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3. Die Entwicklung der Reichsmusikkammer von den Anfängen bis zum Kriegsende in:

Dimitrios Dolaplis

Musik als Propagandainstrument im Nationalsozialismus, page 19 - 28

Politische und soziale Funktionen von Soldatenliedern im NS-Regime

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4323-3, ISBN online: 978-3-8288-7264-6, https://doi.org/10.5771/9783828872646-19

Tectum, Baden-Baden
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19 3. Die Entwicklung der Reichsmusikkammer von den Anfängen bis zum Kriegsende Im Nationalsozialismus wurde die Ansicht vertreten, dass die musikalische Kultur in Deutschland weit ausgebaut werden müsste; für die Umsetzung sollten nicht nur Ländereien und Städte, sondern auch nicht-private Unternehmen einen entsprechenden Zuschuss für die Musikpflege des Landes handhaben.30 Musik sollte weniger als Luxus, vielmehr als Mittel zur „Erziehung der Volksseele“31 als eines „der höchsten Güter der Nation“32 angesehen werden. Musikschulen, Chorvereinigungen und Orchester gehörten gefördert. Peter Raabe, einer zu seiner Zeit sehr bekannter deutscher Dirigent und Musikwissenschaftler,33 der zur Zeit des Nationalsozialismus Kulturpolitik betrieben hat und im Juli 1935 das Amt als Präsident der Reichsmusikkammer in Berlin (Lützowplatz 13) antrat,34 verglich das Orchester mit der nationalsozialistischen Gesellschaft und die Rolle des Dirigenten mit jener eines „Führers“. Er sah in der Durchführung des Orchesters das „Führerprinzip“ in seiner „vollsten Rheinheit“35: Als Beispiel wird der Leiter mit einer bedingungslosen Autorität genannt, der nicht als Diktator agiert, sondern als jemand, der das Vertrauen seiner Anhängerschaft stets neu erarbeiten muss. Dieses Vertrauen wird seiner Meinung nach nicht erzwungen, sondern mit Überzeugung gewonnen.36 Um die Musik instrumentalisieren zu können, mussten bestimmte Regeln und Vorschriften eingesetzt werden. Musiker und Künstler sollten sich nicht frei ausformen und entfalten können. Am 22. September 193337 wurden mit der Gründung der Reichskulturkammer unter Joseph Goebbels, dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, die Kultur 30 Vgl. Raabe, Peter: Kulturpolitische Reden und Aufsätze. 1. Die Musik im Dritten Reich. Bosse. Regensburg. 1935. S. 33. 31 Ebd. 32 Ebd. 33 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 11–12. 34 Vgl. ebd. S. 254. 35 Raabe, Peter: Kulturpolitische Reden und Aufsätze. 1. Die Musik im Dritten Reich. Bosse. Regensburg. 1935. S. 34. 36 Vgl. ebd. 37 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 199. 20 und speziell eben die Musik gleichgeschaltet. 38 Propagiert wurde die Durchführung eines berufsständischen Aufbaus der Reichskulturkammer, in der alle Volksgenossen Platz finden würden. Dieser Aufbau sollte das Volk selbst verkörpern und in seiner Gliederung „den Gedanken des Klassenkampfs ein für allemal“ beseitigen.39 Neben der Reichsmusikkammer, nach Mitgliederzahl die größte der sieben Kammern, existierten sechs weitere Abteilungen40, die das ganze kulturelle Leben in Deutschland mit insgesamt 250.000 Mitgliedern41 überwachten und kontrollierten.42 Bereits in den Sommermonaten des Jahres 1933 herrschte eine gewisse Desorientierung unter den Musikern. Nicht ganz klar war die Frage der Zuständigkeit. Wer über die Kultur bestimmte und welche Stellen für die Musikorganisation befugt waren, war kaum zu durchschauen. Das „Reichskulturkammergesetz“ im September 1933 sollte schließlich diese Fragen beantworten. Am 15. November 