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4. Die Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen und das Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson: der Rationale Mythos in:

Maria Becker

Begegnung im Niemandsland, page 87 - 160

Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4326-4, ISBN online: 978-3-8288-7269-1, https://doi.org/10.5771/9783828872691-87

Tectum, Baden-Baden
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Die Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen und das Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson: der Rationale Mythos Mit dem Begriff des fehlenden Selbst öffnet sich der Blick für die Struktur des Konfliktes, der der ‚Interaktionsform Schwermehrfachbehinderung‘ zugrunde liegt und der sich wie beschrieben in der therapeutischen Interaktion inszeniert hat. Diese Struktur bleibt unverständlich und unzugänglich, solange die Besonderheit, auf die sich der Begriff des fehlenden Selbst bezieht, unberücksichtigt bleibt: die Besonderheit einer spezifischen dyadischen Interaktionsform. Die Berücksichtigung dieser Besonderheit macht die im Begriff des fehlenden Selbst liegende Widersprüchlichkeit, mit der die beschriebenen Schwierigkeiten in der Interaktion erfasst werden sollen, als Folge eins Paradoxes nachvollziehbar und eröffnet Umgangsmöglichkeiten. Dyadische Qualität früher Beziehungen Der Begriff der Dyade bezeichnet einen charakteristischen Aspekt der sehr frühen Mutter-Kind-Beziehung. Er kennzeichnet deren Eigenschaft, dass sie nicht über ein Drittes (Spiel, Sprache) vermittelt wird, sondern durch den coenästhetischen „Empfang“. Dieser wird von René Spitz folgenderma- ßen beschrieben: „Der coenästhetische ‚Empfang‘, bei dem das Sensorium nur eine geringfügige Rolle spielt, findet auf dem Niveau der Tiefensensibilität und in ganzheitlicher Weise statt. Die Reaktionen, die durch diesen ‚Empfang‘ hervorgerufen werden, sind in gleicher Weise ganzheitliche Reaktionen, vergleichbar den viszeralen Reaktionen.“94 Die Ganzheitlichkeit coenästhetischer Wahrnehmung bezieht sich darauf, dass der Organismus des Säuglings als einheitliches System mit der Umwelt in ihren spezifischen Reizangeboten interagiert. „Zeichen, die der Säugling wahrnimmt, gehören folgenden Kategorien an: Gleichgewicht, Spannungen (der Muskulatur und anderer Organe), Körperhaltung, Temperatur, Vibration, Haut- und Kör- 4. 94 Spitz, R. (1957) S. 40; viszeral: die Eingeweide betreffend 87 perkontakt, Rhythmus, Tempo, Dauer, Tonskala, Nuance der Töne, Klangfarbe.“95 Dies sind Formeigenschaften und Wahrnehmungsmöglichkeiten jener anfangs beschriebenen dynamischen Bewegungsgestalten, in denen sich der Säugling im Bezug zur Umgebung als lebendig erlebt. Stern bezeichnet diese dynamischen Bewegungsgestalten als Vitalitätsaffekte. Diese Formeigenschaften markieren innerhalb der Dyade die Grenzlinie von Ich und Nicht-Ich, von Mutter und Kind. Das Kind reagiert organismisch auf diese Veränderungen in der Umgebung. Entsprechend den organismischen Empfindungen verhält sich das Kind in einer affektiv-senso-motorischen Weise: Es schreit, lächelt, schläft ein, wird starr, zappelt etc. Das Gelingen der Beziehung beruht auf der Fähigkeit der Beziehungspersonen, sich den Wahrnehmungsmodus des coenästhetischen Empfindens wieder zugänglich zu machen, der beim Erwachsenen vom diakritischen überlagert ist. Hierbei steht die Interpretation, Wahrnehmung und Deutung der eigenen Empfindungen im Mittelpunkt. Man lässt sich anstecken, induzieren, imitieren (als gemeinsamen Akt) etc. und deutet die dabei entstehende eigene sinnliche Empfindung hinsichtlich der Beziehung. Bion hat für diese Art der Einfühlung den poetischen Ausdruck träumerische Einfühlung96 gefunden. Diese Deutung ist kein analytisch-rationaler Akt. Die Empfindungen, Einfälle, Ideen, Wahrnehmungen werden aber durch diese Deutung einer rationalen Bearbeitung – und damit der Subjekt-Objekt-Differenzierung – zugänglich, anfangs ausschließlich in der Mutter. Die Mutter versteht, was das Kind braucht, und kann es ihm geben. In diese Beziehungsform tritt mit dem Wunsch etwas qualitativ Neues hinzu. Mit ihm wird die kindliche Erregung zum Trieb / Affekt organisiert, zum lustvoll gerichteten Drang, der sich auf ein Objekt bezieht. Der Wunsch wird in sinnlich-symbolischen Interaktionsformen erlebbare Realität, wenn sich das Kind im Spiel gewissermaßen seine Wünsche deuten kann. Die sinnlich-symbolischen Interaktionsformen als spielerischer Umgang mit Übergangsobjekten, mit denen sich eine erste Vermittlungsstufe etabliert, ermöglichen es, dass Kind und Mutter sich über etwas verständigen können. Gesten, Bewegungen und Laute fangen an, etwas zu bedeuten, wenn die Bedeutung auch (noch) nicht in Sprache aufgeht. Diese Möglichkeit ist in der Dyade angelegt. Denn die Mutter ist in ihren Reaktionen eben zugleich in der symbolvermittelten ‚Welt außerhalb‘ verankert und ist im günstigen Fall auch in ihrem Bezug zum Baby innerlich auf eine dritte Person – den Vater – bezogen. Dies erlaubt der Mutter, sich ihrem Unbewussten zu überlassen und sich damit auf die coenästhetische 95 Spitz, R. (1957) S. 41 96 Grinberg, L., Sor, D., Tabak De Bianchedi, E. (1993) S. 66. Bions Ausdruck dafür ist rêverie, der von Krejci „je nach Zusammenhang mit Träumereien, träumerischer Gelöstheit oder träumerischer Einfühlung“ wiedergegeben wird. (Bion, W. (1992) S. 22) 4. Der Rationale Mythos 88 Beziehungsform einzulassen. Die im Gelingen dieser Beziehungsform liegende tiefe Befriedigung ermöglicht Mutter und Kind, die verstörende Erfahrung der Getrenntheit und des Nicht-Verstehens auszuhalten. In dieser Zuversicht kann das Selbst des Kindes zu einer lebendigen, die Interaktionen gestaltenden erlebbaren Realität werden. Das Besondere der zuvor beschriebenen, durch ein fehlendes Selbst organisierten Dyade ist, dass in ihr diese Zuversicht, das Nicht-Verstehen und die Getrenntheit auszuhalten, immer wieder zusammenzubrechen droht. Die im Sich-Verstehen liegende Befriedigung ist nicht zur bestimmenden Erfahrung geworden, sondern stattdessen die Verfehlung. Mit ihr sind gewissermaßen Löcher in der Dyade entstanden, die mit Fremdheit gefüllt sind. Diese Fremdheit unterscheidet sich diametral von der Erfahrung des Nicht-Ich als erster Erfahrung der Anderen97. Während diese der Erfahrung von Ich Bedingung ist, bezeichnet im Gegensatz dazu die Fremdheit, um die es hier geht, einen Zustand, in dem das Gefühl von sich selbst in einer Weise aufgelöst ist, die sich am ehesten mit einer Art schwarzes Loch beschreiben lässt. Während die in der Dyade entstehende Kontur von Ich vs. Nicht-Ich die Grundlage dafür bildet, dass das Kind sich mittels des entstehenden Selbstgewahrseins (nonverbale Metaphern98, Übergangsobjekte …) aus der unmittelbaren Beziehung zur Mutter lösen kann, sich die dyadische Beziehung also zur Triade erweitert, sind in dieser Fremdheit Innenund Außenperspektive in einer Weise verschlungen, dass die Erfahrung von Ich und Du gerade nicht entstehen kann, so wie das schwarze Loch eine verschlingende Umweltbeziehung zwischen schwerer Materie und Licht bezeichnet. Wenn ich diese Form zuvor als Barriere bezeichnet habe, so geht daraus die Funktion der Grenzziehung hervor. Das fehlende Selbst ist insofern das Negativ einer sich zur Triade hin öffnenden dyadischen Beziehungsform, als diese darin in ihrer Potentialität – dem Sich-Öffnen zu einem Dritten – verdunkelt wird. Als Ersatz für die Selbstgewahrsein ermöglichende erste Kontur von Ich und Nicht‑Ich ermöglicht das fehlende Selbst Abgrenzung, d. h. ein Sein außerhalb der coen- 97 Entgegen der üblichen Rechtschreibung schreibe ich der/die Andere groß, wenn diese/r in seiner konstitutiven Bedeutung für die Konturierung des Ich, Selbst, des Eigenen gemeint ist. 98 Siehe Seite Ô 4. Der Rationale Mythos 89 ästhetisch organisierten Beziehung. Die leiblichen Seinsformen des schwermehrfachbehinderten Menschen erzeugen gewissermaßen eine konkretistische Leere, die gegen die als vernichtend befürchteten Verstehensversuche der nichtbehinderten Beziehungsperson eine Haut bildet. Die dyadische Beziehung bildet sich aus den Erlebensformen des Kindes, das im Gegensatz zur Mutter ausschließlich auf die dyadische Verbindung angewiesen ist, und dem darauf bezogenen Unbewussten der Mutter. Konzepte, die sich auf die Dyade beziehen, divergieren und stehen häufig in diametralem Widerspruch zueinander. Das hängt – wie Lichtenstein zeigt – mit dem in der Tradition Descartes’ stehenden westlichen Denken zusammen. Mit seiner Unterscheidung von Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt und in dessen Gefolge von Geist und Körper basiert es auf der Subjekt- Objekt-Trennung bzw. führt diese durch. Bezogen auf die dyadische Beziehung führt dieses Denken zu Widersprüchlichkeiten. Obwohl Mutter und Kind getrennte Wesen sind, sind sie doch zugleich als Einheit zu denken. Denn innerhalb der Dyade gibt es kein Ich, von dem aus ja erst die Unterscheidung Subjekt–Objekt / innen–außen getroffen werden könnte, das in der Beziehung bestimmend ist. „Keiner von beiden (hat, MB) das Gefühl, daß das, was jetzt geschieht, vom anderen verursacht sei. Wie von ungefähr will man das Gleiche.“99 Entsprechend dieser Paradoxie beschreibt Ogden die Subjektivität des Kindes „gleichzeitig aus der Perspektive von zwei Scheitelpunkten“. Aus der Sicht der Einheit von Mutter und Kind, der – wie Winnicott es nennt – absoluten Abhängigkeit des Kindes, „kann man sich die Subjektivität des Kleinkindes als von der Mutter verwahrt denken (oder genauer, von dem Mutter-Kind-Aspekt, den ein Beobachter von außen als die Mutter sehen würde). Gleichzeitig sind, aus einer anderen Perspektive gesehen, Säugling und Mutter niemals eins und man kann sich die Subjektivität des Säuglings […] als einen äußerst subtilen, von Selbstreflexion freien Sinn des ‚Weiterbestehens‘ […] denken, bei dem gerade sensorische Bedürfnisse Züge von subjektivem Begehren annehmen […].“100 Man könnte sagen, die Außen- und Innensicht in der Dyade – je nachdem, ob ich die Sicht einer äußeren BeobachterIn einnehme oder mich von innen her aus der Position der Mutter einzufühlen und diese Annäherung zu beschreiben versuche – divergieren diametral, obwohl und weil es in diesem Sinn noch gar kein Innen und Außen gibt. 99 Köhler, L. (1990) S. 36. Diese Formulierungen sind sprachlich ungenaue Annäherungen an einen sprachlich kaum zu erfassenden Zustand. ‚Hat das Gefühl‘, ‚vom anderen verursacht‘ und ‚will man‘ sind Formulierungen, die ein erlebendes und in Ursache-Wirkungs-Kategorien denkendes Ich voraussetzen. Dieses ist hier eben nicht gegeben. 100 Ogden, T. H. (1995) S. 56 4. Der Rationale Mythos 90 Infolgedessen ist auch der durch den Begriff des fehlenden Selbst gekennzeichnete Konflikt als Besonderheit einer dyadischen Verbindung nicht mit einem Konzept zu erfassen, das auf der Ausformulierung der Subjekt-Objekt-Differenz beruht bzw. diese voraussetzt. Hieraus erklärt sich die Funktion der Theorie zur Abwehr der mit dem Schrecken in Verbindung stehenden Beziehung. Der Konflikt lässt sich aber durch eine Innen- und Außensicht charakterisieren, die als aufeinander bezogen gedacht werden müssen. Diese Beschreibung der Außen- und Innensicht ist eine Annäherung an den mit dem Begriff des fehlenden Selbst konzipierten Konflikt. Die Außensicht – als Sicht einer angenommenen äußeren BeobachterIn – ist die Beschreibung der spezifischen Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen. Diese Beschreibung wird im Folgenden in der Auseinandersetzung mit sonderpädagogischer Theoriebildung durchgeführt. Es lässt sich zeigen, dass das Wesen der Beschreibung nicht ohne die Berücksichtigung der Besonderheit der dyadischen Beziehungsform zu erfassen ist. Die Innensicht ist – als innere Betrachtung – die Analyse der Gegenübertragung der nichtbehinderten Therapeutin. Hieraus leitet sich das Konzept des Rationalen Mythos her, mithilfe dessen der Einfluss der spezifischen Dyade auf das Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson erfasst wird. Beide sind wie die konkave und konvexe Seite einer Krümmung aufeinander bezogen. Ebenso wie das Verhalten eines Säuglings nur in seinem spezifischen Bezug zum Umfeld sinnvoll ist und die Phantasien, Einfälle und Verhaltensweisen der Pflegeperson in Bezug zum Säugling für diesen einen Sinn entfalten, beinhaltet die Beschreibung der Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen den immanent enthaltenen Bezug zum personalen Umfeld. So muss auch das Denken der nichtbehinderten Beziehungspersonen als Phantasieren gedacht werden, das entsprechender Deutung bedarf, um den enthaltenen verborgenen Sinn zu erkennen. Dieser Sinn lässt sich nur verstehen, wenn berücksichtigt wird, dass sich in der dyadischen Beziehung der Sinn danach bestimmt, wie ihn die beiden InteraktionspartnerInnen füreinander haben. Sinn ist hier noch keine objektivierbare Kategorie, sondern bestimmt sich als Einheit von Sinnlichkeit, Wahrnehmung und Bedeutung. 4. Der Rationale Mythos 91 Die Besonderheit dieses Bezuges soll in der Analyse der Sprache der nichtbehinderten Therapeutin in den ihr inhärenten besonderen Veränderungen nachvollziehbar werden. Der folgende Abschnitt bezieht sich auf die nächsten 49 Stunden von Jens. Wie beschrieben, hat sich als bestimmende Form das Spielen der Tonleiter auf dem Xylophon im Atemrhythmus entwickelt. Lautiert Jens dabei, trifft er mit seinen Tönen häufig genau die von mir gerade gespielte Tonhöhe. Ich antworte Jens musikalisch. Oft entsteht so ein Dialog – mal länger, mal kürzer, mal Freudig/begeistert, mal überwiegend genervt. Dies gibt mir in der Beziehung nach und nach Sicherheit. Jens scheint mir zu antworten und den Kontakt über die Musik zu genießen. Ich greife Jens’ Töne und seine dynamisch gestalteten Tonfolgen auf und versuche dabei auch, die darin enthaltene emotionale Geste mitzuerfassen. Diese Dialog-Fetzen gestalten für eine Weile einen recht innigen, glücklichen Kontakt, der meinerseits zeitweise von vorsichtiger Zuversicht, dann wieder von triumphalem Überschwang geprägt ist – eine Entwicklung, die sich über einen längeren Zeitraum angebahnt hat und auch noch über viele Stunden anhält. Vorläufiger Höhepunkt ist die 34. Stunde. Wir sind über die beschriebene Form so intensiv und eng beisammen, dass ich die Phantasie habe, ‚gleich ruft Jens ‚Mama‘ und dann müssen wir seine Mutter holen'. Die Mitarbeiterin, die Jens und mich in den Stunden bislang begleitete, hat inzwischen die Einrichtung verlassen und ist somit auch nicht mehr in unseren Stunden dabei. Dies beschäftigt mich in meiner Beziehung zu Jens sehr. Schwierigkeiten in unserem Kontakt beziehe ich probeweise darauf, dass Jens sie möglicherweise schmerzlich entbehrt. Ich spüre Nähe zu Jens und in der Nähe Trauer. Trauer ist sicherlich unser gemeinsames Band, da ich die Mitarbeiterin und den Schutz sehr vermisse, den ihre ruhige Selbstverständlichkeit sowohl in der Leitung der Einrichtung wie auch der Begleitung meiner Arbeit dargestellt hat. In einer der folgenden Sitzungen entsteht beim Lied ‚Au claire de la lune‘ ein begeisterndes Spiel zwischen Jens und mir. Wir sind uns danach sehr nah. In der folgenden Stunde habe ich im Verlauf einer dieser ‚Ton-zu-Ton-Unterhaltungen‘ das Gefühl, der kleine noch unverletzte Jens sei da, ich müsse ihn nur rufen. Vier Stunden später habe ich im Zusammenhang mit einem Stimm-Dialog die oben erwähnte Mama-Phantasie. Das gute Gefühl in der Beziehung zu Jens wechselt sich jedoch ab mit Episoden, in denen sich die Sicherheit der Beziehung unmerklich auflöst. Immer wieder scheint Jens zu erschrecken, wenn ich auf ihn zugehe, ihn begrüße, wir Kontakt haben (19. + 20. Sitzung). Später jedoch werde ich den Schrecken – ausgelöst durch Jens’ Bewegungen – bei mir orten. 4. Der Rationale Mythos 92 Bisher war die Angst, dass unser Kontakt möglicherweise doch überwiegend auf Einbildung meinerseits beruht, nur untergründig spürbar. Sie zeigte sich sowohl in Formulierungen wie ‚scheint verlässlicher Kontakt zu sein‘ (16. Sitzung) als auch in der Feststellung meiner unterschiedlichen Reaktionen auf das Lachen von Jens. Jens stößt manchmal juchzende, unartikulierte Laute aus. Anfangs erschrecke ich oft dabei. Ich weiß nicht, was los ist. Es befremdet mich sehr. Schreit Jens vor Freude oder ist es ein unartikulierter Schrei, wie er sich einem monströsen Blasebalg entquälen könnte. Auch Jens’ Lächeln scheint nicht immer Wohlergehen anzudeuten. Ein früherer Hinweis der Mitarbeiterin bezieht sich darauf, dass Jens’ Lachen manchmal mit einem Anfall (Absence) im Zusammenhang steht. So reagiere ich in der 17. Sitzung beim ersten Lachen gar nicht, da ich einen Anfall dahinter befürchte. Das nächste Mal reagiere ich – aber ohne gefühlsmäßige Beteiligung. Beim dritten Mal reagiere ich ‚wenig‘ (was auch immer das heißen mag). Das weist auf große Unsicherheit in der Deutung der eigenen Wahrnehmungen hin. Hinter der scheinbar neutralen Registrierung meiner unterschiedlichen Reaktionen auf das Lachen von Jens stehen Fragen wie: Ist das Lachen ein Lachen aus Freude oder Zeichen eines Anfalls? Habe ich das Lachen richtig gedeutet, verstehe ich also Jens oder lasse ich ihn im Stich? Haben wir Kontakt oder keinen? Es verunsichert mich gleichermaßen, wenn die Mitarbeiterin Jens ins Gesicht fasst, um zu testen, ob er einen Anfall hat (24. Sitzung). Da er das nicht mag, würde seine unwillige Reaktion zeigen, dass er ‚da‘ ist, seine Ruhe also möglicherweise als entspanntes Zuhören, als Sich-der-Situation-Hingeben zu deuten ist. In einer der nächsten Stunden bin ich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Jens zu folgen, ihm stets hörbar zu antworten oder mich an meinen Ton- Impulsen zu orientieren und mich von den entstehenden Klängen und Tonfolgen inspirieren zu lassen, beispielsweise das Lied ‚Au claire de la lune‘ ganz zu spielen oder es auf Jens’ Einwürfe hin immer wieder zu unterbrechen. Wenn ich mit diesem Lied anfange, ‚tönt‘ Jens nach einer Weile mit einem seiner Laute dazu, dazwischen. Spiele ich das Lied ungeachtet der Einwürfe von Je, befürchte ich, ihn ignoriert und übergangen zu haben. ‚Antworte‘ ich Jens jedoch mit Tönen, führt das völlig von dem Lied weg. Das Lied als gemeinsame Form, als Form, die uns Beziehung ermöglicht, ist zerstört. Manchmal hält Jens den Atem an, so dass mir für unseren gemeinsamen Rhythmus jegliche Orientierung fehlt. Dies empfinde ich, als ob ‚Jens weg ist‘ (26. Sitzung). Ich merke auch, dass sich für mich alles innen abspielt. Ich kann innen und au- ßen nicht trennen. Ich beobachte meine Gefühle bzw. den innen entstehenden, durch Jens hervorgerufenen Eindruck. Diesen Eindruck nehme ich ‚für wahr‘. Zwischen Realität und Einbildung scheint kein Unterschied zu sein. Daher verstehe ich die Vorstellung, Jens werde gleich nach seiner Mutter rufen, nicht als Phantasie, deren Deutung als Gegenübertragung der Therapie wichtige Impulse geben könnte. Ich nehme sie direkt wörtlich und erwarte tatsächlich, dass Jens 4. Der Rationale Mythos 93 gleich ‚Mama‘ ruft und sich damit alles wendet. Das tritt natürlich nicht ein. Im Gegenteil, die nächste Sitzung ist sehr schwierig. In der übernächsten empfinde ich zum ersten Mal das ‚Auseinanderfallen der Welten‘. In diesen Einbrüchen zerbricht die uns in Kontakt haltende Form: Sowohl die Atem-Tonleiter entschwindet im Atem-Anhalten von Jens wie auch das die gemeinsame Trauer ausdrückende ‚Au claire de la lune‘, wenn ‚Jens folgen‘ bedeutet, das Lied als orientierende Struktur zu zerstören. Mit der Form zerfällt nach und nach die ‚Mama-Phantasie‘ und damit die Vorstellung vom ‚kleinen, unverletzten Jens‘, mit dem ich in Verbindung stehe. Tatsächlich liegt ja nicht der kleine unverletzte Jens vor mir, sondern ein erwachsener junger Mann, dünn und spastisch gelähmt, blind und anfallskrank. Zeitweise ist er voller Unruhe und kratzt sich heftig. Dann wieder ist er still, schläft oder lauscht mit offenen Augen nach innen. Häufig schlägt er energisch den Kopf immer wieder aufs Kissen. Er bewegt sich, lacht, schreit und schläft. Bisher weigere ich mich, dies zur Kenntnis zu nehmen. Doch in der wachsenden Bestimmtheit der Einbrüche schimmert diese Erkenntnis unabweisbar durch. In der 36. Sitzung hört ein sehr inniger Stimmdialog unmerklich auf, ‚als ob unsere Welten auseinanderfallen‘. Die hierin mitschwingende Bedrohung ist noch untergründig, genauso wenig wie die im Nicht-Spüren von Jens’ Atemrhythmus enthaltene Todesfurcht ausgesprochen werden kann. Sie schimmert in der Formulierung ‚Jens weg‘ schon durch. In der folgenden Sitzung merke ich, dass mich Jens’ Bewegungen erschrecken, obwohl ‚er jetzt oft wie ein Gegenüber wirkt'. In der nächsten Sitzung kommen mir die Absencen von Jens wie der in Panik und Todesangst erfolgte Totstellreflex vor: ‚alles ist zusammengebrochen und ich rufe ihn beim Namen – das ist tödliche Bedrohung‘. Ich habe das Gefühl, dass Jens zu Tode erschrickt, wenn ich ihn beim Namen nenne. Und das tue ich die ganze Zeit. Mein Gesang besteht hauptsächlich aus Variationen von ‚Hallo Jens‘. Ich befürchte, Jens zu Tode zu erschrecken, wenn er sich durch mich mit seinem Namen angesprochen und erreicht fühlt. Zwar wird hier die Bedrohung beim Namen genannt: Tod, indem ich Jens rufe. Unbewusst ist Jens für mich mit Tod identisch. Ich befürchte ihn zu töten, wenn ich ihn berühre. Doch die mörderische Botschaft taucht in zusammenhanglosen Fragmenten auf, deren affektive Dynamik im zusammenballenden Schrecken kulminiert. Obwohl unser positiver Kontakt noch lange Zeit stabil und sicher ist, verstärken sich die bedrohlichen Gefühle und Phantasien immer mehr. In der 41. Sitzung habe ich in dem Moment, als Jens wieder zurückgezogen ist, die Phantasie, ihn zu schlagen. Wenn es ihm schlecht geht, verstehe ich ihn nicht. Er scheint für mich unerreichbar. Ich fühle mich so hilflos den schrecklichen Gefühlen in mir ausgeliefert. Stimmungswechsel erlebe ich als Kontaktabbrüche, Anfälle erscheinen als Rückzug. Ich mache mir Gedanken darüber, was wohl in ihm 4. Der Rationale Mythos 94 vorgehen mag, sowie über ‚meine stümperhaften Versuche, an ihn heranzukommen‘. Wieder erschrecken mich Jens’ Bewegungen, machen mich Stimmungswechsel und die daraus folgenden Kontaktabbrüche traurig und müde. In der 43. Sitzung habe ich das Gefühl, Jens wolle mir etwas sagen, ich verstehe ihn nur nicht. Auch das ist mir unhinterfragbare unhinterfragte Realität. Jens’ körperliche Reaktionen machen mir Angst und ich versuche, ihn zu beruhigen. Ich komme mir dabei halbherzig vor, als hätte ich Jens erst ermuntert, aktiv zu werden. Wenn er dann darauf eingeht, versuche ich ängstlich, ihn wieder zu beruhigen. ‚Die Geister, die ich rief …' Ich frage mich, ob es eine Rückzugsmöglichkeit gibt, ohne dass der Kontakt abgebrochen werden muss. Zwei Sitzungen später überlege ich, ob die Stille einen Anfall signalisiert oder auf Ausruhen oder Rückzug hinweist. Eine Idee ist, dass diese abrupten Stimmungswechsel dem entscheidenden Einbruch seines Lebens – dem Unfall – nachgebildet sind, sie also auch das Bemühen repräsentieren, sich mit diesem Erlebnis auseinanderzusetzen, es zu verarbeiten. Ich vermisse jetzt Phantasien im Zusammensein mit Jens und schiebe es auf die Anwesenheit eines Mitarbeiters, des neuen Betreuers von Jens. Diese Feststellung wiederholt sich in mehreren Sitzungen – sehr merkwürdig angesichts der Tatsache, dass ja fast alle Überlegungen, die ich anstelle, Ausdruck meiner Phantasien sind. In der 46. Stunde fallen mir erstmalig Jens’ Zisch-Laute auf. Sie wirken auf mich wie ‚scht', ‚Ruhe‘, ‚sei-leise‘. Ich versuche, diese ‚Botschaft‘ – den Eindruck, den sie in mir hervorruft – zu überhören und mit ihnen wie mit den anderen Tönen umzugehen. Untergründig beziehe ich sie jedoch direkt auf mich persönlich: Ich falle Jens auf die Nerven und er versucht mit diesen Lauten, mich zum Schweigen zu bringen. Noch wage ich nicht, diese Empfindung zu formulieren, registriere die Zisch-Laute ebenso wie das Kratzen in einer der folgenden Sitzungen. Es ist die letzte Sitzung vor einer Sommerpause. Ich merke jetzt, dass ich im Aussprechen von Phantasien gehemmt bin, also im Formulieren von Gefühlen wie auch Bildern, die die wahrgenommenen Stimmungen enthalten. Stille scheint Rückzug aus Enttäuschung zu sein. Jens zieht sich zurück, weil ich ihn nicht verstehe. Doch mindestens genauso stimmt, dass ich wohl enttäuscht bin. Ich verstehe Jens nicht, wenn es mir in den Stimmungswechseln nicht gelingt, ihn zu erreichen. Ich überlege, was mein Distanz-Gefühl bedeutet, beziehe es auf meine Angst vor der Behinderung, vor Fremdheit, auf Furcht davor, ihn zu berühren. Vielleicht hängt mein Distanz-Gefühl aber auch mit der bevorstehenden Sommerpause zusammen, wenn ich froh bin, Jens und die mit der Arbeit mit ihm zusammenhängenden Schwierigkeiten für eine Weile los zu sein. Zum Schluss ist Jens ‚gut drauf und entspannt‘. 