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Elisabeth Sporer

(Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4344-8, ISBN online: 978-3-8288-7255-4, https://doi.org/10.5771/9783828872554

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Studien zu Literatur und Film der Gegenwart Band 14 Leben ist Kommunikation und Kommunikation ist Leben, Kommunikation macht den Menschen aus und begründet seine Freiheit. Wer wissen will, welche Möglichkeiten Kommunikation bereitstellt, der ist gut beraten, sich auch mit Literatur und Film zu beschäftigen. Literatur und Film konstruieren, reflektieren, kommentieren, verfremden, entwerfen Wirklichkeit(en), sie haben den Vorzug, dabei nicht an die Regeln der Realität gebunden zu sein. Die Reihe konzentriert sich auf das, was uns heute am nächsten ist – die Literatur und den Film der Gegenwart. Sie bezieht dabei nicht nur als besonders künstlerisch geltende Arbeiten, sondern populäre Lese- und Filmstoffe, auf Spannung und Un terhaltung zielende Texte und Filme ebenso mit ein. Die von den Arbeiten der Reihe diskutierten Filme und Texte werden als einschlägig angesehen für den Literatur- und Filmbetrieb der Gegenwart und damit auch für die Gesellschaft und die Zeit, in der sie entstanden sind und rezipiert werden. Vorschläge für die Reihe sind jederzeit gern willkommen. Reihenherausgeber: Univ.-Prof. Dr. Stefan Neuhaus Universität Koblenz-Landau, Standort Koblenz, Universitätsstr. 1, 56070 Koblenz neuhaus@uni-koblenz.de Elisabeth Sporer (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten Tectum Verlag Elisabeth Sporer (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten Zugl. Diss. Leopold-Franzens-Universität Innsbruck 2018 Studien zu Literatur und Film der Gegenwart; Band 14 ISSN 2193-9284 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 ePDF 978-3-8288-7255-4 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4344-8 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 653618770 von Africa Studio | shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Biografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Danksagung An dieser Stelle möchte ich meinen besonderen Dank nachstehenden Personen entgegenbringen, ohne deren Mithilfe die vorliegende Dissertation nicht zustande gekommen wäre: Mein Dank gilt zunächst Stefan Neuhaus, meinem Doktorvater, der mich während meiner Zeit an der Universität Innsbruck immer unterstützt hat. Er ist mir von Anfang an beratend und ideengebend zur Seite gestanden und hat mir in vielen Gesprächen geholfen, meine Arbeit zu planen, zu strukturieren und am Ende auszuführen. Ich bedanke mich auch für die Möglichkeiten, die ich während meiner Zeit als Dissertantin bekommen habe: Die Erfahrungen, die ich als Lehrveranstaltungsleiterin, Vortragende bei Tagungen und auch als Moderatorin bei Veranstaltungen sammeln durfte, haben mir auch für meine spätere Arbeitslaufbahn sehr geholfen. Ein besonderer Dank gilt auch Renate Giacomuzzi, die mir die Möglichkeit gegeben hat, am Projekt Autorenhomepages mitzuarbeiten und so wichtige Erfahrungen in allen Bereichen des wissenschaftlichen Arbeitens zu sammeln. Ohne das Projekt wäre die vorliegende Arbeit sicher nicht in der Form zustande gekommen, in der sie heute vorliegt. Auch unsere Gespräche und Diskussionen haben mir sehr bei der Arbeit an der Dissertation geholfen und auch unsere gemeinsamen Reisen zu Tagungen waren für mich unheimlich wertvoll. Außerdem möchte ich mich bei Irene Zanol und Veronika Schuchter bedanken, die mir zu jeder Zeit für fachliche und persönliche Diskussionen zur Seite standen. Ein ganz besonderer Dank gebührt aber meinen Eltern. Sie haben mich immer unterstützt und motiviert. Auch während meiner Dissertation hatten Sie immer ein offenes Ohr für mich und standen mir zur Seite, wo sie konnten. Ohne Euch wäre ich sicher nicht da, wo ich heute bin. V Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1 1 Ziele / Hypothesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.1. 2 Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.2. 3 Bisheriger Stand der Forschung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.3. 4 Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.4. 5 Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.5. 6 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 13 Der Begriff Postmoderne. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1. 13 Merkmale der postmodernen Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2. 20 Identität und Anerkennung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.1. 20 Das Subjekt in der postmodernen Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.2. 25 Die Position in der Gesellschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.3. 26 Soziale Rollen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.4. 28 Symbolisches Kapital . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2.5. 29 Theorie der Inszenierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3 31 Der Begriff der Inszenierung in Sozial- und Theaterwissenschaft . . . . . . . . . . . . . .3.1. 31 Theatralität und Selbstinszenierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2. 36 Was ist Inszenierung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3. 38 Korporalität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.1. 40 Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.2. 41 VII Habitus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.3. 42 Medientheatralität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.4. 42 Authentizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.5. 44 Aufmerksamkeitserzeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.6. 45 Imagepflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.7. 46 Prominenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3.8. 47 Die moderne Inszenierungsgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4. 49 Voraussetzung: Medien, Internet und Informationsflut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4 53 Historie der Informationsflut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1. 53 Das Internet und die Konsumgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2. 56 Aufmerksamkeit und Massenmedien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.3. 58 Autorinszenierung – ein historischer Abriss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5 61 Grundlagen der Inszenierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1. 61 Medien der Inszenierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2. 63 Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.1. 64 Foto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.2. 65 Authentizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.3. 70 Biographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.4. 72 Maske / Verschwinden / Nichtvorhandensein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.5. 75 Skandal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.6. 77 Performance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.7. 78 Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.8. 84 Paratexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.9. 85 Brief und Tagebuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.10. 87 AutorInnen und das Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6 89 Netzliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.1. 96 Literatur im Netz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.2. 100 Textsammlungen und Literaturkritik – digitale Literaturmagazine . . . . . . . . . . . .6.3. 101 Inhaltsverzeichnis VIII Autorenblogs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4. 102 Beispiel: Abfall für alle – Rainald Goetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4.1. 104 Die Dschungel.Anderswelt – Alban Nikolai Herbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4.2. 105 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick . . . . . . . . . . . . . . . .7 109 Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.1. 109 Hypertextprojekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.2. 111 Code Work. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.3. 115 Blogs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.4. 116 Selfpublishing als E-Book . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.5. 116 Was ist eine Autorenhomepage?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8 119 Die Visitenkarte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.1. 122 Die Arbeit im Mittelpunkt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.2. 125 Die Performance im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.3. 134 Meinungen im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.4. 138 Das Marketing im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.5. 143 Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.6. 148 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9 153 Was ist das Web 2.0? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.1. 153 Begünstigungen der Entstehung des Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.2. 155 Woher stammt der Name Web 2.0?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3. 156 Das Web als Plattform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.1. 157 Nutzergenerierte Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.2. 158 Daten stehen im Mittelpunkt der Anwendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.3. 159 Neue Formen der Softwareentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.4. 160 Leichtgewichtige Programmiermodelle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.5. 161 Software, die auf mehreren Geräten genutzt werden kann . . . . . . . . . . . .9.3.6. 161 Inhaltsverzeichnis IX Benutzerführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.7. 162 The Long Tail – Chance für Nischenprodukte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.8. 162 Juristische Herausforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.9. 162 Neue Geschäftsmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.10. 163 Eigene Web-2.0-Ästhetik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.3.11. 163 Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.4. 164 Was sind Social Media? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5. 165 Wiki . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5.1. 168 Weblogs/Blogs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5.2. 170 Podcasts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5.3. 173 Microblogs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5.4. 174 Soziale Netzwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5.5. 176 Social Bookmarking / Social Sharing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5.6. 179 Sonstiges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9.5.7. 180 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10 183 Social Media Marketing oder die Verlagerung von Werbung bzw. PR ins Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.1. 183 Weblogs als Instrument . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.1.1. 186 Microblogs als Instrument. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.1.2. 188 Soziale Netzwerke als Instrument . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.1.3. 190 Podcasts als Instrument . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.1.4. 191 Wikis als Instrument. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.1.5. 192 Beispiele für Marketing 2.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2. 193 Herkömmliche Bewerbung von Büchern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.1. 193 Veranstaltungsankündigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.2. 193 Verbreitung von Rezensionen und Zeitungsartikel verbreiten . . . . . . . . .10.2.3. 194 Videos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.4. 195 Links zu Literatursendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.5. 195 Themenirrelevante Videos, Links, Bilder usw. