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7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen in:

Maria Becker

Begegnung im Niemandsland, page 253 - 314

Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4326-4, ISBN online: 978-3-8288-7269-1, https://doi.org/10.5771/9783828872691-253

Tectum, Baden-Baden
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Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen Jens „Als ob Sinnloses nicht auch getan werden muss“ (126.–169. Sitzung) Der folgende Abschnitt umfasst die nächsten 44 Stunden. Er wird eingeleitet durch die neu entwickelte Möglichkeit des ‚Fuß-Kontaktes‘. Darüber finden in den nächsten Stunden intensive Begegnungen statt. Doch schon in der 129. Sitzung kommt es wieder zu einem abrupten Abbruch eines stimmigen Moments. Jens kratzt sich wieder sehr stark. Ich halte es nicht aus und versuche, das Kratzen mit einem ‚Nein ' zu verhindern. Doch auch dann bin ich nicht ruhig und zufrieden. Was kann ich im Kratzen nicht ertragen? Halte ich die Nähe zu Jens nicht aus oder ist es das Gefühl der Verlassenheit, das ich mit dem ‚Nein‘ abwehre? Dieses, etwas Unaushaltbares aushalten zu müssen, hält auch in der nächsten Stunde an: Schmerzen des Alleinseins, des Nicht-zueinander-kommen-Könnens, ohnmächtige maßlose Wut. Wieder grübele ich darüber nach, warum das so ist. Ich verstehe nicht, warum ich anscheinend Jens’ Verdauungsvorgänge voller Angst als Rückzug von mir erlebe oder Stille, Ruhe nicht aushalte (131. Stunde). ‚Ist verstehen gefährlich?' ‚Scheißen statt Laute‘ – diese Überlegungen aus der 132. Stunde zeigen, dass ich immer noch alles auf mich beziehe, dass ich mich ‚beschissen‘ fühle, dass die Scheiße wirklich nichts als Scheiße ist, da es nicht gelingt, ihr einen Wert abzuringen. Ich kann dies weder als „bedeutsamen Akt der Beziehungsaufnahme“ noch als „Bosheitsakt“ betrachten231, da ihm jegliche Intentionalität fehlt. Eher fühle ich mich verhöhnt und beschämt, da ich so dumm und verrückt bin, einem rein vegetativen Akt beziehungsgestaltende Bedeutung beizumessen, Jens’ Re-Aktionen zu verkennen und den schlichten Verdauungszusammenhang nicht zu erkennen. Das Phantasma hält uns gefangen, nachdem nichts, was ein schwermehrfachbehinderter Mensch tut, Bedeutung hat. Der ‚Rückzug ins Vegetative‘ spürbar in der ‚Übertragung als Nicht-Übertragung‘ greift. 7. 231 Pfeffer, W. (1988) S. 78 253 Auch in der übernächsten Stunde endet eine gute Sequenz mit Verzweiflung: das unaushaltbare Kratzen, die ohnmächtige Wut als Reaktion auf die Hilflosigkeit. Selbst wenn ich mir Mühe gebe, Jens nicht zu überwältigen, ihm nicht zu nahe zu kommen, tritt es anscheinend doch wieder ein. Ich kann Jens nicht schützen. In der folgenden Stunde gelingt es mir etwas besser, ruhig zu bleiben. Auf Jens’ Unruhe versuche ich einzugehen, indem ich ihn in seinen Entspannungsbemühungen unterstütze. Ich singe von Wind und Wellen, die Jens einhüllen und nicht mich. Hinterher bin ich niedergeschlagen, als ich zwei Mitarbeiterinnen über Jens’ erigierten Penis witzeln höre, als sei damit unsere Arbeit bespöttelt und nichtig gemacht. Doch in der folgenden Stunde gelingt nicht nur ein entspanntes Beisammen-Sein. Während einer Ton-Unterhaltung, bei der ich wie Jens nur stimmlich, ohne Xylophon mitmache, registriere ich erstaunt, dass ich gemeint bin. ‚Stimm-Unterhaltung – ich war ganz erstaunt, dass ich so wichtig bin ohne Xylophon‘. Ein Sprung im Phantasma – denn es wird deutlich, dass ich mich bisher auch in den guten Unterhaltungen als Person nicht von Jens angesprochen fühlte. Entweder sind wir symbiotisch vereint, ohne Grenzen und Konturen, in denen der Kontakt als ein von zwei unterscheidbaren Subjekten hergestellter sichtbar werden könnte. Oder ich stelle etwas her, erzeuge Töne, Ton-Melodien, rhythmische Figuren etc. auf einem Instrument, die bei Jens eine Wirkung haben sollen. Gleichzeitig bleibe ich dabei draußen. Das entspricht einer sprachlichen Unterhaltung, bei der die Sprache benutzt wird, um sich unkenntlich zu machen. Wenn Sprache dazu dient, sich entsprechend der Rollen-Erwartung des/der anderen zu verhalten bzw. dieses Bild im Dialog zu konstruieren, wird Identität verschleiert statt konturiert. Das dient nicht nur der Stützung und Konstruktion eines ‚falschen Selbst‘, sondern ebenso einer ‚falschen Realität‘. Während im bewussten Erleben Jens als Person nicht da ist und nicht spürbar wird, verbirgt sich dahinter die Beziehungs- Realität, dass ich mich als Person entziehe. Dass Jens mich, wirklich mich meinen, lieben, hassen, erwarten könnte, das erstaunt und freut mich. Hier wird erste Distanz zwischen Jens und mir spürbar, da ich mich von ihm angesprochen fühle. Das unsichtbare Subjekt-Objekt-Verhältnis beginnt sich in ein sichtbares Subjekt-Subjekt-Verhältnis zu wandeln. Diesmal hüllt uns beide ein Ton ein, aus dem ich mich dann später nicht mehr befreien kann. Wieder folgen in der nächsten Zeit Sequenzen guten Kontaktes verbunden mit Abbrüchen voll Verzweiflung. In ihnen spüre ich schreckliche Angst vor einer ähnlich grauenvollen, die Welt erneut entvölkernden Katastrophe, wie Jens sie schon einmal erlebt hat. Einzig der Totstellreflex scheint magischen Schutz zu gewähren. In einer dieser Stunden erneut heftiges Kratzen, das mich stets so furchtbar hoffnungslos macht: ‚Ich werde immer blinder‘. Ich singe für Jens und mich: „Wir le- 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 254 ben noch – in der Dunkelheit fühlen wir uns“. Nach der Stunde wird mir die Sinnlosigkeit unseres Tuns qualvoll deutlich. Jens’ Zustand wird sich nicht bessern. Das Schreckliche ist, dass diese Sinnlosigkeit allein getragen und ausgehalten werden muss. Mir wird der Irrtum klar, dass man die Handlungen, Aktionen etc., die man als sinnlos erkannt hat, unterlassen will. Auch das Sinnlose muss getan und das Hoffnungslose gelebt werden. Und doch ist es eine einzige Qual. In der Dunkelheit sich zu fühlen, ist mir ein Bild für unsere Beziehung, die sich nicht finden lässt und doch da ist. Es lässt mich die darin enthaltene schwere Trauer spüren und ist dabei doch Trost. Immerhin ein erstes Bild für die Beziehung, in dem weder das Schlimme ausgeblendet noch die Beziehung vernichtet wird. So gelingt es mir auch erstmalig, die Wirklichkeit der Hoffnungslosigkeit zuzulassen, ohne davonzulaufen. Ein erstes Zeichen, dass die Beziehung über das Unmittelbare hinaus zu überleben beginnt. In der nächsten Stunde – wieder einmal die letzte Stunde vor Weihnachtsferien – spüre ich in einem guten Beisammensein mit Jens: ‚Wir leben noch, die befürchtete Katastrophe liegt schon hinter uns/ihm‘. Nach der Pause und einem guten Beginn mit dem Lied „Dat Du min Leevsten büst“ folgt wieder die Phantasie, Jens zu töten. In der nächsten Stunde wandelt sich ein schöner Kontakt zur grässlichen Hoffnungslosigkeit. Diese altbekannten Wechsel steigern sich in ihrer Heftigkeit im Laufe des nächsten halben Jahres. Freudige Nähe und entspannendes Beisammensein werden jäh unterbrochen durch Mordphantasien und Todesängste. Diese werden im Erleben offener und bieten sich dem Bewusstsein unverkleidet dar; immer bedrängender die Frage, was ist Realität, was Phantasie. So befürchte ich in der 146. Stunde tatsächlich, dass Jens sich mit dem Sterben auseinandersetzt und die Therapie eine Sterbebegleitung ist. Eine Weile finden wir uns zusammen, als ich alle meine Eindrücke von Jens im Konkreten spiegele – kein grübelnder Versuch, Bedeutung zu verstehen, sondern das, was da ist, hörund spürbar machen. Alles Schwere fällt ab. Es scheint ganz leicht, zusammen zu sein. Im Ich-Sein spüre ich Jens. Das ist gut. Später, als Jens schläft, fällt das Schwere wie eine Glocke stehender verbrauchter Luft wieder über mich her. Ich komme mir mit Jens vor, wie im Nebel – vermutend, dass der andere da ist, immer ohne Sicherheit. ‚Auf Erfolg verzichten, Sinn ist Jens, sonst immer Misserfolg, Jens ist der Misserfolg‘. Doch ich kann weder auf Erfolg verzichten noch auf Jens. Erfolg ist Hoffnung, Verzicht ist Vernichtung. Deutlich spüre ich das in der nächsten Sitzung. So sind wir ‚körperlich sehr innig‘ zusammen. Doch schon in der folgenden Stunde macht mich Jens’ Unruhe und sein Kratzen wieder so ‚wütend wie ‚ne Bombe'. Gleich anschließend aber finden wir gemeinsame Ruhe in einem Ton und seinen Obertönen. In der 149. Stunde gelingt im Anschluss an einen Tondialog eine gute Sequenz. Ich bin ruhig, lausche auf Jens und lasse mich treiben, um dann umso inniger 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 255 mit Jens verbunden zu sein. Vorsichtig trommele ich auf seinem Körper und spüre ‚Befreiung vom Widerstand zwischen uns, alles sammeln – ganz toll‘. Endlich sehe ich eine Möglichkeit, die Wechsel gemeinsam zu vollziehen. Wieder löst Jens’ schnorchelndes Atmen Todesangst in mir aus. Ich fühle mich überflüssig. Soll ich ihn ‚beim Sterben begleiten, weggehen, aufgeben'? Ist die Therapie also Sterbebegleitung? Abschied ist wie Sterben. Danach gelingt es erneut, die schrecklich unvermittelten Abbrüche als Problem, die Wechsel gemeinsam zu vollziehen, ins Blickfeld zu rücken. Ich verstehe es als das Bemühen, ‚states‘ zu organisieren: wenn der Säugling mit Unterstützung seiner Mutter einen Rhythmus für seine verschiedenen Aufmerksamkeitszustände findet. Dieser Rhythmus ist ja dann das Gesamt der Beziehung, das Ganze als Hintergrund, auf den hin die einzelnen Ereignisse sinnvoll werden können. Zu Beginn der nächsten Stunde spüre ich deutlich, dass ich etwas nicht aushalte. In ihrem Verlauf nehme ich zum ersten Mal eine Phantasie zur Kenntnis, die ich zwar schon oft hatte, mir bisher aber nie aufgefallen war. Sie beinhaltet, dass Jens sich großartig entwickelt und alle Welt daraufhin von der Bedeutung der Musiktherapie überzeugt ist. Als mir auffällt, dass C.232 augenscheinlich auch ohne Musiktherapie ohne größere Einbrüche lebt, überfällt mich wieder das Empfinden, dass die Musiktherapie und damit ich überflüssig bin. Ich werde wieder wütend. ‚Wut – Totschlagen‘. Mit dem bewussten Formulieren der Heilungsphantasie wird mir deutlich, dass die Bedeutung, Anerkennung und Wahrnehmung der Musiktherapie mit dem Verschwinden der Behinderung von Jens gekoppelt ist und ich mit der Behinderung Jens abwehre. Erfolg heißt, Jens ist geheilt und hat keine so schwere Behinderung mehr. Jens ist aber von seiner Behinderung nicht zu trennen. So, mit dieser Behinderung, ist er nicht akzeptabel. Es folgt eine Stunde mit ‚peripherem‘ wie auch ‚die Welt ist noch da – Kontakt‘. Das, was wir machen, kommt mir vor wie ein Spiel, bei dem wir einfach so tun als ob. „Glaube nur nicht, dass ich dich meine, dass ich dich überhaupt wahrnehme. Wenn wir uns treffen, so ist das rein zufällig und hat nichts zu bedeuten.“ – ‚Vor der Wirklichkeit flüchten oder der andere Kontakt?‘. Diese anrührend hilflose Verleugnung ist bei Kindern zu beobachten, wenn sie in auswegloser Position versuchen, in gefühlsmäßiger Verleugnung die eigene Stärke zu bewahren. Diese Verleugnung ereignet sich nicht zwischen uns, sondern ist gemeinsamer Vollzug als Schutz für ein Beziehungsfragment, um es von zerstörerischen Empfindungen zu trennen. Ähnlich wie es sich im Folgenden im Lied ‚Dat Du min Leevsten büst‘ ausdrückt, ist es eine heimliche Liebe, die nicht sichtbar wer- 232 Mit C. habe ich auch eine Zeitlang musiktherapeutisch gearbeitet. Diese Arbeit musste aus Gründen, die hier nicht erörtert werden können, abgebrochen werden. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 256 den darf. Dazu passt auch ein Bild der folgenden Stunden: das ‚Spüren durch ‚ne Glaswand‘. In den nächsten Stunden wieder hin und her: unaushaltbares Kratzen, dann wieder Zusammensein in Tönen durch das bedingungslose Eingehen auf das, was Jens zeigt. Extreme Verzweiflung, die in ihrer Einsamkeit so schrecklich ist, in dem Nicht-Spüren von Jens. Im Bild der Glaswand ist die Einsamkeit unerträglich: eine verfallene graue Todeswelt, in der ich brenne und brenne. Das Unaushaltbare des Kratzens wird immer schlimmer. Muss ich es aushalten als Jens’ Eigenes? Aber ich kann es nicht, beiße mich, betäube mich mit Musik. Dazwischen wieder gute Momente. Ich (an-)erkenne, dass ich keinen Dialog ‚hinkriegen' kann, ich Jens das Eigene lassen muss. Jens ist da. Nicht er, sondern ein anderer Besucher der Einrichtung liegt im Sterben. Als mir das klar wird, bin ich erleichtert. Endlich weiß ich, wohin die Sterbephantasien gehören. In den folgenden Stunden vor und nach einer weiteren Sommerpause wieder der Wechsel von Entsetzen, Einsamkeit, Tötungsphantasien mit Momenten voller Freude und stiller Entspannung. Ich merke, dass es nicht um das Weggehen von Jens geht, sondern um mein Weggehen, dass es um Trauerarbeit geht. ‚Das, was nicht mehr ist, und das, was ist, das meint, Abschied bestimmter Hoffnungen‘ (168. Stunde). Danach wieder Todesangst als: ‚Sie (ich) soll mir nicht zu nahe kommen‘. In der folgenden Stunde beginnt wieder ein neues Arrangement. Wir treffen uns im neu eingerichteten Entspannungs-Raum der Einrichtung. Jens liegt auf einem Bett. Ich sitze neben ihm auf dem Fußboden und bin ungefähr auf gleicher Höhe mit ihm. In einer glücklichen Wiederentdeckung fällt mir ein Gefühl von früher ein: ‚Immer auf das eingehen, was Jens gerade ‚bietet‘ '. Die Wechsel sind entspannt und ruhig: ‚War sehr gut‘. Das Ende (170.–177. Stunde) In der folgenden Stunde wieder eine ‚Augen-zudrücken-Phantasie‘. Das Thema der Glaswand taucht erneut auf. Ich spüre, dass bei Jens alle Bewegungen aus Bewegungslust erfolgen. Ich versuche, Jens’ Husten zu unterstützen im Sinne von: ‚Das Schlimme weghusten'. Das Böse zwischen uns, in uns und mit uns soll raus; Spaltung; sein Ohr ist schrecklich zerkratzt. In der nächsten Stunde bin ich bemüht, das Ohr von Jens zu schützen. Ich spüre Trauer, Verzweiflung, Einsamkeit. Endlich: ‚Das Ohr schützen ist Jens schützen; ihn am Kratzen hindern ist, seine Verzweiflung nicht wahrzunehmen, Fühl-Verbot‘; ‚Zergliedern, um alles zu ertragen‘. Endlich ein Versuch, Jens vor Selbstzerstörung zu schützen, ohne sie selbst zu übernehmen. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 257 Jens und Maria – zum ersten Mal singe ich es (in der 174. Sitzung) beim gemeinsamen Atmen für uns beide. Wir sind nah beieinander, ohne uns zu erdrücken. Das setzt sich auch in der nächsten Stunde fort. ‚Au‘ und ‚nein‘ und ‚Jens und Maria‘ sind Laute, Töne, Begriffsfetzen, die die verschiedenen Beziehungszustände begleiten und betreffen und aushaltbar machen. Sie sind ein Erleben und weisen darauf hin. Wir sind zusammen und können es benennen. Ich versuche, Jens zu schützen, seinen Schmerz mitzufühlen, und weiß nicht, ob es sich lohnt. ‚Wenn ich nicht bleibe? Wenn nichts Bleibendes da ist? In einer zerfallenen und zerfallenden Welt sich ab und zu zu treffen – lohnt sich das?‘ Jens und Maria – wir sind so entspannt und gut zusammen und doch zerfällt es immer wieder. In der letzten Stunde merke ich wieder große Wut beim Kratzen, ‚nein‘. Ich halte Jens fest. Als ich ‚nein‘ sage, lächelt Jens. Er ist sehr aufmerksam. Mitten im Entsetzen der eintretenden Stille des Todes drückt Jens mir die Hand: Er versteht mich, er ist da, gibt mir ein Signal. ‚Er versteht mich – alles löst sich wieder auf – nichts hat Bestand – Kratzen, um mich zu ärgern‘. Danach setzen wir die Therapie in der Gruppe fort. Das auf der cartesianischen Spaltung beruhende Denken und die darauf fußende Theorie versagt angesichts bestimmter menschlicher Erfahrung, jener Erfahrung, die auf dyadische Verarbeitungsformen angewiesen ist und sich durch den Ausschluss des Symbolischen konstituiert hat. Diese Erfahrung lässt sich als die Erfahrung existentieller Verlassenheit kennzeichnen. Die auf dem konventionellen Wissenschaftsbegriff beruhende Theorie ist hier ohne Berücksichtigung der dyadischen Struktur nicht anwendbar. Denn sie ist objektiver Niederschlag jener triadischen Selbst-Objekt-Struktur, deren Entwicklung die Ausbildung eines Identitätsthemas voraussetzt, das mit dem erwachenden reflexiven Selbstgewahrsein kompatibel ist. Die Verhaltensweisen und Beziehungsformen schwermehrfachbehinderter Menschen, die durch ein fehlendes Selbst organisiert sind, bringen die nichtbehinderten Beziehungspersonen mit etwas nicht Denkbarem in Berührung, einem nur schwer erträglichen Widerspruch.233 Um sich theoretisch dieser Erfahrung zu nähern und damit 233 Insofern es auch hier darum geht, eine Form des Denkens zu konzeptionieren, das seine eigenen Grenzen mit zu berücksichtigen versucht, erinnert dies an die von Baumann dargestellte Herausforderung, die Tod für das Denken ist (siehe dazu Baumann, Z. (1994)) – nämlich ein Paradox. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 258 einen denkenden Zugang zu jenem Konflikt anzubieten, der Schwermehrfachbehinderung konstituiert, gilt es eine Position zu finden, von der aus das kreative Potential dieses theoretischen Widerspruches nutzbar wird.234 Das ‚Nicht-denken-Können‘ meint nicht die – angenommene oder tatsächliche – Unfähigkeit schwermehrfachbehinderter Menschen, denkerisch ihre Erfahrungen zu erfassen. Sondern es bezieht sich im vorliegenden Zusammenhang auf die Schwierigkeit, mit der die nichtbehinderten Beziehungspersonen konfrontiert sind. Sie können ihre Wahrnehmungen und Empfindungen nicht oder nur sehr begrenzt in einer Weise entschlüsseln, dass sie als Gedanken und Erkenntnisse dem schwermehrfachbehinderten Menschen zurückgegeben, ihm mitgeteilt werden können, und zwar so, dass dieser sich davon wahrgenommen und erkannt – verstanden – erfährt. Stattdessen führen die Wahrnehmungen und Empfindungen oft zu einer Spaltung. Unerträgliche, unverständliche Empfindungen werden ausgeblendet und abgespalten, um mittels sachlicher Beurteilungen und Einschätzungen eine rationale Vorstellung von dem zu entwickeln, was der schwermehrfachbehinderte Mensch benötigt. Mit den unerträglichen und zu einer Spaltung führenden Empfindungen werden die unmittelbar nicht erfassbaren ‚Botschaften‘ des schwermehrfachbehinderten Menschen wirksam. Diese ‚Botschaften‘ sind unerträglich, da sie nicht in etwas der Verständigung Zugängliches – Vorstellungen davon, was der behinderte Mensch braucht – verwandelt werden können. Diese Form der Beziehung zwischen dem schwermehrfachbehinderten Menschen und seiner nichtbehinderten Beziehungsperson lässt sich als Verwicklung beschreiben: dem Ineinander autosensorischer Regelkreise und sachlicher Gedanken. Diese Verwicklung entzieht dem schwermehrfachbehinderten Menschen nicht nur die Grundlage, sich seiner selbst reflektierend bewusst zu werden. Es kann sich vor allem kein Konflikt entwickeln, der es ihm ermöglichen würde, das Gegenüber als eine Person zu erfahren und zu erleben, die wirklich existiert. Erst hierdurch würde ihm durch Beset- 234 Dieses kreative Potential entspricht der die Dyade kennzeichnenden paradoxen Spannung, mit der der symbolische Raum gewissermaßen erzeugt wird. Hieraus entsteht die „Repräsentation eines Dritten (als, MB) ein aus dem symbolischen Raum innerhalb der mütterlichen Dyade hervorgebrachter Effekt“ (Benjamin, J. (1993) S. 74) 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 259 zungen libidinöser oder aggressiver Art die Entwicklung einer Selbstobjektstruktur möglich werden. Mit dem Rationalen Mythos kann die dyadische Beziehung zwar gerettet und damit das Überleben des schwermehrfachbehinderten Menschen gesichert werden, jedoch auf Kosten der Fixierung seiner Entwicklungschancen. Die mit der Fixierung hergestellte Übergangsbeziehung öffnet sich nicht zur triadisch strukturierten Beziehung, sondern verschließt sich ihr gegenüber. Wird jedoch die dyadische Fixierung berücksichtigt, erscheinen Gedanken und Ideen der nichtbehinderten Beziehungsperson als konkretistisch-leere Metaphern, in denen das ‚Nichts‘, das Fehlen des Symbolischen als Ersatz des Dritten bestimmend ist. Hierdurch wird das auf einen Objekt-Ersatz bezogene fehlende Selbst als bestimmte Negation – in der Ausschließung – anerkannt. Dies ist eine ähnliche Form der Anerkennung wie im Konzept der ‚bösen Brust‘ mit der Anwesenheit von etwas Schlechtem ein undenkbarer Gedanke anerkannt wird. Mit dieser Anerkennung wird die dyadische Fixierung nicht aufgehoben. Es entsteht jedoch die Möglichkeit, dass sich mit den Wendungen symbolisierbare Situationen entwickeln, in denen vorübergehend ein intermediärer Raum entsteht. In diesem ist es dem schwermehrfachbehinderten Menschen möglich, aus dem Zustand der Unintegriertheit heraus vorübergehend als Einheit zu sein, da es der nichtbehinderten Beziehungsperson gelingt, als Behälter zu fungieren: zu verstehen. Diesen intermediären Raum habe ich als ‚Hülle‘ bezeichnet. Der Rückgriff auf ‚Hülle‘ als mehr metaphorisch umschriebenen als genau definierbaren Begriff macht deutlich, dass dieses Verstehen auch weiterhin einen selbstreflexiven Zugang verlangt, der die Sicht von innen und die Sicht von außen gegeneinander setzt. In der triadischen Selbstobjektstruktur sind diese beiden Sichtweisen aufgehoben, insofern sich das Subjekt hier mit der Aneignung der „Repräsentation eines Dritten“235 auf eine Beziehung beziehen kann, aus der es sowohl ausgeschlossen als auch zugleich deren Zentrum ist.236 Im vorliegenden Fall geht es darum, dass in der nichtbehinderten Beziehungsperson mit dem Bezug auf ein inneres gutes Objekt ein triadischer Raum entsteht, 235 Benjamin, J. (1993) S. 74 236 Siehe Niedecken, D. (2001) S. 202 ff. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 260 der sich auf die im Rationalen Mythos kollabierte Beziehung bezieht, sie gewissermaßen umschließt. Hierin wird der bislang nicht denkbare Konflikt formuliert: Die dyadisch fixierte Beziehung öffnet sich nicht zur Triade, sondern zur triadisch aufgehobenen Symbiose, aus der der schwermehrfachbehinderte Mensch ausgeschlossen ist wie er sie zugleich mit konstituiert. Das ‚Ich‘ des schwermehrfachbehinderten Menschen – sein Subjekt-Sein – wird darin in der Ausschließung anerkannt. Hierbei treten zwei Probleme auf: – Welche Form der Konzeption der Anderen wird in der Wendung möglich, d. h. denkbar und anerkennbar? – In welcher Weise kann das Verstehen in diesem Fall gesichert werden? Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens Ich betrachte das Problem als eine spezifische Form der Durchdringung von Körper und Sprache. Triadische Struktur In der triadischen Struktur entsteht mit dem Ich und den verfügbaren symbolischen Ausdrucksformen (Spiel, Kunst und Sprache) ein ideeller Raum. Dieser ist zum einen offen in Richtung körperlicher Empfindungen und Wahrnehmungen. Die hierauf bezogenen bewussten und unbewussten Vorstellungen bilden als Gesamt die Erfahrung mein Körper, in dem das körperliche Sein und Funktionieren jedoch in keiner Weise aufgeht. Zum anderen ist dieser Raum offen in Richtung der Wahrnehmung eines belebten und unbelebten Außen, die die Repräsentanz der Beziehungserfahrungen mit Personen und Gegenständen ermöglicht, ohne diese jemals vollständig erfassen zu können. Offenheit bedeutet, dass es jeweils nicht um direkte Abbildungen geht, sondern um Übersetzungen und Konstruktionen. Mit der Sprache und der Art ihrer Verwendung stellt der Mensch eine Beziehung zu sich selbst als leiblichem Wesen und zu realen Anderen – Personen – her. Dabei ist sowohl die Beziehung zu sich selbst wie auch zu diesen Anderen durch eine Spannung gekennzeichnet, die sich aus dem Wechselspiel zwischen Vorstellungen und Repräsentanzen und der Konfrontation mit etwas Fremdem, unerfassbar Bleibendem ergibt. Erst durch die Balance dieses Wechselspiels entsteht die Möglichkeit, in der (sprachlichen) Begegnung neue Erfahrungen zu machen. Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 261 In der dyadisch fixierten Beziehung scheint mit dem ‚Ich‘ als Niederschlag einer strukturierenden Instanz die Möglichkeit der Erfahrung von Begegnung mit dem Fremden und ganz Anderen zu fehlen. Das ‚Ich‘ der nichtbehinderten Beziehungsperson – ihre spezifische Behälterfunktion – scheint in besonderer Weise zerstört. Auf welcher Basis kann mit den Wendungen überhaupt eine potentiell sinnvolle Situation entstehen, in der die Erfahrung der Getrenntheit als Begegnung mit dem Fremden und ganz Anderen metaphorisch aufgehoben wird? Oneirisches Dasein als Nährboden der Subjekt-Entstehung Hierbei scheint ein Aspekt bedeutsam zu werden, der zu Beginn des Sprechen-Lernens eine Rolle spielt. Sprache kann in diesem Stadium vom Kind noch nicht als objektives Symbolsystem erfahren werden, sondern stellt einen Übergangsraum her. Sie dient als Übergangsobjekt. Das Kind verwendet die Worte als Beschreibung von etwas, was mit der Beschreibung entsteht und dabei zugleich im Dunklen verbleibt. Man könnte sagen, es verwendet sie im Sinne Bions als Behälter für die bislang leiblich gebundenen, interaktiven Erfahrungen (die als bestimmte Interaktionsformen angeeigneten Wunschkonfigurationen, die nun als Präkonzeptionen fungieren), die darin zu Konzepten werden, zu Ideen, die einen neuen Raum eröffnen, ohne ihn vollständig auszufüllen. Weite Teile der Sprache sind dem Kind noch fremd, ebenso wie nur nach und nach und niemals alle Aspekte des bislang leiblich gebundenen Erlebens in Sprache überführt werden können. Merleau-Ponty kennzeichnet diesen kindlichen Zwischenbereich, bei und in dem das Kind mit Worten spielt, ohne sie zu kennen, als „oneirisches Dasein“237 (träumerisches Dasein). Sprache wird vom Kind „eher als ein Mittel zum Selbstausdruck als ein Mittel zur Kommunikation mit dem Anderen“238 verwandt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass hier das Kind das Selbst – sich selbst – noch nicht so scharf getrennt vom Objekt erlebt, wie das für den Erwachsenen der Fall ist. Das Kind spielt mit den Worten, verwendet sie in verschiedenen Situationen, gestaltet mit ihnen Szenen allein oder mit anderen, ohne dass man im engeren Sinn von einem wirklichen Dialog sprechen könnte. Die Sprache wird vom Kind im Sinne mimetischer Gestaltung verwandt, ohne dass es in Gefahr ist, die dabei entstehenden Gebilde halluzinatorisch mit Realität zu verwechseln. Das ‚Ich‘ des Kindes geht in diesen Gestaltungen als Wollendes auf, gibt sich seinen Phantasien nicht nur hin, sondern gestaltet sie aktiv. Dies ist dem Kind „im Schutz der Nähe zu einem anderen (möglich, MB), der das Als-Ob des Kindes und die Realität zusammenhalten kann“239. In diesem Rahmen kann 237 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 68 238 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 67 239 Fonagy, P., Target, M. (2001) S. 965 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 262 das Kind die Eigengesetzlichkeit der Sprache nach und nach als Widerstand begreifen, die seinem Spiel und damit seinem gestaltenden ‚Ich‘ einen notwendigen Halt gibt. Das oneirische Dasein kann nicht lediglich als Durchgangsstadium betrachtet werden. Die hier vorherrschende Form der Kreierung eines Raumes, in dem die Ungeschiedenheit von Selbst und Objekt nicht als Gefährdung des Identitätsprinzips erlebt werden muss, findet ihre Fortsetzung in der Bedeutung von Kunst und Kultur für den Menschen. Diese Form ermöglicht dem Menschen die Annäherung an etwas Unbekanntes, auch wenn er (noch) nicht über die Struktur verfügt, die die Bestimmung dieses Unbekannten ermöglichen würde. „Das Kind gebraucht einige Wörter bereits, bevor es ihre volle Bedeutung versteht, wie ein Erwachsener, der beim Erlernen einer fremden Sprache bestimmte Redewendungen benutzt, deren Sinn ihm zwar noch verschlossen ist, die er aber gleichwohl in einer Situation anzuwenden weiß. Gerade diese Sprache, die über sich keinen Aufschluss gibt, (ist, MB) das Mittel […], das dem Kind den Zugang zur Sprache ermöglicht und das beim Erwachsenen nicht aufhört, die Welt zu tragen.“240 240 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 90 Ein der Idee vom oneirischen Dasein ähnlicher Gedanke liegt der Bedeutung mimetischer Prozesse für die künstlerische Gestaltung zugrunde. Ähnlich dem Schauspieler, der seine Rolle weder als Täuschung oder Verstellung lebt, wird im oneirischen Dasein mit den Worten etwas Neues kreiert und ein Zwischenbereich erschaffen, der auf sich selbst verweist und doch nicht mit sich selbst identisch ist. Im mimetischen Tun der SchauspielerIn bzw. KünstlerIn wird diese Form der Gestaltung aufgegriffen und führt in Auseinandersetzung mit den künstlerischen Gesetzmäßigkeiten zum eigenständigen Kunstwerk, das, da es auf ein gesamtgesellschaftliches Subjekt bezogen ist, überindividuelle Aussagekraft besitzt. Das, was der Mime schafft, ist in diesem Sinn keine Nachahmung, kein Verweis, kein Zitat der Realität, obwohl es zugleich Nachahmung, Verweis, Zitat ist, sondern szenische Neuschaffung: „Der Mime ahmt nicht mehr nach, weder eine Sache noch eine Handlung noch eine Realität oder einen Text. Was er darstellt, existiert nicht außerhalb seiner Darstellung; es hat keinen Ähnlichkeits- oder Wahrheitsbezug zu etwas außerhalb der Darstellung seiner Gesten. Ihnen geht nichts voraus; der Mime eröffnet etwas, nimmt eine ‚weiße Seite‘ in Angriff, ohne sich der Autorität eines Buches zu unterwerfen.“ (Gebauer, G., Wulf, C. (1992) S. 414) Die Neuschaffung ist als „Szene eher Illustration der Idee denn eine wirkliche Handlung.“ (Gebauer, G., Wulf, C. (1992) S. 414) Mit den ‚Szenen als Illustration von Ideen‘ entsteht der intermediäre Raum der Phantasie. In diesem intermediären Raum der Phantasie sind Selbst und Objekt nicht so voneinander geschieden wie das im sprachlichen Bezug auf eine äußere Realität möglich und nötig ist. Er wird für das Kind durch die haltende Funktion der Beziehungsperson abgesichert. Währenddessen unterwirft sich der Mime zwar nicht der Autorität des Buches. Jedoch nur in Auseinandersetzung mit dessen zwingender Vorgabe kann er Ideen Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 263 Die lebenslange Notwendigkeit des Menschen, im Umgang mit dem Fremden, gänzlich Anderen, etwas Neues zu schaffen (zu erkennen, zu verstehen), ergibt sich für den Menschen aus der ihm eigenen Form der Identitäts-Bestimmung, die Lichtenstein als Form eines lebenslänglich notwendigen, immer neu erforderlichen kreativen Aktes bestimmt. Winnicott betont in seinen Formulierungen dabei die Bedeutung der „fortwährenden Zerstörung (der Objektbeziehungen, MB) in seiner unbewußten Phantasie“241 als Preis dafür, ein „Leben in der Objektwelt“242 führen zu können. Erst durch die Zurückweisung des Objektes in der Phantasie – den Zusammenbruch bestehender Vorstellungen – werde immer wieder neu der Raum geschaffen, wodurch dem Subjekt die Erfahrung des Anderen und gänzlich Fremden in sich und im Außen erst ermöglicht werde. Hilfreich, um die unterschiedlichen Formen von Verstehensprozessen zu erfassen, ist die Unterscheidung von Bion: „Das Denken, das bei der Entwicklung von Gedanken angewandt wird, unterscheidet sich von dem Denken, das erforderlich ist, um Gedanken zu verwenden, wenn sie bereits entwickelt sind.“243 Während die erste Form des Denkens mehr dem Behälter- Modell entspreche, lasse sich die andere als Bewegung zwischen strukturierten Vorstellungen und dem Zulassen von Unsicherheit und Verwirrung beschreiben. Dem Behälter-Modell entsprechend entstehe etwas Neues – eine Konzeption –, wenn eine Präkonzeption – eine un- / vorbewusste Erwartung – auf ihre Realisierung träfe. Die in der dyadischen Beziehung geformten, leiblich gespeicherten Beziehungserfahrungen lassen sich als Präkonzeptionen verstehen, die im Spiel mit als Behälter fungierenden Worten etwas Neues – altbekannt und zugleich neu, geschaffen wie vorgefunden – entstehen lassen. Eine solche Situation, in der etwas Neues entstand, war in der Therapie mit Anna der Moment, als sie in der 54. Stunde den Raum verlassen wollte. Ihr ‚Den-Raum-Verlassen‘ hatte mich im Verlauf der vorangegangenen Sitzungen sehr beschäftigt. Die Frage ‚Wird Anna sich je aus dem symbiose-artigen Zusammensein mit mir lösen können, ohne ‚mich‘ zu verlieren?' war gleich zu Beginn der Therapie zu einer mit Hoffnungslosigkeit kontaminierten Kernfrage geworden. Oft schien sich Anna am Stundenende nur sehr schwer aus unserem Zusammensein lösen zu können. Auch mir war es dann nicht leicht, sie zu verlaszur Darstellung bringen, die einem Publikum etwas zuvor nicht Gewusstes erlebbar machen können. 241 Winnicott, D. W. (1985) S. 105 242 Winnicott, D. W. (1985) S. 105 243 Bion, W. R. (1992) S. 66 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 264 sen. Dann wiederum pflegte Anna ab und an vorzeitig den Therapieraum zu verlassen, manchmal schon kurz nach Beginn. Anfangs erschien es mir wie eine Abwertung dessen, was ich mit ihr machte – ein ‚Mich-Verlassen‘ im Sinne von: Sie lässt mich mit meinen Verstehensbemühungen allein und entwertet bzw. zerstört sie dadurch. Später folgte ich ihr nach draußen in den Gruppenraum, um mich von ihr führen, mir ihre Welt zeigen zu lassen. Ihr ‚Mich-Verlassen‘ verstand ich jetzt als einen ins Aktive gewandelten Umgang mit den häufigen Situationen am Stundenende, in denen sie von mir verlassen wurde. „In der 54. Stunde kommt Anna nach einer längeren Sequenz im Musiktherapie- Raum auf mich zu und versucht, gestützt auf mich, aufzustehen. Ich nehme an, dass sie den Raum verlassen will. Als sie dabei auf mich fällt, bleibt sie auf meinem Schoß sitzen, als sei genau das der Ort, den sie gesucht hat. Ich bin beglückt und verblüfft. Habe ich sie bisher, wenn sie den Raum verließ, so missverstanden? Sie will nicht weg von mir, sondern sucht im Gegenteil mehr Nähe, ihre Wegwendungen sind also missverstandene Hinwendungen?“ Als Anna auf meinen Schoß fällt, verstehe ich: ‚Hier wollte sie hin, mich hat sie gesucht, wenn sie den Raum verlässt‘. Dieser von innen stimmig und evident erscheinende Einfall ist von außen betrachtet höchst verwunderlich – durchaus nicht evident, wie im später zitierten Gespräch mit der Mutter deutlich wird. In der Betrachtung von innen her erscheint der Vorgang – die sich aus der Wegwendung von Anna ergebende Hinwendung und mein Einfall – als eine Szene. In dieser Szene ist das an das Dyadische gebundene Einheitserleben – die im Dyadischen aufgehobene Identität als Hingabe an ein Ganzes – als Einigung metaphorisch aufgehoben und mit dem Verweis auf die konkrete Beziehungsfigur zugleich überschritten. Das bisherige Verlassen und Verlassen-Werden wird in der Szene gewendet zur Metapher: Annas konkretes Verlassen des Raumes wird als Metapher zum Verweis auf die zeitweise erlebte Sinnlosigkeit und Unverständlichkeit von Annas Verhalten. In dieser Inszenierung gerät in meiner Phantasie ‚Ich‘ an die Stelle des ‚Nichts‘ – des Sinnlosen. Mit der Phantasie erschien mir das ‚Nichts‘, der Eindruck der Sinnlosigkeit Folge meines bisherigen Missverstehens zu sein, mit dem ich gewissermaßen Anna verließ. Zugleich ließ sich das ‚sinnlose Verhalten‘ als eine Art Geplapper mit einem nicht vorhandenen Gegenüber Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 265 als Ersatz für ‚Ich‘, Ersatz für mein Verstehen deuten. Es war bisher das, was Anna ‚fand‘ (nichts), wenn sie mich verließ, um mich zu suchen (um verstanden zu werden). Es war zugleich das, was sie, wenn ich sie verließ (nicht verstand), sich schuf (‚Nichts‘), um nicht verlassen zu werden (um sich zu behaupten). Ich wurde zum ‚Nichts‘, wenn wir auf eine Art zusammen waren, dass ich befürchtete, ich bildete mir den Kontakt nur ein. Ich wurde aber auch zum ‚Nichts‘, wenn ich Anna beobachtete und sie mit sich selbst agierte wie mit mir. Auch in solchen Momenten hatte mich das Gefühl der Einbildung beschlichen. Diese Art des Kontaktes lässt sich als Verwicklung zwischen uns im Sinne von Quasi-Ereignissen (unverständlichen Beziehungsbotschaften) beschreiben, bei der ich einerseits zu Annas ‚sinnlosem Ding‘ wurde und zugleich sie zu meinem Beurteilungsobjekt. Es war die in der beschriebenen Verwicklung erzeugte Barriere. In der oben beschriebenen Wendung – dem Entstehen einer Szene von innen heraus – verlässt Anna mich (verhält sich unverständlich) und findet mich als wirklich (ich verstehe sie). Die Wendung entsteht, indem ich mein ‚Ich‘ aufgebe. Ich versuche nicht mehr, mich ihr greifbar zu machen, halte sie weder zurück noch folge ich ihr, sondern unterstütze sie im Mich-Verlassen. Ich gebe meine Intention, mein Wollen auf. Man könnte auch sagen, ich nehme die negative Übertragung an und akzeptiere darin die Rolle derjenigen, die Anna im Stich lässt. Indem ich die Rolle annehme, findet Anna mich bzw. entsteht mit ihrer Hinwendung die Beziehungsfigur, die zum szenischen Verweis wird. Darin erschienen ihre Wegwendungen als versuchte und von mir bislang missverstandene Hinwendungen, als im Mich-Verlassen der einzige freie, nicht besetzte Raum lag, den Anna in der Beziehung zu mir als eigen beanspruchen konnte und von dem aus die Hinwendung zu mir ihre eigene war. Aus einer Situation des drohenden Zerfallens, in der mit dem Missverstehen die Erfahrung des Anders-Seins bestimmend ist, entsteht die Hinwendung, die ein Verstehen ermöglicht. In dem Verstehen ist die Erfahrung des Anders- Seins / des Missverstehens nun als Sinn aufgehoben. In der Betrachtung von außen entsteht aus dem Sich-dem-Missverständlichen-Überlassen eine sinnstiftende Situation. Dieser Vorgang des Missverstehens ereignete sich im Gespräch mit der Mutter erneut: 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 266 „Meine damalige Betroffenheit resultiert aus dem Eindruck, dass, wenn Anna auf mich zugeht, ich es als ein Mich-Verlassen interpretiere. So muss sie den Eindruck erhalten, sie fasst mich und fasst ins Leere. Schrecklich ein solches Missverständnis, in dem deutlich wird, dass ich Anna und nicht sie mich verlässt. Diese paradoxe Interaktion wiederholt sich noch einmal mit der Mutter. Als ich ihr, froh über die Aufklärung dieses Missverständnisses, davon berichte, antwortet sie sinngemäß: ‚Ja, Anna liebt das Schmusen sehr.‘ Ich bin verwirrt. Ich fühle mich missverstanden und in der Hinsicht korrigiert, dass ich da wohl etwas Nicht-Vorhandenes wahrgenommen habe. Bewerte ich das Ereignis völlig falsch? Wieder bin ich meinen Zweifeln überlassen, da meine Wahrnehmung so verdreht wurde. Solange mich-verlassen oder etwas wegwerfen gleichbedeutend mit mir unerträglicher Entwertung und Vernichtung ist, versinke ich in Scham und Schuldgefühlen, sobald ich meine, solche Ansätze bei Anna wahrzunehmen. Diese versperren mir den Blick auf Anna und hüllen mich in eine Nebelwolke ein, so dass sie mich nicht finden kann. Mit dem Sichtbarwerden dieses Unsichtbar-Machens wird etwas von dem Bösen deutlich, das sich in der Beziehung inszeniert. Gleichzeitig wird die Beziehung damit konturierter.“ Das in der Wendung von innen heraus Verstandene wurde im anschließenden Dialog mit der Mutter in der Betrachtung von außen wieder missverständlich. Ich blieb mit meinem Verstehen allein, da es sich auf ein Erleben von innen heraus und zugleich von außen auf eine dyadisch fixierte Beziehungsfigur bezog. Tatsächlich hatte ich ja etwas Nicht-Vorhandenes wahrgenommen. Aber hier entstand mit der Wahrnehmung des Nicht-Vorhandenen etwas Neues, Geistiges: der die konkrete Situation übersteigende Sinn, der sich hier aus dem Wörtlich- Nehmen des Weg-Wollens entwickelte als dem Sich-dem-Missverständlichen-Überlassen, das ich bislang als Verwicklung beschrieben habe. Ein Beispiel aus einer anderen Therapie mag diesen Vorgang erhellen: Ro., ein geistig behinderter junger Mann – weitaus weniger eingeschränkt als Anna –, erzählt in der Therapie stets sehr anschaulich von Susi, seiner Freundin, die hier in der Nähe wohne und die er so gerne einmal treffen und besuchen würde. Bald bin ich von seiner tiefen Sehnsucht überzeugt und in einer Stunde machen wir uns auf die Suche nach ihr. In der Nähe des Hauses, in dem die Therapie durchgeführt wird, gibt es diverse Wohngruppen für behinderte Menschen von verschiedenen Trägern. Wir klappern sie alle ab. Ich bin sehr erstaunt darüber, als sich herausstellt, dass Susi in keiner der Wohngruppen wohnt. Ich glaube nun, dass sie woanders wohnt und Ro. sie aus lauter Sehnsucht oder weil ihm Entfernungen kein Begriff sind, in die Nähe verlegt hat bzw. ich so dumm war und einen nicht vorhandenen Sinn in Ro.s Äußerungen gehört hatte. Ro. Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 267 lässt sich jedoch nicht davon abbringen, sie weiter zu suchen. Schließlich stehen wir von der verschlossenen (es ist Abendzeit) Tageseinrichtung des Hauses, in dem wir die Therapie durchführen. Ro. ist überzeugt, dass wir seine Susi hier eingesperrt haben, und beschimpft mich wegen unserer/meiner Grausamkeit. Endlich verstehe ich. Ich fühle mich ganz dumm. Es ging gar nicht um eine konkrete Susi, sondern um einen Aspekt der Übertragung. Susi stand für den liebevollen, weichen, guten Teil seines Selbst, von dem er sich durch die Trennung von der Mutter und Umzug in die Wohngruppe abgeschnitten fühlte. In dieser Inszenierung kommt das konkretistisch Dumme in mich hinein und wandelt sich zum Verlassensein. Indem ich die Rolle der gemeinen und dummen Frau annahm (die ich ja auch in meinem Missverstehen war) und mit ihm zugleich die zu befreiende, arme Susi bedauerte (aus vollem Herzen, verstand ich nun endlich, was Ro. mir damit sagen wollte), konnten wir uns nun in der Therapie mit Susi beschäftigen, da Ro. sie nicht mehr außerhalb – außerhalb der therapeutischen Beziehung – suchen musste. Ähnlich wie im Beispiel Ro. missverstand ich auch Anna, indem ich sie wörtlich nahm. Ich ging mit ihrem Verhalten so um, als sei darin ein Sinn enthalten (sie will weg von mir), und war zugleich verwickelt in eine unüberwindbar scheinende Verstehens-Barriere. Doch in Annas Verhalten war Sinn nur als potentieller enthalten, der erst in sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren entstehen musste, damit er Anna verfügbar werden konnte. Anna konnte mir genauso wenig etwas über ihre Verlassenheitsgefühle mitteilen wie Ro. über seine Sehnsucht nach dem Heilen und Guten in sich sprechen konnte. So ist die Wendung durch situative Evidenz gesichert, und zwar nicht im Bezug auf einen gemeinsamen Ort in der Welt wie im Beispiel der ‚Pause‘, sondern im Gegenteil: Mit dem metaphorischen Verstehen wird die Wegwendung zur Geste, die einen Bezug zum Nicht-Ort in der Welt – zur gemeinsamen Verwicklung, der dyadisch fixierten Beziehung – herstellt und diesen zugleich überschreitet. Ich verstand mit der Wendung im Verstehen meines bisherigen Missverstehens Anna und ihre schwierige Form des Eigenseins in einer Beziehung. Hierdurch entstand ihr die Chance, sich und damit zugleich die schmerzlich-schwierige Art unseres Zusammenseins als Wirklichkeit in einer Welt von Nicht-Verstehen zu finden. Im Sinne des oneirischen Daseins spielt Anna mit einer ihr möglichen Verhaltensform – dem Raum-Verlassen – wie das Kind mit unbekannten Worten spielt. Das Kind schafft mit den Worten Szenen, in denen es das entdeckt, was es bislang im unmittelbaren Kontakt mit 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 268 der Mutter erlebt hat. Es erschafft sich gewissermaßen Mutter neu. Anna spielt jedoch mit einer Verhaltensform, die im Gesamt der im Rahmen der therapeutischen Beziehung möglichen Verhaltensformen als bestimmte Interaktionsform entstanden ist und – da uns ja keine andere Realität verfügbar ist – nur darauf bezogen einen Sinn entfalten kann. Sie spielt damit auf der Suche nach einer stimmigen, lustvollen Beziehungsfigur, in der sie das entdecken, wiederbeleben kann, was sie im unmittelbaren Kontakt mit mir manchmal erlebt. Dieses Gute scheint sich auf so schwierige Weise ebenso oft in etwas Seltsames, schwer Greifbares aufzulösen. Das Mich-Verlassen als Autonomie-Impuls, als Wunsch, das Gute woanders als bei mir (als in der unmittelbaren Situation) zu suchen (in sich selbst), provozierte bislang als Situation des drohenden Zerfallens die unverständliche Verwicklung. In der beschriebenen Wendung führte der Impuls mit der Hinwendung zum Verschmelzen mit dem Guten des Beieinanderseins – so ist der Hinweis der Mutter zu verstehen – und damit zu einer Einigungsfigur, die mit dem metaphorischen Verstehen die dyadische Fixierung als eine sich einem Verstehen widersetzende Identität zum Thema von Verlassen und Verlassen-Werden bestimmt. Damit wird die bisher bestimmende Erfahrung der Sinnlosigkeit des Autonomie-Impulses insofern überschritten, als sie als protosymbolische Interaktionsform Anna verfügbar werden kann. Das darin begriffene Mich-Finden ist entsprechend der autistisch-berührenden Position als ein Wissen zu denken, „das noch nicht gedacht werden kann“244, das jedoch als Präkonzeption in Interaktionen mit Übergangsobjekten sinnvoll werden kann. Ebenso wie hier die „Erfahrung des ‚Selbst‘ […] als ein reflexionsfreier Zustand eines sensorischen ‚Weiterbestehens‘„245 zu denken ist, ist die Andere im Zustand des „Alleinseins in Gegenwart eines anderen“246 die „ungedachte Bekannte“247. Die Verfügbarkeit dieser protosymbolischen Interaktionsform ist dabei gebunden an den „Schutz der Nähe zu einem anderen, der das Als-Ob des Kindes und die Realität zusammenhalten kann.“248 244 Altmeyer, M. (2000) S. 158 245 Ogden, T. H. (2000) S. 33 246 Winnicott, D. W. (1984) S. 36 ff. 247 Bollas, C. (1987) nach Altmeyer, M. (2000) S. 163 248 Fonagy, P., Target, M. (2001) S. 965 Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 269 Mit dem Verstehen werde ich zum Behälter für das ‚Nichts‘, das Sinnlose, das Nicht-Verstehen, indem mir mit dem Verstehen mein konkretistisches Missverstehen deutlich wird. Man könnte auch sagen, das Leiblich-Konkretistische von Annas Verhalten – ihr sinnlos erscheinendes Den-Raum-Verlassen – kommt in mich – in meine Worte – ‚als sei das der Ort, den sie gesucht hat‘ – hinein, durchdringt sie, ohne dass sich der leiblich-konkretistische Aspekt darin vollständig auflösen würde bzw. in Sinn zu übersetzen wäre. Denn das Verstehen bezieht sich ja gerade auf die Anerkennung des konkretistisch Missverständlichen unseres Beisammenseins als des Nicht-Identischen. Ich halte die Realität mit dem Verstehen und dem situativen Beteiligtsein zusammen. Mit diesem Zusammenhalten wird das konkretistisch Missverständliche – die im unmittelbaren Beisammensein sich aktualisierende Verwicklung – zum Verweis auf ein Identitätsthema, mit dem Anna identisch und nicht-identisch ist. Denn mit der in der Wendung liegenden Anerkennung des Fremden, Nicht-Identischen – der Verwicklung – entsteht mit dem oneirischen Dasein die Möglichkeit des Bedeutens. Anna wie auch Ro. stützen sich mit der Verwicklung auf einen „pathologischen Übergangsraum“249. Aus diesem heraus entstehen in den Wendungen sinnlich-konkrete Beziehungsfiguren, die einen subjektiven Sinn deutlich werden lassen. Das potentiell Sinnhafte dieser Beziehungsfiguren ermöglicht nun einen aktiven Umgang mit Übergangsobjekten, in dem Sinn sich nicht mehr durch Ausschluss konstituiert, sondern der den Ausschluss von Sinn thematisiert. Die so gebildeten Interaktionsformen sind erneut mit dem Scheitern der Sinnaneignung bedroht, wenn die Besonderheit dieses pathologischen Übergangsraumes nicht mit berücksichtigt wird. Diese Besonderheit ist die Besonderheit eines Ich-Sagens, das sich auf die Verstrickung in eine Verwicklung bezieht. Ausdruck für diese Verstrickung war für Ro. in der späteren Therapie ‚Teer‘, mit der er die ganze Welt überschütten und bombardieren wollte. Annas Form dieser Verstrickung wurde anfangs im Umgang mit der Plastikmatte und später im Spiel mit dem Würfel, in dem ein 249 Küchenhoff, J. (1999) S. 198 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 270 Glöckchen eingeschlossen ist, oder dem dezentrierten Ball verständlicher. Die in der dyadisch fixierten Interaktionsform verborgene Möglichkeit der Anerkennung der Anderen als Träger von Bedeutung realisiert sich in den Wendungen als Sinn, der zwar von außen entzifferbar ist, jedoch vom schwermehrfachbehinderten Menschen nicht als Sinn erlebt werden kann. Mit dem Akt der Wendung entstehen Beziehungsfiguren, die durch ein Ineinander leiblicher Gesten und Sprache gekennzeichnet sind. Dieses Ineinander ist nicht mehr durch eine Verwicklung gekennzeichnet, wiewohl es sich auf diese bezieht. Man könnte sagen, während mit der Deutung sich in der Regel eine Übertragung partiell auflöst, entsteht mit der Wendung eine Übertragung als ein positiv bestimmbarer Raum, mit der Sinn erst deutlich werden kann. Dieser spezifische intermediäre Raum gibt der Beziehung Anschluss an die triadische Struktur, indem die bislang im ‚Nichts als Drittes‘ als bestimmte Negation enthaltene Identitätsbestimmung – die Unmöglichkeit des Identifiziert-Werdens mit dem Nicht-Identischen – in der Szene als Kritik aneinander formulierbar wird. Das von mir Verstandene ist kein objektives Wissen, sondern subjektiver Sinn, der entsprechend dem oneirischen Dasein auf der sinnlich-symbolischen Ebene gesichert werden muss und kann. Man könnte sagen, es entstehen protosymbolische Versatzstücke, die das bislang sinnlose Verhalten Annas einem möglichen Erleben zugänglich machen. Wenn ich sage, ‚Anna hat mich gesucht‘, so heißt das nicht, dass Anna sich als suchend erlebt, geschweige denn, dass sie weiß, wonach sie sucht. Mit dem ‚Anna hat mich gefunden‘, bei dem Anna etwas Belebendes da findet, wo sie es zwar gesucht hat, jedoch bislang nicht finden konnte, wird ihr bislang sinnloses Verhalten auf etwas potentiell Sinnhaftes bezogen. Sie hat mich als jemanden gefunden, die ihrem potentiellen Erleben für sie stellvertretend Ausdruck geben kann und die darin als heiler Behälter funktioniert – so, wenn ich beispielsweise zu ihrem Spiel mit dem Quietsch-Ball zu ihrem großen Vergnügen auf der Flöte schmerzhaft-verzweifelte Klänge produziere. Die Möglichkeit, dass sich aus dem Konstrukt des auf ein fehlendes Selbst bezogenen Objekt-Ersatzes die Anerkennung des Subjekt-Seins der Anderen entwickeln kann, nimmt hier ihren Anfang. Diese Aner- Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 271 kennung beinhaltet das (emotionale) Wissen darum, dass es die Andere und damit auch mich wirklich gibt. Sie ist gebunden an die Anerkennung des fremden Anderen, die in den Anfängen des Sich-Beziehens im Kontext einer Übergangsbeziehung als Abwesenheit des Denkens erscheint. Die Abwesenheit des Denkens ist als ein Wissen, „das noch nicht gedacht werden kann“250, der Beginn der Möglichkeit des Denkens, wenn diese in einer haltenden Beziehung bewahrt werden kann. Im dyadisch fixierten Beziehungsmuster kann die Abwesenheit des Denkens zu etwas Unerträglichem werden und zu dem zuvor als Rationaler Mythos beschriebenen Umstand führen, dass Theorie und Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson die Funktion annimmt, den in der Beziehung erzeugten Schrecken auszublenden. In den Wendungen entsteht mit dem intermediären Raum gewisserma- ßen eine heilende Form der Abwesenheit des Denkens, die die durch den Rationalen Mythos erzeugte Abwesenheit erträglich macht. Wendung als Besonderheit eines Übergangsraumes, der durch die Anerkennung der Abwesenheit des Denkens entsteht Im Folgenden soll die Besonderheit des mit der Wendung sprachlich entstandenen intermediären Raumes und die mit ihm sich realisierende Möglichkeit der Anerkennung des Anders-Seins des Gegenübers weiter bestimmt werden. In der normalen Entwicklung erwächst die Fähigkeit des Kindes zur Wahrnehmung und Anerkennung des Gegenübers als eigenständigem Wesen aus dem Ausbalancieren der Spannung zwischen intersubjektiven und intrasubjektiven Beziehungsformen. Mit dieser Fähigkeit wird es dem Kind möglich, seine Beziehungspersonen einerseits zu besetzen, sie als Objektrepräsentanzen zu verinnerlichen, und sie zugleich als äußere Personen – und damit immer auch anders und fremd – anzuerkennen. Diese Fähigkeit leitet sich her aus der Funktion der haltenden Beziehung, die auch als Fähigkeit zur „Doppelung“251 bezeichnet wird. Damit ist gemeint, dass das Ineinander der kindlichen Bedürfnisspannungen und mütterlichen Befriedigungsformen und deren Irritationen von „einer zweiten Beziehungsebene aufgefangen 250 Altmeyer, M. (2000) S. 158 251 Küchenhoff, J. (1999) S. 196 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 272 wird, die primär nicht mit den Phantasmen des Kindes […], sondern mit der Haltung der Beziehungsperson zu tun hat.“252 Doppelung bedeutet, dass die Spannungen des Kindes, die sich aus drohenden Trennungserfahrungen ergeben, von der Beziehungsperson wahrgenommen und modifizierend reguliert werden können. Der mit der Wendung entstehende intermediäre Raum entwickelt sich auf dem Boden einer dyadisch fixierten Beziehung, die durch eine ein Verstehen behindernde Barriere gekennzeichnet ist. In dieser ist der nichtbehinderten Beziehungsperson die Möglichkeit der Anerkennung des Anderen dadurch erschwert, dass dieser nur noch als uneinfühlbarer Anderer oder aber ununterscheidbar von den eigenen Projektionen erfahren werden kann. Der nichtbehinderten Beziehungsperson ist es gerade nicht möglich, die sich aus Situationen des drohenden Zerfallens ergebenden Spannungen des schwermehrfachbehinderten Menschen so zu regulieren, dass diesem mit der Aneignung der modifizierten Affekte der Bezug zu einem als getrennt wahrnehmbaren Anderen möglich würde. So schafft sich der schwermehrfachbehinderte Mensch in seinen autosensorischen Regelkreisen und stereotypen Verhaltensformen einen Objekt-Ersatz, der ihm ein Leben au- ßerhalb der coenästhetisch organisierten Dyade ermöglicht. Welche Konzeption des Anderen ist in einer solchen Beziehungsstruktur enthalten, die als Präkonzeption in der Wendung zu einer Realisierung führt, die die Entzifferung von Sinn ermöglicht? Subjektentwicklung als krisenhafter Prozess Benjamin beschreibt Subjektentwicklung als einen krisenhaften Prozess, bei dem die dyadische Paradoxie mit der durch sie erzwungenen Krise zum bestimmenden Moment wird. Dabei drohe eine polare Spannung immer wieder zusammenzubrechen bzw. müsse auf verändertem Niveau neu ausbalanciert werden: „In dem Augenblick, da wir begreifen, was es heißt, ‚Ich selbst‘ zu sagen, müssen wir auch die Grenzen dieses Selbst erkennen.“253 Als markanten Punkt dieses Prozesses versteht Benjamin die Wiederannäherungskrise. Diese markiert jenen Punkt der Entwicklung, an dem sich das Kind der Mutter wieder annähert, nachdem es sich mit der Entdeckung seiner neu gewonnenen Fähigkeiten aus der Dyade mit der Mutter zu lösen begonnen hat. Es müsse nun befürchten, mit dieser Annäherung die neu gewonnenen Fähigkeiten zu verlieren. Die Krise bestehe darin, „dass das 252 Küchenhoff, J. (1999) S. 196 253 Benjamin, J. (1990) S. 35 Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 273 Kind nicht nur unabhängig werden will, sondern auch als unabhängig anerkannt werden will – und zwar genau von der Person, von der es am meisten abhängig ist.“254 In dem Moment also, in dem sich das Kind mit seinem erwachenden Selbstbewusstsein die Möglichkeit des Denkens erwirbt, um sich aus der dyadischen Begrenztheit befreien zu können, wird es sich emotional seiner Abhängigkeit von etwas Äußerem, von ihm nicht Kontrollierbarem, der Abhängigkeit von einer ihm existentiell wichtigen Person gewahr. Die Bewältigung dieser Krise als Grundlage für die spätere Bindungsfähigkeit erfordere vom Kind die Anerkennung der „Unterscheidung zwischen Objekt und ‚dem Anderen‘“255. „Der Unterschied zwischen Dir in meiner Phantasie und Dir als einer realen Person ist das wesentliche einer Bindung.“256 Die Grundlage dieser Fähigkeit sieht Benjamin schon in der ersten Säuglingszeit gelegt. Diese frühe Zeit sei ebenso durch „Wechselseitigkeit, Gleichzeitigkeit und Paradoxie“ wie auch durch komplementäre Strukturen gekennzeichnet.257 Die beschriebenen Situationen des drohenden Zerfallens, die anfangs unvorstellbare Angst provozieren, da in ihnen die Erfahrung des Getrenntseins bestimmend ist, können vor dem Hintergrund eines ausreichend haltenden Umfeldes – der beschriebenen Funktion der Doppelung – Entwicklung fördern. „Die erste Ich-Organisation entsteht aus dem Erleben drohender Vernichtung, zu der es jedoch nicht kommt, auf die immer eine Wiederherstellung folgt. Aus solchen Erfahrungen heraus beginnt das Vertrauen auf Wiederherstellung etwas zu sein, das zu einem Ich und zu der Fähigkeit dieses Ichs führt, mit Enttäuschung fertig zu werden.“258 Auf dieser Basis beginnt das Kind, Trennungserfahrungen, die im Kontext der intersubjektiven Beziehung reguliert werden, positiv zu besetzen. Sie verbinden sich mit „der ursprünglichen Faszination des Kleinkindes durch die und mit der Außenwelt, seiner Begeisterung für Unterschiedliches und Neues“259. Die Entwicklungsaufgabe des Kindes sei, wie es die stets aufs Neue zusammenzubrechen drohende Balance zwischen seinen Strebungen nach Bindung und nach Autonomie aufrechterhalten kann. Diese Balance werde nicht nur von den Wechselfällen des Lebens, den Schwierigkeiten in den Beziehungen der Beziehungspersonen zum Kind, sondern auch vom Kind selbst aktiv zerstört. Hierbei bezieht sich Benjamin auf Winnicott. Die Fähigkeit zur Anerkennung der Anderen als einer, die sich außerhalb meiner Phantasie befindet, beschreibt Winnicott als Folge eines intersubjektiven Vorganges. Winnicott spricht von Objektzerstörung, bei der jedoch das Objekt überlebe. Wenn 254 Benjamin, J. (1990) S. 54 255 Benjamin, J. (1990) S. 40 256 Benjamin, J. (1990) S. 72 257 Benjamin, J. (1993) S. 55 258 Winnicott, D. W. (1983) S. 162/3 259 Benjamin, J. (1993) S. 51 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 274 die dyadische Beziehung sich zur Übergangsbeziehung erweitert, gestattet die Hingabefähigkeit der Mutter, die den Bedürfnissen des Kindes weitgehend entspricht, dem Kind die Illusion eines ihm allzeit verfügbaren, gewissermaßen von ihm / seinen Bedürfnissen kreierten Objektes. Winnicott nennt diese frühe Objekt-Vorstellung, die etwas anderes ist als das dyadische Gegenüber, ein subjektives Objekt, das von außen gesehen sich nicht von einer Illusion unterscheidet. Wenn nun das Kind die Mutter wütend und heftig attackiere, die guten und schönen Interaktionen mit ihr aktiv zerstöre, zerstöre es gewissermaßen dieses subjektive Objekt. Erst jedoch durch diesen Vorgang der Objektzerstörung könne das Kind, wenn die Mutter überlebe (sich nicht rächen muss, persönlich angegriffen fühlt oder das Empfinden hat, als Mutter zu versagen), die Erfahrung von der Mutter als einer Person machen, die außerhalb von seiner Phantasie real existiere. „Wenn die Destruktivität weder die Elternperson noch einen selbst zerstört, gerät die äußere Realität in einen scharfen, deutlichen Kontrast zur inneren Welt der Phantasie. Das Ergebnis dieses Prozesses ist nicht bloß die Wiedergutmachung am Objekt oder seine Wiederherstellung, sondern Liebe, das Gefühl den/die Andere(n) zu entdecken.