6. Podcasts als Netzmedium am Beispiel der Lagebilder in:

Katharina Lührmann

Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation, page 71 - 74

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4324-0, ISBN online: 978-3-8288-7271-4, https://doi.org/10.5771/9783828872714-71

Series: Literatur und Medien, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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71 6. Podcasts als Netzmedium am Beispiel der Lagebilder In diesem Kapitel soll die These vertreten und erörtert werden, dass Podcasts nicht allein als Audio-, sondern auch und vor allem als Netzmedium zu konzeptualisieren sind. Das auditive Angebot in Gestalt der konkreten Podcast-Episoden lässt sich zwar als wesentliches Kernelement verstehen, aber das Phänomen Podcasting als Ganzes ist nur in seiner Eingebundenheit in einer Online-Umgebung zu fassen, sprich mit Blick auf die verschiedenen und vielfältig bemühten Kommunikationskanäle bzw. -Räume. Die These soll exemplarisch anhand der spezifischen Kommunikationsstruktur der Lagebilder nachvollzogen werden. Die Ausführungen in Kapitel fünf haben gezeigt, dass sich der Podcast Lage der Nation die netzspezifische Umgebung in vielfältiger und überlegter Weise zu Nutzen macht: zur Organisation der internen redaktionellen Arbeit und Vorbereitung der Podcast-Episoden; bei der Postproduktion und Distribution der Medieninhalte; hinsichtlich der Integration und Vernetzung themenbezogener Medieninhalte; und vor allem mit Blick auf die Interaktionsmöglichkeiten mit der Hörerschaft. Es werden mehrere Rückkanäle bemüht – E-Mail, die Kommentarspalte auf dem Blog, Social Media-Plattformen oder Live-Veranstaltungen –, um den RezipientInnen die Möglichkeit zur Anschlusskommunikation zu geben bzw. mit ihnen in Interaktion treten zu können. Aus den verschiedenen, miteinander verzahnten Kommunikationsräumen soll im Weiteren das Format der Lagebilder herausgegriffen und dargestellt werden. „Ihr hört den Podcast, was seht ihr dabei?“204 Mit dieser Frage rufen Philip Banse und Ulf Buermeyer in der 43. Folge im Februar 2017 die Lage-Hörerschaft dazu auf, ihnen per E-Mail Bilder zukommen zu lassen – Bilder von dem, was sie sehen, wenn sie gerade die LdN hören. „Ich stell mir das vor, dass, wenn da ein bisschen was kommt, dass das irgendwie so ein sehr stimmungsvolles Kompendium über dieses Erlebnis Podcasthören sein könnte.“205 Diese zu diesem Zeitpunkt noch sehr spontane und vage Idee bahnt sich bereits in der vorangegangen Folge an, in der sie sich ganz angetan davon zeigen, dass ihnen HörerInnen vor allem über Twitter schreiben, wo und wie sie den Podcast hören bzw. welche Rolle er in ihrem Alltag einnimmt. Die Idee der Lagebilder nimmt so gesehen also ihren Ausgang bei den Äußerungen einzelner HörerInnen, die von den Moderatoren aufgegriffen und in einem planvollen Projekt weiterverfolgt werden. Der Aufruf trifft auf eine große Resonanz, mit der die Moderatoren laut eigener Aussage nicht gerechnet haben. In Folge 44 widmen sie den Lagebildern ein eigenes Kapitel, in dem sie sich für die fast 300 eingesendeten Fotos bedanken und über die Idee und die weiteren Pläne reflektieren. Für sie ergebe sich durch die Lagebilder eine neue 204 LdN043, Kapitel 27 ‚Abschied: Schickt Fotos vom Podcast-Hören‘ [1:43:36]. 205 Ebd. [1:44:01]. 72 Art der HörerInnenbeziehungen, die im Vergleich zur inhaltlichen Auseinandersetzung in den Kommentaren eine andere, persönlichere Ebene aufmache. Zudem zeige sich an den Bildern auch Charakteristisches über das Phänomen Podcast, nämlich wo und in welchen Situationen Podcastinhalte rezipiert würden.206 Es lasse sich deutlich erkennen, dass Podcast vor allem ein ‚Nebenbei-Medium‘ sei: Die Bilder zeigen ihre HörerInnen beim Putzen, beim Spazierengehen (mit dem Hund), unterwegs beim Autofahren oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch abends im Bett und an ungewöhnlichen Orten wie z.B. in einem Nachtzug in Thailand. Gerade die Vielzahl an Bildern aus den unterschiedlichsten Ländern gab Anlass zur Idee der Erstellung einer Lagekarte, d.h. einer virtuellen Weltkarte, in die alle Fotos, bei denen die entsprechenden GEO-Koordinaten als Information hinterlegt sind, mit einem Unschärfefilter von rund 1km eingebunden werden. Die Lagekarte verzeichnet aktuell (Stand 11.10.2018) 794 Bilder, im Februar 2018 sprechen sie von bislang etwa anderthalbtausend Einsendungen.207 Die Fotos finden sich zudem auf ihrem Instagram-Kanal als auch auf einer separaten Blogseite. Wie genau stellt sich der Kommunikationsprozess des Formats dar? Mit Blick auf die daran beteiligten AkteurInnen und deren Rolle lassen sich drei Phasen bzw. Ebenen festmachen. Auf der ersten Ebene liegt eine Form der asynchronen, oneto-many-Kommunikation mit einer klaren Rollenverteilung zwischen den Kommunikatoren und RezipientInnen vor. Banse und Buermeyer senden ihr aufgezeichnetes Gespräch in Form einer technisch codierten Audiodatei vermittels des Internets an eine anonyme Gruppe von Personen, die sich dieses zeitversetzt anhören kann. Der Bezug der Inhalte kann dabei einerseits durch eine aktive Handlung erfolgen, indem der Podcast abonniert wird, die Audiodatei manuell von der Blogseite heruntergeladen oder dort oder auf anderen Plattformen wie YouTube oder Spotify gestreamt wird (pull-Komponente). Andererseits können sich die RezipientInnen die Inhalte nach dem einmaligen Abonnieren in einer entsprechenden Anwendung automatisch zuspielen lassen (push-Komponente). Auf der zweiten Ebene wechselt diese Rollenverteilung. Die einerseits passiven RezipientInnen produzieren und kommunizieren jetzt andererseits ihre eigenen Inhalte in Form der Lagebilder, wobei Rezeption (der Podcast-Episode) und Produktion (der Fotos) synchron, also zur selben Zeit, stattfinden. Den Moderatoren Buermeyer und Banse, die jetzt die Rolle der Rezipienten einnehmen, werden die Bilder per E- Mail zugeschickt, somit liegt hier eine Form der technisch vermittelten interpersonalen, privaten Kommunikation vor (one-to-one). Im Zuge der dritten Phase des Kommunikationsprozesses verschwimmt die Trennung zwischen ProduzentInnen und RezipientInnen-Rolle weitestgehend. Die von den HörerInnen produzierten Fotos werden von Banse und Buermeyer gesichtet und gebündelt an drei Orten 206 Vgl. LdN044, Kapitel 2 ‚Lagebilder: Eure Fotos‘ [00:20-08:14]. 