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.6. 196 Mehrwert durch Kommentare anderer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.7. 196 Fanseiten von Verlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.8. 196 Fanseiten von Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.2.9. 200 Inhaltsverzeichnis X Der Autor auf Facebook . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.3. 201 Facebook als Instrument der Inszenierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.3.1. 202 Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.4. 204 Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.4.1. 204 Der Text im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.4.2. 205 Das Privatleben im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.4.3. 206 Die Performance im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.4.4. 210 Das Marketing im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.4.5. 216 Meinungen im Mittelpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .10.4.6 218 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .11 223 Literaturliste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12 231 Verwendete Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12.1 231 Verwendete Websites . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12.2 243 Autorenhomepages . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12.3 246 Facebook-Fanseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12.4 247 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Inhaltsverzeichnis XI Einleitung Das Internet gehört mittlerweile zum Alltag. Ob wir E-Mails schreiben, einen Begriff ‚googeln‘ oder ein Online-Formular ausfüllen – wir haben täglich mit dem noch relativ jungen Medium zu tun. Es hat die oberste Stelle in der Kommunikation der meisten Menschen eingenommen und ist daher kaum noch wegzudenken. Es gibt kein Büro, das ohne E-Mail-Verkehr, geschweige denn ohne Internetanschluss existieren könnte. Fast jede Firma präsentiert sich im Internet, damit potentielle Kunden die Kontaktdaten schnell finden und sich auf einfache Weise einen Überblick über die Angebote des Unternehmens verschaffen können. Ämter, Universitäten und sonstige öffentliche Institutionen, aber auch Privatpersonen nutzen täglich Dienste, die im Internet angeboten werden. Das World Wide Web erspart einem beispielsweise Amtsgänge oder auch das Einkaufen in Geschäften. Auch der Kontakt mit FreundInnen1 via Facebook oder etwa die Möglichkeit, über Plattformen wie Wikipedia, Wissen allgemein zugänglich zu machen, gehören zu den Vorteilen dieses Mediums. Da das Internet mittlerweile eine so wichtige Rolle in unserem Leben – privat, wie auch in der Arbeitswelt, einnimmt – stellt sich im Bereich der Germanistik die Frage, wie sich diese Entwicklungen auf Autorinnen und Autoren auswirken. Um das Thema etwas zu konkretisieren: Es soll festgehalten werden, dass hier nicht die Frage behandelt werden soll, ob Autorinnen und Autoren das Internet privat nutzen bzw. in welchem Ausmaß sie es für allgemeine Kontakte mit Verlagen, Presse etc. verwenden. Hier ist davon auszugehen, dass Autorinnen und Autoren das Internet so regelmäßig nutzen wie jeder andere Mensch im 21. Jahrhundert. Die Forschungsfragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, beziehen sich auf den Nutzen für Autorinnen und Autoren in 1 1 Die vorliegende Arbeit verwendet für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch die Doppelnennung und das Binnen-I, um durch die Abwechslung den Lesefluss zu verbessern. 1 professioneller Hinsicht bzw. auf die beruflichen Vorteile, die sie durch spezielle Angebote im WWW erzielen. Da das Internet eine Präsentationsplattform darstellt, stellen sich in der vorliegenden Arbeit zunächst folgende grundsätzliche Fragen: Wie können die Möglichkeiten der Präsentation von Autorinnen und Autoren im Internet aussehen? Welche Mittel und Plattformen verwenden sie? Da die Präsentation im Internet auch immer etwas damit zu tun hat, wie man sich darstellen will bzw. wie man sich inszeniert, wird dieser Bereich besonders beleuchtet werden. Hier stellen sich auch die Fragen: Was ist Inszenierung? Wie kann Inszenierung aussehen? Wie hat sich die Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Laufe der Zeit entwickelt? Wie sieht Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet aus? Ziele / Hypothesen Autorenhomepages und Facebookseiten stellen moderne und meist auch kostengünstige Möglichkeiten für AutorInnen dar, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren bzw. Werbung für sich und ihre Werke zu machen. Die herkömmliche, eher statische Form der Homepage ist mittlerweile bei professionell Schreibenden – bzw. deren Verlagen, von denen diese Art der PR häufig betreut und finanziert wird – weit verbreitet. In den letzten Jahrzehnten haben sich Soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs zu wichtigen Instrumenten für Literatinnen und Literaten entwickelt, die sich einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren und so vielleicht auch ein ganz neues Publikum ansprechen wollen. In diesem Zusammenhang ist zunächst zu klären, was die Begriffe Präsentation bzw. Inszenierung bedeuten. Vor allem soziologische Aspekte dieses Themas müssen beleuchtet werden, damit ein Fundament für eine genauere Analyse der Präsentationen im Internet geschaffen werden kann. Das Ziel der vorliegenden Dissertation ist die Beschreibung, Kategorisierung und Analyse der verschiedenen Formen der Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet. Besonders im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der Internetpräsenz. Dadurch soll ein wesentlicher Beitrag zur Beantwortung der grundsätzlichen Forschungs- 1.1. 1 Einleitung 2 frage geleistet werden, wie sich die Präsentation von Schreibenden durch die Möglichkeiten des Webs verändert hat und ständig weiter verändert. In diesem Zusammenhang wird auch ein kurzer Überblick über das Thema ‚Selbstdarstellung von AutorInnen‘ gegeben werden. Eine systematische Analyse soll zeigen, welche Möglichkeiten der Selbstdarstellung bzw. Selbstinszenierung durch die Präsentation im Internet von AutorInnen genutzt werden. Die Analyse soll in Form einer Typologie erstellt werden, die zeigt, welche Arten der Inszenierung am häufigsten vorkommen. Die Arten der Inszenierung werden anhand von Beispielen erläutert. Abschließend soll ein Überblick über die Nutzung des Internets und die daraus entstehenden Möglichkeiten für Schriftstellerinnen und Schriftsteller entstehen. Methoden Die vorliegende Dissertation gibt einen Überblick darüber, wie sich AutorInnen im Internet präsentieren. Neben der Autorenhomepage wird auch die (Selbst-)Präsentation auf Facebook als prägnantes Beispiel für den Bereich Social Media untersucht. Hierfür müssen zunächst die Relevanz bzw. der Einfluss von Internet und sozialen Plattformen in Hinsicht auf das Thema ermittelt werden. Da in dieser Dissertation Überschneidungen von mehreren Forschungsgebieten vorliegen, wird ein Methoden-Mix angewendet, um möglichst viele Aspekte des Themas beleuchten zu können. Weil es sich um ein medienrelevantes Thema handelt, gelangen vor allem Methoden aus dem Bereich der Medienforschung zur Anwendung. Einen wesentlichen Teil wird die Inhaltsanalyse von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten ausmachen sowie eine Typologisierung, welche Art von Inszenierung in erster Linie zu finden ist. Hier stellen sich die Fragen: Wie wird diese Inszenierung inhaltlich vollzogen? Welche Mittel werden hierfür verwendet? Welche Folgerungen bzw. Interpretationen ergeben sich in Hinblick auf das Medium und seine Spezifika? Auch soziologische bzw. kulturwissenschaftliche Fragestellungen werden in der vorliegenden Arbeit zum Tragen kommen. Da der Autor bzw. die Autorin nicht alleine existiert, sondern in einem Netz aus gesellschaftsinterner Beziehungen, ist er oder sie auch von ebenjener Gesellschaft abhängig. Des- 1.2. 1.2. Methoden 3 halb müssen auch das gesellschaftliche und das literarische Feld im Sinne Bourdieus2 untersucht und mit dem Phänomen der Inszenierung im Internet in Verbindung gebracht werden. Bisheriger Stand der Forschung Soweit ersichtlich gibt es bislang weder in der englisch- noch in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft eine Typologisierung von Arten der Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet. Der Akzent der Internet-Forschung lag zu Beginn vor allem im Bereich der Netzliteratur und der Netzkunst3, zu denen mittlerweile grundlegende Arbeiten publiziert bzw. Projekte initiiert wurden. Dieser Forschungszweig steht mittlerweile allerdings nicht mehr im Mittelpunkt. Das Interesse der Forschung hat sich inzwischen mehr auf neuere Formen der Präsentation im Internet verlagert. Beispielsweise wurde die Autorenhomepage als Inszenierungsplattform in einem Artikel von Kerstin Paulsen angerissen und in einigen anderen Publikationen als Randthema genannt.4 Das Thema Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren wurde hingegen schon in mehreren Sammelbänden untersucht. Einen geschichtlichen Überblick bieten Gunter E. Grimm und Christian Schärf.5 Autorinszenierungen im Kontext von Medien wurden von Christine Künzel und Jörg Schönert6 analysiert. Mit diesem Thema befasst sich außerdem der Band „Medien der Autorschaft – Formen literarischer (Selbst-)Inszenierung von Brief und Tagebuch bis Fotografie und Interview“7, herausgegeben von Lucas Marco Gisi, Urs Meyer und Reto Sorg. Eine Typologie und Geschichte schriftstellerischer Inszenierungspraktiken wurde von Christoph Jürgensen und Gerhard Kaiser 1.3. 2 Vgl. Bourdieu 2001, S. 239. 3 Vgl. Arnold 2001; Böhler 2001; Hartling 2009; Heibach 2003; Simanowski 2002; Suter/Böhler 1999. 4 Paulsen 2007, S. 258; knappe Hinweise zur Gattung sind bei Boesken 2010, S. 66 ff. und Ortmann 2001, S. 49f. zu finden. 5 Vgl. Grimm/Schärf 2008. 6 Vgl. Künzel/Schönert 2007. 7 Vgl. Gisi/Meyer/Sorg 2013. 1 Einleitung 4 publiziert.8 Auf ähnliche Weise – allerdings bei weitem ausführlicher – hat sich Carolin John-Wenndorf mit dem Öffentlichen Autor auseinandergesetzt. Nebst dem Entwurf einer feldbasierten, mythologischen Diskursanalyse bietet sie eine Kulturgeschichte der Selbstdarstellung vom Mittelalter bis heute, Praktiken der Selbstdarstellung sowie eine „Kleine Dichtertypologie“9. Allerdings werden auch hier die Themen Website und Facebook-Fanseite nicht näher erwähnt. In den Tagungsbänden Netzliteratur im Archiv10 und Subjektform Autor11finden sich Texte zu Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten. Der Band Subjektform Autor beschäftigt sich zusätzlich noch mit anderen Formen der Inszenierung von Autorschaft. Wichtig für die vorliegende Arbeit ist auch das FWF-Projekt Autorenhomepages, das am Innsbrucker Zeitungsarchiv unter der Leitung von Renate Giacomuzzi zwischen 2011 und 2014 durchgeführt wurde. Dieses Projekt stellt die Grundlage der vorliegenden Forschungsarbeit dar und gibt auch den erforschten Korpus, gerade im Bereich der Autorenhomepages, vor. Die Archivierung wurde in Zusammenarbeit mit dem Internet Archive in San Francisco im Rahmen des Services Archive-it durchgeführt. Mit Beendigung des Projekts im Jahr 2014 wurde auch die Sammlung abgeschlossen, auf Anfrage werden für Forschungszwecke jedoch auch weiterhin neue Quellen aufgenommen.12 Aufbau der Arbeit Damit das Thema der Inszenierung genauer unter die Lupe genommen werden kann, wird der erste Teil der Arbeit der Theorie, in erster Linie aus soziologischer Sicht, gewidmet sein. Zunächst werden der gesellschaftliche Rahmen und der Begriff der Postmoderne näher erläutert, da diese mit der Inszenierung als Phänomen eng verknüpft sind und die Grundlage für eine Theorie der Inszenierung darstellen. Im 1.4. 8 Vgl. Jürgensen/Kaiser 2011a. 9 Vgl. John-Wenndorf 2014. 10 Giacomuzzi 2017, Sporer 2017. 11 Sporer 2014. 12 Vgl. https://www.uibk.ac.at/iza/sammlungen/webarchiv.