4. Politik-Podcasts in Deutschland – ein Überblick in:

Katharina Lührmann

Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation, page 37 - 48

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4324-0, ISBN online: 978-3-8288-7271-4, https://doi.org/10.5771/9783828872714-37

Series: Literatur und Medien, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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37 4. Politik-Podcasts in Deutschland – ein Überblick Das Podcast-Angebot in Deutschland zeichnet sich im Ganzen durch eine breite Vielfalt und Heterogenität hinsichtlich der AkteurInnen, Themen, Formate und Produktionsarten sowie der Funktionen oder Einsatzzwecke aus. Diese Vielschichtigkeit bildet sich auch im Kleinen mit Fokus auf das Genre der Politik- Podcasts ab. Dieses Kapitel soll einen Überblick über die politische Podcast-Landschaft geben, wobei kein Anspruch auf eine erschöpfende Auflistung oder Systematisierung des gesamten Angebots erhoben wird. Für eine solche Darstellung ist in einem ersten Schritt zunächst zu klären, welche Podcasts überhaupt unter den Begriff der Politik-Podcasts fallen bzw. anhand welcher Kriterien sie als solche auszumachen sind. Damit ist die Frage nach der Abgrenzung politischer von nicht-politischer Kommunikation berührt, die „sowohl an den Kommunikatoren und ihren Absichten, den Kommunikationsinhalten als auch der Nutzung und Wirkung bei den Rezipienten festgemacht werden [kann]“.118 Mit Blick auf die KommunikatorInnen stehen üblicherweise die traditionellen im politischen System eingebundenen AkteurInnen – also Parteien, PolitikerInnen oder diverse Organisationen – im Fokus. Die Kommunikationsinhalte richten sich entsprechend im Wesentlichen an aktuellen Themen des internen Politikbetriebs aus. Podcasting, das hat das vorangegangene Kapitel gezeigt, bringt nun eine andere Akteursgruppe, nämlich die der privat agierenden Einzelpersonen, mit auf die Bühne der politischen Kommunikation. So verschieden die Individuen und deren Ambitionen und Absichten sind, so heterogen sind auch die Themeninhalte. Podcast als Nischenmedium umfasst eine immens große Bandbreite an Themen wie Medien, Feminismus, soziale Gerechtigkeit, Sport, Nachhaltigkeit, Wissenschaft usw., die mitunter auch unter politischen Gesichtspunkten verhandelt werden – ohne dass es sich per se um eine als ‚Politik-Podcast‘ gelabelte Produktion handelt. Welche Inhalte überhaupt als politisch angesehen werden, hängt maßgeblich vom Politikbegriff ab. „Im Gegensatz zu einem engen Politikbegriff sieht ein weiter Politikbegriff keinen gesellschaftlichen Bereich von vornherein als unpolitisch an […], denn das Zusammenleben von Menschen und jede Verbindung zwischen ihnen gilt als potentiell politisch.“119 In diesem Sinne wäre das Angebot politischer Podcasts immens groß, da die in Privatproduktionen besprochenen Inhalte – Lebensweisen, Erfahrungen und Erlebnisse im beruflichen und sozialen Umfeld usw. – immer auch von politischen Themen bzw. politischen Gesetzgebungen und Entscheidungen berührt sind.120 118 Donges/Jarren 2017, 6. 119 Drüeke 2013, 24. 120 Hierbei könnte es ein interessantes Unterfangen sein, einen Überblick über die Politikfelder, die sich in der deutschen Podcastlandschaft abbilden, herauszuarbeiten. 38 Der hier erfolgende Überblick legt ein etwas engeres Verständnis von politischer Kommunikation zugrunde und fokussiert auf Podcasts, die sich selbst in mehr oder weniger expliziter Weise als politische Podcasts verstehen bzw. als solche gekennzeichnet sind. Die Systematisierung soll im Folgenden in Anlehnung an zwei Modelle erfolgen, anhand derer sich das Angebot nach Akteurstypen ausdifferenzieren lässt. Der Podcast-Typologie von Niemann zufolge gilt „derjenige Akteur als Bezugsgröße […], der den Podcast inhaltlich verantwortet“.121 Er unterscheidet zwischen zwei Akteurstypen: der Natürlichen und Juristischen Person, die sich jeweils noch in weitere Subtypen aufgliedern. Die Kategorie der Natürlichen Person unterteilt Niemann in die Subkategorien Profi und Amateur, die sich durch den „Grad der kommerziellen Intention der jeweiligen natürlichen Person(en) hinsichtlich des eigenen Podcasts“122 voneinander unterscheiden. Profis haben ein kommerzielles Interesse, Amateure verfolgen ein solches wiederum nicht. Diese beiden Subkategorien werden jeweils noch einmal anhand des Kriteriums der Qualifikation unterschieden: „Eine Person soll dann als qualifiziert angesehen werden, wenn sie entweder eine wie auch immer geartete journalistische bzw. PR-Ausbildung absolviert hat (Studium, Volontariat, etc.) oder über erwähnenswerte Praxiserfahrung im Bereich Journalismus oder PR verfügt.