2. Forschungsstand in:

Katharina Lührmann

Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation, page 13 - 24

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4324-0, ISBN online: 978-3-8288-7271-4, https://doi.org/10.5771/9783828872714-13

Series: Literatur und Medien, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
13 2. Forschungsstand Podcasting ist ein in der Forschungslandschaft vergleichsweise wenig beachtetes Phänomen. Dennoch ergibt die Gesamtheit der vorhandenen podcastbezogenen Publikationen einen recht umfänglichen Korpus an Texten, da das Medium in ganz unterschiedlichen Bereichen Anwendung findet und als Forschungsgegenstand damit entsprechend diverse theoretische Zugänge und Perspektiven eröffnet. Ziel und Anspruch des folgenden Abschnitts ist es, einen systematischen Überblick über den Forschungsstand zu geben, mit dem sich gleichfalls ein erster Eindruck über die Vielschichtigkeit des Mediums vermittelt. Die vorhandenen Publikationen lassen sich in einem groben Schema in fünf Kategorien unterteilen, wobei diese nicht trennscharf voneinander abzugrenzen sind. In die erste Kategorie fallen empirische Untersuchungen, die sich in Studien zu den ProduzentInnen von Podcasts (Kommunikatorforschung) einerseits und Studien zu den HörerInnen und Rezeptionsweisen (Publikums- bzw. Medienwirkungsforschung) andererseits unterteilen lassen. Es gibt zweitens eine Reihe von Arbeiten, die Podcasts innerhalb des Referenzrahmens ‚Radio‘ untersuchen und diskutieren, wobei diese zum großen Teil gleichfalls auch medienhistorische Studien sind. Die dritte Kategorie subsumiert Veröffentlichungen, die sich mit dem Medium innerhalb eines bestimmten Anwendungsfeldes befassen oder mit einem konkreten Podcast bzw. einem Podcast-Genre. Das für die vorliegende Analyse interessante Anwendungsfeld der Politik wird als vierte Kategorie gesondert behandelt. Die fünfte und letzte Kategorie umfasst praxisbezogene bzw. ratgeberorientiere Veröffentlichungen, die im folgenden Abschnitt jedoch nicht weiter thematisiert werden, insofern sie per se keine Forschungsarbeiten darstellen, die angesichts ihrer großen Anzahl aber nicht völlig ungenannt bleiben sollen.6 Empirische Studien zu den ProduzentInnen sowie RezipientInnen und deren Nutzungsverhalten sind verhältnismäßig rar gesät. Hinzu kommt, dass angesichts rasanter Entwicklungen und Veränderungen in der Podcastlandschaft ein Großteil der vorhandenen Untersuchungen kaum mehr Aufschluss über die aktuelle Lage vermitteln können. Von Seiten der Publikumsforschung wurden in diversen Studien insbesondere Daten zu den demographischen Charakteristika und dem Nutzungsverhalten der HörerInnen erhoben. Die Ergebnisse zeigen ein relativ einheitliches Bild: Die Hörerschaft von Podcasts gehört einem tendenziell jüngeren (um die 30 Jahre) und medien- und technikaffinen Personenkreis an, sie verfügt mehrheitlich über einen Hochschulabschluss, ein gutes Einkommen und ist überwiegend männlich. Interessanterweise hält sich dieses Bild von den Anfängen 6 Vgl. an deutschsprachiger Literatur exemplarisch Rubens (2006), Sauer (2007), Hagedorn (2016) und Rokk (2016). Über solche (Print-)Veröffentlichungen hinaus bietet das Internet natürlich eine unüberschaubar große Fülle an Seiten, Blogeinträgen, Tutorials oder Podcast(folgen), die Hilfestellung für den Einstieg ins Podcasting geben. 14 des Podcastings bis heute. So kommt eine im Jahr 2005 durchgeführte Umfrage des Marketing- und Kommunikationsberaters Alexander Wunschel, die er als „die erste Erhebung zu soziodemographischen Merkmalen und Nutzungsverhalten von Podcast-Hörern deutschsprachiger Podcasts“7 kennzeichnet, u.a. zu dem folgenden Ergebnis: Die Hörer deutschsprachiger Podcasts sind zu 88,6% männlich und im Durchschnitt 29,5 Jahre alt. Sie kommen zu 96% aus deutschsprachigen Gebieten (D, A, Ch) und haben zu 56 % einen Hochschulabschluss (Beziehungsweise Berufsakademie). Die Mehrheit ist berufstätig (64 %) oder in der Ausbildung (33 %), verfügt über ein monatliches Nettoeinkommen von 