4. Der Rationale Mythos 95 Nach der Pause überwiegen in der Therapie anfangs wieder die positiven Aspekte des Zusammenseins. Trotz Rückzügen und Stimmungswechseln fühle ich mich freier und Jens sehr verbunden. Unmerkliche Ereignisse stellen den Kontakt wieder her: In der 56. Sitzung haben wir anfänglich einen guten Stimm-Kontakt, der aber beim gemeinsamen Singen und Spielen verlischt. ‚Kontakt geht weg, als ich bei ihm (Jens) bleibe; einen Ton gemeinsam hören und der Kontakt ist wieder da‘. Der eine Ton scheint für uns die Verbindung zu sein. Aber vielleicht passiert auch irgendetwas in meinem Inneren, was mir den Kontakt zu Jens wieder ermöglicht, irgendeine unmerkliche Veränderung. Gegen Ende der Stunde verstehe ich Jens’ Laute als Bemühen, ‚Schluss' zu sagen. Eigentlich hätte ich sie als Aufforderung oder Willensäußerung von Jens ernst zu nehmen. Dennoch mache ich weiter und habe dabei das Empfinden, das Gegenteil von dem zu tun, was Jens eigentlich will. In der 58. Sitzung interpretiere ich das Zischen erstmals probeweise als Ausdruck von Genervtheit, wage also endlich, mir mein untergründiges Gefühl einzugestehen, es zu formulieren. Jens wird dabei unruhig. In der folgenden Sitzung merke ich, dass ich mit Jens ‚durcheinander‘ bin. Unsere ‚alte‘ Sicherheit, die sich auf der Tonleiter-Atemrhythmus-Form gründete, schwindet. Dieses Gefühl verstärkt sich immer mehr, obwohl ich mich sehr gegen diese Erkenntnis wehre, als ob ich erst dadurch die Tatsache schaffe. Irgendwie gelingt es nicht mehr, im Spielen der Tonleiter im Atemrhythmus zu Stimmdialogen und damit zu Sicherheit und Vertrauen in der Beziehung zu kommen. Früher empfand ich das Tonleiterspiel im Atemrhythmus wie ‚seiner (Jens’) Umlaufbahn zu folgen und eingefangen werden von ihm‘ (38. Stunde), also eine Möglichkeit, auf periphere Art und Weise Jens zu spüren und mit ihm in Beziehung zu geraten. Jetzt fange ich zwar an, die Tonleiter zu spielen, und gehe, sobald Jens lautiert, auf ihn ein. Das führt jedoch nur ab und an zu intensiverem Kontakt. Oft scheint es Jens zu nerven oder er schläft ein. Ich bin irritiert und höre damit auf. Wir sind auseinander. In der Sitzung vor der Weihnachtspause versuche ich, etwas mehr räumliche Entfernung zwischen Jens und mich zu legen, entsprechend meinem Gefühl von größerer Distanz zwischen uns. Tatsächlich stehen wir ja wieder vor einer Trennung. Doch damit bringe ich die Distanz zwischen uns nicht in Verbindung. Auch nicht mit der untergründigen Erleichterung, die mit dem Gedanken an eine mögliche Beendigung der Therapie verbunden ist (im Frühjahr hat die Musiktherapie zwei Jahre lang stattgefunden. Die weitere Finanzierung ist noch nicht geklärt). In der 65. Sitzung – nach der Weihnachtspause – formuliere ich den Rückzug von Jens im Zucken seines Körpers erneut als Zerfall der Welt. Genauso erlebe ich es. Obwohl wir in der Sitzung streckenweise ganz gut beisammen sind, empfinde ich viel Trennung zwischen uns. Ich spüre ein ‚Verhaften in den Erschei- 4. Der Rationale Mythos 96 nungen‘, ‚Freude an Tönen, wobei Töne und Klänge Distanz zu Gefühlen und Empfinden haben, nicht Ausdruck davon sind‘. Die beschriebenen, an Wucht zunehmenden Einbrüche sind gekennzeichnet durch überwältigende Hilflosigkeit, einen zerstörerisch tödlichen Schrecken und quälende Unerreichbarkeit des Gegenübers. In ihnen droht sich Jens mir in entsetzlicher Weise zu zerfallen. Um dem Nichts zu entgehen, halte ich mich von panischer Angst getrieben an den Bruchstücken fest und versuche, mir daraus die Welt wieder zusammenzusetzen. Am liebsten würde ich fliehen und die Therapie abbrechen. Doch es geht nicht, ohne das vernichtende Scheitern zu besiegeln. Das Überleben der Vernichtung ist auf Erlösung zwingend angewiesen – Erlösung aus dem Zwang zum Erfolg. Die Leiblichkeit In der Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen scheint die Erfahrung des Scheiterns seiner Ich-Entwicklung festgelegt. Die Ich- Erfahrung, welche anfangs gänzlich eine körperliche Erfahrung ist, scheint darin misslungen. Unter Ich-Erfahrung ist hier die Intentionalität / Autorenschaft einer Bewegung auf ein Gegenüber hin zu verstehen, bei dem das Ich dem Gegenüber erfahrbar wird als ‚Ich meine Dich‘. In ihren stereotypen, erstarrten und vegetativ organisierten Verhaltensweisen scheint sich das Misslingen dieses Bezuges wieder und wieder zu wiederholen. Das Leib-Sein aus psychoanalytischer Sicht Aus psychoanalytischer Sicht ist das Leib-Sein des Menschen die Basis seines Person-Seins, d. h. die Erfahrung und später auch Reflexion von sich selbst als Einheit. ‚Sich selbst als Einheit‘ meint die Erfahrung von sich selbst als Einheit über zeitliche und räumliche Veränderungen hinweg wie auch die Erfahrung dieser Einheit als Erfahrung von Intentionalität. Selbstbewusstsein entwickelt sich aus der Dialektik der Körpersensationen, der im Dyadischen angelegten Verbindung von Selbst und Objekt. Diese Körpersensationen sind Angelpunkt der Selbsterfahrung. Sie ermöglichen einerseits von innen heraus subjektiv ein affektives Erleben. Andererseits lassen sie sich vom Subjekt selbst als körperliche Veränderungen von außen erfassen. Sie werden darin zum Objekt der Wahrnehmung. Die anfängliche Selbsterfahrung des Kindes ist die leibliche Erfahrung des Selbstseins als ein Selbst in Beziehung zur Anderen. Diese Erfahrung ist gelebte Realität als Einheit von Sein und Erleben. Wie kann man sich hier im coenästhetischen Modus die Erfahrung von Objektbeziehung vorstellen? Ogdens Annäherung mag hier hilfreich sein. Er versteht die vielfältigen Die Leiblichkeit 97 sensorischen Erfahrungen der Körperoberfläche als formbildend für die erste Erfahrung einer Grenzlinie von innen und außen, von Nicht-Ich und Ich. „Sensorische Kontiguität101 der Hautoberfläche zusammen mit dem Element des Rhythmuserlebens sind grundlegend für die elementarsten Formen kindlicher Objektbeziehungen.“102 Ogden beschreibt sie als „Form sensorischer Oberflächen“. Ihre Bedeutung sei, das gleichzeitige Gewahrsein der Getrenntheit zu heilen oder erträglich zu machen. Der „beginnende Sinn für das Ich-Sein (entstehe, MB) aus Beziehungen sensorischer Kontiguität (z. B. Berührung), die nach und nach die Empfindung einer begrenzten sensorischen Oberfläche erzeugen, auf der die eigene Erfahrung sichtbar wird. […] Beispiele von Begrenzungen, die aus Kontiguitätsbeziehungen geschaffen wurden, beinhalten den Sinn für Form, der durch den Eindruck der Hautoberfläche des Kleinkindes entsteht, wenn es seine Wange an die Brust der Mutter legt; den Sinn für Kontiguität und Vorhersagbarkeit von Form, der aus der Rhythmik und Regelmäßigkeit der Saugaktivität des Kleinkindes hergestellt wird […], den Rhythmus des ‚Dialoges‘ beim ‚liebkosenden Singsang‘ zwischen Mutter und Kind; und das Gefühl für spitze Konturen, das sich einstellt, wenn der Säugling sein Zahnfleisch fest auf Finger oder Brustwarze der Mutter preßt.“103 Das uranfängliche Ich – hier noch nicht vom Selbst zu unterscheiden – kann nicht als ausschließlich individuelles gedacht werden, denn: „Mutter und Kind (sind, MB) als ein in Wachstum begriffenes System vorzustellen.“104 In der Mutter-Kind-Dyade ist die regulierende Fähigkeit der Mutter Voraussetzung dafür, dass dem Kind seine Affekte lebbar werden und es affektive Ordnungsmuster als ‚Selbst in Bezug zum Gegenüber‘ entwickeln kann. Die Aneignung der körperbezogenen Ich-Funktionen wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung etc. ist das Ergebnis eines interaktiven Vorganges. Auf der Ebene des coenästhetischen Empfangs ist das Kind darauf angewiesen, dass die Mutter in der Lage ist, seine körperlichen Bedürfnisse korrekt zu interpretieren und zu befriedigen. Indem sie ihm hilft, sich zu beruhigen, zu schlafen, seinen Hunger zu befriedigen, seine Aufregung in einem gemeinsamen Spiel zu organisieren, ruhig für sich sein zu können etc., unterstützt sie das Kind in der Organisation seiner verschiedenen Aufmerksamkeitsniveaus, hilft die unterschiedlichen qualitativen und quantitativen Erregungszustände zu halten. Sie übernimmt für das Kind Ich-Funktionen. Lempa spricht davon, dass der „Besitzstand des Ich, über den Körper und seine Funktionen, gleichsam ausgehandelt wird“105. Das Gelingen dieses 101 Kontiguität bedeutet Angrenzung, Berührung, Nachbarschaft bzw. räumliche oder zeitliche Nähe zweier Reize oder von Reiz und Reaktion. 102 Ogden, T. H. (1995) S. 54 103 Ogden, T. H. (1995) S. 55/6 104 Köhler, L. (1990) S. 35 105 Lempa (1992) S. 50. Diese Interaktionsform wird von McDougall als „Ein Körper, ein Geschlecht, eine Seele für zwei“ bezeichnet. (McDougall, J. (1998) S. 38 ff.) 4. Der Rationale Mythos 98 Bezuges ermöglicht dem Kind in zunehmendem Maß, seine Körperempfindungen wie -wahrnehmungen in Ausrichtung auf ein Gegenüber als eigene zu erleben und zu kontrollieren. Dieser Vorgang ist noch genauer zu betrachten: Wahrnehmung und Empfindung verlaufen im coenästhetischen Bezug entlang dynamischer Formkomponenten. Objektbeziehungen werden hier als „Form der sensorischen Oberfläche“106 erfahren. Entlang dieser sinnlichen Erfahrungskomponenten, in denen sensorische Erfahrungen durch eine gemeinsam regulierte Erregung ihre spezifische dynamische Gestalt erhalten, formen sich dem Kind (und der Mutter innerhalb der Dyade, also bezogen auf das Kind) die Erfahrung von Ich und Nicht-Ich. Diesen Vorgang beschreibt Lichtenstein als einen, bei dem sich die Identität des Kindes als sein Eigensein konturiert. In dem frühen Mutter-Kind-Bezug formt sich das Eigensein des Kindes als sein spezifisches Eigensein-für-die-Mutter. Lichtenstein beschreibt es als gegenseitige Organfunktion, bei der das Gegenüber zum Organ der Befriedigung der eigenen (im Falle der Mutter unbewussten) Wünsche wird. Diese Uridentität (Lichtenstein) ist zu unterscheiden vom Bewusstsein der Identität wie auch dem Selbst. Dieses bezieht sich neben dem Eigensein häufig zugleich auf das Gewahrsein des Eigenseins. Man könnte Sterns Konzept des Kernselbst mit seinen Komponenten des „self-agency, self-coherence, self-affectivity und self-memory“107 hierzu in Verbindung setzen. Lichtenstein berücksichtigt jedoch den Doppelcharakter der Identität und damit die Unschärfe dieses Begriffes. Identität meint nämlich immer zweierlei: sowohl von innen heraus die Integration verschiedener Teile zu einer Gesamtgestalt als auch von außen gesehen die Unterscheidbarkeit dieser Gestalt von anderen. Das Kernselbst des Kindes – seine leibliche Identität – realisiert sich in einer dyadisch strukturierten Beziehung als „eine Empfindung, über die nicht nachgedacht wird“108. ÔDas Selbstgewahrsein des Kindes entsteht im Kontext eines Übergangsraumes, indem die so geformte Körperlichkeit des Kindes – seine leibliche Identität – zur Grundlage einer Verständigung wird, die das Unmittelbare überschreitet. Steuernder Faktor in der Mutter-Kind-Beziehung wird das affect attunement. Gemeinsames Verstehen wird signalisiert durch die charakteristische Bewegungsdynamik in einem anderen Sinnesbereich. Ein huuiii der Mutter im entsprechenden Tonfall und Ausdruck als Kommentar zu einem Ballwurf des Kindes übersetzt die Wurf- und Flugbewegung sowie den damit verbundenen kindlichen Affekt in einen akustischen Klangausdruck mit dem entsprechenden Affekt: der Zusammenhang der Bewegung des Kindes als Einheit von innerer und äußerer Bewegung (Ballwurf und Freude) mit der Bewegung der Mutter als Einheit von Klang-Bewegung 106 Ogden, T. H. (1995) S. 53 107 Dornes, M. (1993) S. 90 108 Dornes, M. (1993) S. 90 Die Leiblichkeit 99 und Affekt-Bewegung (Freude). Köhler bezeichnet dies als eine nonverbale Analogie oder eine nonverbale Metapher. Sie signalisiert dem Partner Verstehen und macht klar, dass hinter dem Augenschein, hinter dem Verhalten, der realen Handlung noch etwas ist, was Bedeutung hat und über das wir uns verständigen können. Indem die Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes einer metaphorischen Kommunikation zugänglich werden, werden sie zu Gestaltungen eines Selbst. Ihr Bezug liegt nun in der Person des Kindes und nicht mehr ausschließlich in der Pflegepraxis der Mutter. In der nonverbalen Metapher beginnt für das Kind mit dem Gewahrsein des Erlebens, Spielens, Machens das Gewahrsein seiner selbst als Initiator / Ursprung des Wünschens. Hierin bringt das Kind seine Identität gestaltend ein und versichert sich ihrer wieder und wieder. Auch die leibliche Identität schwermehrfachbehinderter Menschen hat sich in einem interaktiven Kontext entwickelt. Dieser lässt sich als ein in besondere Weise verzerrter dyadischer Beziehungsraum beschreiben. Die in ihrer spezifischen Leiblichkeit liegende Schwierigkeit führt dazu, dass sie nicht über die Möglichkeiten dieser Entwicklungsstufe – affect attunement, nonverbale Metapher – verfügen. Ihre leiblich begründeten Umgangsformen scheinen in einer Weise in sich selbst fixiert, die eigenständige Entwicklung und Lernen aufs Schwerwiegendste behindert. Diese Schwierigkeit lässt sich, wenn die Besonderheit des dyadischen Kontextes Berücksichtigung findet, theoretisch in einer Weise verstehen, dass sich daraus für die Praxis Entwicklungschancen eröffnen. Hierfür ist es erhellend, das Verständnis der Leiblichkeit in Auseinandersetzung mit sonderpädagogischer Theoriebildung zu vertiefen. So konstatieren Fröhlich und Haupt als Hauptcharakteristikum Schwermehrfachbehinderter ihre Unfähigkeit, sich Umwelt in der Weise eigenständig zu erschließen, die als lebendiger Prozess Wachstum und Weiterentwicklung trägt und ermöglicht. „Es scheint ja gerade ein Kennzeichen schwerster Behinderung zu sein, daß der logisch nächste Entwicklungsschritt nicht aus eigener Kraft und Aktivität erreicht werden kann.“109 Schwermehrfachbehinderte scheinen sich aus dem Zustand der frühesten Kindheit nicht weiterentwickeln zu können. Selbst mit Hilfe der Pflegeperson eine befriedigende Zweierbeziehung (coen- ästhetische Beziehung) zu gestalten, scheint ihnen verwehrt. Sie sind 109 Fröhlich, A. (1991) S. 186 4. Der Rationale Mythos 100 nicht in der Lage, sich selbst zu erfassen, scheinen von der Umwelt fast völlig isoliert und überwiegend mit sich selbst beschäftigt, und zwar auf einem so basalen Niveau, dass es manchen nicht gelingt, „ihre Phasen von Wachheit und Aktivität bzw. Schlaf und Ruhe […] in einem Rhythmus“110 zu ordnen. Die Übernahme der Regulierung der körperlichen Ich-Funktionen in die eigene Kontrolle – mittels einer Selbstorganisation – scheint schwermehrfachbehinderten Menschen nicht zu gelingen. Es hat sich daher kein durch ein Kern-Selbst organisiertes und sich darin realisierendes Körpererleben und ‑verhalten etabliert, das dem Kind und dem personalen Umfeld eine kommunikative Basis sein könnte. Das, was sich etabliert hat, ist ein Körpererleben und ‑verhalten, das von Fremdheit durchdrungen ist. So charakterisieren Fröhlich und Haupt die Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Kindes durch die Unfähigkeit, sich durch eigenaktive Körperbewegungen die Umwelt in einer sinnvollen Weise zu erschließen – und darin ihre Wahrnehmung zu organisieren. Fröhlich und Haupt sehen die Ursache in der schweren, oft multikausal verursachten Schädigung. Die davon betroffenen Kinder seien nicht in der Lage, sich die neurophysiologisch für sie notwendige Stimulation zu beschaffen. Sie erlebten ihre Eigenaktivität in einer für sie chaotischen Umwelt als sinnlos, da die schwere Behinderung sie erstens grundlegend in ihren Bewegungsmöglichkeiten behindere, zweitens die Umgebung darin behindere, „das Ausdrucksverhalten (des, MB) Kindes seiner tatsächlichen Bedürfnissituation entsprechend zu interpretieren“111, und drittens, um das Überleben des Kindes zu sichern, Maßnahmen notwendig mache (wie z. B. Klinikaufenthalte mit massiven, langdauernden und schmerzhaften Eingriffen, Trennung von der Mutter …), die das Kind von dem abschneiden, was es natürlicherweise und in Anbetracht seiner schwierigen Lage erst recht existentiell nötig hat: die ungestörte und umfassende nährende Beziehung zur Pflegeperson. Ihre Entwicklung sei so auf einem sehr frühen Niveau fixiert. Die grundlegend gestörte Beziehung des Kindes zu seiner Umwelt entziehe ihm die sensorielle Stimulation, die zum Wachstum, zur Differenzierung und Strukturierung seiner 110 Fröhlich, A. (1991) S. 115 111 Fröhlich, A. (1986) S. 27 Die Leiblichkeit 101 zentralnervösen Organisation notwendig sei und die beim nichtbehinderten Kind Folge der Eigenbewegung als sinnvoller Einheit von Wahrnehmung und Bewegung ist. „Durch den gravierenden Mangel an Selbstbewegungsfähigkeit beim schwerstbehinderten Kind, durch die Irritation des mütterlichen Verhaltens und durch Hospitalisation entsteht ein massives Deprivationssyndrom, in dem der Mangel an Handlungsschemata zentralorganisch als außerordentlich schwache Strukturierung der relevanten Rindenfelder erscheint.“112 Dies lässt sich verstehen als Versuch der Beschreibung und Begründung einer Leiblichkeit, die sich selbst und anderen strukturell fremd bleibt. Diese strukturelle Fremdheit imponiert als Mangel an Handlungsschemata. Die Annäherung an diese Fremdheit erfolgt mit der Beschreibung als zentralorganisch außerordentlich schwache Strukturierung der relevanten Rindenfelder von außen über das neurophysiologische Substrat. Mangel an Handlungsschemata bedeutet, dass sich kein leiblich inkorporiertes Konzept von Beziehung gebildet hat. Dieses leiblich inkorporierte Konzept von Beziehung würde als Gesamt des sich als bestimmte Interaktionsformen angeeigneten Körperbedarfs zur Uridentität bestimmt und die Grundlage der Erfahrung von ‚mein Körper‘ bilden. Die sich stattdessen auf der Ebene der Leiblichkeit realisierende Fremdheit in sich selbst wird in der Beschreibung auf die hirnorganisch verursachte Schädigung des Bewegungssystems bezogen und damit aus dem dyadischen Beziehungskontext herausgelöst, in dem die Fremdheit als leibliches Konzept entstanden ist, in dem sie gravierend wahrgenommen wird und der ein unlösbarer Teil dieser Fremdheit ist. Die gestörte Selbstbewegung und das irritierte mütterliche Verhalten sind zwei Seiten der einen Medaille der Fremdheit. Ebenso wie man sagen kann, dass die Beziehung die Fremdheit herstellt, kann man mit gleichem Recht behaupten, dass die Fremdheit die spezifische Art und Weise der Beziehung herstellt. In der Theorie der basalen Stimulation wird eine Kausalität eingeführt, mit der die Bewegungs-Schädigung zur Ursache für die daraus folgende Beziehungsstörung wird. Gerade die Beziehung – in diesem Fall die der ErzieherIn zum schwer geistig behinderten Kind – ist für Pfeffer der Ausgangspunkt 112 Fröhlich, A. (o.J.) S. 66 4. Der Rationale Mythos 102 eines verstehenden Zuganges zur Leiblichkeit schwermehrfachbehinderter Menschen. Er deutet die erfahrbaren Schwierigkeiten der Kinder als „Erziehungsbedingungen und in der Erziehung wirksam werdende Wahrnehmungen der Erzieher“113: „Kinder mit schwerer geistiger Behinderung sind auf die eigene Körperlichkeit verwiesen und erscheinen daher wie isoliert; sie bevorzugen die Nahsinne; der Körper ist ihr einziges Erfahrungszentrum; […] sie zeigen reflexartige Reaktionen anstelle aktiver und adäquater Einstellungen auf die Umwelt; ihre Aktivität ist durch Bewegungsstereotypien und durch einen stereotypen, sinnlos erscheinenden Umgang mit wenigen Objekten gebunden, so daß die Heranführung an neue Objekte erschwert ist; Sprachverständnis und/oder Sprachfähigkeit werden nicht oder kaum ausgebildet; […] sie zeigen kaum situationsgemäße und gegenstandsadäquate, um so mehr fixierte, geronnene, reduzierte Aktionen und Reaktionen […]; Verhaltensstörungen wie Apathie, Torpidität, erethisches Verhalten, Autoaggressivität bzw. lustbetonte Schmerzempfindungen […] werden fast immer genannt; […] allgemein kann von gestörter, blockierter, fixierter oder fehlender Zuwendung zu Personen und Sachen gesprochen werden, was den Lebensvollzug allgemein und das Lernen so sehr beeinträchtigt, daß herkömmliche sonderpädagogische Bemühungen nicht mehr erfolgreich sind und eine intensive Förderung notwendig wird; schließlich sind viele ständig gefährdet und bedürfen erhöhter Aufsicht.“114 Pfeffer beschreibt hier eine Leiblichkeit, die der herkömmlichen – in diesem Fall pädagogischen – Theorie den Boden entzieht, sie sinnlos macht. Die durch die Wahrnehmung der Leiblichkeit in der PädagogIn / ErzieherIn ausgelöste überwältigende affektive Heftigkeit droht den Halt zu sprengen, der in der erzieherischen / pädagogischen Rolle liegt. Dies wird deutlich in der Beschreibung Pfeffers vom Beginn der Beziehungsaufnahme zwischen ErzieherIn und Kind. Sie sei gekennzeichnet durch eine tiefe Krise. Die Heftigkeit der gegenseitigen Ablehnung führe auf Seiten der ErzieherIn zu einer oft tiefgreifenden Erschütterung und einem Zerfall ihrer Rolle. Im Durchhalten des Kontaktangebotes in der damit verbundenen Krise, indem die ErzieherIn 113 Pfeffer, W. (1988) S. 105 114 Pfeffer, W. (1988) S. 104/5 Die Leiblichkeit 103 alles, was sie/er beim Kind wahrnimmt, als potentiell bedeutungsvoll annimmt, und dem Aufgeben der Erzieherrolle mit allen damit verbundenen Förderzielen liegt die Möglichkeit des Entstehens von Kontakt. In der Gegenüberstellung der Konzepte von Fröhlich und Pfeffer wird deutlich, dass, wenn die Besonderheit der dyadischen Beziehung unberücksichtigt bleibt, der Versuch, die Leiblichkeit des schwerbehinderten Menschen zu charakterisieren, dazu führt, dass entweder die Beziehung oder die Theorie – das Denken – geopfert werden muss. Im ersten Fall gelingt bei Fröhlich mit der Beschreibung und theoretischen Begründung der strukturellen Fremdheit der Leiblichkeit des schwer behinderten Menschen, etwas Charakteristisches vom schwermehrfachbehinderten Menschen – vom Wesen der Schwermehrfachbehinderung – zu erfassen. Dies wird möglich um den Preis, dass die Beziehung, aus der heraus die Beschreibung vorgenommen wird, ihre Bedeutung verliert. Die Theorie erklärt, warum es nicht gelingen kann, in der Beziehung zum schwermehrfachbehinderten Menschen etwas von ihm zu verstehen, ihn zu verstehen. Im zweiten Fall führt bei Pfeffer die Beschreibung der schwerbehinderten Leiblichkeit des Gegenübers als konstituierender Bestandteil der Beziehung dazu, dass die Theorie ihre erklärende und Praxis konstituierende Kraft verliert – siehe das als notwendig erachtete Aufgeben der Erzieher-Rolle. Die pädagogisch angemessene Beziehung zum schwer geistig behinderten Kind erfordere einen Umgang, der außerhalb gesellschaftlicher und auch außerhalb der üblichen pädagogischen Normen liege. Um dem Kind gerecht zu werden, müsse der Erzieher seine Rolle aufgeben. Die ihr immanente deutende „Selbstinterpretation als hermeneutische Basis für das Fremdverstehen (sei bezogen auf die, MB) Verhaltensweisen schwer geistig Behinderter“ wegen der „kulturelle(n, MB) Formung im Sinne des sozial Erwünschten“ unzulänglich. Pfeffer fordert deshalb eine „Vertiefung der Selbstinterpretation“115. Die Studierenden aus seinem Projekt fanden Zugang zu den schwer geistig behinderten Kindern und Jugendlichen, nachdem sie ihre Rolle als PädagogInnen preisgaben. „Die Rolle des ‚Erziehers‘, die ich mir anfänglich selbst auferlegt hatte, mußte ich loslassen, um mit 115 Pfeffer, W. (1988) S. 78 4. Der Rationale Mythos 104 Wolfi zusammen den Augenblick leben zu können. Vielleicht war sie ein Schutz gewesen gegen die Angst vor Frustration und Mißerfolg. Ich wurde gefordert, ich selbst zu sein; nicht in der Rolle des Überlegenen Dinge zu tun, die die Rolle von mir erwartete, sondern mich so zu verhalten, daß es etwas von meinem Befinden und Wollen ausdrückte. Sollte Wolfi mich verstehen, wollte ich ihn verstehen, so brauchten wir eine gemeinsame Ebene unserer Kommunikation. Wolfi hatte sie mir von Beginn unseres Zusammenseins an gezeigt und ich brauchte über ein Jahr, zu verstehen, dass unser Leib-sein die Möglichkeit unseres Austauschens war.