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Türkisch-Katarische Beziehungen im geostrategischen Kontext in:

Mustafa Yildiz, Mustafa Özalp (Ed.)

Die Türkei im Dschungel der internationalen Beziehungen, page 54 - 83

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4317-2, ISBN online: 978-3-8288-7256-1, https://doi.org/10.5771/9783828872561-54

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 84

Tectum, Baden-Baden
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54 Türkisch-Katarische Beziehungen im geostrategischen Kontext3 Einleitung: Ein historischer Rückblick Die Arabische Halbinsel Die eurozentrisch geprägte Bezeichnung Mittlerer oder Naher Osten (Middle East, Near East) umfasst die Region der Länder vom Bosporus bis nach Indien (Davison, 1960:665). Im Laufe der Jahrhunderte hatten verschiedene Reiche und Länder die Kontrolle über die Region inne. Ab dem 16. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg kontrollierten die Osmanen den Nahen Osten. Das Osmanische Reich regierte die Region südlich der heutigen Türkei mit den heutigen Ländern Syrien, Irak, Kuwait, Libanon, Israel, Jordanien, Palästina, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), Jemen und dem Oman durchgehend fast 400 Jahre lang bis zum Ersten Weltkrieg. Auch wenn offiziell der Anfang des Ersten Weltkriegs als das Ende des Osmanischen Reiches bezeichnet wird, können wir davon ausgehen, dass der Einbruch des Reiches viel früher eingesetzt hatte. Die Arabische Halbinsel wurde von Yavuz Sultan Selim (Selim I.) im 16. Jahrhundert für das Osmanische Reich unter Kontrolle gebracht. Die totale Kontrolle über die Halbinsel sollte aber erst zu Zeiten seines Sohnes Kanûni Sultan Süleyman (Suleyman der Prächtige) errungen werden. Die mächtigen Stämme der heutigen Region Bahrain und Kuwait verkündeten dem in Istanbul sitzenden Sultan bzw. Kalifen ihre Treue durch Abgesandte (Kurşun, 2004:21). Ungefähr zur gleichen Zeit weckte aber das Gebiet die Interessen von europäischen Mächten. Portugiesen waren die Ersten, die versuchten, sich in dieser Region niederzulassen. Sie waren Anfang des 16. Jahrhunderts in der Region angekommen und unternahmen den Versuch, sich bis hin zur Stadt Basra am Auslauf von Euphrat und Tigris niederzulassen. Das Eindringen der Portugiesen in der Region führte dazu, dass die Osmanen erneut aktiv wurden und danach strebten, ebenfalls ihre Vorherrschaft in Basra und Umgebung auszuweiten. ______ 3 Assist. Prof. Dr. Mehmet Soytürk 55 Die Portugiesen und ihr Ein- und Vordringen am Persischen Golf war für die islamische Welt – und somit natürlich auch für das Osmanische Reich – eine Bedrohung, denn die Handelswege gingen aus Anatolien kommend über Basra am Persischen Golf weiter nach Persien. Eine andere Route (die sog. Gewürzstraße), die über Basra kam und danach über Bagdad nach Aleppo führte, war ebenfalls eine wichtige Route, die unter Kontrolle gebracht werden musste. Aus diesem Grund war es nicht nur speziell für die Portugiesen, sondern auch für die Staaten der Region ein besonderes Anliegen, die Kontrolle über die eigenen Handelsrouten nicht aus den Händen zu geben. Nach der Schlacht von Reydaniye (Inalcık, 2016:142-143) mit den Mameluken vor den Toren Kairos im Jahr 1517 gewannen die Osmanen die Vorherrschaft in der islamischen Welt. Bis dahin hatten die Mameluken den Kalifen gestellt, nach ihrer Niederlage wurde das Kalifat nach Istanbul getragen und der osmanische Sultan war somit gleichzeitig auch der Kalif aller Muslime. Damit war es dem Sultan in Istanbul durch den Titel des Kalifen leichter geworden, das Osmanische Reich in der islamischen Welt als führender Staat zu etablieren: „Mit dem Übergang des Kalifats an die osmanischen Sultane hat sich das Hoheitsgebiet des Reiches bis an die Küsten Basra’s und den Golf von Aden ausgedehnt. Die unter der portugiesischen Unterdrückung leidenden Scheichs, Emire und Sultane ordneten sich wohlwollend den neuen muslimischen Herrschern unter.“ (Kurşun, 2004:22). Aus den Belegen des Türkischen Staatsarchivs kann erkannt werden, dass die Herrschaft über die gesamte Region im 16. Jahrhundert an das Osmanische Reich übergegangen war. Einer der wesentlichen Gründe für die leichte und widerstandslose Akzeptanz des neuen Herrschers seitens der Bevölkerung sowie der lokalen Herrscher der Region war natürlich der Titel des Kalifen, den sie nun quasi „mitbesaßen“. Zu dieser Zeit funktionierte die Religion wie ein Wunderbindemittel unter den Völkern der islamischen Welt. Die osmanische Oberherrschaft über die Region sollte weiter bis ins 19. Jahrhundert reichen. Ab der zweiten Hälfte des 56 19. Jahrhunderts wurde die aufstrebende Weltmacht Großbritannien am Persischen Golf sehr aktiv und gewann in der Region im Laufe der Jahre zunehmend an Einfluss. Schlussendlich sollte Grossbritannien mit dem Ende des Ersten Weltkrieges den ganzen Nahen Osten je nach Belieben und Interesse formen. Katar wird zum ersten Mal in einem osmanischen Beleg aus dem Jahr 1555 erwähnt. Die ersten Verwaltungseinheiten der Region um das heutige Katar, die Gegenden Ahsa und Katif, wurden ebenfalls um das Jahr 1555 aufgebaut (Kurşun, 2004:22). Aus diesen Belegen abgeleitet ist zu verstehen, dass Katar eine eigene Verwaltungseinheit war und nicht in die davor existierenden Verwaltungseinheiten wie Bahrain eingebunden war. Nachdem die Region um Katar in der Mitte des 16. Jahrhunderts unter die Verwaltung und Oberherrschaft des Osmanischen Reichs kam, sind bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts keine großen Veränderungen zu beobachten. Der aufkommende Kapitalismus durch die Industrialisierung in Europa trieb vor allem die damaligen Industriestaaten wie Frankreich und England dazu, sich neue Quellen für die notwendigen Rohstoffe sowie neue Absatzmärkte für ihre Fertigprodukte zu schaffen. Der Öl-Boom wurde im Jahr 1859 durch die erfolgreiche Bohrung von Colonel Drake in Titusville, Pennsylvania, ausgelöst. Durch die Gründung einer Raffinerie von John D. Rockefeller und seiner Raffinierungsmethode gewann das Erdöl für die Industrie an Bedeutung (Schmitz, 1919:3). Ab diesem Zeitpunkt konnte der Vormarsch des Erdöls für die Industriestaaten nicht mehr gestoppt werden und dessen Bedeutung wurde immer weitreichender. Als die Russen 1806 die Stadt Baku eroberten, wurden sie auf das Erdöl aufmerksam. Die Wissenschaftler des Zaren konnten jedoch noch keine Verwendung für die schwarze Masse finden. Die einzige Verwendung dafür war für sie das Schmieren der quietschenden Räder der Kutschen der einheimischen Bevölkerung (Hohensee, 1996:9). Um nun auf unser eigentliches Thema zurück zu kommen: Durch die Entdeckung der Erdölfelder auf der Arabischen Halbinsel steigerte sich die Bedeutung der Region. Zuvor war 57 die Arabische Halbinsel aus zweierlei Sicht für die Menschheit sehr bedeutend. Zum einen entstanden hier die drei abrahamitischen Weltregionen und deren heilige Stätten, zum anderen war die Halbinsel Handelsdrehpunkt zwischen Ost und West. Mit dem Siegeszug der Industrialisierung wurde das englische Königshaus aufmerksam auf die Region. Das Erscheinen der Engländer in der Region ist sicher nicht zufällig, sondern entspricht einer pragmatischen Außenpolitik. Forciert durch die Industrialisierung wurde England in der Region immer präsenter und drängte die Osmanen immer weiter zurück. Für das Osmanische Reich und seinen Sultan wurde es immer schwieriger, sich gegen die Engländer zur Wehr zu setzen. Gekonnt setzten die Engländer die Scheiche der Region wie am Schachbrett gegen die Osmanen ein. Die Taktik der Engländer war sehr simpel: Die Stämme der Halbinsel wurden mit der Begründung, dass sie seitens der Osmanen seit Jahrhunderten kolonisiert würden, provoziert und zugleich wurde ihnen ein eigener Staat versprochen. Die Taktik der