5. Podcasting am Beispiel der Lage der Nation in:

Katharina Lührmann

Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation, page 49 - 70

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4324-0, ISBN online: 978-3-8288-7271-4, https://doi.org/10.5771/9783828872714-49

Series: Literatur und Medien, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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49 5. Podcasting am Beispiel der Lage der Nation Bei der Analyse eines Mediums ist die Mehrdimensionalität des Medienbegriffs mit zu bedenken. Dahingehend lässt sich das integrative Medienkonzept des Kommunikations- und Medienwissenschaftlers Siegfried J. Schmidt als begrifflicher Rahmen nutzbar machen. Demnach ist der Ausdruck Medium als Kompaktbegriff zu konzipieren, der sich hinsichtlich vier verschiedener Aspekte differenzieren bzw. aufgliedern lässt: Mein Vorschlag geht dahin, am Kompaktbegriff ‚Medium‘ folgende Aspekte zu unterscheiden, die als konstitutive Komponenten von Medien interpretiert werden können: semiotische Kommunikationsinstrumente, das technischmediale Dispositiv beziehungsweise die jeweilige Medientechnologie, die sozialsystemische Institutionalisierung eines Mediums sowie die jeweiligen Medienangebote.146 Kommunikationsinstrumente sind für Schmidt „alle materialen Gegebenheiten, die semiosefähig sind und zur geregelten, dauerhaften, wiederholbaren und gesellschaftlich relevanten strukturellen Kopplung von Systemen im Sinne je systemspezifischer Sinnproduktion genutzt werden können“.147 Darunter zählt er die gesprochene natürliche Sprache, Schriften, Bilder, Töne sowie Gesten und Geräusche.148 Kommunikationsinstrumente sind seit Entwicklung der Schrift in immer stärkerem Maße an Medientechnologien (wie z.B. Druck- Film- oder Fernsehtechniken) gebunden, „welche die Produktion und Rezeption von Medienangeboten nachhaltig beeinflussen“.149 Dass sich bestimmte Kommunikationsinstrumente und die entsprechenden Medientechniken durchsetzen und genutzt werden, hängt wiederum von der „Herausbildung sozialer Institutionen und Organisationen wie Schulen, Verlage oder Fernsehanstalten“150, also von der sozialsystemischen Institutionalisierung ab. Das konkrete Medienangebot als vierte Dimension ist schließlich „eindeutig von den drei anderen Komponenten geprägt“151 bzw. als Resultat des Zusammenwirkens dieser Faktoren zu verstehen. Dieser Differenzierung gemäß ließe sich zum Beispiel zwischen der Schrift als Kommunikationsinstrument, dem Buchdruck als Medientechnologie, Verlagen oder Kanonisierungsprozessen als sozialsystemische Institutionalisierung und Siegfried J. Schmidts Publikationen als konkrete Medienangebote differenzieren. 146 Schmidt, S. 2000, 94. 147 Ebd. 148 Vgl. e.bd. sowie Schmidt/Zurstiege 2007, 63. 149 Schmidt, S. 2000, 94. 150 Ebd. 151 Ebd. 50 Dieses Mehrebenenmodell soll in strukturgebender Weise bei der Analyse des Mediums Podcast im Allgemeinen und des konkreten Medienangebots Lage der Nation (im Folgenden kurz: LdN oder Lage) im Besonderen Anwendung finden. In den folgenden Abschnitten wird die exemplarische Erörterung jeweils vorangestellt, von der ausgehend die allgemeinen podcastspezifischen Merkmale herausgearbeitet werden. 5.1 Medientechnologie Medien im Sinne ihrer technischen Konstitution, medientechnologische Umbrüche und deren Implikationen stehen in einem Großteil medienwissenschaftlicher Forschungsarbeiten im Fokus. Die Einsicht in die zentrale Bedeutung der dem Medium zugrunde liegenden Technologie hat in verdichteter und pointierter Form insbesondere in der prominenten Formel Marshall McLuhans ‚the medium is the message‘ ihren Ausdruck gefunden.152 Demnach bestimmt sich die Wirkung eines Mediums primär durch dessen technische Form; der durch das Medium vermittelte Inhalt wird damit zweitrangig. Es geht an dieser Stelle um keine radikal technikdeterministische Position, sondern um die grundlegende Prämisse, dass Medien nie nur neutrale Träger von Inhalten sind, sondern bedingt durch ihre technischen Voraussetzungen und Potenziale maßgeblich Einfluss auf die Produktion, Botschaft und Rezeption nehmen. In diesem Abschnitt wird es also um Podcasting mit Blick auf dessen technologischen Bedingungen gehen: Was sind die Technologien, auf denen Podcasting im Wesentlichen beruht und welche nennenswerten Implikationen ergeben sich daraus? Zunächst soll die technisch-mediale Umgebung des Podcasts Lage der Nation exemplarisch in den Blick genommen werden.153 Der Podcast wird in aller Regel in einem Berliner Tonstudio, dem von Philip Banse gegründeten Küchenstudio, aufgezeichnet, sprich in einer professionellen Produktionsumgebung. Für die Aufnahme kommt im Kern die folgende Hard- und Software zum Einsatz: ihre eigenen Notebooks, Headsets, ein Audio-Interface sowie die Audio-Software Reaper, die sie in Kombination mit der Freeware Ultraschall nutzen. Bei der Vorbereitung zur Aufnahme der Folgen bedienen sich Banse und Buermeyer verschiedener Online-Anwendungen und Cloud-Dienste, deren Kernfunktionalität hier insbesondere darin liegt, das kollaborative Arbeiten orts- und zeitsouverän zu vereinfachen. Sie nutzen u.a. die Projektmanagement-Tools Slack und Trello zur organisatorischen Kommunikation und zum Sammeln von Inhalten für die Podcastfolge sowie webbasierte Texteditoren (anfangs Etherpad, später Google Doc) als Stichpunkte-Skript, das die Struktur der Folge vorgibt. Die einzelnen 152 Vgl. McLuhan 1964. 153 Über die von ihnen verwendete Hard- und Software und über ihre Arbeitsweise sprechen die Moderatoren u.a. in LdN006, Kapitel 12 ‚LdN-Tools‘ [1:02:05-1:08:23] sowie auf einem Workshop, vgl. Küchenstud.io 2017. 51 Audiodateien werden im Anschluss an die Aufnahme nicht von der Lage- Redaktion selbst bearbeitet, sondern vom Online-Dienst Auphonic, an den sie diesen Arbeitsschritt auslagern. Auphonic fungiert nicht nur als Bearbeitungs-, sondern auch als Distributionstool: Die finalisierte und im gewünschten Format exportierte Datei lässt sich nach entsprechender Einstellung des Anwenders bzw. der Anwenderin an verschiedene Zielorte automatisch ausspielen. Die Distribution des Lage-Podcasts erfolgt dabei über mehrere Kanäle. Die einzelnen Audiodateien liegen auf einem eigens gehosteten Server und sind auf einer eigenen Website bzw. Weblog eingebunden, auf dem diverse Funktionen zur Verfügung stehen. Die Hauptspalte der Seite umfasst erstens den Podlove Web Player (zum Abspielen, Teilen oder Herunterladen der Audiodatei sowie zum Abrufen der einzelnen Kapitel der Folge) und die sogenannten Shownotes zur Sendung, Hyperlinks zu den Medieninhalten, die Grundlage der Recherche waren und auf die sie sich in der Folge beziehen. Unterhalb der Shownotes befindet sich zweitens eine Kommentarspalte für die inhaltliche Rückmeldung seitens der HörerInnen. Und drittens finden sich diverse Funktionen in der Sidebar, darunter der Subscribe-Button zum Abonnieren des Podcasts, Affiliate-Links, Kontaktinformationen und eine Suchfunktion. Der Podcast wird zudem über die Plattformen YouTube, iTunes und Spotify distribuiert. Darüber hinaus nutzt das Podcast- Team die Social Media-Plattformen Instagram, Twitter und Facebook, um zusätzlich visuelle und textbasierte Inhalte zu veröffentlichen. Die Ver- öffentlichung erfolgt somit in einer netztypischen Umgebung. Mit Blick auf die Rezeption der Podcast-Episoden ist auf Grundlage einer von den Machern in Auftrag gegebenen HörerInnenumfrage festzuhalten, dass die HörerInnen den Podcast primär mit ihrem Smartphone bzw. via Podcast-App rezipieren.154 Die Episoden werden nur zu einem geringen Teil im Webplayer gehört, die Website wird primär für das Schreiben von Kommentaren genutzt. Die Ausführungen reichen aus, um davon ausgehend zentrale Aspekte einer allgemeinen podcastspezifischen technisch-medialen Infrastruktur im nächsten Schritt näher zu erörtern. Zuallererst wird schnell ersichtlich, dass es sich bei Podcasting um ein konvergentes Medium handelt, dem eine Reihe von Technologien zugrunde liegen, die vor dessen Aufkommen bereits existierten und in neuer Weise miteinander kombiniert und weiterentwickelt wurden.155 Die wesentlichen Komponenten bzw. Techniken sind auf den drei Ebenen Produktion, Distribution und Rezeption auszumachen: Audioproduktionshardware sowie -software; das Internet bzw. eine web-basierte Infrastruktur im Allgemeinen und die Distributionstechnik RSS im Speziellen; sowie Hard- und Software zur Rezeption der Audioinhalte. 