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 1.4. Aufbau der Arbeit 5 Weiteren wird es um Rollen, Subjekte und Anerkennung in der postmodernen Gesellschaft gehen. Der nächste Abschnitt wird sich mit der Erläuterung des Begriffs Inszenierung auseinandersetzen. Hier spielen die Korporalität und der Habitus im Sinne Bourdieus sowie das Thema der Anerkennung eine Rolle. Nach der Klärung der soziologischen Grundlagen wendet sich die Arbeit dem Bereich der Medientheorie zu. Hier soll ein kurzer Überblick über den Zusammenhang zwischen Medien, Aufmerksamkeit und Anerkennung gegeben werden, um einen Zusammenhang zwischen den Themen Internet und Inszenierung herstellen zu können. Das darauffolgende Kapitel befasst sich mit einem historischen Abriss des Themas Inszenierung von Autorinnen und Autoren. Auch hier wird vor allem die Frage nach den Medien der Inszenierung in den Mittelpunkt gestellt und anhand von Beispielen erläutert. Als letzter Part vor der Analyse von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten wird das Verhältnis von Autorinnen bzw. Autoren zum Internet untersucht. Hierbei stellen sich die Fragen: Wann und wieso begannen sie das Internet zu nutzen? Auf welche Weise wird das Internet von Autorinnen und Autoren verwendet? Was für Vorteile generieren sie daraus? Auch dieser Teil wird mit einem historischen Überblick beendet werden. Am Ende des theoretischen Teils der Arbeit wird die Gattung Autorenhomepage diskutiert und mit einer Kategorisierung sowie einer Analyse von beispielhaften Autorenhomepages abgeschlossen. Im letzten Teil wird die Inszenierung in Social Media anhand des Beispiels von Facebook-Fanseiten untersucht. Da Social Media eine relativ neue Form im Internet darstellen, wird dieser Begriff bzw. der Begriff Web 2.0 geklärt, um eine Grundlage für die nachfolgende Typologie von Facebook-Fanseiten zu schaffen. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt Der „Autor“13 stellt seit Jahrzehnten ein kontrovers diskutiertes Thema der Forschung dar. 1968 verfasste Roland Barthes seine Schrift Tod des 1.5. 13 Der Begriff „Autor“ wird in diesem historischen Abriss des wissenschaftlichen Diskurses über Autorschaft als Terminus technicus nicht gegendert. 1 Einleitung 6 Autors14. Dieser Beitrag führte dazu, dass die Einbeziehung des Autors in die Interpretation eines Textes als nicht mehr notwendig oder sogar als „naiv“15 betrachtet wurde. Barthes weist in seinen Ausführungen darauf hin, dass in archaischen Kulturen eine Erzählung immer von einem Vermittler kam und deshalb nur die Ausführung gelobt wurde. Der Autor sei eine „moderne Figur, die unsere Gesellschaft hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im französischen Rationalismus und im persönlichen Glauben der Reformation den Wert des Individuums entdeckte [...].“16 Doch nun müsse man, so Barthes, wieder zu einer Betrachtungsweise zurückkehren, bei der der Autor nicht die entscheidende Rolle für den Text spielt. Barthes kommt zu folgendem Schluss: „Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander Fragen stellen.“17 Somit vertritt Barthes – ähnlich wie Julia Kristeva18 – ein Konzept der Intertextualität: Der Text wird nicht vom Autor verfasst, sondern von diesem aus schon vorhandenen Zitaten zu einem neuen ‚Gewebe‘ verarbeitet. Diese Sicht erfordert eine neue Form der Rezeption. Texte sollen nicht „im Hinblick auf einen richtigen und endgültigen Sinn ‚entziffert’ werden; stattdessen sind ihre diffusen Sinngebungsstrategien zu ‚entwirren’“.19 Der Leser dient in diesem System als „Raum, in dem sich alle Zitate, aus denen sich eine Schrift zusammensetzt, einschreiben“20. Auch Michel Foucault beschäftigt sich anknüpfend an Barthes mit der Frage: Was ist ein Autor?21 Foucault ist zwar nicht der Meinung, dass die Kategorie Autor ganz aus dem interpretatorischen Diskurs verschwinden müsse, aber er votiert für eine weiter gefasste Kontextualisierung. Der ‚reale‘ Autor22 sei nicht zentral für den wissenschaftlichen Diskurs. Dafür komme dem Autornamen eine besondere Bedeutung zu: 14 Vgl. Barthes 2000. 15 Jannidis 1999, S. 3. 16 Barthes 2000, S. 186. 17 Barthes 2000, S. 192. 18 Vgl. Angerer 2005. 19 Jannidis 2000b, S. 182. 20 Barthes 2000, S. 192. 21 Foucault 2000. 22 Hiermit ist der Autor als reale Person gemeint. 1.5. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt 7 [...] er besitzt klassifikatorische Funktion; mit einem solchen Namen kann man eine gewisse Zahl an Texten gruppieren, sie abgrenzen, einige ausschließen, sie anderen gegenüberstellen. Außerdem bewirkt er eine Inbezugsetzung der Texte zueinander.23 Somit hat der Autor nicht als ‚reale‘ Person eine Berechtigung im wissenschaftlichen Diskurs, sondern als Ordnungseinheit in bestimmten Diskursen. Auch Foucault sieht den Autor nicht als Genie, sondern ähnlich wie Barthes als ein „Funktionsprinzip, mit dem, in unserer Kultur, man einschränkt, ausschließt und auswählt [...].“24 Diese beiden Positionen sind die prägnantesten in der wissenschaftlichen Debatte, doch waren sie nicht die ersten, die den Autor als Größe in der Interpretation in Frage gestellt haben. Schon in den 1940er Jahren gab es Vertreter des New Criticism, die sich gegen die Einbeziehung der Autorintention in die Interpretation von literarischen Werken aussprachen. William K. Wimsatt und Monroe C. Beardsley postulieren dies in ihrem Aufsatz Der intentionale Fehlschluss25: Hier wird dargelegt, dass die Intention des Autors für die Interpretation irrelevant ist und das Werk in der Folge in den Mittelpunkt rückt. Wir stellten die Behauptung auf, dass die Absicht oder die Intention des Autors weder eindeutig erkennbar noch ein wünschenswerter Maßstab ist, um den Erfolg eines literarischen Werkes zu beurteilen.26 Auch Wolfgang Kayser entwirft in den 1950er Jahren eine Theorie, die sich mit der Instanz „Autor“ auseinandersetzt. Er stellt fest, dass man bei einer Interpretation immer „Autor“ und „Erzähler“ trennen müsse.27 Ein weiterer Ansatz wurde in den 1960er Jahren von Wayne C. Booth verfolgt. Er plädiert dafür, dass der Autor durch das Konzept des „implied author”28 abgelöst werden müsse, der eine Art vermittelnde Instanz zwischen den LeserInnen und dem Autor darstellt. In der Folge geht Wolfgang Iser noch weiter und verschiebt seine Untersuchungen vom Autor auf den „impliziten Leser“29. Auch wenn der 23 Foucault 2000, S. 210. 24 Foucault 2000, S. 228. 25 Wimsatt/Beardsley 2000. 26 Wimsatt/Beardsley 2000, S. 54. 27 Kayser 2000. 28 Booth 2000. 29 Vgl. Iser 1972. 1 Einleitung 8 Autor vielfach als „tot“ oder weniger wichtig angesehen wird, so war und ist die interpretatorische Praxis doch eine andere. So heißt es etwa im Tagungsband Rückkehr des Autors30 im einleitenden Artikel: „Die Praxis der Interpretation(en) literarischer Texte demonstriert vielmehr legitime, ja notwendige Verwendungsweisen des Autorbegriffs, die von der Theoriediskussion nicht angemessen wahrgenommen werden.“31 Auch einzelne Bereiche der Literaturwissenschaft, etwa die Editionswissenschaft, beschäftigen sich weiterhin mit Autoren und deren Biographien. Man kann also nicht behaupten, dass sich die Literaturwissenschaft im Allgemeinen nicht für den ‚realen‘ Autor interessiert habe. Auch außerhalb der wissenschaftlichen Forschung ist der Autor nie aus dem Blickfeld verschwunden. So wird in der Einleitung der Publikation Rückkehr des Autors bemerkt: Wir kaufen uns den ‚neuen‘ Grass, gehen zu Martin Walsers Autorenlesung, protestieren gegen die Verfolgung Salman Rushdies, sehen uns die neueste Shakespeare-Verfilmung im Kino an, suchen in der Buchhandlung unter der Rubrik ‚Frauenliteratur‘ oder füllen im Online-Buchhandel das Suchfeld ‚Autor: Name, Vorname‘ aus.32 Wie man an den vielen Tagungs- und Sammelbänden33, die im vergangenen Jahrzehnt erschienen sind, erkennen kann, werden der Begriff „Autor“ und dessen Einbindung in eine literaturwissenschaftliche Theorie heute immer noch kontrovers diskutiert. Dies hängt unter anderem mit den neuen medialen Voraussetzungen und deren Einfluss auf die Literatur bzw. auf AutorInnen und deren literarische Möglichkeiten zusammen. Die Debatte führte zu einer Sichtweise, die Florian Hartling, der sich in seiner Publikation Der digitale Autor34 ausführlich mit dem Thema Autorschaft und Internet auseinandersetzt, wie folgt auf ironische Weise beschreibt: „Das Internet, so die euphorischen Hypertexttheoretiker, würde den Autor endgültig verabschieden.“35 Zu einer solchen Auffassung kam es durch die Möglichkeit des 30 Vgl. Jannidis 1999. 31 Jannidis 1999, S. 3. 32 Ebd. 33 Hier sind vor allem zu nennen: Bein 2004; Detering 2002; Grimm 2008; Jannidis 1999; Jannidis 2000a; Kleinschmidt 1998; Künzel 2007; Steiner 2009. 34 Hartling 2009. 35 Hartling 2009, S. 9. 1.5. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt 9 WWW, Texte ganz ohne Verweise auf einen Autor (oder zumindest auf einen real existierenden Autor) zu präsentieren oder die Texte im Rahmen eines kollaborativen Projektes eines Autorenkollektivs36 zu veröffentlichen. Hartling stellt folgendes fest: „Kollektive Inhaltsproduktion wie sie bisher vor allem im Onlinejournalismus und bei Online-Enzyklopädien zu finden ist, scheint zuzunehmen und auf literarische Autorschaftsmodelle auszustrahlen.“37 Die neuen Voraussetzungen führten zu einer weiteren, dem entgegengesetzten Entwicklung.38 Autorinnen und Autoren bekamen durch die Plattform Internet eine neue Bühne der (Selbst-)Inszenierung und konnten so wieder in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Auch Florian Hartling meint: An die Stelle des marginalisierten Autors tritt also auch im Internet ein recht lebendiger literarischer Autor, der ganz unterschiedliche Autormodelle realisieren kann, je nach künstlerischer Konzeption und Hyper-Poetik. Das bedeutet, dass sich im Internet als Kommunikations- und Handlungsraum Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit starkem Autorbegriff auch als starke Autoren und Autorinnen inszenieren (z.B. durch gesteigerten Personenkult und Individualisierung).39 Es ist im Internet möglich, sich auf einfache und kostengünstige Weise zu präsentieren. In diesem Zusammenhang kann eine Autorenhomepage das zentrale Mittel zur Selbstpräsentation sein, da sich Autoren auf dieser mit Fotos, Texten, Videos und Audio-Dateien in Szene setzen können. Simone Winko beschreibt die Stellung des Autors im Internet wie folgt: Erwähnenswert ist jedoch, daß das neue Medium zwei der traditionellen Aspekte, die die Zuschreibung eines Texts zu einem Autor hat, in verstärktem Maße auszuprägen hilft: den biographischen und den Authentizitätsaspekt. Biographisches spielt zum Beispiel im Internet eine wichtige Rolle; zahlreiche Autoren ermöglichen es ihren Lesern, per Mausklick zu ihrer Homepage zu gelangen, auf der sie nicht selten ungewöhnlich detaillierte Informationen über ihr Leben, ihre Interessen, weitere Texte und anderes präsentieren.40 36 Hartling 2009, S. 37f. 37 Hartling 2009, S. 10. 38 Vgl. Simanowski 2004. 39 Hartling 2009, S. 10. 40 Winko 1999. 1 Einleitung 10 Autoren können sich im Internet selbst zu einer Marke mit Wiedererkennungswert stilisieren, wie dies ja in der Werbung schon lange üblich ist. Die Tendenz, sich als Autor in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen, ist im deutschsprachigen Raum seit den 1990er Jahren verstärkt zu beobachten, im englischsprachigen Raum schon früher: Autorinnen und Autoren wie auch Verlage scheinen sich seit den 1980er Jahren verstärkt auf Marketingstrategien verlassen zu haben, die mit Techniken der (Selbst-)Inszenierung und der Darbietung von Literatur als „Event“ einhergehen. Spätestens die Popkultur und ihre Autorinnen und Autoren – von Bret Easton Ellis über Nick Hornby bis hin zu den deutschen Literaten von Tristesse Royale – haben inzwischen deutlich gemacht, welche Macht Marken und Labels in der post-modernen Gesellschaft haben können.41 Ein professioneller Auftritt, egal ob bei einer Veranstaltung oder im Internet ist für eine erfolgreiche Selbstvermarktung für Autoren essentiell. Ohne über Verlagsmarketing und Selbstvermarktung Aufmerksamkeit zu generieren, ist es heutzutage schwer, eine Fangemeinde aufzubauen. 