2153 Euro und ist vorwiegend in folgenden Branchen beschäftigt: IT, Telekommunikation, EDV/Medien, Verlage/Marketing, Kommunikation, Werbung sowie Wissenschaft und Forschung.8 Diese Ergebnisse bilden sich zum Teil auch in der jüngsten Studie Spot on Podcast – Hörer und Nutzung in Deutschland 2017/189 der ARD-Werbung SALES & SERVICES GmbH (AS&S) ab, die die Entwicklung von Podcasts und Audio-on- Demand-Angeboten schon relativ früh durch diverse Studien und Artikel in der hauseigenen Fachzeitschrift Media Perspektiven mitverfolgt hat.10 Die HörerInnen von Podcasts werden hier als „tendenziell jünger als die Gesamtbevölkerung“ beschrieben, die „zudem durchschnittlich besser gebildet, kaufkräftiger und technikaffiner als Nicht-Hörer“ sind, und von denen 46 Prozent ein Haushaltsnettoeinkommen von über 2.500 Euro haben.11 Auch deren Studie Podcast Insights12, bei der die Hörerschaft der von AS&S vermarkteten Podcasts Viertausendhertz und detektor.fm befragt wurden, zeichnet ein solches Bild der Hörerschaft.13 Allerdings sehen sich die AS&S-Studien einiger Kritik ausgesetzt, da ihr Kernanliegen vor allem in der Ergründung der Werbeakzeptanz liegt, die ihrem Ergebnis nach sehr hoch ausfällt: „So gaben 87 Prozent der Befragten an, Werbung im Umfeld der 7 Wunschel 2007, 159. 8 Ebd., 162. 9 Vgl. Domenichini 2018. 10 Vgl. u.a. Oehmichen/Schröter 2009. 11 Domenichini 2018, 46. 12 Die Studienergebnisse sind nur in Form einer kurzen Zusammenfassung online zugänglich. Vgl. o.V.: Podcast Insights. 13 Das Team von Viertausendhertz stellt die Ergebnisse in einer eigenen Podcast-Folge vor, in der sie diese diskutieren und mit ihrem eigenen Nutzungsverhalten abgleichen. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass ihre Hörerschaft überwiegend männlich (79 %) und im Alter zwischen 30 und 40 Jahren (über 40 %) ist. Die HörerInnen verfügen zudem über einen überproportional hohen Bildungsstand (52% haben ein abgeschlossenes Studium), vgl. Conradi/Efert/Semak 05.08.2017. 15 Podcasts zu akzeptieren, um den kostenfreien Zugang auch weiterhin zu ermöglichen.“14 Dass es sich bei der Hörerschaft um einen tendenziell jüngeren RezipientInnenkreis handelt, bestätigt des Weiteren der Digitalverband Bitkom im Jahr 2016: „14 Prozent der Deutschen sagen, dass sie hin und wieder Podcasts hören. […] Unter den 14- bis 29-Jährigen nutzen sogar 25 Prozent das Online- Medium. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind es 14 Prozent, bei den 50- bis 64- Jährigen 16 Prozent.“15 Die Altersgruppe der 14-29-Jährigen ist mit 26,5 Prozent auch in der ARD-ZDF-Onlinestudie von 2017 die stärkste Gruppe.16 Mit Blick auf die Hörerschaft im US-amerikanischen Raum kommt eine Studie von Chadha et al. (2012) demgegenüber zu einem zum Teil anders gelagerten Ergebnis: „The findings […] reveal that most of the respondents were aged between 30-39 years and, interestingly, between 50-59 years, a group that has not come up as major podcast users in previous research.“17 Hinsichtlich der anderen demographischen Indikatoren Einkommen, Bildungsgrad und Geschlecht decken sich die Ergebnisse wiederum. Im Ergebnis der Studie kristallisieren sich vor allem drei Merkmale heraus: „In conclusion, our findings show that race, gender, and income are strong demographic predictors of podcast use. If you are male, non-White, and earn a lot of money, you are more likely to use podcasts.“18 Bei der Untersuchung des Nutzungsverhaltens lassen sich mehrere Aspekte bzw. Fragestellungen ausmachen. Es wurde u.a. ermittelt, wie viele Menschen Podcasts nutzen und ob insgesamt ein Anstieg (oder eine Abnahme) der Nutzung zu verzeichnen ist. Dazu hat die jüngste, jährlich erscheinende ARD/ZDF-Onlinestudie 2017 Daten erhoben. Demnach lässt sich mit Blick auf die Audionutzung online insgesamt eine deutliche Zunahme feststellen.19 Audio-Podcasts verzeichnen dabei eine Zunahme von +2%-Punkten von 11 auf 13 Prozent.20 Des Weiteren ist die technische Infrastruktur, die bei der Rezeption von Podcasts zum Einsatz kommt, Gegenstand der Untersuchung. In jüngeren Studien zeigt sich hier, dass – wenig verwunderlich – Smartphones die am häufigsten genutzten 14 Domenichini 2018, 47. Der Deutschlandfunk-Journalist und Herausgeber eines Podcast- Newsletters Sandro Schroeder fasst seine Kritik in der pointierten Aussage zusammen: „Die Botschaft: Ganz viele Leute hören Podcasts. Die haben alle viel Geld und lassen sich auch noch gerne mit Werbung beschallen, schön nach Zielgruppen sortiert. Also bitte bringt euren Werbe-Etat in die Podcasts. Mit freundlichen Grüßen, ihr Podcast-Vermarkter ihres Vertrauens.