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5. Nationalsozialistische Kulturpolitik und Komponistenverfolgung in:

Dimitrios Dolaplis

Musik als Propagandainstrument im Nationalsozialismus, page 37 - 40

Politische und soziale Funktionen von Soldatenliedern im NS-Regime

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4323-3, ISBN online: 978-3-8288-7264-6, https://doi.org/10.5771/9783828872646-37

Tectum, Baden-Baden
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37 5. Nationalsozialistische Kulturpolitik und Komponistenverfolgung Die nationalsozialistische Kulturpolitik kann nach Friedrich Geiger, einem deutschen Musikwissenschaftler, in vier Phasen gegliedert werden. Diese werden im folgenden Abschnitt zusammenfassend dargestellt. 5.1 Die Vertreibung politischer Rivalen Alle politischen Gegner auszuschalten war der erste Schritt, der eingeleitet wurde. In dieser Phase spielte die politisch motivierte Komponistenverfolgung die zentrale Rolle.126 Die Verfolgung von Komponisten war schon zu Beginn rassistisch gefärbt und richtete sich gegen „Nichtarier“, die parallele Judenpolitik des Regimes radikalisierte sich schrittweise. In dieser ersten Entwicklungsperiode verfolgte der NS-Staat hauptsächlich zwei Ziele: Einerseits die politischen Gegner effektiv und dauerhaft auszuschalten und andererseits die erhaltene Macht mit Hilfe unterschiedlicher Organisationen zu bewachen. Kulturpolitisch bildete sich diese Entwicklung aus unterschiedlichen Anordnungen heraus. Linke Künstler aus der Zeit der Weimarer Republik wurden vertrieben.127 Im Sinne des zweiten Hauptzieles wurde die Reichskulturkammer gegründet, womit die NS-Diktatur die behördliche Autorität an sich reißen konnte.128 Komponisten, die politisch engagierte Musik betrieben hatten und sich seit dieser Umstellung bedroht fühlten, flohen bereits ab 1933 aus Deutschland. Viele von ihnen flüchteten zunächst nach Österreich, dann in die Tschechoslowakei oder nach Großbritannien. Nachdem Persönlichkeiten wie Hanns Eisler, Vladimir Vogel oder Ernst Hermann Meyer ins Exil gegangen sind, sahen die Nationalsozialisten die Entfernung politisch 126 Vgl. Geiger, Friedrich: Musik in zwei Diktaturen: Verfolgung von Komponisten unter Hitler und Stalin. Bärenreiter. Kassel. 2004. S. 93. 127 Vgl. Mai, Gunther: Die Weimarer Republik. Beck. München. 2009. S. 121–127. 128 Vgl. Geiger, Friedrich: Musik in zwei Diktaturen: Verfolgung von Komponisten unter Hitler und Stalin. Bärenreiter. Kassel. 2004. S. 94–99. 38 engagierter Komponisten bereits nach wenigen Monaten als größtenteils erfolgreich vollendet an.129 Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ am 07. April 1933 war die erste Gesetzgebung, die die jüdische Bevölkerung schwermütig traf, da viele ihren Beruf nicht mehr nachgehen durften; diese Maßnahme richtete sich auch gegen zahlreiche Komponisten.130 5.2 Die Vertreibung jüdischer Bürger Die zweite Phase stellte die systematische Ausschaltung jüdischer Bürger dar. Um die Machtposition der Reichskulturkammer zu festigen, zielte Goebbels darauf ab, die Zensur zu vereinheitlichen und in seinem Ministerium anzusammeln. Außerdem sollte sichergestellt werden, dass sich die betriebene Kulturpolitik mit Hitlers Ideologien in Übereinstimmung befand.131 Ein Beispiel dafür wie in dieser Phase jüdische Bürger ausgeschlossen wurden, zeigt der Fall von Rosebery d’Arguto, einem Dirigenten und Gesangslehrer, der mit bürgerlichem Namen Martin Rozenberg hieß. Peter Raabe lehnte d’Argutos Mitgliedschaft aufgrund seiner nicht-arischen Abstammung ab. Am 07. Juni 1938 wurde d’Arguto verhört, da er nach seinem Austritt aus der Reichsmusikkammer dabei entdeckt wurde, noch immer als Gesangslehrer tätig zu sein. Nach diesem Verfahren musste d’Arguto eine Geldstrafe in Höhe von 1.000 Reichsmark innerhalb von zehn Tagen bezahlen. In den nächsten Monaten bat d’Arguto aufgrund seiner finanziellen Situation um Erlass der Strafe, die schließlich nicht bewährt wurde. Am 28. Oktober konnte d’Arguto dank dem Besitz eines polnischen Passes nach Polen aufbrechen. Sein Fehler war, dass er nach kurzer Zeit zurück nach Berlin fuhr, um seine Wohnung zu räumen. Zu diesem Zeitpunkt wurde er verhaftet, zunächst in das Konzentrationslager Sachsenhausen und 1942 nach Auschwitz gebracht, wo er ermordet wurde.132 129 Vgl. Geiger, Friedrich: Musik in zwei Diktaturen: Verfolgung von Komponisten unter Hitler und Stalin. Bärenreiter. Kassel. 2004. S. 94–99. 130 Vgl. ebd. 131 Vgl. ebd. S. 99–104. 132 Vgl. ebd. 39 5.3 Die Zeit der Gebietserweiterungen In diesem Stadium brachte die territoriale Expansion ab 1938 zwei neue Hauptaufgaben mit sich: Erst sollte eine Arisierung unter den Künstlern der besetzten Gebiete erfolgen. Die antijüdischen Maßnahmen verschärften sich, vor allem seit dem Novemberpogrom 1938. Außerdem sollten die jeweiligen Kulturen in den besetzten Ländern unterdrückt, die deutsche hingegen stark propagiert werden. In osteuropäischen Ländern wurden beispielsweise polnische Konzerte verboten, damit sich die Bevölkerung ausschließlich mit deutscher Kulturmusik „bereichern“ konnte. Märsche und Volkslieder wurden verboten, genauso wie klassische Werke. In der Tschechoslowakei wurde das Singen in der Öffentlichkeit untersagt. Damit sollte unter anderem eine mögliche Volksliedbewegung unterbunden werden. Gleich zu Beginn des Jahres 1940 ordnete Goebbels ein allgemeines Aufführungs- und Sendeverbot über jede Musik von ausländischen Komponisten an.133 5.4 Deportation und systematische Vernichtung Der systematische Massenmord wurde ab Herbst 1941 in Gang gesetzt. Auch in kompositionsgeschichtlicher Betrachtungsweise bedeutete dieser Verlauf das letzte Stadium eines Verfolgungsprozesses. Es können keine genauen Zahlen darüber genannt werden, wie viele professionelle Musiker insgesamt liquidiert wurden, da Akten der Reichskulturkammer im Verlauf des Krieges stark abgesetzt oder vernichtet wurden. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass das Ausmaß der Zerstörung enorm war.134 133 Vgl. Geiger, Friedrich: Musik in zwei Diktaturen: Verfolgung von Komponisten unter Hitler und Stalin. Bärenreiter. Kassel. 2004. S. 104–106. 134 Vgl. ebd. S. 107–112.

