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1. Einführung in:

Maria Becker

Begegnung im Niemandsland, page 1 - 18

Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4326-4, ISBN online: 978-3-8288-7269-1, https://doi.org/10.5771/9783828872691-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einführung Mit diesem Buch möchte ich Erfahrungen und Erkenntnisse weitergeben und zur Diskussion stellen, die ich in der von mir durchgeführten Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen gesammelt und bearbeitet habe. Es wendet sich in erster Linie an Menschen, die im Rahmen ihrer Berufsarbeit, aber auch aufgrund persönlicher Bindungen mit schwermehrfachbehinderten Menschen in Beziehung stehen. Ich hoffe, dass ihre Erfahrungen und ihr Erleben in den hier vorgestellten Überlegungen angesprochen werden. Diese Überlegungen können und sollen Anregung und Hilfe sein, wenn sie sich im Kontakt mit dem schwermehrfachbehinderten Menschen und den dort auftretenden Empfindungen und Seins-Zuständen manchmal isoliert und allein fühlen und sie sich mit überwältigenden inneren und äußeren Schwierigkeiten konfrontiert sehen. Damit der mit dem schwermehrfachbehinderten Menschen geführte Dialog als solcher von der nichtbehinderten BeziehungspartnerIn1 mitgetragen werden und damit überhaupt in Erscheinung treten kann, ist es von besonderer Bedeutung, dass diese mit ihren Empfindungen und Erfahrungen in einem gesellschaftlichen Diskurs aufgehoben ist. Dieser ist jedoch äußerst prekär. Denn öffentlich wird diskutiert, ob das Leben schwermehrfachbehinderter Menschen überhaupt sinnvoll und lebenswert ist, ob nicht passive oder gar aktive Sterbehilfe die angemessene menschenwürdige ‚Behandlung‘2 sei. Hierdurch wird 1. 1 In meinen Formulierungen möchte ich die Tatsache der menschlichen Zweigeschlechtlichkeit berücksichtigen, die in der sprachlichen Gleichsetzung von Allgemeinheit und Männlichkeit geleugnet wird. Dies führt notwendigerweise zu sprachlichen Brüchen und Unförmigkeiten, die auf gesellschaftliche Widersprüche im Zusammenhang von Herrschaftsformen, Sprache und Geschlecht weisen. 2 Siehe z. B. die „Europäische Konferenz zu medizinischen Fragen in der Behandlung von Patienten im Wachkoma“ (Zieger, A. (1995)) oder die Diskussion über die Einführung einer Bioethik-Konvention, mit der wissenschaftliche Experimente an nichteinwilligungsfähigen Personen unter bestimmten Bedingungen erlaubt werden soll (Arp, D. (1995)). 1 der Bezug zu dem von schwerer Behinderung betroffenen Menschen für die nichtbehinderte BeziehungspartnerIn zu einer Zerreißprobe und konfrontiert letztere mit einer unerträglichen Spannung. Ich möchte mit diesem Buch einen Weg zeigen, der mir half, die Beziehung zum schwermehrfachbehinderten Menschen aufrechtzuhalten, ohne das extreme Spannungsfeld leugnen zu müssen, in dem er lebt. Dieser Weg beschreibt die Möglichkeiten und Grenzen in der psychotherapeutischen Arbeit mit ihnen als eine ganz spezifische Art des In-Beziehung-Seins. Dem psychoanalytischen Ansatz entsprechend ist der Fokus die therapeutische Beziehung und damit der hier in Erscheinung tretende zentrale Konflikt, mit dem ich als nichtbehinderte Therapeutin konfrontiert und in den ich verwickelt bin. Aus der Analyse dieses Konfliktes heraus habe ich ein Konzept der Schwermehrfachbehinderung entwickelt, in dem diese als eine besondere Art der Interaktionsstörung deutlich wird. Dieses Konzept möchte ich in diesem Buch vorstellen und diskutieren. Die hier dargelegten Einsichten, Konzepte und Überlegungen sind gleichermaßen für Menschen bedeutsam, die mit schwermehrfachbehinderten Menschen in einem pädagogischen, erzieherischen oder pflegerischen Arbeitszusammenhang stehen. Denn auch ihre Arbeit ist stets in Gefahr, von den grundlegenden Beziehungsschwierigkeiten des schwermehrfachbehinderten Menschen unterminiert zu werden. Diese Schwierigkeiten schlagen sich im Bewusstsein der MitarbeiterIn als Empfindungen der Sinn- und Hoffnungslosigkeit der eigenen Arbeit gegenüber nieder, als Gedanken, Eindrücke und Empfindungen, die zu einer stetigen Infragestellung der eigenen Bemühungen führen und die mit der Schwere der Behinderung in Zusammenhang gebracht werden. Ähnlich wie ich mich fragte, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit so schwer behinderten Menschen psychotherapeutisch zu arbeiten, mögen sich auch SonderpädagogInnen fragen, ob der Anspruch von Unterricht und Erziehung nicht eine immense Überforderung darstellt und an dem So-Sein des schwerbehinderten Menschen ganz vorbeigeht. Mit dem hier vorliegenden Ansatz habe ich ein Verständnis für diese Schwierigkeiten entwickelt, die so zu einer fruchtbaren und kreativen Herausforderung wurden und Begegnung da ermöglichten, wo sie nicht zu erwarten ist: im Niemandsland. 1. Einführung 2 Auch für jene PsychotherapeutInnen, die nicht mit solch schwer behinderten Menschen arbeiten, ist die Arbeit von Bedeutung und Brisanz. Die therapeutische Beziehung ist im vorliegenden Fall durch eine Extremsituation gekennzeichnet. Auf Seiten der behinderten BeziehungspartnerIn kann weder Sprach- noch Handlungskompetenz vorausgesetzt werden. Der Bezugspunkt für das therapeutische Handeln liegt allein im Verständnis der Gegenübertragung, in der Analyse der Empfindungen der TherapeutIn. Die TherapeutIn muss – ähnlich wie in der Arbeit mit Säuglingen oder psychotischen Menschen – ein immens hohes Maß an Unsicherheit und Nicht-Wissen aushalten. Der objektive Sinn der Arbeit wie auch das Maß ihrer Qualität ist nur von innen heraus aus der Analyse des therapeutischen Prozesses in Auseinandersetzung mit Theorie bestimmbar und lässt sich weder durch die