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Die Pipeline-Politik der Türkei auf dem Weg zur Regionalmacht in:

Mustafa Yildiz, Mustafa Özalp (Ed.)

Die Türkei im Dschungel der internationalen Beziehungen, page 137 - 157

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4317-2, ISBN online: 978-3-8288-7256-1, https://doi.org/10.5771/9783828872561-137

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 84

Tectum, Baden-Baden
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137 Die Pipeline-Politik der Türkei auf dem Weg zur Regionalmacht6 Einleitung Energie ist eine der wichtigsten Ressourcen für das Überleben der Menschheit. Für eine nachhaltige sozioökonomische und wirtschaftspolitische Entwicklung müssen die Energie-Förderländer ihre Reserven exportieren, für denselben Zweck müssen die Energie-Verbraucherländer ihren Bedarf an Energie importieren. Europa deckt über mehr als die Hälfte seines Energiebedarfs durch Import. Etwa ein Drittel des europäischen Bedarfs an Erdgas und Erdöl kommt aus Russland. Die Türkei befindet sich zwischen den wichtigsten Energie-Förderländern und -Verbraucherländern. Dies bedeutet, dass die Türkei wegen ihrer geografischen Lage ein wichtigste Energietransit- Land in dem Schwarzmeer¬region für Zentralasien, den Nahen und Mittleren Osten ist. Die Türkei versucht seit den 2000er-Jahren, ein Energie-Zentrum zwischen Orient und Okzident zu werden. In diesem Artikel wird analysiert, wie die Türkei durch Verfolgung ihrer nationalen Interessen im Energiebereich eine Regionalmacht werden kann und ob und welche Chancen die Türkei hat, dieses Ziel zu erreichen. In diesem Artikel wird erwähnt, welche Beiträge die Realisierung der geplanten und bestehenden Pipeline-Projekte (wie BTC und TANAP) auf dem Weg zur Regionalmacht leisten. Die Türkei, deren Territorium ungefähr 780.000 km2 umfasst, liegt zwischen Osten und Westen. Das türkische Territorium ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Die Ost- West-Ausdehnung der Türkei beträgt ungefähr 1.600 km2, die Nord-Süd-Ausdehnung hingegen ungefähr 650 km2. Die Nachbarn der Türkei sind sehr vielfältig und unterschiedlich. Sie grenzt im Westen an die Ägäis und Griechenland, im Osten an Georgien, Armenien und Iran, im Süden an Irak, Syrien, Zypern und das Mittelmeer, im Norden an Bulgarien und das Schwarze Meer. Die Anzahl der Einwohner nähert sich der 80- Millionen-Grenze. Deswegen hat die Türkei aufgrund ihrer geografischen Lage viele Chancen und Möglichkeiten, sowohl in ______ 6 Assist. Prof. Dr. Mustafa Özalp 138 der Wirtschaftspolitik als auch sozioökonomisch noch mehr davon zu profitieren. Geografie, Geschichte, Kultur und Religion bestimmen die Politik der Länder. Die Türkei versucht nach wie vor, mithilfe ihrer geopolitischen und geostrategischen Lage zwischen Osten und Westen eine größere Rolle in der Weltpolitik zu spielen. Die türkischen Spitzenpolitiker, wie der ehemalige Präsident Turgut Özal und der ehemalige Premierminister Prof. Dr. Ahmet Davutoğlu, haben mehr als einmal davon gesprochen, dass die Einflusssphäre der Türkei von Zentralasien bis zur Adria reichen wird. Für dieses Ziel verfolgt die Türkei: Erstens die Vision, mit allen Turkvölkern, die in Zentralasien leben, sowohl wirtschaftspolitisch als auch sozioökonomisch kooperieren zu können. Für diese Strategie spielt der Begriff „Pantürkismus“ (die Zusammengehörigkeit der Türken) vorübergehend eine wichtige Rolle. Zweitens wird an eine Kooperation gedacht, alle Staaten, die früher unter osmanischer Herrschaft waren, unter Führung der Türkei zu bringen. Hier spielt der Begriff des „Neo-Osmanismus“ eine wesentliche Rolle. Die Türkei hat in ihrer Region auf politischer, ökonomischer, geschichtlicher und religiöser Ebene Großmachtambitionen. Ein Beispiel des türkischen Gestaltungswillens im Nahen und Mittleren Osten ist die Anfang 2011 von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gehaltene Rede im Kuwait: „Heute gilt es, die alte 1000jährige Brüderlichkeit’ zu neuem Leben zu erwecken, eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Union zu werden. Wir sind Angehörige derselben Zivilisation. Wir haben eine gemeinsame Geschichte. Wenn man zueinander hält und stärker zusammenarbeitet, dann hat diese Region das Potenzial, die ganze Welt zu gestalten’ (…) Wir bestimmen unsere eigene Außenpolitik. Wir machen unsere eigene Agenda. Die Araber sind unsere Brüder und Schwestern.