154 Die Ergebnisse der Umfrage stellen sie in LdN071, Kapitel 9 ‚Hörerbefragung: Die Ergebnisse‘ [54:56-1:00:58] vor. 155 Vgl. Berry 2006, 144 f. 52 Wie in Kapitel drei gezeigt, bedingt sich das Aufkommen des Mediums Podcast u.a. durch die Verfügbarkeit erschwinglicher und anwenderfreundlicher Hard- als auch Software für die Audioproduktion, infolgedessen ein Tätigkeitsfeld von Privatpersonen und Laien erschlossen werden konnte, das zuvor professionell ausgebildeten Personen vorbehalten war. Die Produktionsumgebung der LdN ist nun einerseits professioneller aufgestellt als das typischerweise für das Medium der Fall ist, zumindest mit Blick auf das eigens eingerichtete Tonstudio. Andererseits hat sich in der Entwicklung des Mediums mithin der Trend zu mehr Professionalität gezeigt, sodass eine gute Audioqualität immer mehr die Regel als die Ausnahme ist. Zudem erweist sich die Produktionsweise der LdN bei genauer Betrachtung letztlich als podcasttypisch: Vom Tonstudio abgesehen (in dem auch nicht alle Folgen aufgenommen werden), nutzt das Team eine für das Medium übliche Ausrüstung, nämlich eine auf das Wesentliche reduzierte, mobile Hardware, die sich zum Teil im Vorhinein schon im Besitz der ProduzentInnen befindet, wie etwa ein Notebook oder Headsets. Es kommt nicht so sehr auf die genaue Auswahl des Equipments an, die Bandbreite an Möglichkeiten ist hier immens groß, sondern vielmehr auf den Umstand, dass die Audioproduktion mit erschwinglicher und einfacher Hardware eine fürs Podcasting übliche Technikumgebung darstellt.156 Eine weitere für die Podcastproduktion typische Vorgehensweise ist die Verwendung von open source-Anwendungen und aus der Podcast-Community heraus entwickelter Software, wie zum Beispiel die von Ralf Stockmann programmierte Freeware Ultraschall, die eigens entwickelt wurde, um die DAW (Digital Audio Workstation) Reaper speziell für die Podcast-Produktion zu erweitern bzw. zu optimieren und die von vielen PodcasterInnen verwendet wird.157 Dieses Beispiel kann exemplarisch für eine generelle Eigenheit der Podcast-Bewegung stehen: PodcasterInnen haben sich (im Sinne des Konvergenz- Gedankens) zwar durchaus bereits vorhandener Technologien bedient, sie haben aber gleichermaßen immer auch Werkzeuge entwickelt, mit denen sich Arbeitsprozesse rund ums Podcasten für diese spezifische Tätigkeit verbessern lassen. Neben Ultraschall nimmt das Netzwerk Podlove von Podcast-Pionier Tim Pritlove, das mit dem Podlove Podcast Publisher, Web Player und Subscribe Button weitverbreitete Standards setzen konnte, eine zentrale Rolle ein. Die technologische Infrastruktur wird hier also von PodcasterInnen für PodcasterInnen entwickelt, woran auf der technologischen Ebene der Charakter des Mediums als ein unabhängiges Graswurzelmedium oder open-source-Medium zu erkennen ist, 156 Als Setting ist vom Smartphone als Aufnahmegerät bin hin zu kostspieligen Mikrofonen und Zusatzgeräten wie Audio-Interface alles möglich. Interessant ist auch zu sehen, dass z.B. namhafte Firmen wie Rode im Bereich der Audioproduktionshardware ein speziell für Podcasting ausgerichtetes Angebot geschaffen haben, z.B. mit ihrem USB-Mikrofon namens ‚Podcaster‘. 157 Eine Auflistung der Podcasts, die Ultraschall nutzen, findet sich auf deren Webseite: https://ultraschall.fm/testimonials (aufgerufen am 18.10.2018). 53 das von einer gut funktionierenden, technikaffinen Community profitiert – worum es noch dezidiert im nächsten Abschnitt gehen wird. Die Produktion der LdN fügt sich in dieses Umfeld nahtlos ein. Mit der Verwendung einer ganzen Reihe dieser Tools machen sie sich diese Infrastruktur zu Nutze und tragen – als ein sehr bekannter Podcast mit einer großen Hörerschaft – wiederum zu deren Sichtbarkeit bei. Die zentrale Technologie, auf der Podcasting ganz grundlegend beruht, ist das Internet bzw. World Wide Web (WWW), das bereits auf der eben beschriebenen Ebene der Produktion zum Tragen kommt, u.a. durch Online-Dienste wie Auphonic zur Post-Produktion oder diverse Anwendungen zur Ermöglichung und Vereinfachung des (gemeinsamen) Arbeitens mit Blick auf die Vorbereitung der Podcastfolgen. Die maßgebliche Rolle kommt dem Internet bzw. dem World Wide Web aber auf der Ebene der Bereitstellung und Verbreitung als auch der Rezeption von Medieninhalten zu. Podcasting lässt sich in technischer Hinsicht als Methode zur Distribution und Rezeption von abonnierbaren Audioinhalten im Internet mittels sogenannter Web- bzw. RSS-Feeds beschreiben. RSS (Really Simple Syndication) „ist ein XML-basiertes Dateiformat, das den reinen Inhalt einer Website nach einer strengen Normung anordnet. Die Informationen können somit von Computerprogrammen ähnlich wie bei einer Datenbank ausgelesen und dann anderweitig verwendet werden“.158 Die grundlegende Idee hinter dieser Technik ist es, die Suche nach und die Verwaltung von Inhalten im Internet entscheidend zu vereinfachen. NutzerInnen müssen die diversen Webseiten, deren Inhalte sie beziehen wollen, nicht mehr aktiv aufrufen, um sie auf neue Einträge zu überprüfen, sondern werden automatisch über Aktualisierungen informiert. Dafür müssen sie den von den BetreiberInnen der jeweiligen Seite bereitgestellten RSS-Feed abonnieren159 bzw. in ihren Feedreader einlesen – eine Software, in der alle abonnierten Seiten übersichtlich gesammelt und regelmäßig aktualisiert werden. Im Fall von Audioinhalten bzw. Podcasts nennt sich eine solche Anwendung Podcatcher. Was in Hinblick auf die Beschreibung der technischen Funktionsweise kompliziert anmutet, ist auf der Anwendungsseite völlig unkompliziert: Nutzer- Innen laden sich typischerweise eine Podcast-App auf ihr Smartphone und abonnieren dort den Podcast ihrer Wahl. Das setzt zwar ein grundlegendes Technikwissen im Umgang mit Smartphones (oder Computern im Allgemeinen) und App-Anwendungen voraus, es bedarf aber keiner fundierten Kenntnisse im Bereich Informationstechnik z.B. hinsichtlich der Funktionalität von RSS-Formaten. Das gilt im Übrigen auch für die ProduzentInnen von Podcasts, die u.a. bei der Erstellung solcher Web-Feeds auf eine Vielzahl von Online-Diensten und 158 van Aaken 2005, 12. 159 Mit Abonnieren ist hier kein kostenpflichtiges Abschließen eines Abonnements gemeint, sondern das automatische Beziehen der gewünschten Inhalte. 54 Plattformen zurückgreifen können, die ihnen solche und andere technische Prozesse abnehmen. Dieser Automatisierungsmechanismus der Übertragung und des Downloads von Online-Audioinhalten auf ein beliebiges Abspielgerät ist technisch gesehen eines der wesentlichen Charakteristika des Mediums und wird vielfach als das definierende Merkmal bestimmt. Für Richard Berry ist die Distributionsmethode beispielsweise „the most potentially revolutionary, the most disruptive and represents a new medium worthy of a new terminology“.160 Eine Definition von Podcasting, die allein auf die technologische Komponente fokussiert, greift zwar zu kurz, versammelt aber eine Reihe wesentlicher Aspekte.161 Zum einen lässt sich an der RSS-basierten Distribution ein Differenzierungskriterium zu anderen Audio- Inhalten im Netz ausmachen, z.B. zu Audio-on-Demand-Angeboten, die ohne eine RSS-Einbindung nicht von Feedreadern bzw. Podcatchern gefunden werden können. Podcasts gehen über das Angebot von Audiodateien, die zum Herunterladen oder Streamen im Netz stehen, hinaus. Des Weiteren ermöglichen die technischen Voraussetzungen von Podcasting das non-lineare, zeitversetzte und ortsungebundene Hören von individuell zusammengestellten Programmen und Inhalten. Diese Zeit-, Orts- und Themensouveränität bei der Rezeption der Inhalte ist ein zentrales Spezifikum von Podcasting, denn hieraus ergibt sich u.a. eine Machtverschiebung zugunsten der NutzerInnen. The listener is now in charge of the broadcast schedule choosing what to listen to, when, in what order and – perhaps most significantly – where. Effectively there is a move in power from programmers to listeners. Although the producers still maintain control over content the listeners make decisions over scheduling and the listening environment and that is a fundamental change for producers of radio content.162 Insbesondere in der Möglichkeit der ortsungebundenen, mobilen Rezeption liegt ein Kernelement des Mediums. Die mobile Anwendung ist zur gängigsten Rezeptionsform geworden und wirft eine Reihe interessanter Fragen auf, z.B. hinsichtlich der Wechselwirkung zwischen der Wahrnehmung des Gehörten und des physischen Raums, durch den sich die RezipientInnen währenddessen bewegen.163 160 Berry 2006, 144. 