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8. Zusammenfassung – Ausklang in:

Maria Becker

Begegnung im Niemandsland, page 315 - 334

Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4326-4, ISBN online: 978-3-8288-7269-1, https://doi.org/10.5771/9783828872691-315

Tectum, Baden-Baden
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Zusammenfassung – Ausklang Anna – Es sind die letzten elf Stunden einer langen Therapie. Es fällt mir sehr schwer, mich von Anna zu verabschieden. Damit meine ich nicht nur das Durcheinander meiner Empfindungen, die mir den Abschied schwer machen, nicht nur, dass ich Anna vermissen werde. Ich meine auch und vor allem, dass mir ganz und gar unklar ist, in welcher Form ein Abschied überhaupt möglich ist, wie ich mich mit Anna darüber werde verständigen können. Wir sind in unserer üblichen Form zusammen. In der 119. und 120. Stunde ist Anna einige Male traurig. Sie beißt ihren Quietsch-Ball. Ich spüre es als Ärgern, Weinen, Quälen. Quäle ich sie so? Ist die Trennung so quälend? Wie schon öfter fällt mir zu Ball Brust ein: die Brust, die von ihr weggehen will und sie zerstückelt zurücklässt. In der 122. Stunde merke ich Distanz zwischen uns. Ich bin gleichgültig. Als ich ihre Quietsch-Töne ernst nehme, mit der Flöte schreie, heule und dabei Wut und Verzweiflung schmerzlich spüre, ist der Kontakt zwischen uns wieder da. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil die Einzelarbeit mit Anna neben der Gruppentherapie jetzt erheblich kürzer ist. Mir wird klar, dass ich auch erleichtert bin, wenn die Therapie zu Ende sein wird und ich die Belastung der schrecklich quälenden Fragen und Empfindungen los sein werde. Das macht mir Schuldgefühle. Die Geldgründe scheinen mir fadenscheinig. Auch in der nächsten Stunde spüre ich viel Wut, Verzweiflung und Trauer. Anna lacht, als ich entsprechend auf der Flöte spiele. Ist sie erleichtert, weil ich sie richtig verstanden habe? Freut sie sich, dass ich das spüren muss, was sie sonst erleidet? Diese Form des Zusammenseins ist so grundlegend, wie sie gleichzeitig wegen des immanenten Widerspruches nur schwer auszuhalten ist. Die Gefühle sind nur in mir drin. Weder traue ich mich, laut zu schreien, noch gelingt es, ihnen einen eindeutig klaren und damit folgenreichen Ausdruck zu verleihen. Wir sind inmitten der Gruppe von BesucherInnen und MitarbeiterInnen, die von diesem Dialog unberührt sind. Ich befinde mich auf zwei Ebenen gleichzeitig. In mir eingeschlossen sind die furchtbar scharfen und nur so schwer mitteilbaren Gefühle. Zwar quietschen Ball und Flöte entsetzlich. Doch außer uns – Anna und mir – scheint es keine wahrzunehmen. Den Kontakt zu Anna fühle möglicherweise nur ich. Von außen ist nichts festzustellen. 8. 315 Das bedeutet zweierlei: Es ist Mitteilung über das entsetzlich Schmerzhafte des Nicht-wahrgenommen-Werdens des Leidens. Nicht sich über diese Gefühle verständigen zu können macht sie zu unbegreiflich ‚blinden‘ Körperzuständen. Die Mitteilung ist Mitteilung im Agieren. Sie ist unverstanden, da es mir nicht gelingt, mit den MitarbeiterInnen ins Gespräch zu kommen und so den Eindruck zu überprüfen, ob von unserer Kommunikation und den Empfindungen wirklich nichts nach außen dringt. Das ist falsch und richtig zugleich, da es gerade um das Nicht-ins-Gespräch-Kommen geht. Dieser Aspekt der Trauer, der Wut und der Verzweiflung ist zentral. Indem ich mit meinen Gefühlen gleichermaßen einsam bin, habe ich erst eine Chance zu begreifen, wie es Anna geht. Zugleich dient das Getrennt-Halten bei gleichzeitiger größtmöglicher Annäherung der gespaltenen Welten der Aufrechthaltung einer Form, die der Selbstbewahrung dient und damit Verständigung überhaupt ermöglicht. Man muss die mit dieser Form verbundenen und darin eingeschlossenen Gefühle an sich heran lassen und darf sie gleichzeitig um keinen Preis zugeben. Die fragmentierende Verleugnung schafft Distanz, die Schutz vor vernichtender Überwältigung bietet. Grundlage dieser Formbildung ist der Hass, von dem Überwältigung von Innen und Außen droht. Seine Umwandlung in strukturbildende Kraft schafft die Grenzen, innerhalb derer das Gute als Sehnsucht nach Kontakt und Offenheit für Begegnung lebensfähig ist. Ich habe zu Anna und ihrem so schrecklich einsamen Schmerz Anschluss gefunden. Ich kann ihn nicht verändern, sie darin nur begleiten. Immer noch spüre ich meinen Förderdrang, um mit dem Erfolg die Not lindern zu können. Wir sind uns sehr nah in diesen letzten Stunden. In der vorletzten Stunde spüre ich, dass ich Anna Wut, Verzweiflung und Schmerzen nicht nehmen kann, dass sie ein Recht auf die Trauer hat. Habe ich auch ein Recht zu gehen? Ich zeige mit dem Ball mein Weinen, die Schmerzen, Wut und Verzweiflung. Anna lacht. In der letzten Sitzung schaut sie mich oft an und freut sich. Wir sind uns sehr nah. Es ist ‚schwer für mich, mich zu verabschieden; traue ich mich nicht?‘ – Begrenzte Hoffnung. Es ist das Anliegen dieses Buches, ein Konzept vorzustellen, das nichtbehinderten Beziehungspersonen veränderte Umgangsmöglichkeiten mit den emotionalen Schwierigkeiten eröffnet, die im Kontakt mit schwermehrfachbehinderten Menschen unweigerlich auftreten. Mit dem dargestellten Konzept wird ‚Schwermehrfachbehinderung‘ als spezifische Form einer Beziehungsstörung denkbar. Die emotionalen Schwierigkeiten der nichtbehinderten Beziehungspersonen sind Teil dieser Beziehungsstörung, die schwermehrfachbehinderte Menschen 8. Zusammenfassung – Ausklang 316 in ihren Entwicklungsmöglichkeiten so gravierend einschränkt. Ein vertieftes Verständnis für diese emotionalen Schwierigkeiten verspricht daher nicht nur eine Entlastung für die nichtbehinderten Beziehungspersonen, sondern stellt auch und vor allem einen Weg dar, der schwermehrfachbehinderten Menschen in Anerkennung ihrer eng begrenzten Möglichkeiten