“260 Folge eines solchen intersubjektiven Prozesses sei nicht nur das „Erreichen der Objektkonstanz“, „eine realistische Integration guter und schlechter Objekt-Repräsentationen“261, sondern die Fähigkeit des Kindes, die Außenwelt als eine von seinen Vorstellungen, Wünschen, Befürchtungen und Hoffnungen stets auch differente anzuerkennen und zu lieben. Es könne den Unterschied von innerer Phantasie und äußerer Realität nicht nur aushalten, sondern ihn schätzen und seine Liebe auf eine sich im Außen befindende und damit stets auch unerfahrbare Andere richten. Die Barriere, die dyadisch fixierte Interaktionsform, in die die auf sich selbst bezogenen leiblichen Verhaltensweisen des schwermehrfachbehinderten Menschen und das als ‚sachliche Beurteilungen‘ entgleisende Denken und Sprechen der nichtbehinderten Beziehungspersonen ineinander verstrickt sind, lässt sich als Zusammenbruch der Balance von intersubjektiven und innersubjektiven Beziehungsstrukturen verstehen. Diese Balance bezieht sich im vorliegenden Fall entsprechend dem dyadischen Muster mit dem innersubjektiven Aspekt auf das Ineinander der leiblichen Bedürftigkeit des Kindes und dem un- / vorbewussten leiblich-sinnlichen Antworten der Mutter und mit dem intersubjektiven Aspekt auf die haltende und regulierende Fähigkeit der Mutter. Die Erfahrung der Getrenntheit, die drohenden Situationen 260 Benjamin, J. (1993) S. 50 261 Benjamin, J. (1993) S. 49 Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 275 des Zerfallens, sind in der normalen Entwicklung Bedingung dafür, dass das Anders-Sein des Gegenübers überlebt, ertragen und letztlich vom Kind als etwas Bereicherndes erfahren werden kann. Sie konstituieren anfangs mit dem Unlust-Erleben die Verfügbarkeit eines Gefährdungssignals im Kind und geben der Lust-Unlust-Polarität damit Raum. Diese Situationen des drohenden Zerfallens müssen für den schwermehrmehrfachbehinderten Menschen und seine Beziehungspersonen jedoch als unerträglich und existentiell bedrohlich vermieden werden und erzwingen mit dem Rationalen Mythos die Verstehens-Barriere. Die Erfahrung des Anders-Seins des Gegenübers, die im Normalfall zur Bedingung von Bindung wird, wird hier absolut gesetzt und als existentielle Bedrohung erfahren und in der Verwicklung abgewehrt. Das Gegenüber als die absolut Andere kann nicht anerkannt werden, sondern wird darin als etwas Bedrohliches fixiert.262 262 ♣ Ein Denkmodell für eine solchermaßen entgleisende Beziehungsstruktur habe ich bei Zygmunt Baumann gefunden. Baumann kennzeichnet das in der Moderne vorherrschende Subjekt-Gefühl als eines, das aufgrund der narzisstischen Bedrohung durch das allgegenwärtige Bewusstsein des Todes darauf angewiesen sei, sich durch Identifikation mit allgemeinverbindlichen Ideen auf prekäre Weise zu stabilisieren. Durch die Erfahrung der Andersartigkeit eines Gegenübers werde es daher in unerträglicher Weise labilisiert. Indem das Gegenüber jedoch als Anderer erfahren wird, als jemand, der mit seinem So-Sein der Verwirklichung der allgemeinverbindlichen Ideen im Wege steht, trage nun gerade die Bekämpfung der Andersartigkeit des Anderen zur eigenen Stabilisierung wieder bei. Der Andere als ein ‚zu Erlösender‘, ‚zu Bekehrender‘, ‚zu Heilender‘, ‚zu Erziehender‘, ‚zu Befriedender‘, ‚Zu-Bekämpfender‘ werde benötigt, um das eigene Richtig-Sein zu stabilisieren. Diese Form des Angewiesenseins auf Andere als uneinfühlbar Fremde, deren Fremdsein bekämpft und darin einem Verstehen fern gehalten werden muss, um die Stabilität des eigenen Selbst zu wahren, unterscheidet Baumann von der Erfahrung des anderen als Mitmenschen. Hierbei bezieht er sich auf Lévinas. Dieser geht in seinen Gedanken von asymmetrischen Beziehungen aus, die er als grundlegend für die Subjekt-Werdung des Menschen versteht. In diesen spiele das Angewiesensein des einen auf den anderen eine grundlegende Rolle. Erst die Erfahrung des Angewiesenseins (‚er braucht mich, um zu leben‘) habe zur Folge, dass der andere mir zum Subjekt werde und mich als Subjekt darin vernichtend wie konstituierend trifft. Vernichtend in dem Sinne, dass, indem mich der andere in seinem Auf-mich-Angewiesensein erreicht, ich mich als autonomes Subjekt (‚für mich‘) vollständig darin auflöse, ohne zugleich dem anderen jemals zu genügen. Konstituierend jedoch, da ich dadurch als bezogenes Subjekt (‚für den anderen‘) erst werde, indem ich einem anderen in ganz und gar unersetzlicher Weise wichtig und darin zugleich ihm nie genügend bin. Die Erfahrung des anderen als Subjekt sei daher vorgängig der Erfahrung von sich selbst als Subjekt. Sie begrün- 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 276 In den Wendungen, die aus den Situationen des drohenden Zerfallens entstehen, realisiert sich die Bedrohung durch das fremde Anders- Sein mit dem begleitenden Affekt, der von der nichtbehinderten Beziehungsperson gehalten (reguliert) werden muss, auf metaphorischer Ebene als subjektiv erfahrbarer Sinn. So entstand in der zuvor beschriebenen Wendung eine Beziehungsfigur, deren Sinn darauf verwies, dass Annas Den-Raum-Verlassen bisher einem Einbruch der Sinnlosigkeit als zerstörerisch fremdes Anderes entsprach, der meine Verstehensbemühungen unterminierte und mit den Zweifeln die beschriebene Verstehensbarriere reaktivierte. In der Erfahrung des Nicht-Verstehens als etwas Zerstörerischem war die Bestimmung des Gegenübers als fremde Bedrohung enthalten. Die als fremde Bedrohung erscheinende Erfahrung des Gegen- übers zeigt sich noch prägnanter in der therapeutischen Arbeit mit Jens. Häufig erschreckten mich die Bewegungen von Jens. Sie erschienen mir manchmal wie Zuckungen eines seelenlosen und doch lebenden Körpers. In der 106. Stunde wurde mir deutlich, dass die Wahrnehmung seiner Bewegungen sich nicht nur als erschreckende Zuckungen, sondern auch als Ausdruck der Aufregung eines Menschen deuten lassen: Aufregung über Vorgänge in ihm und um ihn herum, die keinen Halt findet, unverstanden bleibt und daher wiederum beunruhigende Erregung produziert. „Doch zum ersten Mal erscheint mir das erschreckende Lachen, die aus den Fugen zu geraten scheinende Bewegung als Erregung, die nicht gehalten wird und deshalb unaushaltbar ist.“ Die Vorstellung der ungehaltenen Erregung entstand in mir als Phantasie und ließ darin einen möglichen subjektiven Sinn in den Bewegungen von Jens deutlich werden. Sie machte die bislang vorherrschende subjektive Bedeutungslosigkeit der Bewegungen als solche spürbar. Die Bewegungen wurden mir in der Wendung verstehbar als Ausdruck eines aufgeregten Menschen, der sich mit diesen Bewegungen beruhigen, seine Erregung beeinflussen will, nicht im Sinne eines affektiven Ausdruckes, sondern als Erregungsabfuhr. Diese Erregung / de sich darin, dass ich ihm nie genügen kann und ihn daher immer nur als radikal Abwesenden erfahre. (Baumann, Z. (1994)) Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 277 Aufregung verstand ich als ausgelöst durch das Beziehungsangebot der Therapeutin. Zugleich bedeutete dieses Verstehen nicht – auch wenn ich mir es sehr erhoffte –, dass mir in der Folgezeit die Bewegungen von Jens stets als emotionaler Ausdruck verständlich waren. Auch weiterhin konnte es sein, dass mich die Bewegungen erschreckten oder ich sie nicht verstand. Jedoch entstand mit dem Verstehen der Bewegung als Aufregung die Vorstellung von der bislang ungehaltenen Erregung. Ähnlich wie in der Wendung bei Anna schien Jens mit seinen Bewegungen in überraschender Weise in mir zu landen, indem ich ihn endlich verstand und damit als ein heiler Behälter etwas bewahren konnte. Ich verstand die Bewegungen als Ausdruck dessen, was er suchte – ‚mich‘ und mein Verstehen, damit die Erregung in der Beziehung gehalten werden konnte und sie so aushaltbar werden würde. Die Bewegungen waren zugleich der Verweis auf das, was er bisher ‚fand‘, wenn er ‚mich‘ suchte – ‚nichts‘, die von keinem Verstehen modifizierte bzw. durch ein Missverstehen verzerrte Erregung. Ausdruck hierfür ist die Phantasie des ‚seelenlosen Körpers‘. Sie ist Synonym für einen zerstörten Behälter bzw. zerstörerischen Behälter. Von innen heraus, vom Denken und Phantasieren der nichtbehinderten Beziehungsperson her, lässt sich der Schrecken – der ‚seelenlose Körper‘ – verstehen als Folge der Abwesenheit des Denkens. Die Abwesenheit des Denkens ist die erlebte und konstatierte Sinnlosigkeit der eigenen sich einfühlenden, denkerischen und phantasierenden Bemühungen im Kontext einer dyadischen Beziehung, also einer Beziehung, bei der das Überleben des Gegenübers ganz von der Fähigkeit der Beziehungsperson abhängt, mit dem eigenen Denken und Phantasieren einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem die Bedürfnisse und die Intentionen des behinderten Partners als dessen eigene verstanden werden können. Diese Fähigkeit der nichtbehinderten Beziehungsperson beruht auf ihrer Verbindung zu inneren und äußeren guten Objekten. Diese Verbindung ermöglicht ihr, ihr immer auch Ungenügend-Sein – ungenügend für das, was das Gegenüber dringend braucht – zu ertragen. In dieser Spalte entsteht mit dem Gegenüber, das vollständig auf mich angewiesen ist und dem ich zugleich nie genügen kann, der Spannungsraum für dessen Subjekt-Sein. Das Auseinanderfallen dieser Spalte als „Diskrepanz zwischen dem, was die 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 278 (schwer behinderten, MB) Kinder und Jugendlichen an Geborgenheit und Teilhabe am Leben eigentlich notwendig hätten, und den begrenzten eigenen Möglichkeiten“263 entspricht dem Zusammenbruch der Balance der innersubjektiven und intrasubjektiven Beziehungsformen. Infolge dieses Zusammenbruches wird mit dem Rationalen Mythos das Gegenüber zum fremden Anderen, zu einem Mensch, dessen Anderssein als bedrohliche Infragestellung des Eigenseins erlebt und nun zugleich bekämpft werden muss.264 Diese Infragestellung des Eigenseins der nichtbehinderten Beziehungsperson ist die Infragestellung ihrer Denkbemühungen in einer ‚Situation des drohenden Zerfallens‘. Mit dem Sich-Überlassen der Infragestellung der Denkbemühungen, der Abwesenheit des Denkens, nahm ich etwas Nicht-Vorhandenes – Aufregung – und darin das bisher Nicht-Vorhandene – das bisherige Missverstehen der Aufregung von Jens – wahr. Das bisher Nicht- Vorhandene ist der in der Wendung von innen her erfahrbare subjektive Sinn der Bewegungen – Aufregung –, der in Jens’ Bewegungen bislang eben nicht erfahrbar war. Als metaphorischer, ideeller ist er das, was die sinnlich-unmittelbare Ebene überschreitet. Der nun von innen her erkennbare subjektive Sinn bezog sich auf eine Ausschlussfigur: die Ausschließung von Sinn, die in der Auffassung der Begriffe als konkretistisch-leere Metaphern anerkannt wurde. Daher wurde mit ihm auch die Abwesenheit des Denkens – als ‚Sinnlosigkeit des Raum- Verlassens', als ‚Zuckungen eines seelenlosen Körpers‘ – erschreckend spürbar: der Schrecken darüber, in einer Welt zu existieren, in der man auf kein Verstanden-Werden hoffen kann. Indem es hinsichtlich der Wahrnehmung der ‚Sinnlosigkeit‘ wie des ‚seelenlosen Körpers‘ nicht unterscheidbar war, ob es sich um auf ein Außen bezogene Wahrnehmungen, um eigene Projektionen oder um eine einem subjektiven Objekt entsprechende Illusion handelte, musste dies erscheinen, als sei etwas Zerstörerisches in mich hineingekommen: die Abwesenheit des Denkens, mit der die Unterscheidung von äußerer Realität und innerer Phantasie unmöglich wird. Der Vorgang der Wendung lässt sich daher als ein Akt der Objektzerstörung verstehen: als Folge eines Angriffes von Jens auf meine 263 Pfeffer, W. (1988) S. 131 264 Siehe Fußnote ♣ Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 279 Denk- und Symbolisierungsfähigkeit, bei der diese vorübergehend zerfällt. Ob also die Bewegungen als ‚Zuckungen eines seelenlosen Körpers‘ oder als Ausdruck der Aufregung eines Menschen erscheinen, schien davon abzuhängen, ob der zerstörerische Schrecken, der mit der Wahrnehmung einer Verbindung zwischen Jens und mir ausgelöst worden war, von mir ausgehalten werden konnte – also gewisserma- ßen, ob ich mich davon zerstören lassen konnte, ohne zerstört zu werden. Das Überleben bedeutete hier, den Schrecken zu ertragen, so dass die Phantasie des ‚seelenlosen Körpers‘ weder vorschnell als Projektion noch als sachliche Wahrnehmung deklariert werden musste, sondern ich sie als ein bislang unverstandenes Verbindungsstück zwischen Jens und mir akzeptieren konnte. Das Ertragen des Ungenügend-Seins – des mangelnden Verstehens, der Abwesenheit des Denkens – bedeutete, diese unverständlichen Phantasmen als etwas zu akzeptieren, das unter den gegebenen Umständen durch die Begegnung mit dem fremden Anderen, das man nicht denken kann, erzeugt wird. Der ‚seelenlose Körper‘ ist ein Konstrukt zur Beschreibung dieses fremden Anderen. Er lässt sich als Synonym für den zerstörten und zerstörerischen Behälter verstehen und entspricht der dyadisch fixierten Beziehung. Der zerstörte Behälter behandelt die unverständlichen Beziehungsbotschaften des schwermehrfachbehinderten Menschen als seien es sinnliche Wahrnehmungen von unbelebten Dingen. In der Wendung nahm ich gewissermaßen mit der negativen Übertragung die Rolle der Bedrohung an, wurde zum zerstörerischen Behälter und darin zum zerstörten Behälter, ohne mich zerstören zu lassen. Von außen betrachtet entsteht in der Wendung etwas Nicht-Vorhandenes – einem subjektiven Objekt entsprechend – die „ungedachte Bekannte“265. Mit dem metaphorischen Verweis auf das in der Verwicklung erzeugte phantasmatische Objekt – die fremde Andere – wird die Trennungserfahrung anerkannt. Mit der Anerkennung entsteht eine Situation, die dem schwermehrfachbehinderten Menschen die Möglichkeit des Existierens als ‚Alleinsein, während jemand anders anwesend ist‘266, gestattet. Das Gegenüber wird aus einer pathologischen Sphäre der Phantasie – der Verwicklung, bei der mit den auto- 265 Bollas, C. (1987) nach Altmeyer, M. (2000) S. 163 266 Winnicott, D. W. (1984) S. 36 ff. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 280 sensorischen Kreisläufen ein Objekt-Ersatz, die fremde Haut, hergestellt und darin die Erfahrung von Getrenntheit vermieden wird – als subjektives Objekt in eine Sphäre gerückt, die als innere Realität den Bezug zu einer äußeren Realität und damit ein erstes Existieren als nicht-reflexives Selbst ermöglicht. Innen und außen beziehen sich nun nicht mehr auf die vom Rationalen Mythos erzeugte dyadisch fixierte Verwicklung, bei der durch den Ausschluss des Sinnhaften das Denken und Phantasieren der nichtbehinderten Beziehungsperson zu kollabieren droht und in der Wahrnehmung der Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Gegenübers als etwas objektiv Dinghaftes abgestützt werden muss. Sie beziehen sich jetzt auf verschiedene Verstehensrichtungen. Während von innen heraus im szenischen Verstehen der Blick auf die ins Metaphorische gewandten leiblichen Impulse des schwermehrfachbehinderten Menschen gerichtet ist, geht es von außen darum, diesen Vorgang auf einer Ebene zu sichern, die mit der Bestimmung der darin deutlich werdenden Qualität der Objektbeziehung die erkennbar werdenden Grenzen berücksichtigt. Der Verstehensvorgang bezieht sich auf das Ein- und Ausschließen eines Ausschlusses. Im Verstehen der Bewegungen als Abfuhr ungehaltener Erregung – als Folge einer Aufregung über ein zerstörerisch erscheinendes Beziehungsangebot – wird die Phantasie von den ‚Zuckungen eines seelenlosen Körpers‘ als Einbruch des fremden Anderen deutlich. Das fremde Andere nimmt nun als das Nicht-Identische die Funktion eines Widerstandes an. Die in der Szene enthaltene Kritik – das Nein – realisiert sich in den sich einem Verstehen widersetzenden, sinnlos erscheinenden Bewegungen. Die Sinnlosigkeit der ‚Zuckungen des seelenlosen Körpers‘ wandelt sich in der Wendung mit dem Annehmen der negativen Übertragung zur Kritik an der therapeutischen Beziehung, der Kritik am Rationalen Mythos, in dem das Nicht-Verstehen nicht ertragen, das Ungehalten-Sein nicht gehalten und ihm das denkende Ich der Therapeutin entgegengesetzt wird. Mit dem Verstehen des Ungehaltenen / Unaushaltbaren der ‚Zuckungen des seelenlosen Körpers‘ wird in der Wendung das fremde Andere des Gegenübers in seiner Widerständigkeit anerkannt. Das fremde Andere als das Identische und zugleich Nicht-Identische hält das dyadisch fixierte Beziehungsmuster aufrecht. In seiner Widerständigkeit vertritt das fremde Andere beim Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 281 Verstehensvorgang nun die Situationen des drohenden Zerfallens und stützt das metaphorische Verstehen gegen den Rückfall ins Dyadische ab. Das Eindringen des fremden Anderen als Vorstellung vom Ungehaltenen / Unhaltbaren der ‚Zuckungen eines seelenlosen Körpers‘ ist ein Vorgang der Objektzerstörung, der die Abwesenheit des Denkens als Zusammenbruch der Balance intersubjektiver und intrasubjektiver Beziehungen mit der Anerkennung der Getrenntheit des Gegenübers als dessen radikaler Abwesenheit legiert. Hierdurch entsteht ein phantasmatisches Objekt, das eine kreative Leistung der dyadisch fixierten Beziehung ist. Es wird zum Prototyp für die Doppelung und darin für die Anerkennung der als Folge traumatischer Ereignisse produzierten undenkbaren Spuren. Der Umgang mit sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren lässt sich als Auseinandersetzung mit diesem phantasmatischen Objekt (bei Jens der ‚seelenlose Körper‘, bei Anna die ‚Plastikmatte‘ und später das ‚in ein offenes Klötzchen eingeschlossene Glöckchen‘, bei Ro. der ‚Teer‘) verstehen. Hierdurch wird das Eigensein der Beteiligten – ihre Nicht-Identität mit dem durch die Abwesenheit des Denkens gekennzeichneten intermediären Raum – deutlich. Das fremde Andere erscheint in der negativen Übertragung als übermächtige Bedrohung. Dieses fremde Andere ähnelt dem von Bion beschriebenen „bizarren Objekt“.267 Bizarre Objekte als unverdaute-unverdauliche Introjekte Bizarre Objekte entstehen dann, wenn ein Mensch nicht über die Behälterfunktion verfügt, also nicht die Fähigkeit der Mutter zur träumerischen Einfühlung verinnerlichen konnte, die es ihm ermöglichen würde, seine eigenen inneren Botschaften zu verstehen (zu träumen, Gefühle wahrzunehmen und angemessen deuten zu können). Beziehungswünsche und -angebote machen es für die beteiligten Personen erforderlich, die dadurch ausgelöste innere Erregung in etwas zu verwandeln, was man träumen kann, was als Gefühl bewusst werden kann und was in Verbindung mit Sprache mitteilbar ist. Menschen mit der beschriebenen Schwierigkeit können die ausgelöste Erregung nicht so verwandeln, dass sie als Empfindung erscheint und dadurch für sie erträglich würde, dass sie darüber sprechen, träumen etc. können. Dies kann mit der Heftigkeit der ausgelösten Erregung zusammenhängen oder mit der Intolerierbarkeit der Gefühle, zu denen sie führen würden, seien es Ärger, Neid etc. Be- 267 Bion, W. R. (1992) S. 72 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 282 ziehungswünsche und -angebote konfrontieren diese Menschen in unerträglicher Weise mit diesem Problem, da ihnen etwas fehlt, mit dem sie die durch die Beziehung ausgelösten Erregungen verdauen und zu Gedanken über sich und die anderen umwandeln können. Stattdessen sind sie in extremer Weise gezwungen, die hervorgerufenen unerträglichen inneren Zustände so zu behandeln, als seien es äußere Wahrnehmungen. Die so im Außen wahrgenommenen Objekte enthalten Aspekte vom Inneren dieser Menschen wie von den äußeren Dingen. Hierdurch entsteht ein bizarres Objekt, zusammengesetzt aus unverständlichen, sinnlosen, unverbundenen Aspekten. Solche ‚bizarren Objekte‘ werden als unerträglich verfolgende Dinge erlebt. Mit der Wendung entsteht eine Situation, die es ermöglicht, die Sinnlosigkeit – Jens’ Bewegungen als ‚Zuckungen eines seelenlosen Körpers' – als Folge eines zweckgerichteten Geschehens anerkennend in ein Verstehen einzuholen. Sie lässt sich als Folge eines Vorganges betrachten, bei dem infolge der Verstehensbarriere durch eine spezifische Form der Durchdringung von Körper und Sprache etwas einem bizarren Objekt Ähnliches, ein phantasmatisches Objekt entsteht. Sprache wird zu etwas Sinnlosem, einer emotionalen Beziehung nicht Angemessenem. Die Sprache wird zu einem zerstörten Behälter, der wie ein ‚seelenloser Körper‘ solche auch produziert. Mit dem Begriff des Phantasmas bezeichnet Erdheim einen Vorstellungskomplex, dessen Herkunft in abgewehrten, intolerierbaren frühen Wünschen des Einzelnen liegt. Diese mussten sowohl primärprozesshaft (Verschiebung, Verdichtung etc.) bearbeitet als auch durch sekundärprozesshafte Mechanismen unkenntlich gemacht werden, damit sie vom Bewusstsein toleriert werden.268 Bei den sekundärprozesshaften Mechanismen spielen gesellschaftlich verankerte, institutionalisierte Abwehrmechanismen eine besondere Rolle. Hierdurch werden gesellschaftlich organisierte Ideen und individuelle frühe hochwirksame Wünsche und damit verbundene unvorstellbare Ängste zu Vorstellungskomplexen verschmolzen, die die Verankerung gesellschaftlicher Normen im Einzelnen bewirken. Im Phantasma des Rationalen Mythos sind gesellschaftlich organisierte Vorstellungen im Individuum gebunden, die um die Idee der Machbarkeit des Person-Seins und Subjekt- Seins des Menschen kreisen. In Bezug auf schwermehrfachbehinderte Menschen werden mit dieser Idee diese Eigenschaften an die Ausbil- 268 Erdheim, M. (1990) S. 212 ff. Die Konzeption der Anderen und die Sicherung des Verstehens 283 dung rationaler Fähigkeit gekoppelt und damit aus der dyadischen Beziehung gelöst. Das Phantasma gestaltet den schwermehrfachbehinderten Menschen zu einem ‚entseelten Körper‘. Die als ungehaltene Erregung erscheinenden ‚Beziehungsbotschaften‘ des schwermehrfachbehinderten Menschen entziehen sich subjektiver Aneignung (einem Verstehen), da sie als Präkonzeption auf ein Gegenüber bezogen sind, das als ein verfolgendes phantasmatisches Objekt – ein verfolgender Schrecken – erscheint. Das, was ich phantasmatisches Objekt nenne, ist eine in der Verwicklung erzeugte Konfiguration eines verfolgenden Objektes. Sie ist aus der Sicht der nichtbehinderten Beziehungsperson weder mit dem schwermehrfachbehinderten Gegenüber gleichzusetzen noch aus der Sicht des schwermehrfachbehinderten Menschen mit der nichtbehinderten Beziehungsperson. Sie ist in dem Sinn als ein bizarres Objekt zu verstehen, als sie die Spur der unverdauten, phantasmatisch verzerrten Ängste der nichtbehinderten Beziehungsperson als Antwort auf eine beschädigte, schwer verständliche und zugleich auf ein Verstehen dringend angewiesene Leiblichkeit ist. Diese dem dyadischen Muster entsprechende Spur ist aus der Sicht des schwermehrfachbehinderten Menschen die Präkonzeption eines Gegenübers. Dieses ist durch eben jene Phantasmen gekennzeichnet, die im gesellschaftlichen Umgang mit schwermehrfachbehinderten Menschen unweigerlich bestimmend sind. Denn in der Verwicklung ist das Unbewusste der nichtbehinderten Beziehungsperson, dem diese sich wegen der intolerierbaren Vernichtungsängste und Tötungsphantasien nicht hingeben kann, beteiligt. Mit der Wendung werden diese phantasmatischen Objekte einerseits als das anerkannt, was sie sind. Gewissermaßen werden sie in ihnen andererseits auch szenisch geschaffen. Das, was sich darin szenisch als Sinn realisiert, ist die in der Verwicklung, der Barriere enthaltene Präkonzeption als Erwartung eines unerträglichen, verfolgenden Objektes, von dem kein Verständnis zu erwarten ist, von dem man sich nicht trennen kann, da es Teile des Eigenen enthält, das man jedoch erst recht nicht integrieren kann, da die Aspekte von keinem Verstehen modifiziert, sondern von einem Missverstehen verzerrt sind. Der Schrecken des ‚zuckenden seelenlosen Körpers‘, den ich schließlich als die durch mein Beziehungsangebot verursachte und darin beantwortete Aufregung von Jens verstehe, ist Jens’ Schrecken über 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 284 die schwierige Art seines Seins in einer Fremdheit erzeugenden Welt: ein Schrecken, der ihm jedoch noch kaum zugänglich ist, den ich daher für ihn halten muss. Hiervon ist in der beschriebenen Wendung etwas ins Verstehen gekommen. Die entstandene Einigungsfigur ermöglicht Jens das Alleinsein in Gegenwart einer Anderen, nicht als eine ständig verfügbare Fähigkeit, jedoch als Prototyp des Vorganges der Aneignung. Die Einigungsfigur bietet eine Grundlage dafür, dass im weiteren Verlauf des therapeutischen Prozesses weitere Aspekte des ‚seelenlosen Körpers' deutlich und verstehbar werden können. Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle Das dyadisch fixierte Beziehungsmuster lässt sich als Umgangsform mit frühen traumatischen Ereignissen betrachten. Bestimmte, mit dem Eintritt der Behinderung zusammenhängende Geschehnisse konnten von den Beziehungsformen des dyadischen Subjektes – den haltenden Fähigkeiten der nichtbehinderten Beziehungsperson und damit zusammenhängend den rhythmisch-dynamischen Formenbildungen und Schutz gebenden Oberflächensensationen des betroffenen behinderten Menschen – nicht regulierend gehalten werden. Die Folge dieses Geschehens hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Auswirkung von Intoleranz des Säuglings gegenüber Frustration – Neid, Aggression, Gier – bzw. vom Versagen der Fähigkeit der Mutter zur träumerischen Einfühlung auf die frühe Mutter-Kind-Dyade. Da sich die Lust-Unlust- Polarität als regulierendes Prinzip nicht etablieren kann, wird der Vorgang der Objektzerstörung verhindert. Dies hat zur Folge, dass keine zu verinnerlichende situative Beziehungskonfiguration entstehen kann, die dem Kind die Erfahrung einer äußeren Realität im Unterschied zur inneren Phantasie ermöglichen könnte. Das traumatische Geschehen führt zu einer Zerstörung oder Verhinderung dieser Strukturbildung. Autonome Impulse der schwermehrfachbehinderten BeziehungspartnerIn wie auch aggressive Phantasien der nichtbehinderten BeziehungspartnerIn müssen als existentiell bedrohlich verhindert werden und erzwingen immer wieder erneut den Rationalen Mythos. Mit dem Ineinander der Verwicklung der autosensorischen Verhaltensweisen und des darauf bezogenen Denkens wird eine Barriere geschaffen. In Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 285 der Wirkung dieser Barriere werden die ‚Botschaften‘ der schwermehrfachbehinderten BeziehungspartnerIn in einer Weise verändert, dass sie sich nicht denken lassen, sondern als zerstörerische Elemente erfahren und darin bekämpft werden müssen. Die Sinnlosigkeit der Verhaltensweisen wie auch das zerstörerische Denken sind nicht nur Folge der traumatischen Ereignisse. Diese Form der Beziehung muss im Kontext der therapeutischen Beziehung zugleich als einzig mögliche Form eines Mitteilungsversuches verstanden werden, der diese traumatische Beziehungsstörung zum Inhalt hat. Das Überleben des Subjekts in traumatischen Ereignissen ÓTraumatische Ereignisse sind dadurch definiert, dass sie Erregungen auslösen, die traumatisch wirken, da sie „stark genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen“, d. h. den inneren und/oder äußeren Beziehungsraum zu vernichten. Sie setzen Sprache wie auch andere Ausdrucksformen der Betroffenen außer Kraft. Die Folgen dieser Ereignisse verbleiben dann gezwungenermaßen im physiologischen, vegetativen Bereich, auf der Verhaltensebene fixiert, sind einer bewussten Verarbeitung nicht zugänglich. Weitergabe und Vermittlung dieser Erfahrungen ist als Mitteilung im eigentlichen Sinn nicht möglich, da die mit ihnen zusammenhängende Erfahrung der Haltlosigkeit (der Zusammenbruch des Beziehungsraumes, das Versagen des Reizschutzes) das Subjekt als solches stets aufs Neue mit Auflösung bedroht. Die Folgen dieser Zerstörung im Selbstgefühl der betroffenen Menschen sind eine Art besetzter Raum im Selbst, eine Leere als Mangel an Struktur, die im Gegensatz zur Leere, die eine Möglichkeit darstellt, Entwicklung verhindert. Das Trauma als Zusammenbruch der symbolischen Verarbeitungsmöglichkeiten eines Menschen ist der „Zusammenbruch des Konstruktionsprozesses selbst, mit dem wir Bedeutungen generieren“269. Es ist die Zerstörung der primären regulierenden Struktur, die Winnicott der Funktion der Umweltmutter und Bion der Fähigkeit der Mutter, als Behälter für die Beziehungsbotschaften des Kindes zu dienen, zuschreiben. Dieser Zusammenbruch ist jedoch nicht ausschließlich passiver Art. Auch hier noch, in dieser Extremsituation, ist das Subjekt bemüht, das physische und psychische Überleben zu ermöglichen und den zerstörerischen Prozess selbst in die eigene Kontrolle zu bekommen. Krystal beschreibt diesen Vorgang als Verwerfung und setzt ihn mit „den immunologischen und Zellreaktionen, die bei der Prävention von Infektionen und Neoplasie eine Rolle spielen“270, in Verbindung. Bei dieser Abwehrform würden „Informationen, die mit dem Überleben des Ich unvereinbar sind, […] gar nicht erst aufgezeichnet und führen so zu einem ‚schwarzen Loch‘ im Informationsverar- 269 Bohleber, W. (2000) S. 826 270 Krystal, H. (2000) S. 846/7 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 286 beitungssystem.“271 Spuren, die Traumata hinterlassen, sind Spuren, die auf Abwesenheit verweisen. Die Folgen der „Leere und Vernichtung“ sind „Mangel an Struktur und Bildern, eine anhaltende Abwesenheit“272. Der Zusammenbruch der psychischen Verarbeitungsmöglichkeit im Umgang mit traumatischen Erfahrungen erzwingt einen dem Körperlichen äquivalenten Vorgang, mit dem die Aufnahme und Anerkennung existentiell bedrohlicher Wahrnehmungen durch das Versagen, ja die Zerstörung des Wahrnehmungsorgans verhindert wird. Das, was in Träumen, Halluzinationen, psychosomatischen Beschwerden etc. wiederkehrt, sind nicht Erinnerungen, sondern Deckerinnerungen, die sich auf die ausgelöschten Spuren beziehen. Libeskind weist mit dem städtebaulichen Kontext auf eine Entsprechung auf gesellschaftlicher Ebene hin. Er bezieht sich auf die anscheinend spurenlose Vernichtung der Berliner Juden, die sich mit dem Wiederaufbau Berlins in der Spurenlosigkeit der ehemaligen jüdischen Bezirke, Wohnhäuser und Einrichtungen vollzieht. Die so erzwungene Unmöglichkeit der Erinnerung an die Vernichtung der Juden hinterlässt als Spur die Anwesenheit von etwas Undenkbarem, mit der die „‚Abwesenheit‘ als Resultat dessen, was geschehen ist“273 die Gegenwärtigkeit des Todes erzeugt. Die hier beschriebenen seelischen Folgen traumatischer Erfahrungen beziehen sich auf die entwickelte Persönlichkeitsstruktur von Erwachsenen oder älteren, nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen. Die traumatischen Ereignisse führen zu Einschlüssen im Selbst, die den Betroffenen dennoch ein begrenztes Maß an Autonomie ermöglichen. Diese müssen unterschieden werden von jenen traumatischen Ereignissen, die sich in der frühesten Kindheit ereignen und zu schwerwiegenden Verzerrungen der dyadischen Beziehung führen. Winnicott spricht im Zusammenhang mit sehr frühen traumatisierenden Ereignissen von einem Unbewussten, dessen Bedeutung darin liegt, „dass die Ich-Integration unzureichend ist. […] Die ursprüngliche Erfahrung der primitiven Seelenqualen (kann, MB) nicht in die Vergangenheit gelangen […], wenn das Ich sie nicht zuerst in seine eigene gegenwärtige Erfahrung aufnehmen und unter omnipotente Kontrolle bringen kann (indem es die stützende Funktion des Hilfs-Ichs der Mutter (des Analytikers) annimmt).“274 Es sind Erfahrungen, die sich ereigneten, bevor ein Selbst sich bilden konnte, bzw. die zum – vorübergehenden – Einbruch der frühen coenästhetisch organisierten Dyade führten. Winnicotts Konzept bezieht sich auf Menschen, die als Abwehr der frühen traumatischen Erfahrungen ein falsches Selbst entwickelt haben. Oberflächlich gesehen funktionieren sie 271 Krystal, H. (2000) S. 850 272 Laub, D. (2000) S. 861 273 Libeskind, D. (1999) S. 4 274 Winnicott, D. W. (1991) S. 1120/1 Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 287 realitätsgerecht, erscheinen gesund. Darunter verbergen sich jedoch quälende Gefühle der Leere und Sinnlosigkeit, der Eindruck, nur unter großer Mühe ein falsches Leben zu leben, verbunden mit einer unbestimmten diffusen Angst vor etwas Unnennbarem. Im Winnicott'schen Konzept ereignet sich der Zusammenbruch der PatientIn als das, was sie, ohne es zu wissen, immer befürchtete und daher auch bekämpfen musste. Indem er sich jedoch im Kontext des therapeutischen Prozesses ereignet, kann sich die PatientIn mithilfe der TherapeutIn den Sinn dieser Erfahrungen vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte aneignen. Der Zusammenbruch als Folge früher erschreckender Ereignisse, denen die PatientIn als Säugling ausgeliefert war, wird nun als ein psychisches Geschehen wirklich und tritt an die Stelle, wo vorher unverständliche, dem Ich der PatientIn fremde Ereignisse (Leere-Gefühle, diffuse Ängste) waren. Auch Bion hat ein Modell vorgestellt, bei dem die unverständlichen und verwirrenden Äußerungen der PatientIn den in spezifischer Weise misslingenden Verstehensversuchen der TherapeutIn gegenüberstehen. Er versteht das darin zum Ausdruck kommende Übertragungs-Gegenübertragungs- Geschehen so, dass sich in der sich zwischen TherapeutIn und PatientIn herstellenden Verwicklung die Funktion des Verstehens so in die TherapeutIn verlagert, dass die PatientIn in ähnlicher Weise auf die TherapeutIn wie ein Säugling auf die Mutter angewiesen ist, jedoch in ebenso destruktiver Weise, wie es in ihrer Lebensgeschichte der Fall war. Bion beschreibt die charakteristische Verzerrung als Folge der Fähigkeit der PatientInnen, eine emotionale Verwicklung mit dem Analytiker hervorzurufen. Diese produzierte Sinnlosigkeit versteht Bion als zweckgerichtet, da die PatientInnen die Möglichkeit des Verstehens unbewusst mit der Erwartung verbinden, dass sich „ein mörderisches Über-Ich herauskristallisieren könnte, und deswegen (das, MB) Verlangen (haben, MB), die emotionale Erfahrung, in der das geschehen könnte, in Anwesenheit des Analytikers zu machen.“275 Auch in den Wendungen ereignet sich etwas, was einem befürchteten und bislang zugleich unverständlichen, fremden Geschehen entspricht. Dieses Geschehen entsteht mit der Wendung als eine sinnlich-konkrete Beziehungsfigur. Mit dem darauf bezogenen szenischen Verstehen wird es zu etwas Wirklichem, insofern mit dem metaphorischen Verstehen sich das Ereignis als Sinn realisiert. Im Fall von Anna ließ ich zu, dass sie mich verlässt. Mit diesem Mich-Verlassen war mehr gemeint als es Anna zu gestatten, den Raum zu verlassen. Im Kontext der bisherigen Inszenierung erschien es, als riskierte ich damit, dass diese Handlung die Sinnlosigkeit der bisherigen Arbeit als Beziehungsarbeit und damit die Sinnlosigkeit von An- 275 Bion, W. R. (1992) S. 69 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 288 nas Verhaltensweisen besiegeln würde. Der sich in der Wendung realisierende Sinn bezog sich auf die tiefe Verlassenheit von Anna in den sinnlos erscheinenden Verhaltensweisen als Verlassenheit von einem Ich. Anna konnte nichts befürchten bzw. als Befürchtung mitteilen, da die Ereignisse, um die es ging, ihr die Möglichkeit genommen hatten, über die einem Ich entsprechende Struktur zu verfügen. In dieser Szene schien sich mitzuteilen, dass sie mit ihren Bemühungen, zu sich selbst zu kommen und sich aus der Festlegung auf ein kindliches Sein zu lösen, zugleich riskiert, verlassen zu sein, oder anders ausgedrückt, dass das Verlassen-Werden vom Gegenüber sie zerstören könnte. In der Wendung ereignet sich beides: Mit der Hingabe an das Verlassen- Werden entsteht die sinnlich-konkrete Beziehungsfigur des Mich-Findens. Zugleich macht sich das Verstehen am Sinnlich-konkreten der Szene fest und weist damit auf die protosymbolische Begrenztheit des Verstehens hin.276 Im Fall von Jens ließ ich die Wahrnehmung zu, dass er sich über mich und meine Annäherung in beunruhigender Weise erregte. Die anfängliche Sicherheit mit der Atem-Stimm-Tonleiter war ja mehr und mehr durch Einbrüche zerstört worden, die bedrohliche Phantasien bei mir ausgelöst hatten. Diese bezogen sich auf die Wahrnehmung seiner Bewegungen als ‚Zuckungen eines seelenlosen Körpers‘. Meine Interventionen erschienen nun zugleich untergründig zerstörerisch – ich befürchte, ihn zu töten, wenn ich ihn berühre –, so dass ich seine Verhaltensweisen als Zurückweisungen, Abwehr gegen das von mir ausgehende Zerstörerische deutete. Indem ich akzeptierte, dass Jens sich quasi als Folge eines Angriffes durch mich erregte, gab ich mich dem fremden Anderen hin. Mit der sich ereignenden Beziehungsfigur wurde mit dem darauf bezogenen szenischen Verstehen ‚Aufregung über eine Annäherung‘ der Sinn der Beziehungsfigur ‚Erregung über einen Angriff ‘ deutlich: der Angriff als Nicht-Verstehen, als Nicht- Halten der Erregung. In dieser Inszenierung könnte sich die Befürchtung ausdrücken, dass sich der Wunsch nach Beziehung an ein zerstörerisches Gegenüber richtet. 276 Jahre später erfuhr ich, dass Annas Sterben in eine ähnliche Inszenierung eingebunden war. Sie war in stationärer Behandlung, wobei es nicht unmittelbar absehbar war, dass sie sterben würde. Als die sie besuchende Betreuungsperson den Raum verließ, starb Anna. Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 289 Die Abwesenheit von Sinn, mit der der Möglichkeit des Denken- Könnens der Boden entzogen wird, machte Annas Lautierungen zu Geplapper und Jens’ Bewegungen zu Zuckungen. Darin schien sich die Unfähigkeit von Jens und Anna zu dokumentieren, subjektiv einen Anspruch auf Leben zu erheben – jenes Kriterium, von dem die neue Euthanasiebewegung die Berechtigung ableitet, jemanden töten zu dürfen. Diese Abwesenheit von Sinn, die in der Verwicklung ein mörderisches Über-Ich auf den Plan ruft, wurde in den Wendungen zu einem intersubjektiven sinnlich-konkreten Geschehen, bei der die szenische Beziehungsfigur nun sinnhaft auf das Verlassensein in der Sinnlosigkeit und die Zerstörung in dem Ungehaltensein verweist. Die befürchteten Ereignisse realisierten sich als Sinn eines auf ein potentielles Subjekt-Sein verweisenden Geschehens. Die Verwicklung, die die Beziehung zwischen dem schwermehrfachbehinderten Menschen und der nichtbehinderten Beziehungsperson kennzeichnet, ist durch eine als Präkonzeption fungierende Struktur charakterisiert. Diese Präkonzeption realisiert sich in der Wendung zur sinnlich-konkreten Beziehungsfigur. Diese entspricht der undenkbaren Erwartung des schwermehrfachbehinderten Menschen, von der nichtbehinderten Beziehungsperson mit den eigenen Bemühungen nicht wahrgenommen und darin als Subjekt vernichtet zu werden. Die Verstehensbemühungen der nichtbehinderten Beziehungsperson sind mit dem Rationalen Mythos zu sachlichen Beurteilungen verzerrt, die immer wieder ihr eigenes Scheitern zu besiegeln scheinen. Die traumatischen Ereignisse, von denen schwermehrfachbehinderte Menschen betroffen waren, scheinen sich darin insofern zu wiederholen, da der Verstehensvorgang im Sinne einer Verständigung darüber immer wieder aufs Neue zu scheitern droht. Die Ereignisse haben sich im Sinne Winnicotts noch nicht ereignet. Mit der Nicht-Berücksichtigung der dyadischen Struktur führt ein unangemessenes Denkkonzept, das nicht berücksichtigt, dass schwermehrfachbehinderte Menschen auf die Verständigung mittels des Behälter-Modells angewiesen sind, dazu, dass ihre Unfähigkeit, Erfahrungen zu einem eigenen Erleben zu verarbeiten, festgeschrieben wird. Das Unangemessene des Denk-Konzeptes – der theoretischen Unfähigkeit – lässt sich als ein defektes Bewusstsein, Erfahrungen abzubilden, begreifen. Die Therapeutin, die ein defektes Bewusstsein in sich aufgenommen hat, ist untrennbar ver- 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 290 bunden mit dem defekten Inhalt, den von Phantasmen ununterscheidbaren, als fremd, sinnlos und bizarr erscheinenden Verhaltensweisen des schwermehrfachbehinderten Gegenübers: eine Verbindung, die sich im Eindruck ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ dokumentiert. Defektes Bewusstsein heißt, dass die Beziehung Behälter–Inhalt als solche nicht erscheint. Nicht-Verstehen ist – ein unangemessener Ausdruck – ein Behälter, der um sein Behälter-Sein nicht weiß, da er mit dem Inhalt legiert ist. Der Inhalt ist in spezifischer Weise unverständlich, da er aus Beziehungsbruchstücken besteht, in denen nicht zusammengehörende zusammengehörige Aspekte von Dingen und Empfindungen zusammengeballt sind. Der Konflikt, den der schwermehrfachbehinderte Mensch nicht realisieren kann und der sich als solcher ausschließlich in der Therapeutin zu ereignen scheint, lässt sich hier verstehen als die Zerstörung / Verdrehung / Umdrehung der Behälterfunktion. Die Sinnlosigkeit, die bislang als ‚Nichts‘ beschriebene drohende Erfahrung der Auflösung des Denkens, erscheint nun als das Eindringen von Eindrücken, die die Behälterfunktion der TherapeutIn zerstören, oder aber als Aufnahme eines defekten Behälters. Sie steht mit der Befürchtung in Verbindung, dass ein Verstehen – die depressive Position – vernichtend sein könnte. Die Aufnahme eines defekten Behälters – ein anderes Wort als die bislang als Barriere beschriebene Verwicklung – ist in diesem Fall ein kreativer Akt und kann als Folge des Versuches der Objektzerstörung verstanden werden. Wenn er von der TherapeutIn überlebt wird, d. h. das Ereignis in der therapeutischen Beziehung eine Wendung entstehen lässt, kann Wirklichkeit in dem Sinne entstehen, dass das ‚Ereignis‘ sich als subjektiv erlebbarer Sinn metaphorisch verwirklicht und dem schwermehrfachbehinderten Menschen den Zustand des ‚Alleinseins in Gegenwart einer Anderen‘ gestattet. Die ‚Sinnlosigkeit der Verhaltensweisen‘ kann darin nun als Umgang mit einem phantasmatischen Objekt – dem ‚zerstörten bzw. zerstörerischen Behälter‘ – deutlich werden. Das ist ein Umgang, der als Umgang mit Übergangsobjekten der Möglichkeit des analen Verfügens äquivalent ist. Das, was in den Wendungen wirklich wird, sind nicht umschriebene Ereignisse und Erfahrungen, auch wenn sie manchmal damit in Verbindung gebracht werden können, sondern die Zerstörung bzw. Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 291 Verhinderung eines Verstehensmodus, der Sinn als Voraussetzung des Denkens entstehen ließe. Wirklich bedeutet, dass diese Zerstörung bzw. Verhinderung sich als subjektiv erfahrbarer Sinn realisiert und damit verstehender Aneignung zugänglich wird. Mit der Wendung kann es gelingen, eine Hülle zu schaffen, in der mit dem metaphorischen Verstehen die Zerstörung oder Verhinderung von Sinn als konkretistisch-leere Metapher deutlich wird. Die Abwesenheit des Denkens – das ‚Nichts‘ – kann zur Metapher für einen zerstörten Behälter werden. G., ein schwer geistig behinderter junger Mann, sitzt meist ganz steif und sehr aufrecht auf dem Boden ganz in meiner Nähe. Er tönt, lacht, schimpft, weint, macht interessante Geräusche, die jedoch ganz unverständlich sind und wie eine denotationslose Sprache klingen. Wenn er kann, greift er gern in meine Haare, zieht mich zu sich heran, manchmal sanft, manchmal sehr schmerzhaft. Ich habe es oft zugelassen, um herauszufinden, was G. eigentlich will. Es blieb immer unklar. Ich war oft gereizt und beschämt, dass ich so dumm war, bei etwas so offensichtlich Sinnlosem mitzumachen. Als ich eines Tages seine Greifbewegung nach einer Tasse beobachte, die auf dem Tisch steht, und sehe, wie er mitten drin anhält und ins Leere greift, erscheint mir plötzlich […] jedoch […] G.‚s Greifen und Zerren durchaus zielgerichtet. Doch das Ziel verschwindet dauernd. Es ist vorerst mehr ein Bild: Ich will ein Wort aussprechen. Doch im Akt des Sprechens verschwindet das Wort. Ich will die Tasse greifen. Im Akt des Greifens löst sich das Bild, dessen Teil sie war, auf. In diesem Beispiel sind zwei Teile wichtig. Im ersten Teil greift G. nach mir und zerrt an mir. In diesem Hantieren werde ich in meinen Empfindungen selbst zu etwas Sinnlosem. Im zweiten Teil gerät die zerfallende Situation mit dem metaphorischen Verstehen in eine Hülle. Ich verstehe, dass G., wenn er nach mir greift und zerrt, mich meint, ich jedoch für ihn immer wieder verschwinde. Mit meinem bislang auf ein objekt-bezogenes, triadisches Beziehungsmuster ausgerichteten Verstehen, wenn ich wissen wollte, was G. wohl von mir will, wenn er mich zu sich heranzieht, lief ich gewissermaßen ähnlich ins Leere, wie G. ins Leere griff, wenn er mich heranzog. Man könnte sagen, G. kann nichts mit mir anfangen. Gerade darin werde ich für ihn zu einem subjektiven Objekt. Indem er mich gewissermaßen zerstört, zu einem Ding macht, werde ich für ihn brauchbar, kann ich anfangen zu verstehen. Erst wenn ich zu einem ‚Ding‘ werde, etwas Sinnlos-Unverständlichem, 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 292 passe ich zu G.‚s Welt-Erleben, bin ihm nicht mehr fremd und kann ahnen, wie für ihn die Welt sich ‚anfühlt‘. Die Schwierigkeit, sich auf ein solches Welt-Erleben einzulassen, hing mit der Schwierigkeit zusammen, die negative Übertragung und damit die Rolle des befürchteten Schreckens – des phantasmatischen Objektes oder auch des fremden Anderen – anzunehmen und darin seine Nicht-Identität zum Vorschein zu bringen. Das Ereignis, das in der therapeutischen Beziehung unaussprechlich war, war die Furcht, die Benennung von ‚etwas‘ führe zur Zerstörung der therapeutischen Beziehung. Ich hatte Angst, wenn ich aussprechen und damit realisieren – anerkennen – würde, dass G. nichts mit mir anfangen kann, würde das den logischen Schluss erzwingen, die Psychotherapie sei sinnlos und müsse abgebrochen werden. Die darin verborgene Befürchtung war, ich könnte ihn als unbehandelbar verlassen oder würde ihm aufgrund meiner – dieser – für ihn schädigenden Gedanken mit der Behandlung schaden. Auf sprachlicher Ebene musste diese Befürchtung unaussprechlich sein. Mit der Verwicklung, dem Ineinander autosensorischer Regelkreise und sprachlicher Verzerrungen wird die dyadisch fixierte Beziehung erhalten. Hierin sind die existentiell bedrohlichen ‚Interaktionsformen des drohenden Zerfallens‘ gebunden. In den Wendungen, in denen ein darauf bezogener Sinn deutlich wird, können sie durch die Verschmelzung mit lustvollen Elementen erträglich werden und den Umgang mit dem befürchteten Schrecken ermöglichen. Dieser Sinn stellt die dyadische Struktur als solche nicht infrage. Mit ihm wird aber der Anschluss an das Triadische offensichtlich. Die Verwechslung der entstehenden sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren mit einer durch Symbolformen vermittelten Beziehung lässt einen intermediären Raum entstehen, der mit der Illusion des subjektiven Objekts auch die Realisierung des bedrohlichen Schreckens und darin die Erfahrung seiner Nicht-Identität ermöglicht. Die Nicht-Wahrnehmung der Verwechslung käme jedoch der erzwungenen Erfahrung einer äußeren Realität – der radikalen Abwesenheit des anderen – gleich und stellt eine Bedrohung dar, da darin die dyadische Beziehung negiert wird. Es wäre so ähnlich wie wenn die sprachlichen Rollenspiele des Kindes im oneirischen Dasein von der Beziehungsperson nicht im Sinne eines Als-Ob, sondern vor dem Hintergrund des erwachsenen Sprachver- Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 293 ständnisses als Halluzinationen aufgefasst würden. Die sprachliche Benennung der Empfindungen und Vorstellungen der nichtbehinderten Betreuungsperson, bei der der intermediäre Raum unberücksichtigt bleibt, muss als Anwesenheit der Katastrophe erfahren werden. Sie wird auf Beziehungserfahrungen angewandt, die sich im Sinne von Winnicott noch nicht ereignet haben, da sie vom potentiellen Selbst des schwermehrfachbehinderten Menschen noch nicht als sinnhaftes Erleben aufgenommen werden konnten. In den Wendungen werden diese Beziehungserfahrungen in Szene gesetzt. In ihnen realisiert sich die unaussprechliche und undenkbare Befürchtung als Beziehungsfigur und wird darin einem szenischen Verstehen zugänglich. In der oben beschriebenen Episode setzt sich die Befürchtung in Szene, G. könne mit mir und meinem Beziehungsangebot nichts anfangen. Zugleich verstehe ich, dass G. mich, gerade wenn ich für ihn zu einem Nichts werde, als jemand sucht, die ihn und seine schwierige Art des Seins findet. Die folgende Wendung ereignete sich in der Therapie von Jens kurz nach der zuvor zitierten Episode, bei der die als Aufregung verstandenen Bewegungen zum Verweis auf die ungehaltene Erregung wurden. Hier nun ging es um das Bemühen, die sinnlich-zärtliche Komponente der Berührung in ein Verstehen einzuholen. Das Erleben wirkte als Schock, der darauf hinwies, wie viel Angst die sinnlich erfahrbare Wirklichkeit einer Begegnung hervorrief. „Einen Schritt weiter geraten wir in der nächsten Sitzung. Nach einem wilden ‚Wut-Spiel‘ auf dem Xylophon, bei dem ich versuche, ‚Zeit zu sammeln‘277, spüre ich in der folgenden körperlichen Berührung zum ersten Mal eine deutliche sinnlich-erotische Komponente zwischen Jens und mir. Wie ein Schock überfällt mich die Vorstellung, Jens verstehe mich tatsächlich oder/und er sei erleichtert, dass ich ihn endlich verstünde bzw. endlich wisse, dass er mich verstehe. Das muss ich sofort wieder zurücknehmen.“ 277 Damit ist eine bestimmte Form der Bewusstseinsveränderung gemeint, die mit einem veränderten Zeiterleben einhergeht. Im meditativen Hören ständiger Formwiederholungen, wie sie beispielsweise in indischer Musik vorkommen, bei dem man sich innerlich der Ziellosigkeit dieser Bewegungsfiguren überlässt, kann ein Bewusstseinszustand entstehen, bei dem ein kurzer Moment sich zur Unendlichkeit einer Gegenwart ausdehnt und man eins wird mit allen Erscheinungen. Ich war also hier bemüht, ein primärnarzisstisches Erleben herzustellen, zu erzwingen, um es dem Zerfallserleben entgegenzustellen. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 294 Der Schrecken, der hier spürbar wurde, war ungleich heftiger als in der zuvor beschriebenen Wendung, bei der die Bewegungen als Ausdruck von Aufregung erkennbar wurden. Die sinnliche Erregung, die im Körperkontakt mit Jens einerseits in mir ausgelöst worden war und die ich zugleich in ihm als Folge unseres Kontaktes wahrnahm, ging einher mit der Vorstellung ‚er versteht mich‘, er habe mich früher möglicherweise auch schon verstanden, nur ich habe es nicht bemerkt und wahrgenommen. Diese Vorstellung erlebte ich vor dem Hintergrund der bisher so erschreckenden Einbrüche – ‚Zuckungen eines seelenlosen Körpers‘ – als überwältigend und darin beschämend und schuldhaft, als sei ich bodenlos dumm und schlecht, dass ich das erst jetzt verstehe. Diese Affekte führten zu quälenden Überlegungen, als offenbare sich mit dem sinnlich-erregenden Aspekt ein der therapeutischen Beziehung immanentes Herrschaftsverhältnis, welches seine Macht aus der Funktionalisierung sexueller Bedürftigkeit beziehe. Diese Vorstellung einer gewaltsamen Beziehung war Reflex auf die in mir angeregten destruktiven und heftigen Phantasien (siehe das ‚wilde Wut-Spiel‘), die als Reaktion auf die Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein zu verstehen sind, die in der Dyade unweigerlich auch die nichtbehinderte Beziehungsperson betrifft. Ich spürte mit der Heftigkeit und Wucht der Affekte die Wirkung jener unverstandenen Erregung als Einbruch meines Denkens und Zerfall symbolischer Verarbeitungsmöglichkeiten. Nur mühsam gelang es mir zu verstehen: „Die Angst, die das (die Wahrnehmung der sinnlich-erregenden Aspektes der Beziehung zwischen uns, MB) macht, provoziert das Verlangen nach Kontrolle. Wird der mimetisch sinnliche Aspekt, der nur im Gesamt der Situation verstehbar ist, isoliert in ein diakritisches Verständnis eingeholt, muss das als Sexualisierung eines Abhängigkeitsverhältnisses erlebt und abgewehrt werden. Die Angst entstand im Moment des Gewahrseins des Anderen als Einbruch des Sich-Erkennens in die dyadisch fixierte Beziehung. Es hatte sich eine Situation entwickelt, in der mit den Berührungen und dem Körperkontakt eine lustvoll-vitale Atmosphäre entstanden war, der ich mich gewissermaßen einen Moment überließ. Indem mir dies bewusst wurde als sinnlich-erregender Aspekt der therapeutischen Beziehung, entstand die Vorstellung, Jens und ich könnten uns tatsächlich verstehen. Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 295 Die Bedeutung des sinnlich-erregenden Aspektes der Situation leitet sich her aus der Funktion der Sinnlichkeit in der dyadischen Beziehung. Die präödipale, nicht genitale Sexualität dient – wie Lichtenstein ausgearbeitet hat – der Auskonturierung der dyadischen Identität. Der fortwährende Austausch von Sinnesreizen, der dem einzigartigen Kontakt zwischen Mutter und Kind seine spezifische Gestalt gibt, hat ein somatisches Sich-Erkennen der dyadischen PartnerInnen zur Folge. Hierbei spielen gerade jene basalen Wahrnehmungsbereiche der somatischen, vestibulären und vibratorischen Wahrnehmung eine herausragende Rolle, die nach Haupt und Fröhlich dem Embryo bzw. Säugling nicht nur den Hauptteil der sensorischen Information zur Verfügung stellen. Sie ermöglichen auch erste Integrationsleistungen, durch die das Kind sich als körperliche Einheit erlebt. Ausgangspunkt der Basalen Stimulation ist die systematische Förderung eben jener Wahrnehmungsbereiche, da „jeder Mensch, und sei er in jeglicher Hinsicht extrem in seiner Entwicklung behindert, dennoch eine gewisse Ansprechbarkeit in den genannten drei basalen Wahrnehmungsbereichen hat. Berührungen, Bewegung im Raum und Vibration werden immer aufgenommen und mit vielleicht nur geringfügigen Veränderungen beantwortet.“278 Lichtenstein sieht in ihnen Organisatoren der Mutter- Kind-Dyade. Sie werden in den dyadischen Interaktionen aufgeladen, indem sie der Modus sind, mittels dessen die Mutter in ihrer spezifischen, von ihren unbewussten Phantasien gestalteten Art, das Kind zu halten, zu streicheln, zu füttern etc. und sich dabei auf die kindlichen Aktionen und Reaktionen zu beziehen, das Kind ins Leben verführt279. Hierbei spielen gerade ihre unbewussten Phantasien eine herausragende Rolle, da der coenästhetisch organisierte Kontakt darauf beruht, dass die Mutter sich ihren Phantasien, Affekten und Impulsen überlassen kann und ihr dies zugleich in regulierender Weise möglich ist. Die Mutter weckt so im Kind auf unbewusster Ebene die Bedürfnisse, die sie befriedigen könne. Das, was also aus der Sicht von außen als die durch ein Zusammenspiel von neurophysiologischen und sensomotorischen Prozessen organisierte körperliche Einheit des Kindes erscheint, ist zugleich aus der psychoanalytischen, speziell der objektbeziehungstheoretischen Sicht von innen Ausdruck der dyadischen Uri- 278 Fröhlich, A. (1991) S. 41 279 Lichtenstein, H. (1961) S. 251 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 296 dentität, die nur durch den Bezug auf ein mit dem Unbewussten der Mutter ihr eingeschriebenes, inhärentes Umfeld sinnvoll werden kann. Funktion der Sinnlichkeit und das Lust-Unlust-Prinzip Der lustvoll-sinnliche Bezug, der die dyadische Beziehung auszeichnet, transportiert die Botschaften, mit denen sich die PartnerInnen als erkannt spüren. Diese Art des Erkennens bezieht sich noch ganz auf das dyadische Paradox, in dem die Botschaften des Gemeint-Seins sich auf ein Gegenüber beziehen, das von sich nichts weiß. Das bezieht sich auch auf die erwachsene / nichtbehinderte BeziehungspartnerIn, da sie wesentlich mit ihrem Unbewussten und den darin bewahrten frühen sexuellen Phantasien beteiligt ist. In den Unlust erzeugenden Situationen des drohenden Zerfallens wird das Rätselhafte, das Nicht-Verstehen, zur bestimmenden Erfahrung und im günstigen Fall zum Motor für die Entwicklung jenes Spannungsraums, in dem das Rätselhafte und Unbekannte verstehender Aneignung zugänglich wird. Zugleich ist dies ein Prozess, der weiterhin teilhat an der „notwendigen Produktion unbewußter Reste“280. Laplanche, der in ähnlicher Weise wie Lichtenstein die Erfahrung der Anderen als vorrangig vor der Erfahrung des Selbst bestimmt, weist darauf hin, dass gerade mit dem Unbewussten der Mutter die Andere und Fremde als eine, die sich selbst nicht kenne, in das Kind hineinkomme.281 Die Erfahrung des Fremden wird gerade in Situationen des drohenden Zerfallens zur bestimmenden Erfahrung und ruft Unlust als Gefahrensignal hervor, während die sich ergänzenden Interaktionen – das Sich-Finden – Lust im Sinne von Wohlgefühl, Erleichterung hervorrufen. Das Lustprinzip mit den Lust-/Unlust-Reaktionen des Kindes wird zum konturierenden Widerpart, wenn es der Mutter gelingt, mit ihrer haltenden und regulierenden Funktion diese Reaktionen des Kindes aufzugreifen und mit den dyadisch auskonturierten Identitätslinien zu vermitteln. In der obigen Wendung wird mit dem lustvoll-sinnlichen Bezug und der Vorstellung des Verstehens zugleich erschreckend das Von-sichnicht-Wissen, das Rätselhafte der Botschaften, spürbar, und zwar in einer Weise, die den lustvoll-sinnlichen Bezug sogleich infrage stellt. Mit der Wahrnehmung des sinnlich-erregenden Aspektes und der Vorstellung des Verstehens kommt zugleich das ins Spiel, was sich einem Verstehen entzieht, der „Schatten (als, MB) das Andere und Fremde des Analytikers […] – seine unbewussten Verführungs-, Missbrauchsund Zerstörungswünsche, die er als Repräsentant der ‚Versagung‘ nicht 280 Wellendorf, F. (1999) S. 22 281 Laplanche, J. (1996) S. 114 ff. Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 297 aussprechen kann oder selbst nicht kennt.“282 Der Schrecken bezog sich auf das Rätselhafte der eigenen Botschaften im Anderen und der Botschaften des Anderen im Eigenen, jedoch in einer Weise, die sich einer Regulierung zu entziehen schien. Dieses unverständlich Rätselhafte, mit dem die Erfahrung der Getrenntheit bestimmend wird, hatte die dyadische Fixierung erzwungen. Es wies damit auf die Zerstörung oder Verhinderung eines Spannungsraumes hin. Diese Zerstörung war mit der Abwesenheit des Denkens als ‚Zuckungen des seelenlosen Körpers‘ in mich hineingekommen. Diese Zerstörung wurde mit der Vorstellung des Verstehens insofern metaphorisch verwirklicht, als mit dieser Vorstellung die ‚Andere, die von sich nichts weiß,' als ein bedrohliches Gegenüber Kontur gewann. So sind die quälenden Überlegungen über die therapeutische Beziehung als eine sich auf die Funktionalisierung sexueller Bedürftigkeit stützende Herrschaftsbeziehung mit den darin angeregten destruktiven und gewaltsamen Phantasien als Konturierung eines phantasmatischen (verfolgenden) Objektes zu verstehen. Mit der Möglichkeit des Verstehens werde ich zugleich zur Repräsentantin dieses Objektes als eines „mörderischen Über-Ichs“283. Dieses mörderische Über-Ich, das in den Beurteilungen eines solch begrenzten Lebens als nicht lebenswert Gestalt annehmen kann, eröffnet jedoch jenen wenn auch schwer erträglichen Spannungsraum, der mit der Infragestellung der dyadisch fixierten Identität durch die sich zum Trieb organisierenden sinnlich-erregenden Spannung entsteht. Das Verstehen ist insofern zugleich der schockartige Einbruch von Lebendigkeit in einen tödlich erstarrten ‚seelenlosen Körper‘, da mit der Möglichkeit des metaphorischen Verstehens die bislang im unmittelbaren interaktiven Zusammenspiel bzw. in der Verwicklung gebundenen Impulse in der Triebspannung als sinnlich-erregendes Geschehen affektiv spürbar werden. Der ‚seelenlose Körper‘ ist ein Synonym für das dyadisch fixierte Beziehungsmuster, das mit der triebenergetisch erzwungenen Infragestellung zu einem Thema wird. Der Einbruch des Verstehens konturierte mit der im ‚seelenlosen Körper‘ zum Ausdruck kommenden Wucht des Nicht-Verstehens ein unmöglich erscheinendes Identitäts-Dilemma. 