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Maria Becker

Begegnung im Niemandsland, page I - XX

Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4326-4, ISBN online: 978-3-8288-7269-1, https://doi.org/10.5771/9783828872691-I

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Maria Becker Begegnung im Niemandsland Maria Becker Begegnung im Niemandsland Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen Tectum Verlag Maria Becker Begegnung im Niemandsland. Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 ePDF 978-3-8288-7269-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4326-4 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: © Gabriele Rau Alle Rechte vorbehalten Informationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Für Jan-Peter, Sonja, Andy, Regid, Rolf, Nihaya, Martin, Sabine und Uta, mit denen gemeinsam ich viel gelernt habe. Dank Dieses Buch hätte ich ohne die Unterstützung anderer Menschen nicht schreiben können. Ihnen allen möchte an dieser Stelle ausdrücklich danken. Dietmut Niedecken hat die Ideen und Gedanken, die in diesem Buch vorgestellt werden, von Beginn an ermutigend und verstehend unterstützt. Dies ermöglichte mir, sie trotz der sie bestimmenden Schwierigkeiten und Widersprüchlichkeiten durchzuhalten und konzeptionell auszuführen. Mit Hilfe der Begleitung von Dagmar Hirsch gelang es mir nach und nach, mich dem Niemandsland in mir zu stellen. Ohne diesen Prozess wäre es mir unmöglich gewesen, das in der Beziehung zu den schwerbehinderten Menschen bestimmend werdende Niemandsland aushalten und verstehen zu können. Die Auseinandersetzungen mit Karl-Josef Pazzini waren ein herausfordernder Widerpart in der Ausformulierung des eigenen Standpunktes. Die Bestärkung und Ermutigung, die ich von meinen Freundinnen und Freunden erfahren habe, die auch in der kritischen Lektüre und Diskussion teilweise umfangreicher Manuskript-Abschnitte bestand, waren mir von Beginn an sehr wichtig. Hier möchte ich vor allem Hans- Peter Splittler-Massolle, Barbara Dehm-Gauwerky, Rolf Hemlep, Florence Karres, Roswitha Düsterhöft und Peter Roesler-Garcia nennen. Karl-Heinz Klären war mir eine große Hilfe, da er sowohl das Manuskript der Dissertation wie das des vorliegenden Buches in sorgfältiger Weise auf sprachliche Mängel hin Korrektur gelesen hat. Ganz besonders möchte ich meiner Lebenspartnerin Gabriele Rau danken, nicht nur für ihr kritisches Verständnis, das sie der jahrelangen Arbeit an diesem Buch entgegenbrachte, sondern vor allem auch für die VII Unterstützung und herausfordernde Bestätigung, die ich in der Beziehung zu ihr gefunden habe. Maria Becker Dank VIII Vorwort Das Buch, das hier von Maria Becker vorgelegt wird, kenne ich von seinen ersten Anfängen an und habe dessen langen und schwierigen Entstehungsprozess zuzeiten intensiv, zuzeiten wohlwollend-kritisch von ferne begleitet. Von Anfang an war ich überzeugt, dass die hier vorgestellte Arbeit der Öffentlichkeit unbedingt zugänglich gemacht werden sollte. Der Idee zu dem Buch ging eine Supervision voraus, die Maria Becker im Rahmen ihres Musiktherapie-Studiums und auch noch darüber hinaus bei mir nahm. Wenn sie in ihren Stunden von Jens, von Anna oder auch von anderen schwermehrfachbehinderten Menschen und ihrer Arbeit mit ihnen erzählte, fühlte ich mich oft, als wohnte ich einem Akt von ungeahnter Innigkeit und Zartheit bei, als sei ich unvermittelt in einem Heiligtum gelandet, in welchem ich Zeugin einer tiefen Menschlichkeit, aber zugleich auch von äußerster Verzweiflung und Beziehungslosigkeit wurde. Damals schon war meine Bewunderung für die Fähigkeit Maria Beckers groß, sich in solcher Weise auf Menschen einzulassen, die dazu prädestiniert erscheinen, einfach nur „aussortiert“ zu werden. So war ich denn auch sehr froh, als sich die Gelegenheit ergab, dass diese Arbeit hier in der Reihe „Beiträge zur Integration“ erscheinen konnte. Es ist ein langer und schwieriger Prozess, auf den Frau Becker sich eingelassen hat – zunächst in der Arbeit mit ihren PatientInnen und sodann noch einmal in dem Prozess des Schreibens, in dem Versuch, das kaum Fassbare, welches sie erlebt hat, in eine Sprache zu bringen, die für Außenstehende deutlich macht, was diese Arbeit bedeutet und was sie daraus gelernt hat, was wir alle daraus lernen können und sollten. Eine Vorform dieses Buches legte Maria Becker als Dissertation vor. Diese Vorform war noch so schwer zugänglich, dass ich große Zweifel hatte, ob je mehr als ein paar Experten davon etwas würden lernen können. Umso bewundernswerter erscheint mir, dass die Autorin nun, noch einmal zwei Jahre nach der Promotion, ein Buch vorlegt, IX das zwar nicht etwa als leichtgängige Lektüre bezeichnet werden kann, das aber auf durchaus zugängliche Weise die therapeutischen Prozesse und deren soziokulturelle Voraussetzungen darstellt. Dadurch wird uns ermöglicht, Einblick zu gewinnen, und dies muss zuallererst Bewunderung auslösen – für die Einfühlung, das Beharrungsvermögen und die Bereitschaft der Autorin, sich in ganzer Person Menschen zur Verfügung zu stellen, die dies auf existentielle Weise brauchen, ohne je eine Chance zu haben, das, was sie brauchen, auch aktiv einfordern zu können. Über die Bewunderung können wir freilich, von der Autorin geleitet, hinausgehen; mit ihren differenzierten theoretischen Ausführungen nimmt Maria Becker uns an die Hand und zeigt uns, was in solcher Arbeit geschieht, dass es lehrbar und lernbar ist, aber auch, dass dieses Tun einen Lernprozess von kultureller Tragweite mit sich bringt. Es mag auf den ersten Blick verwunderlich, vielleicht gar befremdlich erscheinen, dass ausgerechnet die Arbeit mit Menschen, die der Sprache nicht im Geringsten mächtig sind, zu ihrem Verständnis höchst komplexe Gedankengänge und weit in die Kulturtheorie ausgreifende Reflexionen erfordert. Im Verlauf des Buches wird dieses verständlich werden – die Komplexität der Gedanken spiegelt wider, was Maria Becker als eine Folge des von ihr so genannten „Rationalen Mythos“ erkennt und beschreibt. Der „Rationale Mythos“ grenzt – dies wird im Buch in vielerlei Weise gezeigt – Erfahrungsbereiche aus, die für unser aller Sein und Erleben zwar konstitutiv sind, die aber sich aufgrund ihrer dyadischen Struktur einer sprachsymbolischen Formulierung sperren müssen. Nachdem ich selbst in „Namenlos. Geistig Behinderte verstehen“ gezeigt habe, wie vermittels phantasmatischer Zuordnungen ein Reich des Ausgegrenzten eingerichtet wird, welches ich die „Institution Geistigbehindertsein“ genannt habe, können die Darstellungen Maria Beckers darüber hinausgehen und deutlich machen, wie diesen Institutionalisierungsprozessen das kulturelle Muster der Subjekt-Objekt-Trennung zugrunde liegt. Diese verabsolutiert sich, indem sie alle diese Trennung aufhebenden Erfahrungen ins Aus drängt – und zwar auf Kosten all jener Menschen, die sich aufgrund ihrer Lebensumstände nie als Subjekte von ihrer Objektwelt absetzen können. Ein solches Erleben kann in der Subjekt-Objekt-Trennung nicht gedacht werden. Damit muss jede sprachliche Annäherung an solche Er- Vorwort X fahrung die Anstrengung unternehmen, die Quadratur des Kreises zu konstruieren. In der letzten Phase der Arbeit Maria Beckers an ihrem Buch ereignete sich eine befremdliche und zugleich sehr bezeichnende Fehlleistung. Sie pflegte mir in dieser Zeit ihre jeweils überarbeiteten Kapitel per E-Mail-Anhang zu schicken, damit ich sie noch einmal lesen könne. Eines Tages fand ich in einem solchen Attachment einen Text, der mir auf eine erschreckende Weise fragmentiert, zugleich größenwahnsinnig-überladen, dabei ohne jede Konsistenz, ohne jeden roten Faden erschien. Beim Lesen machte ich ein Wechselbad an Gefühlen durch – Wut: war es doch eine mir unerträgliche Zumutung, dass ich etwas derart Inkonsistentes und Unverständliches zum Lesen vorgelegt bekam – Panik: hatte ich doch dieses Buch den Herausgebern der Reihe empfohlen – Scham: hatte ich zudem Maria Becker bereits versprochen, ein Vorwort zu schreiben – Mitleid: erschien mir Maria Becker doch nun als eine Art Behinderte mit intellektuellem Größenwahn. Der Gedanke, mein Name sollte mit dem grotesken Produkt einer derart „Verrückten“ in der Öffentlichkeit in Verbindung gebracht werden, ja, ich sollte noch öffentlich solchen „größenwahnsinnigen Schwachsinn“ (wie mir das Geschriebene erschien) als „aus meiner Schule stammend“ vertreten, war mir aufs Äußerste peinlich. Insgesamt fühlte ich mich zuinnerst angegriffen, und da ich mich aus meinem Vorwort- Versprechen nicht herausstehlen konnte (wie ich es gerne getan hätte), entstand in mir das Bedürfnis, die Autorin zu gängeln, den Text zurechtzustutzen, nach meinen Vorstellungen zu gliedern, ja völlig umzuschreiben, damit ich mich mit ihm nicht hoffnungslos in der Öffentlichkeit kompromittieren würde. Bei all diesen heftigen Phantasien verlor ich völlig das Vertrauen in Maria Becker, deren Denkschärfe und Ausdrucksfähigkeit mir doch eigentlich seit langen Jahren bekannt war. Plötzlich erschienen mir auch die anderen Texte, deren überarbeitete Version ich vorliegen hatte, fragwürdig, ich konnte mit ihnen nichts mehr anfangen, aller Sinn schien mir zusammenzubrechen. Es stellte sich bald heraus, dass der Anhang ein falscher war, dass Maria Becker mir anstelle einer anderen versehentlich eine Datei geschickt hatte, in welcher sie allerlei Bruchstücke aus den einzelnen Kapiteln des Buches, angefangene Gedanken, die sie dort nicht weiterver- Vorwort XI folgen konnte, kleine Exkurse etc., einfach wahllos abgespeichert hatte, sozusagen als Notizensammlung, in der Überlegung, das derart Ausgeschlossene könne eines Tages doch im Ganzen noch seinen Sinn finden. Die Heftigkeit meiner Reaktion mag wohl verwundern. Sie zeigt mir – im Nachhinein –, mit welcher Gegenübertragung ich auf den Gegenstand dieses Buches reagierte; wie leicht ich zu verwickeln war in eine Interaktion, die sehr viel Ähnlichkeit hat mit der affektiven Situation von Menschen, die sich mit einem Gegenüber – ihrem Kind, ihrer PatientIn, Betreuten – in einer unauflösbaren, aber für sie unverständlichen und aufs Äußerste beängstigenden Interaktion finden, einer Interaktion, die durch nichts Gemeinsames, Haltendes, durch keine soziokulturelle Selbstverständlichkeit mehr getragen zu werden scheint und quasi aus dem Nichts heraus blindlings Strukturen schaffen muss. Fluchtpunkt des Buches ist nun genau die Hoffnung, die Maria Becker mit jener mir irrtümlich gesendeten Datei verband: dass das fragmentierte, sinnlos scheinende, unbrauchbare Ausgeschlossene eines Tages doch noch im Ganzen seinen Sinn finden werde. Um dieses Ziel ringt sie in diesem Buch mit jedem Satz. Wer liest, wird dieses Ringen mitvollziehen müssen, und dies wird nicht immer einfach sein, intellektuell nicht und insbesondere emotional nicht. Wer liest, wird jedoch auch an der Hoffnung und der Menschlichkeit Anteil haben, die das ganze Buch durchziehen und es zu einer zutiefst bewegenden Lektüre machen. Hamburg, im Dezember 2001 Dietmut Niedecken Vorwort XII Vorwort zur zweiten Auflage Das Buch ‚Begegnung im Niemandsland‘ ist ohne Zweifel keine leicht verdauliche Kost. Für die allermeisten Menschen ist die Begegnung und Konfrontation mit schwermehrfachbehinderten Menschen schockierend, werden wir doch unmittelbar dessen eingedenk, wieweit das Menschsein reicht. Diesen Schrecken zu verstehen, ihn von seiner überwiegend negativen Konnotation zu befreien und in seiner kreativen Kraft offenzulegen, ist Anliegen dieses Buches. Damit stehe ich nicht allein. Schon der Naturforscher de Saussure (18.Jahrhundert) beschrieb diesen Schrecken, als er auf seinem Weg durch die Alpen auf Menschen stieß, deren Erscheinung er dem Kretinismus zuordnete: „Ich verließ diesen Ort mit einer Art von Schrecken und Traurigkeit, welche sich niemals aus meinem Gedächtnis verlieren wird.