207 Vgl. LdN085, Kapitel 1 ‚Begrüßung‘ [01:54-03:14]. 73 (auf dem Blog, auf Instagram und auf der Lagekarte) online für alle öffentlich zugänglich gemacht. Sie schaffen damit, insbesondere mit der Lagekarte, ein neues Medienangebot: Aus den einzelnen Bildern wird ein öffentlich einsehbares Gesamtbild, das den ursprünglichen ProduzentInnen der Fotos, die damit gleichermaßen wieder die Rolle der RezipientInnen einnehmen, präsentiert wird. An den Lagebildern lassen sich verschiedene Aspekte herausstellen. Einen davon beschreiben die Initiatoren des Formats selbst wie folgt: Es war eine spontane Idee, hat sich aber zu einem Genre entwickelt, dass uns sehr viel bedeutet. Durch Eure Bilder und die kleinen Geschichten ihrer Entstehung spüren wir eine bisher unbekannte Nähe zu Euch. Während Kommentare im Blog eine intellektuelle, inhaltliche Verbindung schaffen, erzeugen die Fotos eine emotionale Dimension, die wir bisher nicht kannten. Die Fotos bewirken ein starkes Gefühl der Verbundenheit zwischen uns und Euch. Sie sind daher auch Symbol für die Einzigartigkeit des Mediums Radio, hier in ihrer persönlichen Form, dem Podcast. Kein anderes Medium kann so eine enge, persönliche Verbindung erzeugen zwischen den Produzenten und den Hörern und Hörerinnen. Es gibt zwar verschiedene Rollen – auch wenn die Grenzen zwischen von Produzenten und Konsumenten verschwimmen –, aber so ein Podcast wie die Lage ist ein Ökosystem, indem sich unsere Leben überschneiden und teilweise verbinden. Das ist etwas sehr Besonderes und Eure Lagebilder sind Ausdruck dieser Verbundenheit. Danke.208 Das heißt, die Bedeutung, die Banse und Buermeyer diesem Format zuschreiben, liegt für sie vor allem im Aufbau einer besonderen Art der Beziehung zu ihrer Hörerschaft. Das entspricht einerseits den Ausführungen des vorangegangenen Kapitels: Podcasts eignen sich zur Herausbildung parasozialer Beziehungen, indem sie eine besondere Form der Nähe und Intimität schaffen. Andererseits verschieben sich hierbei einige Faktoren, nämlich die Perspektive und das zugrunde liegende Zeichensystem. Stand bislang die auditiv vermittelte Stimme der Moderatoren im Fokus, auf Grundlage derer die RezipientInnen eine Beziehung zu den Sprechern aufgebaut haben, so wechselt die Perspektive jetzt auf die Hörerschaft, die den Moderatoren auf der visuell-bildlichen Ebene einen Einblick in ihre Lebenswelt ermöglichen und bei ihnen dadurch ein Gefühl der Verbundenheit erzeugen. Das intime auditive Medium Podcast erweitert sich also um eine bildliche Ebene, auf der private und persönliche Inhalte vermittelt werden. Anhand der Lagebilder wird weiterhin der mobile Charakter des Mediums Podcast deutlich und es vermittelt sich ein Eindruck, wo und in welchen Situationen Podcasts gehört werden. Die Fotos zeigen zum überwiegenden Teil Motive 208 Banse/Buermeyer (o.D.). 74 von unterwegs oder von Aktivitäten, die die RezipientInnen währenddessen aus- üben, zumeist bei der Hausarbeit. Die Frage, inwieweit die Bilder tatsächlich ein gutes Abbild typischer Rezeptionsumgebungen darstellen, muss hier offenbleiben. Auf einen ersten Blick stellt sich zumindest der Eindruck ein, dass die Anzahl gut komponierter und wohlüberlegter Urlaubsfotos gegenüber schnellen Schnappschüssen aus dem Alltag überwiegt. Das würde darauf hindeuten, dass das Format vermehrt zu Inszenierungszwecken genutzt wird. Die einzelnen Bilder werden von der Lage-Redaktion im Wesentlichen in zwei Weisen als neues Gesamtgebilde präsentiert. Sie werden zum einen als eine Art Bilderschau auf der Blogseite und auf Instagram gebündelt nebeneinandergestellt. Die RezipientInnen können sich durch das Angebot scrollen und erhalten einen unmittelbar visuellen Eindruck von den Lebenswelten der anderen Lage-HörerInnen. Das verbindende Moment dieser Fotos liegt allein in dem Umstand, dass die UrheberInnen alle zum Zeitpunkt der Aufnahme die LdN gehört haben. Damit wandelt sich auf dieser Ebene der visuellen Gesamtschau das solitäre Hören der einzelnen Personen zu einem Gemeinschaftserlebnis. Bei der Lagekarte werden die Bilder demgegenüber in einer anderen Art und Weise eingebunden und präsentiert. Hier sind es nicht die Fotos, die die RezipientInnen auf den ersten Blick zu sehen bekommen, sondern das Abbild einer Weltkarte mit einer Vielzahl ikonischer Stecknadeln. RezipientInnen können die einzelnen Ortsmarkierungen anwählen und bekommen daraufhin dasjenige Lagebild angezeigt, das an diesem Ort aufgenommen wurde. Die Fotos sind hier also nicht wie bei der Bilderschau unmittelbar einsehbar, sondern liegen ‚hinter‘ der graphischen Darstellung der Weltkarte, womit sich der Fokus stärker auf die geographische Verortung der Bilder verschiebt. Das gemeinschaftliche Hören wird gleichfalls zu einem globalen Ereignis.