“ (Brill, 2013) Westlich von der Türkei liegen die wichtigsten Energie-Verbraucherländer der Welt, wie zum Beispiel die europäischen Staaten und die USA. Die Energiereserven dieser Staaten, insbesondere die der EU-Länder, werden zunehmend mehr aufgebraucht. Auf der anderen Seite der Türkei, im Norden und im Nahen und Mittleren Osten, liegen die wichtigsten Energie- 139 Förderländer der Welt, wie beispielsweise Russland, Iran, Katar und Saudi-Arabien. Die Türkei befindet sich also zwischen den wichtigsten Energie-Förderländern und den wichtigsten Verbraucherländern. Das heißt, die geografische Lage der Türkei ist sehr dazu geeignet, zum Energiekorridor (und oder auch die Energiedrehscheibe) zwischen Ost und West zu werden. Dazu schreibt Jan Senkyr in seiner Länderstudie „Türkei“: „Im Einklang mit der neuen Doktrin einer multidimensionalen Außenpolitik verfolgt die Regierung in Ankara das Ziel, die Türkei als ein Energie-Drehkreuz zwischen Europa, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Zentralasien zu etablieren.“ (Brill, 2010:22) Die bestehenden und geplanten Pipeline-Projekte, die über die Türkei laufen, stärken die türkische Position, zum Energiezentrum zu werden. So will die Türkei eine Brücke zwischen Orient und Okzident werden. Dabei betrachtet die Türkei ihre Energiepolitik als regionalen Integrationsmechanismus. Treffend formuliert Heinz Brill der, Politikwissenschaftler und ständiger Mitarbeiter der Österreichischen Militärischen Zeitschrift in seinem Artikel zu der türkischen Vision: „Um ihre Bedeutung als Transitland für Europas Gasversorgung und die Ölversorgung der USA zu festigen, unterstützt die Türkei im internationalen Verbund Pipeline-Projekte in die Fördergebiete Nahost- und Zentralasiens. Tendenz steigend! Aufgrund ihrer geopolitischen Lage ist die Türkei an fast allen Pipeline-Projekten mittelbar oder unmittelbar beteiligt, ob amerikanisch, europäisch oder russisch.“ (Brill, 2010:22) Zahlen und Fakten zum Energiemarkt in der Welt Die steigende ökonomische Entwicklung, die zunehmende Industrialisierung und Digitalisierung haben die weltpolitische Situation Anfang des 21. Jahrhunderts auf verschiedene Arten geprägt. Die Länder brauchen ab nun viel mehr Reserven, Pipeline-Projekte etc., um einerseits überleben, andererseits ihre wirtschaftspolitische und sozioökonomische Entwicklung dauerhaft festigen zu können (Özalp, 2015:13). Die Energiereserven stellen den wichtigsten Indikator für die wirtschaftliche und sozioökonomische Entwicklung dar. Ohne Energiereserven gibt es auch kein nachhaltiges Wachstum. Deswegen ist 140 Energie eine unbedingt erforderliche Ressource für das Überleben der Menschheit. Erdöl, Erdgas und Kohle sind weltweit die wichtigsten Energierohstoffe, davon ist Erdgas die sauberste und qualitativ hochwertigste. Wie aus Abbildung 1 ersichtlich, deckte die Welt im Jahre 2015 ihren Energiebedarf zu 81 % durch fossile Energiereserven ab. Davon entfielen 31 % auf Erdöl, 22 % auf Erdgas und 28 % auf Kohle. Das heißt, dass der überwiegende Teil des Welt-Primärenergieverbrauchs auf fossile Energieträger entfällt. Mit 15 % lag die erneuerbare Energie auf dem zweiten Platz, wobei 10 % auf Biogas, 3 % auf Wind- und Sonnenergie und 2 % auf Wasserkraft entfielen. Die fehlenden 4 % des Welt- Primärenergieverbrauchs wurden von der Kernenergie beigesteuert. Abbildung 1: Welt-Primärenergieverbrauch nach Energieträgern Quelle: Rolle, 2016, S. 37 Die fossilen Energieträger werden ihre Bedeutung im gesamten Welt-Energieverbrauch noch längere Jahre hinweg behalten, da der Energieverbrauch stetig im Steigen ist. Die Entwicklungen bei den alternativen Energiequellen geschehen nicht so schnell, weswegen auch die Energieträger Erdöl, Erdgas und Kohle ihre Bedeutung für die nächsten 50 Jahre mit Sicherheit beibehalten werden. Wie aus der Abbildung 1 ersichtlich, ist der Verbrauch von fossilen Energieträgern zwischen 1970 und 2015 ständig gestiegen. Die wichtigsten Ursa- 141 chen des zunehmenden Energieverbrauchs stellen die steigende Bevölkerungszahl und die in der Folge zunehmende Industrialisierung sowie die aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung in früheren Agrarländern stark steigende Anzahl von Autos auf den Straßen dar. Durch neue technologische und wissenschaftliche Entwicklungen sowie den steigenden Bedarf, der auch früher noch als unergiebig angesehene Lagerstätten interessant macht, werden noch mehr Energiereserven entdeckt. Laut BP Statistical Review of World Energy, June 2017, nehmen die Erdölreserven der Welt immer noch zu. Wie auf Abbildung 2 zu sehen, betrug 1996 die Summe der Welt-Ölreserven 1.148,8 Tausend Mio. Barrel (tmb). 