1933 eröffneten Hitler, Goebbels und die gesamte Reichsregierung feierlich die Reichskulturkammer. Es wurden Lieder von Schubert, Wolf und Beethoven, aber auch Werke von Richard Strauss persönlich aufgeführt.43 Auch das Stück von Wagner «Die Meistersinger von Nürnberg» wurde gesungen und von den NS-Machthabern zu ihrer Reichsparteitagsoper ausgewählt. Goebbels machte aus dem „Wach auf“- Chor des dritten Aufzuges einfach ein „Wacht auf“-Chor, wodurch das gesamte deutsche Volk sich vollends angesprochen fühlen sollte.44 Die Reichsmusikkammer stellte eine berufsständische Zwangsorganisation dar; Künstler, die Musik geschaffen oder ausgeübt haben sowie Personen, die sich bei der Vermittlung von geschaffener Musik an die breite Masse beteiligten, waren verpflichtet, eine sogenannte „Kammer- 38 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 199. 39 Vgl. Schreiber, Karl Friedrich: Die Reichskulturkammer. Organisation und Ziele der deutschen Kulturpolitik. Junker & Dünnhaupt. Berlin. 1934. S. 16–17. 40 Die Kammer war als Dachorganisation für sieben Einzelabteilungen autorisiert: Reichsfilmkammer, Reichsmusikkammer, Reichstheaterkammer, Reichspressekammer, Reichsschrifttumskammer, Reichskammer der bildenden Künste und die Reichsrundfunkkammer. 41 Vgl. DHM: Die Reichskulturkammer. In: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/kunst-und-kultur/reichskulturkammer.html (14.01.2019). 42 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 197–200. 43 Ebd. S. 200. 44 Vgl. Klonovsky, Michael: Deutschlands Geist. In: http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2013-18/deutschlands-geist-die-weltwoche-ausgabe-182013.html. (14.01.2019). 21 Mitgliedschaft“ zu beantragen.45 Aufgrund eines Fragebogens, der beantwortet werden musste, konnten die Behörden sofort erkennen, ob der Antragsteller eine „arische“ Herkunft vorweisen konnte oder nicht. Die Aufnahme wurde abgelehnt, wenn einzelne Personen die „erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung“46 nicht nachweisen konnten. Zunächst wurden alle Musiker unabhängig von Abstammung und Herkunft in die Mitgliedschaft aufgenommen; dies erleichterte die Überwachung und spätere Ausstoßung. Viele sahen die Gründung der Reichsmusikkammer als ein Mittel der Musikförderung an, da das Musikleben schwer und für viele aussichtlos war.47 Durch den Staatseinfluss erhofften sich viele Musiker erfreuliche Aussichten für die Zukunft. Einige erkannten nicht, dass die Reichsmusikkammer von der NSDAP gegründet worden war oder diese Tatsache störte sie einfach nicht.48 Mit dem Reichskulturkammer-Gesetz vom 22. September 1933 und der „Reichskulturkammer als Körperschaft öffentlichen Rechts“49 fand zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine solche systematische Auflistung Musikschaffender statt.50 Viele Musikkünstler trugen, vorsätzlich oder fahrlässig, wesentlich dazu bei, den NS-Staat zu propagieren, indem sie bei großen Veranstaltungen als kulturelles Aushängeschild benutzt wurden.51 Es gab aber auch einen anderen Grund, weshalb das Vorhaben und das Umsetzen einer nationalsozialistischen Organisation wie die Reichskulturkammer so viele Menschen erfreute: Goebbels übertrug nach und nach anerkannten Musikern kulturpolitische Funktionen; so wurden Mitglieder oder der Präsident ausschließlich von Goebbels ernannt.52 Richard Strauss wurde 1933 der erste Präsident der Reichsmusikkammer und Wilhelm Furtwängler der Vizepräsident. Ihre Namen schafften gegenüber der Öffentlichkeit, vor allem aber auch unter Musikern, ein ge- 45 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 200. 