41 Künzel 2007, S. 15; siehe auch Niefanger 2002. 1.5. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt 11 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung Der Begriff Postmoderne Wenn man über Formen und Bedeutung der Autorinszenierung unter den heutigen medialen Bedingungen sprechen will, kommt man nicht umhin, auf jene Theorien und Modelle zu verweisen, die weitgehend als gültiges Bild oder Selbstbild unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Hier spielt vor allem der im Sinne von Jean-François Lyotard verwendete Begriff der „Postmoderne“42 eine zentrale Rolle. Auch wenn es den Begriff schon früher gab, hat Lyotards Text Das postmoderne Wissen43 das Verständnis dessen geprägt, was unter Postmoderne ganz allgemein subsumiert wird. Der Terminus selbst ist in der Fachwelt allerdings umstritten.44 So betrachten Welsch45 oder auch Beck46 etwa das, was als Postmoderne bezeichnet wird, nicht als eigene Epoche, sondern als Fortführung der Moderne und finden den Begriff daher unpassend bzw. sogar irreführend. Er suggeriert, dass es sich um etwas komplett Neues handelt, obwohl es in ihrem Verständnis nur eine Weiterentwicklung darstellt. Im Werk Reflexive Modernisierung47 haben Ulrich Beck, Anthony Giddens und Scott Lash als einen gemeinsamen Punkt ihrer Forschung die Ablehnung des Begriffs „Postmoderne“ herausgearbeitet und in der Folge den neuen Begriff der „Reflexiven Modernisierung“ geschaffen, der ihrer Meinung nach offener und daher 2 2.1. 42 Vgl. Lyotard 1997; Welsch 2007; Beck 1986; Beck/Giddens/Lash 1996; Baumann 2008; Reckwitz 2010. 43 Lyotard 1997. 44 Vgl. Welsch 2007, S. 12ff. 45 Welsch 2007, S. 1ff. 46 Vgl. Beck 1986 47 Beck/Giddens/Lash 1996. 13 adäquater ist. So meint Beck im Vorwort zur kontroversen Diskussion um den Begriff der Postmoderne: Wir hielten die sich in die Länge ziehende Debatte um Moderne und Postmoderne für ermüdend, zumal, wie häufig bei solchen Diskussionen, der Ertrag gering war. Mit dem Begriff der reflexiven Modernisierung, selbst wenn er nicht explizit benutzt wird, werden die Fesseln abgestreift, die im Rahmen derartiger Auseinandersetzungen konzeptuelle Innovationen behindern.48 Außerdem findet sich als Kritik am Begriff Postmoderne in der Forschung das Argument, dass aus heutiger Sicht eine derartige Kategorisierung nicht vorgenommen werden könne, da dies erst retrospektiv möglich sei.49 Lyotard gab im Nachhinein selbst zu, dass Postmoderne „wahrscheinlich ein recht unglücklicher Ausdruck“50 sei, da er bestimmte Annahmen impliziere, die von ihm gar nicht gewollt seien, etwa das Ausrufen einer eigenen Epoche, vielleicht sogar im Sinne einer Anti-Moderne: Die Postmoderne kongruiert mit den Forderungen der wissenschaftlichen und künstlerischen Moderne des 20. Jahrhunderts (der ‚Avantgarde-Bewegung‘). Ihr Unterschied von dieser ist nur, daß das, was dort gefordert wurde, jetzt eingelöst wird. Postmoderne ist so der Zustand, in dem die Moderne nicht mehr reklamiert werden muß, sondern realisiert wird.51 Die Postmoderne ist nach Lyotard ein „Gemüts- oder vielmehr Geisteszustand“52, eine Einstellung zu bestimmten Dingen. „Und dazu muß man keineswegs im zu Ende gehenden 20. Jahrhundert leben, sondern kann schon Wittgenstein oder Kant, kann Diderot, Pascal oder Aristoteles geheißen haben.53 Da der Begriff häufig ohne nähere Spezifikation gebraucht wird, soll im Folgenden grob umrissen werden, was er im heutigen Verständnis bedeutet und welche Kennzeichen dabei wichtig sind. In diesem Zusammenhang wird vor allem der Standpunkt von Wolfgang Welsch in 48 Beck/Giddens/Lash 1996, S. 13. 49 Vgl. Welsch 2007, S. 9ff.; Zima 1997, S. 19ff. 50 Lyotard 1986, S. 97. 51 Welsch 2007, S. 36. 52 Vgl. Lyotard 1986, S. 97. 53 Welsch 2007, S. 35. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 14 Unsere postmoderne Moderne54 beleuchtet werden, da hier ein umfassender Überblick geboten wird. Der Begriff der Postmoderne soll nach Welsch nicht als Gegenteil der Moderne bzw. als Anti-Moderne, gesehen werden, sondern als logische Fortführung oder sogar als „radikale Moderne“55. Allerdings grenzt Welsch hier ein. Er spricht von der Spätmoderne, dem 20. Jahrhundert, und nicht von der Neuzeit. Hinsichtlich dieser frühen Moderne kann die Postmoderne sehr wohl in vielen Bereichen als Gegenstück gesehen werden. Vor allem die Pluralität56, ein Charakteristikum der Postmoderne, widerspricht dem Streben auf ein großes Ganzes hin, das in der früheren Moderne angedacht war. Allerdings gab es durch die Avantgarde-Bewegungen in der Spätmoderne neue Entwicklungen, die auf die Postmoderne hinwiesen. Das große Ganze trat in dieser Bewegung in den Hintergrund und das Experimentieren, die Vielfalt und das Nebeneinander vieler Kunstformen wurde zum Standard. Heute sind diese Bestrebungen in den Alltag eingedrungen. Auch wenn Lyotard den Begriff Postmoderne nicht als „historische ‚Periodisierung’“57 verstanden wissen will, ist Welschs Beobachtung doch schlüssig, so dass die Moderne als eine Entwicklung zu sehen ist, die in die Postmoderne übergeht. Der Begriff Postmoderne wird seit mehreren Jahrzehnten in Bereichen wie Philosophie, Soziologie, Literatur, Musik, Architektur und Kunst verwendet und diskutiert. Er bezeichnet einen Wandlungsprozess in diesen und weiteren Bereichen, der als Folge verschiedener zeitgeschichtlicher Faktoren zu sehen ist: Die Veränderungen von der industriellen Produktions- zur postindustriellen Dienstleistungs- und postmodernen Aktivitäts-Gesellschaft, die ökonomische Umstellung von Globalkonzepten auf Strategien der Diversifizierung, die Strukturveränderungen der Kommunikation infolge der neuen Technologien, das neue wissenschaftliche Interesse an nichtdeterministischen Prozessen, und Strukturen der Selbstorganisation, an Chaos und fraktaler Dimension, die philosophische Verabschiedung des rigorosen Rationalismus und Szientismus und der Übergang zu einer Vielfalt 54 Welsch 2007. 55 Welsch 2007, S. 6. 56 Vgl. Welsch 2007, S. XVII. 57 Lyotard 1986, S. 97. 2.1. Der Begriff Postmoderne 15 konkurrierender Paradigmen, all das sind Prozesse, die gewichtige Verschiebungen gegenüber Positionen der Moderne anzeigen.58 Das wichtigste und in allen Bereichen der Postmoderne vorherrschende Kennzeichen ist die Pluralität. „Pluralität“ – so Welsch – […] ist der Schlüsselbegriff der Postmoderne. Sämtliche als postmodern bekannt gewordene Topoi – Ende der Meta-Erzählungen, Dispersion des Subjekts, Dezentrierung des Sinns, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Unsynthetisierbarkeit der vielfältigen Lebensformen und Rationalitätsmuster – werden im Licht der Pluralität verständlich.59 Das Nebeneinander von verschiedenen Meinungen, Strömungen, Anschauungen, von dem die Gegenwart geprägt ist, muss nicht negativ gesehen werden. So meint etwa Markus Gasser: In allen Bereichen der wohlhabenden westlichen Gesellschaft herrscht eine Vielfalt – oder ‚Pluralität’ – von Meinungen, Ideen, Lebenskonzepten und Weltanschauungen, die mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander wirken. Ihr Widerstreit gestaltet die kulturelle Innenarchitektur der Gesellschaft uneinheitlich – oder ‚heterogen’ – und dieser Zustand stellt einen höchsten Wert, ein Ideal dar, das es auch weiterhin zu verwirklichen gilt.60 Das gleichwertige Nebeneinander von verschiedenen Religionen, Weltanschauungen und Meinungen hat zur Folge, dass man einen bestimmten Sachverhalt auf verschiedene Weise betrachten kann, dass es nicht eine einzige, richtige Sichtweise gibt und somit auch keine allumfassende Wahrheit. Auch Welsch betont, dass die Entwicklung hin zu immer mehr Pluralität nicht als Auflösungsvorgang beklagt werden dürfe, sondern als „zuinnerst positive Vision“61 gesehen werden müsse, die „von wirklicher Demokratie untrennbar“62 sei. Welsch sieht dies als eine erstrebenswerte Entwicklung, die sich vor allem gegen jegliche Form von Totalität und Uniformierung wende: „Die postmoderne Vielheit ist als grundlegend positives Phänomen zu begreifen. Wer verlorener Einheit nachtrauert, trauert einem – wie immer auch sublimen 58 Welsch 2002, S. 11. 59 Welsch 2007, S. XVII. 60 Gasser, S. 34. 61 Welsch 2007, S. 5. 62 Welsch 2007, S. 5. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 16 – Zwang nach.“63 Es gibt keine großen Meta-Erzählungen mehr, die für alle verbindlich sind, wie dies in der Neuzeit noch der Fall war. So meint Lyotard: „In äußerster Vereinfachung kann man sagen: ‚Postmoderne‘ bedeutet, dass man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt.“64 Dies führt unter anderem zu dem von Ernst Bloch konstatierten Phänomen der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“65. So gibt es zum Beispiel in hochentwickelten Industriegesellschaften immer noch Religionsgemeinschaften, die von mittelalterlich anmutenden Lebensweisen geprägt sind. Der Verlust des großen Ganzen wird von vielen als negativ betrachtet, da er mit Orientierungsverlust, Unklarheit und Risiko einhergeht.66 Vor allem Zygmunt Bauman67 weist darauf hin, dass es traditionelle Bindungen und Solidarität nicht mehr im gleichen Maß wie früher gebe. Ein Gemeinschaftsgefühl, wie es vor dem 20. Jahrhundert üblich war, sei durch die postmodernen Lebensumstände nicht mehr möglich. Ohne feste Anhaltspunkte werde es immer schwerer, das Leben zu ordnen und die Last der freien Entscheidung zu tragen bzw. zu ertragen. Auch wenn diese neuen Probleme offenkundig nicht zu ignorieren sind, lassen sich durchaus auch positive Aspekte benennen. So bejaht Andreas Reckwitz die Entwicklung, wenn er sich folgendermaßen zur Entstehung des postmodernen Subjekts und zu seinen neuen Freiheiten äußert: Seit dem Humanismus, der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung und dem Liberalismus wird die moderne Kultur von der Idee angetrieben, dass die Ablösung der traditionalen durch eine moderne Gesellschaft die Bedingungen für eine soziale Freisetzung – eine Befreiung des Subjekts aus kollektiven Bindungen – gelegt und den Raum für reflexive, rationale, eigeninteressierte, expressive Individuen geschaffen hat.68 Auch Welsch ist im Übrigen der Ansicht, dass das Leben in der Postmoderne nicht ausschließlich von Nachteilen geprägt ist. Er konzen- 63 Welsch 2007, S. 40. 64 Lyotard 1997, S. 172. 65 Vgl. dazu auch Welsch 2007, S. XVIIf. 66 Siehe Beck 1986; Weber 1973. 67 Bauman 2008. 68 Reckwitz 2010, S. 9. 2.1. Der Begriff Postmoderne 17 triert sich auf den Aspekt der Freiheit und der Möglichkeiten, die durch diese eröffnet werden. Außerdem sieht er in der Postmoderne eine starke Demokratisierung, die auf ethischen Grundlagen basiert, da es zwangsläufig zu Reibungspunkten komme, die diskutiert werden müssten. Es gibt also nicht ein großes, allgemein gültiges Ziel, auf das, ohne dass es hinterfragt würde, von allen hingearbeitet wird, sondern es gibt viele Gruppen mit verschiedenen Zielen. Da sich diese Ziele oft widersprechen, kommt es zu Diskussionen, die im Rahmen einer echten Demokratie gelöst werden müssen. Die Kommunikation zwischen verschiedenen Gruppen ist wichtig für das Zusammenleben und muss, wie Welsch betont, behutsam und gerecht vonstattengehen, damit sie funktioniert. Diese Kommunikation kann als Vielzahl von „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins gesehen werden, die nach bestimmten Regeln funktionieren.69 Durch diese Entwicklung entsteht eine Dynamik, die durch die Globalisierung mittlerweile überregional bzw. sogar weltweit zu Widerständen und Reibungspunkten führt und somit auch zu weltweiter Kommunikation und Diskussion. Auch der Begriff der Vernunft gestaltet sich in der postmodernen Welt neu, da die Pluralität auch eine Pluralität der Rationalität miteinschließen muss. Deren vielfältige Formen sind nicht miteinander vereinbar, was zu neuen Herausforderungen führt. So meint Welsch: Zu entwickeln ist eine neuartige Konzeption von Vernunft, die weder das Maß wirklicher Differenz ignoriert noch Kommunikationsansprüche unnötig preisgibt, sondern sowohl die Grenzen der verschiedenen Rationalitätsformen aufzeigt und wahrt als auch Übergänge und Auseinandersetzungen zwischen ihnen ermöglicht und vollzieht und die darin die klassische Funktion von Vernunft gegenüber den Formationen des Verstandes erneuert.70 Welsch verwendet dafür die Bezeichnung „transversale Vernunft“71. Markus Gasser fasst das Phänomen Postmoderne wie folgt prägnant zusammen: Auch diese ‚Postmoderne’ stellt ein fiktionales Konstrukt dar, ein theoretisches und theoretisch abgehandeltes Kunstwerk, kurz, eine Erfindung, und alles, was ich bisher beschrieben habe, ist mit dieser ‚Postmoderne’ 69 Welsch 2007, S. 5 bzw. 33. 