Engländer ging auf, die Mehrheit der Stämme glaubte ihnen. Vor allem aber Hussein bin Ali, der Emir von Mekka, glaubte ihnen aufs Wort. Dem einflussreichen Emir von Mekka wurde sogar der Thron von Arabien versprochen. Nun konnten die Engländer den letzten Schritt ihrer „Teile und Herrsche”-Politik einsetzen. Letztendlich bestand zwischen dem Gesagten und den wahren Plänen jedoch ein Unterschied: Den Thron von Arabien besetzte die Familie Al-Saud und der Emir von Mekka musste ins Exil, wo er auch verstarb. Katar Aus den osmanischen Archiven ist offenkundig, dass die jetzige Herrscherfamilie Al Thani das Sagen in dem kleinen Emirat im 19. Jahrhundert übernommen hat. Zuvor waren die Bevölkerungswanderungen auf der Halbinsel dafür entscheidend, dass sich der Stamm Tamin in der Region niederließ. Aus dem Stamm der Tamin ging später die Familie Al Thani hervor. Dies alles passierte im 18. Jahrhundert (Steinbach & Robert, 1987:216). Die Engländer waren im 19. Jahrhundert bestrebt, ihren Einfluss in der Region zu erweitern. Mittlerweile hatten sie die 58 Autorität über Bahrain errungen und versuchten weitere Regionen einzugliedern. Die Osmanen waren über das Vordringen der Engländer nicht besonders erfreut. Mithat Pascha, der Osmanische Gouverneur in Basra, suchte das Vordringen der Briten einzudämmen, indem er die losen Beduinen-Stämme der Region unter der eigenen Autorität zu vereinigen versuchte. Ein weiterer Schritt um die verloren gegegangene Autorität in der Gegend wieder herzustellen war Kuwait verwaltungstechnisch in den Verwaltungskreis von Basra einzugliedern. Über die Wichtigkeit Kuwaits berichtete Mithat Pascha wie folgt in einem Brief an den Sultan in Istanbul: „Die Engländer haben die Autorität über Bahrain errungen und wollen weiter in den Norden vordringen, und dies könnte sogar in einer Belagerung Kuwaits münden. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, die Oberhoheit über Kuwait zu festigen. Aus diesem könnte vielleicht später sogar die Rückeroberung Bahrains gestartet werden.“ (Kurşun, 2004:43). Mithat Pascha war für einen erfolgreichen Abschluss seiner Pläne für die Gegend auf die Familie Al Sabah angewiesen. Aus diesem Grund bat er Scheich Al Sabah Posten des Landrates. Der Scheich von Kuwait war mit dem Angebot einverstanden und bekam nun den Titel Landrat (Präfekt), damit war ein wichtiger Schritt getan. Der nächste Schritt von der Hohen Pforte war, trotz des englischen Gegenwindes die osmanische Flagge an die Verwaltungsgebäude zu hängen. Es ist ersichtlich, dass die Osmanen bis zu diesem Zeitpunkt keinen großen Wert auf die Gebiete um Basra, Kuwait und Katar gelegt hatten. Der Grund für die plötzliche Änderung der Haltung des Sultans mag vielleicht gerade an der Er- öffnung des Suez Kanals gelegen haben. Zu dieser Zeit entstanden an anderen Stellen der Arabischen Halbinsel Probleme mit den ansässigen Stämmen. Die Hohe Pforte in Istanbul hatte Abdullah bin Faysal von der Familie Saud als Präfekt in Necid eingesetzt, dessen Bruder davon jedoch nicht besonders erfreut war. 1871 begann er, einen Aufstand gegen seinen Bruder zu organisieren. Abdullah bat die Hohe Pforte um militärische Hilfe. Sadrazam Ali Pascha billigte dies mit der Absicht, das Problem zwischen den Brü- 59 dern zu lösen. Die militärische Operation wurde auf die Gebiete um Katar, Katıf und Ahsa begrenzt. Anscheinend wollte die Hohe Pforte die direkte militärische Konfrontation mit Großbritannien, das die Autorität in Bahrain an sich gerissen hatte, vermeiden (Özhazar & Elbinsoy, 2017:147). Die militärische Operation der Osmanen war erfolgreich und die Autorität konnte wiederhergestellt werden. Familie Al Thani von Katar, die seit 1868 Steuern an die Engländer zahlte, nutzte die Gelegenheit und bat die Osmanen, bevor die Engländer in Katar militärisch präsent werden, Truppen in Katar zu stationieren. Katar war nun ein Teil der Verwaltungseinheit Necid und somit unter der Kontrolle des Osmanischen Reiches. In den darauffolgenden Jahren kam es zwischen der Familie Thani in Katar und dem Präfekten in Basra zu einigen Problemen. Casim bin Thani war eher für eine eigenständige Verwaltungseinheit Katar als dem Präfekten von Basra zu unterstehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts (1893) kam es sogar zu einer militärischen Konfrontation zwischen Casim bin Thani und dem Präfekten Hafız Mehmed Pascha in Basra. Das kleine Heer von Casim bin Thani wurde besiegt. Anstatt bestraft zu werden, wurde Casim bin Thani von Sultan Abdülhamit jedoch begnadigt unter der Bedingung, nie wieder die Autorität in Frage zu stellen (Özhazar & Elbinsoy, 2017:147). Das osmanische Reich versuchte weiterhin in der Region ihre Autorität fortzusetzen aber die Engländer standen ihnen immer mächtiger gegenüber. Das osmanische Reich musste sich ab 1910 damit abfinden, über den Status von Katar verhandeln zu müssen. Schlussendlich mussten sie sich am 29. Juli 1913 (Kurşun, 2004:149) in London damit einverstanden erklären, auf jegliche Interessen an der Halbinsel zu verzichten. Im gleichen Abkommen einigten sich beide Länder auch darüber, dass Katar weiterhin von der Familie Al Thani regiert wird. Dieses Abkommen zwischen den beiden Imperien war der Anfang vom Ende für das Osmanische Reich auf der Arabischen Halbinsel. Den endgültigen Verlust der Region musste das Osmanische Reich mit dem Ersten Weltkrieg hinnehmen. Der Emir von Katar, Scheich Muhammad bin Thani und stellvertretend für die britische Regierung Oberstleutnant Sir 60 Percy Cox unterzeichneten am 3. November 1916 ein Schutzabkommen (Fromherz, 2017:66). Mit diesem Abkommen hatten die Briten in der Region einen großen Sieg errungen. Sie hatten es geschafft, die jeweiligen Stammesführer für ihre Seite zu gewinnen, um sie danach gegen die Osmanen anzustacheln. Das Lockmittel für die arabischen Stammesfürsten der Region war, dass sie ihnen helfen würden, sich von den Osmanen zu befreien, und sie so ihren eigenen unabhängigen Staat bekommen würden. Mit diesem klugen Schachzug haben die Briten nicht nur die Osmanen aus der Region verdrängt, sondern auch Deutschland bei dessen Vordringen und darin gestoppt, in der Region Fuß zu fassen. Deutschland und das Osmanische Reich waren während des Ersten Weltkrieges im gleichen Bündnis und kämpften an der gleichen Front. Die Beziehung zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich begann sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu intensivieren. Die osmanischen Herrscher in Istanbul wollten am zunächst verschlafenen Industrialisierungsprozess in Europa anknüpfen und gleichzeitig wollte das Deutsche Reich seine Absatzmärkte und seine Rohstoffbezugsquellen erweitern. Deshalb fiel es Kaiser Wilhelm II. und Sultan Abdülhamit II. nicht besonders schwer, enge Kontakte zueinander aufzubauen. Deutschland wollte im Nahen Osten Fuß fassen und die Osmanen wollten Technologie und Kapital. Das letzte Wort in der Region hatten jedoch die Engländer zu sprechen. Das Abkommen (Exclusive agreement) von 1916 zwischen Großbritannien und dem Emir von Katar machte de facto das Emirat zu einem Protektorat (Steinbach & Robert, 1987:216): Doha wurde zur Hauptstadt erklärt. Der Scheich des Landes verpflichtete sich, ohne britische Zusage keine selbstständige Außenpolitik zu betreiben bzw. keine Kontakte zu Dritten aufzunehmen. Ein weiterer wichtiger Punkt des Abkommens war, dass der Scheich bzw. die Kataris keine Rohstoff-Konzessionen an Dritte geben dürften. Da an anderen Gebieten am Persischen Golf Erdöl entdeckt wurde, gingen Geologen davon aus, dass auch in Katar Erdöl vorkommen könnte. Mit der Konzessionsregelung bzw. Begrenzung hatten die Engländer für die eigenen Interessen vorgesorgt. 