Spielraum für eine eigenständige Entwicklung eröffnet. Da schwermehrfachbehinderte Menschen anscheinend nicht über Sprach- und Handlungskompetenz verfügen und ihren Verhaltensweisen und Lebensäußerungen kein – wenn auch rudimentäres – Selbstgewahrsein zugrunde liegt, sind die inneren Prozesse der nichtbehinderten Beziehungspersonen das einzig Verfügbare, wenn es gelingen soll, etwas über schwermehrfachbehinderte Menschen und ihre Schwierigkeiten zu erfahren: etwas zu erfahren, das einer Mitteilung entspricht und sich nicht als ein ‚Wissen über sie‘ entpuppt. Dreh- und Angelpunkt dieser Untersuchung konnte daher nur die Analyse der Gegenübertragung als Analyse der in der Therapeutin ablaufenden emotionalen und rationalen Prozesse sein. Diese Analyse bedurfte in doppelter Reflexion einer Auseinandersetzung mit bestehenden theoretischen Konzepten und Modellen, um daraus die Überlegungen ableiten zu können, die zu dem hier vorgestellten Konzept geführt haben. Dieses Konzept sowie seine Herleitung möchte ich hier noch einmal kurz skizzieren, um seine eigentliche Bedeutung herauszustellen. Diese kann nicht darin liegen, dass sich mit seiner Hilfe besondere nachweisbare Erfolge erreichen lassen, die die Zunahme von Bewusstheit und Selbstverfügung seitens des schwermehrfachbehinderten Menschen betreffen. Auch wenn sich eine solche Zunahme in den von mir durchgeführten therapeutischen Prozessen durchaus aufzeigen lässt, liegt der eigentliche Wert des Konzeptes doch darin, dass mit ihm der dem schwermehrfachbehinderten Menschen eigene subjektive Spielraum verstehbar wird. Zwischen der Beurteilung eines Lebens als hoffnungslos und dem Sich-Einfühlen in die Hoffnungslosigkeit eines Menschen liegt eine ganze Welt. Der verstehende Zugang zur Schwermehrfachbehinderung ermöglicht nicht nur, zu erkennen, dass die davon betroffenen Menschen in eben der gleichen Weise wie wir alle nach einer Beziehung streben, in der sie etwas von sich und dem Rät- 8. Zusammenfassung – Ausklang 317 selhaften in sich und außerhalb von sich selbst finden und erkennen können. Indem in diesem Zugang die Schwermehrfachbehinderung als eine menschliche Antwort auf eine Extremsituation deutlich wird, zeigt sich gerade darin exemplarisch das spezifisch Menschliche als das stete Angewiesensein des Menschen, sein in der ursprünglichen interaktiven Einheit sich realisierendes So-Sein immer aufs Neue aufbrechen und in einem veränderten Beziehungskontext erneut finden bzw. kreieren zu müssen. Das Konzept der Schwermehrfachbehinderung zeigt, dass der Mensch sich auch unter größten Schwierigkeiten als ein Mensch bewahrt. Die besondere Schwierigkeit, mit der nichtbehinderte Beziehungspersonen im Kontakt mit schwermehrfachbehinderten Menschen konfrontiert sind, ist deren nahezu absolute Abhängigkeit. Diese bezieht sich nicht auf die äußeren Verhaltensweisen bzw. körperlichen Fähigkeiten. Manche von ihnen verfügen beispielsweise durchaus über eine begrenzte Kontrolle über ihre Bewegungs- und Wahrnehmungsformen. Die Abhängigkeit bezieht sich vor allem auf ihr inneres, ihr psychisches Sein. Ihren Verhaltensweisen, Bewegungen und Lautierungen scheint eben kein rudimentäres Selbstgewahrsein zugrunde zu liegen. Sie erscheinen sinnlos und sind häufig stereotyp oder reflektorisch in autosensorischen Regelkreisen gefangen. Diese innere, manchmal nahezu absolut erscheinende Abhängigkeit bezieht das nichtbehinderte Gegenüber zwangsläufig mit ein. Sie bestimmt sich als Fixierung auf ein dyadisches Beziehungsmuster. Der schwermehrfachbehinderte Mensch ist in seinen Bemühungen, etwas von sich selbst und dem au- ßer ihm Liegenden finden und verstehen zu können, zwingend auf eine Beziehung angewiesen, in der das Gegenüber seinen Verhaltensweisen einen Sinn zu entnehmen vermag, mit dem er sich als wahrgenommen / gespiegelt / erkannt erfahren kann. Konträr zu dieser zwingenden Notwendigkeit werden die Eindrücke, die die Verhaltensweisen des schwermehrfachbehinderten Menschen in der nichtbehinderten Beziehungsperson hinterlassen, häufig nicht als Folge eines Mitteilungsversuches wahrgenommen, sondern scheinen zu sachlichen Eindrücken und distanzierten Beurteilungen über sie zu führen. Die VertreterInnen der neueren Euthanasiebewegung verstehen gerade diesen Umstand als Beweis, dass schwermehrfachbehinderte Menschen nicht in der Lage seien, subjektiv einen An- 8. Zusammenfassung – Ausklang 318 spruch auf Leben zu erheben – einen Beweis, der ihre Tötung rechtfertigt. Im Kontext humanistisch begründeter Behandlungsformen führt – sehr vereinfacht und überspitzt gesagt – dieser Umstand zu Methoden, mit denen schwermehrfachbehinderte Menschen ‚lernen‘ sollen, wie man sich als Subjekt verhält, und mit denen ihre vermeintliche Unfähigkeit zwangsläufig festgeschrieben wird. Diese Besonderheit des Denkens und Sprechens der nichtbehinderten Beziehungsperson, mit dem die Mitteilungsbemühungen des schwermehrfachbehinderten Gegenübers zu sachlich-logischen Beurteilungen führen, entsteht, da Denken und Sprechen der nichtbehinderten Beziehungsperson der Abwehr dient. Mit dem im Denken und Sprechen hergestellten Bezug gewinnt die Theorie die Funktion, den in der Beziehung erzeugten Schrecken auszublenden, der mit der nahezu absoluten Abhängigkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen zusammenhängt. Der Schrecken, der diese Funktion des Denkens erzwingt, hängt zusammen mit dem Erschrecken der nichtbehinderten Beziehungsperson darüber, dass ihr Denken in dieser Beziehungsform ins Leere greift und nicht zu einem gegenseitigen Verstehen führt. Der Schrecken zeigt sich in der affektiven Heftigkeit und Ambivalenz in der nichtbehinderten Beziehungsperson. Die Beziehungssituation als solche droht dadurch zu zerfallen. Diese Gefahr ist im Kontext einer dyadischen, durch nahezu absolute Abhängigkeit