“ (de Saussure, H. 1788 S. 234) Die sehr unangenehme Empfindung, die ihr Anblick bei ihm hervorrief, führte er auf „gekränkte(n) Eigenliebe (zurück, MB ), welche [… ] durch den Gedanken, zu der gleichen Klasse von Wesen zu gehören, und vielleicht auch selbst in diesen traurigen Zustand versetzt werden zu können, hervorgebracht wird.“ (ebenda) Gekränkte Eigenliebe als eine der Ursachen des Schreckens ist eng verbunden mit einer eingeschränkten Weltsicht. So bilanziert Inge Jens die Erfahrung der Begleitung ihres an Demenz erkrankten und darin auf das Kreatürliche, auf Stimmungen und Affekte reduzierten Mannes: „Und das ist das große Erlebnis für mich: bis zu welchen Tiefen ein Mensch ein Mensch bleibt“ (Jens, 2016, S. 108). Sich dem Schrecken zu stellen kann unsere Vorstellung vom Leben und vom Menschsein erweitern. Das Leben der von schwerster Behinderung betroffenen Menschen kontrastiert diametral die Vorstellung vom Menschen, die die westeuropäisch-amerikanische moderne Gesellschaft prägt. Diese beruht auf Autonomie, Machbarkeit und Kontrolle und hieraus beziehen wir bis in die Tiefen unserer Identität Schutz für alle Unwägbarkeiten des Lebens. Das führt dazu, dass Menschen, die diesem Bild nicht entspre- XIII chen, nicht entsprechen können und damit unser Selbstverständnis und unsere Sicherheit infrage stellen, in ganz spezifischer Weise ausgegrenzt werden: Ihr Leben muss als nicht lebenswert erscheinen. Insofern ist dieses Buch in allererster Linie für die Betroffenen und ihr Umfeld geschrieben: für Eltern, Angehörige und pädagogisch-therapeutische MitarbeiterInnen der Einrichtungen, die sich um ein menschenwürdiges Leben der von schwerer Behinderung Betroffenen bemühen. Diese sind in ihrem Bemühen oft mit heftigsten Empfindungen direkt konfrontiert, für die sie einen Umgang finden müssen, der ihnen in ihrer Arbeit, ihrem Zusammensein hilft. Inzwischen gibt es zwar eine Reihe unterstützender pädagogisch-therapeutischer Konzepte. Dennoch wird den eigenen Empfindungen nichtbehinderter Beziehungspersonen häufig immer noch kein Wert zugestanden. Und das erschwert in hohem Maß, die Beziehung zum schwermehrfachbehinderten Menschen ernst zu nehmen als eine Beziehung zu einem Gegenüber auf Augenhöhe. Die Begegnung mit Menschen mit schwerer Behinderung ruft neben Mitgefühl, Schmerz und Traurigkeit oft heftigste Abwehr bis hin zu Tötungsphantasien hervor. ‚Wäre es nicht besser, er oder sie hätte den Unfall, die Krankheit etc. gar nicht überlebt?‘ ‚Was ist ein solches Leben wert?‘ Diese Gedanken werden entweder für bare Münze genommen oder sie sind, da sie als individuelle Reaktion erfahren werden müssen, schwer schuld- und schambehaftet. Die Betroffenen werden darin jedoch zum Agenten gesellschaftlicher Abwehr. Die Euthanasiebestrebungen der Vergangenheit wirken darin ebenso weiter wie das immer prägnantere Selbstverständnis moderner Euthanasie. Die Gleichsetzung von Menschsein mit autonomer Selbstbestimmung als Herr über Leben und Tod wird als Rechtfertigung nicht nur u. a. für die zunehmend differenziertere pränatale Diagnostik wie auch für genetische Eingriffe herangezogen. Diese Gleichstellung lässt bei drohender oder eingetretener körperlich/geistig gravierender Abhängigkeit die Legalisierung von Selbstmord und Tötung auf Verlangen als logische Folge erscheinen. Demgegenüber möchte ich zeigen, dass es möglich ist, inmitten des Schreckens das Menschsein im Eigenen und im Gegenüber neu zu entdecken, ein Menschsein, das nicht auf einem Entweder-Oder, sondern auf einem Sowohl-als Auch basiert. Dies setzt voraus, unser herkömmliches Denken und