“ Hören/Sagen-Newsletter, Ausgabe 5. 15 Bitkom 2016. Die Ergebnisse stoßen allerdings angesichts einer mangelnden Differenzierung bei der Frage nach der Nutzungshäufigkeit sowie einer mangelnden Definitionsschärfe des Begriffs „Podcast“ auf Kritik, vgl. dazu u.a. Schroeder 2016. 16 Vgl. Schröter 2017, 465. 17 Chadha et al. 2012, 394. 18 Ebd., 397. 19 Vgl. Schröter 2017, 465. 20 Vgl. ebd., 465. 16 Endgeräte sind und die Inhalte entsprechend über Podcast-Apps abgerufen werden. Laut AS&S-Studie „[beziehen] 73 Prozent der Hörer […] ihre Podcastinhalte über das Smartphone“ und „34 Prozent der Hörer greifen auf Apps zu“.21 Den Ergebnissen der HörerInnenumfrage von Viertausendhertz nach liegt die Nutzung mobiler Endgeräte sogar bei 95 Prozent, Notebooks oder stationäre PCs sind mit 20 Prozent aber auch noch relativ gut vertreten.22 Zudem werden Podcasts von der Mehrzahl der RezipientInnen mit Kopfhörern gehört (laut Podcast Insight-Studie sind es 90 Prozent). Und schließlich ist von Interesse, wann und wo bzw. bei welcher Gelegenheit Podcasts rezipiert werden. Hier zeigt sich, dass sich eine ganze Bandbreite an Nutzungsumgebungen auftut. Typischerweise werden Podcasts unterwegs gehört (in öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Autofahren oder Spazieren gehen), in Wartesituationen, bei der Hausarbeit, aber auch beim ‚Nichts-Tun‘, also als alleinige Aktivität.23 Im Bereich der Publikumsforschung finden sich über die genannten Studien hinaus weitere empirische Arbeiten, die sich im Schwerpunkt u.a. mit der Frage nach der Motivation von PodcastnutzerInnen befassen,24 eine Typologie der NutzerInnen im deutschsprachigen Raum herausarbeiten25 oder das mobile Hören (über Kopfhörer) und dessen Wirkung auf die Wahrnehmung der RezipientInnen näher beleuchten.26 Mit empirischen Forschungsergebnissen im Bereich der Kommunikatorforschung haben sich insbesondere Dennis Mocigemba, Kris Markman und Mélanie Millette hervorgetan, womit gleichfalls drei unterschiedliche Sprach- und Kulturräume (Deutschland, USA, Kanada) bedient werden. Mocigemba hat mit einer „qualitativ-explorative[n] Studie unter deutschsprachigen, privat produzierten Podcastern“27 bereits 2006, also noch in der Frühphase des Mediums, eine Arbeit vorgelegt, in der er eine Typologie von Sendemodi herausarbeitet. Ausgehend vom Verständnis von Podcast als Graswurzelmedium fragt er nach den Beweggründen, Ambitionen und ästhetischen Ansprüchen von Personen, die die Rolle der in den klassischen Medien vormals passiven RezipientInnen zugunsten derjenigen der aktiven SenderInnen eingetauscht haben. Entlang der Kriterien Sendemotivation, Qualitätsanspruch und Interaktion mit HörerInnen und anderen PodcasterInnen unterscheidet Mocigemba im Ergebnis sechs unterschiedliche Typen von Sendemodi: den Explorer, den Personality Prototyper, den Journalisten & ThemenCaster, den Rebellen, den Social Capitalist sowie den social 21 Domenichini 2018, 47. 22 Vgl. Conradi/Efert/Semak 05.08.2017. 23 Vgl. u.a. Domenichini 2018, 47; Rampf 2008, 158; Conradi/Efert/Semak 05.08.2017. 24 Vgl. McClung/Johnson 2010. 25 Vgl. Rampf 2008. 26 Vgl. MacDougall 2011. 27 Mocigemba 2006, 1. 