“116 Pfeffer versteht die Notwendigkeit der Rollenaufgabe als Folge „rigid geplanter Erziehung und Förderung“, deren Misserfolg dazu führe, „die zu Erziehenden als personale Gegenüber, als eigenständige, nicht einfachhin manipulierbare Partner zu erkennen und zu akzeptieren und gleichzeitig die Priorität des menschlichen (erzieherischen) Bezugs vor allen Förder- und Erziehungstechniken zu beherzigen.“117 Ein „Absehen vom traditionellen Begriff Schule und die Entwicklung einer an den subjektiven und objektiven Interessen des Kindes orientierten Bildungsinstitution“118 sei gefordert. Die Eindrücke, – dass die Erzieher-Rolle zum Schutz wird, der eine Beziehung verhindern soll, in der Frustration und Misserfolg zur bestimmenden Erfahrung werden könnten, – dass die Rolle in der Beziehung zum schwer geistig behinderten Kind eine Überlegenheit konstituiert, die ein Verstehen zu verhindern scheint, – dass das ‚Leib-Sein‘ als ‚Möglichkeit unseres Austauschens‘ anscheinend mit der Rolle des Erziehers nicht vereinbar ist, diese Eindrücke werden von Pfeffer als Fakten interpretiert, die den herkömmlichen pädagogischen Rahmen zu sprengen scheinen und nicht, wie es der dyadischen Beziehung angemessen ist, als Gegenübertragung verstanden, die es zu hinterfragen gilt. In diesen Gedanken liegt der Verweis, dass die Erzieher-Rolle im Regelfall darauf aufbaut, 116 Bergmann, S., zit. nach Pfeffer, W. (1988) S. 133 117 Pfeffer, W. (1988) S. 135 118 Pfeffer, W. (1988) S. 136 Die Leiblichkeit 105 dass das Kind über einen triadischen, Selbstgewahrsein ermöglichenden Beziehungsraum verfügt. Der spezifische dyadische Kontext des schwermehrfachbehinderten Kindes bezieht jedoch das Denken und Handeln der nichtbehinderten Beziehungsperson mit ein und entzieht ihm Boden, solange es auf pädagogische Theorie bezogen ist, die die Verfügbarkeit eines triadischen Raumes voraussetzt. Pfeffer muss daher mit der Phänomenologie als philosophische Denkweise einen künstlichen, der Pädagogik fremden Außenstandpunkt einführen, um seine Erkenntnisse theoretisch zu fundieren. Fröhlich nimmt stattdessen in seinem Konzept Brüche und Widersprüche in Kauf, die die Anwendung der darauf fußenden methodischen Überlegungen erschweren.119 Auch im musiktherapeutischen Prozess führt das Verkennen der therapeutischen Interaktion als einer aufs Dyadische fixierten Beziehung dazu, dass sich Brüche und Missverständnisse ereignen. Meinen Eindruck aus dem im vorigen Kapitel kurz skizzierten Gruppenprozess, dass S. zu schlafen scheint, nahm ich als Fakt, ebenso wie der Eindruck der beobachtenden Mitarbeiterinnen, dass S. aufhöre zu atmen für sie ein Fakt war, der ausschließlich auf der vitalen Ebene bedeutsam war. Erst die Berücksichtigung des Dyadischen lässt erkennen, dass gerade die Faktizität der Eindrücke scheint zu schlafen und hört auf zu atmen der Interpretation bedarf. Sie sind eine unverstandene Gegenübertragung und verfehlen die darin verborgene emotionale Botschaft, die lauten könnte: ‚Verlass mich nicht und tu mir nichts, nimm mich mit meiner Todesangst vor dir wahr‘, ‚ich möchte mit meiner Angst, nicht da zu sein, dabei sein‘, ‚wenn ich entspanne / loslasse, passiert eine Katastrophe‘. In der Erlebensfigur der Therapeutin zeigt sich die Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen als ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘. Mit diesem Erleben wird die Bewegung, die diesen Einfall ausgelöst hat, der durch sie konstituierten Beziehungsform entfremdet. Dieser lautet: ‚Die Bewegung lässt sich nicht verstehen, hat nichts mit mir und meinem Erleben zu tun, bedeutet nichts, sie ist ja vegetativ gesteuert, stereotyp etc.‘ Im Beispiel von Köhler ruft der Ballwurf des 119 Eine ausführliche Würdigung und Analyse der Konzepte von Fröhlich/Haupt und Pfeffer ist nachzulesen in meiner Dissertation. 4. Der Rationale Mythos 106 Kindes das Huiii der Mutter hervor. Das Hui der Mutter greift die Werfbewegung auf und wird zur Bestätigung der Freude des Kindes. Hui und Werfbewegung erhalten stellvertretenden Ausdruckscharakter und werden zur sinnlich-symbolischen Interaktionsform. Im vorliegenden Fall ruft die reflektorische oder stereotyp erscheinende Bewegung die Erlebensfigur ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ hervor. Dieses Hui erscheint nicht im Rahmen einer Beziehung als Ausdrucksfigur, als bedeutsame Mitteilung, da die Bewegung, auf die es sich bezieht, darin als bedeutungslos verstanden und bestätigt wird. Die Bewegung – der vegetativ-physiologische Rückzug von S. – ruft die Einfälle – S. scheint zu schlafen/S. hört auf zu atmen – hervor. In beiden Einfällen konnte der Inhalt nicht auf die Beziehung bezogen werden mit der Frage, was es für die therapeutische Beziehung zu bedeutet hat, dass S., während wir begeistert singen, sich in vital bedrohlicher Weise zurückzieht, zu sterben scheint, ob beispielsweise die Beziehung bzw. die darin virulent werdenden destruktiven Phantasien meinerseits diesen Rückzug erzwangen.120 Diese waren in den ‚harmlos‑fröhlichen‘ Liedern ausgeblendet. Der Rückzug erschien nun ausschließlich als vegetativ-physiologisch motiviert durch Vorgänge, die nicht direkt mit dem Beziehungsumfeld zu tun hatten. Ich war in der Situation erschrocken und machtlos dem anscheinenden Unverständnis der Betreuerinnen ausgeliefert, konnte lediglich ihre und meine Schwierigkeit wahrnehmen. Doch S. kam nach einigen Sitzungen wieder in die Gruppe zurück. Der Schrecken dieser Inszenierung hatte den therapeutischen Kontext nicht zerstört, sondern konnte im weiteren Verlauf besser verstanden werden. Im Verstehen dieser Verfehlung als einer zwangsläufigen und notwendigen lag jedoch die Chance, die zugrunde liegende Interaktionsform zu erkennen. Denn hier übernahm etwas Fehlendes die Vermittlung. Gerade darin teilte sich etwas von dem Schwierigen mit, mit dem S. zu kämpfen hat, wenn er verstehen und verstanden werden will. Dieses Schwierige lässt sich nur erkennen, wenn man bereit ist, zu akzeptieren, dass auch das Fehlen der Leere, die da entsteht, wo etwas sein sollte, bedeutend ist. Während ich die Bedrohlichkeit des Rückzu- 120 Siehe den Beginn der therapeutischen Beziehung zu Anna, wo ein solcher Rückzug durch die Auseinandersetzung mit den destruktiven Phantasien meinerseits in der Supervision aufgefangen werden konnte. Die Leiblichkeit 107 ges verharmlose, wird für die Betreuerinnen der Rückzug von S. zum Anzeichen ohne Ausdruckswert. Sie nehmen das Zeichen als direkten Hinweis auf eine unmittelbar drohende Not. In nachträglicher Reflexion lässt sich der Rückzug als Ausdruck, der sein Gegenüber verfehlt, verstehen. Rückzug und scheint zu schlafen und hört auf zu atmen – ist eine konkretistisch‑leere Metapher, die auf das Fehlen des Metaphorischen weist, und ist damit die einzige Möglichkeit, auf eine undenkbare Angst aufmerksam zu machen oder zu werden: ‚Ich/du verstehe dich/mich nicht, ich/du bin/bist nicht zu verstehen, ich/dich gibt es nicht für mich‘. Im Nicht-Erscheinen der Erlebensfigur als Ausdrucksfigur wird dieses Bedeutungslose als eine undenkbare Not aufgegriffen. Im Nachhinein wird damit die Verfehlung zur mit Fremdheit gefüllten, ‚Nichts‘ bedeutenden Metapher. In der spezifischen Art dieser unvermeidlichen Inszenierung wird die dyadische Fixierung deutlich. Die Theorie der basalen Stimulation erklärt die Organisation des Scheiterns der Ich-Entwicklung mit eben jenen stereotypen, vegetativ organisierten Bewegungen, die den Eindruck des ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ hervorrufen. In dieser Theorie wird die Nicht-Verstehbarkeit zur kennzeichnenden Eigenschaft der stereotypen Bewegung. Mit ihr und in ihr ereignet sich das Versagen des schwermehrfachbehinderten Menschen, sich Umwelt sinnvoll zu erschließen. Das gestörte Bewegungsmuster wird unterschieden von der eigenaktiven Bewegung. Diese sei zu verstehen als Organisator des Selbst- Erlebens in Auseinandersetzung mit der Umwelt und sei darin die Basis mentaler Prozesse. Bewegung wird aufgefasst als einer der „tatkräftigsten Organisatoren des sensorischen Inputs […], die (die Bewegung, MB) adaptiv auf den Organismus wirkt“121. „Mentalaktivität (entwickelt sich, MB) aus offenkundigem Handeln und in Beziehung zu ihm.“122 Aufgrund dieser Überlegungen sieht die Theorie der Basalen Stimulation im Scheitern der eigenaktiven Bewegungsfähigkeit die Ursache der grundlegenden Störung der Umweltbeziehung des schwermehrfachbehinderten Menschen. Da ihm die Integration der einzelnen Reize und Stimuli in einer Bewegung zu einer Gesamtgestalt nicht gelinge, könne er sich selbst nicht als aktives Zentrum erleben. Das 121 Ayres, J. (1979) S. 27 122 Sperry (1952), zit. nach Ayres, J. (1979) S. 17 4. Der Rationale Mythos 108 Scheitern wird darauf zurückgeführt, dass die Bewegungsfähigkeit des Schwerbehinderten grundlegend gestört ist: sei es durch Fixierung auf der Stufe mehr reflektorischer Bewegungsaktivitäten (als Auswirkung der zentralen Schädigung), durch Lähmungen cerebraler oder peripherer Art, durch Dyskinesien sowie durch die infolge der Bewegungsschädigung auftretenden Asymmetrien der Bewegung. Die grundlegende Bewegungseinschränkung habe zur Folge, dass Wahrnehmung sowohl als Integration sensorischer Eindrücke wie auch mittels der in der Bewegung sich ereignenden Eindrücke misslingt. Nicht nur aufgrund der zentralen Schädigung, sondern auch infolge des grundlegenden Misslingens von Wahrnehmung könne das Kind seine Eindrücke nicht verarbeiten und nutzen und sei deshalb in seiner eigenaktiven Entwicklung blockiert. Es müsse seine Selbstorganisation, seine ihm zur Verfügung stehenden Steuerungsmechanismen (aufgrund seiner eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten) als sinnlos erleben. „Das Selbsterleben (ist, MB) erheblich eingeschränkt.“123 Bewegungslosigkeit führe zum Verlust von Konturen und Strukturen. „Wir können Bewegungsstörung als einen Autonomieverlust interpretieren.“124 Doch die Bewegungsstörung muss nicht zwangsläufig einen Autonomieverlust zur Folge haben. Das, was in den mit diesen Bewegungsformen initiierten Interaktionen scheitert, ist ein in der Interaktion für das Gegenüber erfahrbares ‚Eigensein für mich‘. Die nichtbehinderte AnsprechpartnerIn fühlt sich emotional durch diese Bewegungen nicht durch einen Jemand gemeint, angesprochen. Ihnen scheint kein Ich–Du zugrunde zu liegen. Doch auch die sinnlos erscheinenden, stereotypen oder als vegetativ organisiert erscheinenden Bewegungsmuster sind in ihrer spezifischen Form in Interaktionen entstanden. Es müssen jedoch Interaktionen sein, die sich durch ein Scheitern, ein Sich-gegenseitig-nicht-Erkennen, Sich-nicht-Verstehen, Sich-nichts- Bedeuten, Sich-Verfehlen kennzeichnen lassen. Diese daher als nichteigen erlebten Bewegungsmuster führen immer von neuem zum Scheitern von Interaktionen und machen dieses Scheitern dadurch erlebbar. 123 Fröhlich, A. (1991) S. 22 124 Fröhlich, A. (1991) S. 46 Die Leiblichkeit 109 Die Bewegungsstörung ist untrennbarer Teil einer Beziehungsstörung und durch einen Wiederholungszwang gekennzeichnet. Hierin sind aufgrund der dyadischen Beziehungsform beide InteraktionspartnerInnen verwickelt. Die Bewegungsstörung realisiert die Barriere, die die Interaktionsform als Ganze einem Verstehen entzieht. Sie lässt sich als Außenseite der in der dyadischen Fixierung gefangenen Uridentität beschreiben. Das auf die Bewegungsstörung bezogene Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson wird nicht als Bezogenes erfahren, als sei deren Fähigkeit zur Einfühlung – ihre Fähigkeit zur träumerischen Einfühlung – blockiert bzw. als würde im Nicht-gemeint-Sein diese Barriere wirksam / deutlich. Die Bewegungsstörung des schwermehrfachbehinderten Menschen steht in Verbindung mit einer emotionalen Denkstörung der nichtbehinderten Beziehungsperson. Denn die Bewegungen ersetzen unerträgliche, undenkbare Phantasien / Gedanken – und zwar im Sinne eines Vermeidens. Die Barriere leistet daher einer Verwechslung Vorschub: dem Verkennen der dyadischen Beziehungsform. Die Fähigkeit der nichtbehinderten Beziehungsperson zur träumerischen Einfühlung ist aufs Schwerste behindert, wenn die sich um das Kind / den schwermehrfachbehinderten Menschen rankenden Phantasien von ihr aus bestimmten Gründen nicht wahrgenommen und wenn daher den eigenen Empfindungen wie Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Verzweiflung keine interaktive Bedeutung zuerkannt werden kann, d. h., wenn die Beziehungspersonen sich dem coenästhetischen Wahrnehmungsmodus nicht überlassen können. „Wenn zwischen aggressiven Phantasien und der Realität, in der das Kind wirklich gefährdet ist, nicht mehr sicher unterschieden werden kann, dann ist der Spielraum der Phantasie unterminiert oder zerstört.“125 Wenn die entstandene Alltagspraxis darauf basiert, dass bestimmte Erfahrungen, Erlebnisse und Sinnzuweisungen verdrängt und abgespalten und damit einer gemeinsamen Reflexion entzogen werden, können die damit zusammenhängenden Interaktionsformen nicht symbolisiert und benannt werden. Das Spiel der Phantasien würde im Erleben der nichtbehinderten Beziehungspersonen z. B. deren Vernichtungsängste und -wünsche vi- 125 Niedecken, D. (1989) S. 102 4. Der Rationale Mythos 110 rulent werden lassen. Diese und die mit ihnen verbundenen unerträglichen Schuldgefühle sind für die Beziehungspersonen eine große Qual, ist es doch ihr vordringlichster Wunsch, den schwermehrfachbehinderten Menschen, so wie er ist, lieben, für ihn entsprechend ihrer Aufgabe da sein zu können. Erst mit der Anerkennung der eigenen unerträglichen gegen das Kind / den Menschen gerichteten Phantasien jedoch würden ihnen mit den „archaischen Seelenqualen“126 des behinderten Menschen diese als ein Gegenüber spürbar. Die Unbewusstmachung der Phantasien schneidet den schwermehrfachbehinderten Menschen von dem ab, was er gerade wegen der Schwierigkeiten dringend braucht: die regulierende Fähigkeit der nichtbehinderten Beziehungsperson in der dyadischen Beziehung. Dies bedeutet. Während der schwermehrfachbehinderte Mensch es einerseits dringend benötigt, dass die als vitale Gefährdung beeindruckenden Störungen (wie beispielsweise ein Anfallsgeschehen, Essstörungen, Aufhören zu atmen etc.) als psychosomatisches Geschehen vor dem Hintergrund einer sehr fragilen Interaktionsstruktur verstanden werden können, ist gerade dies äußerst erschwert. Ein solches Verständnis droht die Beziehung zu sprengen, wie es zugleich zwingend notwendig wäre, um dem Eigensein des behinderten Menschen in einer Weise Raum zu geben, die einem selbstreflexiven Verstehen zugänglich ist. Um ein Überleben des schwerbehinderten Menschen zu ermöglichen, um mit ihm in realem Handeln in Beziehung treten zu können, machen sich die nichtbehinderten Beziehungspersonen zu leeren Flächen. Sie verdrängen ihren Schrecken über das, was sie spüren könnten, über das, was ihnen das Gesehene bedeutet, um auf der körperlich-vitalen Ebene sorgend für das Kind handeln zu können. Gelingt es ihnen nicht, die eigenen Empfindungen und Phantasien auszumerzen, drohen diese destruktive Gewalt zu gewinnen. Erst in dem Schrecken und der Verstörung, die in mir in der Inszenierung des beschriebenen Gruppenprozesses entstand, als die Atmungsstörung von S. mitten aus einer scheinbar friedlichen Szene heraus letztlich seine Unterbringung auf der Intensivstation erzwang, teilte sich mir mit dem Scheitern von Mitteilung das Eigensein von S. mit. 126 Winnicott, D. W. (1991) S. 1119 Die Leiblichkeit 111 So ist die Beziehung auf der Erlebnisoberfläche der nichtbehinderten Beziehungsperson bestimmt von dem, was sein müsste, und nicht von dem, was sie als Schrecken fühlt und empfindet. Das Denken, die Theorie muss sich gegen die diesen Schrecken auslösende Leiblichkeit des schwerbehinderten Menschen behaupten und wird zum Mittel der Ausblendung. Fröhlich und Haupt weisen der emotionalen Distanz zum Kind eine große Bedeutung zu. „Andererseits macht es der wissenschaftliche Anspruch des Versuches (die Entwicklung des pädagogischen Konzeptes der Basalen Stimulation, MB) erforderlich – und dies könnte für die gesamte Arbeit mit schwerstbehinderten Menschen außerordentlich hilfreich sein – eine konsequent distanzierte Position einzunehmen, detailliert jede Einflußnahme zu organisieren und zu kontrollieren, insbesondere die generelle Zielsetzung und Motivation von der praktischen Durchführung bewußt zu trennen.“ Und weiter: „So werden ein zärtliches Streicheln und ein Befreien von schmutzigen Windeln zu erzieherischen Handlungen, die planbar, kontrollierbar sind und dennoch nicht ohne viel Zuneigung und Zärtlichkeit sein müssen.“127 Die heftigen Affekte müssen verdrängt werden und drohen nun, die pflegerischen (pädagogischen, therapeutischen) Handlungen zu unterminieren. Schwermehrfachbehinderte Kinder machen – so kann man vermuten – in einem Übermaß Erfahrungen, die in den still-face-Untersuchungen beschrieben werden. In diesen Untersuchungen wurden die Erwachsenen angewiesen, ihren ruhigen Gesichtsausdruck unverändert beizubehalten, egal was der Säugling macht. Dies führt anfangs zu einer gesteigerten Aktivität des Kindes, später zu deutlichen Missfallenskundgebungen und dann zum vitalen Rückzug.128 Da sich die Beziehungspersonen schwermehrfachbehinderter Menschen nicht ihrer träumerischen Einfühlung überlassen können, konstruieren sie ihre Reaktionen rational. Die induzierten Empfindungen werden rationalisiert, abgespalten und verleugnet. Das schwermehrfachbehinderte Kind erlebt so nicht eine InteraktionspartnerIn, die sich von seinen – des Kindes – Bewegungen, Verhaltensweisen und Regungen körperlich, emotional und geistig bewegen lässt und dem Kind in seiner Reaktion 127 Fröhlich, A. (Hg.) (1981) S. 66 128 Siehe Brazelton, B., Cramer, B. (1991) 4. Der Rationale Mythos 112 das kindlich Eigene modifiziert zurückgibt. Die Reaktionen der Umwelt sind zu einem wesentlichen Teil rational konstruiert, ohne Bezug zu den vom Kind ausgelösten Regungen. Schwermehrfachbehinderten Menschen werden in den so kontrollierten pflegerischen Interaktionen sich selbst entfremdet, d. h. einem ihnen zugänglichen potentiellen Selbstgewahrsein. Sie passen sich mimetisch dem fremden, distanzierten, emotional unbeweglichen Gegenüber an und bleiben / werden sich selbst fremd. In dieser Interaktionsstruktur scheint die mit der emotionalen Distanz erzwungene Nicht-Wahrnehmung der abhängigen InteraktionspartnerIn deren Überleben zu sichern. Hierdurch wird unbewusst die Vernichtung vollzogen. Vernichtet wird nicht – wie im Nationalsozialismus – das Leben des schwermehrfachbehinderten Menschen, sondern der Beziehungsraum mit der Möglichkeit der subjektiven Anerkennung des schwer behinderten Menschen. Doch die Vernichtung des Beziehungsraumes im dyadischen Kontext ist gleichbedeutend mit Tötung. Dieses Interaktionsmuster wird mit den reflexhaften Bewegungsmustern und Bewegungsstereotypien etc., den sinnlosen Bewegungen reinszeniert, einer Reinszenierung, mit der die Tötungsphantasien nicht überwunden, sondern letztlich fixiert werden. Die Erfahrung der Getrenntheit der Interagierenden, die im Falle der gelingenden kindlichen Entwicklung durch die nonverbale Metapher überbrückt wird, entspricht hier der gefürchteten Katastrophe und wird mit der konkretistisch‑leeren Metapher gewissermaßen verdeckt. Sie stellen die Interaktion her, in der sich Schwermehrfachbehinderte als existent und sicher erleben. Als Spur der spezifischen dyadischen Erfahrung sind die stereotypen Bewegungsformen der Versuch des schwermehrfachbehinderten Menschen, im Schrecken zu existieren. Der Gedanke, dass in den stereotypen Bewegungen der Verweis auf ein inadäquates Gegenüber enthalten ist, wird auch von Pfeffer formuliert. Er versteht die Stereotypien schwer geistig behinderter Kinder und Jugendlicher, ihr scheinbar sinnloses Verhalten, als Hinweis auf eine von ihnen selbst erzeugte halluzinierte Welt. „Extremes Schaukeln mit dem Ober- oder dem ganzen Körper, Kopfdrehen, Fingerspiele vor den Augen, zwanghaftes Agieren und intensiver Bezug zu einem bestimmten Ding, dessen Verlust panikartige Reaktionen hervorruft, all dies geht einher mit einem Entrücktsein, so daß die Kinder und Ju- Die Leiblichkeit 113 gendlichen nur schwer ansprechbar sind bzw. ärgerlich reagieren, wenn sie angesprochen werden. Begreift man dies als Ausdruck des Unbewußten, so dürfte dieses weniger oder kaum in verdrängten Inhalten bestehen, sondern aus unbefriedigten Es-Bedürfnissen, die in diesen Verhaltensweisen repräsentiert sind und mangels adäquater Welt ihre Erfüllung in der Intentionalität auf eine halluzinierte Welt suchen. Ihre Manifestation im leiblichen Ausdruck ist nicht Spiegelbild der latenten Bedürfnisse, sondern verzerrte, entstellte Repräsentanz der ursprünglichen Intentionalität dieser Bedürfnisse, die ihre Erfüllung jedoch nicht in einer angemessenen Welt finden (Hervorhebung durch, MB).