Scheinobjektivität verbaler Verständigung noch durch den Nachweis messbarer Veränderungen oder Wirkungen ersetzen. Die Auswirkung der psychotherapeutischen Arbeit auf den Lebensalltag der PatientIn ist natürlich beabsichtigt. Sie lässt sich aber weder erzwingen noch kann sie als Messlatte dienen, da die TherapeutIn hierauf keinen Einfluss hat, sondern dies eine Frage ist, die in den Kompetenzbereich der PatientIn fällt. Insofern tritt hier die Grundsituation therapeutischen Handelns exemplarisch in Erscheinung. Schwermehrfachbehinderte Menschen leben häufig in einem äu- ßerst bedrohlichen Kontext. Dieser findet Ausdruck in ihrer extremen vitalen Gefährdung aufgrund organischer Beeinträchtigungen. An sich harmlose Erkrankungen können jederzeit zu krisenhaften Zuspitzungen führen. Euthanasie-Bestrebungen und Tötungsphantasien bestimmen und unterminieren in direkter oder subtiler Weise das Beziehungsfeld, in das sie eingebunden sind. Psychotherapeutisches Bemühen dient hier dem Ziel, die damit zusammenhängende Fixierung jeglicher Entwicklungstendenzen zu lockern, zu mildern und – wenn möglich – aufzuheben. Dadurch kann es möglich werden, dass sich auch dem schwermehrfachbehinderten Menschen der Sinn erschließt, der ihm in seinem Leben bisher als verborgener so wenig zugänglich gewesen ist. 1. Einführung 3 Wer sind schwermehrfachbehinderte Menschen, wo und wie leben sie? Die Menschen, auf die ich mich in diesem Buch beziehe, sind nicht nur jene, die von Geburt an (manchmal einer extremen Frühgeburt) schwer behindert sind, sondern auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die erst zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben von einer schweren Behinderung betroffen wurden. Als Folge lebensbedrohlicher Unfälle oder Erkrankungen, vorgeburtlicher Noxen oder Geburtstraumata (häufig liegen mehrfach traumatisierende Einflüsse vor) haben sie schwere hirnorganische Schädigungen erlitten. Diese führen z. B. zu gravierenden Beeinträchtigungen des Bewegungssystems. Viele können daher ihre Bewegungen nur mühsam oder kaum steuern. Häufig können sie sich sprachlich nicht verständigen und sind allgemein in ihrer Kontaktaufnahme zur Umgebung sehr gestört. Ihr Verhalten ist mehr oder weniger stark durch autistische Züge geprägt. Ihre Aufmerksamkeit scheint überwiegend durch Stereotypien, selbstdestruktive oder selbststimulierende Verhaltensweisen gebunden. Einige leiden an cerebralen Anfällen3. Wieder andere haben zusätzlich zu einer mehr oder weniger schweren Behinderung starke psychische Beeinträchtigungen.4 Schwermehrfachbehinderte Menschen fallen aus den meisten gesellschaftlichen Institutionen heraus – sei es Kindergarten, Schule, Berufsarbeit, aber auch Partnerschaft und Elternschaft. Meist werden sie von ihren nächsten Angehörigen betreut. Wenn diese sie nicht mehr versorgen können, bleibt für viele nur noch das Pflegeheim, da die Plätze in den auf ihre Belange zugeschnittenen kleineren Wohnein- 3 Epileptische Anfälle infolge einer Hirnstörung; Ebenso gehören Menschen im Wachkoma – mit einem sog. apallischen Syndrom – dazu. Siehe Fußnote 4 In diesem Zusammenhang sei auf das Konzept der vitalen Depression von Fröhlich verwiesen. Fröhlich interpretiert autoaggressives Verhalten, Stereotypien und Beeinträchtigungen der vitalen Funktionen (z. B. in Form eines Rückzuges, Apathie, Schwierigkeiten mit der Nahrungsaufnahme, Atembeschwerden), die bislang vorwiegend als direkte Folge der neurologischen Störung oder als „Symptome für unzureichende sensorische Verarbeitung“ verstanden wurden, als Ausdruck schwerer emotionaler Störungen: „Die Kinder konnten nicht lernen, dass Menschen liebevolle Zuwendung und zuverlässige Bedürfnisbefriedigung anbieten. (Das Kind, MB) erlebt seine Umwelt immer wieder neu als unverstehbar, bedrohlich und möglicherweise angsterzeugend.“ (Fröhlich, A. (1982) S. 15–20) 1. Einführung 4 richtungen nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Seit einigen Jahren gibt es Einrichtungen, in denen schwermehrfachbehinderte Menschen tagsüber betreut werden. Der Personenkreis solcher Tagesförderstätten hängt eng mit Größe und Qualität des regionalen Netzes der jeweiligen Sondereinrichtungen zusammen. Seit die Sonderschulen für Körper- und/oder Geistigbehinderte beginnend mit den 70er Jahren über entsprechende pädagogisch-therapeutische Konzepte verfügen und sie angesichts abnehmender Schülerzahlen unter Rechtfertigungsdruck geraten sind, sind sie zunehmend auch für die Beschulung schwermehrfachbehinderter Kinder zuständig. Dementsprechend existieren an vielen Sonderschulen Sonderklassen für schwermehrfachbehinderte Kinder. Dennoch gibt es immer noch Sonderschulen mit Mindestanforderungen – wie z. B. „in Niedersachsen, wo Schwerstbehinderte wegen der Unterschreitung der Aufnahmekriterien alternativ in Tagesbildungsstätten betreut werden.