charakterisierten Beziehung eine tödliche Bedrohung – eine tödliche Bedrohung, die nicht als Vernichtungsdrohung in der Phantasie erscheint, sondern nicht zu unterscheiden ist von einer auf reale äußere Gefahren bezogenen tödlichen Bedrohung. Die Affekte bedrohen in gravierender Weise den inneren Halt der Beziehungsperson und erzwingen mit dem zu sachlich-logischen Wahrnehmungen und einer technologischen Sprache führenden Denken innere Distanz. Mit dieser Form des Denkens – dem Rationalen Mythos – wird die Beziehungssituation zugleich auf paradoxe Weise gerettet, indem es der nichtbehinderten Beziehungsperson gelingt, zusammen mit der dyadischen Beziehung ihr Involviert-Sein in die Abhängigkeit des schwermehrfachbehinderten Gegenübers auszublenden und diese damit zugleich zu fixieren. Diese Dynamik lässt sich als Folge eines Konfliktes beschreiben, der sich der denkerischen Durchdringung zu entziehen scheint. Denn die Empfindungen, die ein Verständnis für den Konflikt ermöglichen 8. Zusammenfassung – Ausklang 319 würden, müssen ja gerade ausgeblendet werden, damit die Situation aushaltbar ist. Die denkbare Möglichkeit dieses Konfliktes scheint die haltende Beziehung zu gefährden, die Voraussetzung seiner Bearbeitung ist. Dieser Konflikt droht den symbolischen Raum somit grundsätzlich infrage zu stellen. Diese Infragestellung wird als Gewalt – Gewalt als Abwesenheit des Denkens – erfahren. Hierin findet das drohenden Auseinanderfallen der existentiell notwendigen Beziehungssituation Ausdruck. Der Rationale Mythos rettet die Beziehungssituation, indem er eine Form des Denkens erzwingt, mit der die Eindrücke der nichtbehinderten Beziehungsperson zu sachlich-logischen Gedanken führen, die sich auf Funktionsabläufe beziehen und sich in einer technologischen Sprache niederschlagen. Die Überlegungen erklären in zwangloser Weise das Gefangensein des schwermehrfachbehinderten Menschen in stereotypen und reflektorischen Bewegungsmustern als logische Folge ihrer schweren Behinderung und besiegeln damit die Unmöglichkeit des Verstehens. Der Rationale Mythos – die sachlichen Gedanken und technologische Sprache – ist also eng verflochtener Teil einer durch nahezu absolute Abhängigkeit gekennzeichneten dyadischen Beziehung, die er zugleich zu verleugnen hilft. Die mit dem Rationalen Mythos – den sachlichen Gedanken und der technologischen Sprache – einhergehende Leugnung und Negierung der dyadischen Beziehung erzwingt für den auf Einfühlung angewiesenen schwermehrfachbehinderten Menschen die Ununterscheidbarkeit einer tödlichen Bedrohung von einer Überlebensmaßnahme. Denn mit dem Rationalen Mythos wird ihm zwangsläufig das Person-Sein entzogen und doch zugleich die Basis gerettet, da seine Fähigkeit, subjektiv einen Anspruch auf Leben zu erheben, in der Dyade nur von der unabhängigen BeziehungspartnerIn bewahrt werden kann. Diese spezifische dyadische Beziehungsstörung ist durch die Idee des fehlenden Selbst organisiert. Sie ist nicht mit Konzepten zu erfassen, die auf der Ausformulierung der Subjekt-Objekt-Differenz beruhen bzw. diese voraussetzen. Hieraus erklärt sich die Funktion der auf der Subjekt-Objekt-Differenz fußenden Theorie zur Abwehr der mit dem Schrecken in Verbindung stehenden Beziehung. Entsprechend dem Säugling, der auf die Beziehung zu einem sich einfühlenden Erwachsenen angewiesen ist, um in seinen Bemühungen verstanden zu 8. Zusammenfassung – Ausklang 320 werden, lässt sich die Beziehungsstörung als eine Verwicklung denken, die in der spezifischen Art der Beziehung vom schwermehrfachbehinderten Menschen und seiner nichtbehinderten Beziehungsperson erzeugt wird. Diese Verwicklung, die in der Interaktion mit dem schwermehrfachbehinderten Menschen die Möglichkeit des Verstehens ersetzt, fungiert als eine Barriere. Die Verwicklung realisiert sich in den leiblichen Verhaltensweisen des schwermehrfachbehinderten Menschen und ihrer Wirkung auf Denken und Sprechen der Beziehungsperson. Der Konflikt als die mit einer emotionalen Denkstörung der nichtbehinderten Beziehungsperson in Verbindung stehende Bewegungsstörung des schwermehrfachbehinderten Menschen lässt sich durch eine Innen- und Außensicht charakterisieren, die als aufeinander bezogen gedacht werden müssen. Die Innensicht ergibt sich – als innere Betrachtung – aus der Analyse der Gegenübertragung der nichtbehinderten Therapeutin. Das Denken und Sprechen der nichtbehinderten Beziehungspersonen ist als ein Phantasieren zu denken, das einer Deutung bedarf, um den enthaltenen verborgenen Sinn zu erkennen. Dieser Sinn bestimmt sich entsprechend der dyadischen Beziehung als Sinn, den die beiden InteraktionspartnerInnen füreinander haben. Der Sinn der zu sachlichen Beurteilungen führenden und darin auf ihre subjektive Sinnlosigkeit festgelegten Bewegungen und Lautierungen des schwermehrfachbehinderten Menschen ist also einer, der sich erst in sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren realisieren muss, damit er von der nichtbehinderten Beziehungsperson verstanden werden und nun in der Beziehung zum schwermehrfachbehinderten Menschen diesem einen Spielraum als Möglichkeit eines Selbst-Seins im Sinne eines ‚Seins als nichtreflexive Form des Existierens‘ eröffnen kann. Die Außensicht – als Sicht einer angenommenen äußeren BeobachterIn – ist die Beschreibung der spezifischen Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen. Die in stereotypen und reflexhaften sowie autosensorischen Regelkreisen gefangenen und ‚sinnlos‘ erscheinenden Verhaltensweisen sind Ausdruck eines leiblich erfahrenen, intolerablen Widerspruches. In ihnen ist das drohende Auseinanderfallen der dyadischen Beziehung fixiert und zur Form geronnen. In dieser Form kann sich der schwermehrfachbehinderte Mensch zwar 8. Zusammenfassung – Ausklang 321 entsprechend der basalen Notwendigkeit einer Uridentität