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6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes in:

Maria Becker

Begegnung im Niemandsland, page 217 - 252

Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4326-4, ISBN online: 978-3-8288-7269-1, https://doi.org/10.5771/9783828872691-217

Tectum, Baden-Baden
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Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes Anna: Die nächsten 22 Stunden finden in der neuen Einrichtung statt. Diese ist mir aus meiner Arbeit mit einigen der dortigen BesucherInnen bekannt. Natürlich ist dort für Anna und mich alles anders. Wir haben keinen eigenen Raum zur Verfügung, der in direkter Verbindung mit dem Gruppenraum steht. Es gibt dort keine weiße Matte. Der neue Raum Gleich in der ersten Stunde (95. Stunde) ist unser Kontakt in der gewohnten Form wieder da. Die Flöten-Stimm-Dialoge und unser ‚Backe-Backe-Kuchen‘- Lied verbinden uns in vertrauter Weise. Ich führe die Therapie hier im Gruppenraum durch und spüre, dass wir ‚unseren Extra-Platz‘ noch suchen müssen. Im Gruppenraum ist es ein Decken-Belag mit kleinen Löchern, der zeitweise auf Anna wieder große Faszination ausübt. Als sie in der 98. Stunde beim Anschauen der Löcher in übergroße Erregung gerät, halte ich ihr die Augen zu. Sie vergräbt ihren Kopf in meinem Schoß. Ich halte sie fest. Mir fällt dabei Geborgenheit als Alternative zum ‚Sich-im-Raum-Verlieren‘ ein. Für unsere Beziehung scheint mir das eine Erweiterung, wenn diese ihr Schutz geben kann vor erregendem Kontaktverlust. Die nicht im Kontakt gehaltene Erregung führt zwar zu starken Körpersensationen, die ein Sich-Fühlen ermöglichen. Sie bergen aber gleichzeitig die Gefahr des Grenzverlustes, wenn innere oder äußere Strukturen fehlen. Diese Strukturen bietet nun die therapeutische Beziehung, wenn die Geborgenheit darin eine Alternative zum erregenden Weg-Driften ist. Oft kann ich jetzt, wenn Anna beim ‚Löcher-Starren‘ in Aufregung gerät, das als ihren Hinweis auf den Wunsch nach Halt verstehen, den ich ihr geben und sie annehmen kann. Auch die nächste Stunde ist gekennzeichnet durch einen Wechsel von Aufregung und Entspannung: beides Zustände, die nun in der Beziehung gehalten werden können und dadurch nicht mehr so bedrohlich sind. Meist sind wir uns sehr nah. Der Kontakt ist intensiv und von den bekannten Qualitäten gekennzeichnet: von Anna bestimmte Nähe und Distanz, Wechsel von Erregung und Entspannung, Wechsel von Situationen, in denen entweder die Faszination durch sinnliche Eindrücke oder emotionale Befindlichkeit und Bedürfnis nach Kontakt im Vordergrund stehen. 6. 217 Verschwunden sind jedoch die Zweifel an der Beziehung. Anna freut sich jedesmal sehr, wenn sie mich sieht. Und ich freue mich auch. Die Beziehung hat nicht nur den Wechsel überstanden, sie ist durch ihn deutlich geworden. Die fehlende Mama In der 104. Stunde entsteht wieder eine Mama-Situation. Doch ‚sie ist weg, nicht da‘. Etwas ist anders als in den bisherigen Mama-Situationen, in denen Annas Sehnsucht nach mütterlicher Geborgenheit und Verständnis wie mein Bemühen, dieser gerecht zu werden, die Beziehung gestaltete. Diesmal ist ‚Mama‘ mit einem nicht wieder gut zu machenden Verlust verknüpft – einem Verlust, der sich konkret auf ein gemeinsames Wissen beziehen lässt. Verbanden sich früher Verlust und Sehnsucht mit Fehlleistungen meinerseits, sind sie jetzt eindeutig Annas Eigenes: ihr inneres Erleben bezogen auf ein Ereignis ihrer Vergangenheit. Die zuvor immer so diffus-gegenstandslose Trauer hat einen Anker gefunden. Zum Schluss der Stunde ist Anna nach kurzer Aufregung traurig. In der nächsten Stunde habe ich deutlich den Eindruck, dass Anna die alte Situation vermisst (die Einrichtung, die weiße Matte). Sie führt mich herum, ohne Ruhe zu finden, und kratzt ab und zu auf dem Teppich. Ich spüre Annas Ärger und Unzufriedenheit, als ob ich ihr etwas (die Matte) entzogen hätte. In der darauffolgenden Stunde merke ich, dass Anna unglücklich ist, wenn wir uns begegnen, ich sie verstehe. Dieser Eindruck verstärkt sich in der nächsten Stunde, als erfolgreiche Spielanfänge immer wieder zu Trauer oder Erregung bei Anna führen. Dies irritiert mich: als ob das Gelingen eines Bemühens, die Anzeichen für den Erfolg, sie traurig machen, statt dass sie sie anspornen und ermutigen. In der 108. Stunde spielt Anna wieder mit dem Klötzchen und der Klingel. Diese kommt mir jetzt wie ein Körper mit einer gefangenen Glocke darin vor. Ich empfinde es als ein bedrückendes Symbol für Annas Lebenssituation. Anna spielt mit ihm und zeigt mir ihre Ausweglosigkeit. Ich spüre sie und verstehe Annas Mitteilung und kann ihr nicht helfen. Gefangen in den protosymbolischen, vorsprachlich-situationsgebundenen Interaktionsformen scheint es keinen Ausweg für ihr inneres Erleben zu geben. Ähnlich gefangen wie die Glocke ist Annas stetes Bemühen, sich und ihre Welt zu begreifen und deren Begrenzung zu durchbrechen. ‚Kommt ein Vogel geflogen‘ spiele ich. Ich versuche zu trösten und spüre Annas große Trauer über die Trennung von Zuhause, von Mama. In der 111. Stunde spielt Anna erstmals mit einem Quietschball. Wenn sie drauf beißt, entlockt sie ihm hohe quietschende Töne. Ich antworte mit der Flöte. So unterhalten wir uns. Auch diesmal gibt sie häufig Aktivitäten auf. Ich habe jetzt 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 218 den Eindruck, dass sie resigniert, weil sie nicht verstanden wird, ich vielleicht immer testen will und auf spielerische Formen dränge. Damit meine ich, dass ich, wenn Anna beispielsweise den Ball anstupst oder etwas dreht und rollt, ich gleich hocherfreut mitmache, den Ball zurückrolle etc., in der Hoffnung, dass daraus nun ein eigenständiges Spiel entsteht. Ich bin selber unglücklich darüber und kann mich doch kaum zurückhalten. In der nächsten Stunde sind wir uns mit unseren Stimmen und dem Körper sehr nah. Körper meint, dass ich sehr dicht hinter ihr sitze, sie manchmal im Arm halte, auf ihrem Rücken vorsichtig trommele oder darüber streiche, ihre Augen zuhalte, sie in meinem Arm / Schoß ist … Die Lieder (‚Backe-Backe-Kuchen‘, ‚Kommt ein Vogel‘ und ‚Winter ade‘) erscheinen mir sowohl den Abschied wie auch das Sich-wieder-Finden zu begleiten. Eine Stunde später spielt Anna mit einem Ball. Er ist so konstruiert, dass er nicht gerade rollt, sondern ‚herumeiert‘, manchmal kommt er auch fast zurück. Anna freut sich sehr dabei. Faszinieren sie die schönen Farben oder freut sie sich, weil da etwas ist, was sie wegschicken kann, was manchmal wieder zurückkommt, was sich auf eine ganz eigene, nicht vorhersehbare Art bewegt? Anna spielt auf ihre Weise? In der 116. Stunde spüre ich, als Anna nach einer solchen Ball-Drehung mich anschaut, dass der Abschied von der alten Einrichtung vorbei ist und etwas Neues begonnen hat. Ab der nächsten Stunde wird Anna zusätzlich an einer wöchentlichen Gruppentherapie teilnehmen, die ich mit ihrer Gruppe durchführe. Die allerdings sehr verkürzten Einzelbegegnungen mit ihr setze ich fort. Doch aus finanziellen Gründen müssen die Einzel- und die Gruppentherapie 11 Wochen später beendet werden. Die Sicherung des Verstehens als Beschreibung / Entstehen einer Situation Um die Wendungen als Möglichkeit von Erkenntnisbildung zu sichern, muss die theoretische Schwierigkeit berücksichtigt werden, die die Erfassung der Paradoxie dyadischer Prozesse betrifft. Im Gefolge der cartesianischen Spaltung wird im westlichen, vorwiegend naturwissenschaftlich ausgerichteten Denken Wirklichkeit häufig als die Wirklichkeit eines denkenden Subjektes begriffen, welches unberührt und unverändert den Erkenntnisobjekten gegenübersteht. Die Wendungen Die Sicherung des Verstehens als Beschreibung / Entstehen einer Situation 219 sind Phänomene, die sich auf dyadisch strukturierte Prozesse und deren charakteristische Interaktionsfiguren und szenische Muster beziehen. Um sie zu erfassen, ist es notwendig, diese Erkenntnishaltung zu modifizieren und die von der nichtbehinderten Beziehungsperson subjektiv in sich wahrgenommenen Veränderungen reflektierend zu berücksichtigen. Die Paradoxie dyadisch strukturierter Prozesse betrifft das für das denkende Ich Auseinanderfallen der durch zwei Subjekte sich konstituierenden dyadischen Einheit. Das Erleben von innen heraus – aus Sicht des Kindes und dem Unbewussten der Mutter – konstituiert eine Einheit, der die äußerlich feststellbare Getrenntheit von Mutter und Kind gegenübersteht. Selbst und Objekt sind hier zugleich eins wie jeweils eigene Identität. Dieses Paradox ist im günstigen Fall Motor einer Entwicklungsbewegung, wenn es der Mutter gelingt, die hierdurch erzeugte Spannung in sich zu halten und „als einen Ausdruck dafür zu akzeptieren, dass das Kind lebt“.201 Im Fall des hier vorgestellten dyadischen Musters führt diese Paradoxie zu einer spezifischen Struktur. Der Spannungsraum scheint in einer Weise verzerrt, die Entwicklung verhindert, als lasse die unerträgliche Spannung nicht den Bezug zu einem lebendigen Kind entstehen. In der Beziehung zum behinderten Menschen, der in erschreckender Weise als verletzt und verletzbar wahrgenommen wird, ist es für die nichtbehinderte Beziehungsperson aufgrund der Heftigkeit und Ambivalenz der dadurch hervorgerufenen bewussten und unbewussten Phantasien und Vorstellungen äußerst erschwert, sich auf die Beziehung einzulassen und sich dem Hin und Her des anderen und eigenen Re-Agierens hinzugeben. Im Gegenteil, die bewussten und unbewussten Vorstellungen werden als Gefahr für die eigene Fähigkeit des Haltens wahrgenommen. Dies betrifft vor allem schwierige Situationen, in denen der behinderte Mensch in Gefahr, unglücklich und in Not zu sein scheint und in denen sein Verhalten gänzlich unverständlich wirkt, Situationen also, in denen die Getrenntheit zur bestimmenden Erfahrung wird. Die nichtbehinderte Beziehungsperson kann sich gezwungen sehen, die Beziehung durch den Rationalen Mythos zu retten, mit dem die Angst gebannt, das Erleben des Scheiterns der Verstehensbemühungen erklärt und zugleich fixiert wird. Hierbei werden die eigenen Handlungen zu einem beträchtlichen Teil aus Theorien kon- 201 Ogden, T. H. (1995) S. 200 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 220 struiert, die erklären, warum es einem so schwer behinderten Menschen kaum gelingen kann, sich zu entwickeln und zu verständigen, und wie man sich verhalten muss, um dennoch Entwicklung und Verständigung zu ermöglichen. In der Angleichung an dieses Bild und nicht als Kontur einer sensorischen Erfahrung, die das Ergebnis des gemeinsamen Spiels leiblicher Impulse von Beziehungsperson und schwerbehindertem Menschen ist, entwickelt sich für diesen eine leibliche Identität, mit der er seinen Impulsen und Regungen entfremdet ist. Hierdurch wird die von ständigem Scheitern, von traumatischen Einbrüchen bedrohte Dyade gerettet auf Kosten ihrer Fixierung. Die beginnende Wahrnehmung der Getrenntheit, die normalerweise durch heilende Formen sensorischer Kontiguität und Rhythmizität