17 Gambler.28 Es zeigt sich, „dass nicht nur sozialbezogene, sondern auch selbstbezogene Motive (Exploration der neuen Technik oder der eigenen Identität) die Praxis des Podcastens bestimmen“.29 Aufbauend auf dieser Studie hat Mocigemba noch drei weitere Arbeiten veröffentlicht, in denen er zum einen die herausgearbeiteten Sendemodi im internationalen Raum zu validieren sucht.30 Zum anderen nimmt er eine theoretische Verortung der sechs Podcast-Sendetypen mit dem Ziel vor, „Podcasting als Kommunikationsphänomen vorzustellen und für die empirische Kommunikations- und Medienwissenschaft greifbar zu machen“.31 Und schließlich widmet er sich in einem weiteren Aufsatz allein dem Sendetypen des Personality Prototyper.32 Analog zu Mocigembas Studien ist Kris M. Markman (2012) für den USamerikanischen Raum einige Jahre später ebenfalls der Frage nachgegangen, welche Funktion Podcasting für den unabhängigen, privaten Podcaster erfüllt. Die erhobenen Daten werden auch hier in sechs Motivations-Typen kategorisiert („technology/media motives, interpersonal motives, personal motives, content motives, process motives, and financial motives“33), die einige Parallelen zu Mocigembas Typologie aufweisen. Im Unterschied zu Mocigemba differenziert Markman zusätzlich zwischen der Motivation, mit dem Podcasten zu beginnen sowie der Motivation, die Tätigkeit fortzusetzen. Zudem erhebt die Studie Daten zu den demographischen Charakteristika der Personengruppe der unabhängigen PodcasterInnen. Die Auswertungen zeigen, dass insbesondere technologische/mediale Motive (der Wunsch Radio zu machen, niedrige Einstiegshürden, Interesse an der Technologie), inhaltliche Motive (starke Affinität zum Thema, Wunsch eine Nische zu füllen) und persönliche Motive (Spaß an der Aktivität, Möglichkeit zur Selbstdarstellung und zum Erlernen neuer Fertigkeiten) ausschlaggebende Gründe zur Initiierung eines eigenen Podcasts sind.34 Die Motivation, die Tätigkeit fortzusetzen, ist dagegen primär interpersoneller Art (die Resonanz der Hörerschaft und die Eingebundenheit in eine Gemeinschaft).35 Hinsichtlich der demographischen Charakteristika erweist sich die Gruppe der unabhängigen PodcasterInnen als überwiegend männlich, im Alter von über 35 Jahren mit einem hohen Bildungsgrad und professionellen beruflichen Hintergrund.36 Für Mark- 28 Vgl. ebd., 26 für eine Übersicht der Sendemodi. 29 Mocigemba 2006, 25. 30 Ders./Riechmann 2007. 31 Ders. 2007, 71. 32 Ders. 2008. 33 Markman 2012, 555. 34 Vgl. ebd., 555 ff. 35 Vgl. ebd., 557 ff. 36 Vgl. ebd., 553 ff. Die Ergebnisse decken sich damit weitestgehend mit denen aus dem Bereich der Publikumsforschung. 18 man entspricht die Gruppe der unabhängigen Podcaster damit den Charakteristiken der sogenannten Pro-Ams, womit sie das Phänomen Podcasting (mit theoretischen Bezug auf Henry Jenkins) in den Kontext einer partizipativen und konvergenten Kultur stellt und das Medium als ein Beispiel von user-generated content begreift.37 In einer Folgestudie, die Markman zusammen mit Caroline E. Sawyer zwei Jahre später durchgeführt hat, ließen sich diese Ergebnisse erneut bestätigen, „indicating a growing consensus that independent podcasting is dominated by a group of plugged-in, educated, older, male professionals, many of whom are working at making podcasting a full-time enterprise“.38 Mélanie Millette (2011) hat des Weiteren in einem etwas kleineren Rahmen eine Fallstudie zur Gruppe der unabhängigen PodcasterInnen in Montreal durchgeführt, in der sie den Fokus auf die sozio-kulturelle Dimension legt. Wie auch Markman und Sawyer setzt Millette Podcasting in theoretischen Bezug zu Konzepten der konvergenten, partizipativen Kultur.39 Ihre zentrale These ist „that independent audio podcasting is a specific form of online participation, with its own subcultural logic and a unique ‚style‘ that is completely different from the institutional and traditional radio model“.40 Dieser letzte Aspekt Millettes berührt die nächste Kategorie an Forschungsarbeiten, die Podcasting in Anlehnung an das Medium Radio untersuchen und diskutieren. Beim Aufkommen neuer Medien besteht die verlässlich wiederkehrende Tendenz, diese mit Rückgriff auf alte, ihnen verwandte Medien zu beschreiben und zu fassen. Das gilt auch für Podcasting, für das vorrangig das Radio den Bezugspunkt darstellt, von dem ausgehend