“123 In der Ausdifferenzierung der Kategorie Juristische Personen beschränkt sich Niemann auf die für sein Forschungsinteresse relevanten Bereiche: privatwirtschaftliches Unternehmen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Kirche und politische Institution.124 Allerdings ließe sich grundsätzlich „jeder denkbare Typus einer juristischen Person als Subkategorie dieser Kategorie bilden […]“.125 In Anlehnung an Niemanns Modell nehmen Esther Dorn-Fellermann und Alexander Thieme (2011) eine kategorielle Unterteilung in Private und Institutionelle Podcasts vor, bei der das Modell um eine funktionale Differenzierungsebene ergänzt wird. Private Podcasts, als „[v]on Privatpersonen zuhause am eigenen Rechner produzierte Audiodateien“126, erfüllen vorrangig eine Artikulationsfunktion (das in die Öffentlichkeit Tragen der eigenen Meinung) oder die Funktion eines Nischen- und Alternativmediums (die Thematisierung von im Mainstream vernachlässigten Themen). Institutionelle Podcasts, die eben nicht von Privatpersonen, sondern von Institutionen verantwortet werden, unterscheiden sich von erster Kategorie durch eine anders gelagerte Funktionsbestimmung: „Im Vordergrund stehen bei den institutionellen 121 Niemann 2007, 23. 122 Ebd. 123 Ebd., 24. 124 Vgl. Ebd., 26. 125 Ebd. 126 Dorn-Fellermann/Thieme 2011 253. 39 Podcastern – insbesondere bei jenen des klassischen Rundfunkbetriebs – das Erreichen anderer Zielgruppen über neue Ausspielwege sowie die Archivfunktion des Podcasts.“127 Im Folgenden soll die begriffliche Differenzierung zwischen privaten und institutionellen Podcasts in Anlehnung an Dorn-Fellermann/Thieme übernommen werden. Auf Seiten der Privaten Podcasts wird in Anlehnung an Niemann zwischen qualifizierten und nicht qualifizierten AkteurInnen (Grad der Medienerfahrung) unterschieden. In der Ausdifferenzierung der institutionellen Podcasts interessieren hier insbesondere drei Bereiche: Parteien und PolitikerInnen, etablierte Medienunternehmen (Verlage, öffentlich-rechtlicher Rundfunk) sowie politische bzw. zivilgesellschaftliche Organisationen (Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen usw.). Die beiden Akteurstypen sollen abschließend auf der funktionalen Ebene vergleichend nebeneinandergestellt werden. 4.1 Institutionelle Podcasts Mit Blick auf die Parteien und PolitikerInnen wird relativ schnell ersichtlich, dass das Medium Podcast zu keinem bevorzugten Kommunikationskanal avanciert ist. Neue Medien werden insbesondere zum Zeitpunkt von Wahlkämpfen, die „[s]eit Mitte der 1990er Jahre […] als Modernisierungsmotor politischer Kommunikation in neuen Medien [fungieren]“128, von politischen AkteurInnen für ihre Zwecke entdeckt. So auch im Wahljahr 2005, also in der unmittelbaren Entstehungszeit und im Zuge des ersten Podcast-Hypes. Für das Jahr 2005 setzten in der Zeit zwischen der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai und den vorgezogenen Neuwahlen des Bundestages am 18. September vor allem Weblogs und vereinzelt auch Podcasts die technologie-getriebenen Akzente bei der Gestaltung der Wahlkampfkommunikation.129 Den Anfang machte die Junge Union Hessen mit JUcast. Auf Seiten der Politiker haben sich Volker Kauder (iKauder) und Helge Braun (iBraun) Podcasts als Medium der Wahlkampfkommunikation zu Nutze gemacht.130 Diese Angebote konnten sich jedoch nicht verfestigen und sind nach kurzer Zeit klanglos wieder verschwunden. Im Juni 2006 ist die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem wöchentlichen und bis heute bestehenden Podcast Die Kanzlerin direkt online gegangen, bei dem es sich aber um einen Video-Podcast handelt, der im Grunde wenig mit den Charakteristiken von Podcasting gemein hat. Mit Blick auf die jüngste Bundestagswahl 2017 haben sich die Freien Demokraten den erneuten 127 Ebd. 128 Bieber 2006, 60. 129 Ebd. 130 Vgl. Meyer/Bieber 2005. 