70 Welsch 2007, S. 7. 71 Welsch 2007, S. 317f. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 18 verknüpft: die Legitimationskrise der Philosophie; die Offenheit des Denkens, die eine Offenheit der Form verlangt und voraussetzt, eine essayistische Arbeitswelt also, die jedem Zuendedenken, jedem Denken in Weltanschauungen, in heilsgeschichtlichen Ismen schon formal widersteht; die Entdeckung apokrypher ‚Spielzüge’ in der philosophischen Tradition, die nunmehr als differente Figur erscheint, weshalb die Philosophie – laut Lyotard – auch eine Theorie ihrer selbst sei und ein offenes System, eine willentlich differente Figur werde müsse; die Utopie einer Kultur, deren Schwerpunkt ständig wechselt und daher – ebenso wie der Essay, ebenso wie Lyotards ‚Anti-Modell’ – kein Zentrum aufweist, sondern der Tendenz des Bewußtseins entspricht, sich nicht zu vollenden; die Auflösung sozialer Klassen in Erlebnismilieus; das Schwinden der Distanz zwischen Leben und Kunst in der Verkünstlichung und der freundliche ästhetische Blick auf Gesellschaft, Welt, Wirklichkeit, der sich damit begnügt, anhand vager Begrifflichkeit in sein eigenes Unglück zu investieren; ein lyrisches Denken, das vor Jahrzehnten gestörte Moralkreise wieder zu schließen versucht; und: unsere Unwirklichkeit inmitten aller wahr scheinenden und geglaubten Unwahrscheinlichkeiten.72 Die Realität und die Alltagswelt der Menschen in der westlichen Welt haben sich im Lauf der letzten hundert Jahre offenkundig stark verändert. Allerdings sind diese Veränderungen nicht plötzlich gekommen. Man konnte schon in der Spätmoderne erkennen, dass sich die Gesellschaft in Richtung einer Pluralität entwickelt. Ein wichtiger Aspekt beim theoretischen Blick auf das Thema Postmoderne ist die bereits erwähnte „Dispersion des Subjekts“73. Das Subjekt ist von der Instabilität der Welt und den Folgen, die mit der postmodernen Pluralität und Freiheit einhergehen, stark betroffen. Es gibt im Leben nicht mehr durchgehend eine einzige, klar definierte Rolle, der man gerecht werden muss, sondern mehrere. Das führt zur Auflösung einer einheitlichen Identität zugunsten von mehreren Identitäten. Das Subjekt ist nicht mehr klar vordefiniert und kann sich je nach Situation verschieden verhalten. Man spricht in diesem Zusammenhang von Patchwork-Identität.74 Hier geht Keupp davon aus, „daß Identität sinnvollerweise als ein subjektiver Konstruktionsprozeß zu begreifen ist, in dem Individuen eine Passung von innerer und äußerer 72 Gasser 1998, S. 37. 73 Welsch 2007, S. XVII. 74 Siehe Keupp 2008. 2.1. Der Begriff Postmoderne 19 Welt suchen“.75 So kann sich beispielsweise ein Mensch je nach Situation anders geben. Wenn man mit seinem Chef spricht, wird man sich anders verhalten, als wenn man mit seinem Bruder oder einer Freundin spricht. Dieses Phänomen wird auch „Codeswitching“76 genannt. Somit ist die Identität nach Keupp eines Menschen nicht immer eine einzige, sondern besteht aus mehreren Teilidentitäten, die sich je nach Situation auch ändern können. Merkmale der postmodernen Gesellschaft Identität und Anerkennung Die spezielle Ausprägung einer unverwechselbaren Identität stellt in der postmodernen Gesellschaft nach Misoch „eine grundlegende Voraussetzung für soziales Handeln und interpersonale Interaktion“77 dar, doch ist es für das Individuum in der Gesellschaft wichtig, die eigene Identität anderen klar zu erkennen zu geben. Dadurch wird dem Individuum auch selbst die eigene Identität bewusst, was dazu führt, dass das Individuum diese auch selbst reflexiv betrachten kann. Diese Identität muss konstant sein, da Einschätzbarkeit und Vorhersehbarkeit dazu führen, dass die Person als stimmig gesehen wird. Brüche zwischen der Sicht anderer und der Eigensicht führen zu Verwirrung und bewirken, so Misoch, dass das Ideal von „Einzigartigkeit, Kohärenz, Konstanz und Kontinuität“78 nicht erreicht wird und die Anerkennung eines Subjekts durch die Umwelt leidet. Anerkennung heißt, dass eine Regelung, die von einem Individuum oder einer Gruppe aufgestellt worden ist, gilt und akzeptiert wird. Außer der ursprünglichen Bedeutung – der Wertschätzung – ist sie auch, wie Kristina Nolte, die zum 2.2. 2.2.1. 75 Siehe Keupp 2008, S. 7. 76 Siehe Heller 1988. Dieser Terminus wurde ursprünglich in der Linguistik verwendet, um das Wechseln zwischen Sprachen zu beschreiben. Er kann aber auch umfassender gebraucht werden, um zu beschreiben, dass sich Menschen in verschiedenen Situationen verschieden verhalten bzw. verschiedene Sprachvarietäten anwenden. 77 Misoch 2004, S. 18. 78 Misoch 2004, S. 20. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 20 Thema Anerkennung und Aufmerksamkeit forscht, meint, „die Bestätigung der Akzeptanz einer Existenz und damit einhergehend eine Einschränkung eigener Freiheit“79. Dies bedeutet, dass sich das Individuum einschränkt, da es ein „Vernunftwesen“80 ist. Es opfert die eigene Freiheit, um Chaos zu beenden oder zu vermeiden. Dies lässt sich laut Nolte damit vergleichen, dass in der Menschheitsgeschichte das Individuum die eigene Handlungsfreiheit einschränken musste, um in Sicherheit leben zu können, da der Naturzustand die andauernde Bedrohung der eigenen Existenz bedeutete.81 Die Anerkennung – so Nolte – „[…] ist eine Übereinkunft, die das Zusammenleben erleichtert, weil sie Rechte und Pflichten regelt und damit Verhalten berechenbar macht“82. Das Individuum ist dadurch zwar eingeschränkt, kann dafür aber viele Situationen besser einschätzen und ist vor allem nicht ständig durch andere Individuen gefährdet. „Identitätsbildung ist ein gesellschaftlicher Prozess, bei dem ein Individuum im Spiegel der Anderen einen eigenständigen Charakter entwickelt und die Werte der Gruppe internalisiert.“83 Individuen kämpfen auch für ihren Selbstwert, was Einfluss auf die Gesellschaft hat bzw. gesellschaftliche Veränderungen hervorruft. Wer um Anerkennung kämpft, will Wertschätzung erfahren. Menschen, die sich nicht an die Spielregeln der Gesellschaft halten, wird fehlende Anerkennung oder gar Ablehnung zuteil; Menschen, die sich hingegen daran halten oder die Macht haben, sie in ihrem Sinne abzuändern, erfahren Anerkennung in Form von Wertschätzung. So entsteht ein Wertesystem, das die jeweilige Gesellschaft prägt. Die Reaktionen hängen meist von den moralischen Vorstellungen in einer Gesellschaft ab, die eine Handlung als positiv oder negativ erscheinen lassen. Um sich einen Wert zuordnen zu können, muss das Individuum laut Nolte ein Selbstbewusstsein besitzen, was so viel heißt wie: das Wissen um sich selbst bzw. das Wissen um das eigene Wissen.84 Wenn 79 Nolte 2005, S. 18. 80 Fichte 2001, S. 1. 81 Nolte 2005, S. 18f. 82 Nolte 2005, S. 19. 83 Nolte 2005, S. 20. 84 Nolte 2005, S. 22. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 21 es sich dann als Individuum erkannt hat, begehrt es nach Anerkennung des eigenen Selbst durch andere. In der sozialpsychologischen Theorie beschreibt Identität den unabhängigen Charakter eines Menschen, ein Eigenschaftsmuster, das im Laufe des Lebens erworben wird. Dazu benötigen Menschen andere Menschen, die eigenes Handeln und Wirken spiegeln. Identitätsbildung ist ein gesellschaftlicher Prozess, bei dem im Laufe der Sozialisation die Werte und Ziele der Gemeinschaft in das Wesen des Individuums übernommen werden.85 Somit entsteht die Identität erst durch die Gesellschaft bzw. durch andere Individuen. Doch diese Identität kann sich auch ändern, d.h. sie muss immer wieder aktualisiert werden. Die Wertzuschreibungen bleiben nur so lange bestehen, wie sie von anderen bestätigt werden. Das heißt, dass die Identität eines Menschen zum Großteil von außen und nicht von innen bestimmt ist.86 Man muss zuerst das Bild der anderen von sich selbst erkennen, um in einem reflexiven Prozess schließlich die eigene Identität einordnen zu können. „Nur, wer sich reflexiv auf sich selbst beziehen kann, ist fähig, eine eigene Identität zu entwickeln, und erwirbt mit der Identität die Voraussetzungen für selbständiges Handeln und Denken.“87 Dieses Denken und Handeln ist durch die Gesellschaft und deren Gesetze und Werte bestimmt, die durch die Sozialisation eines Menschen in dessen Identität eingeprägt sind. Daher ist die das Individuum umgebende Welt sehr wichtig für die Identitätsbildung und auch für Rollenverhalten und Persönlichkeitsbildung. Schon als Kind sucht sich der Mensch Identifikationsfiguren, meist die Eltern, die er imitiert und deren Rollen er übernimmt. Auch die Sprache, wie Nolte ausführt, ist in diesem Zusammenhang eine wesentliche Komponente: Sprache ist deshalb so entscheidend, weil sie fertige Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster bereithält. Beim Spracherwerb verinnerlichen Kinder einen Baukasten an Zeichen, Lauten, Artikulation, deren Bedeutung, Kombinations- und Verwendungsmöglichkeiten. Sie lernen Welt und wie man in ihr denken und handeln kann.88 85 Nolte 2005, S. 26. 86 Vgl. Nolte 2005, S. 26ff. 87 Nolte 2005, S. 28. 88 Nolte 2005, S. 29. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 22 Man lernt, Werkzeuge und Handlungsmuster zu verwenden, die es einem ermöglichen, auch „intellektuelle Kapazitäten“89 zu nutzen. Die Handlungsmuster begrenzen die Auswahl des Menschen und machen Entscheidungen so einfacher und vorhersagbarer. Dadurch wird auch Wissen über Routinen erlangt. So wird in einer bestimmten Situation das Reagieren nach einem gewissen Muster möglich. „Aus diesem Wissen entstehen Routinen und daraus kann Weiterentwicklung folgen – bei kognitiven genauso wie bei gesellschaftlichen Prozessen.“90 Damit aus einer derartigen immer wiederkehrenden Handlung eine Institution werden kann, ist aber eine bestimmte gesellschaftliche Situation vorauszusetzen, die dauerhaft gleich bleibt, wie z.B. Sesshaftigkeit. In der Folge liegt dann ein gegebenes Handlungsmuster vor. Der Prozess der Individualisierung91 sowie der Umstand, dass das freie, postmoderne Individuum nicht mehr traditionellen und institutionellen Zwängen unterliegt, führt auch zu größerer Freiheit in der inszenatorischen und performativen Gestaltung. Allerdings wird das Subjekt immer auch von seiner Umgebung beeinflusst, von dem, was gerade modern ist oder nicht, von Stil und Geschmack anderer Menschen usw. Es muss ein eigener Stil der Selbstdarstellung gewählt werden, der konsistent eingehalten wird, damit das Umfeld nicht mit Unverständnis reagiert. Das postmoderne Individuum verspürt ein Geltungsbedürfnis, es will akzeptiert und anerkannt werden, indem es seine Individualität hervorhebt und inszeniert, ein – so Willems – „immer unbestimmteres, immer offeneres Selbst, das mit entsprechender Theatralität immer wieder neu ‚konstruiert‘ und ‚definiert‘ werden kann und muss.“92 Reckwitz fasst die bereits erwähnten Phänomene unter dem Titel Das hybride Subjekt93 zusammen und stellt vor allem den Zusammenhang zwischen Subjekt und Gesellschaft in den Mittelpunkt. Er geht davon aus, dass dieses neue Subjekt in einer Doppelstruktur lebt, die oft als Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft beschrieben 89 Ebd. 90 Nolte 2005, S. 30. 91 Willems 1998, S. 45f. 92 Willems 1998, S. 45. 93 Vgl. Reckwitz 2010. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 23 wird. Somit ist das Subjekt einerseits einer Freiheit ausgesetzt, die sich auf ökonomischer, politischer oder auch familiärer Ebene äußert, andererseits gibt es auch Tendenzen, diese Freiheit auf den gleichen Ebenen wieder einzudämmen. Die Deutung der Moderne94 bewegt sich hier entlang eines Kontinuums zwischen einer Diagnose von individueller Freiheit und einer Diagnose von sozialer Kontrolle oder – anders akzentuiert – zwischen autonomer Vereinzelung und sozialer Integration.95 Reckwitz sieht in dieser Tendenz „zwei Seiten eines Prozesses“96. Für ihn ist es ein Charakteristikum der Postmoderne, […] dass sie spezifische kulturelle Formen produziert, denen entsprechend sich der Einzelne als ‚Subjekt’, das heißt als rationale, reflexive, sozial orientierte, moralische, expressive, grenzüberschreitende, begehrende etc. Instanz zu modellieren hat und modellieren will.97 Es geht hier nicht um den Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft, sondern um „eine Sequenz sozio-kultureller Subjektformen, von ‚Subjektivationen’, von Subjektkulturen“98. Es gibt in der Postmoderne keine eindeutige Subjektstruktur. Das Subjekt hat eben keine definitive Form. Die Definition des Subjekts ist eher eine Art offene Frage, auf die es immer wieder neue Antworten gibt. Das Subjekt ist also durch eine hybride Struktur gekennzeichnet, die sich immer wieder ändern kann. Identität entsteht nicht mehr durch Anpassung. Jeder und jede will herausragen, jeder und jede will ein Original sein. Die Anonymisierung des Lebens in einer globalen Welt führt dazu, dass man nicht untergehen will zwischen all den anderen Menschen und deshalb eine Besonderheit darstellen möchte. Um dies zu bewerkstelligen, darf man allerdings nie auf andere langweilig wirken, weshalb das Selbst als lebenslanges Projekt zu sehen ist. 94 Reckwitz verwendet nicht den Terminus „Postmoderne“, sondern geht ebenfalls davon aus, dass diese Epoche nur eine Weiterführung der Moderne darstellt. 95 Vgl. Wagner 1994, S. 3ff. 96 Reckwitz 2010, S. 10. 97 Ebd. 98 Reckwitz 2010, S. 10f. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 24 Das Subjekt in der postmodernen Gesellschaft Vor allem durch die Globalisierung und durch den Machtverlust weltlicher sowie geistlicher Instanzen ist das Subjekt99 heute auf sich gestellt. Es geht nicht mehr so sehr um Gruppen in der Gesellschaft als um Individuen, die für sich selbst entscheiden können. Allerdings muss sich nicht jedes Subjekt ganz und gar für diese Freiheit entscheiden. Es gibt die Möglichkeit, für sich Strukturen zu suchen, die Vorgaben anbieten, Vorbildern nachzueifern oder sich in Gruppen einzugliedern, die rigidere Strukturen vertreten. Durch Veränderungen des Subjekts bzw. seiner Umgebung kann es dazu kommen, dass sich ein Subjekt gravierend ändert und neue Wege einschlägt. Reckwitz meint zu diesem „hybriden Subjekt“: Die Moderne produziert keine eindeutige, homogene Subjektstruktur, sie liefert vielmehr ein Feld der Auseinandersetzung um kulturelle Differenzen bezüglich dessen, was das Subjekt ist und wie es sich formen kann. Kennzeichnend für die Moderne ist gerade, dass sie dem Subjekt keine definitive Form gibt, sondern diese sich als ein Kontingenzproblem, eine offene Frage auftut, auf die unterschiedliche, immer wieder neue und andere kulturelle Antworten geliefert und in die Tat umgesetzt werden können.100 Diese Tatsache macht das postmoderne Subjekt instabil und beinhaltet auch die Möglichkeit des Scheiterns des Subjekts bei seiner Suche nach Identität. Das Subjekt existiert nicht alleine, sondern immer im Zusammenhang mit anderen, es interagiert in der Gesellschaft mit anderen Subjekten. Daher ist es nicht nur das, was es selbst glaubt zu sein, sondern auch das, was die anderen in ihm zu sehen glauben. So besteht seine Identität sowohl aus den Erwartungen des Umfelds wie auch aus den Antworten auf diese Erwartungen. Das Subjekt will meist steuern, wie es auf andere Subjekte wirkt. Es will seine Realität zur Realität der anderen Subjekte machen, diese sollen sich ein gewünschtes Bild von ihm machen. Allerdings ist jedem Subjekt eine gewisse Rolle zugedacht, die im Blick der anderen dominiert. Es muss Strategien entwickeln, um hervorzustechen und sich abzuheben. 2.2.2. 99 Vgl. Reckwitz 2008; Keupp 2008; Prisching 2010. 100 Reckwitz 2010, S. 14. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 25 Autorinnen und Autoren bewegen sich hier auf einem schmalen Pfad. Um Anerkennung im literarischen Feld zu erreichen, müssen sie etwas Besonderes schaffen. Dies kann zu der von Bourdieu analysierten „verkehrte[n] ökonomische[n] Welt“101 führen: Ein Autor oder eine Autorin, der oder die sich durch Abgrenzung hervorhebt, riskiert, von weiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt zu werden. Er schreckt somit potentielle Kunden ab. Da es für KünstlerInnen wichtiger ist, im jeweiligen künstlerischen Feld angesehen zu sein, wird der Verlust der Anerkennung der übrigen Gesellschaft in Kauf genommen. Durch andere Formen des Hervortretens, etwa mediale Auftritte oder Skandale, kann es aber auch dazu kommen, dass der Autor bzw. die Autorin von seinem künstlerischen Feld zunächst abgelehnt wird. In diesem Fall kann er dann entweder, je nach Auftritt, bei der übrigen Gesellschaft an Ansehen gewinnen und z.B. kommerzielle Erfolge feiern – oder es kann passieren, dass er von keiner Seite seiner Umgebung mehr anerkannt wird. Auch Ulrich Beck hat sich mit den Gegebenheiten der heutigen Gesellschaft beschäftigt und sich damit auseinandergesetzt, dass das Leben heute viel riskanter ist als früher. Man ist für mehr Dinge selbst verantwortlich, muss mehr selbst entscheiden – was auch bedeutet, dass man die Schuld in vielen Situationen nicht mehr auf andere abwälzen kann. Es ist viel leichter, soziale Bindungen zu verlieren und so zu vereinsamen. Das Leben ist allgemein unsicherer als früher, mit wenigen Konstanten, und die Freiheit wird oft eher als Bürde gesehen. Es gibt jedoch mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten, man darf Entscheidungen für sich selbst treffen und so sein Leben in die Hand nehmen, man ist autonom und von vielen sozialen Zwängen befreit.102 Die Position in der Gesellschaft Für das postmoderne Subjekt ist es wichtig, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden bzw. sich diesen zu schaffen. Schon immer wurde durch den jeweiligen Grad und die Art der Anerkennung festgelegt, 2.2.3. 101 Bourdieu 2001, S. 134ff. 102 Vgl. Beck 1986; Beck/Giddens/Lash 1996. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 26 welche Position einem Menschen in der Gesellschaft zufällt. Zu dieser Position gibt es dann verschiedene Rollenmuster und Eigenschaften, die man lernt und befolgt, um diese Position nicht zu verlieren. Positionen bestimmen bedeutet, den eigenen Wert in Bezug zu dem Wert anderer Menschen zu setzen. Aus diesem Vergleich entstehen Minderwertigkeitsgefühle, wenn wir an uns Mängel entdecken und Überlegenheitsgefühle, wenn wir etwas besser können.103 So entstehen verschiedene Schichten in der Gesellschaft, wobei die ranghöheren Individuen mehr Aufmerksamkeit erhalten als die rangniedrigeren. Pierre Bourdieu beschäftigt sich in seinen Arbeiten intensiv mit der Position in der Gesellschaft. Bei seinen Forschungen zum sozialen Raum konzentriert er sich auf die Positionen innerhalb des sogenannten „Machtfeldes“104. Die Beziehungen und Positionen basieren auf einer Wertestruktur. Die Position beschreibt dabei einen festen Punkt in der Struktur. Da die Bewertung der Struktur verhandelbar ist, befindet sich die Gesellschaft in einem permanenten Statuswettbewerb, in einem Kampf um die gesellschaftliche Wertigkeit der einzelnen Positionen.105 Die Attribute des sozialen Raums unterliegen immer einer Wertung. Die verschiedenen Gruppen des Raums repräsentieren verschiedene Lebensstile und bilden so Statusgruppen. „Die Positionen innerhalb eines Feldes definieren sich nach der Verteilung der begehrten knappen Ressourcen, die Bourdieu in ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital unterteilt.“106 Die Verteilung dieser Ressourcen bestimmt dann die Stellung des einzelnen Menschen in einem sozialen Feld. In verschiedenen Feldern bilden sich durch unterschiedliche Merkmale bestimmte Ränge aus, die eine Hierarchie ergeben. Außerdem kann man feststellen, dass in dieser Hierarchie nahe nebeneinanderliegende Positionen durch ähnliche Lebensmuster und Geschmacksvorstellungen verbunden sind. Menschen geben sich so, wie 103 Nolte 2005, S. 31. 104 Vgl. Bourdieu 1992. 105 Nolte 2005, S. 32. 106 Ebd. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 27 es sich für ihre Position ‚gehört’. Sie ordnen sich die Attribute zu, die man in der jeweiligen Stellung glaubt, haben zu müssen. Dies geschieht meist unbewusst. Somit treten ganz automatisch bestimmte Eigenschaften in bestimmten Gruppen häufiger auf. Nolte meint in diesem Zusammenhang: Die Position eines Menschen spiegelt sich in seiner gesamten Erscheinung, seinen Haltungen und seinem Handeln, dem Habitus. Der Habitus ist eine Wahrnehmungs-, Denk- und Bewertungsstruktur eines Menschen, der die soziale Position des Handelns offenbart.107 Heute ist die Position in der Gesellschaft nicht mehr unbedingt von einem physischen Ort abhängig, da durch Internet und andere Massenmedien eine globale Gesellschaft entstanden ist. Es ist vor allem mit Macht und Rang verbunden, ob und woher man Informationen bekommt. Da durch die Massenmedien im Sinne Luhmanns108 den meisten Menschen die gleichen Informationen zur Verfügung stehen, sind die im Vorteil, die sich zusätzliche, besondere Informationen beschaffen können. Soziale Rollen Jeder Mensch ‚spielt‘ eine bzw. seine soziale Rolle. Die Rollen ergeben sich aus der Position innerhalb der sozialen Struktur. Allerdings ist die Rolle dynamischer als die Position und muss daher ständig aktualisiert werden. „Die soziale Rolle ist die Summe der Vorstellungen von dem Verhalten, das mit der Rolle verbunden wird. Wesentlich ist die Erfüllung der an die Rolle gestellten Erwartungen, wie zum Beispiel die Fürsorge der Mutter.“109 Ebenso wie die Position ist auch die Rolle von Werten der Gesellschaft abhängig und auch sie ist mit einem bestimmten Status verknüpft. Man muss immer in dieser Rolle bleiben bzw. diese realisieren, um auch den Status zu behalten. Dafür muss man sich an die Regeln der Rolle halten. Wenn man diese verletzt, kann er den Status auch wieder verlieren. 2.2.4. 107 Nolte 2005 , S. 33. 108 Vgl. Luhmann 2017. 109 Nolte 2005, S. 34. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 28 Die Rolle, in der ein Mensch sich präsentiert, ist die individuelle Interpretation eines allgemeingültigen Schemas, das deshalb so wirkungsvoll ist, weil es von den anderen Mitgliedern einer Gemeinschaft intuitiv erfasst werden kann. In der Rolle kommen Stereotype der Kultur zum Tragen.110 Jedes Individuum hat jedoch nicht nur eine Rolle, sondern gleich mehrere. Es gibt verschiedene Arten von Rollen, einerseits solche, die man sich nicht aussuchen kann, etwa die Rolle in der Familie (Mutter, Tochter, Ehefrau etc.), andererseits solche, die man sich erwirbt, etwa diejenigen, die mit dem Beruf im Zusammenhang stehen (Angestellter, Vorgesetzter usw.). Und dann finden sich noch individuelle Rollen für bestimmte Situationen. Rollen machen Verhalten vorhersehbar und bilden einen Rahmen dafür, wie man sich zu verhalten hat. Rollen sind immer an bestimmte Situationen gebunden, was dazu führt, dass durch soziale Veränderungen auch andere oder neue Rollenansprüche entstehen. Ein Problem im Zusammenhang mit der postmodernen Gesellschaft besteht darin, dass sich die familiären Strukturen bzw. die Geschlechterrollen geändert haben. Die meisten Frauen üben heute einen Beruf aus und bleiben nicht zu Hause bei den Kindern. Dies hat einerseits gesellschaftliche Gründe, da Frauen heute viele Möglichkeiten haben, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, was früher nicht der Fall war. Andererseits zwingen auch die wirtschaftlichen Verhältnisse, vermehrter Konsum und schwindende Sozialleistungen Frauen dazu, arbeiten zu gehen. Symbolisches Kapital Mittlerweile gilt es in sämtlichen Bereichen der Wissenschaft als Konsens, dass „Wirklichkeit“ immer als ein Konstrukt zu sehen ist. Um es mit Nolte zu formulieren: „Wirklichkeit ist Interpretationssache und gesellschaftliche Wirklichkeit eine Übereinkunft.