erträglich und dadurch überhaupt möglich wird, ist ersetzt durch Zustände von Abwesenheit und Nicht-Erfahrung, erzeugt von einem spezifischen Ineinander der auf sich selbst bezogenen Leiblichkeit und dem darauf bezogenen Denken und Sprechen der nichtbehinderten Beziehungsperson. Autosensorische Kreisläufe, vegetativ erscheinende und stereotype Bewegungsformen dienen der Abwehr der drohenden Desintegration der sensorischen Oberfläche oder des eigenen „Sicherheitsrhythmus“'202. Das Besondere jedoch ist, dass diese spezifisch dyadische Abwehrform in diesem Fall ein kreativer Akt ist, mit dem das „potentielle Selbst (das nie entstehen wird)“203 als Fehlendes gerettet wird. Das fehlende Selbst beschreibt eine paradoxe Interaktionsform. Während sich aus der Sicht einer äußeren BeobachterIn der Konflikt als eine die Ich-Entwicklung fixierende Leiblichkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen denkerisch beschreiben lässt, droht er in der Position der Teilnahme von innen heraus Denken und Sprache der nichtbehinderten Beziehungsperson in ihrer symbolischen Potenz – ihrer Fähigkeit, die Beziehungswirklichkeit abzubilden – außer Kraft zu setzen. So entsteht die Verbundenheit des schwermehrfachbehinderten Menschen mit seinem Umfeld nicht aus dem Paradox von Einheitserleben bei gleichzeitiger Getrenntheit, sondern als Verwicklung in einer Weise, die das Selbst der nichtbehinderten Beziehungsperson 202 Ogden, T. H. (1995) S. 70 203 Ogden, T. H. (1995) S. 62 Die Sicherung des Verstehens als Beschreibung / Entstehen einer Situation 221 von innen her mit Auflösung bedroht. In der äußeren Position währenddessen wird die Getrenntheit absolut gesetzt. In den Wendungen entstehen Situationen, in denen ein Spannungsraum szenisch verstehbar wird, dessen bislang unerträglicher Widerspruch – Verwicklung und absolut erscheinende Getrenntheit – ein ständiges Scheitern der Verstehensbemühungen erzwang. Die Situationen ermöglichen eine Vermittlung der inneren und äußeren Position, so dass die Beziehung im Sinne eines denkenden Ich der nichtbehinderten Beziehungsperson wirklich und es dem schwermehrfachbehinderten Gegenüber möglich wird, sich dem Zustand der „Unintegriertheit“204 zu überlassen, um hieraus vorübergehend als Einheit zu existieren, im Sinne Winnicotts zu sein. Diese Schwierigkeiten – die Grenzen des cartesianischen Denkmodells – betreffen nicht nur die Beziehungsmuster, in denen schwermehrfachbehinderte Menschen leben. Sie sind in gewisser Weise ubiquitär. In der Psychoanalyse gibt es verschiedene Konzepte, die einen Umgang mit diesen Schwierigkeiten ermöglichen sollen.205 Grundsätzlich lässt sich die Psychoanalyse als ein Denkmodell betrachten, das den mit der cartesianischen Spaltung entstandenen zentralen Widerspruch in der Natur der Beziehung des Menschen zu seinem Umfeld nicht umgeht, sondern einen Umgang damit ermöglichen will. Hierfür sind grundlegend; – die ihr immanente Dialektik von Forschungsmethode und -ziel und die sich daraus ergebenden Bedeutung und Möglichkeit der methodischen Reflexion der Subjektivität der ForscherIn / TherapeutIn zur Erfassung des Forschungsgegenstandes in seiner Subjektivität; – die begriffliche Bedeutung des Unbewussten als eines Widerspruches in sich, als einer Leerstelle im Denken, als Chance, das ‚In-Beziehung-Sein‘ zu denken, das sich jenseits des Denkens ereignet; – ihr therapeutischer Ansatz, der nicht der Symptombefreiung verpflichtet ist, sondern sich am Erkenntnisgewinn des Subjekts orientiert, an seiner Fähigkeit, die seinem Leiden zugrunde liegenden unerträglichen Widersprü- 204 Unintegriertheit unterscheidet Winnicott von Desintegration. Er versteht Unintegriertheit im Sinne von Entspannung. „Entspannung bedeutet für einen Säugling, daß er nicht das Bedürfnis zum Integrieren empfindet, da die ich-stützende Funktion der Mutter als selbstverständlich angenommen wird.“ (Winnicott, D. (1984) S. 79) 205 Siehe Lichtenstein, H. (1961). Lichtenstein bezieht seine Überlegungen auf die Kontroverse primärer Narzissmus vs. primäre Objektliebe, die er als Artefakt der cartesianischen Spaltung betrachtet. 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 222 che durch Ausdrucksformen erträglich zu machen, die ihm eine Zunahme an inneren und äußeren Freiheitsgraden ermöglichen. Erkenntnis bezieht sich nicht ausschließlich auf die rationalen Fähigkeiten, sondern umfasst alle Bemühungen eines Menschen, seine inneren und äu- ßeren, emotionalen und sachlichen Wahrnehmungen in einer Weise zu verarbeiten, die ihm einen intentionalen, sinnhaften Umweltbezug und Umgang mit den ihm inhärenten Konflikten, Widersprüchen und Unverträglichkeiten ermöglicht. Die Umgangsweisen mit Konflikten, Widersprüchen und Unverträglichkeiten lassen sich – wie Bion zeigt – danach unterscheiden, ob sie das Ziel haben, psychische Schmerzen zu vermeiden oder zu modifizieren. Bion weist darauf hin, dass im vermeidenden Modus symbolischer Ausdruck nicht entstehen kann. In ihm ist der Ausdruck von psychisch Schmerzhaftem nicht ein Vorgang, in dem Verstehen und Mitgefühl sich niederschlagen und mit dem innere Distanz möglich wird. Der Ausdruck ist hier untrennbar mit dem Unerträglichen verbunden. Er ist das Unerträgliche. „Wenn Vermeidung vorherrscht, bedeutet der Name ein Beta-Element, das ein Ding an sich ist, und nicht den Namen, der ein solches Element repräsentiert.“206 Der modifizierende Modus setzt die verinnerlichte Fähigkeit voraus, Frustration bis zu einem bestimmten Ausmaß zu ertragen und in etwas – Bion nennt es Gedanken, dass etwas fehlt – verwandeln zu können, das Entwicklung und inneren Freiraum ermöglicht. Ist diese Fähigkeit nicht vorhanden, so ist der Mensch auf den vermeidenden Modus angewiesen, darauf, das Unverträgliche zu projizieren und auszuscheiden. In entsprechender Weise sind schwermehrfachbehinderte Menschen auf Umgangsformen angewiesen, die ihren Möglichkeiten und Schwierigkeiten gemäß sind und auf die sich das Gegenüber in der Beziehung zu ihnen einlassen muss, wenn eine Verständigung möglich werden soll. In dem Versuch, die Wendungen theoretisch zu fundieren, möchte ich diese Umgangsformen als Teil allgemein menschlicher Seinsweisen zeigen. Das, was sich in den Wendungen ereignete, möchte ich vorläufig als Begegnung kennzeichnen. Der Verstehensprozess, der ihnen zugrunde liegt, war durch eine schwer erträgliche, permanente Spannung gekennzeichnet. Er ist in besonderer Weise auf Offenheit für eine spe- 206 Bion, W. R. (1992) S. 139 Die Sicherung des Verstehens als Beschreibung / Entstehen einer Situation 223 zifische Art von Nicht-Wissen angewiesen. Der Verzicht auf die Erklärbarkeit und Verständlichkeit war Voraussetzung für die Ermöglichung der Formbildungsprozesse, die Gegenstand dieses Buches sind. Offenheit für Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen bedeutet über die Toleranz für Unsicherheit und die Bereitschaft, Konzepte und Modelle als unpassend zu verwerfen, hinaus, das Sich-Ereignen von Wissen und Nicht-Wissen zuzulassen. Die infrage stehenden Prozesse benötigten eine Form der Verbindung, in der die Unsicherheit bezüglich der eigenen Verstehens-, Erklärungs- und Denkmuster, die Unklarheit bezüglich der Bedeutung der eigenen Eindrücke – ihr zeitweiliger Zerfall – ausgehalten werden musste. Diese für ein psychotherapeutisches Verstehen notwendige wie selbstverständliche Offenheit war im vorliegenden Fall jedoch zugleich schwer erträglich. Der anscheinende Zerfall der Wissens- und Verstehensmöglichkeiten – das Versagen der herkömmlichen, auf der Subjekt-Objekt-Trennung fußenden Konzepte – rief mit der ihn begleitenden Angst gerade nach der Sicherheit funktionaler Erklärungsmuster. Es war jedoch zwingend notwendig, das Nicht-Wissen zuzulassen, das Nicht-Wissen darüber, ob es der Realität entspricht, was man denkt, erlebt, fühlt und erkennt, damit Denken, Erleben, Fühlen und Erkennen jenen Menschen möglich – und das heißt sinnvoll – werden sollte, die mit / in / trotz Nicht-Denkens, Nicht-Erlebens, Nicht-Fühlens und Nicht-Erkennens überlebt hatten und für die das Festgelegtsein auf diesen Zustand zum zentralen Kern ihrer Identität geworden war. Ebenso zwingend notwendig erschien in der Beziehung zu ihnen jedoch gerade der Nachweis der Möglichkeit des Verstehens – ja geradezu überlebensnotwendig. Denn erst dieser Nachweis erlöst den schwermehrfachbehinderten Menschen und seine Beziehungspersonen aus einem leidvollen Teufelskreis, bei dem das Bemühen um den schwermehrfachbehinderten Menschen ihn stets zu überfordern und Tötungshandlungen in Form pädagogischer / psychotherapeutischer / etc. Euthanasie nahezulegen scheint. 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 224 Wendungen als das Entstehen einer Situation Ich untersuche im Folgenden am Beispiel der Falldarstellungen, in welchem Verhältnis das sich als Beschreibung niederschlagende Erleben der nichtbehinderten Beziehungsperson zu den Ereignissen steht, auf die sich die Beschreibung bezieht. Mit Beschreibung bezeichne ich hier die in den Falldarstellungen enthaltenen Bilder, Einfälle, Gedanken und Erkenntnisse sowie theoretischen Erklärungsversuche. Es geht also um eine vertiefte Analyse der Gegenübertragung mit dem Ziel, die sich aus der spezifischen dyadisch fixierten Interaktionsform ergebenden Besonderheiten des Verstehensprozesses darzulegen. In der Situation selber wie auch im späteren Nachdenken darüber machten die Bilder (Einfälle, Gedanken etc.) mir das Erleben und das Erlebte – das durch die Ereignisse, an denen ich beteiligt war, bei mir innerlich Ausgelöste – plausibel und damit erträglich. Indem ich durch das Erleben die Bilder (Einfälle, Gedanken etc.) verstand, deutete sich mir das Erlebte mithilfe der Bilder (Einfälle, Gedanken etc.). Dies entspricht einem Vorgang, der im Rahmen psychoanalytischer Psychotherapie üblich und notwendig ist. Ogden weist darauf hin, dass der Analytiker in jeder Therapie „sich von den Ideen und Phänomenen, die für ihn völlig selbstverständlich sind, stets von neuem in Erstaunen versetzen lassen können“ muss, um „das zu lernen, von dem er dachte, daß er es bereits wisse“ (gemeint sind hier psychoanalytische Techniken und Begriffe).207 Das Besondere im hier präsentierten Kontext ist das Erscheinen dieses Vorganges in einem Beziehungsgefüge, das solcherart definiert ist, dass Verstehen und Erkenntnis unmöglich zu sein scheinen. Als Beispiel für eine Situation, bei der sich durch das Verstehen eines musikalischen Stilelementes mein Erleben der therapeutischen Beziehung entscheidend veränderte, füge ich ein Zitat aus der Falldarstellung Anna an: Als eine wesentliche Stelle im therapeutischen Prozess erwies sich der Moment, als ich die immer wieder auftretende, bislang sehr verunsichernd wirkende Stille als Pause erkenne. Die Erkenntnis, dass Stille in der Musik nicht nichts im Sinne von Abwesenheit von Musik ist, 207 Ogden, T. H. (1995) S. 172 Wendungen als das Entstehen einer Situation 225 sondern ein wesentlich musikalisches Stilelement, wodurch Musik als solche erst entsteht, ermöglichte mir ein gänzlich verändertes Erleben und Verstehen der Stille zwischen Anna und mir. In der Falldarstellung erkläre ich dazu: „Denn im Verstehen des Erlebens (der Stille, MB) konturiert sich zugleich die Bedeutung der Pause für die Musik. Ich verstehe etwas vom Zusammensein von Anna und mir, indem ich etwas von der außer uns liegenden ‚Welt‘ verstehe. Es ist der Anschluss unserer Beziehung an eine Sprachgemeinschaft, die Verknüpfung von Gesellschaft und Subjekt. Der Name ist eben nicht willkürliche Bezeichnung, sondern Formulierung des Wesens eines Dinges als Bedeutung für mich.