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Zusammenfassung

Gedichtsammlungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie die „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“ oder Zeitschriften wie der „Reichs-Rundfunk“ beinhalten Sammlungen ausgewählter Soldatenlieder, die Einsicht in die Siegeszuversicht des NS-Regimes sowie dessen Sympathisanten, aber auch in die institutionalisierte Vaterlandsliebe geben. Dieses Buch präsentiert ausgewählte Soldatenlieder aus der „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“, die den Kriegsbeginn 1939/40 skizzieren, und untersucht die Rubrik „Unser Rundfunklied“ aus der Gesamtreihe der Zeitschrift „Reichs-Rundfunk“, die zwischen 1941 und 1944 erschien.

Die Recherche zeigt auf, wie die nationalsozialistische Propaganda mit der Publikation und der Verbreitung von Soldatenliedern im Zweiten Weltkrieg um politischen Einfluss bemüht war. Sie appellierte an die Freude des Singens, die wiederum ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollte. Folglich dokumentiert das Werk die Stilmittel der Lyrik sowie deren Botschaften und zeigt, dass Soldatenlieder Männer und Frauen zum Kriegsdienst motivierten, zur Vernichtung des Feindes aufforderten, mit raffinierter Mehrdeutigkeit bestimmte Botschaften kundtaten, Verlust und Schmerz zum Heldentod umdeuteten, aber auch Wünsche und Sehnsüchte zum Ausdruck brachten.

In der Gesamtschau wird sichtbar, wie die Inhalte der Texte sich im Kriegsverlauf wandelten, und dass zugleich über der Verbreitung der Soldatenlieder immer die Absicht der Verharmlosung des kriegerischen Alltags schwebte.