“129 Die „verzerrte, entstellte Repräsentanz der ursprünglichen Intentionalität der Bedürfnisse, die ihre Erfüllung jedoch nicht in einer angemessenen Welt finden“, weist auf die in der Dyade unausweichliche Gerichtetheit der kindlichen Bewegungen. Diese finden ihren Sinn ausschließlich im Gegenüber, dem sie etwas bedeuten. In der Verzerrung und Entstellung ist das Dem-Gegenüber-nichts-Bedeuten eingefroren. Die isolierende und auf sich selbst zurückgeworfene Leiblichkeit der schwer geistig behinderten Kinder ist der Niederschlag einer nicht erfüllten, unbeantwortet gebliebenen, ungebundenen und noch nicht als Trieb organisierten Erregung, die nicht in Objektbeziehungen gehalten nun nicht helfen kann, diese zu gestalten. Auf sich selbst zurückgeworfen, auf ihr Nicht-Bedeuten fixiert, transportiert sich in ihnen die Welt als eine nicht angemessene Welt. Die Stereotypien, die sinnlosen Verhaltensweisen etc. lassen sich daher als Ausdruck eines leiblich erfahrenen, intolerablen Widerspruches verstehen. In ihnen ist das Scheitern einer Interaktion fixiert, zur Form geronnen. Diese Form dient nun zugleich einer selbstbewahrenden Verweigerung, da festgelegt auf die dyadische Beziehungsform dem schwermehrfachbehinderten Menschen keine autonomen Ausdrucksformen verfügbar sind. Er bewahrt sich seine leibliche Identität in der Beziehung zum Gegenüber in einer Form, mit der er sich einem Verstehen verschließt, von dem er sich als Subjekt nicht erkannt und anerkannt erfahren kann. Der Wunsch, der als solcher leiblich-sinnlich nicht in Erscheinung treten kann, ist der, als Subjekt erkannt und aner- 129 Pfeffer, W. (1988) S. 32 4. Der Rationale Mythos 114 kannt zu werden, und zwar als ein Subjekt, welches das nichtbehinderte Gegenüber nicht in seinen auf das Denken angewiesene Subjekt- Sein bestätigen kann. Dieser Wunsch scheint die haltende Beziehung zu gefährden, da er mit der Anerkennung des Nicht-Verstehens das nichtbehinderte Gegenüber zu vernichten droht, und zwar das Gegen- über als ein haltendes Objekt. Die Anerkennung des Nicht-Verstehens ist zugleich die Anerkennung des nicht-reflexiven Seins, des fehlende Selbst als das unbenennbare Identitätsthema, besser Identitäts-Dilemma des schwermehrfachbehinderten Menschen. Diese Anerkennung wird als existentielle Gefährdung der haltenden Beziehung erfahren und ist doch zugleich mit ihr entstanden. Wie zeigt sich dieses Thema im Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson? Die totalitäre Interaktionsform Die Innenperspektive dieser besonderen dyadischen Beziehungsform bezieht sich auf das Denken und Erleben der nichtbehinderten Therapeutin. Dies ist aufgrund der Besonderheit dieser Beziehung in charakteristischer Weise verzerrt. Nur wenn es entsprechend der dyadischen Beziehungsform als ein Phantasieren gedacht werden kann – Ausdruck einer noch unverstandenen Gegenübertragung – kann die Verzerrung als Teil der Barriere wahrgenommen werden, die den Verstehensvorgang in der Beziehung zwischen dem schwermehrfachbehinderten Menschen und der nichtbehinderten Beziehungsperson erschwert. Die Außenseite dieser Barriere zeigt sich in der Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen, die nicht als Ausdruck eines Körper-Selbst wirksam werden kann. Im Denken und Erleben der nichtbehinderten Beziehungsperson führt die Barriere dazu, dass die Beziehung nicht mehr als eine von zwei Subjekten gestaltete wahrnehmbar ist. Sie droht daher als totalitäre zu entgleisen. Entstehung und Funktion der totalitären Interaktionsform Eine totalitäre Interaktionsform stellt Abhängigkeit her und funktionalisiert sie, statt den Beteiligten einen Umgang mit Abhängigkeit und der damit zusammenhängenden Bedrohung durch existentielle Verlassenheit, die hier Die totalitäre Interaktionsform 115 als von Todesgefahr ununterscheidbare Todesangst erscheinen muss, zu ermöglichen. Sie wird zum Kennzeichen einer Dyade, der das die Triangulierung ermöglichende Moment zu fehlen scheint, und damit jenes Moment, das es der unabhängigen Beziehungsperson erst erlauben würde, sich durchgängig auf die coenästhetische Beziehung einzulassen. Mit totalitär ist hierbei eine Beziehungsform gemeint, die in einer Weise organisiert ist, die der Funktionsweise einer autonomen Maschine ähnelt. Wesentliches Merkmal einer autonomen Maschine ist, dass sie „aufgrund eines eingebauten Modells eines Aspektes der realen Außenwelt von allein funktionier(t, MB)“130. Entsprechend sind totalitäre Beziehungsformen durch ein Moment gekennzeichnet, das ihr Gelingen erzwingen soll, so dass sie wie von alleine funktionieren. Sie sind um eine Idee herum organisiert, deren Gültigkeit mit dem Funktionieren der Interaktion durchgesetzt wird. In solchen Beziehungen können und dürfen Unterschiede zwischen den Beteiligten nicht wahrgenommen werden, ebenso wenig wie die Idee infrage gestellt werden kann und darf, um die sich die Beziehung bildet. So wird in totalitären Systemen131 die jeweilig herrschende Idee zur Norm. Diese Idee soll den drohenden Zerfall einer Wirklichkeit aufhalten: eine katastrophische, von einem Alptraum nicht zu unterscheidende äußere Wirklichkeit. Hinter dieser Idee steht eine Ideal. Das Ideal ist jedoch der ferne Widerhall jener abgewiesenen und unerhörten Wünsche der frühen Kindheit, der als assoziativer Schein einer Idee subjektive Bedeutung verleiht. Im Ideal wirken die Aspekte der frühen, coenästhetisch organisierten Beziehung zur Mutter fort, die als „heilende sensorische Erfahrung“132 das Gewahrsein der Getrenntheit (im Sinne eines nicht gewussten Wissens) und damit das Leben als Einzelwesen in einer unbekannten Welt überhaupt erträglich machten. In der totalitären Interaktionsform wird das Ideal jedoch nicht als solches benannt, sondern es wird durch Eingriffe und Handlungen als Idee, deren rationales Kalkül – ihre technische Durchführbarkeit – interessiert, zur selbstverständlichen Grundlage der Handlungen. Der illusionäre Schein des Symbols – das subjektiv Bedeutende – wird unmerklich zerstört, indem das in ihm enthaltene rationale Kalkül zum Garanten für die Verwirklichung der Idee wird. Die Differenz zwischen Idee, Ideal und Wirklichkeit wird damit undeutlich, nicht mehr wahrnehmbar. Aus einem gegenseitig sich kritisierenden Verhältnis von Idee, Ideal und Wirklichkeit wird die funktionale Beziehung zwischen der Idee und ihrer technischen Durchführbarkeit. Als Funktion aus der rationalen Gesetzmäßigkeit der Idee abgeleitet scheint der Sinn nun Handlungsfolgen quasi zu erzwingen. Nur Handlungen, die die Verwirklichung der Idee gewährleisten, erschei- 130 Weizenbaum, J. (1990) S. 44 131 Das können Sekten, Regime etc. sein. Ich bezeichne so im Vorliegenden jedoch ein spezifisches Beziehungsmuster, das in beliebigen Zusammenhängen bestimmend werden kann. 132 Ogden, T. H. (1995) S. 54 4. Der Rationale Mythos 116 nen sinnvoll. Alle anderen sind als sinnlose nicht mehr denk- und durchführbar. Das Zwingende einer solchen Inszenierung entsteht, da die Gültigkeit dieser Idee die Auseinandersetzung um Sinn-Entstehung angesichts einer erschreckenden und höchst-bedrohlichen Wirklichkeit ersetzt. Die Gefahr des Misslingens der Interaktion, des Einbrechens überwältigender Angst, wird zur undenkbaren, da diese nicht mehr von der Differenz der Beteiligten und deren Fähigkeit zur Einigung abhängt. Die Einigung scheint durch die logische Richtigkeit der Idee garantiert. Mit den Eingriffen wird die Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit dem Bewusstsein entzogen. Solche Eingriffe entlasten daher von der Unerträglichkeit der Affekte. Diese werden funktionalisiert, statt in Distanz erlebt und wahrgenommen werden zu können. Die Idee hat in diesem Interaktionsmuster die Funktion, den Prozess der Erfahrungsbildung einzufrieren, statt ihn, wie Bion es beschrieben hat, zu organisieren. Bion hält den Wechsel vom Zustand der Integration, des Verstehens und des In-sich-halten-Könnens von Gedanken, Phantasien und Gefühlen – die sog. depressive Position – zum Zustand der Desintegration, des Zerfallens und des Zerstörens von Verbindungen und der Angst vor dem Zerstörten – die sog. paranoid-schizoide Position – (und zurück) für einen wesentlichen Aspekt des erfahrungsbildenden Prozesses. Dabei spiele die Idee im Sinne einer „ausgewählten Tatsache“133 eine große Rolle. Diese Idee kristallisiert sich aus dem Zustand der träumerischen Einfühlung heraus als ein Element, das einen Zusammenhang zwischen zuvor unverbundenen Fakten herstellt. Um sie herum organisiert sich der Zustand der Integration. In der hier beschriebenen Dynamik hat die Idee jedoch die Funktion, den Zerfall zu verhindern und damit den erfahrungsbildenden Prozess zu blockieren. Die Idee kann nicht zur Disposition gestellt werden, da ihre mögliche Infragestellung für die an der Interaktion Beteiligten eine nicht zu bewältigende narzisstische Krise bedeuten würde. Mittels Reduktion des Ideals auf das ihm inhärente rationale Kalkül schützt sich ein Subjekt, das sich – bzw. sein Selbst – vom Zerfall bedroht wähnt.134 Die Identifikation mit der Idee stützt das Selbstkonzept, wo gute, mit dem Ideal verbundene Objektbeziehungen zu fehlen scheinen. Dem Subjekt wird hierdurch die mit dem drohenden Selbstzerfall befürchtete Konfrontation mit Verlassenheit und bedrohlichen Vernichtungsängsten erspart: die Unerträglichkeit der Differenz zwischen 133 Bion, W.R. (1992) S. 65 134 Man könnte diese Struktur in Entsprechung zu der von Freud beschriebenen Theorie der Massenbildung verstehen. Anstelle der Einsetzung des Führers an die Stelle des Ideals wird hier eine Idee zum Ideal genommen. Wie Freud ausführt, ersetzt die Identifikation der Mitglieder untereinander die Feindseligkeit und schützt so das soziale Gefüge. (Freud, S. (1921/1993)) Die totalitäre Interaktionsform 117 Ideal und Realität. Das zu schwache Ich verleugnet die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So kann die Vorstellung der Herstellbarkeit eines gesunden, von Behinderung befreiten Menschen als Abwesenheit von Tod, Leid, Behinderung, Krankheit und Misserfolg zu einer Idee werden, die Handlungen rechtfertigt und sie sinnvoll macht, ohne die davon betroffenen Menschen als ernst zu nehmende Gegenüber wahrnehmen zu müssen. Dies betrifft die Diskussion um Rechtfertigung und Anwendung neuer medizinischer Techniken – Reproduktionsmedizin, humangenetische Untersuchungen, Präimplantationsdiagnostik etc. In der Arbeit mit schwermehrfachbehinderten Menschen durchdringt diese Dynamik jedoch auch die musiktherapeutische oder andere therapeutische, pädagogische Arbeit mit schwermehrfachbehinderten Menschen. Im Sog der totalitären Interaktionsform stehen sie in Gefahr, in einer Weise funktionalisiert zu werden, dass das Ideal der Heilung, Bildung und Linderung von Leid zur Grundlage einer Idee wird, die den Erfolg erzwingen soll und Handlungen rechtfertigt, die nun Machbarkeit und Gültigkeit dieser Idee beweisen müssen. In einem affektiv hoch geladenen Moment verzerrt die Funktionalisierung unmerklich und auf subtile Weise die Beziehung und ermöglicht (oder vielmehr: erzwingt) Handlung. Ein Beispiel dafür sind die beschriebenen Situationen der ersten Begegnung. Über die musiktherapeutischen Angebote wurde in Anwesenheit der schwermehrfachbehinderten Menschen verhandelt. Dabei schien deren Verhalten unterschwellig zu demonstrieren, dass die Behinderung und damit zugleich das behinderte Leben als Folge eines medizinisch-technischen Versagens unzumutbar und demzufolge unbedingt vermeidbar sei. Die Idee der Behinderung als Folge des Versagens medizinischer Behandlung beinhaltet die Vorstellung von einer Behandlung, die – wenn sie nur gut genug wäre – eben einen von Behinderung befreiten Menschen zur Folge hätte. Den Schrecken in der Beziehung als bedeutungsvoll wahrzunehmen, dies hätte, da er dieser Idee die Grundlage entzieht, die Möglichkeit des Handelns außer Kraft gesetzt. Stattdessen füllt das Für und Wider der Behandlung das Denken aus – das Abwägen möglicher Behandlungsmethoden, die nun unter dem Zwang zum Erfolg die Möglichkeit von Behandlung rechtfertigen müssen. Das Verhalten der schwermehrfachbehinderten Men- 4. Der Rationale Mythos 118 schen, ihre Reaktionen als Reaktionen auf die jeweiligen Behandlungsschritte wird zum Beweis von Erfolg oder Misserfolg und damit Sinn oder Sinnlosigkeit von Behandlung. In dieser Inszenierung verschwindet mit dem Schrecken das Subjekt-Sein des schwermehrfachbehinderten Menschen. So konnte ich den Schrecken, als S. zu schlafen schien, nicht wahrnehmen, da er unbewusst meine Behandlung infrage gestellt hätte. Diese erschien nur sinnvoll, wenn sie zur Minderung der schweren Behinderung beitrüge. Dieses an sich sinnvolle Ziel wurde in dieser Inszenierung jedoch zum Gegenübertragungswiderstand, da es mich am Verstehen und Wahrnehmen aller Aspekte hinderte, die ihm widersprachen. Denn das Scheitern erschien in Verbindung mit den unbewussten Tötungsphantasien als deren Realisierung. Totalitäre Interaktionsform und Behinderung Im Sog der totalitären Interaktionsform ändert sich mit der Durchsetzung der Idee die Vorstellung von Heilung und Gesundheit. Der Aspekt der Herstellbarkeit rückt ins Zentrum und entlastet das Individuum vom Erleben des Angewiesenseins, der Abhängigkeit und der Hilflosigkeit. Das Herstellen erspart den Herstellenden das Erleben der Empfindungen von Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit Leiden gegenüber. Diese Empfindungen scheinen unaushaltbar zu sein. Unaushaltbar meint aber, dass sie nicht innerhalb einer Beziehung gehalten werden und diese mit gestalten können. Dahinter verbirgt sich die Selbstverständlichkeit der Koppelung von Behinderung und Leid, so dass es letztlich für die von unheilbarer Behinderung Betroffenen besser zu sein scheint, nicht zu leben. Gesundheit, Heilung, Leid, Schmerz etc. werden damit zur Folge bestimmter biologischer Umstände sowie methodisch-technisch korrekter Eingriffe. Sie sind ihres sozialen / personalen Bezuges beraubt, hängen mit bestimmten wunschgemäßen Eigenschaften des Einzelnen zusammen und können nicht mehr im Kontext eines Miteinander erlebt werden. Indem der Aspekt der Beziehung ausgeblendet wird, kann der betroffene Mensch, der als Auslöser einer solchen Umgangsweise auf sein leidvolles Sein festgelegt wird, nicht mehr subjekthaft wahrgenommen werden. Seine Abhängigkeit wird auf diese Weise fixiert. Technologisches Handeln ist hier nicht definiert durch die Einbeziehung von Technologie und technischen Geräten. Es kennzeichnet die Zwangsläufigkeit der inneren Dynamik von Handlungsfolgen eines Denk- und Handlungskontextes, welche der Logik und den funktionalen Gesetzmäßigkeiten eines Apparates entspricht und die Beziehung als Grundlage für das sinnhafte Erleben von Handlungen dem Bewusstsein entzieht. Emotionale Erfah- Die totalitäre Interaktionsform 119 rungen werden hier in einer Weise gedacht, die dem Umgang mit Technik, mit unlebendigen Dingen angemessen ist. Die totalitäre Interaktionsform soll einen Umgang mit der Erfahrung absoluter Abhängigkeit ermöglichen. Die als unerträglich befürchteten Empfindungen, die auf Seiten der unabhängigen BeziehungspartnerIn einen Beziehungsabbruch und damit den befürchteten Tod des abhängigen Partners zur Folge hätten, werden funktionalisiert und so in einer Inszenierung eingesetzt, dass sie einen Handlungsspielraum erzwingen. Leiden wird so inszeniert, dass seine Wahrnehmung die Einfühlungsverweigerung intendiert und kaschiert, indem sie technologisches Handeln auslöst. Auf eine solche sprachlich hergestellte Inszenierung weist die Biologin Linde Peters hin. Wenn Schwangere innerhalb der Reproduktionsmedizin zum fötalen Umfeld werden, dann sei das „eine Bezeichnung, die den Dialog leugnet, der zwischen der Frau und dem werdenden Kind stattfindet.“135 Mit dieser Leugnung wird das Menschsein des Embryos der Wahrnehmung entzogen. Damit rechtfertigen sich Eingriffe an ihm, die einem Umgang mit unbeseeltem Material entsprechen. Wenn in der Argumentation um die Klonierung menschlicher Embryonen von „Sicherheitskopien“, „Ersatzteillager“136 etc. gesprochen wird, wird ausgeblendet, dass es sich um Menschen handelt, deren potentielles Subjekt-Sein auf einer emotionalen Beziehung basiert, auf die sich ihre personale Umgebung ihnen gegenüber einlässt oder auch nicht. Diese Ausblendung ermöglicht Handlungen, mit denen der Embryo zu verfügbarem biologischem Material wird. Im Nationalsozialismus wurden mithilfe des systematischen Einsatzes der beschriebenen Dynamik die Rassegesetze als Idee durchgesetzt, deren logische Folge später die Tötung behinderter Menschen war. So wurden beispielsweise den Anstalten und Hilfsschulen die Mittel so gekürzt, dass an eine sinnvolle Behandlung nicht zu denken war. Sie wurden jedoch erhalten und zur Besichtigung freigegeben, nicht damit deutlich wird, was „sie (die Anstalten und Hilfsschule, MB) […] Gutes an den Schwachen tun, sondern was uns die Geisteskrüppel schon durch ihr Dasein sagen.“ Sie wurden als „erschütternder Anschauungsunterricht erhalten (, um, MB) auf die Wichtigkeit der erblichen Verhältnisse zur Verhütung minderwertigen Nachwuchses aufmerksam zu machen.“137 Im Gegensatz dazu beschreibe ich die totalitäre Interaktion als eine spezifische Beziehungsdynamik zwischen schwermehrfachbehinderten Menschen und ihren Beziehungspersonen, die sich in subtiler Weise dem Bewusstsein der beteiligten Beziehungspersonen zu entziehen droht. 135 Bräutigam, H. H., Weymayr, C. (1993) S. 14 136 Bräutigam, H. H., Weymayr, C. (1993) S. 13 137 Meltzer, E. (1929) S. 91 4. Der Rationale Mythos 120 Diese Dynamik wirkt sich beispielsweise aus, als ich vor einer Gruppentherapiestunde mit einer Mitarbeiterin über ein Gruppenmitglied, mit dem ich längere Zeit einzelmusiktherapeutisch gearbeitet habe, spreche: „In der folgenden Stunde erschrecke ich, als ich mich gedankenlos behaupten höre, R. würde mich nicht zur Kenntnis nehmen. Ich schaue R. an. Er wirkt so in sich zurückgezogen. Mir selber zuhörend und R. sehend werde ich traurig, als hätte ich R. und mich im Stich gelassen. In der Trauer merke ich den bestehenden Kontakt zwischen uns, spüre die Bedeutung, die unsere Beziehung für R. hat.“138 Mit der distanziert beobachtenden Bemerkung wird die Beziehung geleugnet. Diese Haltung machte mir das Sprechen über R. und mich möglich. Diese Dynamik als unvermeidliche wahrzunehmen, ist jedoch von besonderer Bedeutung und ermöglicht, wie ich im Weiteren ausführen werden, einen verstehenden Zugang zu schwermehrfachbehinderten Menschen. Totalitäre Interaktionsform als Abwehrkonfiguration Diese Struktur bietet einen Umgang mit der Angst vor psychischer Vernichtung als Festlegung auf Abhängigkeit, vor existentieller Verlassenheit als Verlassenheit vom eigenen Selbst: ‚Ich bin, solange mein Handeln die Richtigkeit der Idee (die Machbarkeit von Gesundheit, Beziehung etc.) bestätigt.‘ Mit der stetigen Bewegung, dem Zwang zur Aktion, wird jene Beziehungserfahrung aus dem Bewusstsein ausgeschlossen (und muss ausgeschlossen werden), die den Sinn (wie eben auch die Sinnlosigkeit) der Bewegung (des Handelns, der Aktion) deutlich machen könnte. Mit ihm wird der Schmerz – die Unerträglichkeit des aus der Differenz von Ideal und Wirklichkeit entspringenden Leidens, die mit dem Ideal erlebbar werdende existentielle Not – betäubt, ein Schmerz, der als Spur der Erfahrung der Fremdheit, des Nicht-verstanden-Seins wie auch Nicht-Verstehens als des eigenen Nicht-Identischen bleibt. Nicht-Identisches ist hier zu verstehen als Bereich jener frühen Erfahrungen, die als Unverträgliches unverstanden blieben, die den Dialog mit der Mutter hätten entgleisen lassen und auch in der Beziehung zum Vater oder anderen Personen nicht gehalten werden konnten. Es sind Erfahrungen, die nicht in das sich entwickelnde Selbstgewahrsein als Aneignung einer subjektiven Welterkenntnis aufgenommen werden konnten, die daher das Selbst nun in Gefahr bringen. Die ihnen inhärente Fixierung auf das Dyadi- 138 Becker, M. (1995) S. 16 Die totalitäre Interaktionsform 121 sche erscheint als drohende Totalität von Fremdbestimmung. Die Fremdheit in sich selbst wird darin als drohende Infragestellung der Selbstobjektstruktur erfahren. Solange es nicht gelingt, sich diese unerträgliche Fremdheit in sich selbst in einem Beziehungsraum, der seinen eigenen Zusammenbruch übersteht, anzueignen, ist das Subjekt auf einen vermeidenden Umgang angewiesen. Die Auseinandersetzung mit dieser Fremdheit böte die Chance, die zwanghafte Bewegung als subjekthaft gestaltete erleben zu können. Im Spürbar-Werden des sich und anderen zugefügten und erlittenen Schmerzes könnte die Vergeblichkeit deutlich werden, dem Ausgeliefertsein an Natur – das bedeutet in diesem Kontext: an das dyadische Beziehungsmuster als Basis des Subjektiven – zu entkommen. In der Anerkennung des Schmerzes aber liegt die Chance, in der Berührung die andere/den anderen zu spüren, ohne sie bzw. ihn in der Wahrnehmung zu vernichten, d. h. an die Möglichkeit von Begegnung auch angesichts von tiefer Einsamkeit und Fremdheit, Verletzbarkeit und Tod zu glauben. ‚Schwermehrfachbehinderung‘ als eine auf das Dyadische fixierte Interaktionsform ist durch eine solche totalitäre Dynamik gekennzeichnet. In einer dyadisch strukturierten Beziehung beruht die Möglichkeit der Verständigung darauf, dass die erwachsene / nichtbehinderte Beziehungsperson sich auf den coenästhetischen Modus einlassen kann, sich verwickeln lässt. Die Verwicklung ist im vorliegenden Fall jedoch von besonderer Art: die beschriebene Dynamik der totalitären Entgleisung. Das totalitäre Element bezieht sich darauf, dass die Verwicklung der Wahrnehmung entzogen ist. Sie organisiert sich wie im folgenden Abschnitt dargestellt, um die Idee der Machbarkeit des Subjektes / Subjektiven. In ihrem Sog wird der Eindruck ‚es scheint überwiegend vegetativ gesteuert zu sein‘ seines beziehungsstiftenden Charakters beraubt und droht zur feststellenden Beurteilung zu werden. Die darin formulierte Wahrheit bleibt – wird die besondere dyadische Beziehungsform nicht berücksichtigt – unverständlich. Aus der möglichen inneren Wahrheit eines Menschen wird beurteilendes Wissen über ihn. So ist die Bemerkung, R. würde mich nicht zur Kenntnis nehmen, anfangs eine seelenlos sachliche Beurteilung von außen. Mit dem Schrecken spüre ich die darin liegende innere, mit der äußeren nicht zu vermittelnde Empfindung. Ich schaue R. an. Er wirkt so in sich zurückgezogen. Mir selber zuhörend und R. sehend werde ich traurig, als hätte ich R. und mich im Stich gelassen. In der Trauer merke ich den bestehenden Kontakt zwischen uns, spüre die Bedeutung, die unsere Bezie- 4. Der Rationale Mythos 122 hung für R. hat. Auch hierin verstehe und formuliere ich noch nicht die ganze Bedeutung. In der äußeren Beurteilung scheint die innere Empfindung vernichtet, in der inneren Empfindung scheint die Erfahrung der Vernichtung noch nicht verstanden. Die Bedeutung von R. würde mich nicht zur Kenntnis nehmen als Ineinander der äußeren und inneren Wahrheit könnte nun darin liegen. R. nimmt mich nicht zur Kenntnis heißt: – ‚Ich nehme das Spezifische der Beziehung zwischen R. und mir nicht zur Kenntnis‘. – ‚R. erlebt nicht, dass ich ihn zur Kenntnis nehme, da ich den Sinn seiner ‚Unkenntnis‘ nicht zur Kenntnis nehme; die Unkenntnis liegt darin, dass R. sich nicht zur Kenntnis' nimmt, wobei das ‚sich‘ hier als ein ‚Ich‘ zu denken ist, ein ‚Ich, das sich nicht zur Kenntnis nimmt‘, weshalb ich über die Beziehung nicht sprechen kann. In der therapeutischen Interaktion bestanden die Chance und die Notwendigkeit, diese Verfehlung wahrzunehmen und einem Verstehen zugänglich zu machen. Vor dem Hintergrund des szenischen Verstehens ist der beschriebene Vorgang eine Szene, die als solche nicht erscheint, bei der die Verwicklung der Therapeutin unbemerkbar bleibt bzw. erst in doppelter Reflexion wahrgenommen werden kann – siehe oben der nachträgliche Schrecken. Das Erkennen dieser Einfühlungsverweigerung lässt das Nicht-Szenische – die scheinbare, naturhafte Selbstverständlichkeit der sachlichen Beurteilung – als Szene deutlich werden. Diesen Vorgang beschreibe ich auf drei Ebenen: – Probeweise wird mit dem ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ als Szene etwas deutlich: Die Ununterscheidbarkeit der vorzeitigen Festlegung eines Erlebens und seines Widerstandes dagegen. Mit der vorzeitigen Festlegung meine ich die Sicherheit der Beurteilung ‚es scheint überwiegend vegetativ gesteuert zu sein‘. Im Beispiel erscheint die Bemerkung R. nimmt mich nicht zur Kenntnis als eine sachliche Beurteilung, die den subjektiven Eindruck, dass R. mich nicht zur Kenntnis zu nehmen scheint, festlegt, objektiviert. Sie ersetzt die unerträgliche Unsicherheit eines Eindruckes, der einen Zerfall zur Folge haben könnte: Zerfall des sich auf rationale Ich-Funktionen stützenden Selbst der Therapeutin. Ich erschrak darüber, schien dieser Die totalitäre Interaktionsform 123 Eindruck doch auf die Sinnlosigkeit der Therapie und damit ihre Aussichtslosigkeit zu weisen, wenn ich diesen Zerfall nicht überleben würde. ‚Widerstand dagegen‘ meint, dass dieses Ersatzstück – die sachliche Bemerkung –, indem es in der doppelten Reflexion als solches kenntlich wird, darauf weist, wofür es steht. Es weist auf etwas Fehlendes hin: die der Therapeutin fehlende Erfahrung der Nicht-Intentionalität ihres Gegenübers. Das Gegenüber wird im Ineinander von innen und außen als Leerstelle deutlich. Durch den nachträglichen Schrecken gewinnt das Sachliche der Bemerkung als Einbruch des Fremden in eine Interaktion Kontur. – Dieses Selbstverständliche, naturhaft Erscheinende der distanziert rationalen Beurteilung kann auch verstanden werden als Ununterscheidbarkeit der Ausdrucks- und Erlebensfigur. Das, was im Regelfall die Ausdrucksfigur zum Symbol werden lässt, macht in diesem Fall den Ausdruck unerkennbar. Wenn der fehlende Ausdruck jedoch verstehbar wird – als Negativ eines Symbols –, kann das Subjekt, die Beziehung, gerettet werden. Denn mit dem Eindruck ‚es scheint überwiegend vegetativ gesteuert zu sein‘ werden die unangemessenen Verstehensversuche der Therapeutin ad absurdum geführt: In meine unangemessene Erwartung, R. würde sich in der Distanz auf mich beziehen können, bricht R. mit seinem stereotypen Für-sich-Sein ein. In der sachlichen Bemerkung greife ich unwissend in einer sich realisierenden Verwicklung das stereotype Für-sich-Sein auf. Im Schrecken wird das Fehlende als Einheit von R.