3. Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte in:

Katharina Lührmann

Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation, page 25 - 36

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4324-0, ISBN online: 978-3-8288-7271-4, https://doi.org/10.5771/9783828872714-25

Series: Literatur und Medien, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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25 3. Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte In diesem Kapitel erfolgt der historische Zugriff auf den Gegenstand Podcasting. Es sollen erstens zentrale Ereignisse und Momente erörtert werden, die sich als Geburtsstunde des Mediums ausmachen lassen (3.1); zweitens werden die technischen sowie sozialen Voraussetzungen dargelegt, die die Entstehung bedingt bzw. begünstigt haben (3.2); und drittens wird der Eintritt des Mediums in eine neue, seine gegenwärtige Entwicklungsphase diskutiert (3.3). 3.1 Geburtsstunde eines neuen Mediums Die Entstehungsgeschichte des Mediums Podcast wird gemeinhin vor allem mit den folgenden Namen in Verbindung gebracht: Ben Hammersley, Dave Winer, Adam Curry und – etwas seltener im Fokus, aber nicht minder wichtig – Christopher Lydon. Der Journalist und Technik-Blogger Ben Hammersley gilt als der Erfinder des Ausdrucks ‚Podcasting‘, den er erstmals in einem im Februar 2004 erschienen Artikel im The Guardian verwendet.75 Nach einem passenden Namen für das von ihm beschriebene Phänomen einer neuen Art des Amateur-Radios suchend, ersinnt Hammersley das Kunstwort unter anderen: With the benefit of hindsight, it all seems quite obvious. MP3 players, like Apple’s iPod in many pockets, audio production software cheap or free, and weblogging an established part of the internet; all the ingredients are there for a new boom in amateur radio. But what to call it? Audioblogging? Podcasting? GuerillaMedia?76 Mit dieser tentativen Auflistung möglicher Label für das neue Netzphänomen prägt Hammersley unwissentlich den Begriff, der sich bereits ein Jahr später im Sprachgebrauch etabliert haben wird.77 Das Kofferwort „setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Pod rekurriert auf den beliebten MP3-Player iPod der Firma Apple. Casting verweist auf Broadcasting, also Rundfunk. Ein Podcast ist folglich eine Art Rundfunkbeitrag für ein mobiles Abspielgerät“.78 Diese Begriffsbildung stößt wiederholt auf Kritik, insofern sie in zweierlei Hinsicht irreführend ist: Die 75 Vgl. u.a. Berry 2006, 143 f.; Berry 2016a, 662; Sterne et al. 2008. 76 Hammersley 2004. 77 Zum Durchbruch gelangte der Begriff einige Monate später im Herbst 2004 im Zuge eines im Onlinejournal The Inquirer erschienen Interviews. Vgl. dazu Sterne et al. 2008. Die AutorInnen geben einen weiterführenden Überblick über die Verbreitung des Begriffs in den öffentlichen Medien sowie über den geführten Diskurs in den Anfangsjahren 2004 und 2005. In den Augen der AutorInnen erweist sich der Ausdruck ‚Podcasting‘ als „the product of a disorganised exchange carried out amongst technology journalists and online computer enthusiasts in the early 2000s.“ 78 Mocigemba 2006, 3. 26 erste Begriffskomponente (pod) suggeriert eine Exklusivität hinsichtlich des Abspielgeräts iPod, die nicht gegeben ist. Die zweite Komponente (broad) wiederum verweist auf ein Massenpublikum, an das sich das Nischenmedium Podcast zumeist gar nicht wenden möchte.79 Der von Hammersley erstgenannte Begriffsvorschlag ‚Audioblogging‘ ist dahingehend gut gewählt, als dass hieran ersichtlich wird, dass Podcasting seinen Ausgang im Weblogging nimmt. Einer der ersten, der das textbasierte Medium Weblog um Audioinhalte ergänzte – und mit dem Hammersley die neue Netzbewegung maßgeblich verknüpft – ist der amerikanischen Radio- und ehemalige New York Times Journalist Christopher Lydon. Lydon begann 2003 Audio-Interviews mit BloggerInnen, InternetpionierInnen und PolikerInnen auf seinem Weblog Open Source zu veröffentlichen.80 Die erste Folge, ein Interview mit dem Blogger