“ Analyse aus der Sicht der inneren Position Der Einfall ‚Pause‘ gab mir in der entsprechenden Situation ‚Stille‘ Halt, indem er ihr – der Situation – Deutung war. Als ein stiller Einfall war er als solcher sprachlich der Patientin nicht mitteilbar. Er lässt sich verstehen im Sinne Argelanders als der „Moment […], in dem sich der Analytiker eine Vorstellung von der unbewußten Phantasie des Patienten gebildet hat.“208 Da jedoch bei Anna wie bei anderen schwermehrfachbehinderten Menschen nicht von einer Bewusstseinsstruktur ausgegangen werden kann, die sich abgrenzend von einem Unbewussten gebildet hat, lässt sich lediglich feststellen, dass dieser Einfall etwas Neues, bisher möglicherweise als Potenz Vorhandenes in die therapeutische Beziehung bringt: die Möglichkeit, das, was zwischen Anna und mir passiert, sprachlich zu verstehen. Der Einfall bedeutet: Ich bin für Anna in der Stille nicht verloren, wie ich beim Anhören von Musik in der Stille nicht verloren bin, da im Verstummen der Musik diese mir doch nicht verloren geht. Indem ich etwas von der Bedeutung der Pause für Musik verstand, erlebte ich die Stille in der therapeutischen Beziehung nicht mehr als Abbruch, mit dem die bisherigen Eindrücke sich infrage stellten, sondern eben als Pause. Die Frage der Überprüfung des Kontaktes als Zwang zum Verstehen wurde überflüssig, da die Gewissheit der Beziehung nicht mehr in der sinnlich unmittelbar erfahrbaren Bestätigung gesucht werden musste. Als eine Art stummes Wissen – vorsichtiges, zartes Gewahrsein – spürte ich, dass Anna sich in der Stille mit mir beschäftigte, mit 208 Argelander, H. (1968) S. 325 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 226 aller Unsicherheit dieses Spürens war das Wissen um unser Beieinandersein da. Mit dem Erleben der Getrenntheit zwischen Anna und mir – ihres Rückzugs, bei dem sie zugleich auf mich bezogen ist – entstand die Denkmöglichkeit einer Begegnung im Gegensatz zu einem Zusammensein, bei dem das Gegenüber tödlicher Bedrohung ausgesetzt zu sein scheint. Erst mit dieser Denkmöglichkeit wurde psychotherapeutisches Handeln sinnvoll. Die Therapie zu beenden, hieß nun nicht mehr zwangsläufig, die Hoffnungslosigkeit in Annas Leben zu besiegeln. Aus der Sicht von Anna kann diese Veränderung der Situation als beginnende „Fähigkeit zum Alleinsein“209 verstanden werden. Fähigkeit zum Alleinsein In dieser von Winnicott konzipierten frühen Entwicklungsphase wird die Mutter vom Kind als genügend zuverlässig erfahren. Das Kind hat die Erfahrung der zuverlässigen Versorgung seines Körperbedarfs gemacht, so dass es in der Lage ist, eine Zeitlang zu existieren, ohne aktiv oder reaktiv auf Reize aus dem Umfeld gerichtet zu sein. In Gegenwart der Anderen für sich zu sein, bedeutet, dass das Kind sich einem Zustand der Unintegriertheit – der Entspannung – überlassen kann. Hierfür ist die Gegenwart der Anderen – real oder repräsentiert durch ein Übergangsobjekt – notwendige Voraussetzung. In diesem Zustand können Impulse entstehen und zu ‚Gesten‘ werden, mit denen das Selbst-Sein des Kindes real zu werden beginnt. „Periodisch verleihen die Gesten des Säuglings einem spontanen Impuls Ausdruck; die Quelle der Geste ist das wahre Selbst und die Geste zeigt die Existenz eines potentiellen wahren Selbst an […]. Es ist ein wesentlicher Teil meiner Theorie, daß das wahre Selbst nur eine lebende Realität wird, wenn es der Mutter wiederholt gelingt, der spontanen Geste […] des Säuglings zu begegnen.“210 Der Ausdrucksgehalt der Geste entsteht aus der gelingenden Vermittlung zwischen Kind und Umgebung. Die Mutter erkennt und versteht, in überraschender Weise findet sie etwas Neues und zugleich Vertrautes. Mit spontan ist im obigen Zitat nicht der spontane Rückgriff auf eine schon vorhandene Form gemeint, sondern das Entstehen der Geste in und durch die Begegnung als etwas Nicht-Planbares, Nicht-Herstellbares. Von keiner der beiden Seiten kann die Begegnung konstruiert oder erzwungen werden, in der die Intention und ihr Erkanntwerden in der Geste zum Ausdruck gebracht wird. Sie entsteht spontan. 209 Winnicott, D. (1984) S. 36 210 Winnicott, D. (1984) S. 188/189 Wendungen als das Entstehen einer Situation 227 Die Fähigkeit zum Alleinsein in Gegenwart einer Anderen entsteht mit dem Gelingen der Geste. Diese ist etwas Neues, das zugleich entsteht wie gefunden / wiedererkannt wird. So ist Annas Rückzug etwas, was schon vorher da war, doch erst im Verstehen ‚Pause‘ zur Geste wird. Mit der Fähigkeit zum Alleinsein verändert sich der Beziehungsmodus des Spiegelns. Bislang bezog es sich in den Flöten-Stimm-Dialogen noch ausschließlich auf ein interaktives, ganz im Dyadischen angesiedeltes, sinnlich unmittelbares Spiel, in dem das Aufeinander-Bezogen- Sein hörbare und spürbare Erfahrung war, wenn es nicht als konkretistisches Nachäffen zum Scheitern verurteilt war. In der vorliegenden Wendung wird das Spiegeln zu einem spiegelnden Erleben, bei dem ich in meinen Phantasien auf Anna in ihrem Für-sich-Sein bezogen bin. Das gelingende metaphorische Verstehen hebt das Spiegeln auf eine neue Stufe. ‚Pause‘ ist so verstanden keine konkretistisch-leere, sondern eine echte Metapher. Die sich daraus ergebende Veränderung der therapeutischen Beziehung habe in Anlehnung an Niedecken eine Übertragung des stummen Alleinseins211 genannt – ein Zustand, in dem die TherapeutIn nicht mehr ausschließlich als Störung und Lebensgefahr empfunden wird. Dies lässt sich nun als Sonderform der Fähigkeit zum Alleinsein verstehen, die sich daraus ergibt, dass es nicht um die Öffnung einer dyadischen, sondern einer dyadisch fixierten Beziehung geht, die sich als Übergangsbeziehung vorübergehend zum triadischen Raum hin öffnet. Dieser Vorgang vollzieht sich nicht zufällig am musikalischen Stilelement der Pause. Denn während in der individuellen Entwicklung die Fähigkeit zum Alleinsein dem Kind den Übergang aus der dyadischen Beziehung zur Mutter in den triadischen Beziehungsraum ermöglicht, entwickelte sich gesellschaftlich-historisch die Pause als Stilelement am Übergang der Musik aus rituellen Zusammenhängen hin zu einer autonomen Kunstform, indem sie zur Vermittlungsstelle für ein subjektives und objektives Zeitmaß wurde.212 Die Pause als ein Innehalten der äußeren, sinnlich spürbaren Bewegung von Klang, Melo- 211 Siehe Niedecken, D. (1994) 212 Deutlich wird dieser Gedanke am Beispiel der Bedeutung der Posa als Moment des Innehaltens im Tanz. „Posa heißt Ruhe und Haltung, Pose und Pause.“ (zur Lippe, R. (1988) S. 101) Sie entstand als Stilelement des Tanzes zu Beginn der Neuzeit, als dieser sich aus rituellen Zusammenhängen löste und zur selbständi- 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 228 die und Rhythmus eröffnet Raum für die Betrachtung der inneren Bewegung. Im Widerhall der inneren Stille entsteht in diesem Moment die Musik neu und kann darin in ihrer Wirkung erfahrbar und als Idee bewusst werden. Die Pause wird damit zur Erfahrung der Transzendenz und ermöglicht Reflexion der Wirkung. Analyse aus der Sicht der äußeren Position Es entsteht die Frage, von welcher Art die Erkenntnis ist, wenn ich von dem Moment schreibe, in dem ich die immer wieder auftretende, bislang sehr verunsichernd wirkende Stille als ‚Pause‘ erkenne. Mit Erkennen ist hier weder eine Erkenntnis im logisch-analytischen Sinn gemeint noch eine Art Wiedererkennen. Es ist kein Erkennen eines Zusammenhanges, der schon immer da, bislang jedoch verschüttet war. Es entspricht der Entstehung eines situativ sinnhaften Zusammenhanges mit seiner Bewusstwerdung, der in der Objektivität der Musik als Möglichkeit schon vorhanden war. Mit der Entstehung dieses Zusammenhanges im sprachlichen Einfall wird für den therapeutischen Prozess ein zeitliches Vorher und Nachher denkbar, möglich und sinnvoll. Aus der bislang bloßen Angen Kunstform wurde. Als Posa war die Pause nicht mehr nur „„Ruhe zwischen den Bewegungen“, sondern auch „Ruhe gegen die Bewegung'“ (Brainard, I. „Die Choreographie der Hoftänze in Burgund, Frankreich und Italien im 15. Jahrhundert“, S. 291, zit. nach zur Lippe, R. (1988) S. 101/2). In der Posa klang die vergangene Bewegung aus wie zugleich die zukünftige vorbereitet wurde – die Vergegenwärtigung beider Bewegungen als Verbindung einer vergangenen und zukünftigen Form. Durch diesen Augenblick des Hinfühlens hindurch musste nun zugleich die fortlaufende Bewegung eines Taktmaßes durchgehalten werden. Als Moment mimetischen Innehaltens gegen den Zwang des metrischen Zählmaßes wird die Posa zu einer Nahtstelle von Mimesis und Metrik, Rhythmus und Takt, subjektivem und objektivem Zeitmaß. Das mimetische Sich-Öffnen wird durch die Metrik gehalten und ist Hingabe an die Form und nicht mehr an den Ritus. Das Eingebunden-Sein dieses Spannungsmomentes konstituiert die Eigenständigkeit der Tanzform und verhilft, sie aus rituellen Zusammenhängen zu lösen. Ihre Bedeutung zur „Vermittlung in sich geschlossener Bewegungsinhalte“ (zur Lippe, R. (1988) S. 109) beruht darauf, dass sie in der Ruhe die Bewegung hält und damit auf den Gesamtkontext verweist. Die Pause ist also nicht allein Wirkung. Sie ist in der Musik als autonomer Kunstform zum Stil-Element geworden. Darin ist Wirkung in musikalischer Bedeutung aufgehoben. Wendungen als das Entstehen einer Situation 229 einanderreihung der Geschehnisse wird der innere Zusammenhang als Sinn einer Geschichte. Dadurch kann der Eindruck entstehen, es werde etwas erkannt, was vorher in irgendeiner Weise verborgen und daher unerkannt schon da war. Für diese Form des Erkennens als Entstehung eines sinnhaften Zusammenhanges hat Merleau-Ponty den Begriff der Situation geprägt. „Die Geschichte ist weder eine Schöpfung »ex nihilo« noch der einfache Reflex einer präexistenten Situation. Das grundlegende Problem besteht in der Beschreibung und Analyse des Sinnes, in dem die Ereignisse sich entwickeln, ohne daß man zuvor ein Bewußtsein davon gewonnen hätte. Ohne diese Bewußtwerdung kann die historische Entwicklung annulliert werden und in Unordnung zurückfallen. Es ist ersichtlich, daß die ins Auge gefaßte Konzeption sowohl den Sinn wie den Nicht-Sinn der Geschichte einbezieht. Der historische Sinn, von dem wir sprechen, ist den Tatsachen immanent und in diese eingeschrieben. Darin beruht der Begriff der Situation.