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Zusammenfassung

Das Medium Podcast hat im Laufe der letzten Jahre einen erneuten Aufschwung erlebt und seinen Weg breitenwirksam in die mediale Öffentlichkeit gefunden. Die vorliegende Studie befasst sich mit dem in der Forschung bislang kaum behandelten Gegenstand der Politik-Podcasts und bewegt sich damit an der Schnittstelle von Medien- und Politikwissenschaft. Vor dem Hintergrund öffentlichkeitstheoretischer Ansätze werden Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation verstanden und diskutiert. Wie werden politische Inhalte im Medium Podcast präsentiert und verhandelt und wie wird dadurch politische Öffentlichkeit hergestellt? Dabei wird die These vertreten, dass Podcasts als Netzmedium und nicht allein als auditives Angebot zu konzeptualisieren, sprich im Kontext einer internetbasierten Medienumgebung zu verorten sind. Im Zuge eines genetisch-historischen Zugriffs wird der strukturelle Wandel des Mediums von seinen Anfängen als Amateur- und Nischenmedium hin zu seinem gegenwärtigen Status als kommerzielles Massenmedium nachvollzogen. Die Studie gibt außerdem einen systematischen Überblick zum politischen Podcast-Angebot in Deutschland, aus dem der Podcast Lage der Nation – der Politik-Podcast aus Berlin für eine konkrete empirische Analyse herausgegriffen wird.