46 Ebd. 47 Vgl. ebd. 48 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 200. 49 DHM: Die Reichskulturkammer. In: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/kunst-und-kultur/reichskulturkammer.html (14.01.2019). 50 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 203. 51 Vgl. ebd. S. 271. 52 Vgl. Ihlert, Heinz: Die Reichsmusikkammer: Ziele, Leistungen und Organisation. Junker und Dünnhaupt. Berlin. 1935. S. 25. 22 wisses Vertrauen für die Reichsmusikkammer. Es sollte suggeriert werden, dass die Musikangelegenheiten von erfahrenen Musikern verwaltet werden.53 Seit dem 12. Februar 1934 wurde die Reichskulturkammer zum korporativen Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Der „Völkische Beobachter", das Zentralorgan der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), betätigte sich ab Juni 1934 als amtliches Mitteilungsblatt der Reichskulturkammer.54 Der „Völkische Beobachter" druckte am 08. Oktober 1934 eine Mitteilung der Reichsmusikkammer, die an alle deutschen Künstler gerichtet war. Konkret ging es um ausländisch klingende Namen, die zu einem baldigen Zeitpunkt verboten werden sollten. Statt fremd klingender Nennungen mussten die Künstler ihre deutschen bürgerlichen Namen verwenden. Diese Anordnung galt auch für sonstige Musikvereinigungen. Musiker und Vereine hatten bis zum Monatsende Zeit, Namensänderungen durchführen zu lassen. Ein Verstoß gegen diese Anordnung bedeutete den Ausschluss aus der Reichsmusikkammer und gleichzeitig das Verbot zur weiteren Berufsausübung.55 Aufgrund seiner internationalen Anerkennung wurde Wilhelm Furtwängler 1933 von den Nationalsozialisten zum Leiter der Berliner Staatsoper und zum Vizepräsidenten der Reichsmusikkammer erklärt. Er verstand sich zwar selbst als apolitischer Künstler, dennoch wurde auch seine Person als kulturelles Aushängeschild für das Regime genutzt. Als er schließlich am 11. April 1933 in einem offenen Brief an Goebbels die Diskriminierung jüdischer Musiker kritisierte, indem er angab, nur einen „Trennungsstrich“ erkennen zu können, nämlich jenen zwischen guter und schlechter Kunst, begann sein Machtverlust, bis er schließlich 1934 zum Rücktritt gezwungen wurde.56 53 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 258. 54 Vgl. DHM: Die Reichskulturkammer. In: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/kunst-und-kultur/reichskulturkammer.html. (14.01.2019). 55 Vgl. Wulf, Joseph: Musik im Dritten Reich: Eine Dokumentation. Sigbert Mohn Verlag. Gütersloh. 1963. S. 129. 56 Vgl. Falanga, Gianluca: Berlin 1937. Die Ruhe vor dem Sturm. Berlin Story Verlag. Berlin. 2007. S. 113–115. 23 Goebbels schrieb in seinem Tagebuch am 04. März 1944, dass Hitler für Furtwängler besonderen Respekt und große Bewunderung zum Ausdruck brachte, so soll Hitler Goebbels angeordnet haben, für Furtwängler einen Bunker zu bauen, damit dieser mit Sicherheit keinem Bombenangriff zum Opfer fällt.57 Strauss konnte während dieser Zeit großes Engagement beweisen und sein kulturelles Interesse unter Beweis stellen. Sein Verhalten fiel von Zeit zu Zeit unter seinen Kollegen in der Reichsmusikkammer negativ auf, allerdings wurde dieses wohl angesichts seiner Bekanntheit und seines internationalen Ansehens als Musiker toleriert. Er galt als größter lebender deutscher Komponist und sein Tun als Dirigent im In- sowie im Ausland war hoch angesehen; daher wurden ihm öfters viele Sondergenehmigungen zugesprochen. Den Wendepunkt in seiner Karriere brachten wohl