und Software-Entwickler Dave Winer, wurde im Juli 2003 online gestellt.81 Winer ist nicht nur der erste Interview-Partner, er ist vielmehr maßgeblich an der Entstehung und der technischen Umsetzung dieses Projekts beteiligt. Winer gilt auf der technischen Ebene als Erfinder des Podcasting, insofern auf ihn die dem Medium zugrundeliegende Distributionstechnologie RSS zurückgeht, ein Dateiformat, das er bereits 1999 in Zusammenarbeit mit der Firma Netscape entwickelt hat.82 Der für das Podcasting entscheidende Entwicklungsschritt erfolgte 2001 mit der Veröffentlichung von RSS 2.0. Dieses erweiterte Dateiformat ermöglicht es mittels sogenannter enclosure tags nicht nur textbasierte Inhalte, sondern auch andere Formate, wie z.B. Audiodateien, zu referenzieren – die Technologie, mit der auch Lydon seine Audio-Interviews distribuiert hat. Was zuvor also bereits für das (textbasierte) Weblogging genutzt wurde, kann in technischer Hinsicht jetzt auch für Audioinhalte, also für das Podcasting, Anwendung finden. Nämlich die automatische, von einer Anwendung ausgeführte Suche nach neuen (Audio)Inhalten und deren automatischer Download, ohne dass NutzerInnen Internetseiten manuell auf neue Inhalte überprüfen müssen. So gesehen beginnt die Geschichte des Podcastings also im Sommer 2003 mit Dave Winer, der die technische Grundlage (weiter)entwickelt, und Christopher Lydon, der mit seinen Interviews und Gesprächen den Inhalt beisteuert, am Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Universität, wo sich beide zu dieser Zeit als Forschungsstipendiaten aufhielten. Zur weit verbreiteten Anwendung kommt diese Technik und Praxis allerdings erst einige Zeit später, sodass im Großteil der historischen Darstellungen weniger 79 Vgl. u.a. Mocigemba 2006, 3 und Berry 2006, 144. 80 Die Sendung erscheint heute als wöchentliche Radio-Show des Radiosenders WBUR. 81 Vgl. Doyle 2005. Die ersten Podcast-Folgen wurden von Winer allesamt archiviert und stehen online zum Download zur Verfügung, vgl. Winer 2017. 82 Vgl. van Aaken 2005, 12. 27 dem Team Winer/Lydon Rechnung getragen wird, sondern die Rolle des ehemaligen MTV-Moderators und Rundfunksprechers Adam Curry prominent hervorgehoben wird. Curry gilt vielen als der eigentliche Podfather, an dessen Einsatz und Arbeit sich die Geburtsstunde des Mediums knüpft – womit die Geschichte (erst) im August 2004 ihren Anfang nimmt.83 Sein Verdienst und Beitrag zur Entstehung und Entwicklung des Mediums liegt zum einen in der Programmierung der Software iPodder, „die innerhalb von RSS-Dateien nach verknüpften MP3- Dateien Ausschau hält, um diese dann automatisch herunterzuladen und in die Musikverwaltung iTunes zu übertragen“84, womit er den ersten Podcatcher bzw. Podcastclient entwickelt hat. Hinter der Entwicklung von iPodder stand Currys Wunsch nach einer bequemen Möglichkeit, Audioinhalte aus dem Netz ohne viel Aufwand auf seinen iPod gespielt zu bekommen. Nachdem sich niemand fand, der eine solche Software für ihn entwickelte, eignete er sich das nötige Wissen selbst an und schrieb ein einfaches Programm und stellte es als Open Source-Projekt zur freien Nutzung und Weiterentwicklung für die Allgemeinheit online zur Verfügung.85 Zum anderen produzierte er unter dem expliziten Label ‚Podcast‘ die Sendung Daily Source Code, deren erste Folge am 13. August 2004 veröffentlicht wurde. Damit wird ihm (und nicht Lydon) der Verdienst der ersten Podcast- Produktion zugeschrieben. Und schließlich hat Curry sehr medienwirksam das neue Medium beworben und damit zu dessen Bekanntheit und Popularität in der breiteren Öffentlichkeit beigetragen.86 Currys Arbeit baut maßgeblich auf der von Winer und Lydon auf, aber mit Sterne et al. gesprochen, war er es, der letztlich das Potenzial in den bereits vorhandenen Komponenten sah und das Medium engagiert und erfolgreich realisierte: „If Winer provided the technical capabilities and Lydon provided the content, some say it was Curry who saw the potential in the format.