die darauf fußende Vorstellung vom Mensch- Vorwort zur zweiten Auflage XIV Welt-Verhältnis infrage zu stellen. In Denken und Sprache ist die Vorstellung des Subjektseins als Erstes ebenso wie das Selbstverständnis der Innen-Außen-Trennung gewissermaßen implantiert. Beide Erlebensformen sind jedoch im Zuge eines frühen störanfälligen Entwicklungsprozesses individuell wie gesellschaftlich entstanden und durchaus nicht alternativlos, wie ein Blick auf andere Kulturen zeigt. Das Bemühen, Erlebensformen, die sich dem Subjekt-Objekt-Denken sperren, einem nachvollziehbaren Verständnis zuzuführen, ist aber unabdingbar, wenn es darum geht, die Selbstverständlichkeit des Daseinsrechtes von Menschen anzuerkennen, die sich aufgrund von Beeinträchtigungen nicht als Subjekte behaupten können. Das erfordert auch, eigene Erlebensformen nicht auszublenden, die unser Selbstbewusstsein als autonom infrage stellen könnten. Diese Ausblendung leistet – wie ich im Buch ausgeführt habe – der Rationale Mythos, mit dem Rationalität am Bewusstsein vorbei der Abwehr all dessen dient, was mit tiefer Ohnmacht und Abhängigkeit einhergeht und große Ängste hervorrufen könnte. Die Übermacht des Denkens im Rationalen Mythos – unsere Denkfähigkeit – infrage zustellen, ruft tiefe Abhängigkeitsängste hervor. Denn es geht um ein wenig gesellschaftlich abgestütztes Denken in ein Nichts hinein. Der Abwehr dieser meiner existentiellen Ängste dienten die intensiven Denkbemühungen, die in diesem Buch nachzuvollziehen sind. Mit den intensiven Denkbemühungen wird spürbar, wie bedrohlich das Nichts des Nicht-Denken-Könnens ist, gegen das der moderne Mensch sich zu behaupten sucht. Diese Nichts erschließt sich in seinen filigranen Strukturen, wenn in einer vertieften Selbstreflexion die Selbstverständlichkeit des Rationalen Mythos fraglich und damit die kreative Kraft deutlich werden kann, die Wissenschaft und Kunst fundiert. So ermöglicht es die Musik und ein vertieftes Verständnis ihrer Komplexität, jenes sinnliche Feld zu entdecken, in dem Halt zu finden ist, ein Feld, das unser Sein fundiert ebenso in Zeiten der Autonomie wie auch in Zeiten der Abhängigkeit. In Musik – wie in Kunst überhaupt, aber in besonderer Weise in Musik – läuft jene Spur mit, die unser Leben als Subjekte trägt und fundiert. Dieses musikalische Feld erweist sich als unzerstörbarer Halt, in dem Schrecken und Hoffnungslosigkeit gehalten sind, sodass die scheinbare Selbstverständlichkeit der Gleichsetzung von Hoffnung und Erfolg aufgebro- Vorwort zur zweiten Auflage XV chen wird. Freude und Hoffnung können sich da zeigen, wo sie nicht zu erwarten sind. Der Komplexität des Textes ist in emotionaler wie rationaler Sicht die Mühsal zu entnehmen, die es bedeutet, in solch ein Nichts hinein weiterführende Gedanken zu entwerfen, um ein Verstehen abzusichern, das nicht im Herkömmlichen abgesichert ist und das sich dort zugleich behaupten muss. In dieser zweiten, im Wesentlichen unveränderten Auflage habe ich nur Kleinigkeiten in der formalen Darstellung verändert, so habe ich z.B. die verwirrende Vielfalt der Hervorhebungen etwas vereinheitlicht. Die theoretischen Exkurse sind nun thematisch gekennzeichnet. In den unverändert gebliebenen Falldarstellungen teilt sich weiterhin Verwirrendes mit. Denn sie sind nicht so wie üblicherweise gestaltet, dass sie den LeserInnen den therapeutischen Prozess nachvollziehbar machen. Entstanden als erster schriftlicher Entwurf nach Abschluss der therapeutischen Arbeit enthalten sie alle Ungereimtheiten, Brüche, Fehlerhaftes inhaltlicher wie formaler Art ohne jegliche Glättung. Sie sind Teil des therapeutischen Prozesses und lassen die LeserInnen mit allen darin enthaltenen Stolpersteinen daran anteilnehmen. Sie sind das Material, das der Untersuchung zugrunde liegt. Dieses methodische Vorgehen war notwendig, da die geschilderten Eindrücke aus