161 Im Übrigen ist angesichts der Heterogenität des Podcast-Angebots (hinsichtlich AkteurIn, Format, Inhalt, Rezeptionsweise usw.) eine technische Definition von ‚Podcasting‘ hilfreich, weil mit der Art und Weise der Distribution (via RSS-Feed) ein Kriterium gegeben ist, das allen Podcasts gemein ist. Vgl. dazu auch Sterne et al. 2008. 162 Berry 2006, 145. 163 Vgl. dazu u.a. MacDougall 2011. 55 Podcasting nimmt schließlich eine interessante Mittelposition zwischen Pullund Push-Technologien ein, denn es enthält sowohl Pull- als auch Push-Komponenten. If broadcast radio is a ‘push’ medium and internet radio is a ‘pull’ medium, then that raises an interesting debate as to how Podcasting is defined, given that it lies somewhere in between. Whilst the listener selects the content they want to subscribe to, the content arrives by a ‘pushed’ mechanism and the user ultimately decides when it is played (‘pull’). Podcasts are therefore defined as content with the lazy benefits of push media but with all personalization features of pull media.164 Die NutzerInnen suchen sich also einerseits aktiv einen Podcast heraus, den sie abonnieren möchten und entscheiden, wann sie die Inhalte rezipieren möchten (Pull-Komponente). Andererseits werden ihnen in Folge des Abonnierens die einzelnen Episoden automatisch auf ihr Gerät gespielt (Push-Komponente). 5.2 Sozialsystemische Institutionalisierung Wie erfolgreich ein Medium ist, inwieweit es sich gesellschaftlich etabliert und welche Konventionen, Strukturen und Regelsysteme sich herausbilden, hängt zum großen Teil von sozialsystemischen Prozessen ab, d.h., von den „institutionelle[n] Einrichtungen bzw. Organisationen (wie Verlagen oder Rundfunkanstalten), die entwickelt werden, um Medientechniken anzuwenden, zu verwalten, zu finanzieren, politisch und juristisch zu vertreten usw.“165 Die exemplarische Analyse der LdN soll zunächst Ausgangspunkt für die weitere Erörterung der sozialen Dimension des Mediums im Allgemeinen sein: Wer sind hier die AkteurInnen? Was ist der Produktionskontext bzw. inwieweit ist der Podcast in einer organisatorischen oder institutionellen Struktur eingebunden? Welche allgemeinen podcastspezifischen Merkmale lassen sich davon ausgehend benennen? Das Redaktionsteam der Lage der Nation besteht aktuell aus fünf Personen: den beiden Initiatoren und Moderatoren des Podcasts Philip Banse und Ulf Buermeyer sowie drei weiteren Redakteurinnen, Ciara Cesaro-Tadic und Lea Boergerding, die im September 2017 offiziell als neue Redaktionsmitglieder vorgestellt wurden,166 und Gela Koll, die seit August 2018 mit im Team ist. Banse und Buermeyer stellen aus RezipientInnen-Sicht die zentralen Akteure dar, insofern der Podcast maßgeblich mit ihrer Person und insbesondere mit ihren Stimmen identifiziert ist, daher wird es im Weiteren primär um sie gehen. 164 Berry 2006, 156, vgl. auch Niemann 2007, 41 f. 165 Schmidt/Zurstiege 2007, 63. 166 Vgl. LdN067, Kapitel 2 ‚Redaktion: Lage-Team wächst‘ [02:08-03:17]. 56 Philip Banse ist freier (Hörfunk-)Journalist und arbeitet hauptsächlich für den Deutschlandfunk, den Heise-Verlag und dctp.tv. Er leitet außerdem das Unternehmen Streamteam, das Veranstaltungen unterschiedlicher Art dokumentiert bzw. live streamt. 2005 hat er mit drei KollegInnen den Podcast Küchenradio167 gegründet, zu dem über die Jahre noch weitere Podcasts hinzugekommen sind, die heute alle unter dem Dach des Podcast-Labels Küchenstud.io gebündelt sind. Banse hat das Medium also bereits sehr früh für sich entdeckt und kann als Podcaster der ersten Stunde gelten. Ulf Buermeyer ist Jurist und als Richter am Landgericht Berlin tätig. Seit Juni 2017 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin. Buermeyer engagiert sich darüber hinaus in unterschiedlichen Bereichen vor allem im Kontext netzpolitischer und bürgerrechtlicher Themen. Er ist u.a. Autor bei netzpolitik.org und Vorsitzender der Ende 2016 gegründeten Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V. (GFF) und Mitglied im Chaos Computer Club e.V.168 In seiner Rolle als Podcaster sieht er sich nicht, wie Banse, als Journalisten, dafür aber als Teil eines journalistischen Formats.169 Des Weiteren ist Buermeyer Ende 2016 der SPD beigetreten, was in Folge 038 der LdN transparent gemacht und diskutiert wird.170 Er ist außerdem Programmierer und Softwareentwickler. Das heißt, wir haben es hier mit zwei technikaffinen, politisch interessierten, engagierten und informierten Personen mit journalistischer bzw. juristischer Berufsqualifikation zu tun, deren politische Ausrichtung als links-liberal und progressiv gelten kann und deren gemeinsamer Interessensschwerpunkt und Sachverstand insbesondere bei netzpolitischen Themen liegt. Beide haben ein politikwissenschaftliches Studium absolviert. Mit Buermeyers Mitgliedschaft in der SPD ist zudem eine parteipolitische Ausrichtung gegeben, wobei er sich dahingehend immer (oder gerade deswegen) sehr kritisch positioniert. Zudem sind Banse und Buermeyer beides Personen, die bereits vor der Gründung des Podcasts medienöffentlich aufgetreten sind, vielen RezipientInnen also schon bekannt waren und über ein entsprechendes Netzwerk verfügen. Die Lage der Nation ist ein institutionell unabhängiger Podcast, der allerdings als einer von derzeit sechs Produktionen in dem von Banse gegründeten Berliner Podcast-Label Küchenstud.io eingebettet ist, von denen die LdN die prominenteste Rolle einnimmt. Der Podcast ist als ein unbezahltes Freizeitprojekt gestartet und ist mittlerweile finanziell so gut aufgestellt, dass er für Banse zum Teil seiner frei- 167 Der Podcast war 2006 für den Online Grimme Award nominiert. 168 Für einen ausführlichen Lebenslauf und eine vollständige Auflistung seiner Mitgliedschaften vgl. https://buermeyer.de/ulf/ (aufgerufen am 18.10.2018). Über die Gründung der GFF spricht er ausführlich in LdN029, Kapitel 35 ‚GFF: Ulf gründet NGO‘ [1:38:05-1:50:11]. 169 Vgl. LdN038, Kapitel 5 ‚Transparenzhinweise: Ulf ist Sozi‘ [06:18]. 170 LdN038, Kapitel 5 ‚Transparenzhinweise: Ulf ist Sozi‘ [05:05-12:52]. 57 beruflichen journalistischen Arbeit geworden ist. Die Lage der Nation war als Projekt von Beginn an auf eine nachhaltige Finanzierung und eine damit einhergehende Weiterentwicklung und Professionalisierung angelegt – das über die Zeit gewachsene Redaktionsteam zeugt genau davon. 