es vielfach definiert und diskutiert wurde und wird. Insbesondere Brechts Radiotheorie und dessen populäre Forderung, der Rundfunk möge sich von einem Distributions- zu einem Kommunikationsapparat wandeln,41 wird in einem Großteil der Publikationen als Referenz herangezogen. Podcasting birgt in den Augen vieler AutorInnen das Potential, dem Brecht'schen Postulat schließlich nachkommen zu können, insofern HörerInnen zu SenderInnen werden und in Interaktion miteinander treten. Thomas Pleil (2007), der Podcasting in die Tradition des Offenen Kanals und der Freien Radios der siebziger und achtziger Jahre stellt, sieht jedoch in der „Freude über die Verwirklichung Brecht’scher Utopien […] zunächst eine Freude an der Möglichkeit“42, insofern der theoretische Überbau, die kritische Haltung und der Duktus dieser Zeit in der aktuellen Podcastbewegung keine Rolle spielen würden. Auch Esther Dorn-Fellermann und Alexander Thieme (2011) sehen „das Versprechen 37 Vgl. ebd., 549. 38 Marman/Sawyer 2014, 33. 39 Vgl. Millette 2011, 7. 40 Ebd., 2. 41 Vgl. Brecht 1932, 129. 42 Pleil 2007, 179. 19 einer Umgestaltung des klassischen Radiodispositivs mit einem institutionellen Sender auf der einen und einer Masse von passiven Empfängern auf der anderen Seite im Brecht'schen Sinne von einem Distributions- zu einem Kommunikationsapparat“ 43 nicht eingelöst: Zum einen hat das ‚Private Podcasting‘ nicht die von den Pionieren erwartete Relevanz, zum anderen haben weder die Möglichkeit der Podcastproduktion noch die Freiheit ihrer Rezeption eine tatsächliche Veränderung des Rundfunksystems oder auch nur der Rundfunkinhalte mit sich gebracht.44 Aus Perspektive der Radioforschung kristallisieren sich vor allem zwei Kernfragen heraus: Ist Podcasting Radio? Und stellt Podcasting eine Bedrohung oder eine Chance für das etablierte Rundfunksystem dar? Einer der ersten, der diese Fragen zum Gegenstand seiner Forschung gemacht hat, ist Richard Berry. Er charakterisiert Podcasting anfangs als ein disruptives Medium, „one that has already forced some in the radio business to reconsider some established practices and preconceptions about audience, consumption, production and distribution“.45 Eine Einschätzung, die er zehn Jahre später neu justiert: „far from killing off radio, podcasting has had a positive impact, offering new opportunities for flexible listening, format innovation and revenue.“46 Podcasting wird hier als treibender Motor in der Entwicklung des Radios begriffen und ordnet sich damit in eine übergeordnete medienhistorische Perspektive ein, die sich in einer Vielzahl der Veröffentlichungen wiederfindet. Mit einem jeweils unterschiedlichen Fokus geht es im Kern stets um die Aushandlung der Frage nach dem Verhältnis zwischen Radio und Podcasting vor dem Hintergrund der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der beiden Medien. Menduni (2007) bettet Podcasting in eine Entwicklungsgeschichte von Audio im digitalen Raum ein und versteht es mit Blick auf die Zukunft des Radios als „mid-term technology, representing one of a number of possible ways for radio to face complex digital future“.47 Sterne et al. (2008) fokussieren dagegen vielmehr auf die Entstehungs- bzw. genauer auf die Begriffsgeschichte des Ausdrucks broadcasting. Ihrer zentralen These nach ist Podcasting nicht als Alternative zum Rundfunk zu begreifen, sondern als „a realisation of broadcasting that ought to exist alongside and compete with other models“.48 Die AutorInnen hinterfragen das häufig als Sinnbild für das Verhältnis zwischen Podcasting und Radio herangezogene David gegen Goliath-Narrativ, mit dem sich eine negative Konnotation des Rundfunks („as state-supported or for-profit, with 43 Dorn-Fellermann/Thieme 2011, 245. 44 Ebd., 257. 45 Berry 2006, 144. 46 Ders. 2016a, 664. 47 Menduni 2007, 16. 48 Sterne et al. 2008. 