“87 Wie sehr das Schaffen dieser drei Akteure miteinander verzahnt ist, zeigt sich auch in dem Umstand, dass sie alle drei als Teilnehmer der von Winer organisierten Konferenz BloggerCon I am Berkman Center for Internet and Society an der Universität Harvard im Oktober 2003 aufeinandertrafen. Sterne et al. folgend bietet diese Konferenz so gesehen „an easy origin point for the podcasting phenomenon because all three ‚podfathers‘ were in the same place at the same time“.88 Ein entscheidender Moment in der Geschichte des Podcastings geht mit einem Update Apples für dessen Music Store iTunes im Juni 2005 einher.89 Mit der 83 Vgl. u.a. Crofts et al. 2005, van Aaken 2005, 12 ff.; Mocigemba 2006, 5; Berry 2006, 152. 84 van Aaken 2005, 13. 85 Vgl. dazu das Interview mit Curry im Magazin Wired (Jardin 2005). 86 Vgl. Berry 2006, 152. 87 Sterne et al 2008. 88 Ebd. 89 Vgl. u.a. Crofts et al. 2005. 28 Veröffentlichung der Version 4.9 integriert Apple unter dem Slogan ‚Radio Reborn‘ und ‚Podcasting. The next generation of radio‘ ein Podcast Feature, das erstmals das Abonnieren, den Download von und das kategorisierte Suchen nach Podcasts möglich macht. Zudem wird es ProduzentInnen ermöglicht, ihre Podcasts in iTunes zu publizieren. Die Integration dieser Podcast-Funktionen verhalf dem Medium – dank der weit verbreiteten Nutzung und Beliebtheit von iTunes – zu einem nachhaltigen Anstieg der Popularität, da ein breites Publikum schlagartig Zugang zu einer Vielzahl kostenloser Podcasts bekam. Für Löser/Peters liegt hierin „der Beginn des wirklichen Podcast-Booms“.90 Die schnelle Verbreitung und rasante Entwicklung des neuen Mediums werden an verschiedenen Stellen immer wieder als bemerkenswert hervorgehoben. Exemplarisch hierfür können die Ausführungen von Virginia Madsen stehen: The contrast between these tentative mentions of a possible audio distribution platform in 2004 [gemeint ist Hammersleys Artikel, Anmerkung KL] and the actuality of podcasting only a year later, is remarkable. Even more startling is the exponential growth and apparent interest in podcasting, in the space of less than a year. Dan Gilmour mentions that a Google search he did for ‘podcasts’ in September 2004 yielded only 24 hits, whereas one year later that same search elicited over 100 million hits.91 Symbolischer Endpunkt und Manifestation dieses in kürzester Zeit immens gestiegenen Interesses am neuen Medium kann schließlich in der Ernennung von „Podcasting“ zum Wort des Jahres 2005 vom New Oxford American Dictionary ausgemacht werden. Die Ausführungen haben bis hierhin gezeigt, dass sich je nach Perspektive und Schwerpunktsetzung unterschiedliche Ereignisse und Zeitpunkte als Geburtsstunde des neuen Mediums Podcast ausmachen lassen. In etymologischer und diskursiver Hinsicht beginnt die Geschichte mit Hammersleys Artikel und Wortschöpfung im Februar 2004. In der Regel wird die Entstehung des Mediums an das Erscheinen der ersten Podcastfolge von Adam Currys Daily Source im August 2004 geknüpft. Der initiierende Moment lässt sich aber auch bereits im Sommer bzw. Herbst 2003 in der Zusammenarbeit von Winer und Lydon sowie dem Zusammentreffen aller drei ‚Podcast-Väter‘ auf der ersten Blogger-Con in Harvard 90 Löser/Peters 2007, 141. Apple hat sich auch in der Folgezeit um die Entwicklung technischer Innovationen im Bereich Podcasting bemüht: „Apple continued to capitalise on the trend with the release of GarageBand version 3 in their iLife ’06 package (January, 2006). Among other program features, the new edition included a ‚podcasting template‘ and other elements to facilitate podcast recording. For podcasters, GarageBand simplified the process of podcasting even further by including tools specifically designed for podcast production (e.g. vocal tracks with EQ settings for radio-type voices, jingles, musical stings, etc.) and by offering export options for uploading podcasts directly to websites.“ (Sterne et al. 2008). 91 Madsen 2009, 1192. Vgl. außerdem Berry 2006, 144; Mocigemba 2006, 5. 