171 Der Podcast ist aktuell spenden- wie auch werbefinanziert. HörerInnen können mit Daueraufträgen oder einmaligen Spenden die Lage unterstützen. Zudem haben sie die Möglichkeit, ein Abonnement abzuschließen (für monatlich fünf Euro oder jährlich knapp 50 Euro). Als zusätzliches finanzielles Standbein ist seit Juli 2017 durch einen Werbevertrag mit der AS&S noch das Schalten von Werbung hinzugekommen, wobei für AbonnentInnen des Küchenstud.io-Plus-Angebots der Podcast weiterhin werbefrei ist. 172 Bei einem Vortrag auf der Podcast-Konferenz Subscribe9 im Oktober 2017 legte Banse die finanzielle Situation der Lage offen.173 Zu diesem Zeitpunkt vermerkte der Podcast etwa 70.000 Downloads und Einnahmen pro Monat von 2000 bis 2500 Euro aus Spenden und Abos, bei etwa 450 AbonnentInnen des Küchenstudio-Plus Abos. Um alle Kosten zu decken und Raum für neue, ergänzende Formate und intensivere Recherchen zu lassen, veranschlagt Banse in dem Vortrag das Zwei- bis Dreifache der bisherigen Einnahmen. In Anlehnung an die in Kapitel vier vorgestellte akteursspezifische Podcast- Typologie, lässt sich die LdN somit der Kategorie Natürliche Person bzw. Privater Podcast zuordnen. Philip Banse, der den Podcast verantwortet, agiert als einzelne, institutionell unabhängige Person, die mit dem Podcast kommerzielle Interessen verfolgt und zudem eine berufliche Qualifikation als freier (Hörfunk-)Journalist aufweist. Damit ist der Podcast nach Niemanns Modell des Weiteren den Subkategorien Profi und qualifiziert zuzuordnen. Podcasting ist mit Blick auf die Akteurs-Konstellation und den Produktionskontext insgesamt sehr heterogen. Die LdN als eine semi-professionelle Podcastproduktion eines medienerfahrenen Journalisten nimmt eine Mittelposition zwischen von Laien ohne jegliche Medienerfahrung privat produzierten Podcasts und institutionell eingebundenen Produktionen z.B. von großen Medienunternehmen ein. Mit Blick auf Podcasting im Sinne von privat produzierten und institutionell unabhängigen Produktionen können der Vergleich bzw. die Abgrenzung zum etablierten Rundfunk in seiner heutigen Form helfen, um die sozialsystemische Komponente des Mediums besser zu verstehen. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sind Medienorganisationen, die nach festgelegten Regeln und Strukturen funktionieren. Sie verfolgen ganz bestimmte – durch den medienpolitisch festgeschriebenen Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten bedingte – 171 Dieses (ökonomische) Ziel machen Banse und Buermeyer von Beginn an transparent, u.a. in LdN009, Kapitel 4 ‚Feedbacks‘ [48:45]. 172 Das machen sie in einer Hausmitteilung in LdN064, Kapitel 14 ‚Lage intern: Sponsoring und Umfrage‘ [1:15:24-1:19:50] transparent. 173 Vgl. Das Sendezentrum 2017. 58 Zwecke und Ziele, zu deren Umsetzung sie sich auf die Finanzierung durch öffentliche Mittel (den Rundfunkbeitrag) stützen können. Öffentlich-rechtliche Medienunternehmen sind hierarchisch und arbeitsteilig organisiert mit klaren Rollen-, Verantwortungs- und Zuständigkeitszuteilungen; sie bestehen aus einem Netzwerk an festen und freien MitarbeiterInnern der verschiedenen Redaktionen, die für ihre Tätigkeitsfelder spezifische Kompetenzen und Fertigkeiten vorweisen müssen. Demgegenüber kennzeichnet sich Podcasting zunächst – im Sinne der privat und unabhängig produzierten Angebote – durch die Abwesenheit all dieser Merkmale. Es handelt sich um ein dezentrales, anti-hierarchisches, freies und horizontales Medium, dessen Nutzung allen offen und kostenlos zur Verfügung steht. Wie in Kapitel drei erörtert, lässt sich Podcasting im Sinne einer Anwendungsform des Web 2.0 und durch die enge Verbindung zum Bereich des Weblogging als partizipatives Medium und als Beispiel für user-generated content fassen. Podcastinhalte entstehen also in der Umgebung einer für das Netz typischen open source- und unabhängigen Graswurzel-Bewegung, die sich durch niederschwellige Zutrittsbarrieren, das Unterwandern der traditionellen Gatekeeper-Funktion der etablierten Medien und dem einfachen Rollenwechsel zwischen NutzerInnen und ProduzentInnen charakterisiert. Die Produktion von Podcasts findet in dieser Hinsicht also in einem netzspezifisch freien, im Vergleich zum etablierten Rundfunk institutionell unabhängigen und wesentlich selbstbestimmteren Handlungsund Organisationsraum statt. Die Abgrenzung und Emanzipation von den etablierten massenmedialen Systemen ist innerhalb der Podcast-Community gleichwohl ein starkes, wiederkehrendes Motiv, das sich auch bei der LdN wiederfindet.174 Das Internet und eine webbasierte Infrastruktur – als die für das Medium technischen Grundbedingungen der Bereitstellung und Verbreitung von Inhalten – lassen sich selbst wiederum als komplexes, soziales System beschreiben. Podcasting bewegt sich in diesem Sinne natürlich nie in einem per se freien, allein durch die NutzerInnen gestalteten Raum. Die Inhalte sind vielmehr in ökonomische und juristische Strukturen eingebunden und werden durch diverse Institutionen und deren Regeln, Algorithmen und Interessen maßgeblich beeinflusst und (mit) bestimmt. Allerdings lässt sich Podcasting im Vergleich zu anderen Medieninhalten im Netz als eines der unabhängigsten Medienformen beschreiben, insofern Podcasts (noch) weitestgehend plattformunabhängig funktionieren – im Unterschied z.B. zu Videos oder Fotos, die maßgeblich an Plattformen wie YouTube oder Instagram und deren Regelsysteme und Organisationsstrukturen gebunden 174 Wie der in der Einleitung zitierte Gesprächsausschnitt gezeigt hat, ist die Gründung der LdN u.a. durch die Kritik an der typischen in den Augen der Moderatoren zu oberflächlichen Politikberichterstattung im Fernsehen motiviert. Vgl. LdN001, Kapitel 2 ‚Warum machen wir das?‘ [01:05-05:32]. 59 sind. Damit ist nicht gesagt, dass Podcasting frei von Konventionen und Strukturen besteht, aber diese werden zum großen Teil aus der Podcast-Community heraus selbst entwickelt, verhandelt, etabliert und wieder neu verhandelt. Ein zentrales Merkmal des Sozialsystems Podcasting ist eben genau diese gut funktionierende Community, deren Wirken sich in ganz unterschiedlichen Bereichen manifestiert. Einer dieser Bereiche, nämlich die technische Entwicklung von für Podcasting optimierter open source-Anwendungen (Web Player, Plugins, Aufnahmesoftware wie Ultraschall usw.), wurde bereits im vorangegangenen Abschnitt dargelegt. Darüber hinaus gibt es Projekte wie die Podcastsuchmaschine fyyd, die gleichfalls als Verzeichnis fungiert und auf der NutzerInnen zudem eigene Kurationen und Podcast-Sammlungen anlegen können, das Forum Sendegate, die jährlich stattfindende Podcast-Konferenz Subscribe oder die Podcastpat:innen, ein Projekt zur Förderung des Nachwuchses. Für Markman/Saywer konstituieren diese Podcast-Communities eine spezifische Subkultur, „which provide forums of mutual support and feedback, identity formation, self-promotion, critical reflection, but also discursive arenas that might exist in tension with a conventional (commercial) radiophonic culture“.175 Und auch Berry sieht hierin eine spezifische Eigenschaft des Mediums Podcast: There can be few media forms where producers of work communicate so freely with each other and persuade the listener to seek out the work of others. It is this network building that develops a sense of community within the grassroots Podcast movement and, as a listener, I find this a refreshing experience.176 Die genannten Beispiele sind nur einige unter vielen. Sie offenbaren den horizontalen und interaktiven Charakter des Mediums. Die sozialen Strukturen zeugen von einem im Wesentlichen anti-hierarchischen und symmetrischen Umgang im Miteinander. Eine eindeutige Rollenverteilung zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen mit einem entsprechenden Machtgefälle ist nicht gegeben. Vielmehr erweist sich der Rollenübergang als ein fließender. What Podcasting offers is a classic ‘horizontal’ media form: producers are consumers and consumers become producers and engage in conversations with each other. At a grassroots level there is no sense of a hierarchical approach, with Podcasters supporting each other, promoting the work of others and explaining how they do what they do.177 175 Markman/Sawyer 2014, 24. 176 Berry 2006, 152. 177 Berry 2006, 146. 