folgende zwei Punkte: Im Jahr 1935 schrieb der Geschäftsführer der Reichsmusikkammer Heinz Ihlert einen Beschwerdebrief an Hans Hinkel, einem deutschen Journalisten und SS-Gruppenführer58, in dem er sich unter anderem darüber beschwerte, dass Richard Strauss sich mit der nationalsozialistischen Musik nicht auskenne.59 Zudem schnappte die Gestapo am 17. Juni 1935 einen Brief von Richard Strauss auf, der an Stefan Zweig, seinem Librettisten gerichtet war. Seit 1932 arbeitete Strauss mit dem österreichischen jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig zusammen, unter anderem für seine Oper „Die schweigsame Frau“. Zweig empfand schließlich seine Situation und das Arbeitsverhältnis zu Strauss als unangenehm und versuchte sich von ihm zu distanzieren.60 Strauss bekundete sich folglich in seinem Antwortschreiben als unpolitisch und gab an, den Präsidenten der Reichsmusikkammer nur zu „mimen“, also vorzutäuschen und seine Aufgabe in der Reichsmusikkammer als „ärgerliches Ehrenamt“ anzusehen.61 57 Vgl. Fröhlich, Elke: Hitler und Goebbels im Krisenjahr 1944. Aus den Tagebüchern des Reichspropagandaministers. In: Bracher, Karl-Dietrich (Hg.): Instituts für Zeitgeschichte München. In: http://ifz-muenchen.de/heftarchiv/1990_2.pdf (14.01.2019). 58 Vgl. Diehl, Katrin: Die jüdische Presse im Dritten Reich: Zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung. Niemeyer. Tübingen. 1997. S. 109–111. 59 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 258. 60 Vgl. Kater, Michael H.: Die mißbrauchte Muse. Musiker im Dritten Reich. Europa Verlag. München. 1998. S. 42–43. 61 Vgl. Werbeck, Walter: Strauss und der Nationalsozialismus. 24 Ein Ausschnitt vom Brief von Richard Strauss an Stefan Zweig; 17.06.1935 „Lieber Herr Zweig! Ihr Brief vom 15. bringt mich zur Verzweiflung! Dieser jüdische Eigensinn! Da soll man nicht Antisemit werden! Dieser Rassestolz [sic], dieses Solidaritätsgefühl – da fühle sogar ich einen Unterschied! Glauben Sie, daß ich jemals aus dem Gedanken, daß ich Germane (vielleicht, qui le sait) bin, bei irgend einer Handlung mich habe leiten lasse? Glauben Sie, daß Mozart bewußt arisch komponiert hat? Für mich gibt es nur zwei Kategorien Menschen; solche die Talent haben und solche die keins haben, und für mich existiert das Volk erst in dem Moment, wo es Publikum wird. Ob dasselbe aus Chinesen, Oberbayern, Neuseeländern oder Berlinern besteht, ist mir ganz gleichgültig, wenn die Leute nur den gleichen Kassenpreis bezahlt haben. (…) Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich politisch so weit vorgetreten bin? (…) Daß ich den Präsidenten der Reichsmusikkammer mime? Um Gutes zu tun und größeres Unglück zu verhüten. Einfach aus künstlerischem Pflichtbewußtsein. Unter jeder Regierung hätte ich dieses ärgerliche Ehrenamt angenommen (…)“.62 Einige Tage später, am 22. Juni 1935, schrieb Strauss an Stefan Zweig erneut einen Brief, in dem er Zweig darüber informierte, dass Goebbels für anstehende Aufführungen einen „Reichszuschuß“ gewährt und mit folgendem Ausdruck seinen Absatz beendet: „Sie sehen das böse III. Reich hat auch seine guten Seiten.“63 Richard Strauss wurde schließlich am 06. Juli 1935 zum Rücktritt gezwungen, indem er den Befehl bekam, Goebbels um seine Ablösung zu bitten; eine sensationelle Kündigung galt vermieden zu werden.64 Strauss war bemüht, sich aus dieser Situation herauszuhelfen; so schrieb er schließlich einen persönlichen Brief an Hitler: In:http://www.richardstrauss.at/strauss-und-der-nationalsozialismus.html. (14.01.2019). 