29 festmachen. In technischer Hinsicht liegt der Startpunkt noch weiter zurück, nämlich bei der Entwicklung und Erweiterung des Dateiformats RSS im Jahr 2001. Und schließlich ließe sich die Geburtsstunde mit Fokus auf die institutionell-organisatorische und breitenwirksame Verankerung des Mediums im Juni 2005 mit Apples Update bzw. der Podcast-Integration in iTunes verorten. 3.2 Bedingungen der Möglichkeit von Podcasting Um die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte von Podcasting zu verstehen, ist es unabdingbar, die technologischen wie auch sozialen Voraussetzungen in den Blick zu nehmen, die die Genese des Mediums bedingt bzw. begünstigt haben. Einige dieser Faktoren sind im vorangegangenen Abschnitt bereits angeklungen und sollen an dieser Stelle noch einmal konkretisiert werden, wobei hier jedoch keine vollumfängliche und erschöpfende Analyse der Vorbedingungen des Mediums erfolgen soll. Podcasting steht im Kontext einer Entwicklung des Internets hin zum Neuen Netz,92 d.h. im Kontext einer Vielzahl neuer Formen der Internetnutzung, die sich Anfang der 2000er Jahre herausgebildet haben und unter dem Schlagwort Web 2.0 gefasst wurden. Dabei gelten Weblogs vielen als direkter Vorläufer von Podcasting: Much of the technological mindset behind podcasting has its origins in the world of blogging. In fact, some have referred to podcasting as „audio blogging.“ For many, podcasting is a logical next step from blogging. As Stephen Baker observes: „The heart of the podcasting movement is in the world of blogs, those millions of personal Web pages that have become a global sensation. In a blogosphere that has grown largely on the written word, podcasts add a soundtrack.“93 Das Verständnis von Podcasting als ‚logischer nächster Schritt‘ findet sich auch in Hammersleys begriffsprägenden Artikel, in dem er zum Ende hin schreibt: „We’re going from the ease of putting words online to the new ease of putting audio there too.“94 Podcasting knüpft dabei nicht nur in technischer Hinsicht an Weblogging an (Verwendung von RSS-Feeds, Einbindung vieler Podcasts auf Weblogs usw.), sondern auch in ‚geistiger‘ Weise, sprich, die neue Podcast-Bewegung wird gleichfalls eng mit der Idee und Mentalität der Blogosphäre (oder noch allgemeiner: mit der des Web 2.0) in Zusammenhang gebracht. 92 Vgl. Schmidt, J. 2009. 93 Crofts et al. 2005. 94 Hammersley 2004. 30 In 2004, a new movement began. It was one that promised democratization of media production tools and the means to freely distribute work. Using domestic tools and open source software, the pioneers threatened to disrupt the top-down media ecosystem that we were used to. That movement was podcasting.95 Mit einer geänderten Jahreszahl zu Beginn, ließe sich dieses Zitat ohne Weiteres auch mit dem Satz ‚This movement was blogging‘ schließen. Die Idee, dass jede und jeder seine und ihre Inhalte und Meinungen in die öffentliche Debatte einbringen und die Gatekeeper-Funktion der etablierten Medien damit umgehen kann, das Versprechen nach mehr Partizipation und Demokratisierung, das Potenzial interaktiver, dezentraler Kommunikation und dergleichen Aspekte mehr wurden also erneut und weitestgehend analog auf das neue Medium Podcasting übertragen. Podcasting tritt als Sprössling der Weblogs in dessen Fußstapfen einer Graswurzel-Bewegung und wird in dieser Weise auch öffentlich aufgefasst diskutiert.96 Allgemeinhin werden diese neuen Nutzungsweisen des Internets und die vom Weblogging entlehnte RSS-Technologie zusammen mit der Verbreitung von mobilen Abspielgeräten, allen voran Apples iPod, in technischer Hinsicht als treibende Motoren der Podcast-Entstehung angesehen. Sterne et al. (2008) fokussieren entgegen dieser geläufigen Darstellung nicht allein auf die Synthese der Distributionstechnologie RSS und Apples iPod (oder anderen mp3-Playern), sondern nehmen eine Reihe weiterer Faktoren mit in den Blick, die für sie zentrale oder notwendige Bedingungen für die Möglichkeit der Entstehung des Mediums