60 Der horizontale Charakter manifestiert sich insbesondere in den mannigfaltigen und intensiv genutzten Möglichkeiten zur interaktiven Kommunikation. Die MacherInnen investieren viel Zeit in die Bereitstellung und Pflege von Rückkanälen bzw. in die Einbindung der Rückmeldung ihrer Hörerschaft, die die Möglichkeit zur Anschlusskommunikation wiederum aktiv und in konstruktiver Art und Weise nutzen. Dass das interaktive Moment von Podcasting eine maßgebliche Rolle spielt, zeigt sich u.a. auch in den Ergebnissen der Studie von Kris Markman (2012), wonach sich die Eingebundenheit in eine Podcast-Gemeinschaft als eine der zentralen Motivationen herausgestellt hat, die Tätigkeit des Podcastens fortzusetzen. Die bisherigen Ausführungen beschreiben allerdings nur eine Seite der sozialsystemischen Komponente des Mediums Podcast, insofern die unabhängigen, privat produzierten Podcasts den zwar ursprünglichen (und in gewissem Sinne den charakteristischen) Teil, aber eben nicht das gesamte Angebot ausmachen. Die verschiedenen institutionellen AkteurInnen in den Blick nehmend, ergibt sich ein anderes Bild der sozialsystemischen Dimension. Podcasts, die von etablierten Medienunternehmen, von Bildungseinrichtungen, Firmen, Stiftungen oder Parteien angeboten werden, sind in die Strukturen der jeweiligen Institutionen eingebunden und haben entsprechend andere Ausgangsbedingungen. Es bestehen im Vorhinein feste Strukturen und Regeln personeller, finanzieller oder ideeller Art, es werden ganz bestimmte Zwecke und Ziele verfolgt, wovon das Podcastangebot in der Gestaltung geprägt wird. In dieser institutionellen Einbindung ist das Medium dahingehend weniger frei, dezentral und anti-hierarchisch organisiert als es bei privat produzierten Podcasts der Fall ist, sondern steht vielmehr in Abhängigkeit zu den vorherrschenden und bestehenden Strukturen. Die sozialsystemische Umgebung von Podcasting ändert sich zudem im Zuge der zunehmenden Herausbildung eines eigenständigen Podcast-Markts: Es gründen sich eigens auf Podcasts spezialisierte Start-Ups – Podcast-Label, Produktionsfirmen oder Anbieter mit Dienstleistungen rund um das Tätigkeitsfeld Podcasting (Hosting, Audiobearbeitung, App-Anwendungen usw.) –, womit gleichfalls neue Geschäftsmodelle erprobt werden. Das heißt, der juristische und ökonomische Rahmen des Mediums verändert sich zum Teil grundlegend bzw. wird neu gesteckt. 5.3 Kommunikationsinstrument Die Wahl des Kommunikationsinstruments bestimmt maßgeblich mit, in welcher Art und Weise Inhalte vermittelt werden können und wie sie wirken. Beispielsweise unterscheidet sich eine schriftlich fixierte Aussage hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Grenzen erheblich von einer in einem mündlichen Gespräch getätigten. Schrift ermöglicht es dem oder der KommunikatorIn seine oder ihre Aussagen – losgelöst von der körperlichen Präsenz – in verdichteter, komplexer Form und über Ort- und Zeitgrenzen hinweg zu vermitteln. RezipientInnen haben die 61 Möglichkeit, die materialisierten Sätze wiederholt und ihrem Tempo zu erfassen, müssen jedoch ein erhöhtes Maß an Interpretationsleistung erbringen, da eine ganze Reihe von Kontextinformationen und Hinweisreizen wie nonverbale Zeichen, Intonation usw. wegfallen (Kanalreduktions-These). In einem natürlichen Gespräch von Angesicht zu Angesicht werden dahingegen alle Sinneskanäle bedient und die KommunikatorInnen haben vielschichtige und unmittelbar wirkende Ausdrucksmöglichkeiten. Dafür bedingt unser kognitives Aufnahmevermögen in dieser flüchtigen Kommunikationssituation eine weniger komplexe, auf Wiederholungen und Redundanzen bauende Form der Kommunikation – um nur einige wenige vergleichende Aspekte zu benennen. Podcasting bedient sich primär dem Kommunikationsinstrument der gesprochenen natürlichen Sprache bzw. der technisch vermittelten Stimme.178 Verschiedene andere Kommunikationsmittel wie Schrift, (Bewegt-)Bild, und Ton kommen ebenfalls zum Tragen. Diese werden im anschließenden Kapitel – mit Blick auf die These, dass Podcast als Netzmedium und nicht allein als ein auditives Angebot zu verstehen ist – noch näher in den Blick genommen. In diesem Abschnitt soll der Fokus auf der primären Auditivität des Mediums liegen: Welche spezifischen Eigenschaften kommen dem akustischen Kanal und der technisch vermittelten Stimme zu? Darüber hinaus sollen die für das Podcasting typischen Kommunikationsprozesse, -muster und -strukturen analysiert werden. Die Kommunikationssituation der Lage der Nation lässt sich auf drei Ebenen beschreiben. Auf der ersten Ebene findet hier zunächst eine Face-to-Face-Kommunikation, sprich eine Form der direkten interpersonalen Kommunikation zwischen zwei in diesem Fall miteinander vertrauter Personen statt. Ulf Buermeyer und Philip Banse sitzen sich an einem konkreten Ort gegenüber und führen ein Gespräch über politische Inhalte, womit hinsichtlich der sachlichen Dimension zudem eine Form der politischen Kommunikation gegeben ist. Wie sie in der ersten Folge ausführen, war die Freude an der gemeinsamen Unterhaltung eine der Motivationen für die Gründung des Podcasts und stellt für sie gleichfalls ein charakteristisches Merkmal des Mediums dar: Wir haben einfach gemerkt, dass wir beide uns wahnsinnig gerne unterhalten über die verschiedensten Themen. Das ist nicht die schlechteste Voraussetzung. Ich denke nämlich nach wie vor, Podcasting ist vor allem ein Format, 178 Die gesprochene natürliche Sprache stellt für Schmidt den Prototypen der verschiedenen Kommunikationsinstrumente dar: „Als Prototyp von Kommunikationsinstrumenten betrachte ich gesprochene natürliche Sprache, und zwar nicht nur aus Gründen der historischen Priorität, sondern deshalb, weil seit der Entstehung von Sprachen das grundlegende Prinzip der Sinn-Kopplung durch distinkte Materialitäten für alle Medien virulent geworden ist.“ Schmidt, S. 2000, 94. 62 wo sich Menschen unterhalten, die sich schätzen und mögen. Und das kommt auch einfach rüber, das sind so bestimmte Vibes, die da rüberkommen.179 Das private Gespräch ist also Ausgangspunkt für die Überführung einer solchen Unterhaltung in ein mediales Format, wofür sie Podcasts als das am besten dafür geeignete halten. Im Zuge dieser medialen Überführung, womit die zweite Beschreibungsebene berührt ist, wandelt sich die Kommunikationsform hinsichtlich verschiedener Aspekte. Das privat anmutende Gespräch richtet sich an eine Zuhörerschaft, womit die interpersonale gleichwohl eine Form der öffentlichen Kommunikation ist. Das synchrone, Face-to-Face stattfindende Gespräch wird in technisch vermittelter Form einem breiten Publikum öffentlich zugänglich gemacht, das die Inhalte asynchron, also zeitversetzt zum tatsächlich stattgefundenen Gespräch, rezipiert, wobei sie dieses nur noch über den akustischen Kommunikationskanal vermittelt bekommt. Das kommunikative Format der LdN bewegt sich somit zwischen den Formen der persönlichen Individual- und der öffentlichen Kommunikation. Merkmale, die das Gespräch als eine Form der öffentlichen bzw. vielmehr einer öffentlich-journalistischen Kommunikation ausweisen, sind u.a. die folgenden. Zum einen zeichnet der Aufnahmekontext die Situation als eine öffentliche aus: Banse und Buermeyer sprechen im Rahmen eines Tonstudios miteinander, umgeben von Audiohardware und insbesondere die Headsets, vermittels derer sie ihre eigenen Stimmen selbst noch einmal in anderer Weise wahrnehmen, dürfte die Kommunikationsweise dahingehend beeinflussen, dass sie die Gesprächssituation nicht als eine privat-natürliche empfinden. Es handelt sich des Weiteren nicht um ein spontanes, sondern um ein vorbereitetes und geplantes Gespräch. Jeder Folge liegt ein Textdokument zugrunde, in dem stichwortartig die Struktur der zu besprechenden Inhalte vorgezeichnet ist. Jede Podcast-Episode folgt einem Aufbau mit wiederkehrenden Elementen, darunter eine Begrüßung und Verabschiedung als Rahmung, inhaltlichen sowie formalen Blöcken wie Follow-Ups, Kurznachrichten- oder Feedback-Blöcken. Es werden eine Reihe von journalistischen Elementen bemüht, z.B. das Einspielen von O-Tönen oder Interviewgespräche mit externen Gästen. Der öffentliche Charakter zeigt sich weiterhin insbesondere in der direkten Ansprache bzw. Adressierung der Zuhörerschaft. Das Gespräch zwischen Banse und Buermeyer lässt sich grundlegend als ein moderierter Dialog mit einer zwischen den Themenblöcken wechselnden Rollenverteilung charakterisieren, bei der einer die Rolle des Experten, der andere hingegen die des Fragestellers einnimmt. Die Sprecherwechsel sind häufig entsprechend künstlich gesetzte: Buermeyer leitet beispielsweise in ein Thema ein und gibt mit Sätzen wie „Philip, du hast dir das genauer angesehen, worum geht es hier?