282 Wellendorf, F. (1999) S. 22 283 Bion, W. R. (1992) S. 69 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 298 Die Vorstellung des Verstehens weist auf das bislang nur als Ausschließung bestimmte Dritte – den fehlenden Sinn – hin, indem es eine Phantasie hervorbringt, die sich auf die heftige Zurückweisung des sinnlich hervorgelockten Gegenübers bezieht. Mit dem Schrecken spürte ich die Heftigkeit meiner gleichzeitigen Abwehrbewegung als eines Konfliktes, der meinen Halt und meine Einfühlung – meine Regulierungsfähigkeit – infrage zu stellen drohte. Die Intensität des Affektes wie auch die Dramatik der Szene hängt damit zusammen, dass das ins Leben verführte Gegenüber, da die Vermittlung fehlt, als stark eindringend erlebt wird und heftige Gegenreaktionen provoziert. Der Einbruch der Lebendigkeit als Gewahrsein der Sinnlichkeit in die therapeutische Beziehung geschah in der Hingabe an den sinnlicherregenden lustvollen Aspekt der Beziehung als vorübergehender Einbruch meiner Kontrolle. Ich gab den Versuch auf, aus einer Situation, in der ich unser Beisammensein als schwierig und unverständlich empfand, Jens’ Bewegungen als Ausdrucksbewegungen verstehen oder sie im Sinne einer basalen Stimulation stimulierend beeinflussen zu wollen. Ich hatte mich dem Missverständlichen überlassen, da ich in den Interaktionen Jens bislang gewissermaßen unterstellt hatte, dass er im Austausch mit den von mir produzierten Tönen und Klängen einen Dialog mittragen würde, d. h. dass auch in Situationen, in denen die Getrenntheit zur bestimmenden Erfahrung wird, eine Verständigung möglich sein würde. In diesen Situationen war jedoch durch die Barriere eine Verwicklung entstanden, mit der die Beziehung gerettet wurde. Das Gewahrsein dieses Missverständlichen drängte sich mir in den zunehmenden Einbrüchen, die ich als ‚Einbruch des Nichts' beschrieben habe, unmissverständlich auf. Im unmöglichen Versuch, auch hier noch, im ‚Nichts‘, in der Verwicklung das dialogische Prinzip durchzuhalten, hatte ich Jens’ Bewegungen unterstellt, etwas im Sinne von Mitteilung transportieren zu können. So war es zu dem beschriebenen Wut-Spiel gekommen, bei dem ich ein Verstehen erzwingen wollte. In der Aufgabe dieses Versuches und im gleichzeitigen Durchhalten der Beziehung als Vorgang der Objektzerstörung entstand die Vorstellung des Verstehens. Der zerstörerische Angriff – die als Angriff von Jens erlebte anscheinende Unerreichbarkeit – realisierte sich auf metaphorischer Ebene, indem Jens in mich einbrach. Indem ich als Behälter fungieren konnte, ermöglichte die Wendung mit der Vorstellung vom Der zerstörte Behälter – das Entstehen einer Hülle 299 Verstehen Jens die Illusion eines subjektiven Objekts als situatives Verfügbar-Werden eines Beziehungsmodus. Die missverständliche Verwechslung war das Verwechseln dessen, was hier mit Verstehen gemeint sein kann. Ihr Reflex war die Verwechslung des dyadisch situierten sinnlich-erregenden Aspektes mit der Funktion erwachsener Sexualität. Beide erlebte ich als äußerst schamvoll. Indem ich jedoch etwas wahrnahm, was nicht da war, entstand eine Metapher, die einen zerstörerischen Schrecken virulent werden ließ. Schon die Atem-Tonleiter-Form hatte auf der steten Anrufung des Namens beruht. Mit der sinnlich-erregenden Berührung wurde dieser Name sinnlich-sinnvoll. Ich rief Jens beim Namen, um damit voller Schrecken das Namenlose des Namens zu erkennen: in der Phantasie vom Rückzug von Jens als Rückzug von einem so schwerbehinderten Menschen, der im Kontext einer dyadischen Beziehung immer als Vernichtungsdrohung erscheinen muss. Durch die Berührung wurde der ‚seelenlosen Körper‘ mit den guten Aspekten der Interaktion legiert und das körperlich Dialogische lustvoll besetzt. Diese Besetzung bringt als Infragestellung der dyadisch fixierten Beziehung einen Konflikt hervor. Diese Inszenierung als eine Übertragung zu begreifen bedeutet, die ‚Zuckungen des seelenlosen Körpers‘ als Verweis auf ein mörderisches Über-Ich – ein phantasmatisches Objekt – zu verstehen, das hier entsteht. Das, was darin als bislang unverstandenes Ereignis wirklich wurde, schien sich auf die Gewalt als Abwesenheit des symbolischen Raumes zu beziehen. Das deutlich werdende Thema ließe sich von au- ßen mit dem erfahrenen Einbruch der beinahe tödlichen Erkrankung mit seinen zerstörerischen Folgen als eines traumatischen, vital bedrohlichen Geschehens in Verbindung bringen. Von innen her erscheint es als ein Ereignis, das dem Einbruch einer Situation des Zerfallens (und nicht des drohenden Zerfallens) in eine dyadische Beziehung entspricht. Der zerstörte Behälter gerät mit dem metaphorischen Verstehen in eine Hülle, wenn es gelingt, den Spannungsraum zu halten, der durch die Infragestellung der dyadisch fixierten Beziehung mit der auf ein phantasmatisches Objekt bezogenen Triebspannung entsteht. Wenn sich Destruktivität als „Gleichgültigkeit gegenüber den Grenzen der 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 300 organismischen Getrenntheit“284 verstehen lässt, dann erscheint das Destruktive des mörderischen Über-Ichs als Folge des lustvollen Autonomie-Impulses, der einer auf das Dyadische fixierten Identität zur Bedrohung werden muss. Die destruktive Phantasie der Herrschaftsbeziehung weist dabei auf die in der dyadischen Fixierung gefangene Identität als Entstehung der Auskonturierung eines individuellen Identitätsthemas. In der Wendung entsteht eine Situation, in der dieses Thema als subjektiv erlebbarer Sinn von innen szenisch entsteht und von außen in der hier vorgelegten Ableitung entzifferbar wird. Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut In der psychotherapeutischen Arbeit mit schwermehrfachbehinderten Menschen wird ein in die TherapeutIn verlagerter Konflikt deutlich, den ich als Aufnahme eines defekten Behälters beschrieben habe. In den mit den Wendungen entstehenden Situationen wird dieses Zerstörerische als Sinn verwirklicht, der sich auf die Verweigerung der Anerkennung des Gegenübers als Subjekt bezieht. Das auf ein Quasi-Objekt bezogene fehlende Selbst wird darin zu einem Thema. Dieser Konflikt lässt sich mit dem Konzept der exzessiven projektiven Identifikation in Verbindung bringen. Die Bedeutung der projektiven Identifikation in der frühen Beziehung ØDas Konzept der projektiven Identifikation ist für die frühe Interaktion zwischen Säugling und Beziehungsperson entwickelt worden. Damit ist, wie schon verschiedentlich dargestellt, die von Bion als Behälter-Inhalt konzipierte Beziehung gemeint. Der Säugling verlagert für ihn unerträgliche körperliche Spannungszustände in die Beziehungsperson hinein, um sie sich in einer erträglichen Form wieder aneignen zu können. Der Säugling schreit. Dieses Schreien ruft körperlich-emotionale Prozesse in der Beziehungsperson hervor. Sie spürt, das Kind hat irgendetwas. Sie versteht, dass es Hunger hat, Bauchgrimmen etc. Sie füttert mit beruhigenden Worten und spezifischen Handlungen das Kind, schaukelt es hin und her. Mit diesem Verstehen und den daraus folgenden Handlungen hält sie das Kind. Das Kind eignet sich im Lauf der Zeit hierdurch die Fähigkeit an, Entbehrungen zu ertragen und sie zu verstehen als einen Zustand, in dem ihm etwas Spezifisches fehlt. Dieser frühe interaktive Beziehungsmodus ist eine 284 Lichtenstein, H. (1961) S. 249 Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut 301 Form der Mitteilung, wenn noch keine Symbolformen verfügbar sind. Er ist für dyadische Beziehungsformen typisch. Er bleibt dem Menschen potentiell sein Leben lang erhalten. Diese Form der projektiven Identifikation muss von der sogenannten exzessiven projektiven Identifikation unterschieden werden. Diese entsteht, wenn die oben beschriebene Beziehung gestört ist, sei es durch angeborene Schwierigkeiten des Säuglings oder Schwierigkeiten der Mutter, auf ihn in angemessener Weise zu reagieren. Der Säugling verstärkt nun seine Bemühungen. Man könnte sagen, es entsteht Heftigkeit und Druck, da das Kind nicht mehr in der Vorannahme handelt, dass es ein/en Gegenüber / Behälter gibt, das/der seine unerträglichen Zustände in etwas Erträgliches verwandeln könnte. In dieser Form nimmt das Verlagern – die Verhaltensweisen, mit denen etwas bewirkt werden soll – etwas gewaltsam Zwingendes an. Der Vorgang, die Interaktion, vollzieht sich nicht mehr in gemeinsamer Hingabe an das Ganze, sondern erfolgt als ein gewaltsames Aushandeln unerträglicher Zustände. Unter bestimmten Umständen sind Menschen mit spezifischen Schwierigkeiten auf die Verständigung mittels exzessiver projektiver Identifikation angewiesen, um sich vor unerträglichen Verlassenheitsempfindungen zu schützen. Exzessive projektive Identifikation unterscheidet sich von sogenannten reiferen Abwehrformen dadurch, dass sie das äußere Gegenüber in einer Weise mit einbezieht, dass dieses sich durch die Heftigkeit der ausgelösten Affekte oder auch des Druckes, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten, oft stark beeinträchtigt fühlt. Die Folgen beschreibt Hinz folgendermaßen: „Objektbeziehungen unter der Einwirkung projektiv identifizierender Mechanismen müssen, intensiver Not gehorchend, dem Objekt (Analytiker/Mutter) partiell, unter Umständen total, Getrenntheit und äu- ßere Existenz mit eigenem Recht absprechen und eine Form der Mitteilung wählen, die darin besteht, seelische Not zu teilen.“285 Die PatientIn verhält sich beispielsweise in einer Weise, die verwirrt und beunruhigt. Sie verlagert hierdurch Verwirrung und Beunruhigung, die sich selbst weder fühlt noch versteht, in die TherapeutIn hinein. Es ist wichtig, die Verwirrung und Beunruhigung auszuhalten, um mit ihrer Hilfe ein tieferes Verständnis der Not der PatientIn zu erlangen. Bei dieser Form der Kommunikation ist die Differenz zwischen dem Symbol und dem Symbolisierten ausgeblendet. Segal spricht deshalb von symbolischer Gleichsetzung.286 Die Unterscheidung zwischen der Anderen in meiner Phantasie und der Anderen in der Realität kann nicht ausgehalten werden, da heftige Verlassenheits-Gefühle vermieden werden müssen. Dies führt dazu, dass sich die Sprache in einer so strukturierten Beziehung entscheidend verändere. In den zugrunde liegenden Denkprozessen werden 285 Hinz, H. (1989) S. 610/1 286 Segal, H. (1999) S. 54 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 302 „Worte und ihre Inhalte als konkrete Objekte und nicht als Zeichen und Symbole erlebt.“287 Da die Unterscheidung zwischen Symbol und Symbolisiertem nicht möglich ist, werden die Worte konkretistisch und funktional. Kommunikatives Handeln verwandelt sich in instrumentelles. Sprache kann nicht mehr aus einem Kontext heraus diesen bezeichnen, sondern muss ihn herstellen. Sprache wird beispielsweise zur Manipulation und Verwirrung benutzt. Die vorhandene Verwirrung kann nicht mitgeteilt, sondern nur geteilt werden. Das Überwiegen projektiver Identifikation lässt sich als gewaltsame Veränderung symbolischer Strukturen verstehen. Wenn es der TherapeutIn dennoch gelingt, etwas von der PatientIn zu verstehen und ihr dies mitzuteilen, dann nicht, weil sie ihre Worte als solche, sondern weil sie deren Wirkung versteht, diese in sich spürt und zu den Worten ins Verhältnis setzen kann. Die Worte gewinnen nur Sinn bezogen auf einen Kontext. Das Überwiegen exzessiver projektiver Identifikation in der Kommunikationsform erfordert on der TherapeutIn eine spezifische Haltung, die sich auf ihren Umgang mit den in ihr induzierten Empfindungen und eventuell auch auf die in ihr virulent gewordene Abwehr bezieht. Erst durch die Auffassung der therapeutischen Beziehung als Realbeziehung werde der „Subjektstatus des Therapeuten“288 berücksichtigt. Erst im Bemühen um die „Anerkennung des Analytikers als anderem“ könne Neues ins Spiel kommen. Ohne diese Anerkennung stehe „die symbolische Ordnung auf dem Spiel“289. Das Überwiegen exzessiver projektiver Identifikation in der Kommunikation traumatisierter oder früh gestörter PatientInnen führt dazu, dass Sprache funktionalisiert und zur Herstellung von Verwirrung und Nicht-Verstehen benutzt wird. In der therapeutischen Arbeit geht es um das Einholen der aus der Sprachgemeinschaft ausgeschlossenen Erlebnisinhalte in ein gemeinsames Verstehen. Im dyadisch fixierten Beziehungsmuster jedoch sind die auf sich selbst bezogenen leiblichen Verhaltensformen und autosensorischen Regelkreise des schwermehrfachbehinderten Menschen und das Sprechen und Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson so ineinander verwickelt, dass sich die symbolische Struktur von Sprache und Musik als Möglichkeit der Verständigung aufzulösen droht oder Formulierungen erzwingt, in denen das Gegenüber nicht mehr vorkommt, und so der Möglichkeit seines Subjekt-Seins der Boden entzogen ist. Da der schwermehrfachbehinderte Mensch über keine verin- 287 Hinz, H. (1998) S. 619 288 Dantlgraber, J. (1989) S. 977 289 Dantlgraber, J. (1989) S. 978 Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut 303 nerlichte haltende Matrix verfügt, muss der Versuch der Verständigung mittels der auf der Subjekt-Objekt-Trennung basierenden Symbolformen als Vernichtungs-Bedrohung erfahren werden, da ihr Fehlschlagen die Unfähigkeit und psychische Nicht-Existenz des schwermehrfachbehinderten Menschen zu besiegeln scheint. Die Verwicklung als dyadisch fixiertes Beziehungsmuster ist entstanden, da es der nichtbehinderten Beziehungsperson nicht möglich ist, sich ihren Phantasien und Impulsen zwanglos zu überlassen. Daher kann der gestische Sinn des leiblichen Verhaltens des schwermehrfachbehinderten Menschen als ein sich auf sinnlich-konkrete Beziehungsfiguren beziehender Ausdruck nicht entstehen. Mit den frühen gestischen Ausdrucksformen entstehen jedoch die beginnenden Erfahrungen des Kindes mit Ich- und Nicht-Ich. Der Ausdruck mit der Möglichkeit des Stehens-für bietet ihm ersten konturierenden Widerpart für die Erfahrung des eigenen Identisch-Seins. Sein Entstehen wird als lustvoll erlebt. Da sich die „Lust-Unlust-Qualität (als, MB) […] das erste im Säugling zentrierte Kriterium der Unterscheidung und der Wahl in der dyadischen Beziehung“290 im schwermehrfachbehinderten Menschen nicht in einer Weise etablieren konnte, die Entwicklung ermöglicht, droht die Formdominanz der nichtbehinderten Beziehungsperson total zu werden. Bedeutung bestimmt sich, da sie mit dem subjektiv Sinnhaften nicht mehr vermittelt werden kann, ausschließlich von der objektiven Bedeutung der der nichtbehinderten Beziehungsperson verfügbaren Symbolformen. Auf eben dieses sinnlos erscheinende symbolische Material – seine Zerstörung in der Verwicklung – ist die nichtbehinderte Beziehungsperson für den Versuch der Verständigung zwingend angewiesen, um das dyadisch fixierte Beziehungsmuster wahrnehmen und mit der erforderlichen Haltung die therapeutische Beziehung als Realbeziehung berücksichtigen und damit ihren „Subjekt-Status“291 ins Spiel bringen zu können. Denn mit ihm wird die symbolische Ordnung – wenn auch in der Ausschließung – aufrechterhalten. In der therapeutischen Beziehung zeigt sich dieses zerstörte Material als das entstandene musikalische Gewebe als Ineinander der Töne, 290 Niedecken, D. (2001) S. 235 291 Hinz, H. (1989) S. 977 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 304 Geräusche und Bewegungen der PatientInnen und meiner Interventionen. Es war dadurch gekennzeichnet, dass der idiomatische Gehalt des musikalischen Materials als Grundlage für die Entstehung von Ausdruck partiell zerstört scheint. Ich habe diese Art von Beziehung als Verwicklung bezeichnet, in der Sprache und Musik zu einem beschädigten Material – dem zerstörten Behälter – werden. Sie ist durch Eingriffe gekennzeichnet, die die PatientIn nicht wirklich zu erreichen scheinen. Meine Interventionen schienen die PatientIn nicht so zu erreichen, dass damit ein den Verhaltensweisen der PatientInnen immanenter Sinn verstehbar wurde. Der ‚in sich zurückfallende Ausdruck‘ ließ jedoch das mit der Verwicklung entstehende Erleben des ‚es scheint vegetativ gesteuert zu sein‘ als ein Muster im Sinne einer konkretistisch-leeren Metapher deutlich werden. Da in meinen Interventionen die Nicht-Erreichbarkeit vorwegnehmend mit enthalten schien, stellten diese gerade darin eine Verbindung her, da hierdurch die Nicht- Erreichbarkeit als gemeinsame Erfahrung anerkannt und damit erträglich wurde. In den konkretistisch-leeren Metaphern sind die traumatischen Ereignisse – der Ausschluss von Sinn – noch unverstandener Teil der Beziehung. Sie müssen im therapeutischen Prozess als Übertragungs- Gegenübertragungsgeschehen erlebbar werden, d. h., sie müssen sich darin als Interaktionsfigur ereignen, damit sie formulierbar – szenisch gedeutet werden können. So sind die Wendungen Situationen, in denen mit der sinnlich-konkreten Beziehungsfigur in mir eine Vorstellung entsteht, die ich als evident und stimmig im Bezug zur Beziehungsfigur erlebe. In der Vorstellung wird ein subjektiv erfahrbarer Sinn deutlich, der sich auf den Ausschluss von Sinn in den konkretistisch-leeren Metaphern bezieht. Damit lässt sich die Sinnlosigkeit des Materials – die erstarrte sinnentleerte Sprache sowie die fragmentierten und erstarrten musikalischer Formen – als etwas in mich hinein verlagertes Zerstörerisches verstehen. Dieses Zerstörerische erscheint als Wirkung eines ins Destruktive gewandten Autonomie-Impulses: die Sinnlosigkeit als Folge eines ins Leere gehenden / durch Ausschlie- ßung bestimmten Impulses, mit dem sich die PatientInnen im Kontakt zu mir zu behaupten suchten. Der nicht als autonom erfahrbare Impuls, der nicht im intersubjektiven Geschehen aufgefangen werden kann, sondern im Gegenteil Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut 305 als Bedrohung erfahren wird, erzwingt damit eine Situation, in der die nicht zu vermittelnde Getrenntheit zur bestimmenden Erfahrung wird. Er muss damit zur Verwicklung führen. In der Wendung wird im Sinne der Behälter-Inhalt-Beziehung mit dem Eindringen des Zerstörerischen die als Verwicklung beschriebene leibliche Uridentität – die körperliche Einheit (Inhalt) – im intersubjektiven Geschehen (als Behälter) aufgefangen und realisiert sich dort als subjektiv erfahrbarer Sinn. Während sich nun einerseits der Impuls mit der Vorstellung metaphorisch als subjektiv erfahrbarer Sinn verwirklicht, wird das zerstörte, sinnlos erscheinende Material, auf das sich der Sinn bezieht, zur Stellvertretung der Erfahrung der Getrenntheit, zum dyadischen Reflex (Spur), um dem „Zuviel an Welt“, dem „not me“, eine „Ausstreichung“292 entgegenzusetzen und sich gegen die Übermacht des fremden Anderen – der von der nichtbehinderten Beziehungsperson besetzten Bedeutungen, der im Rationalen Mythos als Halt fungierenden, herbeigezwungenen Idee – zu behaupten. Die situativ gelingende Infragestellung der Abhängigkeit ermöglicht den Umgang mit Übergangsobjekten, in denen ein phantasmatisches Objekt Kontur gewinnen kann. So verstand ich in dem Beispiel von G., der mich hin- und herzerrte, Hin- und Herzerren als auf eine mechanische Bewegungsform bezogene Worte. Die Ausschließlichkeit der wörtlichen Bedeutung und damit ihre konnotative Leere ließ sie zur Sprache des ‚Technikers‘ werden. Zugleich war ich Teil der Interaktion. Ich fühlte mich als Nichts. Daher konnten die Worte zum Synonym für ‚Nichts‘ werden. Ich verstand dies beim Versuch G.s, die Tasse zu greifen, als eine ziellose Leere infolge des Fehlens eines Gegenübers, genauer gesagt, als Folge des Fehlens eines ‚Ich für G.