lebensweisen, über die gute Art miteinander, über Nähe und Distanz, über Religion, Kommunikation und Identität. Kurz: über das ganze, volle Leben. Die drei Familien können für die Kirche (aber auch für Gesellschaft und Politik) ein Beispiel sein, sich in bewegenden Zeiten mutig in die Begeg nung zu stürzen und (stolpernd) voranzuschreiten, anstatt sich von dem Unbekannten immer mehr zu entfernen. Denn, so schreibt auch Bern hardt: W o die Differenz überbetont wird, wo das Andere zum inkom mensurabel Ganz-Anderen erklärt wird, wird das Selbst zu einer beziehungslosen () Monade, die nichts Vgl. Papst Franziskus, Botschaft zum Welttag, 1-5. Vgl. BÜ CH ER, Rainer: Wenn man nicht mehr wirklich gebraucht wird. Die Kirche(n) in Zeiten des hegemonialen Kapitalismus, in: Bechmann, Ulrike (Hg.): Abfall. Theologisch-kritische Reflexionen über Müll, Entsorgung und Ver schwendung, Wien: LIT 2015 (= Werkstatt Theologie Band 22), 44. Vgl. BÜ CH ER, Rainer: Das Ende der Überschaubarkeit. Perspektiven einer zu künftigen Sozialgestalt von Kirche, in: Herder Korrespondenz Spezial 6 5 / 1 (2011), 7. 88 Herausforderendes mehr aufnim mt und sich damit auch nicht weiterentwickeln kann.274 Abschließend lässt sich sagen, dass die Ergebnisse der Forschung zeigen, dass man den Themen wie Migration, Flucht, Interkulturalität und Inter religiosität nicht mit einfachen, plakativen und verallgemeinernden Aus sagen weder in die eine noch in die andere Richtung gerecht wird. Sie be dürfen einer Differenzierung und einer liebenden Achtsamkeit; einem wachsamen Blick auf die Herausforderungen und Chancen der vielen un terschiedlichen Lebensweisen der Menschen und nicht zuletzt Mut, sich diesen zu stellen. Bernhardt, Religiöse , 64-65. 89 Bibliographie AMS OÖ: Arbeitsmöglichkeiten für Asylwerberinnen und Asylwerber, in: www.ams.at/_docs/400_Asyl-Folder_DEUTSCH.pdf [abgerufen am: 25.01.2018], Be r n h a r d t , Reinhold: Religiöse , in: Theologische Zeit schrift 70 / 1 (2014). 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Teil 2a: internes Zusammenleben Wie gestaltet sich das Zusam menleben? [Wie wirken sich die verschiedenen Lebensbereiche auf das Zusammenleben aus?] - Bildung (Kindergar ten, Schule, Deutsch kurse) - Arbeit - Haushalt/Arbeiten rund ums Haus, Woh nung, Garten,... - Mobilität - Nahrungsmittel/ Essen - Gesundheit/ Gesund heitsversorgung Bei den verschiedenen Lebens bereichen oder aber auch bei Schwierigkeiten und Unter schieden: Wie wirkt sich das auf das Zu sammenleben aus? Wenn sie Kinder haben: Wie empfinden die Kinder die Situ ation? Könnt ihr zum Bereich der Bil dung/ Mobilität/... noch etwas sagen? Wie war das so mit der Spra che/ der Kommunikation/... ? Was heißt das für eure Familie? Teil 2b: internes Zusammenleben Welche Schwierigkeiten habt ihr erfahren? Und welche Berei cherungen? Sprache/ Kommunika tion Finanzielles Kinder/ Kindererzie hung Teil 3: externes Zusammenleben Wie war die Wahrnehmung von außen? Mit welchen Dingen wurdet ihr im Dorf konfron tiert? Vernetzung mit ande ren Familien Unterstützung/ Hilfe Unverständnis/ Recht fertigung Begegnungen mit Dorfbewohnerinnen Urteile von außen Motivation/ Motiva tion halten Teil 4: zeitliche Dimension - Kommunikation Was würdet ihr sagen hat sich “ Umgang miteinander seither verändert? Gibt's den Versuch die Schwie rigkeiten aufzuklären? Was be deutet das für eure Familie? Wo zeigen sich keine Schwie rigkeiten, wo man sie eigentlich erwartet hätte? Könnt ihr dazu noch etwas sa gen? Wie war das so mit den Nach barn/...? Und dann? Hat es mit anderen Familien, die in der gleichen Situation sind eine Vernetzung gegeben? Seid ihr auf Unverständnis ge stoßen? Oder gab es eine breite Unterstützung? Inwieweit? Was würdet ihr euch wünschen? - Wahrnehmung von außen Was würdet ihr euch vom Staat/ der Gesellschaft wünschen? Was vermisst ihr?

Zusammenfassung

Das Werk beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien nach der Flüchtlingskrise 2015 und geht der Frage nach, wie sich dieses Zusammenleben gestaltet hat und mit welchen Fragen und Herausforderungen die Familien konfrontiert waren. Die Grundlage der Datengewinnung sind qualitative Interviews mit Eltern von österreichischen Familien, die afghanische Familien bei sich zuhause in einem Dorf in Oberösterreich aufgenommen haben.

Im theoretischen Teil wird zu Beginn auf die Asylpolitik in Österreich eingegangen. Anschließend folgen empirische Erkenntnisse sowohl über die aktuelle Asylpolitik und die Situation im Dorf, als auch über das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien unter den Gesichtspunkten Kommunikation, Arbeit und Bildung, Gender, Religion und Glaube. Ziel ist es, die Erfahrungen und Alltagssituationen der Menschen kennenzulernen und herauszufinden, wo relevante Fragestellungen, Herausforderungen und Lernchancen liegen.

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Zusammenfassung

Das Werk beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien nach der Flüchtlingskrise 2015 und geht der Frage nach, wie sich dieses Zusammenleben gestaltet hat und mit welchen Fragen und Herausforderungen die Familien konfrontiert waren. Die Grundlage der Datengewinnung sind qualitative Interviews mit Eltern von österreichischen Familien, die afghanische Familien bei sich zuhause in einem Dorf in Oberösterreich aufgenommen haben.

Im theoretischen Teil wird zu Beginn auf die Asylpolitik in Österreich eingegangen. Anschließend folgen empirische Erkenntnisse sowohl über die aktuelle Asylpolitik und die Situation im Dorf, als auch über das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien unter den Gesichtspunkten Kommunikation, Arbeit und Bildung, Gender, Religion und Glaube. Ziel ist es, die Erfahrungen und Alltagssituationen der Menschen kennenzulernen und herauszufinden, wo relevante Fragestellungen, Herausforderungen und Lernchancen liegen.