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8. Beantwortung der Forschungsfragen in:

Dimitrios Dolaplis

Musik als Propagandainstrument im Nationalsozialismus, page 227 - 230

Politische und soziale Funktionen von Soldatenliedern im NS-Regime

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4323-3, ISBN online: 978-3-8288-7264-6, https://doi.org/10.5771/9783828872646-227

Tectum, Baden-Baden
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227 8. Beantwortung der Forschungsfragen Das folgende Kapitel dient der Beantwortung der Forschungsfragen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden an dieser Stelle die Forschungsfragen noch einmal angeführt. FF1: Welchen thematischen Schwerpunkt weisen die Soldatenlieder in den ausgewählten medialen Überlieferungen auf? FF2: Inwieweit hängen inhaltliche Veränderungen mit den (kriegs-)historischen Ereignissen zusammen? Im untersuchten Material sind grundsätzlich drei thematische Schwerpunkte zu erkennen, nämlich der Krieg, die Liebe und die Heimat, wobei jede Kategorie in zwei bis vier Punkte unterteilt werden kann. Ein zentrales Thema, das in den Liedern behandelt wird, ist der Krieg an sich. Viele Soldatenlieder wie „Das Lied der Panzergrenadiere“ oder „Greift an, Pioniere!“ erwähnen die verschiedenen Gattungen der Infanterie und thematisieren die Militärtechnik. So werden die eingesetzten Panzer und konkrete Kampfflieger (wie etwa im Lied „Wir sind die schwarzen Husaren der Luft“ die Sturzkampfflugzeuge) genannt. Neben der Bewaffnung werden auch spezifische Klänge wie Motorgeräusche geschildert, so etwa in den Liedern „Kampfflieger“, „Das Lied der Fallschirmjäger“, oder „Lied der Heimatfront“, um einige Beispiele zu nennen. In vielen Texten spielt die Kameradschaft und das Gemeinschaftsgefühl unter den Soldaten eine ebenso bedeutende Rolle. Als Beispiele dafür können „Kamerad, komm mit“, „Einsatzbereit“ und „Das Lied der Panzergrenadiere“ hervorgehoben werden, in denen der Mut, der Zusammenhalt und die Treue zentrale Elemente darstellen. Bekannte Militärs und historische Persönlichkeiten wie Politiker werden in den Texten bei Namen genannt und entweder verherrlicht oder, wenn eben Feinde gemeint sind, herabgesetzt. Des Weiteren lassen sich Texte auffinden, die sich vermehrt auf den Aufbau bestimmter Feindbilder fokussieren. Diese werden einerseits entlang rassistischer, andererseits imperialistischer Kriterien definiert. So werden der Balkan beziehungsweise die Serben als Entfachter des Ersten Weltkrieges bezeichnet und dementsprechend kritisiert. Hauptsächlich werden in den Liedern jedoch England und die Sowjetunion angegriffen. 228 Während die Engländer unter anderem als „Löwen“ beschrieben werden, die gejagt werden müssen, wird Russland als „Judas“ personifiziert und herabgewürdigt. Daneben werden in den ausgewählten Beispielen konkrete Schlachten und Orte genannt. Zu nennen sind beispielsweise die Schlacht bei Dünkirchen, die Rolle der Maginot-Linie, die Kämpfe um die Krim oder konkrete Flüsse. Die Bezeichnungen von tatsächlichen kriegerischen Handlungen beziehen sich darüber hinaus teilweise auf die Vergangenheit, die an die Heldentaten der Vorfahren erinnern. Neben dem Krieg stellt auch die Liebe einen thematischen Schwerpunkt dar. Viele Soldatenlieder weisen auf die unterschiedlichen Rollen der Frau hin, die durch das Regime propagiert wurden. So wird die Frau beziehungsweise das Mädchen als treue und pflichtbewusste Lebensgefährtin beschrieben, die auf die Rückkehr des Soldaten wartet. Mädchennamen erscheinen in den Gedichten oft im Kontext eines Soldatenalltags, der unter anderem das Kasernenleben umfasst. So werden gemeinsame Erinnerungen und Treffpunkte sowie Hochzeitspläne thematisiert. Auch die mütterliche Liebe wird in der Lyrik als Thema aufgegriffen, wobei diese Art von Liebe eher im Kontext von Verlust, Trauer und Tod vorkommt. Zentrale Aufgabe dieser Lieder ist es, die Trauer der Mütter zu besänftigen, indem das Lebensende eines Soldaten als Heldentot aufgezeigt wird. Diese Absicht lässt sich unter anderem in „Der deutschen Mutter“ oder „Wenn eine Mutter ihr Kindlein tut wiegen“ herauslesen. In den analysierten Materialien findet letztendlich auch die Heimat einen thematischen Kernpunkt. Auch wenn die Themen „Heimatliebe“ und „Tradition“ bereits 1939 angesprochen werden, tritt „die Heimat“ verstärkt dann in Erscheinung, als das Blatt sich langsam gegen Deutschland wendet. Nicht selten bildet die Beschreibung von Naturphänomenen und Landschaften den Bezugsrahmen zur Nennung von Heimatorten und bestimmten Umgebungen. So emotionalisieren die Lieder und wirken auf die Soldaten wie ein Reiz, der deren Pflichtbewusstsein verstärken soll. In Liedern wie „Memellied“, „Oberschlesienlied“, „Kein schöner Land“ oder „Grüß mir die Berolina!“, die als Beispiele dienen, werden konkrete Bezüge zur Heimat hergestellt, in denen Soldaten sich daran erinnern, wofür sie kämpfen. Gegen Ende des Krieges beschreiben die Werke aus dem Jahr 1944 („Morgenlied“, „Abendlied“, „Nichts kann uns rauben Liebe und Glauben“, „Deutschland, heiliges Wort“, „Heilig Vaterland“) eine idyllische Szene, in der die deutsche Heimat in einer nahen Zukunft vorgestellt wird. 229 Die Beantwortung der Frage nach den inhaltlichen Veränderungen der Soldatenlieder und ihrer Übereinstimmung mit den (kriegs-)historischen Ereignissen lässt sich innerhalb einer „Drei-Phasen-Aufteilung“ beantworten. In der ersten Phase, in der die deutschen Truppen große Siege verzeichneten, können eher wenige konkrete Schlachten abgelesen werden. Die Geschehnisse an der Front werden ungenau beschrieben. Dennoch sind Ausnahmen wie das Lied „Am Wege“ zu nennen, das mit gro- ßer Detailfreude den Polenfeldzug thematisiert. Vorranging spielt aber die Romantik eine zentrale Rolle. Die Soldatenlieder aus der Zeit von 1939 bis 1940 idealisieren das Soldatenleben und motivieren die „Kameraden“ zur Kriegsteilnahme. Ab 1941 bis 1942 beschreiben die Lieder aus dem „Reichs-Rundfunk“ reichlich Schlachten und Feldzüge mit vielen Details. Das „Balkanlied“ gibt beispielsweise innerhalb drei Strophen den gesamten Balkanfeldzug wieder. Auch der Wüstenkrieg in Afrika gegen die Engländer oder der Vormarsch Richtung Russland werden in Liedern wie „Marsch des Deutschen Afrika-Korps“, „Afrika-Lied“ oder „Ostkampf 1941“ beschrieben. Außerdem nimmt die technische Beschreibung von Waffen zu und es wird auf die alte Tradition (zum Beispiel die Zeit Friedrichs des Großen oder die napoleonischen Kriege) zurückgegriffen. Das Streben nach Kontinuität dient zur Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit. Die zweite Phase zeichnet größtenteils ein zutreffendes Abbild des Kriegsgeschehens in den Jahren 1941–1942. In der dritten Phase ändert sich diese Parallele insoweit, dass zwar weiterhin reale historische Informationen wiedergegeben werden, diese aber in den Hintergrund gedrängt werden. Im Vordergrund stehen ab 1943 nun der Heimat- und Naturbezug. Die textliche Gestaltung nimmt immer mehr den Charakter eines Überlebenskampfes an. Diese Darstellung sollte einerseits die Moral der Bevölkerung, anderseits aber auch jene der Soldaten verstärken. Tod, Verlust und die Opferbereitschaft der Soldaten wird besonders betont. Solche Forderungen, die beispielsweise in „Jungs, packt an!“ und „Setzt ihr euren Helden Steine“ abgelesen werden können, versuchen eine breitere Bevölkerungsschicht anzusprechen. In dieser dritten Phase hängen die Inhalte der Texte zwar mit der Realität weiterhin zusammen, aber die Details, so wie sie in der zweiten Phase zu finden sind, gehen verloren. 230 Das Jahr 1944 beziehungsweise 1945 konnte aufgrund mangelnder Quellen (der Druck der Zeitschrift „Reichs-Rundfunk“ wurde 1944 eingestellt) nicht näher betrachtet werden. Aus dem einzigen Lied, dass 1944 im „Reichs-Rundfunk“ abgebildet wurde, nämlich „Matrosen, wenn die singen“, kann keine Parallele zur Kriegsentwicklung des entsprechenden Jahres festgestellt werden. Zusammenfassend kann jedoch in den untersuchten Quellen eine starke Korrelation zwischen den Inhalten der untersuchten Soldatenlieder und den (krieg-) historischen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges aufgezeigt werden. Vor allem in den Jahren 1941 und 1942 sind zahlreiche Details zu beobachten.

