Content

4 Der engere Kontext: Leben im Dorf und in der Familie in:

Katharina Kaineder

Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien, page 43 - 48

"Es war genial, aber es war ein Wahnsinn"

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4328-8, ISBN online: 978-3-8288-7272-1, https://doi.org/10.5771/9783828872721-43

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
4 Der engere Kontext: Leben im Dorf und in der Familie Im folgenden Kapitel gebe ich einen Einblick in den engeren Kontext der Familien, um die nachfolgenden Themenbereiche des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien angemessen einordnen zu können. Dabei werfe ich einen Blick auf das Engagement im Dorf und beschreibe die Situation der Familien, deren Wohnsituation und Motiva tion. 4.1 Engagement im Dorf Es ist Begegnungskaffee. Menschen trudeln von allen Seiten ins Pfarrheim ein, um den Nachmittag in Gesellschaft ihrer Nachbarinnen und Nach barn zu verbringen. Darunter Familien, Kinder, ältere und jüngere Men schen, Menschen aus Afghanistan und Syrien, Frauen mit und ohne Kopf tuch. Sie alle wohnen in dem einen Dorf, kennen sich, scheinen sich zu verstehen, lachen, quatschen und tratschen über Neuigkeiten, unterhalten sich über das Leben, die nächsten Schritte, die Herausforderungen, trin ken Kaffee und essen Kuchen. Sie helfen einander, begegnen einander auf Augenhöhe. Die eine braucht die Übersetzung eines Liedes von Deutsch auf Farsi, die andere die Unterstützung für die nächste Deutschprüfung. Sie feiern die Erfolge der letzten Monate, insbesondere den Erfolg ihrer Nachbarinnen und Nachbarn aus Afghanistan und Syrien in den Prüfun gen der Deutschkurse B l. Sie alle, Männer wie Frauen, können sich ohne größere Anstrengung in deutscher Sprache unterhalten. Alle Anwesenden scheinen stolz darauf zu sein, denn sie haben zu diesem Erfolg beigetra gen.101 Dieses Zusammenleben verschiedener Kulturen innerhalb des Dorfes war nicht von vornherein gegeben. Es entstand aufgrund des Engagements ei niger Freiwilliger nach den Ereignissen im Sommer 2015, die in ihnen das Bedürfnis ausgelöst haben etwas für diese Menschen zu tun und sie zu unterstützen. In diesem Dorf wohnen rund 3.200 Menschen und auf poli tischer Ebene wurde zu dieser Zeit im Bereich der Asylpolitik wenig ge tan. Ich kann m ich gut erinnern, dass medial alle überfordert waren, vom Innenministerium herunter, so viele M enschen auf der Straße, Vgl. Gedächtnisprotokoll Begegnungskaffee, 25.7.2017. 43 in den Zelten, überall und wir waren, [Name des Dorfes] hat seit 30 Jahren keine Flüchtlinge mehr gesehen.102 Deshalb begannen einige von sich aus die Bereitstellung von Unterkünf ten zu organisieren. Eine Familie entschied bei sich zuhause Flüchtlinge aufzunehmen, zwei weitere schlossen sich an. So hat sich „der Blick ge schärft auf die Geschichten"103 dieser Menschen und Kräfte und Engage ment wurden gebündelt, um ein größeres Haus zu organisieren, indem gleich mehrere Asylsuchende unterkamen. Gleich darauf wurde ein Ver ein gegründet, der sich um Themen und Aktivitäten der Integration be mühte, das Begegnungskaffee einmal im Monat veranstaltete, einen Deutschkurs organisierte, welcher von unterschiedlichen Leuten aus dem Dorf vier Mal die Woche gehalten wurde und indem die Asylsuchenden die Basis der deutschen Sprache und Kommunikation erlernten. Die Prü fungen der unterschiedlichen Niveaus machten sie in der nächstgrößeren Stadt, um zertifizierte Abschlüsse zu erhalten. Das Engagement bewährte sich, denn innerhalb kürzester Zeit konnten sich alle zugewanderten Dorf bewohnerinnen und Dorfbewohner, natürlich unterschiedlich schnell, in der deutschen Sprache unterhalten und die Prüfungen