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Conclusio in:

Katharina Kaineder

Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien, page 85 - 90

"Es war genial, aber es war ein Wahnsinn"

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4328-8, ISBN online: 978-3-8288-7272-1, https://doi.org/10.5771/9783828872721-85

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Conclusio Diese Forschung zeigt, dass das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien durch verschiedene Faktoren geprägt war: das gesellschaftliche und politische Umfeld, die Asylpolitik in Österreich und die Situation innerhalb der Familien, die handelnden Personen, ihre Er fahrungen, Prägungen und Ansichten zu Gender, Beziehung, Religion, In terreligiosität und Kindererziehung. In diesem Geflecht der Lebenswelten und Anschauungen greife ich aus religionswissenschaftlicher und pastoraltheologischer Sicht Schwerpunkte heraus und gehe auf einige interes sante Erkenntnisse ein. Aus religionswissenschaftlicher Sicht werfe ich einen Blick auf das ge meinsame Beten von Tobias und Idris. Beide beteten in ihrer eigenen Tra dition fühlten sich dabei aber miteinander verbunden. In dieser Begeg nung wurde nicht das Trennende der christlichen und muslimischen Re ligionsformen, sondern die gemeinsame spirituelle Ebene in den Vorder grund gestellt. Das Gebet war eine Möglichkeit, mit Gott in Verbindung zu kommen und gleichzeitig gut zueinander zu finden und sich besser kennen zu lernen. Es bedurfte keiner sprachlichen Kommunikation zwi schen den Betenden und war die Chance, den jeweils anderen ohne Worte zu verstehen und den Respekt und die Offenheit zu signalisieren. Das Kennenlernen des islamischen Gebets durch Idris motivierte Tobias sogar, seine eigene christliche Tradition verstärkt kennen zu lernen. Dieses Bei spiel zeigt, dass die Offenheit für neue Traditionen und das Aufeinander treffen von Menschen aus verschiedenen Religionen und deren Gebetsfor men, Rituale, ethische Überlegungen, Essgewohnheiten und Formen des Zusammenlebens die eigene religiöse Existenz vertiefen kann. Es lässt die eigenen Prägungen klarer erscheinen, weil die eigene Identität vor allem durch die Beziehung zu anderen und die Differenz zu ihnen in verschie denen Bereichen bestimmt wird. Durch die Einwohnung in eine andere religiöse Tradition wird die mitgebrachte religiöse Prägung . Durch diesen Ver fremdungseffekt erscheint sie in neuem Licht und kann dadurch sogar intensiviert werden.264 Im Weiteren kann interreligiöse Begegnung die eigenen Traditionen er weitern und neue spirituelle Formen ermöglichen, ohne dabei die Diffe renzen der Religionen zu vermindern.265 So fastete Tobias mit Idris im 264 B e r n h a r d t , Reinhold: Religiöse , in: Theologische Zeitschrift 70 / 1 (2014), 65. 265 Vgl. ebd., 65. 85 Ramadan und erlebte dies als persönliche Bereicherung in seiner christli chen Existenz. Diese Beispiele machen deutlich, dass Interreligiosität, auch auf der Ebene des gemeinsamen Gebetes, zu einer Erweiterung und Vertiefung der eigenen religiösen Prägung beitragen kann. Muslimisch christliche Begegnungen können somit ein besseres Verstehen untereinan der und gleichzeitig ein intensiveres Kennenlernen der eigenen religiösen Tradition ermöglichen.266 Im Bereich der Kommunikation ist das Erlernen der deutschen Sprache für die geflüchteten Menschen in Österreich die wesentliche Basis für ge lungene Verständigung mit Österreicherinnen und Österreichern und für die Eingliederung in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Die interkulturelle Kommunikation ist dennoch mehr als die Aneignung einer anderen Spra che. Sie wird durch körperliche und nonverbale Gesten ergänzt. Daher wäre es für eine erfolgreiche Verständigung untereinander von großer Be deutung, zusätzlich zur grammatikalischen und sprachlichen Ebene die Erlernung der Grundlagen von interkultureller Kommunikation zu er möglichen und das Entstehen von Hotspots und die nonverbale Interak tion zu besprechen. Dazu gehören auch die Unterschiede im Begrüßen, das Wissen um die verschiedenen Formen von Nähe und Distanz zwi schen Männern und Frauen in der afghanischen und österreichischen Kul tur und die Einsicht, dass man Missverständnisse nie ganz vermeiden, sich dennoch dafür sensibilisieren kann.267 Beim Zusammenspiel