“213 Merleau-Ponty bezieht sich auf den historischen Prozess und die ihn treibende Dynamik, um daran seinen Entwicklungsbegriff zu erläutern. Seine Auffassung lässt sich auch auf den therapeutischen Prozess und das ihn kennzeichnende Ringen um Bewusstwerdung der ihn in Gang haltenden Kräfte übertragen. Die Verbindung zwischen der Sukzession der Ereignisse und ihren jeweiligen, durch Bilder, Metaphern und Gedanken zu einer Geschichte geformten Benennungen bezeichnet er als Form der Bewusstwerdung. Der bisher im zeitlichen Nacheinander der Ereignisse begriffene Zusammenhang, der sich in den Formulierungen der Falldarstellungen als ‚jetzt passiert das‘, ‚dann passiert das‘, ‚jetzt wieder das‘ usw. zeigt, wandelt sich mit der Metapher ‚Pause‘ zur inneren Dynamik einer Geschichte. Mit dieser Verbindung wird eine Tendenz der Ereignisse als die ihrer Abfolge immanente Logik benannt und als bewusst gewordene Idee auf eine neue Stufe gehoben. Die mit der Idee ‚Pause‘ bewusst gewordene Situation ‚Rückzug als Pause‘ macht den Sinn einer Entwicklung deutlich und bewahrt ihn vor dem Rückfall in Sinnlosigkeit. 213 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 294/5 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 230 Bedeutung der Situation in der frühen Beziehung Die Situation, wie Merleau-Ponty den Begriff versteht, weist auf ein Entwicklung organisierendes Prinzip zwischen einem Organismus und dem Umfeld, das zur Verwirklichung seiner Lebensvollzüge notwendig und sinnvoll ist. „Der Organismus definiert selbst die Bedingungen, die auf ihn einwirken.“214 So deutet Merleau-Ponty die Wanderbewegung von Tieren in Regionen, „die ein besseres inneres Gleichgewicht gewährleisten“, als Phänomen einer Voranpassung, die als eine Art ‚Wahl‘ der inneren Möglichkeiten zu verstehen“215 ist. In entsprechender Weise konzipiert Lichtenstein das dyadische Zusammenspiel des Säuglings mit der Mutter als das zweier Organe im Gesamt eines Organismus, bei dem die Funktion füreinander die Identität der Organe bestimmt. Die Mutter befriedigt die Bedürfnisse, die sie kreiert. Der Körperbedarf des Kindes bestimmt die Befriedigungshandlungen der Mutter, die jedoch in einer Weise erfolgen, die das Kind zum einzigartigen Kind dieser einzigartigen Mutter machen. Das, was das Kind im Sinne einer Präkonzeption (Bion) erwartet und was die Mutter ihm gibt, stimmt dergestalt überein, dass dabei im Ausdruck etwas Neues entsteht. Im dyadischen Kontext sind Situationen so verstanden Szenen, in denen die dyadische Beziehung zwischen Mutter und Kind in ihrem sinnhaften Muster deutlich wird als Beziehung zwischen dem sich konturierenden Selbst des Kindes und der darauf bezogenen spezifischen Gestalt der Mutter als der beginnenden Kontur eines Objektes. Die Mutter kann von außen – mit ihrem Ich – die szenische Gestalt der Situation als Gestaltung aus der Sicht des Kindes, die spontane intentionale Geste, entziffern. Aus der Sicht des Kindes und dem Unbewussten der Mutter ist die Situation im Sinne des Phänomens einer Voranpassung entstanden. Winnicott spricht davon, dass das Kind in dem Moment die Brust erschafft, in dem die Mutter sie ihm anbietet. „Das, was die Mutter liefert, und das, was das Kind sich möglicherweise vorstellen kann, überschneiden sich. Für den Beobachter nimmt das Kind das wahr, was die Mutter tatsächlich darbietet; aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Der Säugling nimmt die Brust nur insoweit wahr, als eine Brust genau dort und dann geschaffen werden konnte.“216 Die Situation im dyadischen Kontext lässt sich verstehen als Entstehen einer Übergangsbeziehung, in der sich die Beziehungsgestaltung sowohl ereignet wie auch als eine vom Selbst sinnhaft gestaltete deutlich ist. Sinn gewinnt als die Sinnlichkeit des dyadischen Zusammenspiels überschreitende Kategorie Bedeutung. 214 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 295 215 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 295 216 Winnicott, D. W. (1983) S. 315 Wendungen als das Entstehen einer Situation 231 Der bisherige Abbruch – das darin sich ereignende ‚Nichts‘ – wird mit der Wendung ‚Pause‘ zu einer Situation, in der die Kontur von ‚mich gibt es für Anna‘ entsteht. Der Einfall ‚Pause‘ als Stilelement der Musik bezieht die einer idiomatischen Grundlage entbehrenden musikalischen Fetzen auf den größeren Zusammenhang der Musik. Als Verstehen der Bedeutung der Pause in der Musik anhand des Stille-Erlebens zwischen Anna und mir wird dadurch in den Unterbrechungs-Ereignissen etwas deutlich, was sich in den vorhergehenden Beziehungsereignissen (die Bedeutung der Plastikmatte, die verschiedenen Distanzen, die Anna darauf zu mir einnimmt, die Bedeutung des Verstehens des affektiven Stimmausdrucks in unseren Stimmdialogen etc.) als Tendenz angebahnt hat. Das, was deutlich wird, ist nicht ein spezifischer Sinn, eine spezifische Bedeutung von dieser oder jener Handlung von Anna, sondern es entsteht überhaupt die Möglichkeit, die Frage nach dem Sinn zu stellen. Im Spiegeln als intuitives metaphorisches Verstehen wird der Verstehensprozess auf eine neue Stufe gehoben. Mit ihm wird für die therapeutische Beziehung der Rückfall dieser Tendenz verhindert, der Rückfall des vorsichtigen Gewahrseins von Beieinandersein in den zersetzenden Zerfall zu Sinnlosigkeit und Verlassenheit. Im Sinne Winnicotts überlässt sich Anna mit ihrem Rückzug dem Zustand der Unintegriertheit und findet mich als zu sich gehörig wie ich auch zugleich schon dagewesen bin. Durch Bilder (Einfälle, Gedanken etc.) wie ‚Pause‘ verändert sich etwas, ohne dass sie mit dem Geschehen – der Veränderung oder dem Etwas – identisch sind. Die Kategorie des Sinnhaften wird eingeführt, ohne dass an dieser Stelle eine Unterscheidung zwischen subjektiv und objektiv schon möglich wäre. Durch sie verändert sich meine Erlebensweise der therapeutischen Beziehung, da sie mir Erlebtes deuten. Weder sind sie die Bedeutung noch sind sie identisch mit dem, was sich in der Beziehung ereignet. Sie deuten etwas Fremdes und Unverständliches, ohne diesem Etwas die Eigenschaft des Fremden und Unverständlichen nehmen zu können. Ihr Nicht-identisch-Sein – ihre Differenz – ermöglicht es, dass mit ihnen die Situationen des drohenden Zerfallens gehalten werden können, da sie Fremdsein und Unverständlich-Sein als Figur aufgreifen. Das in den Situationen des drohenden Zerfallens als existentielle Bedrohung manifest werdende Nicht- Identische wird in den Bildern und der ihnen immanenten Möglich- 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 232 keit von Sinn – ihrer Differenz – zum Träger der Anerkennung des Gegenübers in seinem Eigensein-für-sich. Mit der Anerkennung der Differenz und der Möglichkeit des Bedeutens lässt sich im Verstehen der Bilder die therapeutische Beziehung als eine von zwei Subjekten gestaltete erfahren. Hierdurch erweist sich die in der dyadischen Struktur fixierte Beziehung als aufgehoben im triadischen Raum. Denn damit wird ihr Charakter als – jedoch spezifische Form – einer Übergangsbeziehung deutlich. Dies wird besonders deutlich am Beispiel der ‚Pause‘. Indem der Bezug auf die Musik als ein gutes inneres Objekt gelingt, kann die Beziehung im Sinne von Bion als Behälter funktionieren. Der Vorgang lässt sich nun als projektive Identifikation beschreiben. Die in die Therapeutin verlagerten Ereignisse der Nicht-Existenz, der Abbrüche, des Zerfallens wandeln sich mit der Pausen-Metapher zu etwas Verträglichem. Die Vorstellung ‚Pause‘ gibt gewissermaßen Raum, ohne ihn zugleich zu besetzen. Annas oft rätselhaftes Verhalten ist damit nicht entschlüsselt. Aus ihrer Perspektive kann ihr Tun jedoch beginnen, machtvoll zu werden. Sie kann etwas finden und zugleich erschaffen im Zustand der Getrenntheit. Die mit der fehlenden idiomatischen Grundlage der Flöten-Stimm-Dialoge zur Darstellung kommende paradoxe Spannung – als ein ständig vom Kollaps bedrohter Spannungsraum – wird in der Pausen-Metapher mit der Überschneidung zweier Perspektiven – ‚Pause‘ als Verstehen der Musik und ‚Pause‘ als ‚Fürsich-Sein von Anna‘ – zu einem Zwischenraum, von dem das Aufgehobensein auch der dyadisch fixierten Beziehung im Triadischen erkennbar wird. Die Besonderheit des situativen Verstehens Soweit dieses Vorgehen – die Verbindung von Einfällen, Bildern etc. mit Erleben entsprechend dem Sich-Ereignen der Geste bzw. dem Entstehen einer Illusion wie im Beispiel der Pause – als in sich stimmig gelingt, lässt sich in den Bildern und Einfällen, den Darstellungen und Erkenntnissen etwas verstehen von dem, was Begegnung und Nicht-Begegnung unter den gegebenen Umständen einer dyadisch fixierten Interaktionsform bedeuten kann. Doch weist das in den Wendungen Ver- Die Besonderheit des situativen Verstehens 233 standene Besonderheiten und Schwierigkeiten auf, die es zu berücksichtigen gilt, um den Ausdruck vor dem Rückfall in Sinnlosigkeit – die Nicht-Wahrnehmbarkeit der dyadisch fixierten Beziehung – zu bewahren. Die Wendungen ereignen sich ja nicht einfach im Kontext einer dyadischen, sondern einer dyadisch fixierten Beziehungsstruktur. Die fehlende Sicherheit und Eindeutigkeit der Zuordnung von Bildern, Einfällen und Erleben – die Unmöglichkeit, eine Antwort auf die Frage nach subjektiv oder objektiv erhalten zu können –, die eine Übergangsbeziehung charakterisiert, ist hier erschwerendes wie zugleich konstituierendes Element des Verstehensprozesses. Der Vorgang der Sinn-Aneignung im Kontext eines Entwicklungsprozesses als Bewusstwerdung / Befreiung eines immanenten Sinnes erfolgt nicht zwangsläufig, sondern er ist ambivalent, zugleich in sich selbst von Scheitern bedroht. Unter bestimmten Umständen kann „das Auftauchen von Regeln […] Ursache für eine Rückentwicklung bilden“217. Das Gewahrwerden eines situativen Zusammenhanges kann seinen Zerfall herbeirufen, wenn er vom Subjekt nicht angeeignet werden kann. Merleau-Ponty erklärt dies „durch einen vorausgehenden Widerstand des Subjektes“218. Dies muss immer dann passieren, wenn die auftauchenden Regeln der neuen Struktur ein bislang gefundenes, intrasubjektives Gleichgewicht infrage stellen und diese Infragestellung von der Interaktion, der intersubjektiven Beziehung nicht aufgefangen werden kann. Das Besondere der beschriebenen Übergangsbeziehung ist die dyadische Fixierung, die den Ausschluss des Symbolischen erzwungen hat. Das bedeutet, die Beziehung ist als solche – als Übergangsbeziehung – gar nicht kenntlich. Sie wird es erst in den Wendungen. Der auf dieser Basis sich entwickelnde Verstehensvorgang muss mit der mit ihm einhergehenden Entstehung symbolisierbarer Situationen zwangsläufig scheitern, wenn darin die Notwendigkeit seines Scheiterns nicht berücksichtigt werden kann. Wenn nicht berücksichtigt werden kann, dass die dyadische Fixierung als kreativer Akt nötig war, um der Übermacht der Zeichen des nichtbehinderten Gegen- übers, der Übermacht der nicht-gehaltenen, als „archaische Seelenqualen“219 erfahrenen Erregung etwas entgegensetzen zu können, wird im 217 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 297 218 Merleau-Ponty, M. (1994) S. 297 219 Winnicott, D. W. (1991) S. 1119 