2006 und 2016 wurde ein Wert von 1.388,3 tmb bzw. 1.706,7 tmb erreicht. Diese Ölreserven sind jedoch sehr ungleich verteilt. Laut Prognosen von BP aus dem Jahre 2016 verfügen der Mittlere Osten über 47,7 %, Zentral- und Südamerika über 19,2 %, Nordamerika über 13,3 %, Europa- Asien über 9,5 %, Afrika über 7,5 % und Asien-Pazifik über 2,8 % der Welt-Ölreserven. Abbildung 2: Die Verteilung der nachgewiesenen Erdölreserven der Welt auf die Regionen in den Jahren 1996, 2006 und 2016 (in Tausend Mio. Barrels und in Prozent) Quelle: BP, 2017: S. 13 Wenn wir die Abbildung 3 analysieren, sind auch die nachgewiesenen Erdgasreserven der Welt nicht gleichmäßig auf die Regionen der Welt verteilt. Laut BP-Prognosen vom Jahre 2016 befinden sich die Erdgasreserven der Welt zu 42,5 % im 142 Mittleren Osten, zu 30,4 % in Europa-Asien, zu 9,4 % in Asien- Pazifik, zu 7,6 % in Afrika, zu 6,0 % in Nordamerika und zu 4,1 % in Zentral- und Südamerika. Die neu entdeckten Erdgasreserven sind im Vergleich zu den Erdölreserven viel häufiger. Erdgas ist von den fossilen Energieträgern die umweltfreundlichste und sauberste Energie. Bei der Stromproduktion werden beispielsweise aus Kohle für 1 kWh Strom 1000 g Kohlenstoff in die Umwelt emittiert. Bei Erdöl beträgt dieser Wert 840 g und bei Erdgas 470 g (ETKB, 2016:2). Zwischen 2006 und 2016 haben die nachgewiesenen Erdgasreserven der Welt von 158,2 Milliarden Kubikmeter (mkm) auf 186,6 mkm zugenommen. Abbildung 3: Die Verteilung der nachgewiesenen Erdgasreserven der Welt auf die Regionen in den Jahren 1996, 2006 und 2016 (in Billionen Kubikmeter und in Prozent) Quelle: BP Statistical Review of World Energy, June 2017, S. 27 Laut den BP-Daten kann man zusammenfassend sagen, dass sich über 70 % der weltweiten Erdöl- und Erdgasreserven in der Umgebung der Türkei befinden. Der Nahe und Mittlere Osten, Iran, Irak, Katar, Saudi-Arabien etc. und zentralasiatische Staaten wie Russland, Kasachstan, Usbekistan, Aserbaidschan u. a. haben enorme Energiereserven. Diese Staaten müssen für ihr wirtschaftliches Wachstum ihre Energiereserven unbedingt in die westlichen Staaten exportieren. Die Bruttoinlandsproduktion dieser Staaten hängen überwiegend von den Energie-Export-Einnahmen ab. So ist z. B. der Anteil der Energieexporte an den Gesamtexporten in den letzten zehn Jahren von 143 64 % auf 70 % gestiegen (Özalp, 2015:13). Ein anhaltend niedriger Energiepreis, der seit der Ukraine-Krise (2014 annektierte Russland die Krim) zu beobachten ist, würde die Wirtschaft der Energie-Förderländer empfindlich schwächen. Die Unterbrechung der Energieimporte würde auch auf die Energie-Verbraucherländer erhebliche Auswirkungen haben, weil die Verbraucherländer für ihr nachhaltiges Wirtschaftswachstum ununterbrochen Energie importieren müssen. Abbildung 4: Welt-Erdölproduktion und -verbrauch nach Regionen 2016 in Mio. Barrel täglich Quelle: BP. 2017: S. 18 Im Jahre 2016 stieg die tägliche Erdölproduktion in der Welt um 0,4 Mio. Barrel. Dies war das schwächste Wachstum seit 2013. Im Jahre 2016 betrug die Produktion im Nahen Osten ca. 1,7 Mio. Barrel pro Tag, getrieben durch Iran, Irak und Saudi-Arabien. Im selben Jahre wurde jedoch die Erdölproduktion durch Rückgänge in Nordamerika, Afrika, Asien-Pazifik und Süd- und Mittelamerika weitgehend ausgeglichen (BP, 2017:18). Das heißt, dass die Erdölreserven in Europa, Afrika und Amerika knapper werden. Wie in Abbildung 4 zu sehen, ist die Region Naher und Mittlerer Osten einer der größten Erdölproduzenten weltweit, sie gehört jedoch nicht wie Asien- Pazifik, Nordamerika und Europa zu den großen Erdölverbrauchern. Es ist hier wichtig zu betonen, dass die Mehrheit 144 des weltweiten Erdöls im Nahen und Mittleren Osten produziert wird und dann zum Verbrauch in die Regionen Asien-Pazifik, Nordamerika und Europa transportiert wird. Das gilt ebenso für Erdgas. Die erdgasreichsten Länder wie Russland, Iran, Katar und Turkmenistan transportieren den Großteil ihrer Erdgasreserven durch Pipelines in den Westen bzw. in die westlichen Staaten. Die geografische Lage der Türkei macht sie zum günstigsten, billigsten und aus Sicherheitserwägungen heraus auch zum vernünftigsten Weg, Energiereserven des Nahen