erfolgreich beste hen. Nach zwei Jahren entschied der Verein, die Deutschkurse im Dorf zu beenden und sie in den regulären Deutschkursen in der nächstgrößeren Stadt anzumelden. Individuelle Unterstützung und Hilfe beim Lernen für Prüfungen wurden allerdings weiterhin gegeben. Des Weiteren wurden Lehre und Hilfsarbeiten bei der Gemeinde, in Kindergärten und Schulen für die Flüchtlinge ermöglicht.104 Das Beispiel zeigt, dass sich das Leben im Dorf durch das Engagement an der Basis, die individuelle Unterbringung und den Privatverzug105 asylsu chender Menschen verändert hat und sie eine Antwort der Zivilgesell schaft auf die Überforderung und mediale Zuspitzung nach der Flücht lingskrise 2015 bietet. Durch den Einsatz vieler wurde es möglich, 14 Fami lien aus Afghanistan und Syrien aufzunehmen und im dörflichen Leben zu integrieren. Die Politik bot dafür wenig Unterstützung.106 102 Tobias, 175. 103 Tobias, 175. 104 Vgl. Gedächtnisprotokoll Begegnungskaffee, 25.7.2017. 105 Privatverzug bedeutet, dass der Wohnraum vom Asylsuchenden selbst gemie tet wird. Quelle: Land Oberösterreich: Infoblatt: Privatverzug von Asylwer bern, in: https://www.land-oberoesterreich.gv.at/Mediendateien/Formulare/DokumenteBH_GM/Infoblatt_Privatverzug_Sept2015.pdf [abgerufen am: 15.03.2018]. 106 Vgl. Tobias, 175; siehe auch Gedächtnisprotokoll Begegnungskaffee, 25.7.2017. 44 4.2 Vorstellung der Familien Das Zusammenleben innerhalb der Familien stellt eine eigene, ganz be sondere Art und Weise der interkulturellen Kommunikation dar. Sie er möglicht einen intensiven und engen Kontakt und eine besondere Einbin dung der österreichischen Paare in die Situation der Asylwerbenden. In den folgenden Absätzen gehe ich kurz auf die familiäre Situation, die Konstellation der zusammenlebenden Familien, die Erfahrungen der Paare im Bereich der individuellen Unterbringung von Flüchtlingen und den zur Verfügung stehenden Wohnraum ein. 4.2.1 Michaela und Anton107 Michaela und Anton besitzen einen Bauernhof und eine Landwirtschaft, auf der sie auch ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie sind seit 23 Jahren verheiratet und haben fünf Kinder, wobei nur noch die Jüngste von ihnen ebenfalls auf dem Bauernhof lebt, da die anderen bereits ausgezogen sind. Anton ist landwirtschaftlicher Facharbeiter und Meister. Michaela ist in der Nähe des Dorfes ebenfalls auf einem Bauernhof aufgewachsen. Den Vierkanthof haben sie damals auf Leibrenten erworben.108 Innerhalb die ses großen Hauses gab es eine leerstehende Wohnung, die sich als Unter bringung für eine geflüchtete Familie eignete.109 Seit Dezember 2015 woh nen dort fünf afghanische Flüchtlinge: Marina und Ibrahim mit ihren zwei Kindern Bassem und Selina und ihrem Neffen namens Firas. Die Familie befindet sich noch im inhaltlichen Asylverfahren. Mittlerweile arbeitet Marina einmal in der Woche im Kindergarten als Helferin mit110, Bassem und Selina besuchen die Schule111 und Firas macht eine Lehre als Friseur112. Ibrahim besucht weiterhin Deutschkurse.113 Die Wohneinheit der Familie aus Afghanistan befindet sich auf der anderen Seite des Bauernhofes, 107 Da sich die Zeiten im Präsens auf den jeweiligen Zeitpunkt der geführten Inter views beziehen werde ich am Beginn des jeweiligen Absatzes das Datum des Interviews anführen. Das Interview mit Michaela und Anton fand am 19.05.2017 statt. 108 Vgl. Michaela und Anton, 3-19. 109 Vgl. Anton, 24. 110 Vgl. Michaela, 413. 111 Vgl. Anton, 205. 112 Vgl. Michaela und Anton, 325-326. 113 Vgl. Michaela, 252. 