40 Aufschwung des Mediums versucht zu eigen zu machen. Mit ihrem ‚Podcast‘ #FDPod haben sie allerdings ein Paradebeispiel für mangelndes Medienverständnis bewiesen. Das Konzept erschöpft sich darin, dass das Parteiprogramm von wechselnden KandidatInnen der Liberalen Wort für Wort vorgelesen wird. Das Konzept mag unter dem Aspekt der Barrierefreiheit auf den ersten Blick noch positiv gewertet werden (allerdings hat dafür bereits der Digitalverband bitkom mit dem Podcast Politik auf die Ohren vorgesorgt, in dem die Wahlprogramme aller Parteien eingesprochen werden), unterwandert diesen vermeintlichen Beitrag jedoch gleich wieder, indem die bis zu 25 Minuten langen Episoden durchgängig mit derselben, wenig eingängigen Musik (in Dauerschleife) unterlegt sind. Bei einer tiefergehenden Recherche lassen sich noch vereinzelt Podcasts von PolitikerInnen finden. Zum Beispiel vom ehemaligen Piraten- und späteren SPD- Politiker Christopher Lauer, der seit 2012 in Lauer informiert mehr oder weniger regelmäßig (zwischen 2014 und 2016 mit einer zweijährigen Pause) über seine politische Arbeit spricht. Seit Anfang 2018, etwa zeitgleich mit Bekanntmachungen der Beendigung seiner politischen Karriere,131 diskutiert er nun regelmäßig zusammen mit dem Rechtsanwalt Dr. Ulrich Wehner über aktuelle politische Themen. Ein anderes Beispiel ist der Mitte 2016 initiierte Podcast Politik trifft Leben (später unter dem Titel Mitten im Leben) rund um das Thema Alten- und Pflegepolitik von Elisabeth Scharfenberg, die zu diesem Zeitpunkt Sprecherin für Pflege -und Altenpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen war. Grundsätzlich erweisen sich Podcasts jedoch als ein wenig frequentiertes Medium von PolitikerInnen oder Parteien. Visuelle Kanäle, insbesondere die meist genutzten Social Media Plattformen wie Facebook, Instagram, YouTube oder Twitter, werden deutlich bevorzugt. Damit wird tendenziell eine verknappte Form der Kommunikation bemüht, worin ein erster Grund liegen könnte, warum sich Podcasting bisher nicht durchsetzen konnte: Eine visuell-bildliche Inszenierung auf Instagram ist im Zweifel schneller und wirkungsvoller zu realisieren als ein auf Länge, Gespräch und Inhalt setzendes Format wie Podcast. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat zur Bundestagswahl 2017 den Podcast Wahlkabine herausgebracht, in dem der Moderator Martin Fuchs mit Politik- und MedienwissenschaftlerInnen in sieben Folgen über Themen rund um Wahlen im Allgemeinen und über die aktuelle Bundestagswahl im Konkreten spricht. Zu Wort kommen die PolitikwissenschaftlerInnen Thorsten Faas, Karl- Rudolf Korte, Christoph Bieber, Stefan Marschall und Evelyn Bytzek sowie die MedienwissenschaftlerInnen Jasmin Siri und Jan-Hinrik Schmidt. 2017 haben eine ganze Reihe etablierter Medienunternehmen – Verlage wie auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk – das Medium Podcast für sich entdeckt und eigene Produktionen zu unterschiedlichen Themen herausgebracht, u.a. im 131 Vgl. Lauer 2018. 41 Themenbereich Politik. Auf Seiten der Verlage ist Spiegel Online einer der ersten, der im März 2017 in Begleitung eines großen Medienechos den Podcast Stimmenfang – der Politik-Podcast veröffentlicht hat. Der von den Spiegel Online Redakteurinnen Yasemin Yüksel und Sandra Sperber moderierte Podcast steht zu Beginn explizit im Kontext des ‚Superwahljahres 2017‘ und soll ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl die Geschehnisse und Stimmungen im Land bis zur Wahl im Rahmen dieses wöchentlich erscheinenden Formats begleiten. Der Podcast wurde auch nach der Wahl mit einem erweiterten Themenspektrum weitergeführt. Die durchschnittlich 30-minütigen Episoden sind aufwendig und professionell produziert und erinnern stilistisch an ein klassisches Radio-Feature. Ein wiederkehrendes Format, das sich im Podcast-Angebot der Verlage findet, ist das eines werktäglichen Nachrichtenpodcasts. Vorreiter ist hier die Rheinische Post mit dem Aufwacher-Podcast, der bereits Ende 2016 an den Start ging und seitdem täglich morgens um 7 Uhr die wichtigsten Themen des Tages mit regionalem Bezug zusammenfasst. Zudem veröffentlichen Zeit Online (Was jetzt?) und die Süddeutsche Zeitung (Auf den Punkt) einen eigenen Nachrichtenpodcast. Die Produktionen ähneln sich hinsichtlich Episodenlänge (10-15 Minuten), Veröffentlichungsfrequenz (täglich) und Machart. Die wichtigsten Themen des Tages werden kurz zusammengefasst, wobei ein bis zwei Themen herausgegriffen und in Gesprächen mit KollegInnen des jeweiligen Medienhauses ausführlicher besprochen werden. Der Rheinische Post Aufwacher hebt sich im Vergleich etwas ab, da hier im Unterschied zu den wechselnden ModeratorInnen bei der Süddeutschen Zeitung und Zeit Online ein fester Moderator, Daniel Fiene, dem Podcast eine vertraute Stimme verleiht. Der Aufwacher ist bis auf eine podcasttypisch lockere