als ‚körperliche Einheit‘ erfahren, jedoch in einer Weise, die eine grundlegende Störung der Selbstentwicklung nach sich zieht. In ähnlicher Weise beschreiben Fröhlich und Haupt die Entwicklungsstörung des schwermehrfachbehinderten Menschen. Sie setzen mit ihrer Methode bei den basalen Wahrnehmungsbereichen der somatischen, vestibulären und vibratorischen Wahrnehmung an, die eben jene körperliche Einheit organisieren, um darauf aufbauend die Wahrnehmungsbereiche zu fördern, die „die Beziehung zu anderen Menschen“ strukturieren302. Der intolerable Widerspruch stellt sich hier als ein Problem dar, das sich daraus ergibt, dass die Existenz des schwermehrfachbehinderten Mensch als körperliche Einheit in der Beziehung zu anderen Menschen nicht als Sinn realisiert werden kann, so dass die hieran beteiligten Wahrnehmungsbereiche ihm als Organisatoren verfügbar werden könnten. In die Sprache der Psychoanalyse übersetzt handelt es sich um die spezifische Form einer körperlichen Einheit oder Uridentität, die mit ihrer Realisierung in einem die dyadische Beziehung strukturierenden Triebgeschehen die haltende Beziehung gefährdet. Der Wunsch, der als solcher leiblich-sinnlich nicht in Erscheinung treten kann, ist der, als Subjekt erkannt und anerkannt zu werden, und zwar als ein Subjekt, welches das nichtbehinderte Gegenüber nicht in seinem zum Verstehen auf das Denken angewiesenen Subjekt-Sein bestätigen kann. Dieser Wunsch scheint die haltende Beziehung zu gefährden, da er mit der Anerkennung des Nicht-Denkens bzw. Nicht-Verstehens das nichtbehinderte Gegenüber zu vernichten droht, und zwar in seiner Funktion als ein haltendes Objekt. Die körperliche Einheit als eine an die Dyade gebundene Uridentität erzwingt sinnlich-konkrete Beziehungsfiguren, in denen das nichtbehinderte Gegenüber zu einem vernichtenden Objekt zu werden droht. Die Anerkennung des nicht-reflexiven Seins des schwermehrfachbehinderten Menschen – des fehlenden Selbst als seines unübersetzbar scheinenden Identitätsthemas, besser Identitäts-Dilemmas – wird als existentielle Gefährdung der dyadischen Beziehung erfahren, wiewohl sie diesen Konflikt in kreativer Weise zugleich hervorgebracht hat. Dieser Konflikt ist einer, der sich in der nichtbehinderten Beziehungs- 302 Ayres, J. (1979) S. 45 8. Zusammenfassung – Ausklang 322 person ereignet. Es ist der Einbruch des fehlenden Dritten in die Beziehungsperson – die nahezu grundsätzlich erscheinende Infragestellung des symbolischen Raumes – und bedroht diese mit dem Zerfall ihrer Fähigkeit, als ein ‚Ich für zwei‘ zu fungieren, die von Bion als Fähigkeit zur träumerischen Einfühlung bezeichnet wird. Diesen Konflikt habe ich mit Ereignissen in Verbindung gebracht, die den Eintritt der Behinderung und die sie erzwingende Form der Behandlung betreffen. Die Beschreibung des Konfliktes auf Seite Æ ist entsprechend einer dramatischen Darstellung zu lesen, die sich nicht auf einen äußeren Ablauf bezieht, sondern szenische Beschreibung des drohenden Zerfalls der existentiell notwendigen Beziehung ist. Sie entspricht der Momentaufnahme des Schreckens, der sich in der nichtbehinderten Beziehungsperson in den alltäglichen, durch kleinere oder größere Irritationen gekennzeichneten Situationen entfaltet, der Wirkung eines implantierten Chips vergleichbar, der von Zeit zu Zeit einen Systemzerfall hervorzurufen scheint: Die Nicht-Wahrnehmung des schwerbehinderten Menschen als Person ist die Widerspiegelung des ‚Nichts‘, in das schwermehrfachbehinderte Menschen und ihr Beziehungsumfeld (Angehörige wie Professionelle) bei Eintritt ihrer Behinderung hineingeworfen werden oder bei Eintritt ins Leben hineingeworfen sind: der unerhörte Schrecken einer durch Todesangst und Entsetzen, Mangel und zerstörerische Impulse, vitale Bedrohung und Hilflosigkeit, Vernichtung bisheriger Lebensperspektiven sowie erschreckende Erfahrung des eigenen Nicht- Genügens gekennzeichneten konflikthaften Situation. In ihr drohen die Fähigkeiten der nichtbehinderten Erwachsenen zusammenzubrechen, insbesondere ihre innere Fähigkeit zur Unterscheidung der eigenen Affekte von denen ihres Gegenübers, die Unterscheidung von Phantasie und Realität. Das Vertrauen auf die eigenen Kräfte als Reflex auf die Möglichkeit des Sich-Verstehens und auf die Sicherheit der Verbindung zu guten inneren Objekten droht unterzugehen. Dieses innere Chaos in der nichtbehinderten Beziehungsperson entsteht im Moment vitaler äußerer Bedrohung des schwermehrfachbehinderten Gegenübers. In dieser Situation, in der innere und äußere Gefahr nicht mehr unterschieden werden können – der Mensch stirbt, wenn ich nicht sofort das Richtige tue; er ist äußerst hilflos und auf mich angewiesen; wenn ich aber innehalte, weiß ich nicht mehr, was 8. Zusammenfassung – Ausklang 323 ich tun werde, ob ich überhaupt etwas tun werde, noch ob ich etwas tun kann, ob es mein Ich / mich überhaupt gibt –, erzwingt der Rationale Mythos einen inneren Beziehungsabbruch und gibt als autonome Handlungsanweisung Ordnung. Der schwerbehinderte Mensch erfährt diese Ordnung zugleich als Überlebenssicherung: die Festlegung auf seine psychische Nicht-Existenz. Seine Identifikation mit dieser Interaktionsform wird zum Ersatz eines Beziehungssystems, in dem seine physiologischen Regungen im Zusammenspiel mit den unbewussten Wünschen des Gegenübers zu spezifischen Bedürfnissen geformt werden könnten, dies aber gerade als Gefahr erscheinen muss. Hierdurch wird die vernichtende Angst abgewehrt, ein solches Beziehungssystem sei nicht möglich und nicht tragfähig, Verstehen sei sogar gefährlich angesichts der Realität von Vernichtungsängsten und -impulsen. Mit dieser Dynamik entsteht eine besondere Form der Abwesenheit bzw. Fremdheit in sich selbst – die als Verwicklung beschriebene Barriere des Ineinander autosensorischer Regelkreise und