der Fa milien zeigte sich, dass sich in der interkulturellen Begegnung andere, nonverbale Ausdrucksformen entwickeln. Vor allem bei den Kindern wurde deutlich wie ein Miteinander und eine Kommunikation auch ohne sprachliche Basis funktionieren kann. Eine interessante Erkenntnis im Bereich Gender war, dass sich vor allem die österreichischen Männer in Bezug auf Nähe und Distanz zwischen den Geschlechtern benachteiligt fühlten. Sie hatten das Gefühl nicht gleichbe rechtigt behandelt zu werden und weniger Einblicke zu erhalten als ihre Im Weiteren zeigt sich in diesem Beispiel des gemeinsamen Betens die Art der eigenen Identitätsbildung durch andere Weltanschauungen und Religionen. Die Suche nach Identität in Zeiten des Pluralismus und der Individualisierung ereignet sich auf unterschiedliche Weise. Auf der einen Seite, beispielsweise in fundamentalen Kreisen, werden Normen und Traditionen verstärkt festgesetzt um sich von dem „anderen" abzugrenzen. Auf der anderen Seite steht die freie Sinnsuche, die sich an keine traditionellen Vorgaben bindet und im Zugehen und In-Beziehung-Setzen des Unbekannten eigene spirituelle Formen lebt, die sich teils aus verschiedenen Religionen speisen. Beide Bewegungen sind Teil einer Identitätssuche innerhalb einer pluralen Gesellschaft. Quelle: B e r n h a r d t , Religiöse , 60-61. Vgl. H ERIN GER, Hans Jürgen: Interkulturelle Kommunikation. Grundlagen und Konzepte, Tübingen: Francke 32010 (= UTB Sprachwissenschaften 2550), 161. 86 Frau. Aufgrund der Tatsache, dass die afghanischen Frauen die Konven tionen im Umgang mit dem anderen Geschlecht beibehielten, erfuhren sie mehr Distanz auf der Beziehungsebene als sie es gewohnt waren, wodurch Emotionen wie Trauer ausgelöst wurden. In Bezug auf die Hilfestellungen für die Betroffenen braucht es auf politi scher Ebene für die Förderung und die Unterstützung des guten interkul turellen Miteinanders einige wesentliche Maßnahmen. Dazu gehören schnellere Asylverfahren, vermehrte Deutschkurse, Zugang zum Arbeits markt und zur Schulbildung für Kinder und nicht zuletzt Kontakt zu Ös terreicherinnen und Österreichern. Ein großer Frust bei engagierten Men schen in Österreich entsteht derzeit auch aufgrund der großen Anzahl an negativen Asylbescheiden von Afghaninnen und Afghanen, die bereits seit mehreren Jahren in Österreich leben und hier Fuß gefasst haben. Der Ruf nach „Ausbildung statt Abschiebung" wird aus gesellschaftlichen Kreisen immer lauter.268 Darüber hinaus ist es wichtig, in der österreichi schen Gesellschaft interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen zu för dern und zu stärken. Aus der Perspektive der Kirche handelt es sich bei der momentanen Situ ation der Flüchtlinge um ein Zeichen der Zeit, das „Großzügigkeit, Enga gement, Klugheit und Weitblick" bedarf.269 Papst Franziskus macht darauf aufmerksam, indem er für seinen ersten Besuch außerhalb des Vatikans auf die Flüchtlingsinsel Fampedusa fährt, die „Globalisierung der Gleich gültigkeit" kritisiert und die Solidarität mit den geflüchteten Menschen fordert.270 Es gehe darum, sich von den Geschichten und Schicksalen der Flüchtlinge berühren zu lassen, sie aufzunehmen, zu beschützen, zu för dern und zu integrieren. Die Religionsfreiheit hält er für wichtig, um den Menschen die Entfaltung in allen Dimensionen zu ermöglichen. Die inter religiöse und interkulturelle Begegnung beschreibt er als Bereicherung, die es uns ermöglicht einander besser verstehen zu lernen und die Vgl. R o h r h o f e r , Markus: Petition gegen Lehrlingsabschiebungen in Oberöster reich gestartet, in: https://derstandard.at/2000068878976/0beroesterreich-startet-Petition-gegen-Lehrlingsabschiebungen [abgerufen am: 14.04.2018]. Vgl. Papst Franziskus: Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flücht lings 2018. Die Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren, in: https://dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Botschaften/2018-Botschaft-Welttag-Migranten-Fluechtlinge.pdf [abgerufen am: 13.04.2018]. Vgl. Papst Franziskus: Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa. Predikt von Papst Franziskus, in: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2013/ documents/papa-francesco_20130708_omelia-lampedusa.html [abgerufen am: 14.04.2018]. 