62 Görner, Rüdiger: Richard Strauss. Ausgewählte Briefe. Insel-Verlag, Frankfurt am Main. 1999. S. 79–80. 63 Ebd. 64 Vgl. ebd. 25 „Mein Führer! Mein ganzes Leben gehört der deutschen Musik und unermüdlichen Bemühungen um Hebung der deutschen Kultur – als Politiker habe ich mich niemals betätigt oder auch nur geäußert (…) Im Vertrauen auf Ihren hohen Gerechtigkeitssinn bitte ich Sie, mein Führer, ergebenst, mich zu einer persönlichen Aussprache empfangen zu wollen und mir dadurch die Gelegenheit zu geben, zum Abschied von meiner Tätigkeit in der Reichsmusikkammer meine Rechtfertigung Ihnen persönlich vortragen zu dürfen.“65 Eine Antwort bekam Strauss nie. Die Einschüchterungen seitens des Regimes waren jedenfalls enorm: Demütigungen, Bedrohungen und Sanktionen gegen die Familie wurden angeordnet. Als „internationaler Reklamefaktor“66 wurde Strauss dennoch von den Nationalsozialisten instrumentalisiert. Ob die Bedrohungen gegen seine Familie oder seine Angst um seine Karriere als Musiker der Grund waren, weshalb Strauss nicht ins Exil ausgewandert ist, kann nur spekuliert werden. Folglich machten die Zeitungen am 13. Juli 1935 bekannt, dass Richard Strauss „aus Alters- und Gesundheitsgründen“ das Amt niederlegt und Goebbels Peter Raabe zum neuen Präsidenten der Reichsmusikkammer berufen hat.67 Als dann Strauss und Furtwängler von ihren Ämtern zurückgetreten waren, wurden ihre Stellen mit Musikern besetzt, die den Eindruck machten, nicht so verfänglich und problematisch zu sein. Vorsitzender wurde der Dirigent Peter Raabe und sein Stellvertreter der Komponist Paul Graener. Peter Raabe trat sein Amt am 19. Juli 1935 an. Der zum Zeitpunkt 62-jährige Musikwissenschaftler war bereits im Ruhestand; hatte sich aber im Laufe seiner Karriere als Dirigent, vor allem aber als Kulturpolitiker und Redner einen guten Ruf erarbeitet. Seine Parteimitgliedschaft beantragte Peter Raabe erst im Jahre 1937.68 Nachdem Goebbels Ende 1936 eine eigene Abteilung für Musik in seinem Ministerium anlegte, verlor auch Peter Raabe schrittweise an Macht. 65 Curt, Riess: Furtwängler: Musik und Politik. Scherz. Bern. 1953. S. 191–192. 66 Fischerauer, Lena: Richard Strauss Wirken im Nationalsozialismus. In: contrapunktonline.net/richard-strauss-wirken-im-nationalsozialismus. (14.01.2019). 67 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 258. 68 Vgl. ebd. S. 260. 26 In der sogenannten Tonkünstlerversammlung zu Weimar wurde der „Allgemeine Deutsche Musikverein“ im August 1861 gegründet. Seit dieser Zeit war die Aufgabe des Vereins, Musiker zu unterstützen und ihre Tonwerke aufzuführen.69 Nachdem der Allgemeine Deutsche Musikverein, in dem Raabe als Vorsitzender tätig war, 1937 aufgelöst wurde, dienten die Reichsmusiktage ab 1938 als Ersatz.70 Auf der Musiktagung im Mai 1939 in Düsseldorf betonte Goebbels: „Die Musik ist etwas ganz Einmaliges (...) Ohne Deutschland, ohne seine großen Musiker (…) wäre eine Weltmusik überhaupt nicht denkbar“.71 Die wesentliche Steuerung des deutschen Musiklebens reichte Goebbels bereits 1936 der neuen Musikabteilung seines Ministeriums weiter. Doch erst seit Beginn 1938 war schließlich eindeutig, dass die Musikabteilung im Ministerium mehr Macht über die Führung des Musiklebens verfügt als die Reichsmusikkammer. Diese erfüllte seitdem eher organisatorische Aufgaben. Die Konkurrenz zwischen beiden Instanzen stieg stetig.72 Neben der Reichsmusikprüfstelle, die eine Liste mit unerwünschten Kompositionen führte, wurde die Auslandsstelle für Musik errichtet. Verantwortlich für diese Stelle war Heinz