sachlicher Gedanken –, die ich mit den von Ogden beschriebenen „Löchern im Gewebe des ‚zum Vorschein kommenden Selbst‘“303 verglichen habe. In Situationen des drohenden Zerfallens der dyadischen Beziehung, in denen eine Verständigung mittels träumerischer Einfühlung notwendig wäre, damit die Dyade sich zur Übergangsbeziehung erweitern könnte, wird mit der Getrenntheit etwas Fehlendes zur bestimmenden Erfahrung. Entsprechend dem hungrigen Säugling, der noch keine Vorstellung von dem hat, was ihm fehlt, und der die Mutter braucht, die seine Empfindungen in den Gedanken verwandeln kann, dass da etwas fehlt, benötigt der schwermehrfachbehinderte Mensch in einer solchen Situation die Fähigkeit der nichtbehinderten Beziehungsperson zur Einfühlung, die seine Empfindungen in Gedanken verwandeln könnte. Gerade das ist in der oben beschriebenen Situation des drohenden Zerfalls nicht möglich. Die nichtbehinderte Beziehungsperson ist aufgrund der Heftigkeit und Ambivalenz der ausgelösten Affekte ihrer Fähigkeit zur Einfühlung gerade in einer Situation beraubt, in der sie dringend darauf angewiesen wäre. Das, was fehlt und was die Bewusstheit körperlicher Separatheit erträglich machen würde, ist ein Gegenüber, das mit der Fähigkeit zur Einfühlung die unerträglichen 303 Ogden, T. H. (1995) S. 54 8. Zusammenfassung – Ausklang 324 Empfindungen des schwermehrfachbehinderten Menschen in Gedanken darüber verwandeln könnte. Was ihm fehlt, ist ein ‚Ich für ein Du‘. Durch dieses fehlende Gegenüber können die einen Schrecken provozierenden Bewegungen und Lautierungen des schwermehrfachbehinderten Menschen von der nichtbehinderten Beziehungsperson nicht in Gedanken darüber umgewandelt werden, was ihm fehlen könnte. Die als sinnlos erscheinenden Bewegungen haben dieses auch gar nicht mehr zum Ziel. Sie sind – darauf weist Ogden hin – ein Ersatz, eine Form des Existierens, die die Erfahrung der Getrenntheit als Ursache unerträglicher Seelenqualen vermeiden sollen und mit denen eine Art Ersatzhaut – ein Quasi-Objekt – geschaffen wird. Parallel dazu lassen die unerträglichen Empfindungen der nichtbehinderten Beziehungsperson sich vor diesem Hintergrund als Auswirkung der unerträglichen Beziehungsbotschaften des schwermehrfachbehinderten Menschen verstehen, die nicht in etwas Erträgliches – in Gedanken darüber, dass etwas fehlt – verwandelt werden können. Die Beziehungsbotschaften werden in der Verwicklung verzerrt und gespalten, da der in der Verwicklung sich realisierende Umgang dem Umgang mit unbelebtem Material angemessen wäre und so die Beziehungsbotschaften eher auf Spuren eines sachlich zu ermittelnden Körperbedarfs bzw. einer physiologisch oder vegetativ regulierten Erregungsabfuhr verweisen. Mit dem in der Verwicklung erzeugten Quasi-Objekt und dem darauf bezogenen sachlich zu ermittelnden Körperbedarf wird die dyadische Beziehung fixiert und kann sich nicht zur Übergangsbeziehung erweitern. Die Berücksichtigung der dyadischen Fixierung des Konfliktmusters macht die Notwendigkeit einer doppelten Reflexion deutlich, die sich auf eine Außen- und Innensicht bezieht. Das, was sich als äußere Beobachtung darstellt, lässt sich nun als Beschreibung eines szenischen Geschehens im Sich-Ereignen seines tendenziellen Zerfalls erkennen. Es entsteht die Möglichkeit, dass sich das fehlende Gegenüber in sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren realisiert und Situationen entstehen, die dem schwermehrfachbehinderten Menschen ein Alleinsein in Gegenwart einer Anderen gestatten. Diese Möglichkeit des Verstehens greift die der Musik innewohnende symbolisierende Form auf. Mittels der Musik kann die dyadi- 8. Zusammenfassung – Ausklang 325 sche Fixierung insofern berücksichtigt werden, da Musik nicht die Subjekt-Objekt-Trennung ausführt, sondern im Gegenteil in Rekonstruktion die ursprüngliche interaktive Einheit formuliert: die Umsetzung des dyadischen Paradox der Uridentität in ein szenisches Beziehungsgeschehen. Musik ist – wie alle Kunst – zweckfrei, ein reines Spiel mit Formen. Mittels der in ihren Idiomen eingefrorenen, auf Beziehung verweisenden Bedeutungen wird in der Musik eine Szenerie dramatisch dargestellt und damit ein Ausdruck erzeugt, der als objektiver real ist und zugleich auf nichts verweist – als Illusion einem subjektiven Objekt entsprechend. So entstanden mit den musiktherapeutischen Interventionen ‚Improvisationen‘, in denen die Sinnlosigkeit als Zerstörung musikalischer Formen nicht nur hörbar wurde. Gerade die Sinnlosigkeit – das Falsche und Unpassende der Lieder, die bedeutungslos werdenden Formen, betäubend wirkende Dissonanzen – bestimmte die ‚Improvisation‘ als stimmig und evident. Der entstehende Ausdruck – die Illusion – verwies auf seine ihm eigene Unstimmigkeit. Musikalisch entstand dieser Eindruck dadurch, dass die auf einen konventionellen Musikstil bezogenen Volks- und Kinderlieder durch die vegetativ erscheinenden Einwürfe der schwermehrfachbehinderten Menschen in einer Weise infrage gestellt wurden, die der Infragestellung durch Ausdruckselemente der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts (Atonalität, serielle Musik etc.) entspricht. Mit dem sachfremden Hantieren der Instrumente entstanden untypische, dem instrumentalen Klangraum entfremdete Geräusche, die einen Bezug zur Verfremdung des instrumentalen Klangraumes durch Verfremdung der Instrumente aufweisen, wie Cage das beispielsweise in seinen Kompositionen durchgeführt hat.304 Ebenso entstand in der Verflechtung der kreatürlich und symptomatisch gestalteten Lautierungen der schwermehrfachbehinderten Menschen mit den musikalisch gestalteten Interventionen der Therapeutin ein Geräuschgewebe, in dem die idiomatischen Elemente der Musik durch die Herauslösung aus ihrem Bezug ähnlich infrage gestellt und verfremdet wurden, wie dies in der neuen Musik