darstellen. Dazu zählt die Entwicklung erschwinglicher und anwendungsfreundlicher Soft- als auch Hardware für die Audioproduktion im Amateurbereich (z.B. der Audioeditor und -rekorder Audacity oder die Apple-Variante Garage Band, die 2002 bzw. 2003 erschienen) als auch der fortschreitende Ausbau des Breitband- Internetzugangs. The ability to create podcasts, in other words, depends not only on devices to listen to them (MP3 players), or technologies to help consumers find them (RSS) but also on a host of Software and hardware innovations, many of which began long before RSS or even iPods. The proliferation of relatively affordable and easy-to-use audio recording and editing software and hardware, increased 95 Berry 2016a, 661. 96 Eine Richtung, die bereits Hammersley vorgegeben hat, wie Sterne et al. (2008) herausarbeiten: „The issues Hammersley raised became central to the emerging discourse surrounding podcasting when the topic of amateur online radio returned to journalistic spotlights in the fall of 2004. Specifically, writers focused on podcasting’s supposed techno-democratic orientation because of its ease-of-use and open source foundation, its implicit anti-corporate inflection, and emphatic declarations of podcasting as the ‚future of radio‘.“ 31 broadband uptake, and an amplified appetite for producing and consuming amateur audio content all contributed to an environment ripe for the practice of podcasting. Rather than a driving force, portable digital players (even the iPod) were simply one condition of possibility.97 Die medienhistorische Studie Philipp Niemanns, in der er die These vertritt, dass Podcasting „keinesfalls als Revolution einzuschätzen ist, sondern vielmehr als Ergebnis einer kontinuierlichen Medien- und Technologieentwicklung gesehen werden muss“98, untermauert diese Ausführungen. Neben den bereits genannten etablierten Technologien99 konnte sich Podcasting Niemann zufolge darüber hinaus auf der Basis diverser sozialer Kräfte herausbilden, „die der gesellschaftlichen Nachfrage nach einem neuen Online-Medium wie Podcasting zuträglich waren“.100 Podcasting steht für ihn u.a. im Kontext einer zunehmenden Individualisierung: Das Medium bediene genau das gesellschaftlich verankerte Bedürfnis nach Inhalten, die an das individuelle Interesse und Nutzungsverhalten angepasst sind. „[D]ie nachlassende Attraktivität des Angebots der klassischen Hörfunkanbieter“101 ist ein weiterer Aspekt, der zum Erfolg von Podcasting beitragen konnte. Diese Kopplung der Entstehung des Mediums an diverse technische wie soziale Voraussetzungen gilt gleichwohl für die gesamte weitere Entwicklung. In diesem Sinne stellt sich auch die von Tim Pritlove skizzierte Entwicklungsgeschichte dar: Nach dem Abklingen des ersten Hypes im Jahr 2005 macht er die zweite Hochphase, die er zwischen den Jahren 2008 und 2011 verortet, nicht an bestimmten Ereignissen fest, sondern erklärt das wieder aufkommende Interesse an Podcasting mit den sich weiterentwickelten technischen Standards, die sich im Vergleich zu 2004/5 deutlich verbessert haben. Beispielsweise wurde mit der Entwicklung von 3G und später LTE der Mobilfunk schneller und leistungsfähiger und die zunehmende Verbreitung von Smartphones und der entsprechenden Podcast-Apps ermöglichte eine vereinfachte Rezeption.102 In dieser zunehmend besseren und anwendungsfreundlicheren Technik macht auch Richard Berry einen der Erfolgsfaktoren der Podcast-Serie Serial aus, die in der Podcast-Historie einen zentralen und richtungsweisenden Punkt markiert.103 Rund 10 Jahre nach Adam Currys ersten Podcast erscheint am 21. Oktober 2014 die erste Folge der von Sarah Koenig produzierten True-Crime- 97 Sterne et al. 2008. 98 Niemann 2007, 59. 99 Vgl. ebd., 66 ff. 100 Ebd., 68. 101 Ebd., 71. 102 Vgl. Das Sendezentrum 2017. 103 Vgl. Berry 2015. Weitere Erfolgsfaktoren sind ihm zufolge u.a. die Verbindung von Serial zu This American Life, das gegenwärtige Interesse an seriellen Formaten und das massenkonforme Thema eines Verbrechens bzw. Mordes. 