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4. Der Rundfunk als nationalsozialistisches Machtinstrument in:

Dimitrios Dolaplis

Musik als Propagandainstrument im Nationalsozialismus, page 29 - 36

Politische und soziale Funktionen von Soldatenliedern im NS-Regime

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4323-3, ISBN online: 978-3-8288-7264-6, https://doi.org/10.5771/9783828872646-29

Tectum, Baden-Baden
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29 4. Der Rundfunk als nationalsozialistisches Machtinstrument 4.1 Die Umgestaltung des Rundfunks durch das Propagandaministerium Im Nationalsozialismus stand der Rundfunk von Beginn an unter behördlicher Beaufsichtigung und aus diesem Grund war der Kontakt zum Rundfunk stets mit einem nahen Kontakt zum Staat verbunden. Besonders deutlich zeigte sich diese Begleiterscheinung als die Nationalsozialisten die Macht übernehmen konnten. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gestaltete den Rundfunk zu einem Instrument der Massenführung um: so konnten Programmblätter umstandslos als Werbung für die Zwecke der neuen Staatsführung eingesetzt werden. Bedeutsame Mitglieder der NSDAP erkannten schon relativ früh die Chance, die sie mit dem Rundfunk ergreifen konnten, um schließlich die Massen zu lenken und so stellte der Rundfunk das ausgezeichnete Propagandainstrument dar. 88 Dieser schaffte die Voraussetzung dafür, dass Nachrichten und Ankündigungen schnell ausgestrahlt werden konnten und in wenigen Augenblicken Tausende oder sogar Millionen Zuhörer erreichten.89 Die NSDAP gründete im Mai 1931 als erste Partei eine eigene Rundfunkstelle.90 Besonders Joseph Goebbels schätze die Macht des Radios und hielt bei der Eröffnung der Funkausstellung im Jahr 1933 diesbezüglich einen Vortrag. Auch später erklärte er, dass er den Rundfunk sowie die ganze Verwaltung „bereinigen“ möchte. Anfang März 1933 wurde das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda errichtet. Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda übernahm somit die Überwachung der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, die während der Weimarer Republik gegründet wurde,91 sowie die Sendegesellschaften. Diese verloren sämtliche Autonomie.92 88 Vgl. Bauer, Thomas: Deutsche Programmpresse 1923 bis 1941: Entstehung, Entwicklung und Kontinuität der Rundfunkzeitschriften. K. G. Saur Verlag. München. 1993. S. 178–179. 89 Vgl. ebd. S. 179. 90 Vgl. ebd. 91 Vgl. Lerg, Winfried B.: Rundfunk in Deutschland. 1. Rundfunkpolitik in der Weimarer Republik. Dt. Taschenbuch-Verlag, München. 1980. S. 194. 92 Vgl. Bauer, Thomas: Deutsche Programmpresse 1923 bis 1941: Entstehung, Entwicklung und Kontinuität der Rundfunkzeitschriften. Saur Verlag. München. 1993. S. 179–180. 30 Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht erlangten, wurden Führungskräfte zügig entlassen und die regierungsamtlichen Sendungen ausgebaut. Einige Monate später, nämlich nach der Reichstagswahl am 05. März 1933, begann Goebbels mit der aktiven Reorganisation des Rundfunks. Bereits vor Ende des Jahres 1933 wurde der Rundfunk gleichgeschaltet. Was die Programmblätter betrifft, so stellten diese in der Zeit des Nationalsozialismus keine Kommunikationsträger zwischen Rundfunk und Hörer mehr dar, sondern eher Blätter mit Inhalten, die von der Staatsführung bestimmt wurden.93 Sendungen mit ideologischen und politischen Inhalten wurden als besonders lehrreich und nützlich bemessen; aus diesem Grund erhielten solche eine betonte Aufmachung.94 Moderne Musik wurde gemieden, in den Kriegsjahren sogar verboten; dennoch sendete das Radioprogramm viele Opern: Aufführungen wie die Bayreuther Meistersinger oder Wagners Lohengrin aus der Staatsoper in Berlin wurden Live übertragen. Einige Opern wurden vollständig oder teilweise in Rundfunkstudios aufgenommen. Die drei wichtigsten Rundfunkhäuser für diesen Zweck standen in Berlin, in Dresden und in Wien. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmefällen wie die französische Oper Carmen von Bizets, die zu berühmt war, um sie zu meiden, sendete das Radio ausschließlich deutsch- österreichische und italienische Opern, die alle auf Deutsch übersetzt und gesungen wurden.95 Auch der Sprachgebrauch aus dem Militärbereich wurde vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gezielt verwendet: Dieser wurde vor allem bei der Übertragung von Aufmärschen, Massenversammlungen, Parteitagen, Ehrungen von Toten und Reden von politischen Machthabern eingesetzt, um ein bis dahin noch nie da gewesenes „Wir- Gefühl“ zu erschaffen.96 Hitler hob immer wieder hervor, dass die Propaganda immer mehr auf Emotionen und Gefühle gelenkt werden sollte.97 93 Vgl. Bauer, Thomas: Deutsche Programmpresse 1923 bis 1941: Entstehung, Entwicklung und Kontinuität der Rundfunkzeitschriften. Saur Verlag. München. 1993. S. 179–180. 94 Vgl. ebd. 95 Vgl. Bade, Patrick: Music wars 1937–1945. Propaganda, Götterfunken, Swing: Musik im Zweiten Weltkrieg. Laika Verlag. Hamburg. 2015. S. 156–157. 96 Vgl. Drechsler, Nanny: Die Funktion der Musik im deutschen Rundfunk 1933–1945. Centaurus-Verlag. Pfaffenweiler. 1988. S. 26. 97 Vgl. ebd. S. 27. 31 Zusätzlich wurden fahrbare Rundfunksender entwickelt, um nicht gut erreichbare Räume antreffen zu können. Diese fahrbaren Rundfunksender wurden mit einzelnen Buchstaben bezeichnet. Die Soldatensender trugen Namen wie Don, Monika, Martha oder Heinrich.98 4.2 Der Einsatz des Volksempfängers und seine Grenzen Goebbels, der die Presse als ein Produkt der französischen Revolution betrachtete, kritisierte diese und stand ihr eher skeptisch gegenüber. Für ihn galt nur das Radio als modernes deutsches Medium, das in allen deutschen Haushalten Einzug finden sollte.99 Bereits in seinen Anfängen wurde das Radio auf seine Rolle als „Waffe“ vorbereitet. Die Entwicklung und Lieferung der Volksempfänger blieben grundsätzlich in der Hand vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Da viele Gebiete, vor allem ländliche, noch nicht mit Strom versorgt waren, wurden 5% der Volksempfänger als schlichtere Apparate konstruiert, die bloß mit Batterien betrieben werden konnten.100 Vorerst verfügte nur ein geringer Anteil der deutschen Bevölkerung über ein Radiogerät; dies sollte sich mit dem Massenverkauf vom „Volksempfänger“ zügig ändern. Im Jahr 1933 erschien schließlich der „Volksempfänger“ VE 301, genannt nach dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler – den 30.01.1933101– für 76 Reichsmark auf dem Markt.102 Das Radiogerät wurde am 18. März 1933 vorgestellt. Im August desselben Jahres wurde der Volksempfänger in der zehnten Funkausstellung in Berlin von 28 Herstellern präsentiert, die das Gerät alle nach den gleichen Bauvorschriften fabrizierten. 103 Schließlich konnte die Zahl der Rundfunkteilnehmer von vier auf neun Millionen Menschen gesteigert 98 Vgl. Wedel, Hasso von: Die Propagandatruppen der Deutschen Wehrmacht. Kurt Vowinckel Verlag. Stuttgart. 1962. S. 120–121. 99 Vgl. Reichel, Peter: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Carl Hanser Verlag. München. 1991. S. 159. 100 Vgl. Falkenberg, Karin: Radiohören: zu einer Bewußtseinsgeschichte 1933 bis 1950. Inst. für Alltagskultur. Haßfurt. 2005. S. 71. 101 Vgl. Dahl, Peter: Arbeitersender und Volksempfänger: proletarische Radio-Bewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945. Syndikat. Frankfurt am Main. 1978. S. 113–114. 102 Pollex, Anna-Gesa: Rundfunk im Dritten Reich - der Volksempfänger als Sprachrohr der nationalsozialistischen Propaganda. Grin Verlag. München. 2011. S. 3–5. 103 Vgl. Falkenberg, Karin: Radiohören: zu einer Bewußtseinsgeschichte 1933 bis 1950. Inst. für Alltagskultur. Haßfurt. 2005. S. 72. 32 werden.104 Damit sich alle Bevölkerungsschichten ein Radiogerät leisten konnten, wurde der „Deutsche Kleinempfänger“ für 35 Reichsmark verkauft.105 Da für einige Haushalte der Erwerb eines Radiogerätes dennoch eine zu hohe Einlage bedeutete, wurden mit unterschiedlichen und teilweise komplexen Vorbereitungen Ratenzahlungen eingerichtet. 