Drewes; dieser war ein Dirigent, Musikwissenschaftler und einer der einflussreichsten NS-Funktionäre.73 Im Gegensatz zu den Musikfunktionsträgern Strauss, Raabe, Furtwängler oder Graener, beugte sich Drewes vor den Anweisungen des Propagandaapparats des NS-Staates folgsam und widerspruchslos.74 Während sich mit der Zeit zwischen Peter Raabe und der NS-Führung eine Zwietracht aufstellte, (Raabe blieb zum Beispiel 1938 den Eröffnungsfeierlichkeiten der „Reichsmusiktage“ demonstrativ fern und unterbreitete einen Rücktrittsversuch, der zurückgewiesen wurde) legte Graener sein Amt 1941 nieder.75 69 Vgl. Seidl, Arthur: Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen des Allgemeinen Deutschen Musikvereins. Allgemeiner Deutscher Musikverein. Berlin. 1911. S. 15–21. 70 Vgl. Reichel, Peter: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Carl Hanser Verlag. München. 1991. S. 343–345. 71 Ebd. 72 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 311. 73 Vgl. Riethmüller, Albrecht (Hg): Die Reichsmusikkammer. Kunst im Bann der Nazi- Diktatur. Böhlau-Verlag. Köln. 2015. S. 101. 74 Vgl. ebd. S. 101–102. 75 Vgl. Volksliederarchiv. Graener. In: https://www.volksliederarchiv.de/lexikon/graener/ (14.01.2019). 27 Die Auslandsstelle für Musik war ab 1937 für Musiker im Ausland und ausländische Musiker im Inland zuständig. Vor allem während des Krieges war sie für Musik von besonderer Bedeutung. Diese sollte die Musikpropaganda in den neutralen Zonen im Ausland vergrößern.76 Die Konkurrenz zwischen Peter Raabe und Heinz Drewes schien enorm zu sein; dies ist beispielsweise aus Drewes Ministervorlage zu entnehmen. In dieser warf Drewes Peter Raabe vor, in fast allen Aufgabenbereichen der Reichsmusikkammer gescheitert zu haben und bezeichnete Raabes Haltung gar als „Schädigung des nationalsozialistischen Staates“77. Nach dem „Anschluss" Österreichs wurden am 11. Juni 1938 mittels Verordnung des Reichspropagandaministeriums alle Musiker auch in Österreich zur Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer gezwungen, auch wenn das Interesse an Österreich eine eher strategische und wirtschaftliche Natur hatte.78 Die Künstler hatten bis zum 30. September des gleichen Jahres Zeit, eine „Arier-Beglaubigung“ nachzuweisen. Die Ortsorganisation der Reichsmusikkammer in Wien (in der Währinger Straße 6–8) beschränkte sich auf die organisatorischen Aufgaben wie beispielsweise die Abwicklung der Mitgliedschaften.79 Goebbels Vision, die aus seinem Tagebucheintrag vom 21. September 1937 zu entnehmen ist, schildert folgende Befürchtung: „Mein Ministerium in Brand geschossen. Der ganze Wilhelmplatz vernichtet. (…) Hoffentlich wird es niemals ernst. Wir müssen stark sein, daß diese Millionenstadt immer gesichert ist.“80 Diese Befürchtung wurde schließlich im März 1945 bittere Wirklichkeit. Nach dem Tod Hitlers übernahm Goebbels den Posten des Reichkanzlers, konnte aber mit Stalin keinen Waffenstillstand aushandeln, sodass er am 01. Mai 1945 mit seiner Frau im Berliner Führerbunker Selbstmord 76 Vgl. Okrassa, Nina: Peter Raabe: Dirigent, Musikschriftsteller und Präsident der Reichsmusikkammer (1872–1945). Böhlau-Verlag. Köln. 2004. S. 316–317. 77 Vgl. ebd. S. 318. 78 Vgl. Bauer, Kurt: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge und Fall. Böhlau Verlag. Wien. 2008. S. 313. 79 Vgl. Glanz, Christian: „Reichsmusikkammer (RMK) , in: Österreichisches Musiklexikon. In: http://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_R/Reichsmusikkammer.xml (14.01.2019). 