jedoch in komponierter Weise als Stilmittel durchgeführt wird.305 Zugleich wurde je- 304 Cage, J. (1943–1952) ‚Sonatas and Interludes for Prepared Piano‘ 305 Siehe z. B. die Komposition von Cage namens 4'33'‚sec., in der in extremer Weise die Pause ihres Bezuges beraubt ad absurdum geführt wird. 8. Zusammenfassung – Ausklang 326 doch keine Stilrichtung der neuen Musik bestimmend. Eher ließ sich die Auflösung und Verfremdung der musikalischen Formen auf die in der neuen Musik vorangetriebene musikalische Durchführung der Auflösung konventioneller Formen und Elemente beziehen. Was hierin dadurch hörbar wurde, war nicht die „Szene der Unterdrückung eines Wunsches“306, sondern die szenische Verhinderung oder Verfremdung einer Beziehungsform als eines Kontextes, in dem ein Wunsch erst sinnvoll werden könnte. Diese in der ‚Improvisation‘ zur Darstellung kommende Unstimmigkeit als Charakteristikum einer Beziehungsform war jedoch darauf angewiesen, sprachlich in ein Verständnis eingeholt zu werden. Es war die entscheidende Frage, was denn in diesen falschen und gerade darin stimmig erscheinenden ‚Improvisationen‘ eigentlich verstehbar wurde. In welcher Weise realisierte sich in diesen ‚Improvisationen‘ jener Sinn der reflektorischen und stereotyp erscheinenden Bewegungen und lautlichen Äußerungen der schwermehrfachbehinderten Menschen, der mit der Verwicklung die sachlichen Gedanken und die technologische Sprache der nichtbehinderten Beziehungsperson erzwang? Dieser Frage bin ich anhand der Auseinandersetzung mit Fallbeispielen nachgegangen und habe darin das Verstehens-Konzept ausgeführt. Die ‚Improvisationen‘ machten die im Rationalen Mythos durchgeführte Ausblendung der dyadischen Beziehung nicht rückgängig, aber hörbar: Das, was in der anscheinenden Zwanglosigkeit der sachlich-logischen Gedanken und der technologischen Sprache und des darin hergestellten Bezuges zwischen den Schwierigkeiten des schwermehrfachbehinderten Menschen und der schweren organischen Beeinträchtigung verschwiegen wird, wird als Kehrseite in der stimmigen Unstimmigkeit in der Musik unüberhörbar. Mit der Stimmigkeit der fragmentiert und sinnlos erscheinenden Musikbruchstücke wurde eine Spannung hergestellt und gehalten. Die unstimmigen Lieder waren passend, da sie das Unstimmige der Beziehung hörbar und zugleich erträglich machten. Die ‚Improvisationen‘ brachten etwas Unerträgliches zum Ausdruck und machten es dadurch erträglich. Das Unerträgliche bezog sich auf den Ausdruck, der sich einem verstehenden Zugang zu 306 Niedecken, D. (1988) S. 121 8. Zusammenfassung – Ausklang 327 sperren schien: der ‚Ausdruck, der in sich zurückfällt‘, der auf ‚Nichts‘ verweist. Dieser Ausdruck machte auf die besondere Form der Abwesenheit als ‚Nichts, der Fremdheit in sich selbst als einer Art Ersatzhaut, und damit auf das fehlende Gegenüber des ‚Ich für ein Du‘ aufmerksam. Das Ineinander der stereotyp, reflektorisch oder vegetativ gesteuert erscheinenden Bewegungen und der sachlich-logischen Gedanken und technologischen Sprache der Therapeutin wurde hierin zur konkretistisch-leeren Metapher, da darin die ins Nichts gehende Bewegung zur Kontur des fehlenden Dritten wurde. Insofern mit dieser Ausdrucksform, die auf die Infragestellung der Möglichkeit des Verstehens verweist, die Erfahrung der Getrenntheit als bestimmte Negation aufgehoben ist, kann mit ihr die Ununterscheidbarkeit der Interagierenden – die fehlende Subjekt-Objekt-Differenzierung, die die Verwicklung der beiden BeziehungspartnerInnen erzwingt – vorübergehend gehalten werden. Hierdurch wird zugleich die Nicht-Identität der an der Interaktion Beteiligten mit dieser Ausdrucksform deutlich. Auf dieser Basis bestimmte sich nun die therapeutische Beziehung als Übergangsbeziehung, die Anschluss an den symbolischen Raum gefunden hatte, ohne die dyadische Fixierung aufzuheben – eben in Anerkennung des Nicht-Verstehens und der Abwesenheit des Denkens. Mit den Wendungen entstanden Situationen, in denen mit den sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren in den Bewegungen und Lautierungen des schwermehrfachbehinderten Menschen ein subjektiv erfahrbarer, metaphorischer Sinn deutlich werden konnte und der diesem zugleich ein Alleinsein im Sinne eines nicht-reflexiven Seins ermöglichte. Diese Form der Verständigung bzw. der Verwendung symbolischer Ausdrucksformen oder protosymbolischer Übergangsobjekte entspricht nicht einem auf der Subjekt-Objekt-Differenz beruhenden Dialog, sondern der Durchdringung von Körper und Sprache, die Merleau- Ponty als oneirisches Dasein beschreibt. Es entspricht der Kreierung eines illusionären Raumes, wie es Winnicott für das Entstehen erster Vorstellungskomplexe als das ‚Auftauchen der Brust, wenn der Säugling sie erschafft,' beschreibt bzw. Bion als das Entstehen erster Gedanken durch die Behälterfunktion der Mutter. In den Wendungen vollzieht sich der Schrecken des Zerfallens als ein metaphorischer. Die ‚Zuckungen des seelenlosen Körpers‘ wie das ‚Mich-Verlassen‘ als unverstandene Ausdrucksform eines Autonomie- 8. Zusammenfassung – Ausklang 328 Impulses entsprachen dem Wunsch, das Gute woanders als bei der Therapeutin (also in der unmittelbaren Situation) zu suchen (nämlich in sich selbst). Er provozierte bislang als Situation des drohenden Zerfallens die unverständliche Verwicklung. Indem die Therapeutin vor- übergehend ‚zerfiel‘ und Denken und Verstehen-Wollen aufgab, entstand mit dem metaphorischen Verstehen das subjektive Objekt – die Illusion. In der sinnlich-konkreten Beziehungsfigur tauchte die Therapeutin sinnlich-konkret und mit ihrem Verstehen gewissermaßen da auf, wo sie ihr Gegenüber erwartete. Dies ermöglichte ihm die Illusion, er habe sie als ein ‚Ich für ein Du‘ geschaffen, es gebe sie als ein ‚Ich für ein Du‘ wirklich. Damit wurde die bisher bestimmende Erfahrung der ‚Sinnlosigkeit des Autonomie-Impulses‘ – des Ins-Leere-Gehens der Bewegungen und Lautierungen – insofern überschritten, als diese Möglichkeit des Verstehens als protosymbolische Interaktionsform verfügbar werden konnte. Das darin begriffene ‚Mich-Finden‘ ist weiterhin als ein Wissen zu denken, „das noch nicht gedacht werden kann“307, das jedoch als Präkonzeption in Interaktionen mit Übergangsobjekten sinnvoll werden kann. Der schwermehrfachbehinderte Mensch bleibt dabei weiterhin auf den „Schutz der Nähe zu einem anderen (angewiesen, MB), der (sein, MB) Als-Ob und die Realität zusammenhalten kann.