Sprechweise kaum von den morgendlichen Lokalnachrichten im Radio zu unterscheiden, wohingegen bei Was jetzt? und Auf den Punkt der Wechsel von text- und schreiberfahrenen AutorInnenen zur auditiven Berichterstattung hörbar ist. Neben dem Nachrichtenformat führen die Süddeutsche Zeitung und Zeit Online beide jeweils noch einen weiteren Podcast mit politisch-gesellschaftlicher Themensetzung. Die Süddeutsche Zeitung nahm ihre groß angelegte Recherche zu den Paradise Papers als Startpunkt für Das Thema, einen 30-minütigen Podcast, der einmal wöchentlich erscheint. Das Konzept sieht vor, dass ein wöchentlicher Themenschwerpunkt der Süddeutschen herausgegriffen und von der Moderatorin Laura Terberl zusammen mit den jeweils verantwortlichen SZ- AutorInnen diskutiert wird. Dabei sollen vor allem die Hintergründe zur jeweiligen Recherche beleuchtet werden. Zeit Online hat sich mit ihrem transalpinen Politikpodcast Servus. Grüezi. Hallo. für eine weniger aufwendige Produktionsart entschieden. In einem für Podcasts typischen Gesprächsformat spricht der Zeit Online-Redakteur Lenz Jacobsen mit den beiden Zeit-Korrespondenten aus Wien und Zürich Florian Grasser und Matthias Daum im wöchentlichen 42 Rhythmus über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse und Zustände in der Schweiz, in Österreich und Deutschland. Das Gespräch folgt zwar einem klaren und stetigen Aufbau – zwei Themenblöcke und zwei Kategorien (‚Diese SchweizerIn respektive ÖsterreicherIn sollten sie kennen‘ und ‚Die spinnen die SchweizerInnen respektive ÖsterreicherInnen‘) – ist dabei aber angenehm offen und frei in der Gesprächsführung. Auf der konzeptionell-inhaltlichen Ebene stellt Servus. Grüezi. Hallo. mit der Idee, die politischen Themen in Deutschland mit Blick auf die deutschsprachigen Nachbarländer zu beleuchten, bislang einen der originellsten Podcasts im Angebot der Verlage dar. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verfügt in einer Hinsicht über ein sehr großes Angebot an politischen Podcasts, wenn die Zweitausspielungen der üblichen politischen On Air-Sendeformate mit in den Blick genommen werden. Da sich der Sinn von Podcasting hierbei aber in der technischen Verwendung als zusätzlicher Distributionskanal erschöpft, sollen diese Angebote an dieser Stelle au- ßen vor bleiben. Bei den Produktionen, die über die Zweitverwertung hinausgehen, lichtet sich das Feld recht schnell. Drei ‚Podcast only‘-Formate des öffentlichrechtlichen Rundfunks heben sich diesbezüglich hervor, von denen zwei vom Deutschlandfunk verantwortet werden. Der erste, unter dem pragmatischen Titel Der Politikpodcast, ging im Juni 2017, wenige Monate vor der Bundestagswahl an den Start. In einem relativ unregelmäßigen Veröffentlichungsrhythmus diskutieren wechselnde KorrespondentInnen des Deutschlandradios im Berliner Hauptstadtstudio die aktuellen politischen Geschehnisse im Bundestag. Über die inhaltliche Auseinandersetzung hinaus ist es Idee und Ziel des Podcasts, Einblicke hinter die Kulissen zu geben: „Was diskutieren Korrespondenten untereinander über Politik? Wie arbeiten sie eigentlich? Der Politikpodcast aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandfunks schildert Eindrücke, Einschätzungen und Erlebnisse der Korrespondenten.“132 Die ZuhörerInnen werden sozusagen mit an den Konferenztisch geholt und wohnen den internen Diskussionen bei, die praktischerweise „meist in einem Studio stattfinden, bei dem man eigentlich nur noch die Regler hochziehen müsste“.133 Wie authentisch die Gesprächsausschnitte tatsächlich sind, an denen sie die Öffentlichkeit teilhaben lassen, ist von außen schwer einzuschätzen, sie wirken in jedem Fall nicht eigens inszeniert. Das Format kennzeichnet sich durch eine hohe Informationsdichte, Sachkompetenz und kontroverse Diskussionen, bei denen die Tonlage zumeist professionell-seriös bleibt, aber auch Raum für etwas lockere Zwischentöne lässt. Inhaltlich sind die in der Regel 20- 25-minütigen Episoden, die auch mal 45 Minuten andauern können, recht voraussetzungsreich. 132 Steiner 2017. 133 Ebd. 43 Im September 2017, also wenige Monate nach Erscheinen des Politikpodcast, ist mit Deutschlandfunk Der Tag zudem ein täglich erscheinender Nachrichtenpodcast an den Start gegangen, der von den vier ModeratorInnen Ann-Kathrin Büüsker, Dirk-Oliver Heckmann, Philipp May und Sarah Zerback im Wechsel präsentiert wird. In den durchschnittlich 20-minütigen Episoden werden in der Regel zwei tagesaktuelle Themen aufgegriffen und tiefergehend diskutiert und eingeordnet. „‚Was heißt das?