und Mittleren Ostens und auch Russlands/Zentralasiens in die westlichen Staaten zu transportieren. Die Türkei arbeitet seit den 2000er-Jahren daran, dieses Ziel zu erreichen. Bisher hat die Türkei viele Projekte wie die Baku-Tiflis-Ceyhan-Ölpipeline (im Jahre 2006) und die Baku-Tiflis-Erzurum-Gas-Pipeline (2007) realisiert. Es gibt aber noch etliche Pipeline-Projekte wie TANAP und Turk Stream, die noch frisch (2018) fertig gestellt sind, um die Energiereserven aus Zentralasien, aus dem Kaspischen Becken und auch aus Russland über die Türkei nach Europa transportieren zu können. Durch die Umsetzung dieser Pläne könnte auch die europäische Energieversorgungssicherheit gewährleistet werden. Zahlen und Fakten zum Energiemarkt in der Türkei Die Türkei ist ein Entwicklungsland wie China und auch wie Zentralasiatische Turkstaaten. Deswegen hat das Wachstum der türkischen Wirtschaft steigt jährlich immer höher. Dabei die Anzahl der türkischen Bevölkerung ist auch jährlich immer steigend. Aus dieser Gründe hat sich der Energieverbrauch in der Türkei in den letzten 15 Jahren verdoppelt, was mit einem enormen Wachstumspfad einhergeht. Prognosen gehen davon aus, dass der Energieverbrauch der Türkei sich von heute bis 2023 nochmals fast verdoppeln wird (Rolle, 2016:3). Der Energieverbrauch ist direkt proportional zu Entwicklung und Wachstum der Länder. Je mehr Energie ein Land verbraucht, desto größer ist die wirtschaftspolitische und sozioökonomische Entwicklung. Die Türkei ist aber ein armes Land in Bezug auf die fossilen Energieträger wie Erdöl und Erdgas, deswegen deckt das Land 75 % seines Energiebedarfs durch Importe ab. Über 99 % des 145 türkischen Gasbedarfs und über 92 % des Ölbedarfs jährlich stammen aus dem Import. Die Türkei verbrauchte im Jahre 2015 38,8 Mio. Tonnen Erdöl, 43,6 Mrd. Kubikmeter Erdgas und 34,4 Mio. Tonnen Öläquivalent Kohle (Karagöl u. a., 2016:6). Deswegen benötigt das Land jährlich viel zu viele Devisen für den Energieimport, und zwar in solchem Ausmaß, dass es in einigen Jahren ungefähr 50 Mrd. Dollar für Energieimport bezahlt haben wird. Das verursacht ein großes Leistungsbilanzdefizit, das 2014 43,6 Mrd. Dollar betrug, 2015 32,1 Mrd. Dollar und 2016 32,6 Mrd. Dollar (Özalp, 2019: 547). Wie viel die Türkei jährlich für Energieimporte zahlt und wie groß das jährliche Leistungsbilanzdefizit in der Türkei ist, hängt von den schwankenden Energiepreisen ab. Seit 2014 sinken die Energiepreise. Im Juni 2014 betrug der Erdölpreis pro Barrel 113 Dollar. Infolge der Sanktionskrise (März 2014) wegen des Ukraine-Konflikts zwischen EU/USA und Russland sanken die Erdölpreise 2015 auf 52,3 Dollar pro Barrel, im Jahr 2016 sanken die Preise folglich weiter (Karagöl u. a., 2016: 12). Laut türkischem Statistikamt bezahlte die Türkei 2016 für die gesamten Energieimporte ca. 27,155 Mrd. Dollar, was bedeutet, dass sie ca. 30 % weniger für Energieimporte bezahlte als 2015 (Özev, 2017: 22). Deshalb ist der Rückgang des Leistungsbilanzdefizits in den Vordergrund getreten. 146 Abbildung 5: Die türkische Energieabhängigkeit – Verhältnis zwischen 1990 und 2015 in Prozent Quelle: TP, 2017, S. 31 Laut Prognosen des staatlichen türkischen Energieunternehmens TPAO nimmt die Energieimportabhängigkeit der Türkei immer weiter zu. Diese steigende Abhängigkeit in den Jahren 1990 bis 2015 ist in Abbildung 5 zu sehen. Die Abhängigkeit ist im Jahre 2009 im Zuge der weltweit entstandenen Wirtschaftskrise nur kurz zurückgegangen. Seitdem steigt sie wieder permanent. Abbildung 6: Verteilung des türkischen Energieverbrauchs nach Primärenergien im Jahr 2015 in Prozent Quelle: TP, 2017: s. 30 Kohle; 27 Erdöl; 30 Erdgas; 31 Hydro; 4,5 Andere Erneuerbar; 7,5 Kohle Erdöl Erdgas Hydro Andere Erneuerbar 147 Die fossilen Energieträger spielen im gesamten türkischen Energieverbrauch eine wesentliche Rolle. 2015 deckte die Türkei ihren Energiebedarf zu 88 % durch fossile Energieträger. Wie Abbildung 6 zu entnehmen ist, entfielen dabei auf Erdgas 31 %, auf Erdöl 30 % und auf Kohle 27 %. Der Anteil der erneuerbaren Energie betrug nur 12 %. Die Türkei ist in Bezug auf fossile Energiereserven ein energiearmes Land. Deswegen sollte die Türkei noch mehr Anstrengungen darauf verwenden, „alternative Träger“ (wie Sonne, Wasserkraft, Windkraft, Biomasse und Nuklearenergie) weiterzuentwickeln. Abbildung 7: Verteilung der türkischen Erdölimporte nach Ländern 2016 Quelle: TP, 2017: s. 33 Abbildung 7 zeigt die Verteilung der türkischen Erdölimporte im Jahr 2016 nach Ländern in Prozentangaben. Die Türkei importiert über 90 % ihres Ölverbrauchs aus verschiedenen Staaten. 