“308 Die Wendungen lassen sich als einen Akt der Objektzerstörung verstehen, mit dem zugleich mit dem subjektiven Objekt ein phantasmatisches Objekt Kontur gewinnt, auf das sich das metaphorische Verstehen bezieht. Dieses phantasmatische Objekt war als Präkonzeption (Quasi-Objekt) Teil der Verwicklung, in der die Beziehungsbotschaften des schwermehrfachbehinderten Menschen als etwas existentiell Bedrohliches abgewehrt, fragmentiert und verzerrt wurden. In der Verwicklung wurde die „bestimmte Erwartungshaltung“309 des schwermehrfachbehinderten Menschen zur ‚Erwartung‘ eines Gegen- übers, von dem er sich nicht als wahrgenommen und gespiegelt erfahren kann, sondern dessen Wahrnehmung im Gegenteil als existentielle Bedrohung erscheinen musste. Der darin liegende Schrecken wurde in den Wendungen im Kontext einer Beziehungsfigur als sinnlich-erre- 307 Altmeyer, M. (2000) S. 158 308 Fonagy, P., Target, M. (2001) S. 965 309 Niedecken, D. (1988) S. 121 8. Zusammenfassung – Ausklang 329 gende Spannung in der TherapeutIn spürbar. Mit dieser als überwältigend erfahrenen Triebspannung konturierte sich ein phantasmatisches Objekt, in dem die unbewussten aggressiven und destruktiven Phantasien der nichtbehinderten Beziehungsperson in ihrer Wirkung auf das schwermehrfachbehinderte Gegenüber, dem sie gelten, phantasmatisch deutlich wurden. Indem es hinsichtlich der Wahrnehmung dieser Wirkung – als Mich-Verlassen oder als ‚seelenloser Körper‘ – nicht unterscheidbar war, ob es sich um auf ein Außen bezogene Wahrnehmungen, um eigene Projektionen oder um eine einem subjektiven Objekt entsprechende Illusion handelte, musste dies erscheinen, als sei etwas Zerstörerisches in die Therapeutin hineingekommen: die Abwesenheit des Denkens, mit der die Unterscheidung von äußerer Realität und innerer Phantasie unmöglich wird. Der Vorgang der Wendung ist als ein kreativer Akt der Objektzerstörung zu verstehen. Als Folge eines Angriffes der schwermehrfachbehinderten Menschen auf die Denk- und Symbolisierungsfähigkeit der Therapeutin, bei der diese vorübergehend zerfällt, wird mit der Wendung – mit der sinnlich-konkreten Beziehungsfigur und dem darauf bezogenen metaphorischen Verstehen – zugleich die Nicht-Identität der Interagierenden mit dem phantasmatischen Objekt deutlich: die einzig mögliche Form, das Bedrohliche benennen zu können. Die Wendungen sind die Realisierung des Sinns, der in den unverständlichen Verhaltensweisen des schwermehrfachbehinderten Gegen- übers enthalten und in den emotionalen Schwierigkeiten, den sachlichlogischen Gedanken und der technologischen Sprache aufgegriffen wird. Der Schrecken des Mich-Verlassens oder des ‚zuckenden seelenlosen Körpers‘ wurde darin schließlich verstanden als die durch das therapeutische Beziehungsangebot verursachte und darin beantwortete Rückwendung von Anna und Aufregung von Jens, die zugleich ihr Versuch des Sich-Behauptens in einer erschreckenden, Fremdheit erzeugenden und doch auch zugleich aufregend verlockenden Welt sind: ein Schrecken, der ihnen jedoch erst sehr begrenzt zugänglich war, den die Therapeutin daher für sie halten musste. Von ihm ist in den beschriebenen Wendungen etwas ins Verstehen gekommen. Die entstandenen Einigungsfiguren ermöglichten Anna und Jens das Alleinsein in Gegenwart einer Anderen, nicht als eine ständig verfügbare Fähigkeit, jedoch als Prototyp des Vorganges der Aneignung. Die Einigungsfigu- 8. Zusammenfassung – Ausklang 330 ren boten eine Grundlage dafür, dass im weiteren Verlauf des therapeutischen Prozesses weitere Aspekte des ‚Mich-Verlassens‘ und ‚seelenlosen Körpers‘ deutlich und verstehbar werden konnten. Der Konflikt, den der schwermehrfachbehinderte Mensch nicht realisieren kann und der sich als solcher ausschließlich in der Therapeutin zu ereignen scheint, lässt sich somit als Zerstörung / Verdrehung / Umdrehung jener Funktion verstehen, die es der nichtbehinderten Beziehungsperson ermöglichen würde, mittels der träumerischen Einfühlung als ein Behälter zu fungieren und die unverträglichen Beziehungsbotschaften in Gedanken darüber zu verwandeln, was ihm fehlen könnte und ihm dieses geben zu können. Die Sinnlosigkeit der ins Nichts gehenden Bewegungen als drohende Erfahrung der Auflösung des Denkens erscheint nun als das Eindringen von Eindrücken, die die Behälterfunktion der Therapeutin zerstören, oder aber als Aufnahme eines defekten Behälters. Sie steht mit der bestimmten Erwartungshaltung in Verbindung, dass ein Verstehen vernichtend sein könnte. Die Aufnahme eines defekten Behälters – eine andere Formulierung für die bislang als Barriere beschriebene Verwicklung – ist in diesem Fall ein kreativer Akt und kann als Folge des Versuches der Objektzerstörung verstanden werden. Wenn er von der Therapeutin überlebt wird, kann Wirklichkeit in dem Sinne entstehen, dass sich die unerträglichen und als zerstörerisch befürchteten Beziehungsbotschaften in sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren als subjektiv erlebbarer Sinn metaphorisch verwirklichen und dem schwermehrfachbehinderten Menschen den Zustand des Alleinseins in Gegenwart einer anderen gestatten. Die Wendungen eröffnen jenen – wenn auch schwer erträglichen – Spannungsraum, der mit der Infragestellung