‘ und ‚Warum passiert das?‘ sind die Leitlinien unseres neuen Podcasts ‚Der Tag‘.“134 Die ModeratorInnen suchen dabei das Gespräch vor allem mit RedakteurInnen und KorrespondentInnen vom Deutschlandfunk oder anderen Medienhäusern, die mit dem jeweils besprochenen Thema besonders vertraut sind. Der Charakter der Gespräche ist je nach ModeratorIn und Thema verschieden: Es ähnelt häufig einem klassischen Interview-Format, bei dem der Moderator oder die Moderatorin die Rolle des oder der Fragestellenden einnimmt. Die Gespräche können aber auch vielmehr konfrontativ ablaufen, bei denen die ModeratorInnen mit einer klaren These ins Gespräch gehen. Insgesamt lässt ihnen das Format viel Frei- und Spielraum, um – und so ist es explizit angelegt – ihre je eigene Persönlichkeit und Themensetzung einbringen zu können. Damit heben sie sich bewusst vom üblichen Sendeprogramm und Ton des Deutschlandfunks ab.135 Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber wird in der Pressemitteilung zum Start des Podcasts mit den folgenden Worten zitiert: Das neue Podcast-Angebot ‚Der Tag‘ bringt die Informationskompetenz von Deutschlandfunk an eine mobilere Zielgruppe. ‚Der Tag‘ präsentiert die wichtigsten Themen des Tages persönlicher, hintergründiger und unkonventioneller als ein klassisches Nachrichtenformat und transportiert die Stärken von Deutschlandfunk in die digitale Welt.136 Einen gänzlich anderen Weg schlägt das Radioprogramm des Rundfunk Berlin- Brandenburg (RBB) radioeins mit dem Podcast Politricks ein. Der seit Februar diesen Jahres monatlich erscheinende Podcast wird von Pierre Baigorry – besser bekannt unter seinem Musikernamen Peter Fox – produziert und moderiert. In den einstündigen Episoden führt Baigorry Interviews mit ExpertInnen zu Themen, die ihn selbst umtreiben. In den bislang erschienenen Folgen ging es um gerechte Steuerpolitik, Nachhaltigkeit und grünes Wachstum. Radioeins setzt also 134 Büüsker 2017. 135 Zwei interessante Folgen, die aus dem üblichen Schema herausfallen, sind z.B. die Episode vom 25.09.2018 ‚Ein Jahr „Der Tag“ – Wie eine Podcast-Episode entsteht‘, in der Deutschlandfunk-Redakteur Sandro Schroeder der Der Tag-Moderatorin Ann-Kathrin Büüsker bei ihrem Tages- und Arbeitsablauf über die Schulter schaut. Sowie die Folge vom 03.09.2018 ‚Der Tag – Wir müssen reden‘, in der Ann-Kathrin Büüsker und Philipp May in Reaktion auf das zahlreiche und kontroverse Feedback der Hörerschaft über eine der vorangegangenen Episoden reflektieren, in der Herr Müller von Pegida interviewt wurde. 136 O.V. (2017): Pressemitteilung: Deutschlandfunk startet neuen Podcast „Der Tag“. 44 bewusst auf eine journalistisch und im politischen Betrieb unerfahrene Person, die dafür einer breiten Zuhörerschaft bekannt sein dürfte, und macht diese vermeintliche Bürgernähe bzw. das suggerierte Verhältnis zwischen Moderator und HörerInnen auf Augenhöhe zum Aushängeschild: „Das ist gerade der Trick dieses neuen einstündigen Podcasts: ‚Ich stelle normale Fragen, die viele von Euch auch haben. Oder manche von Euch vielleicht auch nicht, weil die Zeit fehlt, sich um solche Sachen zu kümmern.‘“137 Als Subkategorie institutioneller Podcasts sind abschließend noch politische oder zivilgesellschaftliche Organisationen, Stiftungen, Vereine, Verbände, NGOs o.ä. zu nennen, deren Arbeit eine klar politische Ausrichtung hat. Die der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung führt zum Beispiel unter einer ganzen Reihe von Podcasts eine internationale, geschlechterpolitische Podcast-Reihe (Our Voices, our Choices) über Frauen- und LGBTI-Menschenrechte sowie einen Gesprächs-Podcast mit dem Schwerpunkt Europapolitik (fokus europa). Es finden sich zudem Podcasts im Medienangebot bekannter NGOs wie Amnesty International (Amnesty Journal Podcast) oder Greenpeace (Greenpeace Greencast), mit denen sie ihre Arbeit und Aktionen vorstellen und begleiten. 