106 Bis 1941 wurden circa 16 Millionen Menschen Besitzer eines Radiogerätes.107 Allerdings war der Besitz eines Radiogeräts für Juden, Russen, Polen und Tschechen in Deutschland verboten.108 Trotz seiner weiten Verbreitung verkörperte der Volksempfänger alles andere als das Idealbild, das das nationalsozialistische Deutschland sonst zu propagieren versuchte. Die Ausstattung des Geräts war einfach gehalten und dies hatte zur Folge, dass die bescheidene Gestaltung des Volksempfängers das Radiohören erschwerte. Die Stör- und Nebengeräusche konnten nur vermieden werden, wenn man den Knopf für die Lautstärke und den Empfang sehr langsam und vorsichtig drehte. Die Gegebenheit, dass selbst in der Betriebsanleitung des VE 301 auf die sensible Handhabung des Geräts aufmerksam gemacht wurde, zeigt, dass die technischen Mängel des Geräts keinen Einzelfall darstellten, sondern mit Absicht so angefertigt wurden.109 Willi A. Boelcke, ein deutscher Wirtschafts- und Sozialhistoriker meint, dass das Radiogerät in erster Linie schlicht dazu diente, um die Stimme Hitlers überall in Deutschland hörbar zu machen.110 Die Bevölkerung sollte mit allen Mitteln Radio hören, wobei ausschließlich nur deutsche Radiosendungen empfangen werden sollten. Die Qualität des Gerätes wurde vermutlich niedrig gehalten. Mit dem Standard-Modell war es fast unmöglich, entfernte Stationen zu empfangen. 104 Vgl. Reichel, Peter: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Carl Hanser Verlag. München. 1991. S. 160. 105 Vgl. ebd. 106 Vgl. König, Wolfgang: Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft: "Volksprodukte" im Dritten Reich; vom Scheitern einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft. Schöningh. Paderborn. 2004. S. 57–58. 107 Vgl. Reichel, Peter: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Carl Hanser Verlag. München. 1991. S. 160. 108 Vgl. Dahl, Peter: Arbeitersender und Volksempfänger: proletarische Radio-Bewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945. Syndikat. Frankfurt am Main. 1978. S. 119. 109 Vgl. Falkenberg, Karin: Radiohören: zu einer Bewußtseinsgeschichte 1933 bis 1950. Inst. für Alltagskultur. Haßfurt. 2005. S. 75. 110 Vgl. ebd. 33 Durch die Produktion vom leistungsschwachen Volksempfänger und dem Deutschen Kleinempfänger sollte die Bevölkerung Auslandssender nicht erreichen können. Allerdings erschienen auf dem Markt nach dem Volksempfänger Zusatz- und Erweiterungsteile von „Hobby-Radiobastlern“, die dazu dienen sollten, die Empfangsqualität zu verbessern.111 So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Bürger, die besser verdienten und es sich finanziell leisten konnten, ein anderes teureres Markengerät kauften als das nationalsozialistische Standardgerät. Viele Deutsche bevorzugten ein Gerät mit einer größeren Empfangseigenschaft und wollten damit auch ihr Statussymbol präsent machen. Die viel bessere Qualität anderer Radiogeräte beschränkte sich nicht nur auf den besseren Empfang; auch das Gehäuse und die Lautsprecher waren besser verarbeitet.112 Dennoch: Der Volksempfänger konnte sein primäres Ziel, nämlich die niedrigen sozialen Schichten und vor allem die Arbeiterklasse zu erfassen, erreichen. Fast die Hälfte der Konsumenten des Volksempfängers waren Menschen, die davor noch nie ein Radiogerät in ihrem Besitz hatten.113 4.3 Der Umgang mit fremd- und deutschsprachigen „Feindsendern“ Die Art und Weise wie die Nationalsozialisten das Radioprogramm für die Kriegspropaganda aufbereiteten, war einfach gestaltet und bewegte sich stets im selben Muster: Nachrichten, aktuelle Sendungen, Soldatenfunk, Hitlerjugend-Funk und Frauenfunk. Diese Auswahl wurde mehrfach von Ansprachen und Sondermeldungen unterbrochen.114 Zu Beginn des Krieges wurden Rundfunkmaßnahmen eingesetzt, die dazu dienten, die deutsche Bevölkerung vor dem Hören ausländischer Rundfunksendungen fernzuhalten, wobei das Hören von sowjetischen Sendern bereits seit 1934 verboten wurde. Bei Verbreitung ausländischer Nachrichten wurde die Todesstrafe angedroht. 111 Vgl. Falkenberg, Karin: Radiohören: zu einer Bewußtseinsgeschichte 1933 bis 1950. Inst. für Alltagskultur. Haßfurt. 2005. S. 75–76. 112 Vgl. ebd. S. 73–74. 113 Vgl. ebd. S. 72. 