“5 Auch andernorts ist es jederzeit möglich, die Schulpflicht eines Kindes ruhen zu lassen. Das Vorhandensein von Tageseinrichtungen für schwerstbehinderte Kinder erleichtert diese Abgrenzung nach unten. In diesen öffentlichen Einrichtungen gestalten SonderpädagogInnen, ErzieherInnen, Zivildienstleistende und KrankengymnastInnen den Tagesablauf, in dem die Auseinandersetzung mit den Grundbedürfnissen wie Ernährung und Verdauung, Hygiene, Bewegungserfahrungen, die richtige Lagerung etc. häufig einen großen Teil der Zeit, Aufmerksamkeit und Energie beansprucht. Die Einrichtungen entlasten die Gesellschaft von der Schwierigkeit, das Zusammensein mit Menschen zu ertragen, deren Leben mit Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit und Ohnmacht identifiziert wird. Andererseits wird diesen damit ein gesellschaftlicher Ort zur Verfügung gestellt, der mehr als nur Verwahrung sein kann. Für die MitarbeiterInnen ist es schwierig, hieraus ein eigenes Selbstverständnis zu entwickeln. Selbstverständnis – das ist Sinnfindung: der Sinn des eigenen Tuns in der Arbeit mit Menschen, deren Leben nach Maßstäben unserer Gesellschaft sinnlos ist. Dieser Widerspruch belastet und kennzeichnet die Arbeit mit diesem Personenkreis. Die Suche nach dem Selbstverständnis der eigenen Arbeit erzwingt die Auseinandersetzung mit und Stellungnahme zu dem, was 5 Fornefeld, B. (1995) S. 26 Wer sind schwermehrfachbehinderte Menschen, wo und wie leben sie? 5 den MitarbeiterInnen Fortschritt, Entwicklung und Sinn bedeutet. Sie umfasst die Auseinandersetzung mit und das Ertragen von Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Ohnmacht in einem Ausmaß, das stets droht, die Arbeitshaltung zu unterminieren. Dieser sich auf die Sinnhaftigkeit der Arbeit beziehende Widerspruch ist von wesentlicher Bedeutung. Im Blick auf den schwerbehinderten Menschen scheint der Sinn-Begriff zu zerfallen – Sinn als zentrale Kategorie für das Selbst- und das Weltverständnis eines Menschen. Im Diskurs um schwermehrfachbehinderte Menschen verlieren die mit Sinn in Zusammenhang stehenden Begriffe wie Subjekt und Realität ihre allgemein verbindliche Bedeutung, lassen keinen verbindenden und verbindlichen Bezug mehr zu. Wir sprechen über den Sinn medizintechnischer Eingriffe, therapeutischer oder pädagogischer Interventionen nach Maßgabe unseres Standpunktes bzw. des Standpunktes, den wir dem schwerbehinderten Menschen zuschreiben. Hier lassen sich jedoch diametral entgegengesetzte Ansichten ausmachen. Die Aussagen nichtbehinderter Beziehungspersonen, die sich auf schwermehrfachbehinderte Menschen beziehen, haben eine Spannbreite, als hätten die jeweiligen AutorInnen nichts miteinander zu tun, sprächen nicht die gleiche Sprache. Wissenschaftliche Stellungnahmen, in denen das Leben schwermehrfachbehinderter Menschen als sinnlos dargestellt wird, ihre Regungen als Qual und damit Beweis ihres Sterbewunsches gedeutet werden, stehen neben Aussagen, in denen sie als dumpf vor sich hin vegetierende Wesen geschildert werden, bar jeden Vermögens, mit ihrer Umwelt in einen sinnvollen Kontakt zu geraten. Dem gegenüber stehen wieder Aussagen, in denen eine lebendige Beziehung zwischen schwermehrfachbehinderten und nichtbehinderten Menschen beschrieben wird und Möglichkeiten von Interaktionen wie förderlichen und bereichernden Lebensvollzügen aufgezeigt werden. Diese in ein und derselben Gesellschaft vorgefundene, diametral widersprüchliche Spannbreite von möglichen Antworten auf das Leben schwermehrfachbehinderter Menschen weist zugleich auf die Willkürlichkeit jeder Antwort. Jede ist jeweils nur innerhalb ihres Bezugssystems zwingend und nachvollziehbar. Dieses Bezugssystem wird bestimmt durch das, was jeweils als sinn- und bedeutungsvoll angesehen und unter Person, Erfolg etc. verstanden wird. 1. Einführung 6 In der Arbeitsbeziehung – sei es der PsychotherapeutIn, der SonderpädagogIn, der KrankengymnastIn etc. – scheint unser Gegenüber dem wenig Eigenes entgegensetzen zu können. Im Gegenteil: Der Frage nach der beziehungsstiftenden Bedeutung der Verhaltensweisen des behinderten Menschen scheint die Grundlage entzogen. In der Begegnung mit schwermehrfachbehinderten Menschen vermittelt sich der nichtbehinderten BeziehungspartnerIn häufig auf subtile Weise der Eindruck, dass den wahrgenommenen Verhaltensweisen, Bewegungen, Lautierungen etc. ihres Gegenübers im eigentlichen Sinne kein Ausdruckswert zukommt. Ihre Verhaltensweisen scheinen geradezu ein Indiz dafür zu sein, dass sie aufgrund ihrer schweren Behinderung nicht in der Lage sind, etwas mitzuteilen. Sie wirken zwar, hinterlassen starke emotionale Eindrücke, erscheinen aber nicht als intentionale Gesten im engeren Sinne, deren Gestaltung sich als Äußerungsformen eines Subjektes verstehen lassen. Dennoch ereignet sich etwas in der Beziehung. Es scheint eine Verbindung zu geben, die jedoch immer wieder von Zweifeln zersetzt wird. Es passiert etwas zwischen uns. Über das, was passiert, scheint es jedoch keine Möglichkeit der Verständigung zu geben. Das Gegenüber wird daher in radikaler Weise als anders, fremd und uneinfühlbar empfunden, so dass Mitteilung und Verständigung stets zu scheitern drohen. Indem es dem schwermehrfachbehinderten Menschen unmöglich zu sein scheint, eine Beziehung zu gestalten, ist der psychotherapeutischen wie auch sonderpädagogischen Arbeit tendenziell die Basis entzogen. Der Eindruck der Bedeutungslosigkeit der Verhaltensweisen des schwermehrfachbehinderten Menschen entzieht der Sinnfrage den Boden. Es erscheint verrückt, in seinen Bewegungen und Lauten eine mögliche subjektive Bedeutung zu vermuten. Weisen sie doch gerade auf seine Unfähigkeit hin, Bedeutungen mitzuteilen und sich auszudrücken. Das hier sinnlos Erscheinende taucht jedoch auf Seiten des nichtbehinderten Gegenübers eben in der Frage nach dem Sinn des eigenen Tuns in drängender und existentieller Weise wieder auf. Es wird zu zeigen sein, dass die Frage nach der Sinnhaftigkeit, mit der dem schwermehrfachbehinderten Menschen sein Leben verständlich werden kann, – sein Selbst-Welt-Bezug – damit zusammenhängt Wer sind schwermehrfachbehinderte Menschen, wo und wie leben sie? 7 bzw. davon abhängt, ob die sich im therapeutischen / pädagogischen Kontext konstituierende Beziehung von der nichtbehinderten Beziehungsperson wahrgenommen werden kann. Die Wahrnehmung dieser Beziehung als eine von beiden Partnern gestaltete, welche auch das mögliche Scheitern dieser Bemühungen einbezieht, ist