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 234 Gewahrwerden eines situativen, sinnhaften und damit symbolisierbaren Zusammenhanges diese Übermacht erneut traumatisch virulent. In den Falldarstellungen zeigte sich daher Rückentwicklung immer da, wo im Wirken des Rationalen Mythos ein coenästhetisches Geschehen vorzeitig diakritisch erklärt werden sollte, die dyadische Struktur nicht in zwangloser Weise Anschluss an das Triadische fand, sondern dieses gewaltsam eingeführt werden sollte und diese Gewalt nicht als Reflex unbewusster Tötungsphantasien bewusst und darin betrauert werden konnte. A. (ein durch einen Unfall schwerstbehinderter junger Mann) ist in der Stunde im Anschluss an eine längere Urlaubsunterbrechung lange sehr still. ‚Stille, die einen wegmacht‘. Ich spüre Angst. ‚Aua‘ wäre eine stimmige Intervention, ich traue mich nicht, habe Angst, jemand könnte uns/mich hören – beschämend. ‚Das Außen als vernichtend‘. Meine Angst steigert sich, A. könne einen Anfall bekommen. Ich hole eine Tüte mit kleinen Percussionsinstrumenten, lasse sie versehentlich fallen, Krach, A. bekommt einen Anfall. Nun ist unser ‚alter Kontakt‘ plötzlich wieder da. Ich bin durcheinander, aufgeregt und erschrocken: ‚Ich zerstöre ihn, Angst, Beziehung ist kaputt, im Durcheinander verstehen, er macht mich kaputt‘. Es folgt eine lebhafte Sequenz, in deren Verlauf ich begeistert und aufgeregt werde. Ich habe plötzlich das Gefühl, ganz viel zu verstehen. Mir fallen Lieder ein: ‚Komm‘, wir fressen unsre Oma' und ‚Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu Dir, mit dem Hacke-Hacke-Beilchen macht er Hackefleisch aus Dir‘220. Meine Aufregung hängt mit dem Eindruck zusammen, dass die entsetzlichen Lieder so passend zu sein scheinen und zugleich die Beziehung nicht zerstören: als sei alles ganz einfach, als sei das Schlimme – meine Tötungsphantasien, mein Nicht-Verstehen – gar nicht so schlimm. Der Beweis seien die lustigen Lieder, die eine lebhafte Interaktion gestalteten. In der nächsten Stunde ist A. durchgängig sehr verhalten. A. lautiert nicht, er hält zwar meine Hand, bewegt sich jedoch kaum, schläft fast ein, dann lässt er meine Hand los und fasst seinen Rollstuhl in ähnlicher Weise an, wie er vorher meine Hand hielt. Ich gerate in große Verzweiflung, alles erscheint sinnlos, alle bisherigen Fortschritte zweifelhaft. Ich spreche A. durchgehend freundlich an. Es erscheint gut und wichtig. Zugleich spüre ich im ununterbrochenen Reden etwas Getriebenes. ‚Das Schweigen ist wahnsinnig schwer auszuhalten, als ob, wenn ich auch schweige, alles aus ist.‘ Erst in der darauffolgenden Stunde fällt mir die ‚lebhafte Sequenz mit den zerstörerischen Liedern‘ wieder ein. Ich bin sehr erschrocken, als werde mir ihr schockierender Inhalt – die tödliche Bedrohung, die ich darin für A. darstelle – erst jetzt bewusst: ‚dass ich froh war über Worte: ‚warte, warte nur ein Weilchen‘, als ob Realität wie tödliche Bedrohung ist und ich gar nicht 220 Das Lied ist ein umgedichtetes Spottlied auf einen Massenmörder, dessen Fall in den 1920er Jahren lange Zeit für Schlagzeilen gesorgt hat. Die Besonderheit des situativen Verstehens 235 gemerkt habe, wie es ihn bedrohen muss, was das bedeutet, obwohl mir das Lied im Halse stecken blieb.' Ich spreche diesen Schrecken aus. Nach und nach gelingt es wieder, Anschluss an unsere bisherigen Formen des Kontaktes zu finden. Das Zerstörerische zeigt sich nun in moderaterer Form mit Passagen aus dem Lied ‚Scheiße auf der Kirchturmspitze‘. Im vorliegenden Beispiel zeigte sich das Wirken des Rationalen Mythos in den erschlagend wirkenden Zweifeln der zweiten Stunde. Diese begleiteten den Rückzug von A. Er war still, hielt zwar meine Hand, bewegte sich jedoch kaum, schlief fast ein. Dann ließ er meine Hand los und fasste seinen Rollstuhl in ähnlicher Weise an, wie er vorher meine Hand hielt. Diese Bewegung erschien als Rückzug vom Mich-Anfassen zum stereotypen Greifen. Der Rückzug und die Zweifel sind ein Beispiel für eine Rückentwicklung infolge einer gemeinsam hergestellten Verwicklung, die eine Barriere erzeugt. Die Barriere – das Ineinanderverschlungen-Sein des Festhaltens an „autosensorischen Kreisläufen“221 und beurteilender Gedanken und Vorstellungen – zeigt sich als ein destruierender Vorgang. Er verhindert, dass in einer zu zerfallen drohenden Situation die einem unmittelbaren Verstehen nicht zugänglichen ‚Botschaften‘ (die „emotionalen Erfahrungen“222) des schwerbehinderten Gegenübers von der nichtbehinderten Beziehungsperson im Zustand träumerischer Gelöstheit aufgenommen werden können. Erst hierdurch entstünden ja sinnhafte Situationen, die dem schwerbehinderten Gegenüber eine Erfahrung von sich selbst in einer Beziehung ermöglichen würden. Stattdessen scheinen die ‚Botschaften‘ mit der Verwicklung gespalten zu werden. Die sensorischen Aspekte werden in autosensorischen Kreisläufen fixiert. Zugleich werden die emotionalen Aspekte, die, da sie ein Übermaß an heftigen und ambivalenten Vorstellungen hervorrufen, als schädlich erfahren werden, projiziert und zu sachlichen Gedanken isoliert. Mit der Form autosensorischer Fixierung entsteht eine Art Objekt-Ersatz oder Quasi-Objekt, das mit den sachlichen Beurteilungen auf ein fehlendes Selbst bezogen ist. So entstand im obigen Beispiel in der zweiten Stunde eine Szene, die durch ein Ineinander von stereotypen Rückzugsverhalten und zersetzenden Gedanken gekennzeichnet war. A. zog seine Hand von mir 221 Ogden, T. H. (1995) S. 62 222 Bion, R. W. (1992) S. 63 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 236 zurück. Die intentionale Handlung schien in eine stereotype zu zerfallen. Mein dauerndes Reden schien ein Verstehen geradezu zu verhindern, als richte es sich an jemanden, den es nicht gibt, und als würde dies offensichtlich, wenn ich mit dem Reden aufhöre. Zugleich erfolgte ‚den Rollstuhl anfassen‘ in einer Weise, dass der Eindruck entstand, in der gleichen stereotypen Weise, in der er den Rollstuhl festhielt, habe er zuvor meine Hand gehalten, er habe nicht mich, sondern irgendetwas angefasst, ein ‚Nichts‘ bedeutendes Etwas. Gleichzeitig bedeutete dies jedoch auch, dass die durch die Liedersequenz gekennzeichnete, ein potentielles Verstehen ermöglichende Situation in der vorangegangenen Stunde eben nicht in ein Nichts zerfiel (die Beziehung löst sich nicht auf), sondern gerade zu dieser Form der Verwicklung führte. Im therapeutischen Prozess erzeugte diese Barriere Situationen, bei denen viele meiner Interventionen wie auch parallel dazu die inneren Bilder, Einfälle und Empfindungen und im Anschluss daran das Schreiben, Denken und Erklären inklusive der Produkte – der Geschichten – die Funktion des Sich-selber-Festhaltens annahmen. Ich beruhigte mich damit. Das Spiel der Idiome, das Hin und Her zwischen mir und den PatientInnen brachte Ausdrucksfiguren hervor, die sich mit ihrer Widersprüchlichkeit selbst ad absurdum führten. Ein Teil des Ausdrucksgeschehens bestand darin, dass ich – um die Situation auszuhalten, mich darin nicht zu verlieren und darin die Situation als solche zu verlieren – Ausdruck als ein In-sich-zurück-Fallender, als Scheitern von Ausdruck beschrieb. Im Gegensatz zum Einfall ‚Pause‘, der doch zur Hoffnung auf die Möglichkeit von Ausdruck wurde, machte hier der Ausdruck die Situation als solche nicht verstehbar. Er schien sogar die Unmöglichkeit des Verstehens aufzuzeigen, wenn dies auch gerade darin erträglich wurde. Es entstand eine Verständigung darüber, dass wir uns nicht verständigen können. Nicht-Mitteilbarkeit war Inhalt der Mitteilung: ‚Der zerfallende Leib hält sich, indem er sich zerfallen hält. Musik zerfällt in ihre Idiome und Naturlaute, um darin zum musikalischen Ausdruck von Zerfall – ‚Nichts‘ – zu werden.' Die immanente Funktion von Ausdruck, den intersubjektiven Bezug der Ausdrucksfigur im Hervorbringen einer Situation zu halten, wurde häufig – im Gegensatz zum obigen Beispiel des Einfalls ‚Pause‘ – gegen sich selbst gewendet, der intersubjektive Bezug zerstört. So entstand im gemeinsamen Spiel kein Ausdruck. Vielmehr schien hier die Funk- Die Besonderheit des situativen Verstehens 237 tion der Interventionen – das Sich-selber-Festhalten – auf das Fehlen der Ausdrucksfigur als ihr Negativ – auf ein Quasi-Objekt – zu verweisen. Das lässt sich auch so verstehen, dass die Interventionen ein Verstehen verfehlten, da es nicht um die Modifikation der in mich verlagerten unerträglichen Erregung, sondern vorerst nur um das Vermeiden von unerträglichem psychischem Schmerz gehen konnte. Gerade durch den vermeidenden Modus schien es möglich, dazubleiben und die therapeutische Beziehung aufrechtzuerhalten, obwohl durch ihn zugleich die Intention der therapeutischen Beziehung konterkariert wurde. Das Scheitern des Verstehens erschien zugleich als eine Form der Anerkennung des auf ein Quasi-Objekt bezogenen fehlenden Selbst. Viele meiner inneren Bilder und Einfälle bezogen sich daher auf das Nicht-gesehen-Werden: – Einfälle aus der Einzeltherapie mit Jens, Anna und den Gruppentherapien: vorgestellte lautlose Schreie als Reaktion auf die Vorstellung spurloser innerer selbst zugefügter Qualen etc. So stellte ich mir manchmal vor, wenn mein Gegenüber schrie, sich quälte und auf musikalische Interventionen von mir nicht einging, ich würde innerlich lautlos schreien, weil mir auf unsichtbare Weise Schmerzen zugefügt würden. Diese ‚inneren lautlosen Schreie‘ standen anstelle von gar keiner Reaktion oder von stimmlichen Interventionen, von denen ich befürchten müsste, dass sie tatsächlich wie Schreie geraten würden; manchmal drückte ich sie als eine Art Singsang aus. – Bilder und Einfälle aus der Therapie mit Jens: ‚Ich werde immer blinder‘, ‚Wir leben noch – in der Dunkelheit fühlen wir uns‘ oder ‚Wir sind zusammen und ich finde unser Zusammensein nicht wieder‘, ‚gehen in der Dunkelheit‘, ‚Zusammensein im Nebel‘, ‚Glaswand‘ etc. Sie tauchten in Situationen auf, in denen ich den gemeinsamen Bezug zueinander spürte, ohne dafür ein Anzeichen oder eine Gewähr zu haben. Dadurch entstand das quälende Gefühl, kein Echo, keinen Widerhall zu haben. Im Gegenteil: Die empfundene Gemeinsamkeit wurde durch das fehlende Echo des umgebenden symbolischen Raumes zur Illusion, von Auflösung bedroht. – Einfälle aus den Einzel- und Gruppentherapien: die Lüge des uns verbindenden Liedes als seine musikalische Verfremdung. In der 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 238 Therapie mit Anna wie auch in den Gruppentherapien erlebte ich Lieder, die mir einfielen und zur momentanen Stimmung zwischen mir und den PatientInnen zu passen schienen, zugleich als verfehlt, z. B. ein Kinderlied als Verniedlichung, mit der das Unerträgliche – das unerträgliche Zusammensein mit den PatientInnen – möglicherweise ausgemerzt werden sollte. Das Lied erfuhr eine Verfremdung dadurch, dass wir es ‚abwechselnd‘ ‚sangen‘. Das Abwechseln bedeutete, dass ich nach einer Weile innehielt und auf irgendeine Art von Erwiderung wartete. Manchmal entstanden lange Pausen, die eine große Spannung