“ das Wort weiter. Allerdings ist die Gesprächssituation auch nicht mit einem klassischen Talk-For- 179 LdN001, Kapitel 2 ‚Warum machen wir das?‘ [03:55-04:13]. 63 mat im Radio gleichzusetzen. Der Hörfunk bewegt sich in einem gewissen Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, insofern dem Gesprochenen zum Großteil vorgeschriebene Texte zugrunde liegen (die wiederum für die mündliche Artikulation ausformuliert werden). Wohingegen Banse und Buermeyer im Podcast gänzlich frei artikulieren und ihre Sprechweise im Vergleich zur neutral-professionellen Haltung eines klassischen Radiomoderators oder einer Radiomoderatorin wesentlich näher am ‚natürlichen‘ Gespräch ist. Merkmale, die das Format der LdN wiederum als eine Form der persönlichen Kommunikation charakterisieren sind u.a. die Selektion der Themen, die vorrangig auf Grundlage der persönlichen Interessen der Moderatoren beruht, die privaten Inhalte, die immer wieder in die Folge einfließen oder das Einbringen der persönlichen Meinungen und Haltungen zu den diversen politischen Themen. Lässt sich die Kommunikation auf der zweiten Beschreibungsebene als Einwegkommuniktion fassen – die Moderatoren vermitteln ihre Inhalte als Kommunikatoren an eine unbestimmt große Anzahl an RezipientInnen –, so ändert sich die Kommunikationsrichtung auf der dritten Ebene dahingehend, dass ein Rollenwechsel zwischen KommunikatorInnen und RezipientInnen stattfindet bzw. eine vormals klare Trennung der Rollenzuteilung sich zunehmend auflöst. Die passiven HörerInnen wechseln in die Rolle der aktiven KommunikatorInnen, indem sie die diversen Möglichkeiten zur Anschlusskommunikation nutzen. Die Interaktion mit der Hörerschaft und der Einbindung ihres Feedbacks nehmen eine wesentliche Rolle für die Moderatoren der LdN ein. Sie signalisieren von Beginn an ein ernsthaftes Interesse an Rückmeldungen und der Mitgestaltung der Sendung durch die HörerInnen. Es werden verschiedene Rückkanäle zur Verfügung gestellt, von denen die Kommentarspalte auf dem Blog auf der inhaltlichen Ebene die zentrale Rolle spielt. Andere Kanäle über Social Media (Twitter und Facebook) und E-Mail stehen zwar auch offen, aber Banse und Buermeyer äußern an verschiedenen Stellen explizit den Wunsch, das Feedback in den Kommentaren zu bündeln.180 Andere Möglichkeiten zur Anschlusskommunikation sind über die Lagebilder und die Liveaufnahmen des Podcast bei der Lage Live gegeben, bei der die Moderatoren in eine direkte interpersonale Kommunikation mit ihren HörerInnen treten. Die verschiedenen Kommunikationsräume wirken hierbei wechselseitig ineinander. Die Blog-Kommentare und entstandenen Diskussionen zur Folge werden z.B. mit hoher Regelmäßigkeit in der darauffolgenden Podcast-Folge im fest etablierten Feedback-Block aufgegriffen und wiederum kommentiert. Banse und Buermeyer zeigen sich insgesamt sehr engagiert, Wege und Formate zu finden, um ihre HörerInnen, deren Kritik, Korrekturen oder Positionen, einzubeziehen. Einer dieser Versuche ist bzw. war das Lagezentrum – eine Art Community-Redaktion bzw. ein Forum, in dem sich die HörerInnen bei der Recherchearbeit 180 Vgl. u.a. LdN010, Kapitel 6 ‚Verabschiedung‘ [1:23:40-1:25:00] und LdN037, Kapitel 1 ‚Begrüßung‘ [01:05-02:54]. 64 einbringen konnten, um die Sendung im Sinne der Idee der Schwarmintelligenz inhaltlich zu verbessern.181 Das Format hat sich jedoch nicht etabliert. Die bisherigen Erörterungen treffen auf den üblichen kommunikativen Rahmen des Podcast zu, von dem es immer wieder auch Abweichungen gibt. Beispielsweise befinden sich die Moderatoren nicht immer in einer Face-to-Face- Kommunikation, sondern führen das Gespräch technisch vermittelt über Skype oder vor lokal anwesendem Publikum bei den Lage-Live-Veranstaltungen – wodurch die Kommunikationssituation jeweils noch einmal eine andere ist. Diese grobe Skizzierung der Kommunikationsstrukturen soll an dieser Stelle jedoch genügen (eine detaillierte Analyse der Anschlusskommunikationsmöglichkeiten, insbesondere des Formats der Lagebilder, erfolgt in Kapitel 6). Grundlegend ist Podcasting eine Form der technisch- bzw. computervermittelten Kommunikation. Hinsichtlich der Reichweite und Kommunikationsrichtung fällt Podcasting in die Kategorie one-to-many-Kommunikation, d.h., eine oder mehrere (wenige) Person(en) erreicht bzw. erreichen eine unbestimmt große Hörerschaft. Die Kommunikation ist dabei asynchron, sprich der Zeitpunkt der Aufnahme ist verschieden vom Zeitpunkt der Rezeption. In diesem Sinne handelt es sich einerseits um eine unidirektionale Form der Kommunikation. Andererseits ist auf Grundlage der webbasierten Umgebung des Mediums die Möglichkeit zur Anschlusskommunikation ganz grundlegend gegeben und diese wird auch aktiv genutzt. Podcasts sind in der Regel auf Blogs mit Kommentarfunktion eingebunden, sie sind auf Social Media Plattformen wie Twitter und Facebook präsent, manche haben ein separates Forum eingerichtet, verwenden Messenger wie WhatsApp zum Empfang von Audiokommentaren u.a.m. Von einer Zweiwegekommunikation kann im strengen Sinne jedoch nicht gesprochen werden, da diese als Kommunikationsform definiert ist, bei der „Kommunikator und Rezipient ihre kommunikativen Rollen tauschen und auf diese Weise im Gegensatz zur Massenkommunikation ein unmittelbares Feedback ohne Medienbruch (im Sinne eines Wechsels der Medientechnik) herstellen“.182 Ein Medienbruch ist im Fall von Podcasting jedoch erforderlich. In aller Regel erfolgt die Anschlusskommunikation in schriftlicher Form und mittels anderer Technologien wie Blogs oder E-Mail, wobei die zunehmende Ermöglichung und Einbindung von Feedback über den gleichen (akustischen) Kommunikationskanal via Audiokommentare den Medienbruch zumindest etwas abschwächt. Am ehesten lässt sich die podcastspezifische Kommunikation somit als eine eingeschränkt bidirektionale fassen.183 Der Umgang der LdN-Redaktion mit dem Feedback ihrer Hörerschaft kann paradigmatisch für das Phänomen Podcasting im 181 Die Idee zum Lagezentrum stellen sie in LdN060, Kapitel 3 ‚Lagezentrum: Die Community- Redaktion‘ [08:24-13:39] vor. 182 Beck 2013, 390. 183 Vgl. dazu u.a. Niemann 2007, 43 f. 65 Allgemeinen stehen. Wie im vorangegangenen Abschnitt im Zuge der Ausführungen zur Bedeutung der Podcast-Community bereits angeklungen ist, spielt die Interaktion zwischen ProduzentInnen und NutzerInnen eine wesentliche Rolle. Der Ermöglichung von Kommunikation mit den HörerInnen und deren Einbindung werden in aller Regel viel Raum und Zeit eingeräumt und es besteht ein insgesamt kreativer Umgang mit den vielfältigen Möglichkeiten, die sich dabei ergeben. Dass es überhaupt eine so große Resonanz von Seiten der RezipientInnen gibt, ist zudem als bemerkenswert hervorzuheben, da der Eintritt in den Kommunikationsprozess – angesichts des Erfordernisses zum Medienwechseln – mit gewissen Hürden verbunden ist. Gerade mit Blick auf die charakteristische mobile Rezeptionsweise einer Podcast-Episode via Smartphone ist es für die HörerInnen erforderlich, diese Umgebung zu verlassen, eine Website, ein Blog oder Forum aufzusuchen – möglicherweise mit einem Wechsel an ein Notebook oder PC verbunden –, um dort ihr Feedback zu artikulieren. Das symmetrische Kommunikationsverhältnis zwischen RezipientInnen und KommunikatorInnen, die zum großen Teil als Privatpersonen auftreten, kennzeichnet Podcasting als Individualkommunikation. Dem Medium kommen hingegen aber auch Eigenschaften massenmedialer Kommunikation zu, insofern sich eine Einzelperson an eine für sie per se unbekannte Menge an HörerInnen richtet (one-to-many).184 Mit Blick auf das verwendete Zeichensystem bzw. Kommunikationsinstrument gilt für Podcasting schließlich „das Spezifikum der primären Auditivität“.185 Die Inhalte werden primär über den akustischen Übertragungskanal vermittelt, also über den Hörsinn aufgenommen, dessen distinguierenden Eigenheiten und Voraussetzungen sich gerade im Vergleich zum Sehsinn verdeutlichen lassen. Während der Vorgang des Sehens als ein zentrifugaler Prozess beschrieben werden kann, in dem die gesehenen Objekte als vom Subjekt getrennte Wirklichkeiten entworfen werden, ist das Hören als ein zentripetaler Prozess zu beschreiben. […] Die zentripetale Ausrichtung des Hörvorgangs bildet die Basis unserer Identifikation mit dem Gehörten, sie kann zu einer Verschmelzung zwischen uns und der Musik führen.186 184 Zur traditionellen Dichotomie zwischen Individual- und Massenmedien bzw. Individual- und Massenkommunikation, die sich im Zuge der Digitalisierung zunehmend auflöst, vgl. u.a. Lüders 2008. 