114 Vgl. Dahl, Peter: Arbeitersender und Volksempfänger: proletarische Radio-Bewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945. Syndikat. Frankfurt am Main. 1978. S. 119. 34 3.450 Menschen wurden bis zum Jahr 1943 verurteilt, weil sie ihr Radio auf einem ausländischen Sender angehalten hatten.115 Die Umstellung – da ab 1939 offiziell nur noch die Programme der Deutschen Reichssender gehört werden durften – war für die deutsche Hörerschaft nicht unkompliziert. Bereits ab den 1920er Jahren stand die freie Nutzung eines Radiogeräts für Freiheit, da jeder Nutzer die Möglichkeit hatte, seine eigenen Interessen und Hörgewohnheiten individuell zu gestalten. Nachdem ab Kriegsbeginn das Radiohören im Nationalsozialismus der staatlichen Kontrolle unterlag, mussten alte Gewohnheiten ver- ändert werden. Sender aus dem Ausland wurden als Feind- oder Hetzsender dargestellt, unabhängig davon, ob es Radiostationen von neutralen oder verbündeten Ländern waren.116 Um das Verbot in der Öffentlichkeit zu festigen, startete die NSDAP zeitgleich eine Warn-Maßnahme in Zeitungen und Zeitschriften, in denen davor gemahnt wurde, Auslandsender zu hören.117 Darüber hinaus wurde eine Verteilaktion von roten Kärtchen organisiert, die an den Reglern von allen Radiogeräten plakatiert werden sollten. Auf diesen war folgendes zu lesen: „Denke daran. Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet.“118 Zudem wurde es untersagt, in Radioprogramm-Magazinen das Angebot von ausländischen Sendern zu drucken.119 Im Ganzen wurden ungefähr 120 ausländische Sender auch in deutscher Sprache gestaltet oder von deutscher Hörerschaft bevorzugt. Zu diesen gehörten unter anderem der „Deutsche Dienst“ der „BBC“, der Schweizer Sender „Radio Beromünster“, „Radio Moskau“ oder „Radio London“.120 Bei allen Sendern stieg mit dem Kriegsverlauf die Sendezeit der deutschen Sendungen rasant an.121 115 Vgl. Dahl, Peter: Arbeitersender und Volksempfänger: proletarische Radio-Bewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945. Syndikat. Frankfurt am Main. 1978. S. 119. 116 Vgl. ebd. S. 108–109. 117 Vgl. ebd. S. 109. 118 Diller, Ansgar: Rundfunkpolitik im Dritten Reich. Deutscher Taschenbuch-Verlag. München. 1980. S. 309. 119 Vgl. Falkenberg, Karin: Radiohören: zu einer Bewußtseinsgeschichte 1933 bis 1950. Inst. für Alltagskultur. Haßfurt. 2005. S. 109. 120 Vgl. ebd. S. 111. 121 Vgl. ebd. 35 Trotz aller Bemühungen der nationalsozialistischen Regierung, ausländische Sender innerhalb der deutschen Bevölkerung zu verbieten und Strafandrohungen anzuwenden, konnten in der Realität die Programme vom Ausland nicht unhörbar gemacht werden. Auch sogenannte „Störsender“, die dafür sorgen sollten Auslandswellen zu übertönen, gelang es nicht überall und restlos diese Sender abzudämmen.122 Die Angst war zwar groß, dass Freunde, Familie oder Nachbarn das Hören von Auslandssendern mitbekommen und anschließend melden, doch kam es immer wieder vor, dass man schließlich aus Gewohnheit oder Neugier dennoch ausländische Sender einschaltete. Tat man das, so musste man sehr achtsam sein, um sich im Alltag nicht selbst zu verraten, wenn man beispielsweise auf der Arbeit, in der Schule oder in anderen Gesprächen in der Öffentlichkeit von Nachrichten sprach, die in den Reichssendern (noch) nicht übermittelt wurden.123 Auch bei der Verwendung von größeren Antennen konnte man sich verdächtig machen; gewöhnlich war das Regime jedoch auf Spitzeln und Anzeigen angewiesen. Goebbels, der die Hörer einschüchtern wollte, verbreitete das Gerücht, dass die Post und die Polizei mit speziellen Geräten die entsprechend eingestellten Wellenlängen der Radiogeräte aufspüren können.124 Dennoch unterließen es viele nicht, solche „Feindsender“ zu hören. Das Empfangen von „Feindsendern“ hatte jedenfalls unterschiedliche Motive: Wissbegier, Neugier, Bedenken über die Nachrichten im In- beziehungsweise im Ausland, Interesse an der im „Reich“ verbotene Jazz- Musik und – wie in manchen Fällen – Widerstand gegen den Nationalsozialismus.125 122 Vgl. Falkenberg, Karin: Radiohören: zu einer Bewußtseinsgeschichte 1933 bis 1950. Inst. für Alltagskultur. Haßfurt. 2005. S. 115. 123 Vgl. ebd. 124 Vgl. ebd. 125 Vgl. ebd.