45 wodurch die räumliche Distanz zwischen den beiden Familien eher groß ist.114 Michaela und Anton hatten zuvor noch keine Erfahrungen im Bereich der individuellen Unterbringung von Flüchtlingen und ihr eigentlicher Plan war es, über das Rote Kreuz jemanden zu organisieren, unter anderem um eine Ansprechperson in schwierigen und heiklen Situationen zu haben. Allerdings suchten die NGOs und die Flüchtlingskoordinatorinnen und Koordinatoren zu dieser Zeit aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen Un terkünfte, in denen möglichst viele Personen auf einmal untergebracht werden konnten.115 So kam es, dass Michaela und Anton nach einem Hin weis von Katrin und der Caritas die afghanische Familie ohne sie zuvor gesehen oder kennenzulernen zu haben, direkt am Bahnhof selbst abhol ten. Vieles organisierten sie eigenständig ohne Unterstützung von Flücht lingsorganisationen oder von Seiten der Politik und mit äußerst spärlichen Informationen. Schritt für Schritt wurden die bürokratischen Angelegen heiten abgearbeitet. Es war für sie ein Sprung ins kalte Wasser und mit manchem Zweifel verbunden.116 Ich hab so eine Liste gehabt was man nach der Reihe tun muss und ich habe sie von unten nach oben abgearbeitet so ungefähr, weil wir falsch angefangen haben. W eil Privatverzug gehst du erst, wenn du alles gemacht hast und plötzlich haben wir sie hier ge habt. [lacht]117 4.2.2 Katrin und Tobias118 Katrin und Tobias haben drei Kinder im Alter von zwei, sechs und sieben Jahren und leben seit neun Jahren zusammen mit den Eltern von Katrin und ihrer Schwester in einem Haus, wobei die obere der beiden Wohnun gen von der Kleinfamilie bewohnt wird. In dieser Wohnung waren zwei Kinderzimmer frei, die umgebaut, hergerichtet und als Wohnraum für die Flüchtlingsfamilie verwendet wurden.119 Es handelte sich also um eine kleine Wohnung für die Familie aus Afghanistan, mitten im Wohnraum der österreichischen Familie, mit einem Zimmer als Küche und Wohnzim mer und einem weiteren als Schlafzimmer. Die Flüchtlingsfamilie hatte ein eigenes Bad wofür sie allerdings durch den Vorraum gehen musste. Die österreichische Familie musste wiederum von ihrem Bereich der 114 Vgl. ebd., 136; siehe auch Michaela, 302. 115 Vgl. Maier / Ortner, Willkommen in Österreich, 10-16. 116 Vgl. Michaela und Anton, 140-181. 117 Michaela, 176. 118 Mit Katrin und Tobias führte ich das Interview am 25.07.2017. 119 Vgl. Katrin und Tobias, 3-10. 46 Sch lafz im m er u n d des W asch rau m es d urch d en V orrau m in ihre K üche u n d das W oh n zim m er. D er V orrau m w u rd e also von b eid en Fam ilien g e n u tzt u n d d iente für b eid e F am ilien als D urchgang, w o d u rch die räu m li che D istan z seh r eng u n d der K o n takt zu ein an d er b eson d ers in ten siv w ar.120 In d iesen zw ei Z im m ern w oh n ten un gefähr e in ein h alb Jahre lang Id ris u n d Sam ira m it ihrem K ind N ila, die in T raisk irch en g eboren w urde. N ila w ar d rei M o n ate alt, als sie n ach [N am e des D orfes] k am .121 Im A p ril 2017 zog die afghan ische F am ilie dann in eine e igene W oh n u n g in der N ähe des D orfes.122 K atrin u n d T ob ias h atten kein erlei E rfah ru n g im B ereich der ind iv id u ellen U n terbrin gu n g von F lü ch tlin gen u n d d eren B etreu u n g u n d sin d „d a e in fach h in e in g e stie g e n ".123 W ir waren in W ahrheit voll überfordert und volle Küken, wir ha ben noch nie wirklich in so enger Beziehung gelebt mit Menschen, die, erstens, nichts haben, wirklich bedürftig sind auch finanziell und materiell und alles, aus einem kom plett anderen Kulturkreis stamm en.124 A ls gute V orau ssetzu n g für ein g e lin gen d es Z u sam m en leb en m it M en schen von außerhalb der Fam ilie sah en sie n eb en d en m ateriellen Stru k tu ren , so w ie e in großes H au s u n d gen ü g en d R aum , die p ersön lich en S tär ken, w ie die S tab ilitä t in