‚s Ausdruck und meinem Eindruck deutlich. Die vom dyadischen Ineinander der Identitätslinien nicht unterscheidbare Einheit von Eindruck und Ausdruck muss im Kontext symbolischer Interaktionsformen als Negativ erscheinen. Denn das Gewahrsein der Getrenntheit, welche nicht – wie Ogden beschreibt – durch heilende Form sensorischer Hauterfahrungen erträglich werden konnte, ist nicht durch den Umgang mit Übergangsobjekten als das ganz andere Dritte abgestützt. Die von R. undenkbar formulierte Wahrheit könnte lauten: ‚Ich teile dir mit, dass ich – anscheinend – nichts mitteilen kann, da es mich anscheinend nicht gibt, nicht zu geben scheint, nicht für dich/mich zu geben scheint. Und diese leidvolle Erfahrung / Befürchtung möchte ich mit Dir teilen.‘ 4. Der Rationale Mythos 124 – Die Inszenierung des Erlebens als ‚es scheint überwiegend vegetativ gesteuert zu sein‘ lässt sich in der therapeutischen Beziehung deuten als Übertragungsfigur – als spezifisches Ineinander äußerer Wahrnehmung und innerer Einfühlung. Diese Figur ist der Einbruch einer totalitären Dynamik in die therapeutische Beziehung, die es als szenische – die Inszenierung des Nichtzenischen – zu verstehen gilt. Mit diesem Einbruch bricht gewissermaßen das Gegen- über als ein Fehlendes in die Beziehung ein. Damit entsteht die Chance, der Reproduktion der Beziehungslosigkeit des Erlebens ‚es scheint überwiegend vegetativ gesteuert zu sein‘ und seiner drohenden diskursiven Festlegung zu entrinnen. In der musiktherapeutischen Improvisation kann das Ineinander als Einbruch des Systems vorsprachlicher Symbolformen hörbar und damit verstehbar werden. Das Sich-Ereignen der Beziehungslosigkeit wird in der therapeutischen Beziehung zur Bedingung ihrer verstehenden Überwindung. Der Eindruck ‚es scheint überwiegend vegetativ gesteuert zu sein‘ ist so gesehen die Reflexion auf ein Erleben, das sich einem verstehenden Zugang sperrt und darin zugleich auf ein Verstanden-Werden hofft. Die Festlegung auf den Zustand der absoluten Abhängigkeit hat für die nichtbehinderte BezugspartnerIn ein Denken zur Folge, mit dem das Gegenüber ununterscheidbar vom Bild – der Gegenübertragung – zu werden droht. Dies ist nur dann kein zerstörerischer Akt, wenn die Ununterscheidbarkeit wahrgenommen und ausgehalten werden kann. Die Anerkennung des Nicht-Verstehens als selbstbehauptender Akt – der Nicht-Identität als Bedingung von Identität – ist Voraussetzung des Verstehens. Ohne diese Wahrnehmung wäre das Verstehen ununterscheidbar von der endgültigen Besiegelung der Nicht-Existenz. Der Rationale Mythos Die totalitäre Dynamik, die die ‚Interaktionsform Schwermehrfachbehinderung‘ und eben auch die therapeutische Beziehung erzwingt, soll im Folgenden noch genauer betrachtet werden. Ich habe sie als Rationalen Mythos bezeichnet. Mit diesem Begriff beschreibe ich den Vorgang und Mechanismus des ständigen Scheiterns von Verstehensvor- Der Rationale Mythos 125 gängen, der sich in der Beziehung zu schwermehrfachbehinderten Menschen in der TherapeutIn / PädagogIn / ErzieherIn / PflegerIn / WissenschaftlerIn etc. ereignet. Es geht um die schwer fassbare Tendenz der Gedanken und Überlegungen, die immer wieder dazu zu führen scheinen, dass sich in ihnen die grundlegenden Verstehensschwierigkeiten des schwerbehinderten Menschen bestätigen, statt dass sich durch sie neue Wege des Verstehens eröffneten. In der auf das Dyadische fixierten Interaktionsform muss jedoch das auf der Subjekt-Objekt-Differenzierung fußende Denken – das Ich der TherapeutIn – zwangsläufig scheitern. In diesem Scheitern liegt eine Chance, die es zu erfassen gilt. Es sind daher Konzepte nötig, in denen die Subjekt-Objekt-Beziehung gedacht werden kann, ohne ein erkennendes Ich durchgängig vorauszusetzen. Anna: Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf die nächsten 39 Stunden (12.–50. Sitzung). In den ersten 11 Stunden haben Anna und ich in den Flöten-Stimm-Dialogen eine intensive spür- und hörbare Ausdrucksform für unsere Beziehung gefunden. Ich sitze in unserem Raum vor der weißen Plastikmatte. Anna sitzt auf der Matte und bewegt sich hin und her, mal zu mir hin, mal von mir weg. Manchmal verharrt sie ganz ruhig, scheint weit weg zu sein, nicht erreichbar für mich bzw. für die Flötentöne. Dann wieder lässt sie ihre Spucke auf die Matte fallen, kratzt mit der Hand auf der nassen Matte, beobachtet das Glitzern der Spucke. Ist Anna still und ruhig, fällt es mir schwer, den Kontakt zu ihr aufrechtzuerhalten. Wie beschrieben, beschleicht mich oft die Angst, ich könne mir den Kontakt nur einbilden. Diese Angst macht es mir schwer, ruhig zu bleiben, wenn Anna ruhig ist. Ich fühle mich gedrängt, mit Flöten- oder anderen Tönen Anna zu locken und zu verführen, wieder munter zu werden, um mit dem hör- und spürbaren Kontakt zwischen uns meine Befürchtung niederkämpfen zu können. Einführung der ‚Plastikmatte‘ In der 12. Sitzung bemerke ich wieder, dass mir Pausen Schwierigkeiten machen. Am liebsten möchte ich ihre Entstehung vermeiden und kann mich nur schlecht zurückhalten. Ich frage mich, warum Anna verstummt. Immer noch bin ich auf die Matte eifersüchtig, der Anna so viel mehr an Aufmerksamkeit und Beachtung als mir schenkt und die ihr wichtiger zu sein scheint als ich mit meiner Musik und all meinen Bemühungen. 4. Der Rationale Mythos 126 Das Kratzen auf der Matte versuche ich mit Kratz-Tönen auf der Trommel zu beantworten. Manchmal entsteht dabei Spannung. Aus scheinbar zufälligen und zusammenhanglosen Tönen und Geräuschen entsteht plötzlich ohne erkennbare Ursache eine Form. Annas und mein Kratzen werden ein Dialog, eine Figur. Alle anderen Geräusche, Erscheinungen und Empfindungen sind plötzlich Hintergrund, von dem sich unsere Figur abhebt und der unsere Figur trägt, indem zwischen ihm und der Figur Spannung aufgebaut und gehalten wird. Dies scheint mir fast nur fühlbar, d. h. nur von innen erlebbar und nicht von außen beobachtbar zu sein. Bricht die Spannung schlagartig zusammen oder lässt sachte nach, wird alles wieder zu einem diffusen Gewebe. Ich merke, dass es von Anna und nicht von mir abhängt, ob wir zu einer Figur werden (13. Stunde). Zeitweise bin ich zwischen den Möglichkeiten, auf Anna einzugehen oder eigene Impulse einzubringen, hin- und hergerissen. Ich frage mich, wann es wohl wichtig und richtig ist, Anna zu spiegeln, und wann, ihr zu antworten. Die gleiche Frage lautete bei Jens, ob ich den Tönen oder Jens folge. Hierin zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen unserer Beziehung bzw. zwischen den Schwierigkeiten, mit denen sie belastet ist. Bei Jens ist das eine Frage auf Leben und Tod: Entweder überlebt er oder ich, beides (und damit Beziehung) scheint unmöglich zu sein. Bei Anna sind in beiden Alternativen Beziehungsformen formuliert. Die Beziehung muss also nicht in solch extremer Weise wie bei Jens zu ihrem eigenen Schutz verleugnet werden. Die Bedrohung durch Vernichtungsimpulse findet hier nicht ständig offen statt, sondern hat eine vorübergehende Lösung gefunden. In psychologischen Termini geht es darum, ob Anna Auseinandersetzung oder Bestätigung braucht, ob ihr Widerstand und ihre Sorge um Selbstbewahrung oder ihre Wünsche nach Kontakt im Vordergrund stehen, Abgrenzung oder Identifikation wichtig sind. Die Formulierung ‚spiegeln‘ verweist darauf, dass Anna in der Lage ist, sich in Tönen wiederzufinden und sich darüber zu freuen. Vor dem Hintergrund der Kohut'schen Selbstpsychologie verstehe ich den Ausdruck ‚spiegeln‘ als Beschreibung für einen Kontakt, bei dem Kohärenz und Vitalität des Selbst durch das Sich-Wiederfinden im Außen, im anderen garantiert wird, ohne mit diesem zu verschmelzen. Im Mittelpunkt steht das Verlangen nach Bedeutung, Anerkennung und Größe. Entsprechend fühle ich mich in guten Dialog-Passagen mit Anna oft phantastisch, stolz und überlegen – narzisstische Freude über das Gelingen einer Beziehung, deren Initiatorin Anna ist. Mir ist in der Situation oft nicht bewusst, wie wichtig und belebend es für Anna war und ist, sich in den Klängen der Außenwelt, die ich darstelle, immer und immer wiederzufinden. Ich warte oft ungeduldig auf den nächsten Schritt. Dauernd ein Spiegel zu sein, ist anstrengend – zumal ich nur dann ein guter Spiegel bin, wenn ich die jeweilige innere Bewegung wirklich teile und nicht die Töne ein- Der Rationale Mythos 127 fach musikalisch möglichst exakt wiedergebe. Ich fühle nicht, was es bedeutet, sich selbst zu finden, bzw. welche Not die Gefahr des Selbstverlustes ist. Ohne solche Formen und Möglichkeiten ist Anna in Gefahr, sich zu verlieren. Der drohenden Selbstdiffusion begegnet Anna mit ihren affekt- und beziehungsverleugnenden, aber selbstbewahrenden Verhaltensmöglichkeiten. Das Gefühl der dahinterstehenden existentiellen Dringlichkeit und des Angewiesenseins darauf macht im vorliegenden Zusammenhang die volle Bedeutung des Begriffs ‚spiegeln‘ aus. Diese Dringlichkeit spüre ich in den Pausen als Sog, ständig weiterzuspielen und den Kontakt in gleicher Weise fortzusetzen. In der zeitweisen Gefahr, in konkretistischer Weise nur leere Töne zu spiegeln wie in meinem Verlust der Lust zu spiegeln, droht die abgewehrte Seite der Entwertung und Nichtigkeit die Wahrnehmungsschranke zu durchbrechen. Die mit der Abwehr und Abgrenzung identische Seite der Wertlosigkeit und Nichtigkeit wird vorderhand noch von den Interaktionen um die Matte vertreten. Im musikalischen Kontakt zeigen sie sich als ‚Leerstellen‘. Das ‚Spiegeln‘ ist also lebensnotwendige Selbstbewahrung wie auch Abwehr zentraler Erlebensbereiche, die im schuldhaften Erleben des Einbringens von Eigenem spürbar werden. Als Anna in der 16. Sitzung nach kurzer Zeit den Raum verlassen will, hole ich die weiße Matte. Nach vorsichtigem Kratzkontakt finden wir wieder zu unserem Stimmkontakt. Zwischendurch greift Anna den Schellenkranz, kratzt auf der Trommel, kommt zu mir und tastet meinen Mund ab. Sie erforscht die Quelle der Antwortklänge. Ich denke über die Funktion der Matte nach, überlege, welche Rolle visuelle Reize – das Glitzern der Spucke – für Anna spielen. Mir wird klar, dass ich die Matte nicht entfernen kann, bevor ich nicht ihre Bedeutung verstanden habe. Hier ist etwas Neues passiert. Zum ersten Mal taucht ausdrücklich die Frage nach dem Sinn und damit nach der Symbolebene auf. Endlich verstehe ich, dass Anna die Matte braucht. In unserer Beziehung ist sie von existentieller Notwendigkeit. Sie hat für uns Bedeutung. Das Holen der Matte ist eine Deutung: Sie ist das, was gefehlt hat, was Anna und ich brauchen, um beieinander zu sein. Vorerst ist die Matte ein mir unbekanntes Ding. Doch als sogenanntes ‚drittes Objekt‘ ermöglicht sie Anna, sich von mir abzugrenzen. Anna sagt auf ihre Art und Weise: Die Matte ist mir wichtig. Bisher sagte ich: Die Matte ist ein sinnloses Ding. Indem ich die Matte hole, wendet sich Annas sinnloses Verhalten in einen Wunsch an mich, der damit in der Beziehung Bedeutung erlangt. Die erste Bedeutung ist, Anna ist mir nicht ausgeliefert. Sie ist nicht mein Spielzeug – mein Ding, sondern hat ihr Eigenes. Indem ich dies anerkenne, erkenne ich Anna als Person mit Eigenem an. Jetzt erst kann es Anna möglich werden, sich für meine ‚Dinge‘ und mich zu interessieren. Da wir nicht mehr identisch sind mit den Dingen, können wir anfangen, nach ihrem Sinn zu forschen. 4. Der Rationale Mythos 128 Zusammenbruch der Hoffnung In der 21. Stunde fühle ich während eines intensiven Zusammenseins mit Flöten- Stimm-Kontakt, Trommeln, Singen etc. Trauer. Ich bekomme Angst, ‚dass sich unser Kontakt nicht weiterentwickelt und ich aus dieser Symbiose heraus sie verlassen muss‘. Innerhalb einer innigen und guten Sequenz im Vorgriff auf ein phantasiertes Ende und einen phantasierten Stillstand Trauer? Hier finden negative, noch nicht bewusstseinsfähige Empfindungen Ausdruck in Gedanken über eine mögliche Beendigung der Therapie. Immerhin machen sie nicht mehr – wie zu Beginn – unseren ganzen Kontakt zunichte. Ich denke nicht mehr, ich bilde mir alles nur ein, sondern ich befürchte, es wird nie weitergehen, ich werde Anna nie los werden. Die Gefahr der Vernichtung, die gebannt schien, schleicht sich hier durch die Hintertür wieder herein. Ihre Abhängigkeit von mir scheint riesig, da ich Anna wenig Eigenes zugestehe. In der Woche zuvor habe ich bei der Vorbereitung des Raumes für die Therapien mit Anna und anderen BesucherInnen der Einrichtung einen Hexenschuss bekommen, woraufhin ich bewegungsunfähig wie sie daniederlag. Ursache ist nicht nur die körperliche Anstrengung, sondern auch mangelnde Sensibilität für die eigenen emotionalen Belastungen: Stark-Sein als Fassade, hinter der sich Ängste, Kleinheits-Gefühle, Unsicherheiten verbergen. Ich trage eine zu große Last und darf es mir nicht anmerken lassen. Eigene durch die Therapie geweckten Wünsche nach Fallenlassen und Getragenwerden scheinen unzumutbar und werden als unerträglich abgewehrt. Zudem ist die Atmosphäre in der Einrichtung zeitweise explosiv angespannt, laut, bedrückend und unerträglich dicht. So ist es mir oft eine Erleichterung, mich mit Anna oder den anderen zur Musiktherapie zurückziehen zu können. All das erscheint mir unaussprechbar. Die MitarbeiterInnen scheinen manchmal selbst am Rande ihrer Belastbarkeit zu sein. Diese Belastung führte bei mir zum Hexenschuss. Was sind das für belastende Gefühle, Empfindungen und Fragen, die ich zum größten Teil verdrängen muss? Wodurch werden sie hervorgerufen bzw. womit hängen sie zusammen? Ich habe Annas Akte gelesen und bin schockiert. Mich hat dabei eine große Traurigkeit und tiefe Resignation ergriffen, die ich mir kaum einzugestehen wage. In den verschiedenen Berichten schildern ihre bisherigen BeschäftigungstherapeutInnen, KrankengymnastInnen, HauslehrerInnen etc. Erfolge in ihrer Arbeit, erreichte Entwicklungsansätze und Fortschritte wie beispielsweise der Umgang mit einer Klingel oder ähnlichen Gegenständen – Fähigkeiten, über die Anna zwar heutzutage noch verfügt, die mir aber im Gesamtzusammenhang ihres behinderten Lebens mit einem Mal relativ bedeutungslos erscheinen. Was nützt es ihr, mit einem Glöckchen klingeln zu können, wenn das Klingeln für sie und ihr Beziehungsumfeld kaum Sinn hat? Schon seit Jahren scheint Anna in etwa auf ihrem jetzigen Entwicklungsstand zu sein. Sind die von mir erlebten und erhofften Der Rationale Mythos 129 Fortschritte Annas ähnlich fragwürdig? Ist unser gutes Zusammensein wertlos, wenn es für die Zeit danach keine wahrnehmbaren und sinnvollen Spuren hinterlässt? In Gedanken sehe ich mich eingereiht in den Chor der TherapeutInnen, alle motiviert und hoffnungsvoll damit beschäftigt, Anna etwas beizubringen, was möglicherweise mehr der Bestätigung der eigenen Berufsrolle dient, für Annas Leben aber wenig Veränderung bringt. Die Einschätzung der Bedeutung des Erreichten erfolgt immer aus der Sicht der eigenen Arbeitsspanne und nicht aus Sicht der Lebensspanne Annas. Woher rührt das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Resignation, wenn alles bisher so erfolgreich verlief? Die fassadenhafte Wirkung der Darstellungen und Berichte ist Ergebnis der Vermeidung, sich ein Scheitern aller Bemühungen einzugestehen bzw. die Möglichkeit eines solchen Scheiterns zumindest zu riskieren. Und doch lässt sich das Scheitern und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit kaum verdecken. Für diejenigen, die mit Schwermehrfachbehinderten arbeiten, ist es ebenso schwer und bedrohlich, sich der Sinnfrage wirklich zu stellen, wie der Versuch vergeblich ist, sich ihr zu entziehen. Das ganze Streben der MitarbeiterInnen dient dem Nachweis von Sinn und Möglichkeit der Arbeit mit Schwermehrfachbehinderten. Es gilt, der Allgemeinheit und sich selbst zu zeigen, dass die vom Phantasma nur unzureichend verborgenen Tötungsvorschriften nicht zutreffen. Danach bleibt ein sinn- und beziehungsloses Leben besser ungelebt. Doch gerade die Verdrängung des unterschwellig stets anwesenden Themas unterminiert die Arbeit. Die alles zersetzenden Zweifel und Infragestellungen der eigenen Arbeit dürfen nicht laut ausgesprochen werden. Ein Nein als Antwort auf die Frage, ob das Leben eines schwermehrfachbehinderten Menschen sinnvoll ist, scheint gleichbedeutend mit der Einwilligung in seinen Tod. Um das zu verhindern, darf das Scheitern nicht gedacht werden, müssen die positiven Dinge hochgehalten, darf die volle Wucht der Fragen und Zweifel nicht gespürt werden. Dieser gegen sich selbst ausgeführte Kampf ist die ärgste Belastung. Oft bringt er genau das Ergebnis, das durch ihn eigentlich vermieden werden sollte, die Kündigung. So finde ich zwar meine ganze Tätigkeit fragwürdig einschließlich der kleinen positiven Dinge, über die ich mich freue, wie auch der Überlegungen und Gedanken, die ich mir mache. Gleichzeitig scheint es äußerst gefährlich, dieses völlige Infragestellen dessen, was ich tue, mit meinen Hoffnungen und aktiven Handlungen in Berührung kommen, es mir bewusst werden zu lassen. Ich bin mir der Tragfähigkeit meiner Zuversicht nie sicher. Ich wage nicht, mir einzugestehen, dass auch ich möglicherweise nicht weiterkommen werde als die TherapeutInnen, deren Berichte die Akte enthält. Dahinter verbergen sich größenwahnartige Allmachtserwartungen, da ich eben doch hoffe, mit der Therapie Anna ‚heilen‘ und ihre schwere Behinderung verändern zu können. Die Wunderheilung ist auf dieser Ebene die einzige Alternative zum Mord – und ist ihm doch gleichzusetzen als seine Kehrseite. Denn Anna, so wie sie ist, die will ich auf keinen Fall. 4. Der Rationale Mythos 130 Im Scheitern der vielen vor mir erkenne ich die Fruchtlosigkeit meiner eigenen trügerischen Hoffnungen. Hat die Musiktherapie einen Sinn, wenn an der schweren Behinderung gar nichts zu ändern ist? Hat das Leben für Anna einen Sinn? Die Last dieser Fragen, die nicht gedacht und bewusst gefühlt werden darf, führt zum Hexenschuss. Sie steht dahinter, wenn ich befürchte, die Therapie mit Anna beenden, sie verlassen zu müssen. In der 24. Sitzung merke ich, dass Anna auf der weißen Plastikmatte verschiedene Entfernungen zu mir erprobt. Mal ist sie sehr dicht, liegt unmittelbar vor mir, während ich vorsichtig über ihren Rücken streiche, mal ist sie so weit entfernt, wie die Matte es zulässt. ‚Pause‘ In der nächsten Stunde, als Anna wieder einmal meine Hände zum Klatschen benutzt, verstehe ich es so, als ob ich ein Teil von ihr bin – ‚zur Vervollständigung‘. Das bedeutet, erst in der gemeinsamen Aktion kann Anna sich als vollständig und ganz erleben. In der folgenden Stunde merke ich, dass es wichtig ist, ‚in der Stimme die Befindlichkeit wirken zu lassen‘. Ein wenig dürfen also inzwischen Gefühle spürbar werden. Das Kratzen erscheint mir wie ‚Streicheln und Quälen‘. Im Singen drückt sich Sehnsucht und Zufriedenheit aus. Zum ersten Mal spüre ich auch in der Stille, wenn wir nichts tun, die Verbindung zwischen Anna und mir. Plötzlich wirken diese Momente auf mich wie Pausen innerhalb eines Musikstückes. Das erscheint mir ein Durchbruch zu sein, eine fundamentale Entdeckung. Ich gewinne Vergnügen an den Pausen, anstatt Angst um den Kontakt zu haben. Mit einem Schlag verändert sich dadurch unsere Beziehung. War ich vorher in den Pausen ängstlich, verunsichert, bedroht und niedergeschlagen, da sie mir als ein Zusammenbruch unserer gerade entstandenen Beziehung erschienen, spüre ich nun auch in den Pausen den Kontakt zu Anna und ihren zu mir. Ich bin ruhig und sicher, dass Anna in der Beziehung schon wieder aktiv werden wird, wenn es ihr wichtig ist. Beziehung muss nicht mehr hörbar sein, um zu existieren. In der Stille wissen wir um uns. Darin liegt der Beginn einer Überschreitung des unmittelbar Sinnlichen: Bewusstwerdung als Gewissheit des Sich-selbst-Habens, des Seins. Diese neugewonnene Sicherheit macht sich nicht zufällig an der Betrachtung der Pausenfunktion für die Musik fest. Pausen sind in der Musik nicht nichts. Gerade in der Stille und durch die Stille hindurch entsteht Musik. Stille in der Musik lässt nicht nur Raum zum Nachklingen oder Spannungsauf- oder -abbau. Als Generalpause, als Moment des Innehaltens macht sie den Moment der Gegenwart und damit Zeit hörbar als Unterbrechungen eines Kontinuums, als Richtungsän- Der Rationale Mythos 131 derung, als Stillstand, als Möglichkeit der Bewusstwerdung. Sie ist strukturbildendes Element, durch das Musik zur eigenständigen, aus rituellen Zusammenhängen herausgelösten symbolischen Ausdrucksform wird. Im vorliegenden Zusammenhang ist ‚Pause‘ eine Analogie, eine Metapher, die aus dem Erleben entstanden ist. Das veränderte Stille-Erleben in unserem gemeinsamen Tun geht einher mit meinem Verstehen der musikalischen Bedeutung von Pausen. Die Pausen-Metapher ist daher mehr als ein von außen herangetragener Name, der ein Erleben verständlich machen soll. Denn im Verstehen des Erlebens konturiert sich zugleich die Bedeutung der Pause für die Musik. Ich verstehe etwas vom Zusammensein von Anna und mir, indem ich etwas von der außer uns liegenden ‚Welt‘ verstehe. Es ist der Anschluss unserer Beziehung an eine Sprachgemeinschaft, die Verknüpfung von Gesellschaft und Subjekt. Der Name ist eben nicht willkürliche Bezeichnung, sondern Formulierung des Wesens eines Dinges als Bedeutung für mich. Mit der Pausenfunktion beginnt Formenbildung. Formen gewinnen eigenständige Bedeutungen. Im Rahmen der Lorenzer'schen Theorienbildung entspricht das der Ebene der Interaktionsformen, der Bildung von Protosymbolen, anhand derer sich das Kind die Bedeutung subjektiver Lebenserfahrung wie objektiver Welt aneignen kann. In der Therapie mit Anna zeigt sich in der und durch die Pause die therapeutische Beziehung als Bezugsrahmen für das vorherige und folgende sinnlich-unmittelbare Tun. In Hinblick auf diesen Bezugsrahmen – der Beziehung zwischen uns – wird dem Tun Sinn und Bedeutung zugeordnet. Sinn und Erscheinung sind nicht mehr identisch. Die Erkenntnis der Beziehung ist für Anna der Keim der Selbsterkenntnis und Weltbetrachtung. Die unmittelbar sinnliche Handlungsebene wird in Richtung Bewusstwerdung, bewusster Wahrnehmung und Empfindung überschritten: der Gewinn der Fähigkeit, als Gestalt und als Form wahrzunehmen und zu empfinden. Die Pause als Kristallisationspunkt zeigt, dass eine eigenständige Beziehung entstanden ist. Auf dieser Grundlage können wir anfangen, uns für Bedeutungen zu interessieren und Fragen nach dem Sinn der Dinge zu stellen, da die Notwendigkeit der Fragmentation, der Fixierung auf das Unmittelbare eingeschränkt ist. Im bewussten Spüren unserer Beziehung kann Anna sich selbst spüren, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, mit mir zu diffundieren. Sie kann daher teilweise auf ihre bisherigen radikalen Abwehrmaßnahmen verzichten. 