61 Ein political agent der britischen Krone wurde im Land geduldet. Die Anwesenheit britischer Bürger wurde gestattet und ihnen wurde Schutz gewährt. Der Vertrag mit den Briten war für den Scheich zugleich auch eine Art Lebensversicherung, denn die Briten wurden somit auch zur Schutzmacht des Emirats erklärt. Als Vorlage für den Vertrag dienten ähnliche Verträge, die vorher schon mit anderen Emiraten in der Region abgeschlossen worden waren. Das nächste große Ereignis in der Geschichte des Emirats geschah im Jahr 1935. In diesem Jahr unterzeichnete Scheich Abdullah Al Thani mit Großbritannien einen weiteren Vertrag. Demnach waren das Emirat und seine Scheiche, die Al Thanis, gegen jegliche Gefahren aus dem In- und Ausland durch die Briten geschützt. Die Briten erklärten sich bereit, im Sinne des Emirats einzugreifen (Fromherz, 2017:76). Das Ende des Zweiten Weltkrieges war auch das Ende des Kolonialismus. Die internationale Stimmung richtete sich gegen die französischen und britischen Kolonialherren. Deshalb waren, wenn auch ungewollt, die britischen und französischen Kolonialherren bereit, ihren Kolonien die Unabhängigkeit zu gewähren. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg war es für die Briten ein großer Rückschlag, als Indien unter der Führung von Mahatma Gandhi sich für unabhängig erklärte. Dies war für die Bevölkerung in den anderen Kolonien eine große Motivation. Das Stimmungbarometer schlug nun immer heftiger gegen die britischen und französischen Kolonialherren aus. Gegen Ende der 1930er Jahre stieß man auch in Katar auf Erdöl. Die englischen Geologen hatten damit also recht behalten. Die Bedeutung der Arabischen Halbinsel sollte mit diesem neuerlichen Erdölfund nochmals bestätigt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Handel mit Erdöl in der Wirtschaft des Landes die Vorreiterrolle über die klassischen Bereiche wie Perlen- und Fischhandel ein. Politisch vermehrten sich der Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft ab den 1950er Jahren immer mehr. Trotz des Unmuts der einheimischen Bevölkerung zogen sich die Briten erst ab 1971 aus der Region zurück. Das Emirat Katar erklärte am 3. September 1971 seine Unabhängigkeit. Davor hatte Scheich Ahmed bin Ali Al Thani jedoch noch den 62 Plan zurückgewiesen, Teil der Vereinigten Arabischen Emirate zu werden. Dies war ein wichtiger Schritt in die selbstständige Unabhängigkeit des Landes. Turbulente Zeiten für die Regenten im Katar Wie schon oben erwähnt, ist die Familie Al Thani seit 1825 an der Regierungsspitze in Katar. An dieser Tradition hat sich auch nach der Erklärung der Unabhängigkeit nichts geändert: Die Al Thanis stellen weiterhin den Regenten des Landes. Als einer der wichtigsten Regenten des Emirats kann, ohne lange zu überlegen, Scheich Hamad bin Khalife Al Thani (Scheich Hamad) bezeichnet werden. Dieser hat 1995 die Führung des Landes übernommen. Er war es, der das Fundament für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes gelegt hat. Scheich Hamad hatte zuvor seinem Vater Scheich Kalif bin Hamad Al Thani geholfen, den herrschenden Scheich Emir Ahmad bin Ali 1972 zu stürzen und die Macht an sich zu reißen (Coates Ulrichsen, 2014:28). Scheich Hamad, geboren 1952, hatte nach den Pflichtschuljahren in Katar die berühmte Militärakademie Sandhurst in England besucht und im Jahr der Unabhängigkeitserklärung abgeschlossen. Ein Jahr später wurde er Generalstabschef des Landes. Nachdem sein Vater an die Macht gekommen war, nahm er in den darauffolgenden Jahren auch andere Positionen wahr. Sein Vater war es, der auch durch seine Unterstützung mit einem Staatsstreich an die Macht gekommen war und nun selber die Macht durch ein ähnliches Vorgehen verlieren sollte. Als Vater Scheich Kalif bin Hamad Al Thani 1995 zum Urlaub in der Schweiz verweilte, putschte Scheich Hamad und ergriff die Macht für sich. Das Jahr 1995 ist deshalb in der Geschichte des Landes ein weiterer markanter Wendepunkt (Hall, 25.6.2013). Für die Regierungseliten der anderen Emirate am Persischen Golf und auch für Saudi-Arabien war dieser Putsch kein gutes Vorbild. Die Angst, dass das Gleiche eines Tages auch über sie kommen könnte, war groß. Dieses gleiche Verhaltensmuster der undemokratischen Monarchien am Persischen Golf war auch während des Arabischen Frühlings zu beobachten. 63 Nach diesem Putsch startete Scheich Kalif bin Hamad Al Thani erfolglos einen Propaganda-Feldzug gegen seinen Sohn Scheich Hamad. Obwohl er von den Emiren von Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten und auch dem saudischen Königshaus unterstützt wurde, blieb er erfolglos bei seinem Vorhaben. Scheich Hamad beschwerte sich über die Unterstützung der Nachbarländer für seinen Vater. Diese Unterstützung führte dann dazu, dass Scheich Hamad die Linie der Außenpolitik des Landes vehement veränderte. Die Außenpolitik des Landes war bis zu diesem Zeitpunkt identisch zur Außenpolitik des Nachbarstaates Saudi-Arabien. Nun war Scheich Hamad dabei, die Außenpolitik des Landes auf eine pragmatische Linie zu bringen: Im Zentrum standen gute Kontakte mit den Nachbarn und mit den Großmächten. Deshalb ging er auch strategische Allianzen ein, von denen er sich Nutzen für das Land erhoffte. Für seine Absichten nutzte Scheich Hamad Soft power-Instrumente der Außenpolitik (Akkaya, 2015:9) wie Medien, Diplomatie, Sport, Kultur und Tourismus. In einem schnellen und kurzen Überblick über die grobe Linie dieser Außenpolitik kann das Vorgehen des katarischen Emirs als erfolgreich betrachtet werden. Scheich Hamad saß 18 Jahre lang auf dem Thron des Emirats und mit einem unerwarteten Schachzug beendete er seine Regentschaft. Völlig überraschend übergab er den Thron am 25. Juni 2013 an seinen damals 33-jährigen Sohn Scheich Tamim bin Hamad Al Thani (Gieler, 2015:165). Diese Übergabe der Macht an seinen Sohn führte nicht zu einem Wechsel der außenpolitischen Linie des Landes. Die Beobachter der politischen Szene gingen davon aus, dass der junge, unerfahrene Scheich Tamim außenpolitisch eher erfolglos agieren würde. Dies war jedoch nicht der Fall. Entgegen den Erwartungen agierte der als unerfahren geltende Scheich abgeklärt und brachte das Land nicht von dem erfolgreichen Kurs seines Vaters Scheich Hamad ab. Einer der Gründe für den Erfolg des jungen Scheichs Tamim ist darin zu sehen, dass er schon in frühen Jahren in die politischen Prozesse des Landes eingeweiht worden war. Um einige Beispiele zu nennen, war er erfolgreich in die Prozesse der Nationalen Entwicklungsplans, mit dem der wirtschaftliche Aufschwung des Land 64 errungen wurde oder in verschiedene Sportereignisse im Land wie die Formel 1 und die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 involviert. Weiter ist Scheich Tamim genauso wie sein Vater von der Wirkungskraft von Soft power in der internationalen Politik überzeugt. Die Bedeutung von Katar in der internationalen Politik Bisher haben wir uns in die Geschichte des Landes vertieft. Es war unser großes Anliegen, die Bedeutung der Halbinsel im Südwesten des Persischen Golfs darzulegen. Doch wieso kommt Katar nun immer mehr in den internationalen Medien vor und weshalb spielt dieses kleine Land eine so wichtige Rolle auch in der internationalen Politik? Geostrategische Lage und politische Situation In Katar leben ca. 2,6 Millionen Menschen auf 11.628 km2 Landesfläche (Weltalmanach), von denen aber nur ein Bruchteil auch katarische Staatsbürger sind. Die wirtschaftlichen Zahlen des Landes werden sicherlich von vielen Ländern der Welt neidvoll betrachtet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag 2017 bei 167,6 Mrd. US-Dollar. Im gleichen Jahr lag das reale Wirtschaftswachstum bei 1,6 % und das BIP pro Kopf betrug 61.070 US-Dollar. Mit diesem BIP-Einkommen pro Kopf liegt Katar weltweit an erster Stelle. Der Grund für die gute wirtschaftliche Lage ist natürlich in erster Linie im Erdgas und im Erdöl zu