2016 kam der türkische Ölimport zu 22 % aus dem Irak, zu 19 % aus Russland, zu 18 % aus dem Iran, zu 10 % aus Indien, zu 6 % aus Kuwait, zu 6 % aus Saudi-Arabien, zu 4 % aus Israel und zu 14 % aus anderen Staaten. Beim Erdölimport der Türkei gibt es eine enorme Diversifizierung. Die Diversifizierung der Energiepipeline-Routen und -Bezugsquellen leistet einen großen Beitrag zur Energieversorgungssicherheit der Staaten und sorgt für Stabilität. Falls es in einer Krisensituation zwischen den Staaten zu einer Irak; 22 Russland; 19 Indien; 10 Kuweit; 6 Saudi-Arabien; 6 Israel; 4 Iran; 18 Andere; 14 Irak Russland Indien Kuweit Saudi-Arabien Israel Iran Andere 148 Unterbrechung der Energielieferung kommt, könnte der Energie importierende Staat sich entschließen, andere Energielieferanten und -lieferrouten zu finden, weil die Energiesicherheit eine wichtige Säule für die Sicherheit des Staates ist. Abbildung 8: Verteilung der türkischen Erdgasimporte nach Ländern 2016 Quelle: TP, 2017: s. 33 Der Erdgasverbrauch spielt eine herausragende Rolle im Gesamtenergieverbrauch der Türkei. Auch in Bezug auf ihre Erdgasreserven ist die Türkei ein armes Land. Deswegen deckt sie über 99 % ihres Bedarfs durch Importe ab. Abbildung 8 zeigt die Verteilung der türkischen Erdgasimporte 2016 in Prozent. Beim Erdgas ist der Diversifizierungsgrad wesentlich geringer als beim Erdöl. Die Türkei importiert mehr als Hälfte ihres Bedarfs aus Russland. 2016 bezog die Türkei ihr Erdgas zu 53 % aus Russland, zu 17 % aus dem Iran, zu 14 % aus Aserbaidschan, zu 9 % aus Algerien, zu 3 % aus Nigeria, zu 2 % aus Katar und zu 2 % aus anderen Staaten. Beim Erdgas sollte die Türkei ihre Bezugsquellen und Pipeline-Routen noch mehr diversifizieren. Tabelle 1: Ausbauziele der erneuerbaren Energien in der Türkei bis zum Jahr 2023, in MW Wasserkraft 34.000 MW Windkraft 20.000 MW Russland; 53 Algerien; 9 Iran; 17 Katar; 2 Aserbeidschan; 14 Andere; 2 Nigeria; 3 Russland Algerien Iran Katar Aserbeidschan Andere Nigeria 149 Geothermie 1.000 MWe7 Photovoltaik und CSP (Sonne) 5.000 MW Biomasse 1.000 MW Anteil install. Kapazitäten 49 % (61.000 MW) Anteil an Stromerzeugung 38 % (159.433 GWh) Quelle: Rolle, 2016, S. 22 Die Energiewende und die Energieeffizienz leisten einen enorm hohen Beitrag zur Energiesicherheit. Auf dem Weg zur Energiesicherheit ist die Nutzung alternativer Energieträger sehr wichtig. Andernfalls muss die Türkei für den Energieimport vermehrt Devisen aufbringen und bekommt ihr steigendes Leistungsbilanzdefizit nicht in den Griff. Das türkische Energieministerium äußerte sich über das Ziel betreffend die erneuerbaren Energiequellen bis zum Jahr 2023 folgenderma- ßen: „Die installierten Kapazitäten erneuerbarer Energiequellen (Wind, Sonne und Geothermie) im Jahr 2015 betrugen 5.375,9 MW (8,4 % der Gesamtkapazität) und sie trugen mit ca. 6,3 % zur Stromproduktion bei. Mit der Wasserkraft kommt man auf 31.243,7 MW (42 % der installierten Gesamtkapazität) und der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion lag im selben Zeitraum bei 31,9 %. Damit ist das Ziel eines mindestens 38 %igen Anteils erneuerbarer Energien an der Stromproduktion bis zum Jahr 2023 schon erreicht.“ (Rolle, 2016: 22) Die erneuerbaren Energien sind die saubersten und umweltfreundlichsten Energiequellen. Daher sollte die internationale Staatengemeinschaft noch mehr Investitionen in die wissenschaftliche Erforschung und technologische Umsetzung der Nutzung dieser Energiequellen tätigen. Ein Beispiel für die Umweltfreundlichkeit erneuerbarer Energiequellen ist folgendes: ______ 7 MWe Megawatt elektrisch ist eine Leistungsangabe. Sie bezeichnet die elektrische Leistung des Generators einer Energieumwandlungsanlage. 