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1. Einleitung in:

Dimitrios Dolaplis

Musik als Propagandainstrument im Nationalsozialismus, page 11 - 14

Politische und soziale Funktionen von Soldatenliedern im NS-Regime

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4323-3, ISBN online: 978-3-8288-7264-6, https://doi.org/10.5771/9783828872646-11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 1._Einleitung Klänge im Allgemeinen und speziell die Musik werden von Menschen oft vorsätzlich als Ausdrucksmittel eingesetzt. Musik ist ein Merkmal von Aktivität und Energie, aber auch von Beruhigung, die Macht und Stärke wie auch Besonnenheit ausdrückt. Ganz gleich wie Töne eingesetzt werden, spiegeln sie oftmals die Lebensformen unserer Gesellschaft wieder. Bereits in den ersten Momenten unseres Lebens spielt Musik für uns Menschen eine wichtige Rolle: In der Mutter-Kind-Beziehung beziehen die Wiegenlieder, deren Rhythmus und der Klang der (mütterlichen) Stimme auf der ganzen Welt eine besondere Stellung. Sie vermitteln Körperlichkeit, Intimität und Geborgenheit. Mit den weiteren Entwicklungsphasen spielt der Rhythmus eine immer beherrschende und auch führende Rolle. Der Rhythmus treibt an, koordiniert Bewegungen und leitet zu einem gemeinschaftlichen Verhalten wie beispielweise Sport, Tanz oder Demonstrationen an.1 Wie bedeutend Musik und Rhythmus für Gesellschaften sind, zeigt ebenso die Tatsache, dass der Tanz in allen Kulturen und Traditionen eingesetzt wird. Diese Art von Bewegung setzt bei uns Menschen bestimmte Hormone in Gang, führt zu einer festeren Gedächtnisbildung und fördert das Erinnerungsvermögen an das Gruppenerlebnis.2 Bei Marschliedern wirken erhebliche Lautstärke, schnelles Tempo und eine regelmäßige Formation des klanglichen Ablaufes mit starken Akzenten aktivierend. 3 Solch eine Dominanz im Rhythmus, begleitet durch eine geräuschvolle Lautstärke, wirkt auf das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem ein, das die Intensität der Wachheit regelt. 4 Durch eine immer wiederkehrende Sequenz dynamischer Akzente werden muskuläre Spannungs- und Entspannungsverläufe synchronisiert. 1 Vgl. Hesse, Horst-Peter: Musik und Emotion: Wissenschaftliche Grundlagen des Musik Erlebens. Springer. Wien. 2003. S. 154–60. 2 Vgl. Altenmüller, Eckart: Warum bewegt uns Musik? Über die emotionale Wirkung und ihren evolutionären Ursprung. In: http://publicationslist.org/data/eckart.altenmueller/ref-165/Altenmueller_Forschung%20und%20Lehre.pdf (14.01.2019). 3 Vgl. Hesse, Horst-Peter: Musik und Emotion: Wissenschaftliche Grundlagen des Musik-Erlebens. Springer. Wien. 2003. S. 154–60. 4 Das aszendierende Retikulärsystem (ARAS) ist für das Bewusstsein im Gehirn im Sinne von Wachheit und Aufmerksamkeit verantwortlich. 12 Solche simultane Prozesse entstehen vorrangig durch die Betonung der metrischen Schwerpunkte in Liedern.5 Die Lieder, die in dieser Abhandlung präsentiert werden, können nicht nur als Klang, sondern auch als Träger von Bedeutung verstanden werden.6 Im Krieg können Klang und Musik als politische Waffen missbraucht werden. Musik wird als Propaganda genutzt und macht die Körper zu Apparaten, die in gleichen Schritten stolzieren sollen. Außer der Marschmusik, die in beiden Weltkriegen eine maßgebliche Rolle übernahm, prägte im Zweiten Weltkrieg auch die Musik im Radio und von der Schallplatte Millionen von Menschen.7 Musik diente hierbei unter anderem als Kommunikationsmittel, nationale Waffe und schließlich auch als Form des Widerstands. Die erste und wichtigste überregionale Funkzeitschrift mit einer Programmübersicht während der Zeit der Weimarer Republik sowie der nationalsozialistischen Herrschaft war "Der Deutsche Rundfunk" und erschien erstmals am 14. Oktober 1923.8 Diese wurde am 05. Mai 1941 kriegsbedingt eingestellt.9 Für die Zeit bis 1941 sind Rundfunk (Programm-) Zeitschriften wie "Der Deutsche Rundfunk", aber auch die "Bayerische Radio-Zeitung" die einzigen Quellen, die einen Einblick in das damalige Programmgeschehen gewähren.10 Die Bibliothek der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft wurde im Zweiten Weltkrieg vernichtet, daher sind viele Rundfunkzeitschriften zunichte gemacht worden, erhaltene Zeitschriften und Zeitungen sind aus dieser Zeit auch heute nur schwer zugänglich.11 Seit 1939 lieferte "Der Deutsche Rundfunk" auch nur noch einen groben Überblick über das Programm. Einzelne politische Lieder sind nicht ausgewiesen, allerdings war dies auch vor dem Jahre 1939 nicht der Fall. 5 Vgl. Hesse, Horst-Peter: Musik und Emotion: Wissenschaftliche Grundlagen des Musik-Erlebens. Springer. Wien. 2003. S. 154–60. 