20 restricted access and wide dissemination“49) und eine entsprechende Aufwertung von Podcasting als emanzipatorisches Medium verknüpft. Diese vermeintliche Opposition gilt es in den Augen der AutorInnen aufzulösen: „If we free the term broadcasting from its corporate connotations and remember its longer history, then podcasting is not simply an outgrowth of blogger culture, but rather part of a much longer history of dissemination.“50 Aktuellere Publikationen, die bereits auf über ein Jahrzehnt Podcast-Geschichte zurückblicken können, stellen keine grundlegend neuen Fragen, kommen im Hinblick auf eine rasante Entwicklung des Mediums jedoch zu anderen Einschätzungen und Thesen. Tiziano Bonini konstatiert beispielsweise in einem 2015 erschienen Aufsatz den Eintritt des Mediums in eine zweite Entwicklungsphase. Ihm zufolge lässt sich die Geschichte von Podcasting als eine Entwicklung von einem Amateur- und Nischenmedium hin zu einem kommerziellen Massenmedium beschreiben: „from narrowcasting to broadcasting.“51 Dabei zieht er, wie auch Sterne et al., Parallelen zur Entstehungsgeschichte des Radios. Die erst genannten AutorInnen zielen mit der Rückbesinnung auf die Anfänge des Radios jedoch auf die Wiederbelebung des demokratisch-emanzipatorischen Potenzials und eine Erweiterung des aktuellen, engen Verständnisses von broadcasting. Demgegenüber wiederholt Podcasting Bonini zufolge schlicht die Radiogeschichte: „podcasting is becoming (commercial) broadcasting.“52 Von einem nach wie vor bestehenden Interesse am Medium auf Seiten der Radioforschung zeugt die 22. Ausgabe des Journal of Radio & Audio Media (2015) zu den ‘Golden Years of Audio’, die unter dem Symposium-Titel Podcasting: A Decade in the Life of a ‘New’ Audio Medium Aufsätze mit ganz unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtungen versammelt. Darunter u.a. die Untersuchung der Frage „how an informal network of Black podcasters […] functions as a contemporary digital iteration of enclaved Black social spaces“53; eine Analyse der Funktionsweise populärer Podcast-Apps;54 eine Einordnung der Erfolgsserie Serial im Kontext der Podcastgeschichte;55 und eine Klassifizierung von Podcasts als Reproduktionen alter Radioformate am Beispiel des Podcasts Welcome to Night Vale.56 Inwiefern oder ob es überhaupt sinnvoll ist, Podcasting innerhalb des Referenzrahmens Radio zu diskutieren, ist schließlich eine Frage, die der Podcastforschung eine mögliche neue Richtung weist. So reflektiert Berry über seine eigene 49 Ebd. 50 Ebd. 51 Bonini 2015, 27. 52 Ebd., 28. 53 Florini 2015, 209. 54 Vgl. Morris/Patterson 2015. 55 Vgl. Berry 2015. 56 Vgl. Bottomley 2015. 21 Arbeit: „My 2006 article profiled podcasting ‘as radio’. Whilst this offered a useful frame at the time with which to evaluate something new, we should now question whether that remains a useful approach.“57 Berry argumentiert, dass Podcasting spezifische und distinguierende Eigenschaften zukommen, die es rechtfertigen, es als eigenständiges Medium und nicht als Teil oder Variante des Radios zu begreifen. Ausgehend von einer ausführlichen Diskussion dieser Unterschiede (und Schnittpunkte) unterbreitet er den Vorschlag that in order to advance our scholarship on podcasting we could also consider it as something that is capable of being distinct from linear radio broadcasting and then investigate it further on its own terms. By changing the lens, we may be able to change the questions we ask and reach new conclusions about what podcasting really is.58 Berry behält in diesem Punkt m.E. nach recht. Podcasting ist als eigenständiges Medium zu fassen, dass sich unabhängig vom Referenzpunkt Radio analysieren und diskutieren lässt. Dem geforderten Perspektivwechsel wird die vorliegende Studie somit nachkommen. Podcasts finden in sehr diversen Bereichen Anwendung, entsprechend verschieden sind die wissenschaftlichen Disziplinen, die Podcasts zum Gegenstand der Forschung gemacht haben.59 Es finden sich beispielsweise Publikationen, die die Rolle des Mediums im Gesundheitswesen,60 in der Unternehmenskommunikation,61 in der Vermittlung religiöser Inhalte62 oder im Bereich der Fan-Kultur63 untersuchen. Auch konkrete Podcasts oder Podcastgenres sind Gegenstand von Forschungsarbeiten geworden.64 Den größten Anteil bilden Veröffentlichungen zur Rolle des Mediums als didaktisches Lern- und Lehrmittel im Bildungswesen. Darunter finden sich Arbeiten, die sich ganz allgemein mit dem Einsatz des Mediums in der Hochschulbildung und dessen Implikationen befassen65 oder sich auf ein spezielles Unterrichtsfach bzw. eine Disziplin oder ein spezifisches Fachthema fokussieren.66 Außerdem gibt es eine ganze Reihe an Publikationen, die das didaktische Potenzial des Mediums beim Erlernen von (Fremd-)Sprachen 57 Berry 2016a, 665. 