durch spezifische Schwierigkeiten belastet. Anliegen dieses Buches ist es, ein Verständnis für die Struktur dieser Schwierigkeiten vorzustellen, welches die Erfahrung der Fremdheit erträgt und damit zugleich eine Reflexion der Begegnung ermöglicht. Es soll gezeigt werden, dass das Beteiligtsein der schwermehrfachbehinderten Menschen an der Beziehung wie an den Beziehungsschwierigkeiten nicht reduziert werden kann auf die Schwere ihrer organischen Schädigung, sondern als Folge eines interaktiven Umgangs damit subjektiv verstehbar wird. Idee und Vorgehensweise des Buches Das Buch arbeitet mit drei Ebenen: 1. die Falldarstellungen (kursiv), 2. Exkurse zu spezifischen theoretischen Themen (eingerückt) und 3. der fortlaufende Text. Die Falldarstellungen beziehen sich im Wesentlichen auf zwei von mir durchgeführte einzelmusiktherapeutische Behandlungen. Sie sind so über das ganze Buch verteilt, dass der jeweilige Ausschnitt der Falldarstellungen einen Bezug zum nachfolgenden Text ermöglicht. Sie sind kursiv gedruckt, so dass sie je nach Interesse auch im Zusammenhang gelesen oder weggelassen werden können. Der jeweilige Ausschnitt der Falldarstellungen und der entsprechende Textteil lassen sich als verschiedene Ebenen der Reflexion zu dem, was sich in der Beziehung zwischen mir und meinem Gegenüber ereignete, verstehen. Ich habe den Text der Falldarstellungen auf der Basis der im Anschluss an jede Sitzung angefertigten Notizen sowie einiger Kassettenund Videoaufnahmen erstellt. Sie bestehen aus Beobachtungen, Phantasien, Überlegungen und Interpretationen, enthalten Ungereimtheiten und Brüche, die ich nicht geglättet habe. Sie sind aus der zwingenden Not erwachsen, dem in mir entstandenen Durcheinander von Gedanken, Eindrücken, Erkenntnissen, heftigen und quälenden Empfindun- 1. Einführung 8 gen Ausdruck verleihen zu müssen, obwohl es noch unverstanden war. Zwingende Not bedeutet, dass dieses Durcheinander nicht auf eine subjektive Schwäche meinerseits verweist, sondern erhalten werden musste, um es einem tieferen Verstehen zugänglich zu machen. Die Darstellungen haben daher eine Form, mit der die Qual des Nicht-Verstehens teilweise ungebrochen an die LeserIn weitergegeben wird. In der Besonderheit ihrer Form – der Verdichtung – liegt ihre eigentliche Aussage verborgen. Die Darstellungen scheinen sich einer gattungsmäßigen Einordnung zu entziehen. Sie sind zugleich Erlebnis-Schilderung, Behauptung und Ausdruck, Beobachtung und Analyse der Beobachtungsdaten. Sie sind Niederschlag des Ringens um Verstehen wie auch seiner Vermeidung. Es sind Geschichten, deren Form die LeserInnen in ein Zwischenreich einlädt, sie gleichermaßen in Bann ziehend wie abstoßend – als Teil eines wissenschaftlichen Textes eine Zumutung. Die Balance des Dazwischen ist schwer haltbar und doch einzig mögliche Haltung. Die Darstellungen sind vorläufige Schilderungen eines Verlaufes, sind selbst Teil des Prozesses, den sie zum Inhalt haben. In den Exkursen werden jeweils spezifische theoretische Themen erörtert bzw. der jeweilige theoretische Hintergrund dargelegt. Die jeweiligen Themen sind entweder gleich zu Beginn kursiv markiert oder als Überschriften benannt. Der fortlaufende Text orientiert sich an einer formalen Idee. Dies ist die Formulierung der Schwermehrfachbehinderung als eine durch einen zentralen Widerspruch gekennzeichnete Interaktionsform. Damit ist die bestimmte Form einer Beziehung – ein Beziehungsmuster – gemeint. Diese Formulierung ermöglicht eine psychodynamische Herangehensweise an die davon betroffenen Menschen. Sie zieht sich durch den gesamten Text hindurch. Dieser Idee liegt ein psychoanalytisch orientiertes psychotherapeutisches Konzept zugrunde. Danach muss sich der das Leiden der PatientIn organisierende unbewusste Konflikt in der therapeutischen Beziehung inszenieren, sich quasi zwischen TherapeutIn und PatientIn – in der Übertragung – neu ereignen. Dies ermöglicht der TherapeutIn einen verstehenden Zugang zu dem, was dem Bewusstsein der PatientIn bislang entzogen war. Mit ihren Deutungen kann sie der PatientIn ermöglichen, sich ein verändertes Verständnis ihrer Schwierigkeit anzueignen und diese darin zu modifizieren. Idee und Vorgehensweise des Buches 9 Psychotherapeutische Arbeit zielt damit auf die Aneignung der eigenen Geschichte als der Wiederentdeckung früher Wünsche und Strebungen, die um des Überlebens willen verdrängt, abgewiesen, abgespalten etc. werden mussten. ‚Um des Überlebens willen‘ meint nicht nur das physische, sondern vor allem das psychische Überleben, d. h. die Integrität der Identität und des Selbstgefühls, das Aufrechterhalten der Beziehung zu den existentiell wichtigen Beziehungspersonen etc. Die frühen Umgangsformen mit den Konflikten zwischen unterschiedlichen Wünschen und Strebungen, zwischen Wünschen und Normen / Idealen werden Bestandteil der sich entwickelnden Persönlichkeit des Kindes.6 Diese trägt die Spuren dieser Auseinandersetzung wie auch des Scheiterns dieser Bemühungen. Aneignung bedeutet daher, in den Symptomen und Leidenszuständen die Spuren früher Konfliktbewältigungen wie ihrer Niederlagen zu erkennen und anzuerkennen, um sie darin möglicherweise neu zur Disposition stellen zu können. Ein so verstandener Erkenntnisprozess versteht den Wunsch als Organisator einer Bewegung, bei der der Mensch sich in seinen Beziehungen zur Welt selbst erkennt und darin Einfluss auf sie nimmt. Indem die Mutter die ihr deutlich werdende Intention des Kindes als dessen eigene benennt, gewinnt sie für das Kind Kontur. Die Mutter bestätigt das Kind damit in seiner selbst-behauptenden Sinngebung. Mit Wunsch ist hier nicht der Wunsch im