6 Ebd. S. 159. 7 Vgl. Echternkamp, Jörg: Geschichte ohne Grenzen?: Europäische Dimensionen der Militärgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. De Gruyter Verlag. Berlin. 2017. S. 19. 8 Vgl. Hömberg, Walter (Hg.): Rundfunk-Kultur und Kultur-Rundfunk. Lit Verlag. Münster. 2000. S. 6. 9 Vgl. Deutsches Rundfunkarchiv: Übersicht der wichtigsten, im DRA verfügbaren Rundfunk (programm) zeitschriften der Jahre 1923–1945. In:http://www.dra.de/nutzung/findmittel/pdf/B%20Bibliothek/B02%20-%20Programmzeitschriften_1923–1945.pdf (14.01.2019). 10 .Vgl. Deutsches Rundfunkarchiv: Printmedien. In: http://www.dra.de/bestaende/brd/printmedien.html (14.01.2019). 11 Ebd. 13 "Der Deutsche Rundfunk" wurde von der Zeitschrift "Reichs-Rundfunk" abgelöst. Diese Fachzeitschrift erschien vom 30. März 1941 bis zum 17. Oktober 1944 zweiwöchentlich beziehungsweise monatlich und hatte überhaupt keinen Programmteil mehr.12 Im Magazin wurden lediglich nur einzelne "Programm-Highlights" vorgestellt. Im Jahr 1945 erschien der "Reichs-Rundfunk" nicht mehr, da der Druck 1944 eingestellt wurde.13 Konkrete Informationen über die Ausstrahlung politischer Lieder sind in den Programmzeitschriften nicht enthalten. Auch detaillierte Sendeprotokolle mit den einzelnen Musikstücken und sämtlichen Wortbeiträgen sind nicht überliefert. Um die Verwendung von politischen Liedern im Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkrieges zu untersuchen, erweist sich die Zeitschrift "Reichs- Rundfunk" dennoch als lehrreich. Interessant ist, dass jeweils am Ende des Heftes unter der Rubrik "Unser Rundfunklied" ein Werk im Notentext vorgestellt wird. Die Recherche zeigt: Wichtige Dokumente wie detaillierte Programmhefte des „Großdeutschen Rundfunks“ fehlen fast gänzlich. Auch im deutschsprachigen Ausland sieht die Lage nicht besser aus. Materialien aus der Zeit des Nationalsozialismus bezüglich Programmhefte des Rundfunks lassen sich nicht einfach ausfindig machen. Geordnete Dokumentationen oder Studien über die Verwendung von politischen- beziehungsweise von Soldatenliedern im Zweiten Weltkrieg gibt es kaum. Während solche Werke, die im Ersten Weltkrieg präsent waren, wissenschaftlich dokumentiert und teilweise analysiert wurden, findet man selten weiterführende Studien und geordnete Dokumentationen über die Verwendung solcher Lieder im Zweiten Weltkrieg. Das Erkenntnisinteresse dieser Abhandlung zielt daher auf eine möglichst objektive Beleuchtung der Inhalte von Soldatenliedern während der Zeit 1939 bis 1945 im sogenannten „Dritten Reich“ ab. Damit werden auch die zeitlichen wie räumlichen Grenzen gezogen. Konkret gilt es folgende Forschungsfragen zu beantworten: FF1: Welchen thematischen Schwerpunkt weisen die Soldatenlieder in den ausgewählten medialen Überlieferungen auf? FF2: Inwieweit hängen inhaltliche Veränderungen mit den (kriegs-)historischen Ereignissen zusammen? 12 Vgl. Deutsches Rundfunkarchiv: Übersicht der wichtigsten, im DRA verfügbaren Rundfunk(programm)zeitschriften der Jahre 1923–1945. In: http://www.dra.de/nutzung/findmittel/pdf/B%20Bibliothek/B02%20-%20Programmzeitschriften_1923– 1945.pdf (14.01.2019). 13 Ebd. 14 Das vorliegende Werk basiert primär auf dem Bestand der Zeitschrift "Reichs-Rundfunk" und der darin gedruckten Soldatenlieder, die unter der Rubrik "Unser Rundfunklied" zu finden sind. Die Zeitung beinhaltet Bilder, die im zeichnerischen Stil den Fortschritt der deutschen Technik zu erklären versuchen und schließlich auch Rundfunknachrichten präsentieren, bevor auf der letzten Seite jeweils ein Soldatenlied vorgestellt wird. Betitelt sind diese Seiten stets mit der Überschrift “Unser Rundfunklied“; Urheber der Musik und Worte werden meist genannt. Da die Zeitschrift "Reichs-Rundfunk" allerdings nur den Zeitraum 1941 bis 1944 abdecken kann, wird die Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks, die 1940 veröffentlicht wurde, herangezogen, um die Jahre 1939 bis 1940 ebenfalls betrachten zu können. Im ersten Teil dieser Arbeit wird auf die Rolle der Musik als Propagandamittel eingegangen und die Wichtigkeit des Radios im Nationalsozialismus erläutert. Die darauffolgenden Seiten umreißen schlussendlich eine übersichtliche Darstellung des Kriegsverlaufes und die Präsentation der Soldatenlieder.