finden. Das Land liegt bei der Erdgasförderung mit 175,7 Milliarden Kubikmetern weltweit an fünfter Stelle. Die Erdgasreserven Katars betragen 13,1 % der weltweiten Reserven. Weltweit liegt Katar mit 24,4 Millionen Tonnen Erdölexport an 16. Stelle, die Rohstoffreserven des Landes sind weltweit an oberster Stelle. Kombiniert mit der sehr geringen Bevölkerungszahl entstehen sehr gute wirtschaftliche Zahlen. Die Liste der Exportgüter aus dem Land führt natürlich Erdgas an, danach kommen Erdöl und Erdölprodukte. An weiterer Stelle kommen Kunststoffe sowie Nichteisen(NE)-Metalle und Düngemittel. Zu den Importgütern gehören an erster Stelle Straßenfahrzeuge, Beförderungsmittel, Maschinen sowie elektrische Geräte. Exportiert wird hauptsächlich nach Ja- 65 pan, Südkorea, Indien, China und Singapur, die Importe kommen hauptsächlich aus den USA, China, Deutschland, Vereinigte Arabische Emirate (VAE) und Japan. Das Emirat Katar ist ein sunnitisches arabisches Land, umgeben von einem ebenfalls sunnitischen Saudi-Arabien. Mit Saudi-Arabien hat das Land die einzige Festlandgrenze, die anderen Nachbarn sind der nördlich liegende Inselstaat Bahrain, im Süden befinden sich die Vereinigten Arabischen Emirate und im Osten auf der anderen Seite des Persischen Golfes der Iran. Die Beziehungen zu den westlichen Industriestaaten sind traditionell sehr eng. Die aus seinen wirtschaftlichen Zahlen resultierende Stärke nützt Katar, um sein Soft power-Potenzial immer effizienter einzusetzen. Um später noch genauer auf das Thema einzugehen, kann zusammenfassend behauptet werden, dass der Regent des Landes eine Balance zwischen den Blöcken in der Region zu halten versucht. Als eher kleineres Land der Region ist es zunächst nicht leicht für Katar, eigenständig auf den Beinen zu stehen. Bei näherem Betrachten zeigt sich jedoch, dass die Balancepolitik in den letzten Jahren anscheinend doch ein wenig zu kurz gekommen ist. Die Rolle Katars im Arabischen Frühling und in der Syrien-Krise ist sicher näher zu betrachten. Katars Außenpolitik Wir haben oben schon erwähnt, dass Katar bis zur Machtübernahme von Scheich Hamad 1995 seine Außenpolitik eher an die allgemeine Linie der reichen Ölstaaten wie Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate und Königtum Saudi-Arabien anpasste. Der Putsch im Königshaus von Katar änderte gleichzeitig aber auch die Linie des Landes in der Außenpolitik. Ab diesem Zeitpunkt versuchte das Land eher einen Balanceakt zwischen den Blöcken, was aber sicher nicht zum Vorteil der westlichen Staaten war. Um die außenpolitische Linie von Katar verstehen zu können, werden wir nun die Rolle des Landes während des Arabischen Frühling und der Syrien-Krise näher unter die Lupe nehmen. 66 Katar im „Arabischen Frühling” Der Arabische Frühling hat die Beziehungen unter den arabischen Ländern und die Beziehungen der anderen Länder zu den arabischen Ländern sehr beeinträchtigt. Speziell über Katar kann behauptet werden, dass das Land während der Aufstände in den verschiedenen arabischen Ländern seine Politik des Ausgleichs verlassen und Stellung bezogen hat. Das Gulf Cooperation Council (GCC) (Andersen & Woyke, 1995:271) – aus Ländern, zu denen auch Katar gehört – war mit der Rolle Katars nicht einverstanden und kritisierte dessen Haltung. Die Aufstände in Tunesien, Ägypten und auch in Libyen wurden in den reichen Golfstaaten von Anfang an als eine Bedrohung wahrgenommen. Eine Kernforderung der Aufständischen in den verschiedenen arabischen Ländern war der Übergang von willkürlichen despotischen Diktaturen in eine wahre Demokratie. Falls diese Forderung auch die Öffentlichkeit in den „Scheich”-Staaten des Persischen Golfes erreichen sollte, wäre es eine wahre Herausforderung für die Herrschaftsfamilien gewesen. Damit keine ungewollten Entwicklungen zustandekommen, war es besonders den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem saudischen Königshaus ein wichtiges Anliegen, gegen die Forderungen der Protestierenden in Ägypten, Tunesien und auch Libyen Stellung zu beziehen und antidemokratische Kräfte gegen die Entwicklungen zu unterstützen. Teilweise wurden auch finanzielle Mittel für die Putschisten zur Verfügung gestellt. Erst nachdem der erste frei gewählte Präsident Ägyptens vom Militär durch einen Putsch gestürzt war, waren die Scheichs am Golf erleichtert. Die Gefahr des Regime-Exports in die Monarchien war nun vorbei. Das Führungshaus in Katar hatte sich im Gegensatz zur Führung der VAE und des saudischen Königshauses für die Forderungen der Muslimbrüder in Ägypten und des unzufriedenen Volkes in Tunesien und im Libyen ausgesprochen. Katar hat in dieser Zeit offen Partei für die Muslimbrüder ergriffen und sogar ein Büro in Doha eröffnet. Es ist natürlich nicht au- ßer Acht zu lassen, dass die Unterstützung Katars für die Muslimbrüder nicht neu ist, sondern seit den 1950er Jahren schon der Fall war. 67 Der Grund für die Unterstützung der Muslimbrüder kann mit Gleichgewichtspolitik und auch als ein Mittel, um den eigenen Einfluss in der Region zu steigern, erklärt werden. Natürlich sind auch die politischen Gegebenheiten bzw. die Dynamik relevant. Als die VAE und Saudi-Arabien zusammen mit Bahrain die Muslimbrüder in die Liste der terroristischen Organisationen aufnahmen, stemmte sich Katar innerhalb der GCC dagegen. Die Konsequenzen waren für Katar durch diese Haltung natürlich dementsprechend negativ. Saudi-Arabien war von der Haltung seines östlichen kleinen Nachbarn nicht besonders angetan. Katar war durch das wirtschaftliche Potenzial, angetrieben vom reichen Erdgasvorkommen, nun zu einer beachtlichen Konkurrenz, deren außenpolitische Pläne die eigenen durchquerten, geworden. Als ein eindeutiges Beispiel für die Rivalität beider Länder kann gleich der Beginn der Aufstände gegen den langjährigen Präsidenten Hosni Mubarak in Ägypten herangezogen werden. Denn als die ägyptische Bevölkerung mit der Absicht, Präsident Mubarak zu stürzen, zu protestieren und zu revoltieren begann, stellte sich Saudi-Arabien hinter den ägyptischen Präsidenten Mubarak und Katar unterstützte die protestierenden Massen auf den Straßen. Unterschiedlicher konnten die Haltungen beider Länder nicht sein. Al Jazeera Ein Paragraf hier gebührt natürlich auch dem katarischen Nachrichtensender Al Jazeera (Al Dschasira). Aufgebaut nach dem Vorbild des amerikanischen CNN wurde der katarische Nachrichtensender 1996 mit der Unterstützung des Herrscherhauses von Katar gegründet. Drei Jahre nach dem Start des Sendebetriebs fing Al Jazeera 1999 an, 24 Stunden lang Nachrichten zu senden. Die Linie des Senders war den arabischen Staaten der Region und deren Herrscherhäusern gegen- über ungewohnt kritisch. Ein wichtiger Gründungsgrund war, das Kartell des amerikanischen CNN und der britischen BBC in der Region zu brechen. Bis zu einem gewissen Grade ist diese Absicht auch geglückt. Den eher einseitigen Berichten aus der Region der westlichen Nachrichtensender konnte nun durch Al Jazeera etwas entgegengestellt werden. 