80 Riethmüller, Albrecht (Hg): Die Reichsmusikkammer. Kunst im Bann der Nazi-Diktatur.Böhlau-Verlag. Köln. 2015. S. 134–135. 28 beging. 81 Graener zog nach seiner Amtsniederlassung nach Salzburg, seine Wohnung in Berlin und die darin privat aufbewahrten Schriften wurden im Februar 1944 bei Bombenangriffen vollständig zerstört;82 im November desselben Jahres verstarb Graener.83 Raabe hatte sich nach Weimar zurückgezogen, wo er im April 1945 verstarb.84 Furtwängler wurde 1947 nach einem Entnazifizierungsverfahren freigesprochen und schon im Mai desselben Jahres stand er am Pult der Philharmoniker. Als Chefdirigent agierte er wieder ab 1952;85 1954 starb er in Ebersteinburg bei Baden-Baden.86 Drewes überlebte den Krieg, kam schließlich nach Berlin zurück und wurde nach seiner Entnazifizierung im Juni 1946 in Nürnberg sesshaft. Laut dem britischen Geheimdienst hatte Drewes ab 1952 Kontakt zum Chefredakteur des Wochenblattes „Die Deutsche Zukunft“; im Juni 1980 verstarb er in Nürnberg.87 81 Vgl. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag. Frankfurt am Main. 2005. S. 188. 82 Vgl. Knut, Andras: Zwischen Musik und Politik. Der Komponist Paul Graener (1872–1944). Frank & Timme Verlag. Berlin. 2008. S. 298–299. 83 Vgl. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich: wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag. Frankfurt am Main. 2009. S. 194–195. 84 Vgl. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag. Frankfurt am Main. 2005. S. 475–476. 85 Vgl. Berliner-philharmoniker: Musikmagier und Machtmensch. Wilhelm Furtwängler.In:https://www.berliner-philharmoniker.de/geschichte/wilhelm-furtwaengler/#event-erste-elektro-akustische-einspielung. (14.01.2019). 86 Vgl. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag. Frankfurt am Main. 2005. S. 172. 87 Vgl. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich: wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag. Frankfurt am Main. 2009. S. 121.

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Zusammenfassung

Gedichtsammlungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie die „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“ oder Zeitschriften wie der „Reichs-Rundfunk“ beinhalten Sammlungen ausgewählter Soldatenlieder, die Einsicht in die Siegeszuversicht des NS-Regimes sowie dessen Sympathisanten, aber auch in die institutionalisierte Vaterlandsliebe geben. Dieses Buch präsentiert ausgewählte Soldatenlieder aus der „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“, die den Kriegsbeginn 1939/40 skizzieren, und untersucht die Rubrik „Unser Rundfunklied“ aus der Gesamtreihe der Zeitschrift „Reichs-Rundfunk“, die zwischen 1941 und 1944 erschien.

Die Recherche zeigt auf, wie die nationalsozialistische Propaganda mit der Publikation und der Verbreitung von Soldatenliedern im Zweiten Weltkrieg um politischen Einfluss bemüht war. Sie appellierte an die Freude des Singens, die wiederum ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollte. Folglich dokumentiert das Werk die Stilmittel der Lyrik sowie deren Botschaften und zeigt, dass Soldatenlieder Männer und Frauen zum Kriegsdienst motivierten, zur Vernichtung des Feindes aufforderten, mit raffinierter Mehrdeutigkeit bestimmte Botschaften kundtaten, Verlust und Schmerz zum Heldentod umdeuteten, aber auch Wünsche und Sehnsüchte zum Ausdruck brachten.

In der Gesamtschau wird sichtbar, wie die Inhalte der Texte sich im Kriegsverlauf wandelten, und dass zugleich über der Verbreitung der Soldatenlieder immer die Absicht der Verharmlosung des kriegerischen Alltags schwebte.