58 Ders. 2016b, 20. 59 Vgl. zu den verschiedenen Einsatzgebieten von Podcasting u.a. Pleil 2007 und Mocigemba 2006. 60 Vgl. exemplarisch Dobbins 2017; Turner-McGrievy/Kalyanaraman/Campbell 2013. 61 Vgl. exemplarisch Huber/Matthes/Stenneken 2008; Bunn 2009. 62 Vgl. exemplarisch Swanson 2010. 63 Vgl. exemplarisch Diffrient 2010; Salvati 2015. 64 Vgl. exemplarisch Hancock 2016. 65 Vgl. exemplarisch Fernandez/Simo/Sallan 2009; Lonn/Teasley 2009; McGarr 2009. 66 Vgl. exemplarisch Alegi 2012; Cho/Cosimini/Espinoza 2017; Swan/Hofer 2009. 22 untersuchen.67 Und schließlich haben sich einige AutorInnen mit der Rolle von Podcasting für die Wissenschaftskommunikation bzw. innerhalb des Wissenschaftsbetriebs befasst. Birch und Weitkamp (2010) untersuchen z.B. anhand von fünf populären Wissenschaftspodcasts die Frage, inwiefern das Medium Anreize für themenbezogene Diskussionen auf den an die Podcasts gekoppelten Blogs und Foren schafft und inwieweit sich diese Diskussionen auf das Hörerlebnis auswirken. Picardi/Regina (2008) geben einen Überblick über das Feld der Wissenschaftspodcasts und diskutieren deren Potenzial vor allem mit Blick auf die interaktive Komponente des Mediums. Hu (2016) hebt insbesondere auf die Synergieeffekte ab und zeigt, inwiefern das eigene wissenschaftliche Arbeiten von der Praxis des Podcastens profitieren kann. Fox und Llinares (2016) bringen Form und Inhalt direkt zusammen, indem sie die Frage nach den medienspezifischen Potenzialen von Podcasting als Form wissenschaftlichen Arbeitens in einer Podcast-Episode diskutieren und dabei gleichfalls ihr eigenes Tun reflektieren. Das für die vorliegende Untersuchung interessante Anwendungsfeld ist das der Politik. In einem Großteil der bislang aufgeführten Forschungsarbeiten ist eine politische Dimension auf das Phänomen Podcasting grundlegend gegeben: Podcasting wird im Sinne einer Anwendungsform des Web 2.0 als partizipatives Graswurzel-Medium konzeptualisiert, in die Tradition der Freien Radios gestellt oder als Erfüllung Brecht scher Träume diskutiert. D.h., ein Großteil der Veröffentlichungen hebt mehr oder weniger explizit auf die demokratischen Potenziale des Mediums ab. Über diesen politischen Grundton hinaus, lassen sich einige Arbeiten eigens herausgreifen, die einen konkreteren Bezug zum politischen Feld herstellen. Bei Mocigemba und dessen herausgearbeiteten Typologie von Sendemodi er- öffnet sich mit dem Sendemodus des Rebellen eine politische Dimension auf den Gegenstand Podcasting.68 PodcasterInnen, die diesem Typus zuzuordnen sind, verstehen Podcasten als eine Form des politischen Handelns und der Emanzipation: „Der Rebell stellt die Praxis seines eigenen Sendens in einen sozialen und politischen Kontext und versteht sein Podcasten als Protest gegen die etablierten Medien und dabei vor allem das Radio.“69 Das politisch motivierte Podcasten ist für Mocigemba demnach mit den Begriffen und Konzepten der Graswurzelkommunikation, der virtuellen Speaker’s Corner, des Piratenradios oder des bürgerschaftlichen Engagements zu fassen. Dabei ist bereits „die Wahl des Mediums symbolisch als politische Stellungnahme“70 zu verstehen. Die Studie von Chadha et al. (2012) richtet den Blick auf die sozialgesellschaftliche Bedeutung von Podcasts und deren Effekt auf die NutzerInnen, indem 67 Vgl. exemplarisch Naidionova/Ponomarenko 2018; Schmidt, J. 2008; Kim 2009. 68 Vgl. Mocigemba 2006, 20-22 sowie Mocigemba 2007, 66-68. 69 Ders. 2006, 20. 70 Ders. 2007, 67. 