der dyadisch fixierten Identität durch die sich zum Trieb organisierende sinnlich-erregende Spannung entsteht. Mit der Möglichkeit des metaphorischen Verstehens werden die bislang im unmittelbaren interaktiven Zusammenspiel bzw. in der Verwicklung gebundenen Impulse in der Triebspannung als sinnlich-erregendes Geschehen affektiv spürbar. Das Mich- Verlassen wie der ‚seelenlose Körper‘ sind Synonyme für das dyadisch fixierte Beziehungsmuster, das mit der triebenergetisch erzwungenen Infragestellung zu einem unmöglich erscheinenden Identitäts-Thema wird. Das Konzept der Hülle ermöglicht, diesen Spannungsraum als 8. Zusammenfassung – Ausklang 331 Balance der inner- und intrasubjektiven Beziehung im Kontext dyadisch fixierter Interaktionsformen zu denken. Das ‚Ich‘ des schwermehrfachbehinderten Menschen kann in einer einschließenden – der konkretistisch-leeren Metapher – und sie ausschließenden – der Sinnlosigkeit des fremden Anderen als phantasmatisches Objekt – Konfiguration anerkannt werden, die vom ‚Ich‘ der nichtbehinderten Beziehungsperson gehalten und ertragen wird. Dies ist entsprechend einer Hülle zu denken, die sich immer wieder zerstören lassen muss, um zeitweilig eine Hülle sein zu können. In Folge dieses Verstehensprozesses gewann die therapeutische Beziehung zunehmend an regulierender Kraft und Orientierung, in der partiell Ich-Funktionen ausgehandelt werden konnten. Das in den Wendungen entstehende Alleinsein in Gegenwart einer Anderen entspricht einer ersten Form von Ich-Bezogenheit. Diese Form der Bezogenheit ermöglicht dem behinderten Menschen die Organisation seiner Aufmerksamkeit in einer Weise, die auf die in der Interaktion wirksam werdenden Reize / Impulse gerichtet ist. Oder anders ausgedrückt: Der nichtbehinderten Beziehungsperson war es zunehmend möglich, als ein Behälter zu fungieren und einen regulierenden Rahmen zur Verfügung zu stellen, innerhalb dessen die Bewegungen und Laute des behinderten Gegenübers sinnvoll werden konnten oder nicht, auf den sie sich jedoch beziehen ließen. Dies führte zu einer Reaktivierung des episodischen Gedächtnisses und ermöglichte eine Form der interaktiven Bezogenheit, in deren Kontext sich der schwermehrfachbehinderte Mensch als Autor und Initiator wahrgenommen und bestätigt erfahren konnte, um auf diese Weise in seinem Selbsterleben und seiner Selbstwahrnehmung gestärkt zu werden. Die hierin sich realisierende interaktive Bezogenheit stellte einen stabilen Rahmen, eine erste Orientierung nach innen und außen dar. Diese bestimmte sich hinsichtlich der einbrechenden Reize von außen (außerhalb der therapeutischen Beziehung) wie auch von innen (Körperinneren), die jeweils wieder einen Schrecken herbeirufen konnten. Mit zunehmender Stabilität der Beziehung wurde es möglich, diese inneren und äußeren Ereignisse anzusprechen und die Bemühungen des schwerbehinderten Menschen, diese Ereignisse sinngebend zu verarbeiten, zu unterstützen. Auf diese Weise entstanden Interaktionsformen, die das Teilen von Erfahrungen beinhalten und 8. Zusammenfassung – Ausklang 332 einen gemeinsamen Umgang mit Störungen ermöglichten, so dass die erkennbar werdenden Ansätze zu präreflexiven Verarbeitungsmechanismen stabiler und differenzierter werden konnten. Hierbei haben die interaktiven, gemeinsam hergestellten Irritationen und Störungen eine besondere Bedeutung. Diese galt es anzusprechen und auf die jeweiligen Interaktionsformen zu beziehen bzw. das Störungsmuster aufzugreifen, das die Irritation verursacht hatte. Als Ergebnis der Arbeit werden schwermehrfachbehinderte Menschen in zunehmendem Maß aktiver. Ihre Verhaltensweisen sind deutlicher zielgerichtet bzw. können von den nichtbehinderten Beziehungspersonen verstanden und auf einen sinnhaften Rahmen bezogen werden. Sie können ihre Aufmerksamkeitsspanne länger halten. Auch außerhalb der therapeutischen Beziehung sind ihnen diese Entwicklungen verfügbar. Die größte Bedeutung der Arbeit liegt jedoch darin, dass mit ihr mit der dyadisch fixierten Beziehung der subjektiv verfügbare Rahmen deutlich wird, innerhalb dessen schwermehrfachbehinderte Menschen leben, auf den sie sich beziehen und den sie erforschen. Er mag klein erscheinen. Er ist jedoch einer, innerhalb dessen sie sich als Subjekte behaupten, indem sie versuchen, etwas von ihrer Erfahrung mit sich und der Welt wiederzufinden und zu verstehen, um sich als Subjekte und darin Teil einer Welt begreifen zu können. Hierin, in diesem Bemühen und nicht in der Selbstreflexion oder der Ratio als einem möglichen Ergebnis dieses Bemühens liegt die conditio humana, mit der ein Mensch subjektiv einen Anspruch auf Leben erhebt. 8. Zusammenfassung – Ausklang 333

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References

Zusammenfassung

Schwermehrfachbehinderte Menschen als ein Gegenüber auf Augenhöhe ernst zu nehmen, wird durch die heftigen Empfindungen erschwert, die sie in nichtbehinderten Menschen auslösen. Neben Interesse, Mitgefühl und Traurigkeit zeigen sich auch Abwehrreaktionen bis hin zu Tötungsfantasien: ‚Wäre es nicht besser, er oder sie hätte den Unfall, die Krankheit gar nicht überlebt?‘

Schuld und Scham spielen oft eine Rolle. Der Zusammenhang mit gesellschaftlicher Abwehr muss jedoch erkannt werden. Denn die Erfahrungen von tiefer Ohnmacht und Abhängigkeit bedrohen unser auf Autonomie und Kontrolle beruhendes Selbstverständnis. Musik eröffnet hier Zugangsweisen, inmitten des Schreckens das Subjektsein des Gegenübers zu entdecken. Als unzerstörbarer Halt kann der musikalische Beziehungsraum die Infragestellung durch Angst und Hoffnungslosigkeit ‚überleben‘. Freude und Hoffnung können unverhofft auftauchen und neuen Entwicklungsraum eröffnen.

Dieses Buch wendet sich in erster Linie an pädagogische, therapeutische und pflegerische Fachkräfte sowie an interessierte Laien.