‘. Indem G. mich greift und zerrt, setzt er das leere Greifen und Zerren gegen meinen Versuch, mich ihm als Ziel anzubieten, – die schon beschriebene Verwechslung. Erst mit ihr kann die Illusion des subjektiven Objektes entstehen. Das Hantieren und das darauf bezogene Wort lassen sich als ein durch zerstörerische, unverständliche Beziehungsbotschaften – Heftigkeit der unverstandenen Affekte – zerstörter Behälter denken. Dieser konturiert sich in der Wendung, in der die spezifische Art von G., mir ein Gegenüber zu sein, er- 292 Laplanche, J. (1996) S. 119 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 306 fahrbar wird. Die Tasse wird damit zu einem Quasi-Übergangsobjekt. In ähnlicher Weise machte die Sinnlosigkeit der Plastikmatte bei Anna, ihr Den-Raum-Verlassen wie die Unverständlichkeit der Laute und Zuckungen von Jens in der formalen Leere der Worte die Abwesenheit des Denkens deutlich. Als konkretistisch-leere Metaphern werden die Worte im Sinne des oneirischen Daseins zur Anerkennung der Sinnlosigkeit, der metaphorischen Leere. Darin wird die namenlose Angst erzeugende Situation des drohenden Zerfallens, die gerade durch die Möglichkeit des Verstehens provoziert wird, gehalten und ermöglicht, das Fremdsein des Gegenübers anzuerkennen. Die Worte als konkretistisch-leere Metaphern können mit den Wendungen über die Möglichkeit der Bedeutung der Anerkennung des Selbsterhalts hinaus im szenischen Verstehen als subjektiv erfahrbarer Sinn als Umgang mit einem Thema verstehbar werden. Das Fremdsein des Gegenübers wurde unterscheidbar von seiner Vernichtung, von der Abwesenheit des Denkens. Hierdurch wurde das Missverständliche in der Interaktion erträglich. Die Plastikmatte wurde in meiner Phantasie zum Raum zwischen Anna und mir, zum Mutterbauch. Die Sinnlosigkeit des Hantierens mit der Plastikmatte geriet in mich hinein und wurde im Kontext der therapeutischen Beziehung nun ein Thema. Ebenso verstand ich die Zuckungen von Jens als Aufregung und Erregung, obwohl und weil sie zugleich sinnlose Verhaltensweisen waren und blieben. In den Wendungen kommt die Sinnlosigkeit in die Hülle des ‚ein Ich für zwei‘293. Die Sinnlosigkeit des Materials als Folge eines zerstörten oder zerstörerischen Behälters lässt sich als Auswirkung exzessiver projektiver Identifikation begreifen, die jedoch im vorliegenden Fall die Beziehung als dyadisch fixierte rettet, d. h. ein physisches Überleben ermöglicht. Die Möglichkeit von Entwicklung entsteht, wenn das Ich der nichtbehinderten Beziehungsperson zur Hülle wird. Mit der Infragestellung der dyadischen Fixierung durch das sich konfigurie- 293 Die Bezeichnung des ‚ein Ich für zwei‘ ist in Anlehnung des von McDougall geprägten Phantasmas des ‚Ein Körper, ein Geschlecht, eine Seele für zwei‘ entstanden, das psychosomatischen Erkrankungen zugrunde liegt. Sie beschreibt damit die Problematik einer an eine Dyade gebundenen Identität, die, um Autonomie zu gewährleisten, eine psychosomatische Symptombildung erzwingt. (McDougall, J. (1998) S. 38 ff.) Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut 307 rende phantasmatische Objekt und den damit in Verbindung stehenden Triebkonflikt als ein Identitätsthema entsteht ein Spannungsraum. Das Konzept der Hülle ermöglicht, diesen Spannungsraum als Balance der inter- und intrasubjektiven Beziehung im Kontext dyadisch fixierter Interaktionsformen zu denken. Das ‚Ich‘ des schwermehrfachbehinderten Menschen kann in einer einschließenden – konkretistischleeren Metapher – Ausschließung – der Sinnlosigkeit des fremden Anderen als Übergangsobjekt -anerkannt werden, die vom ‚Ich‘ der nichtbehinderten Beziehungsperson gehalten und ertragen wird. Dies ist entsprechend einer Hülle zu denken, die sich immer wieder zerstören lassen muss, um zeitweilig eine Hülle sein zu können. Eine solche Form des Hin und Her von Zerstörung, Entstehung und Zerstörung von Kontakt ereignete sich in der Therapie von Jens als Einbruch des ‚Nichts‘. Er mündete erstaunlich in eine lustvolle interaktive Situation, die wiederum durch den Eindruck des Absurden zu zerfallen drohte. Im Erlebnis des Kontaktes drohte er zu zerfallen. Ich schien darin selbst zu einem ‚Nichts‘ zu werden. Dieses ‚Nichts‘ ereignete sich in der folgenden Wendung im Sinne von: Es realisierte sich in einer sinnlich-konkreten Beziehungsfigur, auf die bezogen Sinn deutlich werden konnte. In einem Nebensatz beschrieb ich die Aufgabe meiner Intentionalität, die mich die Beziehung zu Jens wieder spüren ließ. „In der nächsten Stunde ist Jens sehr unruhig. Ich empfinde seine Bewegungen nicht als Intentionen, sondern als Zuckungen, unseren Kontakt als Täuschung. Trotz aller empfundenen Sinnlosigkeit mache ich weiter. Als Jens auf ein Pupsen von mir reagiert, geraten wir nach und nach wieder in einen intensiven sexuell gefärbten, befriedigenden Kontakt. Ist das personale Begegnung, ist es die Beziehung zwischen Mutter und Kind gestaltende Zärtlichkeit oder das Entgleiten einer beruflichen Beziehung aufgrund eigener unausgefüllter Wünsche und Sehnsüchte? Ich habe das Gefühl, dass niemand das je erfahren darf – die Absurdität des Pupsens als therapeutische Intervention.“ Jens’ nicht anerkennbare „Ausstreichung“ des „Zuviel an Welt“294 waren die ‚Zuckungen des seelenlosen Körpers'. Meine notwendigen Verstehensversuche mussten scheitern, solange sie sich nicht auf die nicht 294 Laplanche, J. (1996) S. 119 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 308 anerkennbare Ausstreichung – die im Dyadischen fixierte leibliche Identität – beziehen konnten. Die im Dyadischen fixierte leibliche Identität, an der ich qua Verwicklung zwangsläufig teilhabe, stellt einen Angriff auf meine Selbstbeherrschung dar, der zu einer vorübergehenden Aufgabe leiblicher Kontrolle führt. Indem ich ein vegetativ organisiertes Geräusch von mir gab, geriet ich an die Stelle, an der Jens mich ‚erwartete‘. Jens ‚erkannte‘ mich/sich, indem mir etwas Vegetatives zustieß. Der Vorgang schien Jens „die Illusion (zu ermöglichen, MB), dass es eine äußere Realität gibt, die mit seinem eigenen Erleben korrespondiert“.295 Im Durchhalten der Beziehung als Hingabe an meine inneren Impulse entstand für eine Weile eine durch lustvolle Sinnlichkeit geprägte Interaktion, bei der Jens und ich uns als gemeint erleben konnten. Zugleich droht der lustvolle und mit der Vorstellung des Verstehens einhergehende Kontakt durch Infragestellungen wieder gesprengt zu werden, in denen das schon beschriebene phantasmatische Objekt – ein mörderisches Über-Ich, das den lustvollen Kontakt mit ‚solch einem Menschen‘ verbietet – erkennbar wird. Der mit dem Lustvoll- Sinnlichen möglich werdende illusionäre Raum als der Beginn des Stehens-für droht durch einen verfolgenden Schrecken immer wieder zerstört zu werden, da dieses phantasmatische Objekt als Angriff auf den erkennenden Behälter entsteht. Um die spezifische Art der sich hier vollziehenden Objektzerstörung zu verstehen, sei noch einmal kurz auf diese Bedeutung dieses Vorganges in der normalen Entwicklung verwiesen. Hier kann mit dem Akt der Objektzerstörung das subjektive Objekt als Objekt außerhalb der eigenen Omnipotenz wahrgenommen und schließlich anerkannt werden. Mit der Verinnerlichung jener Behälterfunktion, die bislang von der Mutter wahrgenommen wurde, realisiert sich der oralaggressive Impuls auf der metaphorischen Ebene als Aneignung strukturierender Beziehungsaspekte. Im Umgang mit Übergangsobjekten, im Spiel, beginnen die Dinge nun dem Kind etwas zu bedeuten, werden ihm im Erleben sinnvoll. Damit beginnt es, innerlich einen Anspruch auf Leben erheben zu können. Müller-Pozzi formuliert dies folgendermaßen: „Der Mensch beginnt zu existieren, wenn er nein sagen, 295 Lincke, H. (1972) S. 834 Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut 309 also nicht mehr bloß aggressiv sein, sondern Aggression erleben, fühlen und ausdrücken kann.“296 Und weiter: „Die erste Verneinung ist Verneinung eines Zustandes, in dem zu existieren nicht nötig war.“297 Der hierfür notwendige Hass des Säuglings gilt „dem Objekt, das in der Trennung von Selbst und Objekt sich konstituiert“. In der oben beschriebenen Wendung entstand aus einem Akt der Objektzerstörung heraus eine Situation, in der sich ein subjektives Objekt konturierte. Meine vorübergehende Aufgabe der Selbstkontrolle als Hingabe an eine vegetative Funktion ist hier als Vorgang der Verwechslung zu verstehen. Mit Bezug auf die zu Beginn dieses Kapitels kurz skizzierte Episode aus der Therapie von Ro. stehe ich mit dem Pupsen gewissermaßen vor dem Fenster des verschlossenen Raumes, kann endlich verstehen. Ich nahm Jens wörtlich, da ich seine Bewegungen, mit denen er mir aufgrund der Verwicklung nichts sagen konnte, dialogisch missverstand. In der vorübergehenden Aufgabe dieses Anspruches und dem Gelingen der lustvollen Interaktion konturierte sich das subjektive Objekt. Ich verstand die Zuckungen nun als misslingende Suche nach einem frühen Liebesobjekt, in dem das Selbst beheimatet ist. Das darin zugleich mitvollzogene Nein gilt hier jedoch einem Zustand – dem dyadisch fixierten Beziehungsmuster –, in dem zu existieren nicht möglich war298. Es konstituiert das in der dyadischen Fixierung präkonzipierte phantasmatische Objekt als einen Schrecken, der das subjektive Objekt immer wieder zu zerstören droht. 296 Müller-Pozzi, H. (1995) S. 111 297 Müller-Pozzi, H. (1995) S. 111 298 Eine Beschreibung für jenen Zustand, der durch Abwesenheit des Denkens als Abwesenheit von Bedeutung gekennzeichnet ist, stammt von Derrida: „das primitive, prälogische Schweigen, die unvorstellbare Nacht“ (Derrida, J. (1972) S. 197). Derrida kennzeichnet die Vorgewalt als schlimmste Gewalt, gegen die sich die transzendentale Gewalt des auf Sinn ausgerichteten Diskurses richtet. Die Gewalt, die darin liegt, dass der Andere nur als Spiegel / Bezugspunkt des Selbst erfahrbar ist und er gerade darin in seiner Bedeutung als Mitmensch verfehlt wird, muss der Diskurs mit der steten eigenen Infragestellung gegen sich selbst richten, um sich darin in seiner Negativität und damit zugleich gegen sie behaupten zu können. Derridas Gedanken können hier nicht umfassend wiedergegeben werden. Sie sind mir jedoch hilfreich gewesen, um ein sprachliches Verständnis zu entwickeln, das den Veränderungen in den Wendungen gerecht wird bzw. die Veränderungen denkbar macht. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 310 Im Rationalen Mythos des dyadisch fixierten Beziehungsmusters erzwingen die Situationen des drohenden Zerfallens, die normalerweise aus einem Übergangsbereich heraus Motor der Konturierung einer Position des Dritten und damit der Entwicklung einer Selbst-Objekt- Struktur sind, eine Verwicklung, in der die Bestimmung des fremden Anderen von innen heraus unmöglich ist, während sie von außen als Ausschließung festgeschrieben wird. Die Position des Dritten ist hier als Ausschluss enthalten, der einen Einschluss verbergen soll. Das darin vollzogene Nein erscheint als Bollwerk gegen die Gewalt der ungehaltenen Erregung, die als Bedrohung der dyadischen Beziehung erscheint. Hierdurch wird ein Diskurs erzwungen, der in der Ausschlie- ßung der Position des Subjektiven aus Jens einen Zombie machen musste, solange nicht mit dem Entstehen des Illusionären – Durchdringung der Sprache im oneirischen Da-Sein, Sprache als Übergangsraum – die diskursive Gewalt als gegen sich gerichtete, sich selbst infrage stellende gedacht werden kann,299 indem der aggressive Impuls der ungehaltenen Erregung sich als sinnlich-konkrete Beziehungsfigur szenisch verwirklicht. Diese sinnlich-konkrete Beziehungsfigur des Pupsens und der anschließenden lustvollen Interaktion entsteht als Ineinander-Verschränkung aggressiver Impulse und ungehaltener Erregung von Jens und mir. In der anschließenden Phantasie der sexuell missbräuchlichen Beziehung wird die damit verbundene affektive Heftigkeit entsprechend einer Tötungsphantasie deutlich. Im Kontext der Nicht-Wahrnehmung der dyadischen Beziehungsform führt diese zwangsläufig zu einer Form sprachlicher Gewalt. Diese droht, als gegeneinander gerichtete agiert zu werden (die nichtbehinderten Beziehungspersonen gegen die schwermehrfachbehinderten Menschen, die Pflegekräfte gegen die Angehörigen etc.), wenn sie nicht in sinnlich-konkreten Beziehungsfiguren als Ausdruck eines existentiellen Konfliktes deutlich werden kann: ein als Folge des Verstehens sich organisierendes Triebgeschehen, das als Infragestellung der dyadisch fixierten leiblichen Identität erscheint. Einige Stunden später folgte eine Wendung, bei der ich mich von Jens in ähnlicher Weise angesprochen fühlte, wie das in der bei Anna 299 Denn im sprachlichen Diskurs ist die Anerkennung des Fremden nur in der Anerkennung seiner Abwesenheit – als Negativ – möglich. Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut 311 als Den-Raum-Verlassen beschriebenen der Fall war. Auch sie trat hier wie nebenbei als Hingabe an eine Interaktion ein: „Während einer Ton-Unterhaltung, bei der ich wie Jens nur stimmlich, ohne Xylophon mitmache, registriere ich erstaunt, dass ich gemeint bin. ‚Stimm-Unterhaltung – ich war ganz erstaunt, dass ich so wichtig bin ohne Xylophon‘.“ Hier in dieser Wendung geriet ich – entsprechend der Wendung, bei der Anna den Raum verlässt und auf mich fällt – an die Stelle des ‚Nichts‘, das hiermit Kontur gewann. Ich gab den Versuch auf, mit dem Xylophon Jens beeinflussen, ihn zu einem Mitmachen stimulieren zu wollen, und gab mich meinen stimmlichen Impulsen im Kontext der Interaktion hin. Jens fand mich als die, die er in seinen ‚Zuckungen‘ gesucht hatte: das ‚Ich‘, als eine verstehende Instanz, die die Illusion eines subjektiven Objektes ermöglicht und damit die Anwesenheit eines zerstörerischen Schreckens erträglich macht. Indem ich an die Stelle des ‚Nichts‘ gerate, entsteht aus einer Situation des drohenden Zerfallens heraus eine durch Bezogenheit gekennzeichnete Situation. Mit dem ‚Ich bin gemeint‘ entstand eine Behälter- Inhalt-Beziehung, insofern ich verstand, dass in den Situationen, in denen ich mich häufig mehr oder weniger verzweifelt gegen den Eindruck der Bewegungen als ‚Zuckungen‘ gewehrt und versucht hatte, Jens’ Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ich gemeint gewesen war. Ich hatte dieses Gemeint-Sein jedoch nicht verstanden, hatte es nicht verstehen können. Denn erst mit einer Wendung kann eine Situation entstehen, in der ein subjektiv erfahrbarer Sinn deutlich wird. Eine solche Situation ist durch Ich-Bezogenheit gekennzeichnet und ermöglicht dem schwermehrfachbehinderten Menschen die Organisation seiner Aufmerksamkeit, die auf die in der Interaktion wirksam werdenden Reize / Impulse gerichtet ist. Ich-Bezogenheit ermöglicht nach Winnicott eine „nicht-vergeistigte[…] Art des Alleinseins“300. „Wenn das Kind in dem von mir gemeinten Sinne allein ist, […] kann (es, MB) für eine Weile existieren, ohne auf einen äußeren Anstoß oder eine aktive Person mit einer Gerichtetheit des Interesses oder der Bewegung zu reagieren. Die Möglichkeit für ein Es-Erlebnis ist gegeben. […] Wenn der Impuls aufgetaucht ist, kann das Es-Erlebnis fruchtbar sein und ein Teil oder das Ganze der anwesenden Person, nämlich der Mut- 300 Winnicott, D. (1958) S. 348 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 312 ter, Objekt werden. Nur auf diese Weise kann das Kind etwas erfahren, das es als real empfindet.“301 Die Wendungen sind dadurch gekennzeichnet, dass ich mich der Situation und den darin virulent werdenden Impulsen hingebe, ich also nicht aktiv bin, ohne meine verstehende Haltung aufzugeben. Mit der sinnlich-konkreten Beziehungsfigur und der darauf bezogenen Metapher ‚Ich bin gemeint‘, entstand eine Situation, in der Jens eine Zeitlang existieren konnte, gerade da das ‚Ich bin gemeint‘ in Bezug auf die deutlich werdende Ausschließung des ‚Ich‘ im Spiel mit dem Xylophon als Prototyp der in der dyadisch fixierten Beziehung hergestellten Barriere entstand. Etwas später: „In einer dieser Stunden erneut heftiges Kratzen, das mich stets so furchtbar hoffnungslos macht: ‚Ich werde immer blinder‘. Ich singe für Jens und mich: „Wir leben noch – in der Dunkelheit fühlen wir uns“. Nach der Stunde wird mir die Sinnlosigkeit unseres Tuns qualvoll deutlich. Jens’ Zustand wird sich nicht bessern. Das Schreckliche ist, dass diese Sinnlosigkeit allein getragen und ausgehalten werden muss. Mir wird der Irrtum klar, dass man die Handlungen, Aktionen etc., die man als sinnlos erkannt hat, unterlassen will. Auch das Sinnlose muss getan und das Hoffnungslose gelebt werden. Und doch ist es eine einzige Qual. In der Dunkelheit sich zu fühlen, ist mir ein Bild für unsere Beziehung, die sich nicht finden lässt und doch da ist. Es lässt mich die darin enthaltene schwere Trauer spüren und ist dabei doch Trost. Immerhin ein erstes Bild für die Beziehung, in dem weder das Schlimme ausgeblendet noch die Beziehung vernichtet wird. So gelingt es mir auch erstmalig, die Wirklichkeit der Hoffnungslosigkeit zuzulassen, ohne davonzulaufen. Ein erstes Zeichen, dass die Beziehung über das Unmittelbare hinaus zu überleben beginnt.“ Mit dieser Wendung wird die das ‚Nichts‘ (die ‚Zuckungen des seelenlosen Körpers‘) erzwingende Situation des drohenden Zerfallens metaphorisch gewandelt zu ‚Hoffnungslosigkeit‘, die als subjektiv erfahrbarer Sinn die Situation zur Wendung bestimmt. Nicht die Situation ist hoffnungslos oder meine Arbeit ist hoffnungslos oder Jens’ Leben ist hoffnungslos, sondern ich verstehe (endlich), es geht in der Arbeit mit Jens um das Thema Hoffnungslosigkeit. Zugleich bleibt viel im Dunklen. Denn es ist z. B. unbestimmt, um wessen Hoffnungslosigkeit es 301 Winnicott, D. (1958) S. 349/50 Durchdringung von Sprache und Körper – Hülle für die fremde Haut 313 worauf bezogen geht. Ich kann mir zwar allerhand denken, meine Einfälle einsetzen. Diese müssten jedoch durch ein sinnlich-konkretes Beziehungsgeschehen szenisch realisiert werden. ‚Ich werde immer blinder' weist metaphorisch auf die Abwesenheit des Denkens, die mit dem ‚Kratzen‘ in mich hereingekommen war. Der Vorgang lässt sich im Sinne einer Behälter-Inhalt-Beziehung begreifen, indem mit dem ‚Kratzen‘ und der damit verbundenen Sinnlosigkeit der fehlende Sinn – der zerstörte Behälter – in die Worte kommt. Diese Worte sind keine Symbole, sondern symbolische Gleichsetzungen. Indem ich es aufgab, gegen das ‚Kratzen‘ zu kämpfen, wandelte es sich zu ‚Hoffnungslosigkeit‘ als einem existentiellen Lebensthema. ‚Wir leben noch – in der Dunkelheit fühlen wir uns‘ stand nun für das Durchhalten des Kontaktes. Die Hoffnungslosigkeit wurde insofern wirklich, als das ‚Nichts‘ – die Sinnlosigkeit – als sinnlich-konkrete Beziehungsfigur szenisch sich zur Hoffnungslosigkeit metaphorisierte und ich sie damit anerkannte. Wirklich bedeutete, das Empfinden der Hoffnungslosigkeit stellte für mich die Therapie nicht mehr infrage. Als Sinn metaphorisiert war sie eine mich ganz ausfüllende Empfindung, mit der ich ganz allein war. Das Alleinsein ist hier als eine Form einschließender Ausschließung zu verstehen, welche die einzige Möglichkeit darstellt, bei Jens zu sein. 7. Vorstellbarkeit als Voraussetzung der Begegnungen 314

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References

Zusammenfassung

Schwermehrfachbehinderte Menschen als ein Gegenüber auf Augenhöhe ernst zu nehmen, wird durch die heftigen Empfindungen erschwert, die sie in nichtbehinderten Menschen auslösen. Neben Interesse, Mitgefühl und Traurigkeit zeigen sich auch Abwehrreaktionen bis hin zu Tötungsfantasien: ‚Wäre es nicht besser, er oder sie hätte den Unfall, die Krankheit gar nicht überlebt?‘

Schuld und Scham spielen oft eine Rolle. Der Zusammenhang mit gesellschaftlicher Abwehr muss jedoch erkannt werden. Denn die Erfahrungen von tiefer Ohnmacht und Abhängigkeit bedrohen unser auf Autonomie und Kontrolle beruhendes Selbstverständnis. Musik eröffnet hier Zugangsweisen, inmitten des Schreckens das Subjektsein des Gegenübers zu entdecken. Als unzerstörbarer Halt kann der musikalische Beziehungsraum die Infragestellung durch Angst und Hoffnungslosigkeit ‚überleben‘. Freude und Hoffnung können unverhofft auftauchen und neuen Entwicklungsraum eröffnen.

Dieses Buch wendet sich in erster Linie an pädagogische, therapeutische und pflegerische Fachkräfte sowie an interessierte Laien.