4.2 Private Podcasts Bei JournalistInnen hat sich Podcasting als probate Möglichkeit erwiesen, unabhängig von den vorgegebenen Strukturen der Medienhäuser ihre Meinungen und Inhalte über diesen zusätzlichen Kommunikationskanal in die Öffentlichkeit zu tragen. Oder sich – wie z.B. im Fall der Gründung der Podcast-Label Viertausendhertz oder hauseins – ein neues Standbein und ganz eigene Strukturen zu schaffen. Vier populäre Beispiele mit einer explizit politischen Themensetzung sind der Podcast Lage der Nation von Philip Banse und Ulf Buermeyer, der in den folgenden beiden Kapiteln noch ausführlich besprochen wird; der Aufwachen- Podcast von Tilo Jung und Stefan Schulz; das Logbuch:Netzpolitik von Tim Pritlove und Linus Neumann; und schließlich der Schulzcast von Christian Schiffer und Christian Alt. Bei allen genannten Beispielen sind entweder alle Beteiligten oder zumindest einer der Moderatoren als Journalist, einige davon als Hörfunkjournalist, tätig. Die Art und Weise, in der sie den Kommunikationskanal für sich nutzen und gestalten, ist dabei jeweils recht verschieden. Mit Blick auf die thematische Schwerpunktsetzung legt der von den genannten Beispielen seit 2011 am längsten bestehende Podcast Logbuch:Netzpolitik, wie der Name schon verrät, seinen Fokus auf netzpolitische Themen. Lage der Nation (seit 2016) wie auch Aufwachen (seit 2015) besprechen und kommentieren ausgehend von der Nachrichtenlage in den etablierten Medien das breite tagesaktuelle Politikgeschehen im In- und Ausland. Aufwachen legt dabei im stärkeren Maße einen 137 O.V.: Politricks. Mit Pieree Baigorry (Peter Fox). 45 medienkritischen Schwerpunkt, d.h., sie kommentieren insbesondere die Art und Weise, in der in den Nachrichten das politische Geschehen dargestellt wird. Der im Kontext des Wahljahrs 2017 entstandene Schulzcast befasst sich allein mit Martin Schulz und dem Wahlkampf der SPD und wurde nach der Bundestagswahl nach neun Folgen eingestellt. Alle genannten Angebote lassen sich per se als Talk-Formate beschreiben, in denen die Moderatoren persönlicher, freier und meinungsstärker auftreten als sie das üblicherweise in den klassischen Publikationsformaten tun. Die Art und Weise der Gesprächsführung, die Tonlage usw. sind der jeweiligen Persönlichkeit entsprechend sehr verschieden. Mit Blick auf die von hörfunkerfahrenen Personen gegründeten Podcast-Label Viertausendhertz und hauseins lassen sich auch hier Formate mit politischer Ausrichtung finden. In dem bei hauseins publizierten Podcast Wochendämmerung, moderiert von der hauseins-Gründerin Katrin Rönicke und dem langjährigen Rundfunkmoderator und Podcaster Holger Klein, werden einmal wöchentlich die aktuellen politischen Ereignisse der Woche im Rückblick zusammengetragen und durch persönliche Einschätzungen und Analysen kommentiert. Viertausendhertz produziert keinen eigenständigen Politik-Podcast, aber in ihren zwei Interview- Podcasts Elementarfragen, moderiert von Nicolas Semak, und Durch die Gegend, moderiert von Christian Möller, kommen immer wieder auch PolitikerInnen zu Wort, darunter Julia Reda,138 Claudia Roth, Christopher Lauer, Marina Weisband, Volker Beck, Gregor Gysi und Robert Habeck. Das Medium erweist sich hier durchaus als Format, das PolitikerInnen einen anderen, allein schon durch die Länge ungewohnten Gesprächsrahmen steckt, der darauf abzielt, einen persönlichen Zugang zur Person zu erhalten.139 Wie schwierig es dennoch sein kann, einen medienerfahrenen Berufspolitiker in einem Podcast zu interviewen, zeigt exemplarisch und sehr anschaulich die Durch die Gegend-Folge mit Gregor Gysi, in der der Moderator am Ende der Episode das mehr oder weniger geglückte Interview im Gespräch mit seinen Kollegen noch einmal reflektiert.140 Politik-Podcasts von nicht qualifizierten AkteurInnen, also von Einzelpersonen ohne explizite Berufserfahrung im Bereich Medien bzw. (Hörfunk-)Journalismus werden zu einem Großteil von Personen mit einer politischen Qualifizierung produziert. Die ModeratorInnen und ProduzentInnen Vincent Venus 138 Beim Interview mit Julia Reda wird im Gesprächseinstieg interessanterweise genau die Frage thematisiert, inwiefern BerufspolitikerInnen überhaupt geeignete GesprächspartnerInnen in einem solchen Format sind. Dem Eindruck des Moderators Nicolas Semak nach stünde die Loyalität gegenüber der Partei einem offenen Gespräch oftmals im Wege. Vgl. Semak 19.06.2017, [00:01:37-00:04:05]. 139 Ein gutes Beispiel hierfür ist das Interview, das Matze Hielscher mit Heiko Maas in seinem Interview-Podcast Hotel Matze führt. Am Ende des Gesprächs merkt Maas an, dass das das längste Interview seiner Amtszeit gewesen sei und er „selten mal so entspannt und grundlegend auch über ein paar Dinge reden“ konnte. Vgl. Hielscher 16.08.2017 [1:11:09-1:11:40]. 140 Vgl. Möller 11.07.2018. 