deutlich machten. Das war eine Weise, mit der das Unpassende des Liedes offenbar wurde als Kennzeichen einer durch unerträgliche Ambivalenz gekennzeichneten Interaktion. Das Unpassende des Liedes vermittelte diese Interaktion und verhinderte darin das Auseinanderfallen der verniedlichenden Ansprache im Kinderlied und der Unerträglichkeit der Situation. (Währenddessen war das Unpassende der ‚harmlos-fröhlichen‘ Lieder im Beispiel der Gruppensituation mit S. von mir gewisserma- ßen überfühlt worden, so dass die Situation auseinanderfiel. Die MitarbeiterInnen nahmen die Bedrohung wahr und handelten, während ich erst im Zerfall der Situation zu verstehen begann. Möglicherweise wäre auch im Falle, dass ich mit der Wahrnehmung des Unpassenden der ‚harmlos-fröhlichen‘ Lieder den Schrecken hätte aufgreifen können, eine medizinische Behandlung notwendig gewesen. S. wäre jedoch damit nicht so ‚weltweit isoliert‘ aus dem Geschehen herausgefallen.) Es waren auch Inszenierungen, bei denen das Verfehlen der anderen – die ins Leere gehenden Bewegungen der PatientInnen, wenn sie etwas auf eine vollkommen ziellos erscheinende Art ‚in die Gegend‘ warfen, das ich später als ein ‚Mich-Verfehlen‘ verstand – die Sehnsucht nach Begegnung deutlich machte. Oder umgekehrt, wenn in meiner Ansprache die fehlende Begegnung – der Eindruck, ich spreche mein Gegenüber an, obwohl ich es überhaupt nicht spüre – deutlich wurde, wenn scheinbar das Ansprechen mit dem Namen einen Schrecken (bei mir, bei ihnen) auslöste, es wie eine tödliche Bedrohung oder quälende Lüge erschien, da er das Gegen- über nicht wirklich zu meinen schien. Die Besonderheit des situativen Verstehens 239 – Ein Beispiel auf der Ebene der musikalischen Interventionen in den Gruppentherapien war das stetige Spielen von zwei Tönen im Intervall einer kleinen Sekunde, das stereotypen, sinnlos scheinenden, nur auf sich selbst bezogenen Bewegungen und Lautierungen nachempfunden war. Ihre Wirkung darzustellen half mir, Empfindungen, die durch das Schreien, Lautieren, Sich-Schlagen der PatientInnen ausgelöst wurden, auszuhalten. Ein solches Spielen erzeugte einen flimmernden und flirrenden, dissonanten und dichten Clusterraum, der wie eine Schutzhülle wirkte. In diesen Bildern, Einfällen und Interventionen wurden Ausdrucksmöglichkeiten vernichtet, verschränkt, zerquetscht, verdichtet und auseinandergerissen und damit zerstörte Zusammenhänge szenisch beschrieben. Dies erschien als Umgang mit einem unerträglichen Paradox, da szenisch ja der Verweis auf einen Zusammenhang ist. Die haltende Funktion dieser Ausdrucksformen entsprach einem Sichselbst-Festhalten als überlebensnotwendige Umgangsweise mit Eindrücken angesichts drohender existentieller Haltlosigkeit. Existentiell meint mit der Ebene der Leiblichkeit die Basis des Subjektes. In diesen Ausdrucksformen wurde der drohende Zerfall beschrieben, ohne ihn mit Eingriffen, die einer psychotherapeutischen Euthanasie entsprechen, zu erzwingen. Bilder, Einfälle und Interventionen wie: – ‚mich-innerlich-zerreißen‘, ‚mich-lautlos-quälen‘, ‚innerlich-lautlos-schreien‘, – ‚blindes Beisammensein‘, ‚uns-nicht-wiederfinden‘, – aber auch Einfälle wie ‚sie beim Namen nennen ist Lüge‘, ‚beim Namen nennen ist töten‘, – ‚die liebevolle Gemeinsamkeit des Kinderliedes ist Lüge‘, ‚ins Nichts gehende Bewegung‘, – dissonante Klänge und/oder Geräuschmuster, die einen Raum abstoßen, statt ihn zu leeren, wie die Unendlichkeit der Wiederholung einer kleinen Sekunde, die die Sinne betäubt, statt offen zu machen, stellten mir Aushaltemöglichkeiten dar für Empfindungen, die im Kontext einer Interaktion, in der nichts zum Ausdruck kommen kann, angesichts autostimulierender, autodestruktiver oder stereotyper Ver- 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 240 haltensweisen der PatientInnen in der Gegenübertragung spürbar wurden. Diese Verhaltensweisen sind benennbare Beispiele für die spezifische Beziehungsqualität, innerhalb der die obigen Bilder, Einfälle und Inszenierungen entstanden sind: die Empfindung der eigenen (meiner) Nicht-Existenz angesichts gleichzeitig heftigster innerer Erregung. Ich fühlte mich von den PatientInnen so behandelt, als sei ich nicht-existent, als gäbe es mich nicht, wiewohl sie zugleich heftigste Empfindungen in mir auslösten. Der Ausdruck ‚von den PatientInnen behandelt‘ ist jedoch irreführend, da er die Wahrnehmung einer Intention zum Inhalt hat. ‚Sie verhalten sich so, als ob‘ als Bezeichnung der direkten Ansprache charakterisiert in besserer Weise die Art des ‚Nicht-gemeint-seins‘, die in solchen Interaktion erfolgte. Die obigen Bilder, Einfälle und Interventionen halfen mir, diese Spannung auszuhalten, indem sie ihr eine Gestalt gaben. Sie kam in den Falldarstellungen u. a. als Unstimmigkeit der Interpretationen, als Unbestimmtheit innerer und äußerer Beschreibungen oder in der Unklarheit der Interpretationsgrundlage zum Ausdruck. In den oben beschriebenen Szenen bildete sich ein unerträglich scheinender, als Bedrohung erfahrener intermediärer Bereich ab, in dem zwar eine Geste spontan entstand, diese jedoch auf die Unüberbrückbarkeit der Getrenntheit zu deuten schien. Der Sinn, der deutlich wurde, verwies auf die Unstimmigkeit der Geste. Die Wahrnehmung der Getrenntheit wurde nicht zu einer Idee metaphorisiert, in der Getrenntheit und Einheit zwanglos verbunden waren, sondern die Idee schien gerade auf die leidvolle Unmöglichkeit dieser Verbindung zu verweisen. Die Bilder schienen die Nichterreichbarkeit zu wiederholen, indem sie durch einen Widerspruch gekennzeichnet waren, der sich nicht zur Synthese aufhob. Sie entstanden aus Interaktionen, in denen die Unbestimmbarkeit von subjektiv oder objektiv – die Unklarheit, ob das, was ich empfinde, eine Verbindung darstellt oder reine Projektion ist – durch die Frage nach subjektiv oder objektiv zerrissen zu werden drohte bzw. in die das trennende Element als Frage nach subjektiv und objektiv zerstörerisch hereinbrach. Die Reaktionen meines Gegenübers schienen der Hoffnung zu widersprechen, dass das, was ich empfand, ihm überhaupt hilfreich sein und zu einem Verstehen beitragen konnte. Die Besonderheit des situativen Verstehens 241 Die Übergangsbeziehung zwischen Mutter und Kind als ein „intermediärer Bereich zwischen dem Subjektiven und dem objektiv Wahrnehmbaren“223 entsteht, da es in ihm weder möglich noch nötig ist zu bestimmen, ob ein Eindruck subjektiv ist oder objektiver Wahrnehmung entspricht. Sie ermöglicht dem Kind, die beginnende Wahrnehmung der Getrenntheit zuzulassen und zunehmend als „lustvolle Möglichkeiten intersubjektiver Bezogenheit zu verstehen“224. In den Bildern wurde szenisch beschrieben, wie die Erfahrung der Getrenntheit dem konstituierenden Moment der Übergangsbeziehung – der Unbestimmbarkeit von subjektiv und objektiv, in der die Erfahrung der Einheit bewahrt wird – den Boden entzog. Das, was fehlte, war der Bezug auf etwas Drittes – eine dritte Person, einen Gegenstand, der Verweis auf etwas außerhalb der Dyade Liegendes (beim Beispiel der Wendung ‚Pause‘ die Musik) – dessen Widerständigkeit, Anders-Sein, eigene Identität die Erfahrung der Unbestimmbarkeit hätte absichern können gegen einen Rückfall ins Dyadische. Mit dem In-sich-Falschen und Widersprüchlichen der Szenen wurde nun die Erfahrung der Getrenntheit gewissermaßen erzwungen, ohne die die Unbestimmbarkeit als Rückfall ins Dyadische zur Infragestellung des Identitätsprinzips würde. Die Bilder als Abbilder eines interaktiven Geschehens machten diese unerträgliche Spannung spürbar und erträglich, da sie ihr eine Gestalt gaben: die Empfindung der eigenen (meiner) Nicht-Existenz angesichts gleichzeitig heftigster innerer Erregung. Ich verstehe sie in Bezug zur Funktion jener auf sich selbst bezogenen, autostimulierenden, autodestruktiven wie auch stereotypen Verhaltensweisen für die PatientInnen. Diese Verhaltensweisen scheinen eine Umgangsweise mit einer drohenden Haltlosigkeit und Empfindung von Nicht-Existenz zu sein. Die Verhaltensweisen stellen einen Umgang mit dem Faktum dar, sich als Folge der Bedrohung der dyadischen Beziehung durch traumatische Trennungserfahrungen in Beziehungen nicht als existent erleben zu können. Sie erzeugen einen Objekt-Ersatz, der durch die Verwicklung mit beurteilenden Gedanken auf ein fehlendes Selbst bezogen ist. So schienen sich viele der Bilder, Einfälle und Inter- 223 Winnicott, D. W. (1985) S. 12 224 Küchenhoff, J. (1999) S. 198 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 242 ventionen ausschließlich auf mich und meine Schwierigkeiten zu beziehen: Das Gegenüber (die PatientIn) und mit ihm die Beziehung fehlte. Diese Verhaltensweisen, die ein ‚Niemand‘, ein Objekt-Ersatz produzierten, funktionierten in der Erwartung des Fehlens eines haltenden und in der Befürchtung eines ‚fehlenden Gegenübers (ich)‘. Die Verhaltensweisen entsprechen der Annahme einer Umwelt, die als personales Gegenüber nicht erfahrbar ist: ‚Da, wo jemand sein sollte, ist niemand‘. Indem in den Bildern diese Annahme / Erfahrung beschrieben wurde, konnte mit ihnen immerhin der Anspruch aufrechterhalten werden, dass eigentlich jemand da sein sollte. ‚Niemand‘ war Stellvertreter, Platz- oder Statthalter des ‚Gegenübers‘. Gegenüber versus Objekt Ich spreche hier von Gegenüber und nicht von Objekt, da der Begriff Objekt im engeren Sinne nur in einem triadisch strukturierten Raum sinnvoll ist. Der Begriff Objekt umfasst den Spannungsraum zwischen dem äußeren – als unabhängig anerkannten – Gegenüber und der Möglichkeit seiner inneren Repräsentanz. Er ist gebunden an die Fähigkeit des Subjektes, mittels eines Funktionskomplexes – Ich – die Vermittlung zwischen innen und au- ßen (wie später auch zwischen Bedürfnissen / Impulsen und Werten / Idealen) zu organisieren. Innen und Außen meint damit ein Dreifaches: innere Natur (innerorganismische Spannungen etc.) und äußere Natur (Sinneswahrnehmung), Innen als geistige, ideelle Komplexe und Außen als physisch / materielle Dinge / Natur und darüber hinaus die Fähigkeit, das Gegenüber als unabhängiges Subjekt im eigenen Recht anzuerkennen. Mit der Fähigkeit, die Vorstellung eines hinreichend guten Objektes in sich halten zu können, wird die Spannung ausbalanciert zwischen der Erfahrung der Unabhängigkeit des Gegenübers und dem Erleben des eigenen Angewiesenseins auf die Verfügbarkeit des Gegenübers. Das Gegenüber, um das es im vorliegenden Text geht, lässt sich eher vergleichen mit dem einen Pol eines zwischen zwei Polen sich aufbauenden Spannungsfeldes, das mit dem Rückzug eines der Pole zusammenzubrechen bzw. sich zu desorganisieren droht. Die fundamentale Bedeutung des Gegenübers liegt darin, dass es ohne das Gegenüber kein Ich im Sinne eines Selbst gibt, da dieses Selbst sich nur in Ausrichtung auf das Gegenüber organisieren kann. Die Spur des Gegenübers ist die Andere – Du –, die dem Selbst – Ich – Kontur gibt. Beim konturierenden Zusammenspiel ist nicht feststellbar, wer was macht, wiewohl es zugleich auf der Unterscheidung von Ich und Du beruht. Es