umgangssprachlichen Sinn gemeint, sondern frühe, auf vorsprachlicher Basis sich organisierende energetische Beziehungskonfigurationen. Der Wunsch lässt sich verstehen als ein frühes affektiv wirksames Gerichtet-Sein des Kindes. Er entsteht auf der Basis einer den Körperbedarf des Kindes sichernden Beziehung. Die Mutter ist hier nicht in ihrer haltenden und/oder nährenden Funktion von Bedeutung. Sie ist erstes Objekt eines archaischen Liebesimpulses, mit dem das Kind als Subjekt sich selbst erlebbar werden kann. Anliegen der psychotherapeutischen Arbeit ist es, den in Krankheit und Leiden entfremdeten Sinn eigenen Erlebens und Handelns dem Subjekt wieder verfügbar werden zu lassen. Sie wendet sich daher an Menschen, die doch zumindest in rudimentärer Form Selbstgewahrsein und Selbstbe- 6 Hierbei ist zu berücksichtigen, dass entsprechend der psychoanalytischen Theorie Konflikte der Motor von Entwicklung sind. Das Ideal eines konfliktfreien Lebens ist weder realistisch noch wünschenswert, sondern inhuman, da erst das Ertragen und Bewältigen von Konflikten psychisches Wachstum in emotionaler und rationaler Hinsicht ermöglicht. Pathologisch werden konfliktbedingte Umgangsformen beispielsweise, wenn sie einen weitgehenden Verzicht lebenswichtiger Bedürfnisse bedeuten bzw. zu einer weitgehenden Verzerrung dieser Bedürfnisse führen oder aber in einem Maß das Umfeld einbeziehen, so dass die dort auftretenden Schwierigkeiten dramatisch eskalieren. Manchmal kommt es zu einem Zusammenbruch, wenn aufgrund veränderter innerer oder äußerer Bedingungen die angeeigneten Umgangsformen dysfunktional werden. 1. Einführung 10 wusstsein entwickelt haben. Das bedeutet, ihren Wahrnehmungen, Empfindungen und Handlungen liegt eine sinngebende Struktur zugrunde, mit der sie ihre Beziehungen zur Umwelt regeln bzw. über die sie sich mit dieser zu einigen vermögen und sich mit ihr auseinandersetzen. Von diesen Voraussetzungen kann in der Arbeit mit schwermehrfachbehinderten Menschen nicht ausgegangen werden. Schwermehrfachbehinderte Menschen sind weitgehend aus dem Sprach- und Handlungszusammenhang ausgeschlossen. Sie können auf dieser Ebene nicht als gleichwertige Dialogpartner, als autonome Subjekte eingreifen. Ihre anscheinend fehlende Sprach- und Handlungskompetenz führt uns damit an die Grenzen unseres theoretischen Verständnisses von Person, Subjekt und Sprache. Als nichtbehinderte Beziehungspersonen (TherapeutIn, LehrerIn, BetreuerIn, Eltern …) sind wir auf symbolische Ausdrucksmöglichkeiten wie Sprache etc. angewiesen, ohne die es uns nicht gelingen kann, unser Sein in der Welt zusammenhängend darzustellen. So stoßen wir beim Versuch, die Erfahrungen aus der Begegnung mit dem schwermehrfachbehinderten Menschen mitzuteilen, auf fundamentale Schwierigkeiten: Etwas lässt sich anscheinend nicht oder nur sehr schwer mitteilen, miteinander teilen. Es passiert etwas zwischen uns. Über das, was passiert, scheint es jedoch keine Möglichkeit der Verständigung zu geben. Wir nähern uns jetzt der oben von innen beschriebenen existentiellen Fremdheit gewissermaßen von außen. Während sie zuvor als subtiler Eindruck der Sinnlosigkeit der Gesten beschrieben wurde, der sich der nichtbehinderten Beziehungsperson in der Beziehung zum schwermehrfachbehinderten Menschen unterschwellig vermittelt, lässt sie sich nun als Folge des Angewiesenseins der nichtbehinderten Beziehungsperson auf Reflexion verstehen. Wenn ich von der Beziehung berichten will, von dem, was sich zwischen mir und meinem Gegenüber ereignet, kann das, worüber ich berichten will, in keiner Weise von meinem Gegenüber bestätigt, zurückgewiesen oder kritisiert werden. Die Erfahrung, dass das Sich-Ereignende sprachlich nicht vermittelbar scheint, führt in der Regel zu einer tiefen Verunsicherung seitens der nichtbehinderten Beziehungsperson. Der – vorübergehende – Verzicht auf symbolische Ausdrucksformen bedroht die Beziehungsperson selbst mit dem Zerfall ihres darin aufgehobenen Zusammenhanges Idee und Vorgehensweise des Buches 11 von Welt und Selbst (der eigenen Person). Im Ausbleiben der Bestätigung meiner selbst – im Dialog wie in der Reflexion – wird die/der Andere zu einer Leerstelle, die als das absolut fremde Andere erfahren wird. Das Fehlen des Selbstverständnisses einer gemeinsam geteilten Welt scheint jeder Möglichkeit von positiver Aussage den Boden zu entziehen. Daraus folgt die Notwendigkeit einer Reflexion, die in ihrer Offenheit für die eigene Begrenztheit das fremde Andere nicht vernichtet – das fremde Andere nicht als das Gegenüber, das sich mir als solches nicht mitteilen kann, sondern nun als das Undenkbare, Fremde, Nicht- Identische als bestimmende Bedingung des Gedachten, des Vertrauten und Identischen. Das Reflektieren als Sprechen und Denken über die Beziehung zum schwermehrfachbehinderten Menschen benötigt eine Sprache und eine Form, die die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit nicht von vornherein ausschließt und damit die Erfahrung existentieller Fremdheit zulässt – und zwar als Erfahrung und nicht als ein Darüber-Sprechen. Denn im Versuch der Reflexion liegt die Gefahr, dass in ihrer Form ihr eigentlicher Gegenstand verloren geht, seine sinnliche Erfahrbarkeit zunichtegemacht wird.7 Im Nachdenken über die Begegnung mit schwermehrfachbehinderten Menschen müssen wir den Zerfall des Zusammenhanges unseres Selbst-Welt-Erlebens riskieren, ohne ihn ganz aufzugeben. Das betrifft zwar grundsätzlich die Begegnung mit anderen Menschen, aber hier betrifft der drohende Zerfall nicht in solch umfassender und unausweichlicher Form unser Denken und unser Selbstverständnis. Dieses Risiko müssen wir in der Begegnung mit schwermehrfachbehinderten Menschen aushalten, wenn wir nicht gezwungen sein wollen, mit dem Reflektieren die Begegnung – das, was sich ereignet hat – zu leugnen. 