“111 Dies führt dazu, dass es viele verschiedene Sichtweisen auf die Welt gibt und keine als absolut gültig bezeichnet werden kann. Dennoch wird – häufig in harten Auseinandersetzungen – immer wieder versucht, eine bestimmte 2.2.5. 110 Ebd. 111 Nolte 2005, S. 35. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 29 Weltsicht in besonderer Weise zu legitimieren. In diesem Zusammenhang ist nun das sogenannte „symbolische Kapital“112 wichtig. Man braucht immer Macht, um die eigene Sichtweise durchzusetzen. Hierfür muss die Macht auch als Macht anerkannt werden. Dies kann durch ökonomisches, soziales oder auch symbolisches Kapital erfolgen. Jeder Kampf um die ‚richtige‘ Weltsicht ist auch ein Kampf um Anerkennung. Menschen, die mächtig sind, sind dies dadurch, dass ihre Position anerkannt ist und sie deshalb die Wahrnehmungsstrukturen zu ihren Gunsten beeinflussen, d.h. Wirklichkeit schaffen können. Symbolisches Kapital ist nun der Gewinn von Anerkennung und somit Macht. Es bietet damit auch die Möglichkeit, selbst Anerkennung zu verteilen und sich im Feld besser durchzusetzen. Durch das symbolische Kapital hat das Individuum einen gewissen „Vertrauensvorschuss“ und kann mit „Konsens- und Folgebereitschaft“113 rechnen. Die besten Chancen dafür, dass Änderungen akzeptiert werden, liegen dann vor, wenn sich Änderungen als nicht zu gravierend erweisen. Hierbei ist die Sprache ein wichtiges Instrument, um sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. „Symbolische Macht ist die Macht, Dinge mit Wörtern zu schaffen.“114 112 Vgl. Bourdieu 1993, S. 207ff. und Nolte 2005, S. 35ff. 113 Vgl. Habermas 1982, S. 272. 114 Bourdieu 1992, S. 153, Bourdieu bezieht sich hier kritisch auf Austin 1986, der den gesellschaftlich-strukturellen Hintergrund nicht in seine Sprechakttheorie einbezieht. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 30 Theorie der Inszenierung Der Begriff der Inszenierung in Sozial- und Theaterwissenschaft Dass es in unserer Kultur zwischen dem Theater und unserer Alltagswelt Parallelen gibt, wird auch von der Soziologie immer wieder thematisiert.115 Die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Theater und unserer Welt im Allgemeinen sind allerdings auch klar ersichtlich. Einerseits ist das, was auf der Bühne geschieht, im Gegensatz zur uns umgebenden Welt, nicht real, sondern nur ein Spiel bzw. eine gespielte Welt, andererseits verschwimmen die klassischen Kategorien des Theaters, der SchauspielerInnen und des Publikums in der realen Welt zunehmend. AkteurInnen sind potentiell beides, SchauspielerInnen und ZuschauerInnen. Der Vergleich zwischen Theater und Alltagswelt liegt auf der Hand, sind doch zwischen den jeweiligen Mechanismen Ähnlichkeiten zu erkennen, vor allem, wenn man auf den Bereich der Medien schaut. Auftritte von Individuen in Shows, Fernsehsendungen und bei sonstigen öffentlichen Events zeigen deutlich, dass die Situation mit der eines Schauspielers auf der Bühne zu vergleichen ist. Auch wenn es kein schriftliches Drehbuch gibt, ist vorauszusetzen, dass sich die Person eine gewisse Dramaturgie und eine gewisse Grundhaltung für die jeweilige Situation vorher überlegt hat. Es ist sinnvoll, bei der Beschreibung und der Analyse von Phänomenen bereits aus anderen Bereichen bekannte Begriffe heranzuziehen. Im Fall der Inszenierung drängt sich eine Metaphorik aus dem Bereich des Theaters geradezu auf und hilft dabei, das Phänomen leichter verständlich zu machen. Dies hat sich auch im Zusammenhang mit der Beschreibung von Vorgängen wie etwa der Inszenierung der eigenen Person bewährt.116 Der Begriff Theatralität bezieht sich 3 3.1. 115 Willems 1998, S. 24. 116 Willems 1998, S. 23ff. 31 hier metaphorisch auf das reale Leben, außerdem steht er für ein Meta-Konzept, das „jegliche Art von (Re-)Präsentation beinhaltet“117. Es darf hier natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass die Alltagswelt nicht als Ganzheit mit dem Theater zu vergleichen ist. Dieses stellt ein Modell dar, das bei Beobachtungen im Bereich der persönlichen Inszenierung angewendet werden kann; allerdings muss es je nach Forschungsfrage mit anderen Modellen in Verbindung gebracht und gemeinsam mit diesen verwendet werden. Eine Gleichsetzung von Welt und Theater wäre nicht sinnvoll und würde auch nicht funktionieren. Durch die Verwendung mehrerer Modelle und Theorien kann man auch einen analytischen Perspektivenwechsel herbeiführen, der die Untersuchung bereichert und ergänzt sowie neue Blickwinkel auf ein Thema zulässt. Es bildet ein Grundgerüst für die Untersuchung von Interaktion im Zusammenhang mit der Inszenierung der eigenen Person, das beliebig erweitert werden kann. So ist das Theater ein Modell, das einen neuen Blickwinkel auf unsere Alltagswelt zulässt und neue Beschreibungen der alltäglichen Interaktion ermöglicht. Am einfachsten ist ein Vergleich von Welt und Theater immer dann, wenn Interaktion stattfindet und es physisch interagierende Personen zu untersuchen gilt. In dieser Situation stehen sich zwei oder mehr Akteure gegenüber und versuchen einerseits zu erkennen zu geben, was sie dem/den anderen vermitteln wollen, andererseits wollen sie auch herausfinden oder interpretieren, was der andere ihnen vermitteln will bzw. was in der Welt passiert. Man weiß durch Erfahrung und Vorwissen in der Regel, was von einem erwartet wird bzw. wie man anderen bestimmte Dinge vermitteln kann, und man versucht, dem möglichst zu entsprechen. Soeffner fasst zusammen: In seiner ‚Rahmenanalyse’ beschreibt Goffman [...] soziale Darstellungsformen, mit deren Hilfe die Gesellschaftsmitglieder sich gegenseitig anzeigen, in welchen erkennbaren, weil typisierbaren Handlungszusammenhängen sie sich gemeinsam mit ihren jeweiligen Interaktionspartnern zu befinden glauben. Sie rekurrieren dabei ganz selbstverständlich auf ein zwar individuell erworbenes, aber immer schon als kollektiv verfügbar und wirksam unterstelltes ‚implizites Wissen’ über das, was ‚man’, wann, wo, mit wem tut, redet und verabreden kann oder nicht kann. Wer über dieses implizite Wissen und über Mittel verfügt, mit deren Hilfe man sich 117 Willems 1998, S. 11. 3 Theorie der Inszenierung 32 als Kenner alltäglicher und kollektiver Handlungs- und Situationstypen zu erkennen geben kann, verfügt zugleich sowohl über ein Typenrepertoire als auch über Darstellungsmittel, in denen Hinweise auf eine spezifische Verwandlung und Deutung von Typen in der Interaktion gegeben werden.118 Durch das „Rahmungswissen“119, das verschiedene Deutungsmuster und Schemata beinhaltet, kann ein Akteur seine Umwelt verstehen und dementsprechend handeln bzw. sich selbst verständlich machen. Die Anwendung dieses Wissens bezeichnet man als „Rahmungen“120, die man zum Bereich der Theatralität zählen kann. Das Fundament bilden die „primären Rahmen“121, die meist nicht aktiv wahrgenommen werden, aber dabei helfen, Situationen zu erkennen, zu verstehen und zu interpretieren. Die Transformation eines primären Rahmens, also die Modifizierung der Außenrahmung bei gleichbleibender Grundsituation, kann als Schauspielerei, Ironisierung, Scherzkommunikation, Satire etc. interpretiert werden. Wenn die Absicht nicht erkannt wird, kann all dies zu Missverständnissen führen. Dieses Phänomen nennt Goffman „Keying“ und beschreibt es als ein […] System von Konventionen, wodurch eine bestimmte Tätigkeit, die bereits im Rahmen eines primären Rahmens sinnvoll ist, in etwas transformiert wird, das dieser Tätigkeit nachgebildet ist, von den Beteiligten aber als etwas ganz anderes gesehen wird.122 Eine zweite Form der Sinntransformation ist laut Goffman die Täuschung. Er meint damit „[…] das bewusste Bemühen eines oder mehrerer Menschen, das Handeln so zu lenken, dass einer oder mehrere andere zu einer falschen Vorstellung von dem gebracht werden, was vor sich geht.“123 Die Täuschung ist theatral konstruiert und muss ebenso wie ihre Dekonstruktion unter einem moralischen Aspekt gesehen werden. Deshalb unterteilt Goffman diese in bösartig und auch gutartig gemeinte Täuschungen. Dies ist auch der Schnittpunkt von Goffmans Theorie mit der Selbstinszenierung, da eine Täuschung im- 118 Soeffner 1989, S. 143. 119 Soeffner 1986a, S. 76. 120 Vgl. Goffman 1977. 121 Goffman 1977, S. 31–52. 122 Goffman 1977, S. 55. 123 Goffman 1977, S. 98. 3.1. Der Begriff der Inszenierung in Sozial- und Theaterwissenschaft 33 mer eine Art Spiel darstellt, das dramaturgisch durchgeplant sein muss und eine gewisse Form von Vorüberlegung oder gar Vorbereitung braucht. Neben der Rahmentheorie Goffmans hilft Bourdieus Habitus- Theorie dabei, das Phänomen Theatralität zu analysieren. Die Rahmungen, die in Bezug auf die Selbstinszenierung betrachtet werden müssen, sind immer habituelle Rahmen und Rahmungen, die Strategien und Stile beinhalten. Unter Habitus sind in einer ersten Annäherung an den Begriff und im Sinne eines kleinsten gemeinsamen Nenners sozialwissenschaftlicher Begriffsverwendungen sozial (re-)produzierte (re-)produktive psychische Dispositionen zu verstehen. Es handelt sich, genauer gesagt um subjektiv bindende und zugleich freisetzende Verhaltensdispositionen, die sich vor allem und ‚lernschicksalhaft’ in primären Sozialisationsprozessen entwickeln und als ‚zweite Natur’ der Akteure tendenziell unbewußt (spontan, intuitiv, selbstverständlich) fungieren.124 Die Habitusformen bilden eine Struktur und sind so eine Ordnungsgrundlage für verschiedene Handlungen und Vorstellungen, die auf etwas Bestimmtes abzielen; sie müssen aber nicht bewusst angewendet werden, sondern sind oft auch unbewusste Konditionierungen. Der Habitus ist ein erworbenes Schema, das immer wieder in verschiedenen Situationen angewendet werden kann und so neue Handlungen erzeugt. Im Zusammenhang mit diesem erlernten Handeln spricht Bourdieu vom „praktischen Sinn“: Genau mit diesem praktischen Sinn, der sich weder mit Regeln noch mit Grundsätzen belastet (außer im Falle des Scheiterns oder Versagens), und noch weniger mit Berechnungen oder Schlußfolgerungen, die durch den Zeitdruck des Handelns, das ‚keinerlei Aufschub duldet’, ohnehin ausgeschlossen sind, kann der Sinn der Situation auf der Stelle, mit einem Blick und in der Hitze des Gefechts eingeschätzt und sogleich die passende Antwort gefunden werden. Nur diese Art erworbener Meisterschaft, die mit der automatischen Sicherheit eines Instinkts funktioniert, gestattet es, augenblicklich auf alle möglichen ungewissen Situationen und Mehrdeutigkeiten der Praxis zu reagieren.125 Somit handeln die Menschen also nicht rein automatisch, ohne dass sie selbst Einfluss auf ihr Handeln hätten. Sie sind sehr wohl in der 124 Willems 1998, S. 32. 125 Bourdieu 1987, S. 190f. 3 Theorie der Inszenierung 34 Lage, ihre Handlungen zu bestimmen, „d.h. mit Urteilskraft konkretisierend, adaptierend, innovierend“126. Allerdings spielt jeder und jede eine selbst gewählte Rolle, die ein gewisses Ziel verfolgt. Um dieses zu erreichen, wird immer wieder auf gewisse Weise etwas getan oder entschieden, wenn auch meist nicht lange darüber nachgedacht wird. Es wird nach Regeln und Mustern gehandelt, die man kennt und deren Anwendung bereits erlernt wurden. Dies ermöglicht es, spontan und ungekünstelt zu handeln, ohne vorher ein Drehbuch im Kopf zu entwerfen. Hier sind sich Habitus-Theorie und die Rollendarstellung, wie sie Goffman beschreibt, sehr ähnlich. Da die Rolle, die man ‚spielt‘, selbst gewählt ist, ist man sich auch darüber im Klaren, dass die Rolle nicht mit dem Ich einer Person gleichzusetzen ist. Dieses Phänomen nennt Goffman die „Rollendistanz“127. Diese hat auch mit der „moralisch-symbolischen Substanz des Selbstes zu tun“128 , die das Handeln beeinflusst. Der Bezugsrahmen ist kein Drehbuch, sondern er wird definiert durch „implizite und unbestimmte Sinnstrukturen und Problemverständnisse, die sich aus kontextspezifischen Positionen und Positionierungen ergeben“129. Der „Stil“130 ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff. Er ist ein verinnerlichter Habitus. Eine begrenzte Anzahl an Dispositionen kann hierbei eine unendliche Menge an Handlungen ergeben, die aber, wenn man sie vergleicht, einen ähnlichen Stil erkennen lassen. Mittlerweile ist der Stil – wie Willems betont – sehr stark von den Massenmedien geprägt: Es liegt auf der Hand, daß die Massenmedien in diesem Kontext eine besondere und besonders wichtige Rolle spielen. Die massenmedialen Genres kopieren und stabilisieren Stile, setzen Stile (z.B. Mode) in die Welt, informieren über Stile, irritieren eingelebte Stile und motivieren zur Annahme von Stilen oder Stilelementen.131 126 Willems 1998, S. 34. 