ist so gesehen ein Ich-Du. Die autostimulierenden, -destruktiven und stereotypen Verhaltensweisen wie das darauf bezogene Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson stellen einen kreativen Umgang mit der Gefahr des Zu- Die Besonderheit des situativen Verstehens 243 sammenbruches und der Desorganisation der Beziehung dar, indem darin eine als Barriere fungierende Verwicklung geschaffen wird. Das ‚fehlende Gegenüber‘ kann nicht in einen Gedanken umgewandelt werden, dass da etwas fehlt. Es wird in der Verwicklung zu etwas, was ich als Objekt-Ersatz bezeichnet habe und Eigenschaften hat, die mit Bion einem Konglomerat aus Beta-Elementen entsprechen. Es ist anwesend und zugleich nicht real. Das ‚fehlende Gegenüber‘ wird mit seiner spezifischen Art des Anwesend-Seins und zugleich Nicht-anwesend-Seins zu einem Objekt-Ersatz, das ich als ‚Nichts‘ bezeichnet habe. Als Ereignis-Spur drückt diese Substanz kommenden Ereignissen ihren interpretativen Stempel auf. Indem die auf sich selbst bezogenen Verhaltensweisen in der therapeutischen Beziehung in meinen Erwiderungen – in meinen Einfällen, Bildern und Interventionen – eine Antwort erhielten, szenisch dargestellt wurden, konnten sie als konkretistisch-leere Metaphern zur Kontur von etwas Fehlendem und darin als bestimmte Negation zur Möglichkeit der Mitteilung werden, dass etwas fehlt. Darin wurde das Fehlen eines Behälters – Ich –, mit der Funktion, etwas Unverdauliches in etwas Verständliches zu verwandeln, anerkannt. Diese Anerkennung bedeutet, dass ich als jemand, die das Schlimme gutmachen kann, ihnen fehle und in der Anerkennung des Fehlens jedoch zugleich da bin als jemand, die das Fehlen genau wie mein Gegenüber erleidet. Darin wird anerkannt, dass ein Ich – eine die Frustration modifizierende Instanz – ihnen fehlt. Wenn diese Verständigung und Anerkennung gelingt, kann gerade das zur Hoffnung auf die Möglichkeit des ‚Ich für ein Du‘ werden, zur Hoffnung auf eine Beziehung, in der sich mein Gegenüber mit seinen Schwierigkeiten wahrgenommen fühlen kann. Wie lässt sich der Konflikt auf dieser Stufe beschreiben? Die Haltlosigkeit des schwermehrfachbehinderten Menschen findet in der Erwartung des Fehlens eines haltenden Gegenübers Ausdruck. Sie ist so verstanden Folge des Umstandes, dass er in seiner leiblichen Basis der Identität aufgrund schwerer Traumatisierung auf einen Mangel festgelegt ist. Als letzte Möglichkeit von Identitätsbildung hat sich das Konzept eines auf einen Objekt-Ersatz bezogenen fehlenden Selbst ge- 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 244 bildet, das den Umgang mit einem nicht zur Ruhe kommenden, unerträglichen Widerspruch beschreibt. Entwicklung individueller Identität in der frühen Beziehung Lichtenstein bezeichnet das Angewiesensein des Menschen auf eine eigene Identität als grundlegendes menschliches Bedürfnis. Die Entwicklung einer Identität sei beim Menschen im Gegensatz zum Tier mit seinen angeborenen Schemata ein kreativer Akt im Kontext der Dyade. Mit ihr erhält der Körperbedarf des Kindes seine spezifische Bedürfnisstruktur. Leibliche Identität ist hierbei Halt des Individuums auf einer Ebene, auf der es noch kein Innen und Außen gibt, jedoch als Verhalten strukturierende Erfahrung die vielfältige Beziehung eines Ich und Du – im Sinne des Gegenübers zweier Pole. Die darin zugleich anwesende Möglichkeit des drohenden Auseinanderfallens dieser Pole – durch Nicht-Verstehen gekennzeichnete Situationen – bedeutet anfangs für das vollständig abhängige Kind das Sein „am Rande unvorstellbarer Angst“225. Via Übergangsphänomenen, nonverbalen Metaphern und affect attunement entstehen nach und nach Erlebensbereiche, in denen es dem Kind möglich wird, sich mit seinen leiblichen Bedürfnissen gespiegelt zu erleben und die durch Nicht-Verstehen gekennzeichneten Situationen zu ertragen und sie als Erfahrung des Fremden und ganz Anderen zu besetzen. Mit dem sich bildenden Ausdrucksvermögen eignet sich das Kind nun jene Steuerung an, die zuvor durch das dyadische Zueinander Mensch–Umwelt geregelt wurde. Diese Aneignung ersetzt sie jedoch nicht, sondern führt eine spezifische reflektierende Instanz ein. Diese Überlegung hat in verschiedenen Konzepten Ausdruck gefunden: – in dem von Winnicott entwickelten Konzept des Übergangsraumes bzw. des intermediären Bereiches. Dieser entsteht, wenn das Kind auf der Basis der guten Erfahrungen mit der pflegenden Person anfängt zu spielen, um sich im Umgang mit Objekten die eigenen Erfahrungen anzueignen.226 Die Basis der guten Erfahrungen mit der pflegenden Person betrifft vor allem deren Fähigkeit, das Kind körperlich und in der Bereitstellung von Ich-Funktionen zu halten. Winnicott nennt dies auch die Umweltmutter im Gegensatz zur Objektmutter als Bereich jener Erfahrungen, in denen das Kind die Mutter als ein eigenständiges Gegenüber triebhaft besetzt, begehrt oder hasst. Der innerpsychische Niederschlag ist der „Innenraum“, der „das Abbild des sicheren Übergangsraumes (des offenen Raumes) (ist, MB), wo wir das Gefühl haben dürfen, daß unsere Impulse von innen kommen und folglich authentisch sind.“227 Dieser Innenraum bedeutet die Fähigkeit des Subjektes, sich selbst zu hal- 225 Winnicott, D. W. (1984) S. 74 226 Winnicott, D. W. (1985) 227 Benjamin, J. (1990) S. 126 Die Besonderheit des situativen Verstehens 245 ten, sich selbst als authentisch zu erleben und damit einen subjektiven Anspruch auf Leben zu erheben. – in dem von Bion entwickelten Gedanken der mütterlichen Fähigkeit, Botschaften und Signale des Kindes in Gedanken verwandeln zu können.228 Bion konzipiert die dyadische Beziehung als Funktion von Behälter und Inhalt. Der Säugling verfügt noch nicht über die Fähigkeit, unverträgliche Zustände (Schmerzen, Hunger etc.) durch Denken, Erleben oder Handeln (im Sinne von intentionalen Handlungen) zu verändern. Er erfährt Mangelzustände als konkrete leibliche Anwesenheit von etwas Unverträglichem, das er nur durch „sehr konkrete und somatische Formen der Projektion“229 loswerden kann: z. B. durch Schreien, somatische Veränderungen etc. Hierdurch projiziert er diese Zustände in einen Behälter, die Mutter. Diese kann dank ihrer Fähigkeit zur träumerischen Einfühlung dieses Unverträgliche bzw. die in ihr dadurch ausgelösten affektiven und somatischen Veränderungen umwandeln in Verständnis dafür, was das Kind braucht, und das Unverdauliche dadurch in etwas Verdauliches verwandeln und ihm in verdaulicher Form zurückgeben. Das Kind eignet sich mit der ersten inneren Strukturbildung die Fähigkeit der Mutter an, die unbewussten, von innen kommenden Zustände – Botschaften – in Gedanken zu verwandeln, dass ihm etwas fehlt, in erlebbare Affekte, die ihm die Möglichkeit geben, sich im Kontext eines interaktiven Feldes zu verstehen. Diese erste innere Strukturbildung ist Niederschlag von Kontexterfahrungen. Sie wird zum Modell für die weitere Erfahrungsbildung. Mit ihr wird nicht ein Objekt verinnerlicht, sondern jene Struktur, die Verinnerlichung und Repräsentation überhaupt ermöglicht und die Vorbild aller weiteren Repräsentanzbildungen ist. Sie ist Voraussetzung dafür, dass das Kind seine Erfahrungen im Sinne eines sich selbst tragenden Entwicklungsprozesses organisieren kann. Zugleich mit dem Vertrauen darauf, dass es jemanden außerhalb seiner Kontrolle gibt, der in der Lage und willens ist, seine Bedürfnisse im Großen und Ganzen zu befriedigen, entsteht für das Kind der Unterschied von innen und außen. Die Erfahrungen des drohenden Auseinanderfallens sind hierbei gewandelt – metaphorisiert – zum Auseinanderfallen aus der situativen Verbundenheit mit der dyadischen Mutter in die Entstehung von Beziehungsphantasien. Mit ihnen kann das Kind Interaktionen mit Personen wie mit Gegenständen besetzen und sich die Ausbildung erster Selbst-Objekt-Vorstellungen erarbeiten. Die weitere Entwicklung findet nun auf der Basis der Beziehung eines Selbst zu seinen Objekten statt. Deren Repräsentanzen sind umgeben vom Halo der Protosymbole, jenem unbestimmbaren, nicht angeeigneten Rest jener dyadischen Erfahrungen des drohenden Auseinanderfallens, die nicht in die neue, symbolisch organisierte Form des Selbsterlebens aufgenommen werden konnten. 228 Grinberg, L., Sor, D., Tabak De Bianchedi, E. (1993) S. 63 ff. 229 Schoenhals, H. (1997) S. 5 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 246 Diese erste Strukturbildung kann durch das traumatische Ereignis, welches die schwere Behinderung zur Folge hatte, gravierend beeinträchtigt werden bzw. in einer Weise erfolgen, die die nachfolgende Aneignung erheblich beschwert, wenn nicht unmöglich macht. Es handelt sich zumeist um eine Kette von Ereignissen, deren schädigende Wirkung als kumulierend aufzufassen ist. Als solche muss häufig der Unfall, die Infektion etc. und die darauffolgende Behandlung angesehen werden oder bei pränatalen Schädigungen die intrauterinen Verletzungen, die durch sie provozierte Frühgeburt sowie die Umstände der Geburt und die Frühgeborenenbehandlung. Die schweren Schädigungen und die durch sie hervorgerufene Reaktion der Umwelt verändern und beeinflussen in fundamentaler Weise nicht nur die neurophysiologische Funktionsweise und das biologische Fundament eines Menschen, sondern gleichzeitig das psychosoziale Umfeld der Betroffenen, indem sie den inneren Halt der nichtbehinderten Beziehungspersonen durch Intensität und Ambivalenz der Affekte gefährden. Hierbei spielt der Sinn, den das faktische wie phantasierte traumatische Geschehen in der Interaktion und Interaktionsstruktur des behinderten Menschen mit seiner Umwelt annimmt, eine entscheidende Rolle. Die Unterscheidung von faktisch und phantasiert berücksichtigt, dass die organischen und neurophysiologischen Ursachen einer behinderten Entwicklung manchmal nicht bekannt und ganz unklar sind. Abgesehen von den Fällen, in denen ein überwiegend psychisches Geschehen – eine spezifische Störung der frühesten Interaktionsstruktur – eine organisch imponierende Schädigung zur Folge haben kann, bezieht sich phantasiert hier darauf, dass über ein vermutetes organisch-neurophysiologisches Geschehen Vorstellungsbilder existieren, die zwar den Umgang der Umwelt mit den Betroffenen bestimmen, deren Vorhandensein als Vorstellungscharakter jedoch verschleiert ist. Auch im Falle, dass etwas über die organisch-neurophysiologische Schädigung bekannt ist, nimmt diese eine Bedeutung in der Vorstellung der Umwelt an, die von dem eigentlichen Geschehen unterschieden werden muss und entscheidend den Umgang mit den Betroffenen bestimmt. Bedeutung und Vorstellungsbilder können sich auf den medizinisch-klinischen Bereich beziehen. Sie können in der Ausschließlichkeit liegen, die dem medizinisch-klinischen Bereich als wesentlich für die Problematik des behinderten Menschen zugeordnet Die Besonderheit des situativen Verstehens 247 wird. Sie können im emotional-sozialen Bereich angesiedelt sein – wenn zum Beispiel Aussagen getroffen werden wie der, der oder die Betroffene merke nichts von ihrer Umgebung, spüre keine