dem Zusammensein mit einem Gegenüber herrührten, das sie weder verifizieren noch falsifizieren konnte. Im Sinne einer vertieften Selbstreflexion diente dieser methodische Schritt dazu, die ungehinderte Durchsetzung meiner Diskursmacht zu verhindern, damit das, was sich im Gedachten zeigt und daraus notwendigerweise ergibt, zum Ausdruck kommen und einem Verstehen zugänglich werden kann. Der manchmal kleinteiligen und schrittchenhaften Vorgehensweise des Buches liegt der Gedanke zugrunde, im theoretischen Nachvollzug die Argumentationslinien deutlich werden zu lassen. Dies ist für die LeserIn möglicherweise mühsam, erleichtert es aber, dem Verstehensprozess zu folgen. Zum Schluss möchte ich mich bei meinem Lektoren Sven Wagner für die Anregung zu diesem Vorwort bedanken. Er hat in respektvoller Mühe das Buch redigiert und mir viele wertvolle Anregungen gegeben, die es mir ermöglicht haben, mich diesem Text erneut zu nähern. Bei allem Schwerverdaulichen enthält dieses Buch Gedanken, die eine Vorwort zur zweiten Auflage XVI Sichtweise auf das eröffnen, was zum Leben gehört. Schwermehrfachbehinderte Menschen sind eine Bereicherung für uns. Wir sollten das Wagnis der Begegnung nicht scheuen. Hamburg, im Juli 2019 Maria Becker Vorwort zur zweiten Auflage XVII Inhaltsverzeichnis Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 1 Wer sind schwermehrfachbehinderte Menschen, wo und wie leben sie? . . . . . . . 4 Idee und Vorgehensweise des Buches. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Musik und Selbstentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Der Beginn der psychotherapeutischen Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 19 Die Interaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 43 Beschreibung des musiktherapeutischen Settings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Das in der therapeutischen Situation entstehende Klangmuster . . . . . . . . . . . . . . . . 46 Beschreibung des Interaktionsmusters. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Die vernichtende / vernichtete symbolische Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Die Besonderheit der musikalischen Improvisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 Die Besonderheit der Textart der Falldarstellungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Konzeption des fehlenden Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 Die Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen und das Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson: der Rationale Mythos . . 4. 87 Die Leiblichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Die totalitäre Interaktionsform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Der Rationale Mythos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Rationaler Mythos und Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 XIX Die Inszenierung des Konfliktes im therapeutischen Prozess in der Improvisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. 161 Was sind Wendungen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Die Bedeutung der Improvisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Mögliche Interpretation der Falldarstellungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes . . . . . . . . . .6. 217 Die Sicherung des Verstehens als Beschreibung / Entstehen einer Situation . . . . 219 Wendungen als das Entstehen einer Situation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Die Besonderheit des situativen Verstehens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7. 253 Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut . . . . . . . . . . . 301 Zusammenfassung – Ausklang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8. 315 Literaturliste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335 Inhaltsverzeichnis XX

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