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Zusammenfassung

Gedichtsammlungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie die „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“ oder Zeitschriften wie der „Reichs-Rundfunk“ beinhalten Sammlungen ausgewählter Soldatenlieder, die Einsicht in die Siegeszuversicht des NS-Regimes sowie dessen Sympathisanten, aber auch in die institutionalisierte Vaterlandsliebe geben. Dieses Buch präsentiert ausgewählte Soldatenlieder aus der „Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks“, die den Kriegsbeginn 1939/40 skizzieren, und untersucht die Rubrik „Unser Rundfunklied“ aus der Gesamtreihe der Zeitschrift „Reichs-Rundfunk“, die zwischen 1941 und 1944 erschien.

Die Recherche zeigt auf, wie die nationalsozialistische Propaganda mit der Publikation und der Verbreitung von Soldatenliedern im Zweiten Weltkrieg um politischen Einfluss bemüht war. Sie appellierte an die Freude des Singens, die wiederum ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollte. Folglich dokumentiert das Werk die Stilmittel der Lyrik sowie deren Botschaften und zeigt, dass Soldatenlieder Männer und Frauen zum Kriegsdienst motivierten, zur Vernichtung des Feindes aufforderten, mit raffinierter Mehrdeutigkeit bestimmte Botschaften kundtaten, Verlust und Schmerz zum Heldentod umdeuteten, aber auch Wünsche und Sehnsüchte zum Ausdruck brachten.

In der Gesamtschau wird sichtbar, wie die Inhalte der Texte sich im Kriegsverlauf wandelten, und dass zugleich über der Verbreitung der Soldatenlieder immer die Absicht der Verharmlosung des kriegerischen Alltags schwebte.