150 Wenn man mit Sonnenenergie 1 kWh Strom produziert, werden 46 g Kohlenstoff emittiert. Bei Windkraft beträgt dieser Wert 12 g und bei Wasserkraft 4 g. Bei fossilen Energieträgern stellt sich das ganz anders dar. Wenn man mit Kohle 1 kWh Strom produzieren will, werden 1.000 g Kohlenstoff emittiert. Für dieselbe Strommenge (1 kWh), wie oben auch erwähnt wurde, beträgt der Wert bei Erdöl 840 g und bei Erdgas 470 g (ETKB, 2016:2). Der Verbrauch der erneuerbaren Energien ist in den letzten 5 Jahren weltweit deutlich angestiegen. In der Folge wurde in den letzten Jahren die Nutzung von Wind, Sonne und Geothermie billiger. Bei weiteren wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen ist mit weiteren Verbilligungen zu rechnen. Als alternative Energiequellen gibt es zudem noch die Nuklearenergie, die die Türkei bis zum Jahr 2023 unbedingt für sich erschließen will. Die Türkei hat das Ziel, zur Regionalmacht zu werden und zu den Top-10-Wirtschaftsstaaten der Welt zu gehören. In der aktuellen Lage gehört sie zu den 16 größten. Die Türkei wächst schneller als der internationale Durchschnitt. Deswegen braucht die Türkei die Nuklearenergie – nicht nur einfach, um Strom zu erzeugen, sondern auch, um sich weiter zu industrialisieren (Sammann, 2015). Der Atomphysiker Professor Yılmaz Kaptan der Kemerburgaz-Universität aus İstanbul betont, wie wichtig die Nuklearenergie für die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei ist: „Wenn man davon ausgeht, dass der Energiebedarf der Türkei jährlich um weitere sechs bis sieben Prozent wächst, dann wird unser Defizit schon bald von gut 70 auf bis zu 85 Prozent ansteigen. Und all das müssen wir durch Importe decken. Der schnellste Weg, um diese wachsende Energielücke zu schließen, ist die Atomkraft. Die Investitionskosten dafür mögen immens sein, aber die laufenden Kosten danach sind gering.“ (Sammann, 2015) Die Türkei plant seit 2010, eine Nuklearanlage mit Russland aufzubauen. Die Kosten für dieses Kraftwerk sollen bei 20 Mrd. Dollar liegen. Die Lebenserwartung dieser Anlage soll 60 Jahre betragen. Das Kraftwerk soll aus vier Einheiten bestehen, wobei jede Einheit eine Leistung von 1.200 MW haben soll. Das Atomkraftwerk wird im südlichen Teil der türkischen Provinz Mersin Akkuyu aufgebaut und soll bis zum Jahre 2023 151 fertiggestellt werden (ETKB, 2017). Im Rahmen dieses Projekts wurde bereits ein Abkommen zwischen der Türkei und Russland unterzeichnet. Gemäß diesem Abkommen wurden bis 2017 über 300 türkische Studenten zur nukleartechnischen Ausbildung nach Russland geschickt (Akkuyu Nükleer, 2019). Die Türkei arbeitet seit 2013 mit Japan an ihrem zweiten Atomkraftwerksprojekt. Dieses Projekt wird im nördlichen Teil der Türkei in Sinop angesiedelt und soll bis 2028 fertig sein. Auch dieses Kraftwerk soll aus vier Einheiten bestehen, von denen jede eine Leistung von 1.120 MW erreichen soll (ETKB, 2017). Der Gesamtenergiebedarf der Türkei betrug 2015 269 Mrd. kWh. Wenn die in Mersin Akkuyu (35 Mrd. kWh jährlich) und in Sinop geplanten Projekte (34 Mrd. kWh jährlich) fertig sind, werden in der Türkei allein von diesen beiden Kernkraftwerken jährlich insgesamt 69 Mrd. kWh Strom erzeugt. Das hätte 2015 25 % des gesamten Strombedarfs der Türkei gedeckt (ETKB, 2016:1). Auf diese Weise könnte die Türkei beim Energieimport Milliarden Dollar sparen. Zusammenfassend beruht die Energiestrategie der Türkei hauptsächlich auf zwei Säulen (Martyna-David, 2013:44): Sicherstellung einer diversifizierten, zuverlässigen und kostengünstigen Versorgung für den Inlandsverbrauch, Position als Schlüssel-Transitland für Energie (Energiedrehscheibe und/oder Energiehub). Geplante und bestehende Pipeline-Projekte, die über die Türkei führen Die Türkei versucht seit den 90er Jahren, die Erdöl- und Erdgasreserven aus Zentralasien und dem Kaspischen Becken über türkisches Territorium nach Westen zu transportieren. Zu diesem Zweck wurden mehrere Pipeline-Projekte entwickelt: Nabucco-Gaspipeline, Baku-Tiflis-Ceyhan-Ölpipeline (BTC), Baku-Tiflis-Erzurum-Gaspipeline (BTE) und Trans- Anatolien-Gaspipeline (TANAP). Von diesen Projekten sind BTC im Jahr 2006 und BTE im Jahr 2007 fertiggestellt worden (Ayata, 2010:60). Leider konnte das in den Jahren 2002–2011 im Gespräch gewesene Nabucco-Projekt nicht fertiggestellt werden (Ercan, 2011: 7). In den letzten Jahren wurde über die Realisierung dieses Projekt fast nie gesprochen. Nun ist die 152 Nabucco Pipeline offenbar gestorben. Aber stad dieser Pipeline, wird die Verhandlungen zu Verwirklichung der Trans Adriatic Pipeline (TAP) zwischen Türkei, Italien, Griechenland und Albanien läuft (TAP, 2019). Durch die BTC-Pipeline werden jährlich 50 Mio. Tonnen Erdöl aus Aserbaidschan/Kasachstan über die georgische Hauptstadt Tiflis bis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan und von dort nach Europa transportiert. 