4. Der Rationale Mythos 132 ‚Mama‘ Die Sequenz der nächsten acht Stunden ist charakterisiert durch Interaktionen, die mit ‚Mama‘ bzw. szenischen Gestaltungen um ‚Mama‘ in Zusammenhang stehen: In der 27. Stunde fällt mir zu unserer Art der Unterhaltung ‚Mama‘ ein, was ich auch ausspreche. Auch in der 28. Sitzung ist ein Einfall zu unseren Dialogen ‚Sehnsucht nach Mama‘. In der folgenden Sitzung ist Anna so erregt, dass ich Angst bekomme und sie beim zweiten Mal festhalte. Nach einer ‚Mama‘-Sequenz fasst sich Anna an die Brust. Ich frage mich, ob die sie so faszinierenden Löcher in der Decke mit Brust zu tun haben. Anna ertastet meinen Mund und die Kehle. In der 30. Stunde will Anna später bei mir auf bzw. in den Arm. Sie scheint dabei unzufrieden. Manchmal beißt sie sich, vor Ärger oder Erregung oder um sich zu fühlen? Anna fasst sich öfters an die Brust. Erregt unser Tun sie sexuell? In der 31. Sitzung fehlt uns die weiße Matte. Es ist eine rote da. Nach einer Weile unseres üblichen Beisammenseins will Anna raus. Sie macht ‚Mama-Geräusche‘. Eine Zeitlang sind wir nah beieinander. Doch dann will sie nach draußen. Wir gehen ins Büro und sitzen nebeneinander auf dem Sofa. Anna schaut auf die Löcher an der Decke. Ich habe dabei ‚ein starkes Mama-Gefühl‘. Als ich sie später im Raum noch einmal zum Bleiben drängen will, schreit sie. Sie führt mich ganz nach draußen, wo wir spazieren gehen. Ich bin verunsichert. War die Erregung zu groß? Bedeutet das Rausgehen ‚Lösung aus der Symbiose?‘ In der 32. Sitzung ist es wieder sehr dicht. Während des ‚Mama-Kontaktes‘ beißt Anna in die Matte. Ich ‚habe das Gefühl, A. will gestillt werden‘. Anschließend führt mich Anna in die Küche. In der 33. Stunde fällt mir zu unseren Lautexperimenten ‚orale Phase – gute Milch‘ ein. In der nächsten Stunde kommt mir die weiße Plastikmatte wie ein riesiger Mutterbauch vor, der gestreichelt und gebissen wird. Anna erforscht meinen Mund und ich ihren. Dabei beißt sie mir in den Finger. Zum Schluss geht sie von allein. In der 35. Stunde ertastet Anna gleich anfangs meinen Mund. Es wird ein richtiger ‚Mama-Kontakt‘. In den langen Pausen kann ich das Gefühl für Anna aufrechterhalten. Wir klatschen und singen ‚Hoppe-Hoppe-Reiter‘ und ‚Backe-Backe-Kuchen‘. Der Rationale Mythos 133 ‚Backe-Backe-Kuchen‘ singe ich jetzt häufiger. Es scheint mir zu Anna und unserer Beziehung zu passen. ‚Backe-Backe-Kuchen‘ lebt vom Hände-Klatschen als Mitbewegung und der Bedeutung oraler Sicherheit durch nahrhafte Liebesbeweise. Anna klatscht sehr gerne zu Melodien und Liedern. Die Bedeutung des oralen Bereichs ist offensichtlich. Im Laufe der Zeit wird es zu ‚unserem Lied‘. Anna und ich singen es abwechselnd. Ich fange an und lasse immer Pausen, die Anna in ihrer Weise füllt. Dabei drückt sich im Gesang Annas Befindlichkeit aus. Das Lied wird zur Unterhaltung. Es stellt den formalen Rahmen, die Schiene für unsere Beziehung dar. Zwischendurch ist Anna genervt. Ich weiß nicht, warum, und überlege, was die verschiedenen Stimmungen zu bedeuten haben, ob für Anna eine Unterscheidung zwischen Innen und Außen möglich ist bzw. zwischen Selbst und anderen? Es gibt scheinbar keine Symbolbildung. Ist ihr Sabbertuch ein Übergangsobjekt? Was heißt das: ein ‚Mama-Kontakt‘? Der Ursprung liegt in Lauten von Anna, aus denen ich das Wort ‚Mama‘ herausgehört habe. Anna drückt dabei Wünsche nach liebevoller Zuwendung aus. Ihre Art, einen nicht anzugucken und wenn, dann höchstens flüchtig, trotzdem aber aufmerksam für alles um sie herum zu sein, wie auch die Tatsache, dass ich ihre Intentionen und Wünsche überwiegend erraten muss, zusammen mit ihrem Ärger, wenn ich sie missverstehe, wecken in mir die Assoziation eines verschämt schüchternen, liebevollen Flirts, bei dem der deutliche Ausdruck von Zuneigung wie auch die Tendenz, den anderen zappeln zu lassen, sich die Waage halten. ‚Mama-Kontakt‘? Ein Aspekt davon ist, Anna als Kind misszuverstehen, die andere Seite jedoch eine tiefe schmerzhafte Sehnsucht danach, erkannt und verstanden zu werden, die wir alle wohl daran festmachen, was uns ‚Mutter‘ bedeutet. Orale Phase – ‚gute Milch‘, ‚stillen‘ – das ist das Verstanden-Werden, das Sich- Verstehen, Wahrgenommen- und Erkannt-Werden, das glückhafte Beisammensein im affektiv-sinnlich empfundenen Ton-Dialog. Die andere Seite – das ist der nur schwer aushaltbare Schmerz des stummen schwarzen Nichtverstehens und des hilflosen Mitanfühlen-Müssens dieses Schmerzes, ohne ihn lindern zu können. Im Nichtverstehen sind alle Dinge flach, alle Erscheinungen glatt, undurchdringlich und fremd. Ähnlich wie ich dagegen anrenne, mir den Kopf zergrübele, was dieses oder jenes zu bedeuten hat, bearbeitet Anna manchmal die Matte in ihrer glatten Plastik-Unlebendigkeit, beißt und schlägt, ohne sie beleben, aber zum Glück auch ohne sie zerstören zu können. Die weiße Matte als ‚riesiger Mutterbauch‘, der gestreichelt, gekratzt, bespuckt und gebissen wird, ist für Anna ein Protosymbol: ihr Ding, das sie selbst gefunden und entdeckt hat, mit dem sie etwas tun kann, was auch stellvertretend zu verstehen ist. In der Therapie trifft sie mich, wenn sie die Matte beißt, und trifft 4. Der Rationale Mythos 134 mich doch nicht; sie kratzt mich, wenn sie die Matte kratzt, und kratzt mich doch nicht; sie bespuckt und streichelt mich, wenn sie dies mit der Matte tut, und tut es doch nicht mit mir. Ich schreie, bin traurig oder wütend, froh oder begeistert. Ich fühle es und drücke es deutlich hörbar aus. So sind die Interaktionen mit der Matte und die mit mir ineinander verschränkt, werden dadurch im Sinne Lorenzers zur sinnlich-symbolischen Interaktionsform. Während Annas bisherige, außerhalb der Therapiesituation stattfindenden Aktionen mit der Matte sinnlos erscheinen – als Stereotypien, die ein Selbstgefühl aufrechterhalten und in ihrer sinnlosen Erscheinung vor Überwältigung schützen –, können sie in der Verschränkung der Interaktionen wieder Bedeutung erlangen: Für uns, für mich ist das, was Anna mit der Matte macht, wichtig und sinnvoll. Aber Anna ist angewiesen auf die unmittelbare Verschränkung, die Gleichzeitigkeit des sinnlich vermittelten Verständnisses. Insofern sind diese Handlungen kein Spiel, über das sie verfügen könnte, das genügend symbolisches Abstraktionsvermögen als Teilhabe am gesellschaftlich-kulturellen Allgemeingut beinhaltet, dass es für sich sinnvoll wäre, sondern sie sind protosymbolische Interaktionsformen, die nur aus dem unmittelbaren Zusammenhang heraus verständlich werden. Trennung und ‚Verlassen-Werden‘ In den nächsten 15 Stunden beschäftigt uns das Thema Trennung und Verlassen-Werden. Der Rhythmus der Stunden hat sich insofern geändert, als Anna nach kürzerer oder längerer Zeit aus dem Musiktherapieraum – also der Zweier-Situation – hinaus möchte. Manchmal führt sie mich in den Gruppenraum, manchmal auch woanders hin oder ganz nach draußen. Vor allem im Gruppenraum, aber oft auch draußen führen wir unsere üblichen Interaktionsmöglichkeiten weiter durch. Wenn Anna dann manchmal andere BesucherInnen, MitarbeiterInnen oder Dinge mit einbezieht, so erweitert das unsere Beziehung, verändert sie aber nicht qualitativ. In der 36. Stunde will Anna nicht in den Musiktherapie-Raum. Wir gehen nach draußen. Die nächsten Stunden werden von unserem üblichen Kontakt bestimmt: Stimmund Kratz-Dialoge, Pausen, Mund-Betasten, ‚Backe-Backe-Kuchen‘ etc. In der 40. Stunde ist es in einer Pause ganz still. Ich berühre den Gong. Nur sein leises Schwingen ist zu hören. Anna und ich rühren uns nicht. Später kommt mir Annas Hände-Klatschen wie Schlagen vor. Ich verbalisiere es, indem ich gequält schreie. Danach will Anna weg. Sie kommt wieder. Wir sind noch eine Weile zusammen und gehen dann gemeinsam raus: ‚Als ich sie rufe, habe ich den Eindruck, sie versteht mich und kommt.‘ Zum Schluss der Stunde weint Anna fast. Ich weiß nicht, warum, vermute, dass der intensive Kontakt sie beunruhigt. Die Der Rationale Mythos 135 Vermutung, sie könne traurig sein und unser Zusammensein vermissen, wage ich kaum zu denken. In der nächsten Stunde merke ich, dass Anna den ganzen Raum ausprobiert. Nach einer Weile bewegt sie sich in den Gruppenraum. Wir machen dort mit der Musiktherapie weiter. Ist es ihr mit mir allein im Raum zu dicht? Hätte ich den Gong spielen müssen/sollen? Ich merke am Ende der Sitzung, dass kein Abschied möglich ist. ‚Ich verlasse sie immer‘. Auch in der nächsten Stunde geht Anna nach einer Weile aus unserem Raum heraus. Diesmal machen wir im Büro weiter. Ich bemerke, dass Anna mich öfter kurz direkt anschaut. Meine Phantasie ist, dass sie vielleicht Angst davor hat, aufgefressen zu werden. Beim nächsten Mal dauert es anfangs länger, bis unser Kontakt wieder deutlich spürbar ist. Ich vermute, Anna ist böse, weil ich sie immer verlasse. Später haben wir einen intensiven Kontakt miteinander. Anna beißt wieder in die Matte. Diesmal geht sie am Ende von allein. Ist sie traurig, enttäuscht? In der nächsten Stunde fällt mir auf, dass ihre Laute mal experimentell, mal Freudig, mal ärgerlich, mal fragend, mal sehnsüchtig klingen. Oft gehe ich jedoch auf alle Laute gleich ein bzw. orientiere mich immer wieder rein an einer exakten musikalischen Ton-Klang-Dynamik-Wiedergabe. Die Stille: Ist es Ausruhen, Rückzug oder nährende Stille? ‚Ich bin bei dir, ich nehme dich wahr, du bist da!‘ Ich möchte erreichen, dass für Anna Spielen als Kontakt-Form möglich wird. Ich merke, dass es mir schwerfällt und schwierig ist, den Kontakt zu beenden. In der 45. Sitzung wird mir bei den klagenden Flöten-Stimm-Dialogen klar, dass nicht Anna mich, sondern ich sie immer wieder verlasse. Meine Angst, sie könne weggehen, verbirgt die Wirklichkeit, dass Menschen wie ich es sind, die sie verlassen. Ich spüre, dass meine ständigen Befürchtungen, Anna könne gleich den Musiktherapieraum und damit die Situation und mich verlassen, etwas damit zu tun haben, dass Anna ständig verlassen wird, ohne dass sie etwas dagegen unternehmen kann. In der nächsten Stunde empfinde ich ihre Tonfolgen als einen mir unverständlichen Ausdruck von Wünschen. Warum geht sie oft weg? Einmal geht sie in den Gruppenraum zu K., einem anderen Besucher, den sie sehr gerne mag. Eine Weile sind wir zu dritt zusammen. In der folgenden Stunde geht Anna wieder aus dem Musiktherapie-Raum heraus. Ich habe die Phantasie, sie verlässt mich, statt von mir verlassen zu werden. Wenn ich ihr folge, ist es wie ‚Weglaufen-Fangen‘ spielen. Ich verbalisiere diesmal mehr die Stimmungen, statt ‚nur‘ Töne zu spiegeln. Zum Schluss liegt Anna in meinem Arm. Wir sind uns sehr nah. Es ist schrecklich für mich, von ihr wegzugehen. Ich bin froh, dass eine Mitarbeiterin jetzt bei Anna sein kann und sie nicht allein ist. Ich überlege, ob Anna mit Eins-Sein und Getrennt-Sein experi- 4. Der Rationale Mythos 136 mentiert, wenn sie in meinem Mund tastet. Im Gruppenraum scheint Anna mehr Sicherheit zu haben. Es ist ihr Zuhause: das Geborgensein in der Gruppe mit dem Gewebe aus Geräuschen, Gerüchen, visuellen Eindrücken etc. Währenddessen komme und gehe ich, breche in das Kontinuum ein. In der 48. Stunde bemerke ich wieder, dass es ‚besser (ist), Stille aus (zu)halten‘. Manchmal – wie schon öfter – sagt Anna wie absichtslos ‚Mama‘. Sie leckt und beißt die Matte. Am Ende der Stunde will sie nicht aus dem Raum heraus. Sie ist in meinem Arm. Ich tröste sie. Es fällt mir schwer zu gehen. In der nächsten Stunde bewegt sich Anna viel hin und her. Gefällt es ihr nicht oder bin ich nur unkonzentriert? In der folgenden Stunde haben Anna und ich jeder einen Schellenkranz und spielen gemeinsam damit. Es ist eine sehr Freudige Stimmung. Anna ist sehr erregt. Doch immer wieder merke ich, dass ich mich nicht richtig auf die Stimmungen einlasse, mich stattdessen nur an exakter musikalischer Wiederholung orientiere. Diese Sequenz beinhaltet die Auseinandersetzung um die Bedeutung von Verlassen, Verlassen-Werden, Sich-Abgrenzen, Sich-Bewahren. Das Phantasma als Abwehrkonstellation, bei der Wahrnehmungen und Empfindungen keine interaktionale Bedeutung haben, bricht immer wieder in die Beziehung ein. Das wird an zwei Punkten deutlich: Eine andauernd sich aufdrängende Antwort auf die Frage, warum Anna so oft den Raum verlässt, scheint zu sein, diese Handlung als eine Kritik an unserer Beziehung zu verstehen. Immer noch bedroht dies die Beziehung als Ganzes, da die einzig denkbare Konsequenz die Beendigung der momentanen Interaktion ist. Die heimliche Angst, dass dies zutreffend sein könnte, entzieht meinen tatsächlichen Handlungen – den Versuchen, bei Anna zu bleiben – den Boden und lässt mich immer wieder alles infrage stellen. Die andere Stelle, an der sich die Auswirkung des Phantasmas zeigt, ist die stets wiederkehrende Tendenz, die musikalischen Dialoge von ihrem emotionalen Bedeutungsgehalt zu isolieren. An beiden Stellen geht es um die Zerstörung von Beziehungsrealität. Dass ich Anna immer wieder verlasse und dass sie dieses Verlassen-Werden sehr schmerzlich spürt, kann ich kaum ertragen. Es ist gut, dass sie mich in andere Räume führt: in den Gruppenraum, nach draußen, ins Büro. Dort finden wir Interaktionsmöglichkeiten, die uns helfen, diesen großen Schmerz gemeinsam etwas auszuhalten. Doch auch in der Zweier-Situation drückt sich die Gemeinsamkeit aus, wenn wir jede mit einem Schellenkranz zusammen musizieren. Der Rationale Mythos 137 Der Rationale Mythos Der Rationale Mythos kristallisiert sich um Vorstellungen und Bilder von schwermehrfachbehinderten Menschen, die sich Nichtbehinderte über sie machen und die durch Theorien scheinbar begründet und abgesichert werden. Sie drohen in einer Weise die Umgangsform mit den schwermehrfachbehinderten Menschen zu bestimmen, dass sie sich gerade darin bewahrheiten. Dementsprechend ist ein schwermehrfachbehinderter Mensch jemand, dem aufgrund seiner schweren neurophysiologischen Schädigung die Entwicklung und Ausbildung rationaler Fähigkeiten – auch in ihren ersten Anfängen, den sensomotorischen Handlungsschemata – nicht möglich ist. Da Rationalität als Grundvoraussetzung für das Person-Sein eines Menschen verstanden wird, mangelt es diesem Verständnis nach schwermehrfachbehinderten Menschen an personalen Fähigkeiten. Dementsprechend kann ihren Reaktionen keine subjektiv gestaltete Ausdrucksqualität zukommen. Ihre körperlichen Reaktionen können dem Gegenüber kein Verstehen im Sinne eines Gemeint-Seins ermöglichen, da sie als Auswirkung eines rein vegetativen Status verstanden werden. Die Entwicklung und Bildung personaler Qualität wird damit der Ausbildung eines bestimmten neurophysiologischen Organisationsniveaus zugeordnet, nämlich demjenigen, das einem Menschen den Erwerb rationaler Denkstrukturen ermöglicht. Diese Fähigkeiten werden als Voraussetzung personaler Qualitäten gesetzt. Da Personalität als das spezifisch Menschliche des Menschen verstanden wird, stehen Menschen, denen diese grundlegende Fähigkeit mangelt, außerhalb der eigentlichen menschlichen Gemeinschaft. Sie genießen daher – im Kontext der neueren Euthanasiebewegung – auch keinen juristischen Schutz. Neurophysiologische Entwicklungsmodelle erklären, warum Einfühlung in einen schwermehrfachbehinderten Menschen kaum möglich ist bzw. welche Handlungen unternommen werden müssen, um schwermehrfachbehinderte Menschen möglicherweise doch noch zum Erwerb eines Subjekt-Status verhelfen zu können. Verständigung ist hier nicht mehr etwas, worum sich zwei Menschen bemühen, die gelingen kann oder auch nicht. Sie entsteht nicht auf der Basis eines coenästhetisch organisierten Beziehungssystems, aus dem heraus sich nonverbale Metapher, affect attunement, Wunsch und Spiel entwickeln konnten. Verständigung wird für beide zum Prüfstein ihrer Fähigkeiten: zu einer Leistung. In der gemeinsamen, d. h. beide verbindenden Phantasie hängt vom Ergebnis dieser Prüfung das je eigene Überleben im Rahmen dieser dyadischen Beziehung ab. Tatsächlich hängt uranfänglich von der gelingenden Verständigung zwischen Pflegeperson und Kind das Überleben des Kindes ab. Sie würde jedoch unterminiert, wenn die Pflegeperson die Haltung einer Prüfenden und Urteilenden einnähme statt sich einzufühlen und emotional verfügbar zu sein. Die Voraussetzung des Gelingens – die Reaktion der „menschliche(n, MB) Umgebung auch auf das jüngste Baby […], als habe es bereits 4. Der Rationale Mythos 138 ein solches Selbst (rudimentäres Selbst, MB) gebildet“139 – wird hier zum Ergebnis. Das Angewiesensein des Kindes auf eine Beziehungsperson, die sich dem coenästhetischen Modus überlassen kann, mit dem es erst als eigen erkannt und anerkannt werden könnte, wird als Leistung mit Überlebens-Gratifikation umdefiniert. Der coenästhetische Beziehungsmodus wird diakritisch unterminiert. Singer u. a. unterscheiden denn auch zwischen der „Spezies Mensch im biologischen Sinn“ und „Menschen im wirklichen Sinne“140. Letztere sind „die Wesen, die zumindest einige Kriterien des Menschseins […] erfüllen. Zu diesen gehör[…]en Selbstbewußtsein, Selbstkontrolle, Zeitbewußtsein über Zukunft und Vergangenheit, Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit sowie Neugierde.“141 Nur „Menschen im wirklichen Sinne“ hätten die Chance, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Nur ‚Menschen im wirklichen Sinne‘ sind Personen, da sie über „‚ein Mindestmaß an geistiger Kapazität (verfügen, MB), das nötig ist, um Bedürfnisse und Wünsche über die eigene zukünftige Existenz zu haben‘“142. Sie besitzen Eigenschaften „‚wie Rationalität, Autonomie und Selbstbewußtsein‘“143. Menschen, die keine Personen sind, seien nicht imstande, „‚innerlich einen subjektiven Anspruch auf Leben erheben zu können‘“144. Der gesetzlich garantierte Schutz des Lebens wird folgerichtig nur ‚Menschen im wirklichen Sinne‘ zugesprochen. Die Menschenrechte gelten nur für Personen. Die rationale Basis der der neuen Euthanasie zugrunde liegenden Ethik ist kein „theoretisches Konstrukt, sondern […] ein Denksystem mit Aufforderungscharakter“145. Es ist ein totalitärer Diskurs, der Handlungen nahelegt, die jene Wirklichkeit erzeugen, die als Ausgangspunkt postuliert wird. So wird zum Beispiel das Liegenlassen eines schwerstbehinderten Säuglings damit gerechtfertigt, dass er nichts spüre und keine Lebensmöglichkeiten habe. Dies schwächt ihn so, dass er stirbt. Sein Tod beweist die Ausgangsthese. Der spezifische Person-Begriff wird durchgesetzt, indem der Begriff zur Diskussion gestellt wird, indem die Diskussion eröffnet wird, unter welchen Voraussetzungen ein Mensch als Person anerkannt werden kann. 139 Kohut, H. (1979) S. 94 140 Bruns, T., Penselin, U., Sierck, U. (Hg.) (1993) S. 97 141 # Kuhse, H. / Singer, P.: Should the Baby Live? The Problem of Handicapped Infants. Oxford University Press, Oxford/New York/Melbourne 1985, zit. nach: Bruns, T., Penselin, U., Sierck, U. (Hg.) (1993) S. 98 142 Klee, E. (1990) S. 65 143 Klee, E. (1990) S. 69 144 Klee, E. (1990) S. 68 145 Wunder, M., Sierck, U. (Hg.) (1987) S. 11 Der Rationale Mythos 139 In diesem Denken wird die Personalität des Menschen – sein Vermögen, sich selbst als eine Person mit Existenzrecht zu empfinden und wahrzunehmen – zu einer Eigenschaft, die jemand aufgrund seiner schweren hirnorganischen Verletzung einzubüßen scheint. Die Ermangelung dieses subjektiven Vermögens führt in diesem Denken zum Verlust des objektiven Anspruches auf den Schutz seines Lebens aufgrund der auf ihn anwendbaren Menschenrechte. Das Unvermögen schwermehrfachbehinderter Menschen, subjektiv einen Anspruch auf Leben zu erheben, steht jedoch in Zusammenhang mit ihrer vollständigen Abhängigkeit. Ihr Person-Sein ist ähnlich wie das Person-Sein des Säuglings bzw. des Menschen in extremer Hilflosigkeit an die Dyade gebunden. Die Leugnung, Negierung oder Zerstörung der dyadischen Beziehung stellt für den auf die coenästhetische Beziehung, auf Einfühlung angewiesenen Menschen eine tödliche Bedrohung dar, da sie ihm zwangsläufig das Person-Sein entzieht. Aufgrund der totalitären Interaktionsform, die den Rationalen Mythos erzwingt, bleibt die spezifische Beziehungsform der Dyade unbemerkt. Daher kann der Eindruck, jemand könne innerlich keinen Anspruch auf Leben erheben, nicht mehr als subjektiv, d. h. im Kontext einer Beziehung entstandener Eindruck, der auf ein unbeantwortet gebliebenes Bedürfnis hinweist, wahrgenommen werden. Aus dem Ideal des Subjektes – dem Ineinander des Subjektseins als Subjektsein füreinander in der Dyade – wird die Idee der Herstellbarkeit des Subjektiven. Aus dem Sinn füreinander als dem Aufeinanderbezogensein sinnlicher Interaktionen wird Funktionalität. Der Eindruck der Schwierigkeit schwermehrfachbehinderter Menschen, subjektiv Anspruch auf Leben zu erheben, wird als handlungsleitende Beobachtung interpretiert. Er wird zur Feststellung, dass sie keinen Anspruch auf Leben haben bzw. dass es unmöglich ist, sie psychotherapeutisch zu behandeln, zu unterrichten, medizinisch zu behandeln etc. Erst mit dieser Feststellung wird die Möglichkeit des Subjekt-Seins zerstört. Die Beurteilung, jemand könne innerlich keinen Anspruch auf Leben erheben, muss jedoch vor dem Hintergrund der dyadischen Beziehung als Phantasie – also als noch unverstandene Gegenübertragung – betrachtet werden, die entsprechender Deutung bedarf, um sie zu verstehen. Das Besondere dieses Eindruckes ist, dass er seines subjektiven Bezuges beraubt ist. Da dieser Eindruck von Beobachtungen der zuvor 4. Der Rationale Mythos 140 beschriebenen Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen herrührt, scheinen dessen leibliche Äußerungen ihn im wahrsten Sinne des Wortes mit seiner Vernichtung zu bedrohen. Die stereotypen und vegetativ organisierten Bewegungsformen des schwerbehinderten Menschen scheinen seinen Ausschluss aus der menschlichen Beziehung herbeizurufen. Das, was ausgestoßen und unbemerkt bleibt, ist die dyadisch fixierte Beziehung, deren Formenbildung sich dem in Subjekt-Objekt-Kategorien eingeübten Denken verweigert. Dieses Denken