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3 Flüchtlingskrise und mediale Bilder in:

Katharina Kaineder

Interkulturelles Zusammenleben afghanischer und österreichischer Familien, page 41 - 42

"Es war genial, aber es war ein Wahnsinn"

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4328-8, ISBN online: 978-3-8288-7272-1, https://doi.org/10.5771/9783828872721-41

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
3 Flüchtlingskrise und mediale Bilder Seit Herbst 2014 wurde in den Medien vermehrt über die Situation der Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa berichtet, darunter die Ereignisse bei Bootsüberfahren am Mittelmeer und die Lage in Griechenland. Im Jahr 2015 erhöhten sich die Flüchtlingszahlen weltweit und die Berichterstat tung über das Thema Flucht und Asyl in Österreich verdichteten sich.91 Unter anderem, weil es sich um ganz konkrete Ereignisse an der Grenze Ungarns zu Österreich handelte, beispielsweise das Unglück vom 27. Au gust 2015, bei dem 71 Leichen in einem Kühllaster in der Nähe von Wien gefunden wurden.92 Zu dieser Zeit flüchteten immer mehr Menschen über die sogenannte Balkanroute über Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn Richtung Mitteleuropa. Ende August entschied die ungarische Regierung die Züge Richtung Österreich und Deutschland für Flüchtlinge regulär zu ermöglichen, was sie gleich darauf, nämlich Anfang September wieder verhinderte, woraufhin sich tausende Asylsuchende am Budapester Bahnhof sammelten. Am 4. September entschlossen 1.200 Flüchtlinge eigenständig und zu Fuß über die Autobahn an die Grenze nach Öster reich zu gelangen. Nach einer Entscheidung zwischen Österreich, Deutschland und Ungarn, wurde es den Menschen ermöglicht über die Grenze nach Österreich und weiter nach Deutschland reisen.93 Ab dem 5. September 2015 stiegen die Zahlen der ankommenden Flücht linge in Österreich auf rund 5.000-10.000 Menschen täglich. Das Rote Kreuz versorgte die Ankommenden in Nickelsdorf mit dem Notwendigs ten und von Seiten der ÖBB wurden Züge organisiert, um sie nach Deutschland weiterzubringen.94 Zu diesem Zeitpunkt waren die Erstauf nahmezentren und Flüchtlingslager in Österreich längst überfüllt und die Kapazitäten weit überschritten. Bereits im August 2015 waren rund 4.900 Menschen im Lager Traiskirchen untergebracht, davon 1.600 minderjäh rige Flüchtlinge. Von Mai- Dezember 2015 machte die Diakonie rund 350 Mal auf Kindeswohlsgefährdung und schwere Nachlässigung im Lager Traiskirchen aufmerksam.95 Vgl. MAIER / Ortner, Willkommen in Österreich,10-ll. Vgl. Lehmann, Julian: Flucht in der Krise- Ein Rückblick auf die EU- "Flücht lingskrise" 2015, in: APuZ 52/2015, 7-8. Vgl. ebd., 8. Vgl. Maier / Ortner, Willkommen in Österreich, 19. Vgl. ebd., 10-16. 41 2015, der Höhepunkt steigender Flüchtlingszahlen, sollte die nächsten Jahre europäischer und österreichischer Politik und gesellschaftlicher Dis kurse prägen. In diesem Kontext verorten sich die Geschichten und Situa tionen der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner. In ihm findet das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien ihre Motivation und ihren Beginn. Die Bilder der Flüchtlingskrise und die über füllten Aufnahmezentren lösten in ihnen ein Bedürfnis aus Hilfe zu leisten und den Menschen auf der Straße eine Unterkunft zu bieten.96 Ja, M otivation war, man hat einfach immer dieses Leid gesehen, also einfach, diese Problematik war ja ständig in den Medien.97 W ie im Frühjahr 2015 die ersten Bilder durch die M edien gegangen sind, dass in Österreich, vor allem in Traiskirchen aber auch an derswo Flüchtlinge auf der Straße schlafen, weil sie- und diese Bil der näm lich nicht abgerissen sind, haben wir relativ flott eigentlich überlegt, wir haben zwei Kinderzimmer, die wir nicht brauchen und die können wir jedenfalls zur Verfügung stellen, dass die M enschen zum indest nicht auf der Straße schlafen müssen.98 Der erste Kontakt zweier Interviewpartnerinnen zu den Flüchtlingen war in genau diesem Kontext eingebettet: überlastete Flüchtlingslager, Men schen, die auf der Straße schlafen, überforderte NGOs. Ja, das war furchtbar wie viele Leute da am Bahnhof waren. Ich hab das gesehen, das war arg.99 He, mir sind die Knie geschlottert. ( ...) Ich bin in das Zimmer hin eingegangen, in dem Flüchtlingsheim war es voll chaotisch, voll laut, es hat ausgeschaut, es war "schiach", es war heruntergekom men es war ziem lich viel kaputt- die Kinder waren lustig drauf und die Erwachsenen haben irgendwie auch das Beste draus ge macht, aber das Heim dort war ein W ahnsinn!100 96 Vgl. Tobias, 6; siehe auch Sarah, 28; Anton, 24. 97 Sarah, 28. 98 Tobias, 6. " Michaela, 180. 100 Katrin, 24. 42

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Zusammenfassung

Das Werk beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Zusammenlebens von afghanischen und österreichischen Familien nach der Flüchtlingskrise 2015 und geht der Frage nach, wie sich dieses Zusammenleben gestaltet hat und mit welchen Fragen und Herausforderungen die Familien konfrontiert waren. Die Grundlage der Datengewinnung sind qualitative Interviews mit Eltern von österreichischen Familien, die afghanische Familien bei sich zuhause in einem Dorf in Oberösterreich aufgenommen haben.

Im theoretischen Teil wird zu Beginn auf die Asylpolitik in Österreich eingegangen. Anschließend folgen empirische Erkenntnisse sowohl über die aktuelle Asylpolitik und die Situation im Dorf, als auch über das Zusammenleben der afghanischen und österreichischen Familien unter den Gesichtspunkten Kommunikation, Arbeit und Bildung, Gender, Religion und Glaube. Ziel ist es, die Erfahrungen und Alltagssituationen der Menschen kennenzulernen und herauszufinden, wo relevante Fragestellungen, Herausforderungen und Lernchancen liegen.