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References

Zusammenfassung

Gedichtsammlungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie die „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“ oder Zeitschriften wie der „Reichs-Rundfunk“ beinhalten Sammlungen ausgewählter Soldatenlieder, die Einsicht in die Siegeszuversicht des NS-Regimes sowie dessen Sympathisanten, aber auch in die institutionalisierte Vaterlandsliebe geben. Dieses Buch präsentiert ausgewählte Soldatenlieder aus der „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“, die den Kriegsbeginn 1939/40 skizzieren, und untersucht die Rubrik „Unser Rundfunklied“ aus der Gesamtreihe der Zeitschrift „Reichs-Rundfunk“, die zwischen 1941 und 1944 erschien.

Die Recherche zeigt auf, wie die nationalsozialistische Propaganda mit der Publikation und der Verbreitung von Soldatenliedern im Zweiten Weltkrieg um politischen Einfluss bemüht war. Sie appellierte an die Freude des Singens, die wiederum ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollte. Folglich dokumentiert das Werk die Stilmittel der Lyrik sowie deren Botschaften und zeigt, dass Soldatenlieder Männer und Frauen zum Kriegsdienst motivierten, zur Vernichtung des Feindes aufforderten, mit raffinierter Mehrdeutigkeit bestimmte Botschaften kundtaten, Verlust und Schmerz zum Heldentod umdeuteten, aber auch Wünsche und Sehnsüchte zum Ausdruck brachten.

In der Gesamtschau wird sichtbar, wie die Inhalte der Texte sich im Kriegsverlauf wandelten, und dass zugleich über der Verbreitung der Soldatenlieder immer die Absicht der Verharmlosung des kriegerischen Alltags schwebte.