2014 wurden durch diese Pipeline mithilfe von 361 Tankern 259 Mio. Barrel Erdöl nach Europa gebracht. Die Unternehmenspartner des BTC- Konsortiums haben 2016 388,92 Mio. US-Dollar Gewinn erwirtschaftet. Davon gingen 43,09 Mio. Dollar an den staatlichen Energie-Konzern (TPAO) der Türkei (TP, 2019) Bei enorm steigenden Bedarf hat die Türkei eine Möglichkeit aus Aserbaidschan über Tiflis bis zur türkischen Provinz Erzurum (liegt im Norden der Türkei) jährlich mit einer Kapazität über die BTE Pipeline 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas importieren zu können (Özev, 2017:53). Die über die Türkei geplanten und bestehenden Pipelines, die von Osten nach Westen verlaufen, werden als südlicher Korridor bezeichnet. Wie z. B. auf Karte 1 ersichtlich, wurde die Trans Anatolia Natural Gas Pipeline (TANAP) beziehungsweise die South Caucasus Pipeline (SCP) gebaut. Und die Trans Adriatic Gaspipeline (TAP) ist weiter geplant. Dadurch möchte die Türkei ihre Stellung als Energiehub festigen. Das hat zwei Gründe: Die Türkei beabsichtigt einerseits, ihre Energieversorgung und andererseits ihren politischen Einfluss in Europa und auch in der gesamten Region zu sichern (Martyna- David, 2013:47). Mit dieser Strategie könnet die Türkei in der Zukunft eine "Regional Player" und oder auch eine Regionale Macht werden. Das Konsortium der SCP wird Erdgas aus den aserbaidschanischen Gasfeldern Schah Deniz I und II bis zur nordöstlichen Grenze der Türkei liefern. Zum Konsortium der SCP gehören folgende Energie Konzern aus verschiedenen Staaten (mit Prozentangabe): England/BP (28,83 %), Norwegen/Statoil (15,20 %), Aserbaidschan/SOCAR (16,67 %), Russland/Lukoil (10,00), Iran/NIOC (10,00 %), Türkei/TPAO (19,99 %) (TP, 2019). 153 Wie auf Karte 1 zu sehen, wird das Gas, wenn es aus Aserbaidschan durch SCP bis zur nordöstlichen Grenze der Türkei kommt, durch TANAP bis zur nordwestlichen Grenze der Türkei transportiert und dann durch TAP nach Europa. Die Gesamtlänge dieser drei Projekte beträgt 3.500 km, die Gesamtkosten betragen 45 Mrd. Dollar (Erdoğan, 2017: 11). Karte 1: Die Transit-Routen der Pipelines SCP, TANAP und TAP Quelle: BP, https://www.bp.com/tr_tr/turkey/hakk_m_zda/bptuerkiye/shah_deniz_turkey.html, abgerufen am 15.1.2018. Durch TANAP werden jährlich 31 Mrd. Kubikmeter Gas aus Zentralasien über die Türkei nach Westen transportiert werden. Diese Pipeline wurde im Jahre 2018 fertiggestellt und also bis Jahre 2026 wird TANAP mit Gas voll ausgebaut sein. In der ersten Stufe werden zunächst nur 16 Mrd. Kubikmeter Gas transportiert, wovon der Türkei 6 Mrd. Kubikmeter für ihren Inlandsverbrauch zur Verfügung stehen (Erdoğan, 2017:17). Die Anteile der Partner am TANAP-Pipeline-Konsortium sind wie folgt: Aserbaidschan/SOCAR (58 %), Türkei/BOTAŞ (30 %) und England/BP (12 %) (TANAP, 2018). Die Realisierung der Energiepipeline-Projekte (wie BTC, BTE und TANAP) zwischen Aserbaidschan und der Türkei verstärkte die sozio- ökonomischen und wirtschaftspolitischen Beziehungen der beiden Länder. Aserbaidschans Energiekonzern SOCAR hat beispielsweise die türkische petrochemische Firma PETKIM erworben. So hat Aserbaidschan sein finanzielles Engagement auf dem türkischen Energiemarkt erhöht (Martyna-David, 2013:49). Die Kosten für das Projekt TANAP belaufen sich auf 154 10 Mrd. Dollar, die Gesamtlänge beträgt 1.850 km (Erdoğan, 2017:17). Die TAP-Pipeline, der dritte und letzte Teil des südlichen Korridors, wird sich von Edirne nach Griechenland, weiter nach Albanien und unter der Adria bis nach Italien erstrecken. Aserbeidschans Gas wird mit dieser Pipeline über die Türkei nach Europa transportiert. Die Gesamtlänge der TAP-Pipeline beträgt 870 km und die Kosten betragen 4,5 Mrd. Euro (Erdoğan, 2017:18). Auf dem Weg zur Energiedrehscheibe der Türkei gibt es noch eine Pipeline, die Turk Stream heißt. Sie soll zwischen der Türkei und Russland realisiert werden. Zum Bau dieser Pipeline wurde 2014 ein erstes Abkommen zwischen der Türkei und Russland unterzeichnet. Von Russland bis zur Türkei (İstanbul) werden unter dem Schwarzen Meer zwei parallel zueinander verlaufende Pipelines realisiert. Die Kapazität jeder Pipeline beträgt 15,75 Mrd. Kubikmeter, insgesamt macht dies zusammen 31,5 Mrd. Kubikmeter. Eine Linie der Turk Stream Pipeline ist fast fertiggestellt. Die Türkei wird durch Turk Stream 15,75 Mrd. Kubikmeter Gas für ihren Inlandsverbrauch erhalten, der Rest (aus der Zeiten Linie) wird weitertransportiert nach Europa (Turkstream, 2018). Die Türkei hat wegen ihrer geopolitische und