Schmerzen, führe kein lebenswertes Leben oder sei nicht fähig zu kommunizieren. Mit der Bezeichnung ‚faktisches wie phantasiertes traumatisches Geschehen‘ sollen die per se nicht unmittelbar erfassbaren Beziehungs- Ereignisse von den Bildern, Gedanken und Vorstellungen unterschieden werden, mit denen die nichtbehinderten Beziehungspersonen sie zu bewältigen versuchen. Die Wucht der vorwiegend unbewussten Vorstellungsbilder droht den inneren Halt der nichtbehinderten Beziehungspersonen zu zerreißen. Der drohende Rückzug aus der Beziehung, der mit Todesfurcht und Tötungsphantasien einhergeht, erzwingt den Rationalen Mythos, mit dem den Beziehungspersonen ein ‚sachlicher Umgang‘ mit der Beziehung ermöglicht wird. Vorstellungen darüber, was der schwermehrfachbehinderte Mensch braucht, können nicht mehr im Kontext der Interaktion entstehen, sie orientieren sich stattdessen an rationalen Konzepten. Das Zusammenspiel Subjekt–Umwelt – die Interaktion und Interaktionsstruktur – verliert dabei jene organisierende Kraft, die mit Sinn bezeichnet wird und die Verfügbarkeit eines kreativen, Bedeutung zuschreibenden Entwicklungspotentials meint. Es ist den Beteiligten nicht möglich, sich dem Hin und Her der Beziehung zu überlassen, aus dem Sinn deutlich werden könnte. Er wird quasi von außen eingeführt. Der Vorgang lässt sich auch so beschreiben, dass die Interaktionen der Getrenntheit, in denen das drohende Auseinanderfallen des dyadischen Zusammenspiels manifest wird, eine solche Macht gewinnen, dass die Behälterfunktion der nichtbehinderten Beziehungsperson davon mit Zerstörung bedroht ist. Im Sinne Winnicotts ausgedrückt, entspricht dies einem Versagen der Umweltmutter. Das, was der behinderte Mensch als Antwort auf seine Botschaften zurückbekommt, droht in unmodifizierter Form ihn zu überschwemmen und die dyadische Beziehung zu sprengen. Die Affektentleerung auf Seiten der nichtbehinderten Beziehungsperson soll die Beziehung retten. In den so modifizierten Antworten kann sich der behinderte Mensch jedoch nicht mehr wahrgenommen und gemeint fühlen, obwohl sie doch gerade ihn spezifisch betreffen. Das entspricht einem Implantat von Fremdheit, an das das Selbstkonzept der Betroffenen nun gebunden ist. 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 248 Diese fremde Haut ist das Sich-existent-Fühlen im stereotyp fixierten, vegetativ organisierten Sich-Verhalten und Sich-Bewegen und wird zum Ersatz der Struktur, die die Ausbildung von Selbstobjektbeziehungen ermöglicht. Die fremde Haut ist das an einen Objekt-Ersatz gebundene fehlende Selbst. Dieser Vorgang wird fixiert, solange er sich am Bewusstsein der nichtbehinderten Beziehungsperson vorbei ereignet und daher nicht Gegenstand der Interaktion werden kann. Ihn zu berücksichtigen hie- ße seitens der nichtbehinderten Beziehungsperson, die eigenen Affekte als ausgelöst durch die Wahrnehmung des schwerbehinderten Gegen- übers zu verstehen, hieße, die Eindrücke anzuerkennen, die durch die äußere Wahrnehmung des durch schwerwiegende neurophysiologische Schädigungen betroffenen Gegenübers ausgelöst werden, hieße ebenso die Spuren wahrzunehmen, die der Umgang mit den eigenen Affekten und Eindrücken beim Gegenüber hinterlässt. Es hieße vor allem, die Zuschreibung der Nicht-Bedeutung als Auslassungen und Leerstellen wahrzunehmen. Wenn die dyadische Beziehungsstruktur berücksichtigt wird, lässt sich erkennen, dass aus der Position von innen heraus in Folge der Nicht-Wahrnehmung der Bedeutung des traumatischen Geschehens für die Interaktion das in völliger Abhängigkeit sich artikulierende Gegenüber zu etwas zu werden droht, das von der nichtbehinderten Beziehungsperson nicht mehr als ein Gegenüber wahrnehmbar ist und von den eigenen Projektionen nicht mehr unterschieden werden kann. Während es von außen her auf sein nicht verstehbares Anders-Sein festgelegt ist, ist es zugleich ununterscheidbar von etwas Unverträglichem und verfolgend Erlebten. Das schwerbehinderte Gegenüber ist zugleich viel zu dicht und weit entfernt, kaum erreichbar. Die somatischen Veränderungen und erschreckenden Verhaltensweisen des schwer behinderten Menschen können daher so schwer nur als Ausdruck seines Versuches verstehbar werden, einen interaktiven Umgang mit etwas Unverträglichem zu finden. Es besteht stattdessen die Gefahr, dass die Körperreaktionen und Verhaltensweisen Tötungshandlungen provozieren: Tötungshandlungen passiver Art in Form von Aussagen wie jener, der oder die Betroffene merke nichts von seiner/ihrer Umgebung, spüre keine Schmerzen, führe kein lebenswertes Leben oder sei nicht fähig zu kommunizieren, die dann die Die Besonderheit des situativen Verstehens 249 Einstellung medizinischer, pädagogischer oder therapeutischer Bemühungen rechtfertigen. Die Nicht-Bedeutung als fehlende Differenz im Erleben der nichtbehinderten Beziehungsperson weist auf den fehlenden Raum zwischen ihr und dem behinderten Gegenüber hin. Bleibt die in diesem Muster liegende Fixierung aufs Dyadische unbemerkt, bleiben beide – der schwerbehinderte Mensch wie die nichtbehinderte Beziehungsperson – darin zwangsläufig gefangen und auf die darin gebannten katastrophischen Vernichtungsängste und -phantasien fixiert. Ursache hierfür ist der Wiederholungszwang als „Manifestation der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des Identitätsthemas“230, das biologische Angewiesensein des Menschen, zu jeder Zeit im Wandel und der Ver- änderung seine Identität zu wahren, dies jedoch als kreativen Akt im Kontext von Beziehungen tun zu müssen. Die Barriere als fremde Haut, die dyadisch fixierte Interaktionsform, ist für den schwermehrfachbehinderten Menschen Ersatz eines Selbstkonzeptes und stützt mit der Fixierung auf ein Quasi-Objekt gegen den Rückfall in den dyadischen Kontext und die mit ihm verbundene Bedrohung des Auseinanderfallens ab. Es ist eine Form, sich leiblichen Halt gegen ein Umfeld zu schaffen, auf das er um seines Überlebens willen angewiesen ist und das er zugleich als äußerst bedrohlich / bedroht erfährt. ‚Namen‘ sind im Kontext der Barriere keine Repräsentanzen, sondern sind mit der Gefahr des Auseinanderfallens identisch. Das Virulent-Werden des Körperbedarfs und die darauf bezogenen Reaktionen können zur existentiellen Bedrohung werden, wenn der Betroffene befürchten muss, im ihm von außen begegnenden ‚Namen‘ erneut ‚vernichtet‘ zu werden, d. h., dass die Interaktion nicht von Tötungsphantasien, sondern von destruktiven Handlungen bestimmt zu werden droht. Situationen und Entwicklungstendenzen mit kreativem Potential – das sind Konflikte und Spannungsmomente, in denen die dyadische Beziehung sich zu sinnhaften, symbolisierbaren Situationen erweitern könnte und in denen es etwas zu bezeichnen gäbe – erscheinen ihm als potentiell gefährlich, wenn es nicht zugleich gelingt, den dyadisch fixierten Beziehungs'raum' in der Anerkennung zu (er-)halten. Denn es gibt keine innere und äußere Basis – kein Übergangsobjekt, das die dyadische Ver- 230 Lichtenstein, H. (1961) S. 235 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 250 bundenheit absichern und zugleich Distanz ermöglichen würde –, von der aus Hoffnung bestünde, den Abgrund des ‚Nichts‘ – die dyadisch fixierte Interaktionsform – durch Verstehen überbrücken zu können. Die Übergangsbeziehung gerät so gesehen zur Gefahr, die Bedrohung des Auseinanderfallens zu wiederholen, statt sie in der Selbst-Objekt- Spannung zur Chance werden zu lassen, eine fremde Welt in sich und im anderen kennenzulernen. Bleibt der Konflikt unbemerkt, setzt sich der Rationale Mythos durch und führt zur sprachlich beschriebenen und darin hergestellten Desubjektivierung. Die darin der Wahrnehmung entzogene Sinnlosigkeit ist Reflex auf das fehlende Selbst, jedoch noch im Sinne eines dyadisch erzwungenen Reflexes statt bewusster Reflexion. Mit der Konzeption der fehlenden Differenz wird eine unerträglich scheinende Spannung denkbar. Es ist der Versuch, den Rationalen Mythos, das beeinträchtigte Denken der nichtbehinderten Beziehungsperson als Reflex auf das fehlende Selbst zu verstehen und daraus die Position eines Anderen / Fremden ableiten zu können, die nicht zugleich zum Ausschluss der dyadisch fixierten Beziehungsgestalt führt. Der ‚in sich zurückfallende Ausdruck‘ der beschriebenen Szenen macht das ‚Nichts‘, die Fremdheit in sich selbst, die Barriere als fremde Haut sensorisch fühlbar. Mit ihm wird das Unverträgliche, das sich einem verstehenden Zugang so hartnäckig zu sperren scheint, interaktiv gehalten und anerkannt, jedoch noch nicht verändert. Die fehlende Differenz gewinnt Kontur als Form einer Übergangsbeziehung, in der das Fehlen der Differenz konstituierendes und bedrohliches Moment ist. Die mit ihm gehaltene Spannung führt zu einer Ausdrucksform, die sich einem verstehenden Zugang sperrt. In dieser Ausdrucksform kann die Ununterscheidbarkeit der Interagierenden vorübergehend gehalten werden, da in der Infragestellung der Möglichkeit des Verstehens die Erfahrung der Getrenntheit als bestimmte Negation aufgehoben ist. Mit dem Ausdruck wird nichts verstanden, er benennt nichts, außer dass mit ihm eine unverständliche Spannung geteilt und damit aushaltbar wird. Die Interagierenden können hier nicht voneinander loskommen, sich nicht als Subjekte begegnen und aufeinander beziehen, da das Von-einander-Loskommen ohne Wendung des Zustandes des ‚Nichts‘ ihn besiegeln würde. Der Ausdruck wäre in dieser Befürchtung die Bestätigung der Unfähigkeit der PatientInnen zur Aus- Die Besonderheit des situativen Verstehens 251 drucksgestaltung. Es wäre die Bestätigung der Ununterscheidbarkeit der befürchteten Katastrophe von ihrer Benennung. In den Bildern als Szenen ist jedoch das fehlende Dritte als bestimmte Negation, als den in seiner Widersprüchlichkeit ‚Nichts‘ benennenden Ausdruck, aufgehoben. 6. Annäherung an eine veränderte Verständnisweise des Konfliktes 252

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References

Zusammenfassung

Schwermehrfachbehinderte Menschen als ein Gegenüber auf Augenhöhe ernst zu nehmen, wird durch die heftigen Empfindungen erschwert, die sie in nichtbehinderten Menschen auslösen. Neben Interesse, Mitgefühl und Traurigkeit zeigen sich auch Abwehrreaktionen bis hin zu Tötungsfantasien: ‚Wäre es nicht besser, er oder sie hätte den Unfall, die Krankheit gar nicht überlebt?‘

Schuld und Scham spielen oft eine Rolle. Der Zusammenhang mit gesellschaftlicher Abwehr muss jedoch erkannt werden. Denn die Erfahrungen von tiefer Ohnmacht und Abhängigkeit bedrohen unser auf Autonomie und Kontrolle beruhendes Selbstverständnis. Musik eröffnet hier Zugangsweisen, inmitten des Schreckens das Subjektsein des Gegenübers zu entdecken. Als unzerstörbarer Halt kann der musikalische Beziehungsraum die Infragestellung durch Angst und Hoffnungslosigkeit ‚überleben‘. Freude und Hoffnung können unverhofft auftauchen und neuen Entwicklungsraum eröffnen.

Dieses Buch wendet sich in erster Linie an pädagogische, therapeutische und pflegerische Fachkräfte sowie an interessierte Laien.