185 Niemann 2007, 41. 186 Brandstätter 2008, 218. 66 Was Ursula Brandstätte hier für die Wahrnehmung von Musik beschreibt, lässt sich auf die akustische Aufnahme gesprochener Sprache übertragen.187 Die Audiosignale bzw. technisch vermittelten Stimmen dringen unmittelbar über das Ohr ein, mit dem Effekt, dass sich die SprecherInnenstimmen physisch nah anfühlen. Diese Wirkung wird insbesondere durch das übliche Rezeptionsverhalten, Podcasts über Kopfhörer zu hören, verstärkt: „With the headphones in place, listeners hear someone (or several people) speaking, quite literally, between their ears, adding a certain reality to the phrase ‚getting inside someone’s head.‘“188 Im Unterschied zum Sehsinn, der Brandstätter zufolge Distanz zwischen dem Subjekt der Wahrnehmung und dem wahrgenommenen Objekt schafft, „kann der Hörsinn als involvierender Sinn beschrieben werden. Der dadurch zu begründende Verlust an Distanz bringt auf der anderen Seite ein höheres Maß an Identifikation und an Teilhabe“.189 Die Stimme ist an sich etwas sehr intimes, sie vermittelt eine ganze Reihe von Informationen: „Das Alter, das Geschlecht, der Bildungsgrad, die regionale und die soziale Herkunft, der gesundheitliche sowie der momentane emotionale Zustand können sehr zuverlässig aus dem Stimmklang und der Sprechweise eines Menschen entnommen werden.“190 Darüber hinaus ist die Stimme eines Menschen Walter Sendlmeier zufolge „immer auch Ausdruck seiner Persönlichkeit im Sinne überdauernder charakterologischer Eigenschaften“.191 Wir urteilen in aller Regeln sehr unmittelbar und direkt, ob uns eine Stimme angenehm oder unangenehm erscheint und ziehen damit also spontan Rückschlüsse auf den Charakter des Sprechers oder der Sprecherin. Das gilt für Podcasts, bei denen andere (visuelle) Hinweisreize wegfallen, umso mehr. Diese sinnesspezifischen Wirkmechanismen werden in der Podcast-Forschung an verschiedenen Stellen thematisiert, Podcasting wird wiederholt und konsensuell als ein sehr intimes Medium beschrieben, das eine intensive Beziehung der RezipientInnen zu den jeweiligen Stimmen der PodcasterInnen schafft: „The podcast, and particularly, the podcast listened to on the move, may be part of an evolution in parasocial phenomena and a fundamentally new form of mediated interpersonal communication.“192 Robert MacDougall, der sich speziell mit der mobilen Podcastnutzung befasst, sieht das Medium als prädestiniert für den Aufbau einer parasozialen Beziehung an. In der Wahrnehmung der Rezipient- Innen nehmen sie eine Person bzw. deren Stimme mit in ihre private, durch die 187 Musik und Ton spielen bei Podcasting zwar generell auch eine maßgebliche Rolle (insbesondere bei den aufwendig produzierten Storytelling-Formaten), allerdings weniger im hier behandelten Bereich der Politik-Podcasts, in denen das natürliche Gespräch im Zentrum steht. 188 MacDougall 2011, 722 189 Brandstätter 2008, 218 190 Sendlmeier 2012, 99. 191 Ebd. 192 MacDougall 2011, 716. 67 Kopfhörer geschützte Umgebung. Die inkorporierende Wirkung des akustischen Kanals erzeugt das Gefühl, am gehörten Gespräch involviert zu sein. Diese starke Bindung wird Dougall zufolge außerdem durch die akustischen Eigenschaften der ‚Blindheit‘ und ‚Körperlosigkeit‘ verstärkt: RezipientInnen erschaffen die Bilder von der zur Stimme zugehörigen Person und dem Gesagten aktiv in ihrer Vorstellungskraft: „In these cases, leaving the visual picture to the imagination appears to enhance the power, presence, and by extension, the powerfully parasocial persuasive effect of the messenger and his or her message.“193 Für ihn stellt Podcasting eine Manifestation der Abkehr von einem visuell-analytischen Modus hin zu etwas, das er in Anlehnung an Marshall McLuhan „the tactile embrace of the oral-aural“ 194 nennt, dar. Womit auf die Unterscheidung zwischen dem menschlichen Seh- und Hörsinn abgehoben wird: Über den akustischen Wahrnehmungskanal verarbeiten wir die Inhalte verstärkt auf der emotionalen und weniger auf der analytischen, kognitiven Ebene. Die spezifischen Eigenschaften und Wirkungen der vom Körper losgelösten und über räumliche Distanz hinweg technisch vermittelten Stimme waren schon lange vor Aufkommen von Podcasting Gegenstand anderer Forschungsgebiete, insbesondere der Radioforschung.195 Richard Berry hebt aus der Perspektive der Radioforschung hervor, dass sich viele der Eigenschaften, die für die akustische Kommunikation im Radio gelten – intime Rezeption oder Aspekte der ‚Blindheit‘, ‚Körperlosigkeit‘ u.a.m. –, zwar gleichwohl auf das neue Medium Podcast übertragen lassen, dieses jedoch gerade mit Blick auf die Schaffung von Intimität noch einen Schritt weiter geht. Whilst radio is an intimate medium […], it is possible to argue that podcasting takes this a stage further and offers, in many instances, a sense of ‚hyper-intimacy‘. Podcasts are listened to in an intimate setting (headphones), utilizing an intimate form of communication (human speech). Furthermore, in many cases, podcasts are presented by people from within a listener’s own community of interest or by people she/he may already have a relationship with via social media and are frequently recorded in a podcaster’s own personal or domestic space. Unlike radio listeners, who may encounter programmes by chance and use them as sonic wallpaper, the podcast listener actively searches for content and puts time aside to listen.196 193 Ebd., 723. 194 Ebd., 717. 195 Vgl. u.a. Arnheim 1979. Zur technischen Realisierung der Stimme im Theater, Hörspiel und Film vgl. Pinto 2012 und zur Geschichte der Stimme Göttert 1998. 196 Berry 2016a, 666. 68 Die von Berry angeführten Kriterien, die Podcasting zu einem hyper-intimen Medium hervorheben, berühren nicht nur kommunikationsbezogene Aspekte, sondern liegen zum großen Teil wiederum auf der sozialen Ebene: Die Intimität wird auf einer symmetrischen Beziehungsebene geschaffen, die KommunikatorInnen stellen sich in den Augen der RezipientInnen als ‚einer von ihnen‘, als Mitglied derselben Gemeinschaft dar. 5.4 Medienangebot Die in den letzten drei Abschnitten erörterten Komponenten des Medienkompaktbegriffs – Medientechnologie, sozialsystemische Institutionalisierung und Kommunikationsinstrument – sind „in einen systemischen und nicht bloß additiven Zusammenhang“197 zu bringen. Das Zusammenwirken dieser Faktoren kann nur als ein systemisches, sich selbst organisierendes Zusammenwirken verstanden werden, bei dem keine der vier Komponenten unberücksichtigt bleiben darf. Wenn man also über Medienangebote spricht, dann muss man genau berücksichtigen, welche Möglichkeiten Kommunikationsinstrumente, Medientechnologien und sozialsystemische Ordnungen eröffnen und welche Einflüsse sie auf die Mediennutzer ausüben.198 Ausgehend von den bisherigen Ausführungen sollen in diesem Abschnitt die podcastspezifischen Merkmale abschließend zusammengefasst werden. Die vorangegangenen Abschnitte haben gezeigt, dass Podcasting insgesamt ein sehr vielschichtiges Phänomen ist. Die dem Medium spezifischen Eigenschaften eindeutig zu benennen, ist angesichts der Heterogenität der Kriterien wie Akteur- Innen, Produktionskontext, Anwendungszweck, Formaten, Themen, Nutzungsweise usw. nicht ganz einfach. Einerseits ließe sich nun genau diese Offenheit als ein wesentliches Charakteristikum anführen. Andererseits haben sich im Zuge der bisherigen Ausführungen einige zentrale Merkmale herauskristallisiert, die zwar einer strengen Begriffsdefinition (im Sinne der notwendigen und zusammen genommen hinreichenden Bedingungen) nicht unbedingt genügen, aber anhand derer sich das Medium Podcast in seinen grundlegenden Charakteristiken fassen und beschreiben lässt. Podcasts zeichnen sich als ein persönliches und horizontales Medium aus: Die ModeratorInnen treten weitestgehend authentisch mit ihren persönlichen Meinungen und Haltungen auf. Das gilt für privat und unabhängig produzierte Podcasts natürlich in stärkerem Maße als für institutionell eingebundene, aber auch hier bemühen sich die diversen AkteurInnen überwiegend um einen persönlichen 197 Schmidt/Zurstiege 2007, 68. 