der e igenen Fam ilie , das gute N etzw erk an B ez ie h u n gen u n d die G esu n d h eit der Fam ilienm itg lied er. In H in blick au f diese V orau ssetzu n g en h ab en sie d en Sch ritt im Som m er 2015 g ew ag t.125 4.2.3 Sarah und Christian126 Sarah u n d C h ristian w ohnen au f e in em B auernhof, b etreiben eine F an d w irtsch aft u n d h ab en fü n f K ind er zw isch en 24 u n d 34 Jahren , w obei nu r der Jü n gste von ih n en n o ch im g leich en H aus, allerd ings in e in er e igenen W ohn u ng , leb t.127 D er H of b ie te t v iel P latz, w eshalb d ort auch F irm en ein g em ietet sind. N ach e in em W ech sel der F irm en w urd e das B üro v erk lei n ert, w eshalb ein zu sätz lich er R aum freigew ord en ist, der m it K ästen 120 Vgl. Gesprächsprotokoll am 25.07.2017. 121 Vgl. Katrin, 20. 122 Vgl. Tobias, 76. 123 Ebd., 24. 124 Vgl. Tobias, 179. 125 Katrin, 10. 126 Das Interview mit Sarah und Christan führte ich am 30. September 2017. 127 Vgl. Sarah, 3. 47 abgetrennt und dann als Wohn- und Schlafraum verwendet werden konnte. Nebenbei gibt es auch Dusche und WC. Die Wohnung befindet sich auf der anderen Seite des Hofes, weshalb die räumliche Distanz eher groß ist.128 Seit Dezember 2015129 wohnen dort Bekannte von Idris und Samira, Ala und Tarek, die sich auf der Flucht kennenlernten und nach einer Zeit in Salzburg in die Privatunterkunft wechselten.130 Ala studierte in Af ghanistan Biologie und Tarek arbeitete in einer Firma als Lastwagen Chauffeur. Beide stammen aus Herat.131 Ala und Tarek haben vor nicht allzu langer Zeit ihr Baby bekommen, als sie schon in [Name des Dorfes] gewohnt haben. Aufgrund der Tatsache, dass sie nun zu dritt sind und etwas mehr Platz benötigen, werden sie in nächster Zeit in eine eigene Wohnung in einem schönen, großen Haus in der Nähe des Bauernhofes ziehen, wo bereits eine zweite afghanische Familie wohnt.132 Sarah und Christian hatten bereits Erfahrungen im Bereich der individu ellen Unterbringung, da sie in der Jugoslawienkrise ein Ehepaar mit zwei Kindern aufnahmen. Diese Zeit des Zusammenlebens wurde als sehr po sitiv und bereichernd erlebt, weshalb sie sich entschieden, wieder Flücht linge aufzunehmen.133 Im Frühjahr 2015 gaben sie den Lehrraum beim Ro ten Kreuz bekannt, die sich die Wohnung ansahen und für gut befanden, sich aber dann nicht mehr gemeldet hatten. Uber Katrin, Idris und Samira kam dann der Kontakt zu Ala und Tarek, die daraufhin bei ihnen unter kamen.134 128 Vgl. Christian, 163. 129 Vgl. ebd., 78. 130 Vgl. Katrin, 165. 131 Vgl. Sarah, 41. 132 Vgl. Sarah und Christian, 242-245. 133 Vgl. Sarah und Christian, 5-7; siehe auch Christian, 21 134 Vgl. Sarah und Christan, 22-27. 48

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Werk beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien nach der Flüchtlingskrise 2015 und geht der Frage nach, wie sich dieses Zusammenleben gestaltet hat und mit welchen Fragen und Herausforderungen die Familien konfrontiert waren. Die Grundlage der Datengewinnung sind qualitative Interviews mit Eltern von österreichischen Familien, die afghanische Familien bei sich zuhause in einem Dorf in Oberösterreich aufgenommen haben.

Im theoretischen Teil wird zu Beginn auf die Asylpolitik in Österreich eingegangen. Anschließend folgen empirische Erkenntnisse sowohl über die aktuelle Asylpolitik und die Situation im Dorf, als auch über das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien unter den Gesichtspunkten Kommunikation, Arbeit und Bildung, Gender, Religion und Glaube. Ziel ist es, die Erfahrungen und Alltagssituationen der Menschen kennenzulernen und herauszufinden, wo relevante Fragestellungen, Herausforderungen und Lernchancen liegen.