68 Weiter kann über die Linie des Senders behauptet werden, dass dieser parallel zur staatlichen außenpolitischen Linie des Landes agierte. Die Berichterstattung aus der Region war im Sinne der katarischen Außenpolitik geprägt. Der Sender wurde als Soft power der Regierung eingesetzt. Katar zeigte mit dem Sender ebenfalls, wie so ein kleiner Staat es schaffen kann, sich international in die Schlagzeilen und in das Rampenlicht zu bringen. Al Jazeera ist im Vergleich zu den anderen Sendern der Region mit seiner kritischen Linie zu den Herrschaftshäusern der reichen Golfstaaten und mit seiner allgemein kritischen Betrachtungsweise der Probleme der Region eine außergewöhnliche Erscheinung in diesem Bereich. Die Nachrichtenkonsumenten der Region waren es gewohnt, dass die Sender wie die offiziellen Berichterstattungen der Regierungen agierten. Al Jazeera brachte mit seiner kritischen und objektiveren Haltung frischen Wind in die Berichterstattung. Außerdem war der Sender nicht wie die westlichen Sender CNN und BBC pro- westlich und einseitig eingestellt. Die Berichterstattung von Al Jazeera über den Krieg in Afghanistan und über den Golfkrieg brachte dem Sender eine große Beliebtheit unter der Bevölkerung der Region und bei den Menschen auf den arabischen Straßen. Denn Al Jazeera dachte wie einer von ihnen und gestaltete das Sendeprogramm nach ihren Erwartungen. Die Wirtschaft von Katar In den vorangegangenen Abschnitten sind wir ein wenig auf die wirtschaftliche Bedeutung des Landes eingegangen. Um sich aber noch genauer über die Wirtschaft und somit auch über die geostrategische Bedeutung des Landes eine fundierte Meinung bilden zu können, sollten wir die Wirtschaft noch genauer unter die Lupe nehmen. Der Internationale Währungsfonds hat im Februar 2017 Katar als das reichste Land der Welt gekürt. Auf dieser Liste wurden die Länder nach ihrem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und der Kaufkraftparität gelistet. Demnach belegt Katar weltweit mit 129.152 Dollar/Einwohner den ersten Platz. Diesen Reichtum verdankt das Land seinen Erdöl- und Erdgasvorkommen. 69 Um den Schwankungen bei Erdöl- und Erdgaspreisen nicht ganz ergeben zu sein, versucht das Land mittlerweile, viel nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu forcieren. Außerdem liegt der Regierung von Katar viel daran, kontrolliertes und ökologisch nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu etablieren. Die wichtigsten Export- und Einkommensquellen der katarischen Wirtschaft sind Erdöl und Erdgas, Dünger und petrochemische Industriegüter. Ein eigenes Kapitel gebührt natürlich Produktion und Export von LNG (liquefield natural gas, verflüssigtes Erdgas). Dabei ist zu erwähnen, dass die Produktion bzw. das Handelsvolumen von LNG stetig steigt. Während 1970 weltweit nur knappe 3 Milliarden Kubikmeter gehandelt wurden, lag das Handelsvolumen 2017 bereits bei 393 Milliarden Kubikmetern. Nach den Daten des aktuell letzten erfassten Jahres 2017 ist Katar mit 103,4 Milliarden Kubikmetern das größte LNGexportierendes Land der Welt. Ungefähr ein Drittel des Handelsvolumens von LNG weltweit wird allein von Katar umgeschlagen. Die größten Abnehmer des katarischen LNG sind die Europäer, gefolgt von den Ländern des südostasiatischen Raumes. An weiterer Stelle der LNG-Exporteursliste treten Australien mit 75,9 Milliarden Kubikmeter und dann mit 21,7 Milliarden Kubikmeter Indonesien an dritter Stelle auf. Der größte Abnehmer von LNG weltweit ist der Inselstaat Japan mit 113,9 Milliarden Kubikmeter, an weiterer Stelle erscheinen China, Südkorea und Indien. Auf dem europäischen Kontinent sind die größten Abnehmer von LNG Spanien mit 16,6 Milliarden Kubikmetern gefolgt von der Türkei mit 10,9 Milliarden Kubikmetern. Nach den Schätzungen der Internationalen Energie Agentur (IEA) soll der Bedarf an LNG bis 2022 auf 460 Milliarden Kubikmeter steigen. An der Reihenfolge der größten Exporteure soll sich nach den Schätzungen der IEA bis dahin aber nicht viel ändern. Nach diesen Daten kann auch davon ausgegangen werden, dass sich an der Bedeutung der katarischen Erdgas- Produktion in den kommenden Jahren nichts zum Negativen wenden, sondern ganz im Gegenteil die strategische Bedeutung des Landes sich durch die reichen Erdgasreserven am Persischen Golf weiterhin steigern wird. 70 Die Beziehung zwischen Katar und der Türkei Wie auch oben schon berichtet, fing die engere Beziehung zwischen der Türkei und dem Emirat Katar speziell ab dem 19. Jahrhundert an. Im Speziellen werden wir die Beziehungen in den letzten Jahren genauer unter die Lupe nehmen und zu analysieren versuchen. Um diesen Schritt zu gehen, müssen noch einige relevante wichtige Punkte bzw. Meilensteine der türkischen Außenpolitik angesprochen werden. Die türkische Außenpolitik hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg eindeutig auf die Achse NATO–USA gerichtet. Obwohl das Land historisch-kulturell und zivilisatorisch eine spezielle Nähe zu den Ländern des Nahen Ostens hat, musste es bei seinen Beziehungen zu diesen Ländern die Interessen der NATO-Partner und im Speziellen der Vereinigten Staaten wahren. Für die Regierungen der Türkei war dies keine leichte Arbeit: Einerseits mussten sie den Erwartungen der eigenen Öffentlichkeit nachkommen, andererseits die Interessen der Amerikaner wahren. Dieser Seiltanz der türkischen Regierungen ging bis vor einigen Jahren zugunsten der NATO-Partner sowie der US-Amerikaner aus. Den Eigeninteressen des Landes konnten die Regierungen in den letzten 50 bis 60 Jahren nicht richtig nachkommen. Die Aufgabe der Türkei als NATO- Partner war, die südöstliche Flanke Europas gegenüber der Sowjetunion zu verteidigen. Die NATO-Interessen standen ständig über den Eigeninteressen der Türkei. Nach Johan Galtungs Struktureller Theorie des Imperialismus (Galtung, 1980) kann behauptet werden, dass die Türkei ihrer Rolle gegenüber den USA nach dem Zweiten Weltkrieg nachgekommen ist. Auch wenn sich manche türkischen Regierungen in diesem Zeitraum dagegen zu stemmen versuchten und die Außenpolitik des Landes im eigenen Interesse zu gestalten, war ihnen dies bis 2002 aus verschiedenen Gründen nicht geglückt. Der Regierungswechsel nach den Wahlen vom November 2002 sollte zur Folge haben, dass sich auch die Außenpolitik des Landes im Laufe der Regierungszeit der AKP unter der Führung von Recep Tayyip Erdoğan dramatisch verändern sollte. Mit der allgemeinen Veränderung in der türkischen Außenpolitik veränderten sich ebenfalls die Beziehungen zu den Ländern des Nahen Ostens. Im Gegensatz zu den Regierungen da- 71 vor war die Regierung von Erdoğan von Anfang bereit, die Beziehungen auszubauen – auch wenn die US-Amerikaner von diesem Alleingang der Türkei von Anfang an nicht begeistert waren. Diese Veränderung in der türkischen Außenpolitik hatte auch zur Folge, dass die Stellung in der Palästina -Frage eine deutlich pro-palästinensische wurde. Diese pro-palästinensische Einstellung der Türkei ist seitens der USA und Israels natürlich nicht auf große Begeisterung gestoßen. Die türkische und die katarische Außenpolitik trafen sich zum zweiten Mal auf der gleichen Linie, nachdem dies davor bereits während des Militärputsches in Ägypten gegen den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi geschehen war. Wirtschaftliche Beziehungen Die wirtschaftlichen Beziehungen wurden ebenfalls in der Erdoğan-Ära intensiviert. Es ist aber nicht so, dass nur die wirtschaftlichen Beziehungen mit Katar einen Aufschwung genossen, sondern auch mit den anderen erdölreichen arabischen Staaten der Region Kuwait und Saudi-Arabien wurden die wirtschaftlichen Beziehungen enger. Auch wenn die Türkei und Saudi-Arabien bezogen auf den Militärputsch in Ägypten andere Standpunkte hatten, hat sich dies nicht negativ auf die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder ausgewirkt. Andererseits haben sich aber die Beziehungen zwischen Katar und der Türkei in den letzten Jahren noch weiter intensiviert. Insbesondere die gleiche Ansicht während des sog. Arabischen Frühlings und der Syrien-Krise und im Speziellen die Pro-Katar-Haltung der Türkei in der Krise zwischen Katar und Saudi- Arabien und den VAE vom Sommer 2017 (Süddeutsche Zeitung, 2.8.2018), hat dieser Beziehung eine neue Tiefe verschafft. Was für beide Länder gilt, ist, dass die Import-/Export- Zahlen zwischen Katar und der Türkei eigentlicht nicht von besonderer Bedeutung für die jeweiligen Wirtschaftszahlen sind. Laut türkischem Handelsministerium war Katar 2017 an 47. Stelle der Exportliste der türkischen Wirtschaft eingereiht. Aus diesem Grund können wir leicht