32 Geschichte, deren ungeahnter und einschlagender Erfolg dem Medium einen erneuten Aufschwung beschert. Für Berry macht die Serie einen signifikanten, aber nicht notwendigerweise einen definierenden Moment in der Geschichte von Podcasting aus.104 Er betont, dass nicht Serial allein für die erneut erwachsene Popularität des Mediums ursächlich ist, sondern die Podcast-Serie bzw. deren Erfolg wiederum im Kontext verschiedener Faktoren und Entwicklungen steht, die zur selben Zeit griffen und die ihren Teil zum Erfolg beigetragen haben: „So, while Serial might represent an identifiable landmark, the reasons behind this notability may be a combination of factors, in which technologies, brands, social sharing, and engaging content all play a part.“105 Einen weitaus höheren Stellenwert nimmt die Podcast-Serie in der Arbeit des italienischen Medienwissenschaftlers Tiziano Bonini ein. Serial stellt für ihn einen Wendepunkt in der Geschichte dar bzw. markiert den Eintritt in das ‚zweite Zeitalter von Podcasting‘, worum es im letzten Abschnitt gehen wird. 3.3 The Second Age of Podcasting Podcasting ist zu Beginn in erster Linie ein von Einzelpersonen privat produziertes Amateur-Medium. Die Wegbereiter selbst (Chrisopher Lydon, Adam Curry, Dave Winer) waren zwar allesamt keine Amateure, sondern Medienschaffende mit zum Teil beruflicher Erfahrung im etablierten Medien- und Hörfunkbetrieb. Sie produzierten ihre Inhalte indessen aber privat und unabhängig von professioneller Studiotechnik mit frei zugänglicher oder preislich erschwinglicher Hard- und Software und bereiteten damit den Weg für die Produktion von Audioinhalten im Amateurbereich. Allerdings greift diese Sichtweise allein zu kurz, insofern das Medium von Beginn an auch vor dem Hintergrund kommerzieller Interessen Anwendung fand, wie u.a. Bonini herausgearbeitet hat: While media studies scholars have focused on the potentially liberating aspect of podcasting as a tool for independent communication that’s independent and accessible even to non-professionals, podcasting was immediately adopted by corporate and traditional public media (radio, TV, newspapers) and by professional producers for commercial aims. Since its creation podcasting has evolved in two directions: amateur, non-profit use and commercial, for-profit use […].106 104 Vgl. Berry 2015, 176: „There is a sense that Serial forced many to re-evaluate the medium, as it not only raised the production quality bar […] but presented podcasting as a viable alternative platform for content creators and storytellers. While developments in technology […] could pose threats, podcasting is a medium that – through Serial – has enjoyed renewed attention. In that regard, Serial is a significant but not necessarily a defining moment, and one that will no doubt be the subject of further academic scrutiny.“ 105 Ebd., 171. 106 Bonini 2015, 23. 33 Trotz dieser zweigleisigen Ausrichtung ist Podcasting zu Beginn primär ein Amateurmedium, dessen Inhalte ein Nischenpublikum anspricht. Das ändert sich Bonini zufolge in entscheidender Weise mit der Podcast-Serie Serial, die die Aufmerksamkeit eines breiten (Millionen-)Publikums erlangt, das weit über die üblichen kleinen Zuhörerschaften von Podcasts hinausgeht: „Serial is not only one of the greatest successes of public radio storytelling but also represents the turning point for the second age of podcasting: it’s the programme that has made this distribution technology go mainstream and transformed it into a ‚mass medium‘.