198 Ebd., 64. 69 Ton. Betrachtet man symmetrische und asymmetrische Kommunikation als Endpunkte einer Skala, dann bewegt sich Podcasting deutlich stärker in Richtung einer symmetrischen Kommunikation. Das zeigt sich gerade im natürlichen Gespräch als überwiegend bemühte Kommunikationsform. Solche Gesprächs-Formate sind nicht ‚durchproduziert‘, sie nehmen sich Zeit, lassen Raum für (Denk-)Pausen, spontane Einfälle, inhaltliche Abzweigungen, freie Gesprächsentfaltung usw. D.h., sie lassen die RezipientInnen teilhaben am kommunikativen Prozess und setzen ihnen kein vorweg fertig komponiertes Produkt vor. Podcasting ist in diesem Sinne als ein langsames Medium zu charakterisieren. Das gilt für Podcasts schon qua Audio-Medium, insofern die akustische Informationsaufnahme per se langsamer vonstattengeht als das Lesen oder Überfliegen eines Textes. Aber der Effekt verstärkt sich durch die für das Medium typischen langen, zum Teil mehrstündigen Episoden. Damit laufen Podcasts dem Medientrend zu kurzen, schnell zu konsumierenden Inhalten deutlich entgegen und setzen vielmehr auf Entschleunigung. Die genannten Aspekte zeichnen Podcasts zusammen mit der typischen Rezeption der Inhalte im Schutzraum der Kopfhörer als intimes bzw. hyperintimes Medium aus. Durch eine solche horizontale und intime Kommunikation wird die interaktive Komponente von Podcasting, als weiteres Charakteristikum, maßgeblich begünstigt. ProduzentInnen stellen vielfältige Rückkanäle zur Anschlusskommunikation bereit, die von den HörerInnen aktiv genutzt werden, gerade weil die sozialen wie auch technischen Hürden so niedrig sind. Eine klare Trennung zwischen ProduzentInnen und RezipientInnen verschwimmt damit in Teilen. In einer etwas enger geführten Perspektive auf die Ursprünge des Mediums bzw. auf die von privaten Einzelpersonen unabhängig produzierten Medieninhalte lässt sich Podcasting des Weiteren als emanzipatorisches und partizipatives Graswurzelmedium kennzeichnen. Im Sinne einer „doppelten Ermächtigung“199 können NutzerInnen ihre Inhalte, Meinungen und Themen in die Öffentlichkeit tragen und am medialen Diskurs teilhaben. Den RezipientInnen wird es wiederum ermöglicht, Podcastinhalte zeit- und ortssouverän zu nutzen. Sie entscheiden selbstbestimmt darüber, welche Inhalte sie wo und wann konsumieren möchten. Podcasting erweist sich in der Nutzungsweise dabei vor allem als ein mobiles Medium. Die grundlegenden Voraussetzungen dafür stellen hierbei Computertechniken und das Internet. Podcasting mit seinen spezifischen Eigenschaften kann nur gegeben dieser technischen Infrastruktur und den damit verknüpften Nutzungsweisen bestehen. Die genannten Aspekte (Interaktivität, Partizipation, Mobilität, Souveränität usw.) sind nicht exklusiv auf das Medium Podcast zu beziehen. Zum einen reiht es sich neben anderen Anwendungsformen im Netz ein, denen diese 199 Vgl. Dorn-Fellermann/Thieme 2011. 70 Charakteristiken gleichermaßen zukommen. Zum anderen lassen sich diese Merkmale auf einer übergeordneten Ebene auch für das Internet im Allgemeinen formulieren. Im Vergleich zu anderen (analogen) Medien wird immer wieder auf dessen „Vielgestaltigkeit und Heterogenität hinsichtlich der verwendeten Zeichensysteme, der beteiligten Kommunikationspartner, der kommunikativen Formen und Funktionen, aber auch der institutionellen und organisatorischen Aspekte“200 abgehoben. Konzeptionell wurde und wird das Internet als hybrides, multimediales, konvergentes, integratives bzw. als Universal- oder Hypermedium gefasst. Die einzelnen Begriffe sind grundsätzlich nicht synonym zu setzen (sie heben im Detail vielmehr auf je verschiedene Aspekte ab und eignen sich mehr oder wenige gut für eine Beschreibung und Analyse), haben aber einen gemeinsamen Kerngedanken: Das Internet stellt durch seine technischen Grundbedingungen einen Raum bereit, in dem verschiedene Medien, Kommunikationsformen und Funktionen, die vormals weitestgehend getrennt voneinander waren, zusammenkommen. Die zentrale technologische Grundlage dafür liefert die Digitalisierung der Informationen bzw. Inhalte, d.h. deren Überführung in ein einheitliches, universales für Computer lesbares und weiter zu verarbeitendes Format, das sich als binärer Code darstellt. Die Umwandlung oder Herstellung diverser Zeichensysteme – Schrift, Bild, Ton usw. – in digitalisierte Daten ermöglicht es, diese in vielfältiger Weise miteinander zu kombinieren. Neben der Kombinatorik verschiedener Zeichensysteme laufen im Internet zudem die verschiedenen Kommunikationsmodi – „interpersonale und publizistische, private, organisationsinterne und öffentliche Kommunikation“201 – zusammen, womit gleichfalls unterschiedliche Funktionen bedient werden: das Internet als Plattform zum Beziehen von Informationen, als Forum für öffentliche Diskussionen oder als Medium der interpersonalen Kommunikation.202 Es geht bei all dem nicht allein um das additive Bündeln oder Zusammenführen verschiedener semiotischer Inhalte, Kommunikationsmodi oder Funktionen, sondern vor allem um deren vielschichtige Vernetzung und Integration. Die eigentlichen Medienbrüche oder Differenzierungen werden in der alltäglichen Online-Anwendung in aller Regel kaum mehr wahrgenommen. Die charakteristischen Eigenschaften von Podcasts als interaktives, horizontales oder konvergentes Medium erklären und bedingen sich also durch die Merkmale der internetbasierten Kommunikationsumgebung, deren Teil Podcasting ist. Podcasts sind damit als netzkulturelles Phänomen bzw. als Netzmedium zu verstehen.203 Diese These soll im folgenden Kapitel näher ausgeführt werden. 200 Beck 2010, 17. 201 Ebd., 15. 202 Vgl. ebd., 22. 203 Eine These, die auch von der Medienwissenschaftlerin Nele Heise vertreten wird, vgl. Heise (2015).

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References

Zusammenfassung

Das Medium Podcast hat im Laufe der letzten Jahre einen erneuten Aufschwung erlebt und seinen Weg breitenwirksam in die mediale Öffentlichkeit gefunden. Die vorliegende Studie befasst sich mit dem in der Forschung bislang kaum behandelten Gegenstand der Politik-Podcasts und bewegt sich damit an der Schnittstelle von Medien- und Politikwissenschaft. Vor dem Hintergrund öffentlichkeitstheoretischer Ansätze werden Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation verstanden und diskutiert. Wie werden politische Inhalte im Medium Podcast präsentiert und verhandelt und wie wird dadurch politische Öffentlichkeit hergestellt? Dabei wird die These vertreten, dass Podcasts als Netzmedium und nicht allein als auditives Angebot zu konzeptualisieren, sprich im Kontext einer internetbasierten Medienumgebung zu verorten sind. Im Zuge eines genetisch-historischen Zugriffs wird der strukturelle Wandel des Mediums von seinen Anfängen als Amateur- und Nischenmedium hin zu seinem gegenwärtigen Status als kommerzielles Massenmedium nachvollzogen. Die Studie gibt außerdem einen systematischen Überblick zum politischen Podcast-Angebot in Deutschland, aus dem der Podcast Lage der Nation – der Politik-Podcast aus Berlin für eine konkrete empirische Analyse herausgegriffen wird.