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5 Empirische Ergebnisse zur Asylpolitik in:

Katharina Kaineder

Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien, page 49 - 52

"Es war genial, aber es war ein Wahnsinn"

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4328-8, ISBN online: 978-3-8288-7272-1, https://doi.org/10.5771/9783828872721-49

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
5 Empirische Ergebnisse zur Asylpolitik Im ersten Kapitel der empirischen Darlegungen gehe ich auf die zentralen Erfahrungen und Kritikpunkte der drei Familien in Hinblick auf die vor herrschende Asylpolitik ein. Die afghanischen Familien, die bei den öster reichischen Familien wohnen und wohnten, befinden sich allesamt noch in der Grundversorgung. Sie haben also nur beschränkt Zugang zum Ar beitsmarkt, somit auch nur beschränkt finanzielle Mittel. Sie, und mit ihnen die österreichischen Familien, warten seit einiger Zeit auf das Inter view, welches über ihren Asylstatus entscheidet.135 Im Fall der drei Fami lien liegt die Dauer des Asylverfahrens mittlerweile bei zwei Jahren. Das bedeutet zwei Jahre ohne zu wissen, ob sie schlussendlich bleiben dürfen oder nicht, was für alle Beteiligten unverständlich und unangenehm ist, insbesondere auch, weil sie nicht damit gerechnet hatten, dass das Asyl verfahren so lange dauern würde. Die Hilfeleistung und Breitstellung von Wohnungen bei österreichischen Familien für Flüchtlinge während der Zeit der Jugoslawienkrise und das Wissen, dass dieses Zusammenleben funktioniert hatte, war ein Grund warum sich die drei Familien unter an derem zugetraut hatten, Flüchtlinge bei sich zuhause aufzunehmen. Die Rahmenbedingungen und die Gesetze von damals waren allerdings an ders als im Jahr 2015, weshalb die Zeit des Zusammenlebens damals um einiges kürzer war, weil die Geflüchteten relativ schnell zu arbeiten be ginnen konnten, und somit schneller unabhängig und selbstständig wa ren. Ein kürzeres Verfahren wäre für die Integration, die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Flüchtlinge von Vorteil und gleichzeitig eine Unterstützung und Entlastung für die helfenden Österreicherinnen und Österreicher.136 Und die Abhängigkeiten und das Nicht-arbeiten-dürfen... Und das ist ein Vollscheiß! Und da merkt man richtig wie der Zeitpunkt nach einem halben Jahr gut gewesen wäre wahrscheinlich sogar. Eine eigene W ohnung suchen, eine Arbeit suchen. Tut! Da hätten s ie ... Das wäre Pareto effizient gewesen, da wären 80% vom Weg, was lern ich über die Leute hier, wie bewege ich mich hier, das wäre erledigt gewesen und den Rest schaffen sie selbst. Das war nach ein paar M onaten erledigt. Die ersten W örter Deutsch, ein kaufen gehen, Rad fahren. Das haben wir alles gehabt nach einem 135 Vgl., Sarah, 223. 136 Vgl. Tobias, 157; siehe auch Sarah und Christian, 221-224. 49 halben Jahr. Und das ist... Und die größte Schwierigkeit ist: die lan gen Asylbescheide sind eine Katastrophe für alle Beteiligten.137 Die lange Wartezeit verstärkt die Abhängigkeit der afghanischen Flücht linge in Bezug auf das System der Grundversorgung und in ihrem Fall der individuellen Unterbringung gegenüber der österreichischen Familien. Sie können ohne die Hilfe und Unterstützung der Bekannten aus dem ös terreichischen Umfeld nicht selbst bestimmen, wo sie leben und was sie arbeiten möchten. Damit verbunden ist auch der beschränkte Zugang zum Arbeitsmarkt. Beispielsweise hätte eine Reinigungsfirma Tarek gerne eingestellt, was trotz Ansuchen einer Arbeitsbewilligung aufgrund der Regelungen in der Grundversorgung nicht möglich war. Auch Christian wollte ihn als Saisonarbeiter anstellen, allerdings war einerseits das Kon tingent voll und andererseits hätte er ihn voll und nicht geringfügig an stellen und anmelden müssen, was ihm rund 1.500€ gekostet hätte. Mit dem Einkommen auf seinem Bauernhof und seiner Landwirtschaft war dies nicht möglich.138 Die einzige Möglichkeit für die Flüchtlinge im Dorf etwas Geld zu verdienen waren die Gemeindearbeiten, bei der sie zu ge wissen Zeiten zwei bis drei Tage die Woche eingesetzt wurden und dabei fünf Euro die Stunde erhielten. Christian beschreibt, dass Tarek diese Ar beiten gerne übernahm und sich dabei freute. Es war für ihn positiv arbei ten zu gehen, sich zu beschäftigen und etwas für die Menschen im Dorf beizutragen.139 Mit dem langen Warten auf die Asylbescheide wächst auch die Sorge um einen negativen Bescheid und die Frage taucht auf, was passiert und wo sie hingehen, sollten sie einen negativen Bescheid erhalten, was für afgha nische Flüchtlinge nicht ungewöhnlich ist. Bei diesen Gedanken kommt gegenüber der österreichischen Asylpolitik Arger und Unverständnis auf.140 Das ist natürlich klar. W enn sie nicht dableiben dürfen, fällt für sie die W elt zusam m en nach zwei Jahren.141 137 Tobias, 157. 138 Vgl. Christian, 294; siehe auch Sarah und Christian, 307-309. 139 Vgl. Christian, 309; siehe auch Anton und Michaela, 370-372. 140 Vgl. Sarah und Christian, 303-307; siehe auch Sarah, 229. 141 Christian, 224. 50 Nach Meinung der Familien wäre es also wichtig, dass die Flüchtlinge möglichst früh die Entscheidung des Asylverfahrens erhalten. Denn mit einem positiven Bescheid geht die Eingliederung in die österreichische Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt und ein selbstbestimmtes und selbst ständiges Leben einher. Die Zeit im Asylverfahren wiederum ist von Ab hängigkeit und Ungewissheit geprägt.142 Vgl. Michaela und Anton, 409; siehe auch Sarah und Christian, 307-309; Tobias, 157. 51

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Zusammenfassung

Das Werk beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien nach der Flüchtlingskrise 2015 und geht der Frage nach, wie sich dieses Zusammenleben gestaltet hat und mit welchen Fragen und Herausforderungen die Familien konfrontiert waren. Die Grundlage der Datengewinnung sind qualitative Interviews mit Eltern von österreichischen Familien, die afghanische Familien bei sich zuhause in einem Dorf in Oberösterreich aufgenommen haben.

Im theoretischen Teil wird zu Beginn auf die Asylpolitik in Österreich eingegangen. Anschließend folgen empirische Erkenntnisse sowohl über die aktuelle Asylpolitik und die Situation im Dorf, als auch über das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien unter den Gesichtspunkten Kommunikation, Arbeit und Bildung, Gender, Religion und Glaube. Ziel ist es, die Erfahrungen und Alltagssituationen der Menschen kennenzulernen und herauszufinden, wo relevante Fragestellungen, Herausforderungen und Lernchancen liegen.