7 Auch Pfeffer weist auf die Gefahr hin, die darin besteht, mit der Art des Nachdenkens über behinderte Menschen deren Subjekt-Sein zu verleugnen: „Die Notwendigkeit der folgenden Betrachtungen (gemeint ist die Frage nach der Intentionalität des Leibes, MB) ergibt sich aus der Frage nach dem Selbst- und Subjektsein von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung und der Gefahr, ihre Aktivitäten rein auf von der Umwelt determinierte Mechanismen zu reduzieren und als Spielball innerer ‚biologischer‘ und äußerer ‚sozialer‘ Determinismen zu verstehen, aus denen ‚pädagogische‘ Folgerungen abgeleitet werden, die die Personalität bedrohen.“ Pfeffer, W. (1988) S. 11 1. Einführung 12 Das Bemühen, über etwas zu sprechen und nachzudenken, was sich anscheinend nicht denken und sprachlich nicht mitteilen lässt, lässt das Etwas als ein ‚Nichts‘ erscheinen. Das anscheinende ‚Nichts‘8, von dem ich berichte, droht sich dahin zu verkehren, dass ich nichts zu berichten habe. Oder ich habe etwas zu berichten. In dem Etwas wird jedoch mein Gegenüber – der schwermehrfachbehinderte Mensch – verobjektiviert und ist in seinem Subjekt-Sein als Person nicht mehr erfahrbar. Ich berichte in diesem Fall über ihn, und nicht darüber, was er mir mitgeteilt und ich verstanden habe. So ist der einzig gangbare Weg, in der zu scheitern drohenden Mitteilung nach den Spuren des Sich-ereignet-Habenden zu suchen. In den Brüchen und Unverträglichkeiten der Falldarstellungen verbirgt sich das, was sich in der therapeutischen Begegnung ereignet hat Sie sind vorläufig die einzig mögliche Form der Mitteilung. In dieser Schwierigkeit, dass etwas passiert, das sich anscheinend nicht mitteilen lässt, ist das Wesentliche dessen, was es mitzuteilen gilt, verborgen. Es ist eine ganz spezifische Formeigenschaft, ein ganz spezifisches Verhältnis von sprechendem Subjekt, Sprache und Sprachgegenstand. Hierbei droht im Versuch des Erzählens der Mitteilungsgegenstand zu verschwinden. Ich verstehe es als eine besondere Form des Gestaltens von Sinnhaftem, die es Menschen mit extremer Hilflosigkeit ermöglicht, im Niemandsland zu existieren. In ihr realisiert sich ein mögliches, wenn auch extremes Verhältnis von Erkenntnisgegenstand und Methode, von Darstellung und Ausdruck, von Objekt und Vermittlung, bei dem die existentielle Fremdheit des Gegenübers – sein Nicht-Erscheinen als Subjekt – das einzig Klare, Handfeste zu sein scheint. Die Anerkennung dieses Verhältnisses ermöglicht ein Verständnis dieser Fremdheit, ohne den immanenten Schrecken zu negieren. 8 Wenn die Worte Nichts bzw. nichts nicht im herkömmlichen Sinn angewandt werden, sondern ein – wie ich darlegen werden – hergestelltes ‚Nichts‘ thematisieren, das die Beziehung zum schwermehrfachbehinderten Menschen kennzeichnet, setze ich sie in einfache Anführungszeichen. Idee und Vorgehensweise des Buches 13 Musik und Selbstentwicklung Die Musik hat im Bemühen, diese spezifische Form der Gestaltung deutlich und verstehbar zu machen, einen besonderen Stellenwert. In der Arbeit mit schwermehrfachbehinderten Menschen stellt sie als therapeutisches Medium eine exklusive Möglichkeit dar. Wegen ihrer engen Verknüpfung mit vegetativen Vorgängen ist sie geeignet, Beziehung auch dort hörbar zu machen und damit zu vermitteln, wo diese auf vegetative Formen reduziert zu sein scheint, und – dies ist das Entscheidende – diese Reduktion zugleich zu reflektieren, d. h. auf eine Vermittlung, auf das an der Reduzierung Gemachte zu verweisen. Die Bedeutung von Musik in der individuellen Entwicklung Musik dient in einer einfachen und gleichzeitig höchst komplexen Weise dem Vergnügen und der Lust. Als Ergebnis geistiger Tätigkeit kann sie Vermittlerin von spiritueller Erfahrung sein. Sie verbindet Menschen im Gesang und im gemeinsamen Musizieren. Sein eigenes Erleben in Musik aufgehoben zu finden, kann dem Menschen Trost und Hoffnung, Triumph und Freude sein, da es ihm Hingabe an etwas außer ihm Seiendes ermöglicht und er sich mit seinem Erleben in einem größeren Zusammenhang verbunden weiß. In früheren Jahrhunderten war sie wie alle Kunst in der westeuropäischen Kultur konstituierender Bestandteil rituellen Lebens. Seit der Renaissance hat sie sich zunehmend zur eigenständigen Kunstform entwickelt und unterliegt heutzutage den Markt-Mechanismen der Kulturindustrie. Musik verhilft zum Ausdruck von Empfindungen und spricht zugleich unseren Geist an. Sie kann beruhigen wie auch Erregung kanalisieren. Sie kann diese darin erträglich machen wie auch am Bewusstsein vorbei Handlungen bahnen. Sie ermöglicht Selbstreflexion, wie sie zur Manipulation missbraucht werden kann. Sie ist sinnliches Erlebnis und zugleich dessen Formulierung. Als Formulierung sinnlichen Erlebens weist sie auf etwas darüber hinaus. Musik kann und ist dies alles, weil sie in engem Wirkungszusammenhang mit vegetativen Körpervorgängen wie auch affektiven Formen stehend als hoch differenziertes Symbolsystem organisiert ist. Das Ineinander von Musik und Leben wurzelt im Ineinander musikalischer Parameter wie Klang und Rhythmus mit den Formen organismischen und affektiven Lebens und Selbsterlebens. Es beginnt im Mutterleib. Für den Embryo sind Rhythmus und Klang/Geräusch als Eindruck von innen und außen (z. B. eigener Herzrhythmus und der der Mutter) spür- und hörbar. Der Embryo lebt in diesen Rhythmen, Klängen und Vibrationen und spürt 1. Einführung 14 sie. Spürbare (vibratorische) und hörbare (klangliche) Rhythmen sind in dreifacher Hinsicht bedeutsam: – Als Zusammenspiel der embryonalen und mütterlichen biologischen Rhythmen vermitteln sie innen und außen (Embryo und personales Umfeld). – Als Ineinander – als Homöostase – des embryonalen Körpergeschehens erhalten und geben sie Gestalt, indem sie verschiedenen neuronalen und physiologischen Modalitäten und Funktionsbereiche des kindlichen Organismus als dynamische Bewegungsgestalt koordinieren. Damit geben sie dem embryonalen Körpergeschehen als Ganzem – dem Kind – Gestalt und Einheit. – Sie sind zum Dritten das Ineinander und Auseinander von Leben und Erleben im Sein und Spüren / Hören. Darin sind sie Nahtstelle der (späteren) Möglichkeit eines selbstreflexiven Bezuges. Dieser Prozess findet nach der Geburt in veränderter Form eine Fortsetzung, wenn das Kind außerhalb des biologischen Systems der Mutter mit dieser in einen gemeinsamen Prozess kommen muss. Die sinnlich-körperliche Beziehung zwischen Mutter und Kind entsteht in der Erarbeitung gemeinsamer Bewegungs-, Erlebens- und Lebens-Rhythmen, und zwar wieder in schon bekannter dreifacher Überlagerung: – Das Kind erlangt erste vegetative Kontrolle über die Koordination von Herz- und Atemrhythmen. Es entwickelt sein Aufmerksamkeits- und Erregungsniveau (die sog. states) in einem organisierten Rhythmus. Dies ist die Grundlage, dass es sich körperlich als Einheit erfahren kann. – Dabei ist es auf die Unterstützung durch die Mutter angewiesen, wenn diese es versteht, „ihr eigenes Verhalten den Rhythmen des Babys anzugleichen.“9 Das Kind in seinem Selbst-Sein ist dies im sinnlich-unmittelbaren Bezug zur Mutter. – Das Finden und Ruhen in einem Rhythmus wird dabei immer wieder aufgebrochen durch Störungen von innen und außen, wie es zugleich über sie vermittelnd sich bildet. Auch neurophysiologische Reifungsprozesse provozieren rhythmische Einbrüche, da sie eine (auch rhythmische) Organisation auf einem neuen Niveau erfordern. Rhythmus vermittelt Unterbrechung und Stetigkeit als Grundlage von Entwicklung. Das mit der Geburt eintretende Neue ist die Notwendigkeit der Einigung zweier physiologisch getrennter Individuen. Die bisher bestehende unmittelbare uterale Einbettung ist aufgehoben und muss durch Mitteilung ersetzt werden. Jede vegetative Regung ist von nun an in erster Linie Mitteilung, der im Rahmen des jeweiligen kulturellen Systems Bedeutung zugeordnet wird. Das, was bisher die unmittelbare Einbettung war, muss ersetzt werden durch „die Fähigkeit der Mutter, durch ihr Verhalten eine das Baby 9 Brazelton, T., Cramer, B. (1991) S. 148 Musik und Selbstentwicklung 15 umschließende Hülle zu schaffen“10, und die Fähigkeit des Kindes, auf die Umgebung zu reagieren und Reaktionen in Gang zu setzen. Diese Hülle lässt sich als das Aufgehoben-Sein des bislang physiologischen Ineinanders in einen interaktiven Kontext beschreiben, in dem die Identität von Mutter und Kind füreinander sinnvoll werden. In diesen frühen Interaktionsformen sind rhythmisch-dynamische Bewegungsgestalten ein wesentlicher Ordnungs- und Organisationsfaktor. In ihnen erkennt / erlebt das Kind spezifische Personen, erlebt damit sich in Beziehung. Darüber hinaus sind sie Gestalt des als Interaktionsform erlebbar werdenden Affektes. Affekte realisieren sich für das Kind in ihrer Form als bestimmte dynamische Bewegungsmuster. Auch ihre neuronale Registrierung erfolgt nach bestimmten Feuerungsmustern in dynamischen Bewegungsgestalten. Der Affekt als rhythmisch-dynamische Bewegungsgestalt ist hier noch eins mit dem Sinnlich-affektiv-Motorischen und Vegetativen. Sein Eigensein als Erleben ist noch Potenz und kann erst im Spiel und später in der Auseinandersetzung mit musikalischen Figuren (oder anderen präsentativen Symbolsystemen) erlebte und erlebbare Realität werden. Wenn diese dynamischen Bewegungsgestalten nicht mehr nur Erleben begleiten und als erlebbare Gestalt das Aufgehoben-Sein des Eigenseins in einem interaktiven Kontext spürbar machen, sondern z. B. als Melodien oder Lied-Spiele in der Verständigung zwischen Kind und Umgebung wie auch im Spiel mit sich allein eine exklusive Rolle einnehmen, kann das Kind im Spiel mit diesen Laut-Bewegungsgestalten sich seiner selbst in der Hingabe an eine interaktive Einheit versichern, und sich damit zugleich die Möglichkeit der Verständigung mittels Musik, d. h. ein Verständnis für Musik aneignen. Es tut dies in seinen akustischen Lautproduktionen, im Umgang mit seinem Körper wie mit Gegenständen. Die Entwicklung eines präverbalen Selbstbewusstseins geschieht in der Anvermittlung der einzigartigen Welt dieser rhythmisch-dynamischen Interaktionsformen mit der objektiven Bedeutungswelt des Außen, vertreten in den gesellschaftlich organisierten Symbolformen. Das Besondere in der Anvermittlung mit Musik liegt darin, dass die rhythmisch-dynamischen Bewegungsgestalten als Formen eines frühen Selbsterlebens in der Musik aus dem situativen Kontext gelöst zu musikalischem Material geworden sind. Die rhythmisch-dynamischen Bewegungsgestalten sind zu bestimmten musikalischen Formen geronnen. Da die formalen Strukturen der Musik den formalen Strukturen der Affekte – eben den klang-rhythmisch dynamischen Bewegungsgestalten – entsprechen, kann die Musik zur logischen Formulierung von Gefühlen werden.11 Denn im Spiel mit diesen Formen entsteht Musik, indem der interaktive Kontext – 10 Brazelton, T., Cramer, B. (1991) S. 121 11 Siehe dazu die ausführliche Arbeit von Niedecken, D. (1988). 