46 und Tanja Hille von Y Politik, Gregor Schwung von 6 Minuten Politik und Jenny Günther von Einmischen! Politik Podcast haben alle ein politikwissenschaftliches Studium absolviert bzw. waren oder sind in der politischen Arbeit aktiv. Der Podcast Y Politik verhandelt seit November 2017 alle zwei Wochen politisch und gesellschaftlich relevante Fragen und Themen abseits der Tagespolitik, z.B. zum politischen Einfluss von Serien und Hörspielen, den Ausbeutungsmechanismen der On-Demand-Economy oder zum politischen Framing. Die 50-minütigen Folgen sind gut recherchiert und aufwendig aufbereitet: Nach einer kurzen Einführung nehmen die beiden ModeratorInnen eine jeweils unterschiedliche Perspektive ein, unter der sie das Thema diskutieren. Jede Folge endet mit eine ‚Zugabe‘, in der den HörerInnen zum jeweiligen Thema praktische Tipps, Buchempfehlungen oder ähnliches mit auf den Weg gegeben werden. Der Politikwissenschaftsstudent Gregor Schwung betreibt mit seinem Podcast 6 Minuten Politik ein für das Medium untypisch kurzes Format. Seit April 2017 bricht er jede Woche ein aktuelles Thema auf sechs Minuten herunter. In einem ausformulierten und gut zu verfolgenden Monolog liefert er in der Kürze der Zeit Einordnungen und Erklärungen zu den Hintergründen und Zusammenhängen von politischen Ereignissen und Entscheidungen. Im Gegensatz dazu setzt Jenny Günther in ihrem seit Januar 2018 erscheinenden Podcast Einmischen! Politik Podcast in zum Teil zwei bis drei-stündigen Episoden auf einen sehr ausführlichen Kommentar zum politischen Betrieb. Günther, bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der Jungen Union Brandenburg mit anschließendem Wechsel in die AfD, ist medial vor allem durch ihren Erfahrungsbericht als AfD-Mitglied und ihren Ausstieg aus der Partei bekannt geworden.141 Unter den Podcasts von Personen ohne politikwissenschaftlichen Hintergrund oder Erfahrungen im politischen Betrieb finden sich zwei Angebote, die zwei neue und interessante Perspektiven einbringen. Toby Baier, Informatiker und insbesondere bekannt durch seinen Einschlafen-Podcast, setzt sich in Aus dem Hintergrund mit dem Thema der Zweitstimme bei Wahlen auseinander. Er führt Interviews mit KandidatInnen, die einen der hinteren Listenplätze haben, um „die Menschen, über deren Mandat unsere Zweitstimmen entscheiden, besser kennenzulernen“.142 Der Junge Politische Podcast von Roman und Simon bringt nicht so sehr über die Themensetzung eine neue Perspektive ein als vielmehr über ihr Alter. Hier sprechen zwei junge YouTuber, die das Medium Podcast als einen weiteren Kanal für ihre Inhalte entdeckt haben, über das aktuelle politische Geschehen in Deutschland und der Welt. Ihr Podcast gewann 2017 beim Ihr hier – Young Media Award in der Kategorie ‚Best in Content‘. Insgesamt zeigt sich, dass der überwiegende Teil der Politik-Podcasts in Deutschland in den letzten beiden Jahren, vor allem im Jahr 2017 und oftmals 141 Vgl. Günther 2017. 142 Baier (o.D.). 47 explizit im Kontext und in Bezug zur Bundestagswahl ins Leben gerufen wurde. Dabei erweist sich das Angebot hinsichtlich der bemühten Formate als relativ homogen, gerade Talk- und Interview-Podcasts dominieren die mehrheitlich von Männern moderierten Produktionen.143 Der hier erfolgte Überblick konnte zwar eine ganze Reihe an Politik-Podcasts listen, jedoch wird mit Blick auf andere Genres und Kategorien – Lifestyle, Filme und Serien, Sport und Freizeit o.ä. – schnell ersichtlich, dass das Angebot relativ dazu überschaubar ist. Zudem fällt im Vergleich zu Produktionen in den USA, wo Podcasting eine wesentlich größere Bedeutung zukommt, das Angebot hierzulande sehr gering aus.144 Auf der funktionalen Ebene und in Anlehnung an die erörterte Unterscheidung von Dorn-Fellermann/Thieme zwischen privaten und institutionellen Podcasts stellt sich das Angebot an Politik-Podcasts dieser beiden Akteursgruppen abschließend wie folgt dar. Ihnen ist gemein, dass sie mit ihren Medienangeboten ihre Hörerschaft über politische Themen und Ereignisse informieren als auch mit ihren Formaten unterhalten möchten (Informations- und Unterhaltungsfunktion). Dorn-Fellermanns/Thiemes Position, dass private AkteurInnen Podcasts vor allem nutzen, „um ihre eigenen Meinung zu bestimmten Themen zu ver- öffentlichen oder um Nischen zu füllen, indem sie vom Mainstream vernachlässigte Themen aufgreifen“145, wohingegen es institutionellen AkteurInnen primär um die Erschließung neuer Zielgruppen über einen neuen Ausspielweg geht, kann hier bestätigt werden. Gerade privat agierende JournalistInnen scheinen Podcasts als Möglichkeit zur Artikulation ihrer