87 schönen und kostbaren Seiten zu entdecken.271 In diesen Worten und Ta ten von Papst Franziskus wird deutlich, dass sich die Kirche die Frage stellen muss, was die Welt von ihr braucht und wie sie den Menschen in der heutigen Zeit zu seiner Erfüllung in allen Dimensionen dienen kann.272 Aus pastoraltheologischer Sicht stellen die drei Familien also ein Beispiel dar, wie man in schwierigen und herausfordernden Zeiten die Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, in die Mitte stellt. Sie zeigten großen Mut und ließen sich auf die Gemeinsamkeiten und die Differenzen des jeweils anderen ein. Dabei ließen sie sich von den Geschichten und Situa tionen der geflüchteten Menschen berühren und versuchten, ihnen eine Heimat zu geben. Sie gingen das Risiko ein, Fehler zu machen und zu scheitern und lebten ihren Glauben an den Grenzen des Sicheren.273 In die ser Unsicherheit, dass sie verletzt, enttäuscht und verwundert Zurückblei ben könnten, wagten sie es dennoch, in der Situation des Uberfordernden zu handeln, anstatt nur darüber zu diskutieren. Sie stellten sich selbst, als ganze Menschen in die Begegnung des Noch-nicht-Bekannten und kom munizierten in neuen Sprachen. Dabei lernten sie Menschen aus anderen Lebenswelten und mit anderer Religion und sich selbst kennen und re flektierten die eigenen Grenzen. Im Zusammenspiel der Familien aus Af ghanistan und Österreich ergaben sich für die Beteiligten nicht nur Ant worten und Statements zu verschiedenen Aspekten des interkulturellen Zusammenlebens, sondern es tauchten Fragen auf. Fragen über das Wahr oder Falsch, über Lebensweisen, über die gute Art miteinander, über Nähe und Distanz, über Religion, Kommunikation und Identität. Kurz: über das ganze, volle Leben. Die drei Familien können für die Kirche (aber auch für Gesellschaft und Politik) ein Beispiel sein, sich in bewegenden Zeiten mutig in die Begeg nung zu stürzen und (stolpernd) voranzuschreiten, anstatt sich von dem Unbekannten immer mehr zu entfernen. Denn, so schreibt auch Bern hardt: W o die Differenz überbetont wird, wo das Andere zum inkom mensurabel Ganz-Anderen erklärt wird, wird das Selbst zu einer beziehungslosen () Monade, die nichts Vgl. Papst Franziskus, Botschaft zum Welttag, 1-5. Vgl. BÜ CH ER, Rainer: Wenn man nicht mehr wirklich gebraucht wird. Die Kirche(n) in Zeiten des hegemonialen Kapitalismus, in: Bechmann, Ulrike (Hg.): Abfall. Theologisch-kritische Reflexionen über Müll, Entsorgung und Ver schwendung, Wien: LIT 2015 (= Werkstatt Theologie Band 22), 44. Vgl. BÜ CH ER, Rainer: Das Ende der Überschaubarkeit. Perspektiven einer zu künftigen Sozialgestalt von Kirche, in: Herder Korrespondenz Spezial 6 5 / 1 (2011), 7. 88 Herausforderendes mehr aufnim mt und sich damit auch nicht weiterentwickeln kann.274 Abschließend lässt sich sagen, dass die Ergebnisse der Forschung zeigen, dass man den Themen wie Migration, Flucht, Interkulturalität und Inter religiosität nicht mit einfachen, plakativen und verallgemeinernden Aus sagen weder in die eine noch in die andere Richtung gerecht wird. Sie be dürfen einer Differenzierung und einer liebenden Achtsamkeit; einem wachsamen Blick auf die Herausforderungen und Chancen der vielen un terschiedlichen Lebensweisen der Menschen und nicht zuletzt Mut, sich diesen zu stellen. Bernhardt, Religiöse , 64-65. 89

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Zusammenfassung

Das Werk beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien nach der Flüchtlingskrise 2015 und geht der Frage nach, wie sich dieses Zusammenleben gestaltet hat und mit welchen Fragen und Herausforderungen die Familien konfrontiert waren. Die Grundlage der Datengewinnung sind qualitative Interviews mit Eltern von österreichischen Familien, die afghanische Familien bei sich zuhause in einem Dorf in Oberösterreich aufgenommen haben.

Im theoretischen Teil wird zu Beginn auf die Asylpolitik in Österreich eingegangen. Anschließend folgen empirische Erkenntnisse sowohl über die aktuelle Asylpolitik und die Situation im Dorf, als auch über das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien unter den Gesichtspunkten Kommunikation, Arbeit und Bildung, Gender, Religion und Glaube. Ziel ist es, die Erfahrungen und Alltagssituationen der Menschen kennenzulernen und herauszufinden, wo relevante Fragestellungen, Herausforderungen und Lernchancen liegen.