1. Einführung 16 das sich mittels rhythmisch-dynamischer Formgestalten organisierende Aufgehobensein des Eigenseins in der Hingabe an ein Ganzes – als szenische Einheit formuliert wird.12 Dynamische Bewegungsgestalten organisieren und strukturieren Körpergeschehen im Kontext einer interaktiven Einheit als erlebbaren Affekt. Sie vermitteln zwischen Kind und Umgebung. In der Vermittlung erhalten sie ihre Form und dadurch auf zwei verschiedenen Ebenen – Sprache und Musik – Anschluss an öffentliche Bedeutung. In Sprache werden sie inhaltlich ausformuliert. Indem die Beziehung eine grammatikalische Struktur erhält, wird die Getrenntheit zur bestimmenden Erfahrung. Währenddessen ermöglicht die Musik im Spiel mit ihren Formbildungen ein Einheitserleben, das aus der Infragestellung der festgefrorenen Bedeutungen entsteht. Sie knüpft darin an die der Sprache im Exklusiven entzogenen frühen Erlebens- Aspekte an. Als Spiel mit den aus dem sprachlichen Leben verbannten sinnlich-affektiven Aspekten früher Erfahrungen wie ihren Ausgrenzungsformen ist Musik in der Lage, diese Ausgrenzung bewusst, d. h. hörbar und damit sinnlich erfahrbar zu machen. In der Musiktherapie mit schwermehrfachbehinderten Menschen ist die Beziehung überwiegend musikalisch gestaltet. Natürlich findet auch Ansprache statt, wie zugleich die sprachliche Reflexion dessen, was sich ereignet, im Inneren der TherapeutIn von großer Wichtigkeit ist. Die gemeinsame musikalische Gestaltung der Beziehung verstehe ich als Improvisation, die das Kernstück der aktiven Musiktherapie ist. Die PatientIn sitzt oder liegt dabei auf Kissen oder Matten im Raum. Ich sitze neben oder vor ihr. Um uns herum sind verschiedene Musikinstrumente wie Rasseln, Schellenkranz, Xylophon, Handtrommel, Kantele etc. Ich benutze meist eine Gitarre, Flöten, Trommeln oder/und meine Stimme. Mein Wunsch ist, mit Hilfe von Klängen, Tönen, Melodien, Rhythmen oder Bewegungen mit den PatientInnen in Kontakt zu geraten. Auf ihre Töne, Bewegungen, Schreie, unartikulierten Laute, Klopfen, Sich-Schlagen etc. versuche ich zu antworten. Ich fasse dabei alle Angebote, Aktionen, Laute, Bewegungen, Handlungen – Ereignisse – als Interaktionsangebote auf, die sich an mich richten und die ich zu verstehen suche. Ich beziehe sie auf mich und bin darin offen, die sich entwickelnde Inszenierung deuten zu können, zu verstehen, was mein Gegenüber mir im Kontext der therapeutischen Beziehung mitteilt. Dabei versuche ich, die Frage nach dem Sinn der 12 Niedecken, D. (1988) Musik und Selbstentwicklung 17 Eindrücke von der Frage nach deren offensichtlicher Funktion im unmittelbaren Hier und Jetzt zu trennen. Dies jedoch bereitet Schwierigkeiten. Wenn eine PatientIn sich so verhält, dass deutlich wird, dass sie Hunger hat, Schmerzen, Verdauung etc., verstehe ich das als Mangelsituation oder ein Zuviel (Unverdauliches) und zugleich als Darstellung einer Mangelsituation (oder eines Zuviel), deren Sinn bisher noch unbegriffen ist, der sich auch nicht unmittelbar aus der Situation selber ergibt, obwohl ich als Bezugsrahmen nur die Situation selbst zur Verfügung habe. Wenn ich ihre Äußerungen so verstehe, dass sie Hunger hat oder Schmerzen, hat sie möglicherweise real Hunger oder Schmerzen. Zugleich ist es ein Beziehungsangebot, das es zu deuten gilt. Damit wird es zu einer Inszenierung. Der Eindruck der Unmittelbarkeit der Empfindungen nimmt gefangen. Ich fühle mich gedrängt, zu füttern, zu trösten, zu beschwichtigen, also auf funktionaler Ebene auf das Interaktionsangebot einzugehen, und empfinde dies zugleich als Infragestellung der Möglichkeit, das Interaktionsangebot als Inszenierung eines Mangels oder Zuviel zu verstehen. Indem ich tue, droht sich die Sinnhaftigkeit der Inszenierung zu zerstören. Ich merke nicht mehr, dass es zugleich eine Inszenierung ist. Dennoch lässt sich in dem entstandenen musikalischen Gewebe etwas verstehen. In ihm kann die oben beschriebene Schwierigkeit – Es passiert etwas zwischen uns. Über das, was passiert, scheint es jedoch keine Möglichkeit der Verständigung zu geben – musikalisch hörbar werden. Mittels der Musik ist es möglich, dass die spezifische Form der Verbindung zwischen mir und dem schwermehrfachbehinderten Menschen hörbar entsteht. Sie ermöglicht aber auch und vor allem die Hörbarkeit des Scheiterns dieser Mitteilung, ohne als Musik davon zerstört zu werden. Damit kann sie zum Ausgangspunkt werden für einen Verstehenszugang zu den Schwierigkeiten, die die Beziehung zwischen dem schwermehrfachbehinderten Menschen und seinem nichtbehinderten Beziehungspartner belasten. Die charakteristische Erfahrung existentieller Fremdheit ließ sich mit ihrer Hilfe ertragen und von Zeit zu Zeit wenden – zur Begegnung im Niemandsland. 1. Einführung 18

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Zusammenfassung

Schwermehrfachbehinderte Menschen als ein Gegenüber auf Augenhöhe ernst zu nehmen, wird durch die heftigen Empfindungen erschwert, die sie in nichtbehinderten Menschen auslösen. Neben Interesse, Mitgefühl und Traurigkeit zeigen sich auch Abwehrreaktionen bis hin zu Tötungsfantasien: ‚Wäre es nicht besser, er oder sie hätte den Unfall, die Krankheit gar nicht überlebt?‘

Schuld und Scham spielen oft eine Rolle. Der Zusammenhang mit gesellschaftlicher Abwehr muss jedoch erkannt werden. Denn die Erfahrungen von tiefer Ohnmacht und Abhängigkeit bedrohen unser auf Autonomie und Kontrolle beruhendes Selbstverständnis. Musik eröffnet hier Zugangsweisen, inmitten des Schreckens das Subjektsein des Gegenübers zu entdecken. Als unzerstörbarer Halt kann der musikalische Beziehungsraum die Infragestellung durch Angst und Hoffnungslosigkeit ‚überleben‘. Freude und Hoffnung können unverhofft auftauchen und neuen Entwicklungsraum eröffnen.

Dieses Buch wendet sich in erster Linie an pädagogische, therapeutische und pflegerische Fachkräfte sowie an interessierte Laien.