behaupten, dass das wirtschaftliche Potenzial zwischen Katar und der Türkei sicher noch nicht ausgeschöpft, sondern nach oben hin noch sehr weit offen ist. 72 Die Direktinvestitionen Katars in der Türkei begannen 2008 und erreichten im gleichen Jahr eine Höhe von 515 Millionen Dollar. Bis zum Jahr 2014 stiegen die Direktinvestitionen auf eine Höhe von 2,323 Milliarden Dollar an. Laut Mohammad bin Ahmed bin Towar, dem stellvertretenden Vorsitzenden der katarischen Handelskammer, liegt aber die Höhe der Investitionen Katars in der Türkei bei 18 Milliarden Dollar. Somit wäre Katar der zweitgrößte Investor in der Türkei (Hürriyet, 15.8.2018). Als im Juli 2018 wegen der „Spion/Priester Brunson-Krise” zwischen der Türkei und den USA die Amerikaner mit wirtschaftlichen Sanktionen die Türkei in die Knie zwingen wollten und aufgrund der Devisenkeule der Absturz der türkischen Lira gegenüber dem Dollar einsetzte, verlor die türkische Lira immer mehr an Wert. In dieser Krisenzeit eilte Katars Scheich Al Thani mit einem 15 Milliarden Dollar schweren Direktinvestitionspaket gleich zur Hilfe (Anadolu Ajansı, 23.8.2018). Die Bereitschaft Katars, in dieser schwierigen Zeit seinem strategischen Partner Türkei im Streit mit den USA zu helfen, zeigt wie eng geknüpft diese Partnerschaft ist. Diese enge Freundschaft beider Länder ließ sich das deutsche Boulevardblatt Bild nicht entgehen und bezeichnete abwertend Scheich Tamim bin Hamad Al Thani als „Kumpel” Erdoğans. Die Syrien-Krise und die türkisch-katarischen Beziehungen Die Haltung des Emirats Katar während des Arabischen Frühlings blieb auch gleich, als die Krise in Syrien ausbrach. An dieser Haltung hat sich nichts verändert, als der jetzige Scheich Tamim bin Hamad Al Thani 2013 von seinem Vater an die Spitze des Landes gesetzt wurde. Bevor die Krise in Syrien begann, waren die Beziehungen von Katar sowie die von Erdoğan zu dem syrischen Präsidenten Assad relativ gut und freundschaftlich. Als aber die ersten Bomben des syrischen Diktators auf die Zivilbevölkerung abgefeuert wurden, haben sich die Beziehungen schlagartig verändert. Katar unterstützte so wie die Türkei, Kuwait und Saudi-Arabien die Opposition in Syrien. Im gleichen Jahr schloss Katar die Botschaft in Damaskus. Mit der Unterstützung der Opposition wurde seitens Katars schon 73 an die Nach-Assad-Ära gedacht. Zusammen mit der Opposition sollte eine neue Staatsstruktur in Syrien aufgebaut werden. Um ein relevantes Beispiel für die guten Beziehungen vor der Syrien-Krise zwischen Türkei, Saudi-Arabien und dem Katar zu bringen, kann der Ausbau einer Erdgaspipeline im Wert von ca. 10 Milliarden Dollar von Katar über Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien in die Türkei, um dann dort an die Nabucco- Pipeline angeschlossen zu werden (Amirova-Mahmadova, 2018:133). Die Hälfte des Erdgases war für den Eigenverbrauch der Türkei gedacht, die restliche Menge sollte weiter nach Europa befördert werden, um die Abhängigkeit der Türkei und Europas vom russischen Erdgas zu reduzieren. Die Alternative für die Route über Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien war die Route durch den Irak direkt in die Türkei. Obwohl sie fast 800 km kürzer war, hatte man sich wegen des unsicheren Zustandes im Irak für die längere Route über Saudi-Arabien entschieden (Radikal, 28.8.2018). Es muss aber dazu gesagt werden, dass die Route über Saudi-Arabien wegen der Topografie der Länder auch die billigere war. Eine der Gründe für das Ende des Pipeline-Projektes war, dass Assad auf Druck der Russen nicht mitgemacht hat. Es ist natürlich so, dass die Russen ebenfalls ihr Erdgas auf den Markt bringen wollten und deshalb jegliche Konkurrenz nicht duldeten. Die Interessen von Saudi-Arabien und Katar in Syrien hatten bis 2013 parallele Strukturen: Beide Länder sowie die Türkei unterstützten die gleichen Oppositionsgruppen. Ab 2013 waren aber die unterstützten Oppositionsgruppen jeweils andere. Die Türkei agierte zusammen mit Katar an der gleichen Front und Saudi-Arabien bildete zusammen mit den USA eine eigene Front. Anders formuliert, folgte Saudi-Arabien der USamerikanischen Politik und unterstützte sie dabei. Die Unterstützung der Saudis für die USA war nicht nur symbolisch, sie stellten auch finanzielle Mittel zur Unterstützung bereit. Die Differenz in der Syrien-Politik von Katar mit den anderen Golfstaaten war nun sehr offensichtlich. Die Interessen von Katar, Türkei, Iran sowie auch Russland kreuzten sich teilweise in Syrien. Andererseits kann sicher nicht von einer sehr einheitlichen Syrien-Politik der Länder geredet werden, denn 74 fast jedes Land versuchte nun in Syrien seine eigenen Positionen zu verfolgen. Nicht zu übersehen ist, dass Katar trotz seines wirtschaftlichen Reichtums auf den Schlachtfeldern Syriens doch nicht so viel zu sagen hat. Obwohl das Land wirtschaftlich und finanziell auf einem festen Fundament steht, kann es militärisch mit Ländern wie Saudi-Arabien, Syrien oder der Türkei nicht mithalten. Aus diesem Grund ist die Rolle Katars in der Syrien- Krise auf die des Geldgebers beschränkt. Die Katar-Saudi-Arabien-Krise und die Haltung der Türkei Katar ist im Vergleich zu vielen Ländern gemessen an der Größe und an der Zahl der Bevölkerung eines der kleineren Länder in der Region. Auch ist natürlich das Militär von eher beschränkten Möglichkeiten, so dass der Einfluss Katars in der Syrien-Krise und davor während des Arabischen Frühlings eher auf die als Finanzierer beschränkt – aber dennoch nicht außer Acht zu lassen – war. Die Haltung des Scheichs von Katar, besonders bei der Unterstützung der Muslimbrüder in Ägypten, war in den Augen der Saudis bzw. des Scheichs der Arabischen Emirate, General Sissis in Ägypten und des Scheichs von Bahrain ein Dorn im Auge. Mit dem Vorwurf der Terrorismusunterstützung brachen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, und das Emirat Bahrain im Juni 2017 die Beziehungen zu Katar ab und schlossen sämtliche Grenzübergänge in das Land. Des Weiteren verhängten sie eine wirtschaftliche Blockade über Katar und die diplomatischen Beziehungen wurden abgebrochen und die jeweiligen Botschafter zurückbeordert. Katarischen Bürgern, die sich in den anderen drei Golfstaaten aufhielten, wurden zwei Wochen Zeit gegeben, um auszureisen. Katar wurde beschuldigt, extremistische Organisationen wie IS, Al-Kaida oder Muslimbrüder zu unterstützen. Weitere Vorwürfe waren, dass der Nachrichtensender Al Jazeera bei dieser Unterstützung aktiv als Sprachrohr mitgewirkt habe. Außerdem kam seitens Saudi-Arabiens der Vorwurf an Katar, schiitische Milizen in Syrien die auch Kontakte zum Iran pflegen, unterstützt zu haben. (Reuters, 4.9.2018). Da der Inselstaat Bahrain und auch Saudi-Arabien eine nicht zu unterschätzende schiitische Minderheit im eigenen Land haben, ist 75 natürlich die Angst vor so einer Unterstützung sehr vehement und kann sicher auch zu paranoiden Verhaltensmustern führen. Um die Beziehungen wiederaufzunehmen und die Blockade aufzuheben, sollte Katar eine Liste von 13 Forderungen erfüllen. Die seitens der Blockierer aufgestellte Liste wurde nicht publik, aber einige wichtige Punkte davon, wie die Schließung des Senders Al Jazeera, die Einschränkung der Beziehungen zum Iran, die Auflösung der türkischen Militärbasis auf Katar und die Auslieferung von mutmaßlichen Terroristen, wurden öffentlich ausgesprochen. Die genannten vier der 13 Forderungen der blockierenden Länder Saudi-Arabien, Ägypten, VAE und Bahrain wurden gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters von einem Vertreter dieser Länder erwähnt. Nun habe der Katar zehn Tage Zeit, diesen Forderungen nachzukommen, hieß es. Katar wies die Vorwürfe zurück und fügte hinzu, dass es keine legitimierte Rechtfertigung für diese Vorwürfe gebe. Deshalb werde das