23 sie den Zusammenhang zwischen Podcastnutzung und der politischen Partizipation der HörerInnen untersucht. Den Ergebnissen zufolge wirkt sich Podcasting förderlich auf das politische Engagement der RezipientInnen aus, online sowie offline. The podcast use variable was a significant predictor of an individual’s online and offline political participation. […] there is a positive relationship between podcast use and political participation. Simply put, a podcast user is likely to participate in political activities – online and offline – that are important for a functioning democracy.71 Philipp Niemann (2007) befasst sich in einem kurzen Abschnitt seiner Studie mit dem Podcast-Angebot der Fraktion Die Linke mit dem Ergebnis, dass „hinsichtlich der Präsentation der Inhalte im Podcast selbst […] die Fraktion ‚Die Linke‘ nahtlos an das anknüpft, was schon zuvor von ihr in den klassischen Medien betrieben wurde und auch in diesem Bereich keinerlei revolutionäre Ambitionen hat“.72 Die Auseinandersetzung mit dem Podcastangebot der Partei steht dabei im Kontext seiner Evolutions-These, der nach Podcasting keinen revolutionären, sondern evolutionären Charakter inne hat. Auf der politischen Bühne bekam das Medium Podcasting in Deutschland erstmals durch den vom Podcastverband e.V. organisierten Podcast-Thementag unter dem Motto ‚Wir sind die Sender‘ zur vorgezogenen Bundestagswahl 2005 eine breitere Aufmerksamkeit. Diese Veranstaltung hat Eingang in verschiedene Forschungsartikel gefunden.73 Aus dezidiert politikwissenschaftlicher Perspektive diskutieren Erik Meyer und Christoph Bieber (2005) die Veranstaltung zum einen als eine neue Form politischer Öffentlichkeit bzw. als Veranstaltungsöffentlichkeit. Zum anderen beleuchten sie Podcasts als neues Instrument im Online-Wahlkampf der PolitikerInnen, sprich als Medium der Wahlkampfkommunikation. Eine ausführlichere Erörterung der öffentlichkeitstheoretischen Einordnung von Podcasts (wie auch Weblogs) als Veranstaltungsöffentlichkeiten erfolgt zudem in Bieber (2006). Der Artikel diskutiert, inwiefern das Medium den Kriterien dieser Öffentlichkeitsebene entspricht und hebt – vor dem Hintergrund der Diskussion um eine zunehmende Fragmentierung der Öffentlichkeit – auf das Re-Integrationspotenzial dieser neuen Formen der Online-Kommunikation ab.74 71 Chadha et al. 2012, 397. 72 Niemann 2007, 105. Dabei bleibt eine Diskussion, inwiefern sich dieses Medienangebot überhaupt als Podcast qualifiziert – da es sich offensichtlich um eine bloße Weiterführung bereits bestehender multimedialer Formate unter anderem Namen (‚Podcast‘) handelt – leider aus. 73 Vgl. u.a. Lösers/Peters 2007, 145 sowie Pleil 2007, 179. 74 Vgl. Bieber 2006, 64.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Medium Podcast hat im Laufe der letzten Jahre einen erneuten Aufschwung erlebt und seinen Weg breitenwirksam in die mediale Öffentlichkeit gefunden. Die vorliegende Studie befasst sich mit dem in der Forschung bislang kaum behandelten Gegenstand der Politik-Podcasts und bewegt sich damit an der Schnittstelle von Medien- und Politikwissenschaft. Vor dem Hintergrund öffentlichkeitstheoretischer Ansätze werden Podcasts als Raum politisch-medialer Kommunikation verstanden und diskutiert. Wie werden politische Inhalte im Medium Podcast präsentiert und verhandelt und wie wird dadurch politische Öffentlichkeit hergestellt? Dabei wird die These vertreten, dass Podcasts als Netzmedium und nicht allein als auditives Angebot zu konzeptualisieren, sprich im Kontext einer internetbasierten Medienumgebung zu verorten sind. Im Zuge eines genetisch-historischen Zugriffs wird der strukturelle Wandel des Mediums von seinen Anfängen als Amateur- und Nischenmedium hin zu seinem gegenwärtigen Status als kommerzielles Massenmedium nachvollzogen. Die Studie gibt außerdem einen systematischen Überblick zum politischen Podcast-Angebot in Deutschland, aus dem der Podcast Lage der Nation – der Politik-Podcast aus Berlin für eine konkrete empirische Analyse herausgegriffen wird.