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Zusammenfassung

Gedichtsammlungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie die „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“ oder Zeitschriften wie der „Reichs-Rundfunk“ beinhalten Sammlungen ausgewählter Soldatenlieder, die Einsicht in die Siegeszuversicht des NS-Regimes sowie dessen Sympathisanten, aber auch in die institutionalisierte Vaterlandsliebe geben. Dieses Buch präsentiert ausgewählte Soldatenlieder aus der „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“, die den Kriegsbeginn 1939/40 skizzieren, und untersucht die Rubrik „Unser Rundfunklied“ aus der Gesamtreihe der Zeitschrift „Reichs-Rundfunk“, die zwischen 1941 und 1944 erschien.

Die Recherche zeigt auf, wie die nationalsozialistische Propaganda mit der Publikation und der Verbreitung von Soldatenliedern im Zweiten Weltkrieg um politischen Einfluss bemüht war. Sie appellierte an die Freude des Singens, die wiederum ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollte. Folglich dokumentiert das Werk die Stilmittel der Lyrik sowie deren Botschaften und zeigt, dass Soldatenlieder Männer und Frauen zum Kriegsdienst motivierten, zur Vernichtung des Feindes aufforderten, mit raffinierter Mehrdeutigkeit bestimmte Botschaften kundtaten, Verlust und Schmerz zum Heldentod umdeuteten, aber auch Wünsche und Sehnsüchte zum Ausdruck brachten.

In der Gesamtschau wird sichtbar, wie die Inhalte der Texte sich im Kriegsverlauf wandelten, und dass zugleich über der Verbreitung der Soldatenlieder immer die Absicht der Verharmlosung des kriegerischen Alltags schwebte.