Land den Forderungen nicht nachkommen, so die Reaktion aus Doha (Tagesspiegel, 4.9.2018). Was steckt hinter der Krise? Die offizielle Anschuldigung seitens der boykottierenden Länder gegenüber Katar war die angebliche Unterstützung von extremistischen Organisationen. Was aber steckte wirklich hinter den Anschuldigungen, dass diese Länder schlagartig ihre Beziehungen zum Katar beendeten? Bevor wir dieser Frage nachgehen, muss auf jeden Fall die einflussreiche Entwicklung im Königtum Saudi-Arabien erwähnt werden, denn die Ernennung Mohammed bin Salmans als der neue Kronprinz hatte einen sehr wesentlichen politischen Einfluss auf die Entwicklungen in den Ländern der Region. Der bisherige Kronprinz Mohammad bin Naif wurde im Juni 2016 abgesetzt und an seiner Stelle wurde der junge Mohammed bin Salman, Sohn des Königs, zum neuen Kronprinzen ernannt. Dieser gilt als Freund der US-Amerikaner und als Hardliner in der Außenpolitik. Noch bevor er zum Kronprinz 76 ernannt wurde, soll er als Vizekronprinz bei den Anschuldigungen gegenüber dem Katar eine wesentliche Rolle gespielt haben (Welt, 4.9.2018). Im Vorfeld dieser Entwicklungen ist natürlich auch die Wahl Donald Trumps als amerikanischer Präsident zu erwähnen. Die ersten Reisen Trumps führten ihn zunächst nach Europa und danach in den Nahen Osten. Das gemeinsame Foto von König Salman von Saudi-Arabien, Ägyptens Diktator Sissi und Trump, jeweils beide Händen über den leuchtenden Globus haltend, sollte nichts Gutes für die Entwicklungen in der Region verheißen. Die USA haben sich unter der Führung von Trump in der Krise entgegen den Erwartungen nicht allzu sehr direkt eingebracht. Es wurde erwartet, dass sie sich für die Blockierer stark machen und auch einiges dafür tun, um die Forderungen der Blockierer-Seite durchzusetzen. Möglicherweise lag die Passivität Trumps daran, dass er genau zu dieser Zeit ein Abkommen über den Verkauf von Militärjets im Wert von 12 Milliarden Dollar mit Katar vereinbart hatte. Die Trump-Administration hielt sich bewusst aus diesem Streit am Golf heraus. Vielleicht war diese bewusste Zurückhaltung gerade die Unterstützung für die Blockierer-Seite, denn Trumps Besuch zu dieser Zeit in Saudi-Arabien konnte als eine Rückendeckung für die saudische Haltung gewertet werden. Der Faktor Iran Als ein wichtiger Faktor für die Blockade Katars durch die erwähnten Länder kann sicherlich der Iran genannt werden. Der Iran und Saudi-Arabien konkurrieren seit einigen Jahrzehnten um die Vorherrschaft in der Region. Katar hatte in den letzten Jahren enge Kontakte mit dem Iran aufgebaut. Mit der Blockade wurde augenscheinlich versucht, die engen Kontakte mit dem Iran zu unterbinden. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass die USA durch die indirekte Unterstützung von Saudi-Arabien bewusst die sunnitisch-schiitische Rivalität in der Region noch mehr forcieren wollten, damit kein Staat in der Region als selbstständige regionale Macht entstehen konnte. Mit der „Teile und Herrsche”-Taktik wurde die Region seit Jahrhunderten von westlichen Mächten destabilisiert, um die eigenen Interessen durchsetzen zu können. 77 Die schiitischen Minderheiten in den reichen Golfstaaten galten für die Monarchen dieser Länder schon immer als eine Zeitbombe. Es besteht jederzeit die Gefahr, dass sie eine Destabilisierung des Landes herbeiführen könnten. Der Iran als der große Bruder und Zentrum der Schiiten würde die schiitische Minderheit in diesen Ländern zu seinem eigenen Interesse missbrauchen. Ein weiterer Grund war natürlich die Eindämmung des politischen Einflusses des Iran in der Region. Aus diesem Grund wollte die Blockierer-Seite die Zusammenarbeit Katars mit dem Iran unterbinden, damit der Iran als potenzielle politische und militärische Gefahr für die Region beseitigt werden konnte. Die Blockade von Katar und die Haltung der Türkei Als am 5. Juni 2017 einige arabische Staaten unter der Führung von Saudi-Arabien die Beziehungen abbrachen, kam es zu einer der größten diplomatischen Krisen in den letzten Jahrzehnten in der Region. Die erste Reaktion aus der Türkei kam vom Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Çavuşoğlu meinte, dass die Türkei es bedauere, dass die Situation so eskaliert sei. Außerdem fügte er hinzu, dass sie die Stabilität der Länder der Region als ihre eigene betrachten. Sowie der Kampf gegen die radikalen Organisationen als die Stabilitat der Region soll im Rahmen von Solidarität unter den betroffenen Ländern gewahrt werden. Weiter fügte Çavuşoğlu hinzu, dass die Länder untereinander Probleme haben könnten, aber sie sollten nicht von der Linie des Dialogs abweichen. Aus diesem Grund bedauere er die Eskalation und wünsche sich, dass der Normalzustand wiederhergestellt werde. Die Türkei ihrerseits werde ihr Bestes dafür tun (BBC, 4.9.2018). Aus diesen ersten Worten seitens des türkischen Außenministers kann herausgelesen werden, dass die Türkei genauso wie der Katar selbst von dieser Aktion der genannten Länder überrascht wurde und mit solchen Aussagen eher darauf bedacht war, den Normalzustand wiederherzustellen. Im Verlauf der Krise hat die Türkei an ihrer neutralen Haltung festgehalten, bedachte aber Katar unterstützend. Es war nicht im Interesse der Türkei, die Situation weiter eskalieren zu lassen. Eine der ersten Reaktionen der Blockierer war, dass 78 diese Länder ihren Luftraum für Katar Airways schlossen. Die Ausweitung der Blockade auf das Benutzen des Luftraums führte dazu, dass die Bevölkerung von Katar anfing, in Panik Nahrungsmittel einzukaufen. Bevor es aber zu einer Knappheit an Nahrungsmitteln kommen konnte, wurden aus der Türkei Lebensmittel importiert. Im Verlauf der Krise kam seitens Präsident Recep Tayyip Erdoğans die Aussage, dass die Liste der 13 Forderungen an Katar gegen das internationale Recht verstoße. Denn diese Forderungen seien ein Angriff auf die Souveränität eines Landes, und dies sei mit dem Völkerrecht nicht vereinbar. Im Vorfeld zur Aussage von Präsident Erdoğan hatte der Verteidigungsminister der Türkei, Fikri Işık, erklärt, dass die Türkei die militärische Zusammenarbeit mit Katar nicht revidieren werde. Knapp einem Monat nach Beginn der Krise startete Präsident Erdoğan eine diplomatische Mission nach Kuwait und Saudi-Arabien, um diese zu beenden. Gleich nach der Ankunft in Ankara meinte Erdoğan, dass es natürlich leicht sei zu zerstören, aber das Zerstörte neu aufzubauen, sei immer schwieriger. Auch in zwischenstaatlichen Beziehungen fordere es mehr Aufwand und Zeit, Zerstörtes wiederaufzubauen (Internethaber, 15.9.2018). Die internationale diplomatische Mission von Präsident Erdoğan war nicht nur auf den Besuch in Saudi-Arabien und Kuwait beschränkt. Im Laufe der Krise wurden mit der Absicht, die Lage nicht eskalieren zu lassen, sondern zu beenden sowie Katar nicht alleine zu lassen, den mächtigen Staaten wie Iran und Russland Besuche abgestattet. Die Türkei gab in ihrer Katar unterstützenden Haltung im Laufe der Krise nicht nach. Was hätte passieren können, wenn sich Präsident Erdoğan nicht für Katar eingesetzt hätte? Was könnten die möglichen Folgen gewesen sein? Eine der Möglichkeit wäre, dass Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani sich den Forderungen des Nachbarn Saudi-Arabien gebeugt hätte, womit aber der Scheich auch die Anschuldigung „Unterstützer des internationalen Terrorismus” akzeptiert hätte und mit der Schließung des türkischen Militärstützpunktes die eigene Souveränität in Frage gestellt haben würde. Dies alles hätte dazu beigetragen, dass das Land national und international an Glaubwürdigkeit verliert. 