persönlichen Meinungen zu nutzen, die sie in dieser Form im Rahmen ihrer üblichen Arbeit nicht einbringen können. Die Thematisierung von im Mainstream vernachlässigter Inhalte lässt sich hier zwar nicht nachvollziehen – viele der privaten Podcasts nehmen vielmehr die mediale Berichterstattung als Grundlage der Diskussionen –, das liegt aber vor allem am engeren Politikverständnis, das dem Überblick zugrunde gelegt wurde. Den hier vorgestellten privaten Produktionen lässt sich vielmehr noch ergänzend eine Kritik- und Kontrollfunktion zuschreiben: Die Berichterstattung in den eta- 143 Ein narratives Format einer weiblichen Produzentin hätte es beinahe gegeben, wenn sich die Finalisten Elisabeth Veh im Rahmen eines Podcast-Wettbewerbs vom Bayerischen Rundfunk gegen ihre Konkurrenz hätte durchsetzen können. Die Pilotfolge der angedachten Podcast- Reihe über Deutschland im Wahljahr 2017, in der sie zwei Abgeordnete während ihres Wahlkampfs begleiten wollte, ist hier zu hören: https://callforpodcast.de/ (aufgerufen 12.10.2018). 144 In den USA haben Politik-Podcasts insbesondere nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten einen Aufschwung erlebt; einige haben sich explizit als Reaktion auf die Wahl Trumps gegründet. Zwei prominente Beispiele sind der Nachrichtenpodcast The Daily der New York Times sowie Pod Save America des Medienunternehmens Crooked Media. Jaime Fuller (2018) hat sich für das Magazin Politico eigens mit dem Angebot an „Trump-Themed-Podcasts“ befasst. 145 Dorn-Fellermann/Thieme 2011, 253. 48 blierten Medien ist oftmals Ausgang bzw. Gegenstand der Kritik und Diskussionen, in diesem Sinne ist ein Großteil der Politik-Podcasts immer auch selbstreferenziell. Auf institutioneller Seite erscheint über das Erreichen neuer Zielgruppen vor allem noch ein anderer Zweck verfolgt zu werden. Vor dem Hintergrund der Diskussion um eine Vertrauenskrise der etablierten Medien (Stichwort ‚Lügenpresse‘, ‚Fake News‘ u.a.m.) nutzen Verlage und der öffentlichrechtliche Rundfunk Podcasts auch, um RezipientInnen einen Einblick in die Recherche und Arbeitsweise der RedakteurInnen zu geben (Transparenzfunktion). Podcast-Formate im Sinne von ‚die Geschichte hinter der Geschichte‘ finden sich bei so gut wie allen Anbietern. Die Einbindung und Interaktion mit der Hörerschaft (soziale Funktion) wird auf beiden Seiten gleichermaßen bezweckt, allerdings gelingt das auf Seiten der institutionellen AkteurInnen unlängst schlechter. Das illustriert der Debatten-Podcast von Sascha Lobo (Spiegel Online) exemplarisch sehr anschaulich: Hier greift Lobo die Kommentare der LeserInnen seiner Kolumne auf Spiegel Online auf und beantwortet sie in den Podcast- Folgen. Im Ergebnis liegt hier jedoch nur ein weiterer langer Monolog Lobos vor, ohne dass die LeserInnen, deren Kommentare besprochen werden, die Möglichkeit hätten zu reagieren – von Interaktion oder einer Debatte, wie es der Titel des Podcasts suggeriert, kann nicht die Rede sein. Im Folgenden soll der Podcast Lage der Nation aus dem hier vorgestellten Angebot an Politik-Podcasts herausgegriffen und analysiert werden.

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References

Zusammenfassung

Das Medium Podcast hat im Laufe der letzten Jahre einen erneuten Aufschwung erlebt und seinen Weg breitenwirksam in die mediale Öffentlichkeit gefunden. Die vorliegende Studie befasst sich mit dem in der Forschung bislang kaum behandelten Gegenstand der Politik-Podcasts und bewegt sich damit an der Schnittstelle von Medien- und Politikwissenschaft. Vor dem Hintergrund öffentlichkeitstheoretischer Ansätze werden Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation verstanden und diskutiert. Wie werden politische Inhalte im Medium Podcast präsentiert und verhandelt und wie wird dadurch politische Öffentlichkeit hergestellt? Dabei wird die These vertreten, dass Podcasts als Netzmedium und nicht allein als auditives Angebot zu konzeptualisieren, sprich im Kontext einer internetbasierten Medienumgebung zu verorten sind. Im Zuge eines genetisch-historischen Zugriffs wird der strukturelle Wandel des Mediums von seinen Anfängen als Amateur- und Nischenmedium hin zu seinem gegenwärtigen Status als kommerzielles Massenmedium nachvollzogen. Die Studie gibt außerdem einen systematischen Überblick zum politischen Podcast-Angebot in Deutschland, aus dem der Podcast Lage der Nation – der Politik-Podcast aus Berlin für eine konkrete empirische Analyse herausgegriffen wird.