“107 Podcasting ist mit Serial also endgültig in eine neue Entwicklungsphase eingetreten, die – mit Blick auf die Vereinigten Staaten – 2012 ihren Anfang nimmt und in der sich Podcasting nun als ein ‚digitales Massenmedium‘ darstellt. Bonini skizziert die Entwicklungsgeschichte als Transformation des Mediums von einem Amateur-, Nischen- bzw. Graswurzelmedium über die Professionalisierung seitens institutioneller AkteurInnen, allen voran der etablierten Medien, hin zu einem kommerziellen Massenmedium, das sich einen eigenständigen Markt und neue Geschäftsmodelle geschaffen hat.108 This phase, which I will call „the second age of podcasting“, is characterised by the transformation of podcasting into a commercial productive practice and a medium for mass consumption, and it began in the United States in 2012 with the launch of the first business models that were able to support the independent production and consumption of sound content distributed through podcasting.109 Dieses zweite Zeitalter beginnt in dem Moment, als sich einige der erfolgreichsten Podcasts der öffentlichen (amerikanischen) Sendeanstalten (99% Invisible, Radio Ambulante, Radio Diaries) von ihren bisherigen Arbeit- und GeldgeberInnen lösten und sich mittels Plattformen wie Kickstarter über Crowdfunding-Modelle zu finanzieren begannen.110 In den Folgejahren entwickelte sich ein unabhängiger Markt für Podcasts, der neben Crowdfunding noch eine Reihe anderer Geschäftsmodelle wie Spenden, Sponsoring, Abo-Modelle und Werbung hervorbrachte – Finanzierungsmodelle, die im Übrigen alle von Crofts et al. bereits 2005 vorausgedacht wurden.111 Boninis Ausführungen zeigen zudem, dass die öffentlichen Sendeanstalten bzw. die dort tätigen RadiomacherInnen eine maßgebliche Rolle hinsichtlich der Professionalisierung und Kommerzialisierung von Podcasting gespielt haben: „Public radio in both America and Europe has raised a generation of 107 Ebd., 26. 108 Er sieht in dieser Entwicklung im Übrigen eine Parallele zur Geschichte des Rundfunks, vgl. Bonini 2015, 27. 109 Ebd., 22. 110 Vgl. ebd., 25. 111 Vgl. Crofts et al. 2005. 34 producers of radio formats based on storytelling who are currently moving away to create independent programmes.“112 Bestes Beispiel hierfür ist wiederum Serial: Der Podcast ist ein Spin-Off der sehr erfolgreichen Radiosendung This American Life des US-amerikanischen Chicago Public Radio, für das die Serial-Produzentin und Moderatorin Sarah Koenig ehemals als Radioproduzentin gearbeitet hat.113 Im Übrigen – so lässt sich seine Beobachtung ergänzen – spielt diese Personengruppe nicht nur eine wichtige Rolle hinsichtlich dieses Entwicklungsschritts, sondern bereits bei der Entstehung des Mediums: Die Gründungsväter waren zum großen Teil professionelle Medienschaffende. Dieser von Bonini herausgearbeitete Entwicklungsschritt hin zu einem ‚zweiten Zeitalter von Podcasting‘ lässt sich auf die deutschsprachige Podcastlandschaft ganz analog übertragen – allerdings mit einigen Jahren Zeitverzögerung. In Deutschland lässt sich ein Trend zur Kommerzialisierung und Professionalisierung der Podcastlandschaft spätestens seit 2016 deutlich erkennen. Podcast-Pionier Tim Pritlove spricht in diesem Zusammenhang in seiner ‚State of the Union‘- Rede auf der jüngsten Podcast-Konferenz Subscribe 9 von der „dritten Welle“.114 Die Konferenz selbst illustriert diesen Trend sehr anschaulich, insofern sich Fragen nach nachhaltigen Finanzierungsmodellen und der Weiterentwicklung von Podcasting als Freizeitaktivität hin zum beruflichen Erwerbsfeld als Leitmotiv durch das Programm ziehen. Einige Ereignisse, die paradigmatisch für diese dritte Welle stehen, sind u.a. der Wechsel von Jan Böhmermann und Olli Schulz bzw. deren populären Talk-Format Sanft & Sorgfältig vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Musik-Streamingdienst Spotify im Mai 2016, wo die Sendung jetzt unter dem Namen Fest und Flauschig zu finden ist;115 der Start eines eigenen Podcast-Programms von Amazons Tochterfirme Audible mit 22 Audioproduktionen unter dem Namen ‚audible original podcats‘ Ende 2017; die Gründung des Podcast-Labels Viertausendhertz im Januar 2017; sowie schließlich eine regelrechte Welle an neuen Podcast-Gründungen von ganz unterschiedlichen AkteurInnen, allen voran von etablierten Medienunternehmen (darunter Spiegel-Online, Zeit- Online, Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk), die zum überwiegenden Teil im Jahr 2017 an den Start gebracht wurden. 