79 Es könnte eine Reihe von möglichen Konsequenzen aufgezählt werden. Eine davon wäre sicherlich die Möglichkeit einer militärischen Operation seitens Saudi-Arabiens, womit die Saudis das jahrhundertealte Ziel – möglicherweise die Eroberung der Halbinsel – vollbracht hätten. Die aktive Einmischung und Diplomatie Präsident Erdoğans hat dies möglicherweise auch verhindert. Die Situation am Persischen Golf und um Katar herum ist seit Beginn der Krise ruhiger geworden. Die heftigen Drohungen Saudi-Arabiens und seiner Partner haben sich seitdem relativiert. Trotz der Drohungen konnte sich Katar als ein souveräner Staat in der Region behaupten und etablieren. Das Land konnte seine Beziehungen zu den anderen Nachbarn in der Region ausbauen. Außerdem kann das Land durch diese Krise mit deren erfolgreicher Meisterung für sich einen Erfolg verbuchen. Schlussfolgerung Die türkische Außenpolitik in den letzten Jahrzehnten kann in die zwei Perioden als vor AKP und seit AKP unterteilt werden. Der Umschwung in der türkischen Außenpolitik wurde im Laufe der Ära von Recep Tayyip Erdoğan immer deutlicher. Die Beziehungen zu den arabischen Staaten und allgemein zu den islamischen Staaten wurden seitens der Erdoğan-Regierungen neu aufgebaut. Diese Veränderung ist in den Beziehungen zum Katar ebenfalls zu beobachten. Um noch einmal die Geschichte der Beziehungen beider Länder zusammenzufassen: Seit der Etablierung als Emirat waren die Katarer immer bemüht, sich als neutral und als Gleichgewicht in der Region zu präsentieren. Als sich die Osmanen aus der Region zurückziehen mussten, hatte Saudi- Arabien vor, die Halbinsel in die eigene Herrschaft einzugliedern. Das Übereinkommen Katars mit der damaligen britischen Regierung hat dazu geführt, dass das Land die eigene Souveränität behalten konnte. Natürlich haben die Briten mit diesem Schritt auch verhindert, dass Saudi-Arabien zu groß und damit unkontrollierbar werden konnte. Die Absicht war, dass es kleine kontrollierbare Staaten in der Region entstehen sollten. Dies kam den Katarern entgegen und sie konnten ihren Staat bilden. Vielleicht war das Eingreifen der Türkei in Form 80 aktiver Diplomatie ebenfalls ein Hindernis gegen die Besetzung von Katar seitens Saudi-Arabiens wie im letzten Jahrhundert. Das Fundament für die guten Beziehungen Katars mit der Türkei wurde schon vor und während des Ersten Weltkrieges gelegt. Als die Briten die arabischen Stämme auf der Arabischen Halbinsel gegen die osmanische Herrschaft aufhetzten, waren die Stämme der Al Thani nicht unter den Aufständischen. Die letzte Krise hat dazu beigetragen, dass die Türkei und der Katar sich noch nähergekommen sind. Ein markantes Beispiel dafür ist die Unterstützung der türkischen Wirtschaft mit 15 Milliarden Dollar im August 2018. Zuvor hatte der wirtschaftliche Angriff auf die türkische Wahrung dazu geführt, dass der Wert der türkischen Lira innerhalb von einigen Wochen dramatisch gesunken ist. Um dem Finanzmarkt der Türkei ein wenig unter die Arme zu greifen, kam die Unterstützung von Scheich Tamim bin Hamad Al Thani. Nur einige Wochen später schenkte der Scheich von Katar Al Thani Präsident Erdoğan eine Boeing 747/8 mit Sonderausstattung, die in den türkischen Staatsdienst aufgenommen wurde. Insbesondere in der Erdoğan-Ära ist zu beobachten, dass die Beziehungen zwischen der Türkei und Katar nicht nur auf rein wirtschaftlicher Ebene florieren. Dafür sind die Entwicklungen in den Jahren Beweis genug. Nicht zu vergessen sind natürlich die unterstützenden Aussagen Al Thanis nach dem versuchten Militärputsch vom Juli 2016. Noch während die demokratischen westlichen Länder sich in Schweigen hüllten und den Verlauf des Putsches abwarteten, griff Al Thani unterstützend mit seinen Aussagen für den gewählten Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ein. Durch ihre Haltung geben beide Länder den Eindruck, dass sie die Probleme der Region durch die Involvierung der Länder der Region gelöst haben wollen und ein Eingriff westlicher Staaten eher unerwünscht sei. Sie sind für eine Lösung aus der Region seitens der betroffenen Länder. Für den Verlauf der Beziehungen zwischen der Türkei und Katar sieht es danach aus, dass sich die Beziehungen beider Staaten weiterhin vertiefen werden. Der Erfolg dieser Beziehung wird sicher vom Willen beider Länder abhängig sein. Für 81 den internationalen Erfolg der Achse Türkei–Katar wird natürlich daneben auch der Widerstand aus der Region und seitens der US-Amerikaner ausschlaggebend sein. In der Erdoğan-Ära hat sich an die Stelle der passiven zurückhaltenden Außenpolitik eine selbstbewusste, lösungsorientierte und mitgestaltungswillige Außenpolitik etabliert. Den USA, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – insbesondere Jahrzehnte später nach der Implosion der Sowjetunion – gewohnt waren, die internationale Politik je nach Belieben zu gestalten, ist das Verhalten der Türkei natürlich ein Dorn im Auge. Solange es nicht gegen die Interessen der USA ist, werden die Vereinigten Staaten von Amerikaner gegen das eigenständige handeln beider Länder nichts unternehmen; sobald aber diese Achse gegen die US-Interessen agiert, werden sie sicher dagegen aktiv werden. Hier ist auch die Frage zu stellen, ob die USA wie früher Einfluss geltend machen und etwas dagegen unternehmen können. Für die Türkei ist diese gute freundschaftliche Beziehung von elementarer Wichtigkeit. Mit Katar haben sie einen gleichgesinnten finanzstarken Partner in der Region. Wenn es um die Palästinenser-Frage und den Status von Jerusalem geht, sind beide Länder der gleichen Meinung und agieren auch gemeinsam. Die anderen arabischen Staaten der Region, wie Saudi-Arabien, VAE, Bahrain und Ägypten, agieren neuerdings gleichgesinnt mit den USA, auch wenn die restlichen muslimischen Staaten damit nicht einverstanden sind. Die gemeinsamen guten Beziehungen der Türkei und Katar mit dem Iran und Russland lassen den Eindruck aufkommen, dass sie im Nahen Osten gegen die USA, Saudi-Arabien, VAE, Ägypten und Bahrain eine gemeinsame Achse bilden. Die Entschlossenheit sowie militärische und wirtschaftliche Stärken dieser Achse werden die Zukunft der Region entscheidend prägen. Als letzter Punkt ist der Militärstützpunkt der Türkei auf dem Gebiet von Katar zu erwähnen. Mit der Stationierung von Soldaten in Katar hat die Türkei einen weiteren Fuß in den Nahen Osten gesetzt. Der Militärstützpunkt bei Doha ist einer von 12 Stützpunkten, die militärischen Zwecken dienen sollen. 82 Literaturverzeichnis Amirova-Mammadova, Sevinj (2018): Pipeline and Natural Gas Supply from Azarbaijan to Europe, Springer Verlag, Wiesbaden Akkaya, Gülşah Neslihan; El Rantisi, Mahmud (2015): Katar Dış Politikası ve Körefez Siyaseti, SETA, Ankara Andersen, Uwe; Woyke, Wichard (1995): Handwörterbuch internationale Organisationen, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden Coates Ulrichsen, Kristian (2014): Qatar and the Arab Spring, Oxford University Press, New York Davison, Roderic H. 1963. “Where is The Middle East?” In The Modern Middle East, edited by Richard H. Nolte, S. 13-30, Atherton, New York Fromherz, Allen J. (2017): Qatar: Rise to Power and Inflfuence, I.B. 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References

Zusammenfassung

Die Türkei befindet sich genau dort, wo sich vier Großräume berühren: Europa, Vorderasien, die eurasische Steppe und der Mittelmeerraum. Die geopolitische Lage der Türkei macht sie zu einem der wichtigsten Länder in der Region.

Mustafa Yıldız und Mustafa Özalp stellen in diesem Sammelband die Türkei in den Fokus der Betrachtungen und fragen nach ihren Beziehungen zu den Nachbarstaaten. In einzelnen Beiträgen untersuchen die Autoren dieses Bandes die Verflechtungen bspw. zu Russland, Armenien, Iran, Syrien, Griechenland und Zypern. Um einen dauerhaften Frieden in der Region zu schaffen, bedarf es einer politischen Stabilität. Das Buch leistet einen Beitrag, die Komplexität des Beziehungsgeflechts zu durchleuchten und somit verständlicher zu machen.