stößt an seine eigenen Grenzen und wird zum logischen Zirkelschluss. Das Person-Sein des abhängigen schwermehrfachbehinderten Gegenübers ist ganz in die Hände der nichtbehinderten Beziehungsperson und deren Fähigkeit gegeben, den mit dem Eindruck, das Gegen- über erhebe keinen Anspruch auf Leben, verbundenen Schrecken zu ertragen und ihn als Ausdruck einer extremen Spannung hinnehmen zu können. Denn nur wenn es gelingt, diesen extremen Spannungszustand als „einen Ausdruck dafür zu akzeptieren, dass das Kind (der Mensch, MB) lebt“, kann mit ihm die Angst und Aufregung – die heftige Erregung – spürbar werden, die für das abhängige schwermehrfachbehinderte Gegenüber das Existieren als ein Einzelwesen – als Selbst – bedeutet. Wenn der Rationale Mythos sich durchsetzt und zur bestimmenden Form eines Diskurses wird, erzwingt er eine äußere Realität. Die durch den Rationalen Mythos erzwungene äußere Realität führt dazu, dass die bislang in der Beziehung aufgehobene Schwierigkeit mit der Erfahrung ihres Menschseins für sie zur von außen an sie herangetragenen Frage über Leben und Tod wird. Dies zeigt sich z. B.: – in der Praxis des Liegenlassens schwerstbehinderter Neugeborener, – in der zunehmenden Akzeptanz auch der unfreiwilligen Euthanasie, – in der Diskussion von Wissenschaftlern über die Herstellung eines konsensfähigen Entscheidungsprozesses, ob, durch wen und wann einem Wachkomapatienten Antibiotika oder Reanimation vorenthalten und ihm auch die Nahrung aktiv entzogen werden darf146. Die gewaltsame Herstellung einer äußeren Realität erfolgt, da es in Bezug zur extremen Hilflosigkeit des schwermehrfachbehinderten Men- 146 Siehe Zieger, A. (1995) Der Rationale Mythos 141 schen keine äußere Realität gibt – als Realität, in der beide BeziehungspartnerInnen für sich existieren und sich zugleich aufeinander beziehen können. Denn in der Dyade wird die extreme Hilflosigkeit der abhängigen PartnerIn auch zur bestimmenden Erfahrung der unabhängigen Beziehungsperson. Sie begrenzt auch deren Möglichkeiten, au- ßerhalb der Dyade zu sein. Solange die abhängige PartnerIn nicht durch die Verfügbarkeit von selbstbewahrenden Interaktionsformen in der Lage ist, sich im spielerischen und/oder sprachlichen Ausdruck einen eigenen Reim auf ihre Erfahrungen zu machen, gibt es keine äu- ßere Realität, in der beide BeziehungspartnerInnen je für sich allein sein können und als potentielle Möglichkeit auch die Beziehung zwischen ihnen existent sein kann. So führt das Einnehmen der Außenposition im zuvor angeführten Beispiel aus dem Gruppentherapieprozess zur sachlichen Bemerkung: R. nimmt mich nicht zur Kenntnis. Mit der oben beschriebenen Praxis, ihrer Rechtfertigung wie der dadurch ausgelösten Diskussion wird eine äußere Realität gewaltsam erzeugt. Die spezifisch dyadische Form der Frage nach dem Sinn füreinander wird damit zur Frage nach Funktion und Wirksamkeit des Einsatzes lebensverlängernder Maßnahmen. Leben und Sterben schwermehrfachbehinderter Menschen kann nur noch ausschließlich als Folge des Einsatzes medizinischer Technik oder des Verzichtes darauf verstanden werden. Die schwere Behinderung wird zum Beweis, dass die sonst lebensrettende medizinische Technik versagt hat oder dass der Einsatz dieser Technik unmenschlich ist. Die gleiche Idee, die zum beziehungs- und manchmal bedenkenlosen Einsatz der Technik mit dem Ziel der Lebensverlängerung führt, führt nun zur Entscheidungsgewalt darüber, wann ein Mensch sterben muss, weil dies das Einzige sei, was er aufgrund seiner Lage wollen kann. Schwermehrfachbehinderte Menschen werden darin als Objekte der medizinischen Technik verstanden. Sie können in der Begegnung als Subjekte ihrer eigenen Geschichte nicht erfahren werden. Da die Beziehungslosigkeit festgeschrieben ist, scheinen sie ihr Leben dem sinnlosen oder unzureichenden Einsatz von Technik zu verdanken und nicht der Möglichkeit eines eigenen, ernst zu nehmenden, auf Begegnung hoffenden Lebenswillens, mit dem sie sich uns zumuten. Die beunruhigende Frage nach dem von den betroffenen Menschen reali- 4. Der Rationale Mythos 142 sierten Sinn eines solchen Lebens wird auf die Frage nach dem Sinn solcher Technik verschoben. Die Chance zur Begegnung vernichtet sich in der Spaltung von Allmacht und Ohnmacht. Die Frage nach dem Sinn bezieht sich aber in der dyadischen Beziehung ausschließlich auf den Sinn füreinander. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Sinn-Begriff in der Dyade noch von mimetischer Unschärfe gekennzeichnet ist. Sinn als objektive Bedeutung, als Bedeutung im subjektiv-persönlichen Zusammenhang, als sinnliche Wahrnehmung ist ungeschieden und vermittelt in der Sinnlichkeit als erregende und belebende Körperlichkeit. In dieser Ungeschiedenheit treffen die nichtbehinderte Beziehungsperson die ganze Wucht der extremen Verletzbarkeit und Hilfsbedürftigkeit des behinderten Menschen wie auch die ihrer eigenen heftigen Affekte. Die Heftigkeit wird als drohende Zerstörung erfahren – als drohende Zerstörung der Spannung und damit der Fähigkeit der nichtbehinderten Beziehungsperson zur träumerischen Einfühlung. „Die Angst des Containers vor der vernichtenden Gewalt des Contained […] kann übermächtig werden und die Fähigkeit, sich einzufühlen, zerstören.“147 Diese Schwierigkeit wird auch in den einfühlsamen Bemerkungen des Vaters einer schwermehrfachbehinderten Tochter in der Diskussion um Euthanasie deutlich: „Denn wenn wir wirklich herausfinden wollen, wann ein Mensch gehen will, sind wir gehalten, unser Wahrnehmungsvermögen erheblich zu schärfen und zu verfeinern. () Wir (müssen, MB) uns immer mehr eine intuitive Wahrnehmungsfähigkeit erringen (), ein Wissen, wann der betreffende Mensch nicht nur mit seinem Tagesbewusstsein, sondern auch in seinem innersten Wesen gehen will.“148 Denn selbst hier, in diesen berührenden Formulierungen, zeigt sich die Allgegenwart des Rationalen Mythos wie auch die Heftigkeit des Konfliktes, den er bezwingen soll. Was bedeutet in der dyadischen Beziehung ein Sterbewunsch? Geht es nicht eher um den (Trieb-)Wunsch, der sich nicht realisieren kann oder darf? Sterbewunsch in der dyadischen Beziehung ist ununterscheidbar von Todesangst und Tötungsphantasien. Die euphemistische Bezeichnung gehen 147 Wellendorf, F. (1999) S. 16 148 Frensch, M. (1992) S. 141 Der Rationale Mythos 143 lassen verschweigt, dass es um die Begleitung eines Sterbeprozesses geht, wie auch die Betonung der erforderlichen Wahrnehmungserweiterung das affektive Konfliktpotential einer solchen Beziehung leugnet – Ambivalenz und Intensität der Empfindungen, welche die Einführung des Rationalen Mythos notwendig machten. Als gesellschaftlich organisiertes Phantasma vermittelt der Rationale Mythos die Realität des gesellschaftlichen Vernichtungswillens gegenüber schwermehrfachbehinderten Menschen und den gleicherma- ßen intensiven Bemühungen, ihr Leben zu erhalten, mit den intensiven Überlebens-Bemühungen des schwer behinderten Menschen in einem höchst mangelhaften und oft vital bedrohlichen Lebenskontext. Er manifestiert sich in einer Interaktionsstruktur, die hinter dem Rücken der Beteiligten entsteht. Nicht als planender Wille eines oder mehrerer Menschen, sondern in der Selbstverständlichkeit von Gedanken, Einstellungen, Empfindungen von Menschen und in der darin resultierenden Verleugnung der affektiven Gewalt wird ein Vernichtungswille manifest, der sich gegen das richtet, was sich einer Kontrolle durch die „Einheit der Person“149 zu entziehen scheint. Mit ihm wird die Hoffnungslosigkeit festgeschrieben: Hoffnungslosigkeit, dass ein Sich-Verstehen möglich und hilfreich sein könnte angesichts einer höchst mangelhaften und grundlegend un-heilen Lebensrealität. Unhinterfragt führt er zu Handlungen, die in der Leugnung ihrer personalen Qualität die physische oder psychische Vernichtung schwermehrfachbehinderter Menschen als logische Konsequenz, als sinnvollen Akt pädagogischen, therapeutischen, medizinischen Handelns erscheinen lassen. Der Rationale Mythos lässt sich im Kontext einer auf das Dyadische fixierten Interaktionsform verstehen, einer Dyade, bei der die Idee als Drittes – die Vorstellung – nicht einen triadischen Raum eröffnet, sondern gerade auf etwas Fehlendes als Drittes verweist und dadurch an Bedeutung gewinnt. Mit der Idee des fehlenden Dritten, mit der die extreme Hilfsbedürftigkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen deutlich wird, entsteht ein Sog, bei dem die Idee eine be- ängstigende Macht gewinnt. Sie bedroht die Integrität des Selbst der nichtbehinderten Beziehungsperson, scheint ihre rationalen Ich-Funk- 149 Emrich, H. M. (1992) S. 81 4. Der Rationale Mythos 144 tionen außer Kraft zu setzen, insbesondere die der Realitätsprüfung, da der Idee der Gegenstand zu fehlen scheint. Der für einen verstehenden Zugang zur ‚Interaktionsform Schwermehrfachbehinderung‘ zentrale Konflikt ist daher zuallererst einer, der sich in der nichtbehinderten Beziehungsperson ereignet. Er ist der Einbruch des fehlenden Dritten in die Beziehungsperson und bedroht diese mit dem Zerfall ihrer Ich-Funktionen. Diesen drohenden Zerfall wahrzunehmen, auszuhalten und als etwas Wesentliches zu verstehen, findet in herkömmlichen Theorien keinen Rückhalt, im Gegenteil, diese besiegeln wie beschrieben die Sinnlosigkeit dieser Bemühungen, wenn die Besonderheit der dyadischen Beziehungsform unberücksichtigt bleibt. Bei diesem Konflikt droht sich das Selbst der nichtbehinderten Beziehungsperson in einem psychotischen Kosmos aufzulösen. Hierdurch wird die Unterscheidung zwischen realer äußerer Gefährdung des schwerbehinderten Menschen und den destruktiven Phantasien der nichtbehinderten Beziehungsperson immer schwieriger (siehe die zuvor zitierte Sequenz aus dem Gruppentherapieprozess mit S.). Die in der Begegnung mit schwerbehinderten Menschen enthaltene Konfrontation mit eigenen Vernichtungsängsten wie auch dem eigenen Vernichtungswillen ist daher so schwer aushaltbar. Der Rationale Mythos gibt Halt, entlastet von den darin wurzelnden Schuldgefühlen und befreit von Vernichtungsängsten, da mit ihm die drohende Überwältigung – das Vernichtungsgeschehen – verleugnet wird. So ist der Rationale Mythos eine falsche Notwendigkeit, die in einer Situation, in der das Selbst des Nichtbehinderten durch den drohenden Zerfall der Ich-Funktionen mit Überflutung gefährdet ist, Handlungsfähigkeit ermöglicht. Er zwingt jedoch der Situation eine Ordnung auf, die nicht aus ihr selbst heraus entsteht und die damit die Entwicklung einer situativen Ordnung verhindert. Er fixiert jene Beziehungsstruktur, in der die BeziehungspartnerInnen sich nicht wahrnehmen können. ÆDie Nicht-Wahrnehmung des schwerbehinderten Menschen als Person ist die Widerspiegelung des ‚Nichts‘, in das schwermehrfachbehinderte Menschen und ihr Beziehungsumfeld (Angehörige wie Professionelle) bei Eintritt ihrer Behinderung hineingeworfen werden oder bei Eintritt ins Leben hineingeworfen sind: der unerhörte Schrecken Der Rationale Mythos 145 einer durch Todesangst und Entsetzen, Mangel und zerstörerische Impulse, vitale Bedrohung und Hilflosigkeit, Vernichtung bisheriger Lebensperspektiven sowie erschreckende Erfahrung des eigenen Nicht- Genügens gekennzeichneten konflikthaften Situation. In ihr drohen die Fähigkeiten der nichtbehinderten Erwachsenen zusammenzubrechen, insbesondere ihre innere Fähigkeit zur Unterscheidung der eigenen Affekte von denen ihres Gegenübers, die Unterscheidung von Phantasie und Realität. Das Vertrauen auf die eigenen Kräfte als Reflex auf die Möglichkeit des Sich-Verstehens und auf die Sicherheit der Verbindung zu guten inneren Objekten droht unterzugehen. Dieses innere Chaos in der nichtbehinderten Beziehungsperson entsteht im Moment vitaler äußerer Bedrohung des schwermehrfachbehinderten Gegenübers. In dieser Situation, in der innere und äußere Gefahr nicht mehr unterschieden werden können – der Mensch stirbt, wenn ich nicht sofort das Richtige tue; er ist äußerst hilflos und auf mich angewiesen; wenn ich aber innehalte, weiß ich nicht mehr, was ich tun werde, ob ich überhaupt etwas tun werde noch ob ich etwas tun kann, ob es mein Ich / mich überhaupt gibt –, erzwingt der Rationale Mythos einen inneren Beziehungsabbruch und gibt als autonome Handlungsanweisung Ordnung. Der schwerbehinderte Mensch erfährt diese Ordnung zugleich als Überlebens-Sicherung: die Festlegung auf seine psychische Nicht-Existenz. Seine Identifikation mit dieser Interaktionsform wird zum Ersatz eines Beziehungssystems, in dem seine physiologischen Regungen von den unbewussten Wünschen des Gegenübers zu spezifischen Bedürfnissen geformt werden könnten, dies aber gerade als Gefahr erscheinen muss. Hierdurch wird die vernichtende Angst abgewehrt, ein solches sei nicht möglich und nicht tragfähig, Verstehen sei sogar gefährlich angesichts der Realität von Vernichtungsängsten und -impulsen. Für schwermehrfachbehinderte Menschen lässt sich daher eine Entwicklungsfixierung als Verhinderung des Selbstverstehens annehmen, da sich eine als verlässlich erfahrene und im Körper-Selbst verbürgte Verbindung zu guten Objekten nicht bilden konnte. ‚Verbindung zu guten Objekten‘ bedeutet nun die Verbindung zu versagenden Objekten, die ihr Versagen als Versagen ihrer Ich-Funktionen überleben und bei sich halten können. Das Versagen ist der Einbruch des Schreckens in die dyadische Beziehung als eine Form des 4. Der Rationale Mythos 146 Nicht-Gelingens. „Wenn die Mutter-Kind-Dyade nicht in der Lage ist, auf eine Art und Weise zu funktionieren, die dem Kind eine heilende sensorische Erfahrung bietet, werden die Löcher im Gewebe des ‚zum Vorschein kommenden Selbst‘ […] eine Quelle unerträglicher ‚Bewußtheit körperlicher Separatheit (, die sich niederschlägt in, MB) einer Agonie des Bewußtseins‘ […]. Unter solchen Umständen dreht sich die Entwicklung des Kindes in Richtung eines pathologischen Autismus, der die Schaffung eines Zustandes psychischer Leblosigkeit mit sich bringt, den Meltzer und Kollegen […] mit der ‚Abwesenheit‘ bei einem plötzlichen Petit-mal-Anfall […] vergleichen und den ich […] als den Zustand einer ‚Nicht-Erfahrung‘ beschrieben habe. Es ist dies ein Zustand, in dem der Prozeß, der Erfahrung Bedeutung zuzuschreiben, aufhört, lahmgelegt ist.“150 Winnicott weist mit seinem Begriff der archaischen Seelenqualen auf die undenkbaren Schrecken des Säuglings hin, die entstehen als Folge einer versagenden Umwelt im Zustand absoluter Abhängigkeit und die korrespondieren mit dem von Ogden als „Agonien“ bezeichneten „Schmerzen der Mutter bei ihrer Erfahrung des Nicht-Wissens“151. Das Versagen scheint im vorliegenden Fall unvermeidbar, seine Wahrnehmung besonders wichtig. Die Fähigkeit der Mutter-Kind- Dyade, ‚heilende sensorische Erfahrungen‘ zu bieten, muss sich nun auf diesen mit Fremdheit gefüllten Schrecken beziehen. Dies kann aber in der Mutter die Angst provozieren, die es für sie auf unbewusster Ebene ununterscheidbar macht, ob sie das Kind geschädigt hat oder nicht. Die Möglichkeit psychischen Gewahrwerdens konfrontiert schwermehrfachbehinderte Menschen und ihre Beziehungspersonen mit dem Schrecken unverstandener Erregung als drohendem Zerfall der dyadischen Beziehung (als Ineinander von Zerfall des Leibes des schwermehrfachbehinderten Menschen und Zerfall des Selbst der nichtbehinderten Beziehungsperson), solange sie keinen Halt finden können in der Verbindung zu Menschen, die diesen Schrecken als eigenen im Vertrauen auf das Wiederfinden eigener guter Objekte, die ihr Versagen überleben, aushalten. Der Rationale Mythos ersetzt diesen 150 Ogden, T. H. (1995) S. 54 151 Ogden, T. H. (1995) S. 207 Der Rationale Mythos 147 Mangel an Vorstellungsmöglichkeit eines guten Objektes, das im Wissen um den eigenen Tod und die Begrenztheit des Subjektes überlebt. Solange diese Vorstellungsmöglichkeit fehlt, ist der Rationale Mythos gewissermaßen ihr Platzhalter, der – wenn er als Mythos deutlich wird – mit der Not die Sehnsucht nach etwas anderem enthüllt. Rationaler Mythos und Sprache Der Rationale Mythos ist eine Denkfigur, die untrennbarer Bestandteil einer spezifischen Beziehungsform ist. Durch den Rationalen Mythos wird die Sprache verändert. Anders formuliert: Der Rationale Mythos führt zu einer spezifischen Sprachgestalt, in der die Symbol-Funktion der Sprache pervertiert wird. Diese spezifische Sprachgestalt konturiert in der Besonderheit dieser dyadischen Interaktionsform die Linie der Innen- und Außensicht, von Selbst und Nicht-Selbst. Sie ist Abschattung der im dyadischen Kosmos sich ereignenden Form der Objektbeziehung. Abschattung steht hier im Gegensatz zur Repräsentanz. Diese Form der Symbolbildung kann in der spezifischen Form der Dyade nicht erreicht werden. Sie ist aufgrund traumatischer Ereignisse entstanden, die eine dyadische Fixierung erzwungen haben. So ist die Abschattung mehr als eine Spur zu verstehen. Ein sprachliches Verstehenskonzept muss diese Schwierigkeit berücksichtigen. Traumatische Erfahrungen sind u. a. dadurch gekennzeichnet, dass sie die Fähigkeiten des Menschen, sich auszudrücken, mitzuteilen, zu verstehen, in radikaler Weise zerstören. Sie führen neben verschiedenen anderen gravierenden Folgen zu einem schwerwiegenden Zusammenbruch der sprachlichen Kompetenz. Der Mensch ist bezogen auf diese Erfahrungen sprachlos geworden, wie zugleich seine Sprache gewissermaßen Löcher aufweist. Traumatische Erfahrungen vernichten die metaphorische Qualität der Sprache.152 Diese Vernichtung hinterlässt jedoch Spuren. In diesen Spuren wird die traumatische bzw. traumatisierende Erfahrung auf die einzig mögliche Art benannt und damit wirklich. Der Rationale Mythos, der sich als Folge von wie auch als Umgang mit traumatischen Ereignissen auffassen lässt, verändert die metaphorische Qualität der Sprache in besonderer Weise. Um diese besondere 152 Siehe dazu Quindeau, I. (1995) S. 81 ff. sowie Bohleber, W. (2000) S. 797 ff. 4. Der Rationale Mythos 148 Weise deutlich zu machen, werde ich im Folgenden kurz Entstehung und Bedeutung dessen erläutern, was mit der metaphorischen Qualität der Sprache gemeint ist. Metaphorische Qualität der Sprache und ihre Zerstörung im Rationalen Mythos Sprache wird in der kindlichen Entwicklung bedeutsam, insofern sie die Erfahrung der Getrenntheit der BeziehungspartnerInnen überbrückt und zugleich benennt. Mit dem Benennen wird sie zum Symbol jener Interaktionssituationen, in denen das Getrenntsein der InteraktionspartnerInnen als nicht aufeinande bezogen sein manifest wird. Doch schon lange bevor das Kind lernt, sich sprachlich auszudrücken, beginnt es zu spielen, um sich im Spiel jener Erfahrungen zu versichern, die in die Dyade einbrachen und daher etwas zu wünschen übrig ließen. Die Fähigkeit zu spielen entwickelt sich aus dem Umgang mit Übergangsobjekten, mit denen das Kind sich der dyadischen Verbundenheit versichert. Die ersten noch ganz im Dyadischen beheimateten Ordnungsmuster sind die von Lichtenberg so genannten perzeptuell-affektiven Handlungsmuster. Sie entsprechen den von Lorenzer konzipierten bestimmten Interaktionsformen. Es sind Handlungsfolgen, die durch spezifische affektiv gefärbte Wahrnehmungen ihre besondere Gestalt erhalten. Dem Kind ist es hierbei nicht möglich, „zwischen einem Objekt (einem Spielzeug, der Mutter, einem Zeh) und (seinen, MB) Aktivitäten mit diesem Objekt“153 zu unterscheiden. Diese spezifische Form symbolisiert nicht, sondern ermöglicht als bestimmende ein Wiedererkennen und organisiert darin sinnvolles Verhalten. Das Aufbrechen der dyadischen Einheit wird nun nicht nur durch die sich zunehmend wieder auf vom Kind unabhängige Bedürfnisse beziehende Mutter vorangetrieben, sondern auch durch die sich entwickelnden, im Biologischen wurzelnden Reifungsprozesse im Kind. Dieses Aufbrechen äu- ßert sich in stetigen Verwerfungen. Das Kind verhält sich der Mutter gegen- über gierig, ungebärdig, zerstörerisch, und zugleich muss dieses Verhalten heftige Angst provozieren, da es die lebenserhaltende Beziehung gefährdet. Das dyadisch angelegte Ineinander des kindlichen Körperbedarfs und des mütterlichen Befriedigungsverhaltens produziert Widersprüche, an denen es aufbricht. Wenn dieses zerstörerische In- und Gegeneinander von der Mutter aufgefangen, verstanden, überlebt wird – d. h., wenn sie sich nicht rächen muss, ihren eigenen Ärger nicht als zerstörerisch erlebt, und somit der von den Reifungsprozessen des Kindes her angelegte Widerspruch zwischen autonomen Impulsen und Angewiesensein auf Beziehung in den Interaktionsformen vermittelt wird –, kann diese Erfahrung für das Kind strukturbildend werden. Im Vertrauen auf eine Welt, die sich dem eigenen, 153 Lichtenberg, J. D. (1991) S. 92 Rationaler Mythos und Sprache 149 leiblich angelegten und daher zwingend notwendigen Bedarf gegenüber angepasst verhält, beginnen sich die Impulse des Kindes aus der Gebundenheit in den unmittelbar körperlichen Kontext zu lösen. Sie werden als mögliche Impulse – als Verhaltensmöglichkeiten – verinnerlicht. Diese erste Verinnerlichung bezieht sich auf „beziehungsregulierende Strukturen“154, mit denen mit dem Entstehen der Möglichkeit metaphorischer Verständigung das Kind fähig wird, die Mutter als außerhalb des dyadischen Kontextes und damit seiner omnipotenten Kontrolle zu erleben. Grundlegend für die Möglichkeit, sich aus der dyadischen Verbindung zur Mutter zu lösen, ist neben der Beziehung zum Vater die zunehmende Bedeutung von Gegenständen und Dingen. Mit dem Gebrauch von Übergangsobjekten, dem affect attunement und der nonverbalen Metapher und endgültig dem Spiel beginnt sich die ursprüngliche Einheit aufzugliedern. Das Übergangsobjekt als weder zum Selbst noch zum Objekt gehörig erhält darin die Spur der dyadischen Einheit und dient zugleich dem Umgang mit Erfahrungen, die diese Einheit zerstörten. Das Kind eignet sich im Spiel mit widerständigen Gegenständen das eigene Erleben als ein ‚Ich-Sein mit einem Anderen‘ an. In sinnlich-symbolischen Interaktionsformen verbinden sich die frühen Beziehungsfiguren mit der Mutter mit den spielerischen Beziehungsfiguren zu Szenen, die nun als solche über die jeweiligen Symbolsysteme dem Kind verfügbar werden können. Die Subjekt-Objekt- Trennung ist hier nicht ausformuliert, sondern im Aufgehoben-Sein der Situation als szenisches Erlebnis durchgeführt. Im Erlebnis des Spiels stellt das Kind Distanz zur ursprünglichen Interaktionsform her und gewinnt darin eigenständige Verfügung über Ausdruck. Es wird Subjekt – gewinnt Selbstbewusstsein –, indem es sich selbst zum Objekt macht bzw. sich im Umgang mit dritten Personen (Vater) und Gegenständen die eigenen Erfahrungen neu aneignen kann. In dieser Selbst-Objekt-Spannung muss nun die im Dyadischen verwobene Polarität von Eins-Sein und Getrenntsein gehalten werden. Erst mit der sprachlichen Benennung jedoch in der Verbindung mit der diskursiven Symbolform beginnt sich dem Kind die Situation selbst aufzugliedern. Damit entsteht dem Kind ein sprachliches Selbst im Verhältnis zu Objekten, an deren sinnliche Kontur sich die imaginierte Wunsch-Erfüllung einst angehängt hatte. Jedoch auch in der gelingenden Entwicklung geht die damit vollzogene Vermittlung des Erlebens des Einzelnen in gesellschaftliche Formenbildung – in Spiel und Sprache – niemals ganz auf. Schon in die präsentativen Symbolformen des Spielens (Umgang mit Gegenständen, Musik, Kunst etc.) können nicht alle Aspekte der dyadischen Interaktionsformen aufgenommen werden. Insofern dann in der Spracheinführung immer auch subjektiv bedeutsame Bereiche ausgeblendet werden und Sprache Mittel dieser Aus- 154 Küchenhoff, J. (1999) S. 196 4. Der Rationale Mythos 150 blendung ist, findet auch und erst recht in den Wortverbindungen eine Einregulierung statt. Die zurückgewiesenen, jedoch potentiell sinnhaften frühen Erfahrungsbereiche verschwinden damit jedoch nicht sang- und klanglos. Sie sind wie ein Schatten – Niedecken spricht von der „Aura […] als Halo von Protosymbolen, in welchen die Symbole und ihre Gegenstände eingetaucht sind“155 –, der das Symbol umgibt und ihm anhaftet. Das, was mit der Metapher spürbar und ins Spiel gebracht wird, sind als Bedeutungshof jene Aspekte der frühen Interaktionsformen, die weder in Spiel noch in Musik und Sprache aufgenommen werden konnten und damit dem Subjekt nicht verfügbar wurden. Die charakteristische Struktur des als Sprache gefassten Symbolsystems ist die Diskursivität. Mit der Diskursivität der Sprache wird die Subjekt-Objekt-Trennung vollzogen. Sie wird jedoch erst im Verhältnis zu ihrer „präsentativen Verwurzelung“156 zum Trennung überwindenden und Verständigung ermöglichenden Symbol. Damit ist gemeint, dass jeder sprachliche – mündliche wie schriftliche – Text nur verstanden wird in Bezug zu prosodischen Merkmalen wie Intonation, Artikulation, Akzentuierung, Pausenwahl etc. und dem darin sich formenden Sprachduktus und -rhythmus. Hierin einbezogen sind sprachliche Brüche, Irritationen, Unklarheiten. Die grammatikalische Organisation und die diskursive Symbolik wird durch diese präsentativen Merkmale hindurch durchgehalten und gewinnt erst in Bezug dazu die Fähigkeit, etwas subjektiv Bedeutsames zum Ausdruck zu bringen. Die Metapher ist nun sowohl für die Diskursivität der Sprache wie auch für ihren präsentativen Aspekt von zentraler Bedeutung. Sie entsteht, indem die anfangs auf konkrete situative Komplexe sich beziehenden Worte in andere Bereiche übertragen und so ihres situativen Bezuges entbunden werden, ohne ihn ganz zu verlieren. Neben der grammatikalischen Struktur ist die Abstraktheit der Begriffe für die Diskursivität wesentlich. Die Fähigkeit der Sprache nun, abstrakte Begriffe hervorzubringen, beruht auf dem Prinzip der Metapher. Langer spricht von „abgeblassten Metaphern“, um Worte zu kennzeichnen, deren übertragene Bedeutung so allgemein akzeptiert ist, dass deren situative Bedeutung in den Hintergrund getreten ist (z. B. der Gedankenfluss). Zugleich organisiert die Metapher den präsentativen Aspekt der Sprache. Denn sprachliche Präsentation als „szenisches Arrangement“157 kann als eine Weise betrachtet werden, die metaphorische Qualität der Worte mithilfe „Sprachduktus, grammatikalische(r, MB) Beziehungsorganisation und Rhythmus“158 ins Spiel zu bringen. 