112 Bonini 2015, 25 f. 113 Der Erfolg von Serial ist unmittelbar damit verknüpft, dass This American Life-Moderatorin Ira Glass den Podcast in ihrer Sendung bewirbt – wie Bonini (2015, 26) als auch Berry (2015, 174) feststellen. 114 Vgl. Das Sendezentrum 2017. 115 Dieser Wechsel, der gleichsam den medienwirksamen Auftakt des Musik-Streamingdienstes in Deutschland markiert, ihr Angebot um Podcasts zu erweitern, verschaffte dem Medium Podcast insgesamt medial einen erneuten Aufmerksamkeits-Schub. Das Medium steht im medialen Diskurs erneut vor „dem großen Podcast-Durchbruch“ (Becker 2016). 35 An diesen Ereignissen lassen sich eine Reihe von Beobachtungen allgemeiner Art festmachen, die hier abschließend kurz benannt, aber nicht tiefergehend diskutiert werden sollen. Am Wechsel von Böhmermann und Schulz zu Spotify sowie den Bemühungen von Seiten des Hörbuch-Anbieters Audible lässt sich eine einsetzende Verschiebung in Hinblick auf die Marktdominanz im Bereich Podcasting erkennen. Es drängen verstärkt Plattformen auf den Markt und gehen in Konkurrenz zum bislang dominanten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Womit eine Tendenz zu plattformexklusiven Inhalten einhergeht und sich Podcasts damit strukturell von einem bislang offenen hin zu einem geschlossenen Medium wandeln – sofern man bei solchen plattformexklusiven Inhalten überhaupt noch von Podcasts sprechen möchte. Im Grunde mutet es paradox an, im Fall des Wechsels von Böhmermann und Schulz zu Spotify von einem Podcast-Boom zu sprechen, da von Podcasts im eigentlichen Sinne (frei über RSS-Feed abonnierbare Inhalte) nicht mehr die Rede sein kann. Podcasts sind zwar ein nach wie vor dezentral organisiertes Medium, aber die Tendenzen in Richtung einer Monopolisierung – einer Art ‚YouTube-Effekt‘ – sind zumindest gegeben. Die zunehmende Professionalisierung, die sich exemplarisch in der Gründung von eigens auf Podcasts ausgerichtete Medienunternehmen wie dem Podcast-Label Viertausendhertz oder hauseins manifestiert,116 bewirkt in der Tendenz einen Wandel der Podcast-Formate bzw. des Produktionsaufwands: Weg von den sogenannten ‚Laberpodcasts‘, die mit geringen finanziellen Mitteln und entsprechend häufig mit qualitativen Abstrichen von Privatpersonen produziert werden, hin zu aufwendig und qualitativ hochwertig produzierten Angeboten nach US-amerikanischen Vorbild.117 116 Die beiden Label-Gründungen entsprechen im Übrigen Boninis Beobachtung: Auch hier sind es erfahrene (Radio-)JournalistInnen, die damit unabhängige Wege gehen. 117 Steve Bowbrick (2018) spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen „symphonic era“.

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References

Zusammenfassung

Das Medium Podcast hat im Laufe der letzten Jahre einen erneuten Aufschwung erlebt und seinen Weg breitenwirksam in die mediale Öffentlichkeit gefunden. Die vorliegende Studie befasst sich mit dem in der Forschung bislang kaum behandelten Gegenstand der Politik-Podcasts und bewegt sich damit an der Schnittstelle von Medien- und Politikwissenschaft. Vor dem Hintergrund öffentlichkeitstheoretischer Ansätze werden Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation verstanden und diskutiert. Wie werden politische Inhalte im Medium Podcast präsentiert und verhandelt und wie wird dadurch politische Öffentlichkeit hergestellt? Dabei wird die These vertreten, dass Podcasts als Netzmedium und nicht allein als auditives Angebot zu konzeptualisieren, sprich im Kontext einer internetbasierten Medienumgebung zu verorten sind. Im Zuge eines genetisch-historischen Zugriffs wird der strukturelle Wandel des Mediums von seinen Anfängen als Amateur- und Nischenmedium hin zu seinem gegenwärtigen Status als kommerzielles Massenmedium nachvollzogen. Die Studie gibt außerdem einen systematischen Überblick zum politischen Podcast-Angebot in Deutschland, aus dem der Podcast Lage der Nation – der Politik-Podcast aus Berlin für eine konkrete empirische Analyse herausgegriffen wird.