geostrategische Lage genug Chancen und Möglichkeiten, durch die bestehenden und geplanten Pipeline-Projekte, eine Energie-Handels Zentrum zu werden. Deswegen, soll die Türkei hier ihre Kräfte nützlich machen, die sich durch ihre geopolitische und geostrategische Lage ergeben zu können. Die bestehenden und geplanten Pipeline-Projekte, die von Russland, dem Kaspischen Meer und dem Nahen und Mittleren Osten über die Türkei nach Westen verlaufen, könnten der Türkei den Aufstieg zur Regionalmacht ermöglichen. Ewa Martyna-David formuliert dazu wie folgt: „Die Erfüllung dieser Strategie soll der Türkei den Aufstieg zu einer regionalen Macht ermöglichen. Diese Position würde auch Ankara helfen, sein außenpolitisches Ziel, »Null-Probleme mit den Nachbarn« zu erreichen. Energie spielt dabei insofern eine bedeutsame Rolle, als in vielen Fällen die Nachbarn fossile Energieträger liefern (z. B. Aserbaidschan) oder kaufen und die Türkei 155 als Partner brauchen. Wegen des Eigentums einer Schlüsselinfrastruktur für den Energietransit wird Ankara aus heutiger Sicht in der Lage sein, diesen Umstand in politischen Einfluss über die Region hinaus transformieren zu können … Die Möglichkeit der Entwicklung zu einer regionalen geopolitischen Macht liegt hauptsächlich in der Kontrolle der Pipelines.“ (Martyna-David, 2013:49) Schlusswort Die türkische und europäische Energienachfrage steigt stetig. Auch die Importabhängigkeit im Zusammenhang mit der Energie nimmt auf beiden Seiten zu. Die gesamten Gasimporte von der Türkei und EU betrugen 2014 202 Mrd. Kubikmeter. Im selben Jahr betrug die gesamte Gasproduktion von beiden Seiten 260 Mrd. Kubikmeter. Die Prognosen zeigen eine weiter steigende Gasnachfrage von Türkei und EU bis 2030. Laut IEA wird der Gasbedarf von der Türkei und EU von 2014 bis 2030 von 262 Mrd. Kubikmeter auf 521 Mrd. Kubikmeter zunehmen, während die interne Produktion beider Seiten bis 2030 auf 194 Mrd. Kubikmeter zurückfallen soll. Das bedingt, dass die Gasimporte von der Türkei und Europa im Jahr 2030 327 Mrd. Kubikmeter betragen werden (TurkStream, 2018). Die EU und die Türkei versuchen, diese steigende Energieabhängigkeit durch alternative Energieträger auszugleichen. Aber die immer weiter steigende Energienachfrage bleibt nach wie vor bestehen. Auf der einen Seite muss Europa für seine Energieversorgungssicherheit seine Energiebezugsquellen und -pipe¬linerouten diversifizieren. Auf der anderen Seite müssen die Staaten wie Russland, die Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres und der Nahe Osten (wie Iran, Irak Katar und Saudi-Arabien usw.), die Energieproduzenten sind, für ihr Wachstum ihre Energiereserven zu den Endverbrauchermärkten in Europa exportieren. In diesem Zusammenhang unternimmt und auch Versuche die Türkei, zwischen Osten und Westen ihre Rolle als Schlüsseltransitland auszubauen und sich zu einem Energiezentrum zu entwickeln. Die Türkei zählt wegen ihrer geografischen und geostrategischen Lage zu den zuverlässigsten und begehrtesten Partnern sowohl für die Energieproduzenten als auch für 156 die Endverbrauchermärkte. Im Rahmen dieser Strategie könnte die Türkei zur Regionalmacht werden. Literaturverzeichnis Ayata Ali, 2010, Die geostrategische Positionierung Turkmenistans als Erdgas- und Erdöllieferant im 21. Jahrhundert, Cumhuriyet Üniversitesi Sosyal Bilimler Dergisi, Aralık 2010, Cilt: 34, Sayı: 2, 87- 93, Akkuyu Nükleer, Projekt zeite Rusya’da Egitm http://www.akkunpp.com/rusyada-egitim, abgerufen, 1.11.2017. Brill Heinz, 2010, Die Bedeutung von Ferngasleitungen für die europäische Energiesicherheit. 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References

Zusammenfassung

Die Türkei befindet sich genau dort, wo sich vier Großräume berühren: Europa, Vorderasien, die eurasische Steppe und der Mittelmeerraum. Die geopolitische Lage der Türkei macht sie zu einem der wichtigsten Länder in der Region.

Mustafa Yıldız und Mustafa Özalp stellen in diesem Sammelband die Türkei in den Fokus der Betrachtungen und fragen nach ihren Beziehungen zu den Nachbarstaaten. In einzelnen Beiträgen untersuchen die Autoren dieses Bandes die Verflechtungen bspw. zu Russland, Armenien, Iran, Syrien, Griechenland und Zypern. Um einen dauerhaften Frieden in der Region zu schaffen, bedarf es einer politischen Stabilität. Das Buch leistet einen Beitrag, die Komplexität des Beziehungsgeflechts zu durchleuchten und somit verständlicher zu machen.