155 Niedecken, D. (1988) S. 132 156 Niedecken, D. (1988) S. 119 157 Niedecken, D. (1988) S. 137 158 Niedecken, D. (1988) S. 118 Rationaler Mythos und Sprache 151 Die Metapher entsteht aus dem Verhältnis bzw. Missverhältnis der szenischen Präsentation zum diskursiven Satz und verweist zugleich auf das Missverhältnis. Darin organisiert sie Ausdruck. In solcherart sprachlicher Präsentation, die die feststehenden Bedeutungen der Worte infrage stellt, wird ein Erleben szenisch der Betrachtung angeboten. Die sich szenisch entfaltende Wirkung bleibt im Verhältnis zur diskursiven Aussage durchschaubar und darin kann etwas Neues zum Ausdruck kommen, etwas Neues verstanden werden. In der Auseinandersetzung mit bestehenden anerkannten Formenbildungen kann das bislang Unverstandene verstehbar werden. Traumatische und/oder traumatisierende Ereignisse konfrontieren das Individuum mit überwältigenden Affekten und erzeugen so Hilflosigkeit. Sie erzwingen eine Regression auf die dyadische Beziehungsform. In dieser hängt das Wohl und Wehe der hilflosen Person vollständig vom Gelingen der Beziehung zur unabhängigen Beziehungsperson ab. Das drohende Misslingen der Beziehung – die Unerreichbarkeit des Gegenübers – wird zwangsläufig auch von der unabhängigen BeziehungspartnerIn, wenn diese die Beziehung nicht ausblendet, als existentielle Bedrohung erfahren und löst Todesangst aus. Die totalitäre Interaktionsform stellt eine mögliche Umgangsform mit traumatischen Erfahrungen dar. Mit ihr wird die Hilflosigkeit vollständig geleugnet, indem sie hergestellt wird, und zwar mittels einer Sprache, deren metaphorische Qualität auf spezifische Weise deformiert ist. In der totalitären Sprache wird mit der Metapher eine Aussage erzwungen statt Möglichkeit zur Auseinandersetzung zu sein. Bedeutung ist auf die identische Form reduziert. Die Metapher wird zum logischen Symbol. Die Aussage ist schlüssig und eindeutig, lässt darin weder Spielraum zum Missverstehen noch zur Kritik. Das in ihr enthaltene logische Element wird nicht mehr als strukturelles Modell eines Aspektes der Wirklichkeit verstanden, sondern ersetzt diese. Selbst die ursprüngliche konkrete Situation, der die Metapher entstammte, wird dadurch des sinnlich-subjektiven Momentes beraubt. Die dort noch situative Bedeutung wird auf ihre formale Struktur reduziert. Diese Form der sprachlichen Formulierung von Erfahrungen zerstört den potentiell bedeutenden Schatten, der die Worte umgibt, und ersetzt ihn durch die Leere des logischen Symbols. Um der drohenden Vernichtung durch den Schatten zu entgehen – der Auflösung der Fähigkeit zu sprechen durch den das erschreckende eigene Fremde vertretenden Schatten –, wird die symbolische Bedeutungsmöglichkeit der Sprache durch Reduktion auf das logische Symbol vernichtet. Damit inszeniert sich in dieser Sprache die Vernichtung des Subjektes. Um dies zu verdeutlichen, greife ich auf ein Beispiel aus dem Nationalsozialismus zurück, das exemplarisch für die erschreckende und schreckliche Weise steht, in der totalitäre Sprache mit einem Schrecken umgeht, indem 4. Der Rationale Mythos 152 sie ihn herstellt. Es ist der Text eines Technikers aus Zygmunt Baumanns Analyse der Entstehungsbedingungen des Holocaust. Er ist ein Beispiel für eine totalitäre Sprache als Sprachform der Moderne, in der das diskursive Moment isoliert und funktionalisiert wird. In dem Text geht es um die Konstruktionsanweisung für einen Lastwagen, mit dem möglichst effektiv, hygienisch und bedienungsfreundlich Menschen durch die beim Fahren produzierten Abgase getötet werden sollen, so dass ihr Todeskampf und seine Folgen das Personal nicht belasten und bei der Beseitigung der Leichen so wenig Arbeit und Dreck wie möglich entsteht. „‚Die Verkürzung des Heckaufbaus würde die Lastverteilung nicht negativ beeinflussen und auch die Vorderachse nicht überlasten, weil ‚nämlich automatisch eine Korrektur der Lastverteilung dadurch stattfindet, dass sich die Fracht während der Operation auf die Hecktür zubewegt und dort verharrt.‘ Da der Zufuhrstutzen durch Einwirkung von ‚Flüssigkeiten‘ schnell rostet, sollte das Gas nicht von unten, sondern von oben eingeleitet werden. Um die Säuberung zu erleichtern, wäre eine Acht- bis Zwölf-Zoll-Öffnung im Boden der Kammer vorteilhaft, die außen mit einer abnehmbaren Abdeckung zu versehen ist. Der Boden sollte zur Mitte hin abfallen und die Abdeckung könnte mit einem kleinen Sieb versehen werden. Alle ‚Flüssigkeiten‘ würden sich in der Mitte der Kammer sammeln, die ‚dünnen Flüssigkeiten‘ könnten während des Betriebes austreten, ‚dickere Flüssigkeiten‘ könnten später mit dem Wasserstrahl beseitigt werden.‘“159 In diesem Text gibt es nichts Missverständliches. Er ist eindeutig, funktional und unmissverständlich formuliert. Und gerade darin stellt er ein einziges großes Missverständnis her. Für sich genommen ruft der Text kein affektives Echo in der LeserIn hervor. Die präsentativ inszenierte Darstellung wie auch die diskursive Aussage sind formal identisch und können daher nicht mehr sinnvermittelnd sein. Das mit dem Gegenstand des Textes in Zusammenhang stehende Entsetzen lässt sich nicht mit ihm vermitteln. Der Text erzwingt einen vollständigen Bruch. Das Entsetzen zu fühlen, würde ihn zerfallen lassen. Es ist nur insofern sein Gegenstand, als in der Funktionalität des Textes das ‚automatische Existieren‘ im Vernichtungsinferno vorweggenommen wird entsprechend der „‚Automatisierung des Ichs‘ […]. Es handelt sich dabei um ein routiniertes, nicht von Affekten begleitetes Funktionieren des Ichs, gewisserma- ßen an der Peripherie des Selbst“160, das ein Existieren im Inferno der Vernichtungslager ermöglichen soll. 159 Zit. nach Browning, C.R., in: Friedlander, H. und Milton, S. (Hg.) (1980) S. 190, in: Baumann, Z. (1992) S. 211/212. Browning führte eine Untersuchung über die Entwicklung des Gaswagens und der Psychologie der an seiner Entwicklung beteiligten Personen durch. Die doppelten und einfachen Anführungszeichen im Zitat stammen von ihm. 160 Grubrich-Simitis, I. (1979) S. 998 Rationaler Mythos und Sprache 153 Im Text ist die metaphorische Qualität der Worte zerstört, da ihre Bedeutung auf ihre logische Funktion reduziert ist. Damit ist jede Möglichkeit von symbolischem Ausdruck vernichtet. Der zu beschreibende Prozess ist reduziert auf die ihm inhärente physikalische Dynamik, die Idee auf ihre technische Durchführbarkeit. Denn dicke und dünne Flüssigkeiten stehen hier eben nur unter anderem für Blut, Urin, Stuhl etc. Mit gleichem Recht bedeuten sie Wasser, Öl, Säure etc. Wenn in diesem Textbeispiel Flüssigkeit auch für Blut steht, bedeutet Blut nichts mehr. Es ist kein Symbol für Lebenssaft, für Leben, Lebendigkeit, Verletzbarkeit. Es steht auch nicht für das Blut einer konkreten, lebendigen Person, mit dessen Verlust diese Person stirbt: organischer Teil eines organischen Ganzen, der nur durch das Ganze das ist, was es ist. Es ist nur noch eine Flüssigkeit mit bestimmten chemischen und physikalischen Eigenschaften. Das eigentlich Metaphorische ist hier die Leere, „in die Symbole und ihre Gegenstände getaucht sind“161. Das ‚Nichts‘, das sie umgibt, das Null an Bedeutung darüber hinaus, ist Reflex des Grauens der Totenstarre in ihrer Ununterscheidbarkeit vom Totstellreflex. Mit dem Totstellreflex nimmt der Techniker in sich die Totenstarre der Opfer vorweg. Mit der Funktionalität des Textes wird die automatische Existenz erzwungen. In einer solchen Interaktionsstruktur kann und darf kein Missverständnis entstehen, das den Bewegungsfluss von Sprechen und Handeln unterbrechen würde. Stillstand würde den Tod wirklich – d. h. als soziale Realität erlebbar und kritisierbar – machen. Das Töten von Menschen ist bedeutungslos, solange Denken und Handeln auf das funktionale Modell der autonomen Maschine reduziert bleiben. Der darin beschlossene Tod der Interaktion, Tod des Bedeutens und Tod des Subjektes macht den Tod von Menschen spürlos und spurlos. Die Unerreichbarkeit des Gegenübers wird hier weder benannt noch erlitten, sondern auf scheinbar irreparable Weise hergestellt und durchgeführt, indem sie als garantierte Erreichbarkeit inszeniert wird. Die Furcht, keine noch so geringe Hoffnung haben zu können, mit dem Schrei des Entsetzens auf ein Gegenüber, mit der Bitte um Erbarmen auf Verstehen zu stoßen, wird abgewehrt, indem sie als Tatsache durchgeführt wird. So wird der Text zur Handlungsanleitung zum Massenmord. In seiner Reduktion auf das rein Formale inszeniert er ihn, bahnt ihm den Weg. Da er mit der symbolischen Dimension in dieser Reduktion auch der sozialen beraubt ist, stellt sich hier jene Wirklichkeit her, die den Mord als einzig logische Handlung erscheinen lässt. Erst als soziale würde die Handlung zu einer Möglichkeit werden, von der man sich distanzieren oder die man ausführen kann. Dies ist eine exemplarische Sprachfigur – von mir ‚Techniker‘ genannt. In ihr wird die Beziehung zwischen dem Techniker und den Menschen, 161 Niedecken, D. (1988) S. 132 4. Der Rationale Mythos 154 die in dem von ihm konzipierten Lastwagen zu Tode kommen, geleugnet, so dass deren hilfloses Ausgeliefertsein den mit dem von ihm konzipierten Mordinstrument ausgestatteten Mördern im Bewusstsein des Technikers nicht vorkommt. Die Sprache stellt etwas her, entspricht einer Handlungsanweisung, mit der das lebendige Gegenüber zu einem unbelebten Ding an sich wird, das nun technisch ‚behandelt‘ werden kann. Durch den Einfluss der totalitären Interaktionsform des Rationalen Mythos auf Denken und Sprache der nichtbehinderten Beziehungsperson drohen ihr Denken und ihre Sprache in ähnlicher Weise zu entgleisen wie es beim ‚Techniker‘ der Fall ist. Die metaphorische Leere weist auf das Fehlen des Dritten als das Fehlen der Selbst-Objekt-Spannung hin. Der Schatten – die Spur der frühen ausgeblendeten, da als bedrohlich erfahrenen Interaktionserfahrungen – droht eine gewaltsame Wirkung zu haben. In den therapeutischen Situationen selbst wie im schriftlichen Nachdenken über sie schienen die induzierten sinnlichen Empfindungen die Beziehung zu den schwermehrfachbehinderten Menschen zu zerstören, genauer: eine musikalische bzw. sprachliche Struktur der Beziehung zu erzwingen, in der die idiomatische Grundlage der Musik und die metaphorische Qualität der Sprache in der Form des ‚Technikers‘ zerstört schien. Dieser Einfluss pervertierte die musikalische Interaktion, indem ich beispielsweise zeitweise auf die Äußerungen meiner Gegenüber konkretistisch mit formal korrekten Tonwiederholungen antwortete in der Hoffnung, darin könnte der Schlüssel zur Herstellung einer Beziehung liegen. Statt der Möglichkeit des Verstehens Raum geben zu können, sollte als Ersatz Wirkung erzwungen, eine Form hergestellt werden. Sprachlich führte dies zu Aussagen wie R. scheint mich nicht zur Kenntnis zu nehmen, die gerade in ihrer verobjektivierenden sachlichen Art den Dialog leugnen und damit zur Idee des fehlenden Dritten werden. Die Wirkung dieser Dynamik stellte sich in den Falldarstellungen dar als Verzerrung des Verhältnisses der metaphorischen Qualität und der logisch-diskursiven Struktur der Sprache. Die metaphorische Qualität der Sprache und ihre logisch-diskursive Struktur ließen nicht in gegenseitiger Herausforderung eine nachvollziehbare Rationaler Mythos und Sprache 155 und kritisierbare Aussage entstehen, sondern verwirrten und verdunkelten sich gegenseitig. Die Texte sind intensiv und zugleich ermüdend, erschreckend wie auch nichtssagend. Ein Beispiel dafür ist die folgende Passage, der Beginn eines Textes über die von mir durchgeführten Gruppenmusiktherapien: Nirgends scheint mir das, was der Begriff ‚Schwermehrfachbehinderung‘ verbirgt, spürbarer zu werden als beim hoffnungslos verzweifelten Bemühen, das in Worte zu fassen, was sich in den Gruppenmusiktherapien mit schwermehrfachbehinderten Menschen vollzogen hat: dem Erleben und Erlebten eine Form zu geben, die als Mitteilung Anschluss findet. Das ‚Ich‘ mutet wie eine unzumutbare Begrenzung an, die die Erscheinungen zum Verschwinden bringt. Das ‚Ich‘ als unzumutbare Begrenzung, die die Erscheinungen zum Verschwinden bringt wirkt als zwingende Metapher, mit der die LeserIn von der Aussage durch die Wirkung zugleich überzeugt werden soll. Die totalitäre Dynamik, die der Text beschreibt, kommt in ihm zugleich zur Anwendung. Der Text ist der Versuch, jene Dynamik, die einer totalitären Sprache zugrunde liegt, sie quasi erzwingt, zum Ausdruck zu bringen und sie zugleich zu vermeiden, also sie nicht zur Aussage werden zu lassen, schwermehrfachbehinderte Menschen seien intensiv, ermüdend, erschreckend, nichtssagend. Die Missverständlichkeit, Fremdheit und Beschwerlichkeit der Texte zu vermeiden, hätte bedeutet, sie im Sinne des ‚Technikers‘ zu verfassen. Die Aussagen, die ein solcher Text enthielte, würden als logische Urteile über und Handlungen an Menschen erscheinen, die in ihrer Subjektivität daran nicht beteiligt sind und sich nicht mit ihrer Kritik dagegen behaupten könnten. In ihm erschiene mit der sprachlich nicht vermittelbaren Erfahrung des subjektiven Beteiligtseins meines Gegenübers sein subjektives Nicht-Beteiligtsein als logische Selbstverständlichkeit. Der Eindruck, ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ würde zur Feststellung, ihre Bewegungen seien vegetativ gesteuert und daher bedeutungslos, eine psychotherapeutische Behandlung daher sinnlos. Solche Texte wären die Inszenierung der Verobjektivierung von Menschen, deren soziale Dimension verleugnet wird. Paradoxerweise ist unter Berücksichtigung des Konzeptes des fehlenden Selbst diese Deformierung von Sprache und Musik von wesentlicher Bedeutung für die Möglichkeit der Verständigung. Denn diese Verfehlung lässt sich verstehen als Abschattung einer Objektbeziehung. 4. Der Rationale Mythos 156 Mithilfe des Konzeptes des fehlenden Selbst lassen sich die Ereignisse auf die dyadische Beziehung beziehen und führen zum Erscheinen des Spezifischen der dyadischen Situation. Die spezifische dyadische Situation ist hier durch eine sich gegenseitig verdeckende Innen- und Außensicht gekennzeichnet. Musikalisch inszenierte sich diese Verdeckung in der Situation selbst als Auflösung, Verdrehung, ja Zerschlagung musikalischer Formenbildung bis hin zu ihrer Auflösung in Lautbildungen. Die musikalischen Fragmente ermöglichten nicht als Symbolformen ein Verstehen, sondern entsprachen Zitaten „symptomatische(r, MB) Handlung“162. Musik schien nicht zu helfen, war ihrer Wirksamkeit beraubt. Wiewohl vorhanden, schienen ihre Möglichkeit und Bedeutsamkeit grundlegend infrage gestellt. Diese Musik erschien falsch und erschreckend, doch zugleich stimmig, die einzig mögliche richtige, für die Situation passende Musik. Mit der Auflösung des musikalischen Idioms bis hin zur Ununterscheidbarkeit von den ihm zugrunde liegenden vegetativ-kreatürlichen Laut- und Bewegungsimpulsen wurde das im Zerfall begriffene Symbol gewissermaßen zur Metapher für die nicht gelungene Vernichtung – gewissermaßen, da die Inszenierung der Zerstörung der metaphorischen Qualität die Metapher ersetzt. Gerade der Bedeutungszerfall der Musik (Lieder, die einmal wichtig waren, nun aber emotional keinen Widerhall mehr fanden, etc.) erschien nun bedeutsam, die Interaktion kennzeichnend. In den automatischen Tonfolgenwiederholungen und meinem Stutzen darüber nahm ich das Nicht-Vorhandensein einer Spur auf – einer Spur, die da sein sollte, aber nicht da war: das fehlende Echo in mir, das konkretistische Missverständnis als konkretistischleere Metapher. Auch die Formschwierigkeiten und Missverständlichkeiten der Falldarstellungen sind Ausdruck eines Verstehensprozesses, dem eine in sich höchst widersprüchliche Tendenz inhärent ist. Die stetige eigene Infragestellung soll vor der befürchteten Vernichtung schützen, die von der entfremdenden Wahrnehmung durch ein Gegenüber befürchtet wird. Der Eindruck, ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ und die wahrgenommenen Bewegungen seien daher bedeutungslos, bricht in eine dyadisch strukturierte Beziehung ein und bringt die Beziehung 162 Langer, S. (1984) S. 119 Rationaler Mythos und Sprache 157 zum Einbruch. Verstanden als konkretistisch-leere Metapher – als Spur des spezifisch Dyadischen im Denken und in der Sprache – erscheint der Eindruck ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ als Versuch der Verständigung mit einem als nicht vorhanden imaginierten Gegenüber. Die imaginierte Bedrohung der befürchteten Vernichtung manifestiert sich an den Stellen, an denen etwas Neues sich ereignen könnte, Verstehen nötig und damit neue Erfahrungen möglich wären. Das Neue wäre die Wahrnehmung der Bedrohung als ein Ereignis der Vergangenheit, dessen schmerzhafte Spur gestaltendes Moment einer unbekannten, da unerlösten Gegenwart ist. Das von schwermehrfachbehinderten Menschen inkorporierte Konzept des fehlenden Selbst scheint ihre Fixierung auf ihre Nicht- Existenz im Symbolischen zu sein. In diese Abwehr sind, da es sich um die Fixierung auf eine dyadische Beziehung handelt, die nichtbehinderten Beziehungspersonen zwangsläufig mit verwickelt. Funktionsabläufe müssen Überlebensgewissheit garantieren. Das darin fixierte Selbst-Welt-Verhältnis schwermehrfachbehinderter Menschen – ihre leibliche Identität – ist die Überzeugung eines Menschen, dass seine Bewegungen zwar einer inneren Notwendigkeit folgend Überlebensbemühungen sind, darin jedoch zugleich ungeeignet, da sie möglicherweise eine Katastrophe heraufbeschwören: die Befürchtung, der authentische Bewegungsimpuls könnte, statt das Gegenüber zu rühren, die eigene Vernichtung heraufbeschwören. Momente, in denen die Getrenntheit manifest wird und Verständigung möglich wäre – das sind Situationen, die, wie Winnicott es beschreibt, dem Säugling den Zustand der Unintegriertheit ermöglichen. Er kann sich entspannen und in der Geste sein Leben als ein Einzelwesen – als ein Für-sich – beginnen. Für den schwermehrfachbehinderten Menschen beschwören diese Situationen jedoch katastrophische Ängste herauf und drohen zur Bestätigung der undenkbaren Überzeugung zu werden, dass der Impuls durch sein gewaltsames Echo seiner Vernichtung preisgegeben werden könnte. Die Beunruhigung dieser Unterbrechungen wird abgewehrt / organisiert durch Bewegungsregelkreise, die zum Rationalen Mythos führen bzw. in diesem unverstanden verstanden werden: stereotype Bewegungshülsen, die mit der Realität der Trennung die Realität 4. Der Rationale Mythos 158 der Beziehung leugnen. Das In-Bewegung-Sein ist erforderlich als Abwehr katastrophischer Befürchtungen. Totalitäre Sprache ist die Spur des traumatischen Zusammenbruchs jenes symbolischen Beziehungsraumes, innerhalb dessen und zu dem hin sich eine coenästhetische Beziehung gestaltet. Diese Sprache ist der Versuch der Verständigung über ein Ereignis – Vernichtungserfahrung, ein Schrecken, der den Zusammenhalt äußerer und innerer Strukturen mit Zerfall bedroht. Der Einbruch des Vegetativen in das Denken wird als drohende Vernichtung wahrgenommen und ‚behandelt‘. Die Sprache scheint ihrer metaphorischen Qualität – ihres Bezuges zur dyadischen Beziehung, der nicht mehr zwanglos entstehen kann – beraubt und nimmt darin eine Spur auf. Der nun hergestellte spezifische Nicht-Raum kann subjektiv das Erleben eines Menschen schützen, dessen Überlebensgewissheit auf fundamentale Weise gefährdet wurde bzw. sich unter existentieller Bedrohung bilden musste und sich nun in ständiger Bedrohung wähnt, da ihm das Selbst als innere Verstehens-Gewissheit nicht reflexiv und selbstreflexiv zur Verfügung steht. Rationaler Mythos und Sprache 159

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References

Zusammenfassung

Schwermehrfachbehinderte Menschen als ein Gegenüber auf Augenhöhe ernst zu nehmen, wird durch die heftigen Empfindungen erschwert, die sie in nichtbehinderten Menschen auslösen. Neben Interesse, Mitgefühl und Traurigkeit zeigen sich auch Abwehrreaktionen bis hin zu Tötungsfantasien: ‚Wäre es nicht besser, er oder sie hätte den Unfall, die Krankheit gar nicht überlebt?‘

Schuld und Scham spielen oft eine Rolle. Der Zusammenhang mit gesellschaftlicher Abwehr muss jedoch erkannt werden. Denn die Erfahrungen von tiefer Ohnmacht und Abhängigkeit bedrohen unser auf Autonomie und Kontrolle beruhendes Selbstverständnis. Musik eröffnet hier Zugangsweisen, inmitten des Schreckens das Subjektsein des Gegenübers zu entdecken. Als unzerstörbarer Halt kann der musikalische Beziehungsraum die Infragestellung durch Angst und Hoffnungslosigkeit ‚überleben‘. Freude und Hoffnung können unverhofft auftauchen und neuen Entwicklungsraum eröffnen.

Dieses Buch wendet sich in erster Linie an pädagogische, therapeutische und pflegerische Fachkräfte sowie an interessierte Laien.