127 Vgl. Goffman 1973. 128 Willems 1998, S. 38. 129 Ebd. 130 Soeffner 1995. 131 Willems 1998, S. 34. 3.1. Der Begriff der Inszenierung in Sozial- und Theaterwissenschaft 35 Gleichzeitig müssen sie aber auch dem Geschmack der Rezipienten gefallen, d.h. Stile propagieren, die den Zusehern zusagen, um im Konkurrenzkampf der Massenmedien zu überleben. Theatralität und Selbstinszenierung Der Begriff der Theatralität kommt also aus der Theaterforschung und wurde ursprünglich ausschließlich für das Phänomen der Aufführung im Theater verwendet. Auch wenn in der Wissenschaft diese ursprüngliche Theatralitätsforschung immer noch betrieben wird, wurde der Terminus auch für andere Disziplinen adaptiert und mit deren Theorien verknüpft. Dies war zwar in den grundlegenden Theorien, wie sie beispielsweise Erika Fischer-Lichte begründet hat, nicht vorgesehen, aber die Entwicklung unserer Gesellschaft hin zu einer „Inszenierungsgesellschaft“132, in der die Präsentation der eigenen Person sehr wichtig geworden ist, hat diese Ausweitung als logischen Schritt zur Folge gehabt. Die Welt kann – so die Theatralitätstheorie – als Bühne gesehen werden, auf der Menschen agieren und sich dessen mehr oder weniger bewusst sind, wie und wozu sie dies tun. Durch diese Entwicklung kann man den Begriff heute in nahezu allen sozialund kulturwissenschaftlichen Bereichen finden. Einen guten Überblick zu diesem Thema bietet Herbert Willems zweibändiges Werk „Theatralisierung der Gesellschaft“133, das auf die diesbezüglichen Gegebenheiten in der heutigen Gesellschaft mit der Analyse vieler Beispiele eingeht. Bei Willems wird der Terminus Theatralität als Überbegriff für folgende Phänomene verwendet: Ich verstehe den Theatralitätsbegriff in diesem Zusammenhang als einen analytisch spezifisch leistungsfähigen, aber auch konzeptuell-theoretisch integrativen und anschlussfähigen Schlüssel- und Leitbegriff, der einschlägig relevante Begriffe ‚niederer Ordnung’ wie Inszenierung, Skript oder Performanz in sich aufzunehmen und zu verknüpfen vermag.134 3.2. 132 Willems 1998. 133 Willems 2009a. 134 Willems 2009c, S. 14. 3 Theorie der Inszenierung 36 Zusätzlich stellt Willems fest, dass die Theatralität ein „komplexer und offener“135 sowie ein „universell anwendbarer Begriff “136 sei, womit gemeint ist, dass er einen Rahmen bildet für weitere Untersuchungen, da viele der Grundbegriffe auch in disziplinären und interdisziplinären Diskursen in der neueren Sozial- und Kulturwissenschaft angewendet werden. Ein weiterer wichtiger Bestandteil bühnenanaloger Situationen besteht darin, dass es sich immer um ein Gegenüber von SchauspielerInnen bzw. AkteurInnen und ZuschauerInnen bzw. RezipientInnen handelt, was in den späteren Ausführungen noch genauer erläutert werden soll. Wie zu Beginn erwähnt, kommt der Begriff ursprünglich aus der Theaterforschung. Als Vorreiterin kann in diesem Zusammenhang Erika Fischer-Lichte genannt werden, die hier mit ihrer Forschung den Grundstein gelegt hat. Der von Erika Fischer-Lichte geprägte Theatralitätsbegriff137 setzt sich aus vier „Aspekten“138 zusammen: 1. Performance: Darunter versteht man einen Vorgang, bei dem eine Darstellung mit Körper und Stimme vor körperlich anwesenden Zuschauern das Zusammenspiel aller Faktoren umfasst. 2. Inszenierung: Damit ist der Produktionsprozess gemeint, an dessen Ende die Performance steht; 3. Korporalität: Dieser Begriff bezieht sich im Bereich der Theatralität auf die körperliche Darstellung einer Inszenierung. 4. Wahrnehmung: Hiermit ist die Wahrnehmung des Zuschauers/der Zuschauerin gemeint. Diese Grundbegriffe der Theatralitätstheorie von Fischer-Lichte können allerdings nicht immer in genau dieser Form für andere Disziplinen und Theorien verwendet werden. Es bedarf einer Anpassung an die jeweilige zu untersuchende Situation sowie einer Erweiterung des Begriffsspektrums, um sowohl die historischen Gegebenheiten bzw. den Wandel sowie auch den weiteren Kontext wissenschaftlich erfassen zu können. So spielt beispielsweise die Korporalität im Internet eine ganz andere Rolle als bei einer Live-Aufführung auf der Bühne und bedarf einer ganz anderen Art der Analyse mit zusätzlichen Be- 135 Ebd. 136 Ebd. 137 Vgl. Fischer-Lichte 1998. 138 Siehe Willems 2009c, S. 15. 3.2. Theatralität und Selbstinszenierung 37 griffen aus der Medientheorie. Deshalb müssen auch andere Gesichtspunkte berücksichtigt werden, um eine flexible, aktuelle Theorie der Theatralität jeweils auf verschiedene Bereiche angepasst wiederzugeben. Da Fischer-Lichtes Theatralitätsbegriff, wie sie ihn ursprünglich definiert hat, nicht die soziokulturellen Hintergründe miteinbezieht, sondern sich vor allem auf die Interaktionsebene139 beschränkt, die heute durch die Massenmedien auf neuen Voraussetzungen beruht140 (z.B. dass die Rezeption nicht gleichzeitig stattfinden muss und daher auch die Reaktion asynchron verlaufen kann), schlägt Willems vor, noch weitere Konzepte bei der Untersuchung miteinzubeziehen, die als zusätzliche Deutungsmittel dabei helfen sollen, die Realität der Theatralität zu untersuchen und zu beschreiben. Unter anderem nennt er in diesem Zusammenhang die Begriffe Habitus, Strategie, Image, Marke, Star, Rahmen, Identität, Selbstthematisierung, Stil und einige mehr. Nur wenn man über das Theatrale an der Theatralität hinausgeht und auch die (historische) Kontextualität miteinbezieht (und diese nicht ablöst), kann man eine soziologische Theorie und Analyse von Theatralität gewährleisten. Da für die vorliegende Arbeit der Aspekt der Inszenierung am wichtigsten ist, soll dieser Bereich auch bei der Behandlung des Themas Theatralität im Vordergrund stehen. Was ist Inszenierung? Unter Inszenierung wird im Folgenden eine reflexive, bewusste Form des Handelns verstanden, die eine gewisse Wirkung erzielen soll. Im Zusammenhang mit diesem Phänomen wird das literarische Feld bzw. das digitale literarische Feld einen wesentlichen Punkt bei der Analyse darstellen. Im Weiteren werden die geschichtliche Perspektive und Bourdieus Habitus-Konzept – auf Autorinnen und Autoren angewandt – eine Rolle spielen. Aber auch die aktuelle Entwicklung von Medien und Gesellschaft muss miteinbezogen werden, da dieser Aspekt die Inszenierung im Internet wesentlich beeinflusst. 3.3. 139 Willems 2009c, S. 16. 140 Ebd. 3 Theorie der Inszenierung 38 Der Terminus Inszenierung umfasst verschiedene Prozesse und Handlungen, die schließlich in eine Performance münden. Die ‚Aspekte’ der Inszenierung und der Performance haben sich jedenfalls in vielen Handlungsbereichen offensichtlich verselbständigt und – auch im Weltbewusstsein der Akteure – an Relevanz gewonnen. Gleichzeitig haben sich entsprechende Funktionen, Situationen und Rollen ausdifferenziert.141 Vor allem die Entwicklung der Massenmedien ist in dieser Hinsicht genauer zu betrachten. Die Art und Weise, wie sich AutorInnen auf der Bühne der Medien darstellen, ist mehr oder weniger parallel zu seiner Aufführung im Theater zu sehen. Es wird bewusst etwas dargestellt, das von RezipientInnen aufgenommen und bewertet werden kann. Aber auch die Art der Aufnahme bzw. der Reaktion auf eine Performance hat sich durch die Medien verändert. Dadurch, dass man heute Medien nicht unbedingt live – also in Anwesenheit des Performers oder der Performerin –, wie das im Theater der Fall ist, wahrnehmen muss, hat sich die Situation hinsichtlich der Gleichzeitigkeit von Aufführung und Rezeption verschoben. Es ist nicht mehr garantiert, dass der Zuschauer sofort auf eine Aufführung reagiert. Gerade im Fall der Inszenierung im Internet ist es so, dass Reaktion bzw. Rezeption oft Monate, bisweilen sogar Jahre später erfolgt. Das Internet hat aber auch eine andere Form der Reaktion hervorgebracht. Vor allem durch das interaktive Web 2.0 ist es für Rezipientinnen und Rezipienten viel einfacher geworden, die eigene Meinung zu publizieren. Deshalb müssen diese neuen Formen der Reaktion sowie die Absicht der Inszenierung immer mitbewertet werden. Somit ist klar, dass der Begriff der Theatralität gegenüber der ursprünglichen Definition auszuweiten ist, um die erwähnten Phänomene genauer wissenschaftlich beschreiben zu können. Im Folgenden werden Begriffe erläutert, die in der neueren sozial- und kulturwissenschaftlichen Theorie der Theatralität verwendet werden und ein klareres Verständnis des Begriffs bewirken sollen. Wenn man sie alle zusammenfügt, bekommt man ein Bild, aus welchen Versatzstücken sich Inszenierung zusammensetzt. 141 Willems 2009e, S. 81. 3.3. Was ist Inszenierung? 39 Korporalität Die Gestaltung des Aussehens und wie man sich gibt, sind Zeichen dafür, was man verkörpern will. „Wie immer man Theatralität fasst, die Dimension der Materialität und damit der Visibilität/Visibilisierung spielt mit, sei es dass etwas zur Erscheinung gebracht oder verhüllt wird oder werden soll.“142 Man erkennt am Körper, welcher Gesellschaft man angehört, welche Hautfarbe und welche Geschlechtsmerkmale vorhanden sind, wie alt man ist, ob man dem gängigen Schönheitsideal entspricht oder nicht. Es gibt sehr viele Bereiche, in denen der Körper als Zeichenträger fungiert und somit auch dabei hilft, sich selbst in ein bestimmtes Licht zu rücken, sich selbst in einer gewissen Weise darzustellen. Der Körper war auch früher schon ein wichtiger Faktor, der beispielsweise bei Zeremonien oder Ritualen eine wesentliche Rolle spielte. Das Verkleiden und Verändern des Körpers oder auch modernere Phänomene wie Cross-Dressing zeigen die Vielzahl von Möglichkeiten, den Körper zu präsentieren. Auch als ‚Leinwand‘ wurde der Körper schon früh entdeckt und mit Kriegsbemalungen, Fruchtbarkeitssymbolen sowie anderen Motiven verziert. Somit war er schon immer als Träger von Aussagen bzw. auch von Identität ein zentraler Code der Gesellschaft. Aber nicht nur der Schein nach außen wird vom Körper getragen, er wird auch immer wieder als ‚Fenster zur Seele‘ gesehen. Durch den Gesichtsausdruck und die Körperhaltung bzw. durch die Bewegung kann erkannt werden, ob jemand etwa bedrückt oder selbstbewusst ist, oder auch, ob jemand Schmerzen hat. Der größte Teil der aufgezählten Codes, die vom Körper ausgehen, sind automatisiert oder ritualisiert bzw. betreffen den Habitus einer Person. Aber natürlich kann auch der Körper als solcher inszeniert werden. Es können ganz spezielle Maßnahmen gesetzt werden, um mit dem eigenen Körper ein Bild zu vermitteln, das vorteilhaft ist bzw. dessen Wirkung man auf alle Fälle aktiv steuern will. Es ist im Zusammenhang mit dem Thema der vorliegenden Arbeit nicht immer leicht, die Korporalität der Theatralität zu thematisieren, da es sich nicht um unmittelbare Aufführungen oder Aktionen von 3.3.1. 142 Willems 2009e, S. 82. 3 Theorie der Inszenierung 40 AutorInnen handelt, sondern um eine eher statische Form der Präsentation (Homepage) oder um eine sich zwar schnell verändernde, aber dafür zum größten Teil schriftliche Form (Facebook). Daher scheint es wichtig, in diesem Fall das Hauptaugenmerk auf das Aussehen zu legen, einerseits auf das Aussehen und die Darstellung der Autoren und Autorinnen auf Fotos bzw. in Filmsequenzen, andererseits auf den Stil des Designs einer Homepage. In diesem Fall bietet sich Goffmans These an, dass nicht alleine der Körper im Mittelpunkt der Theatralität steht, sondern auch andere Objekte, wie Kleidung, Fahrzeuge, Einrichtung usw. als wichtig wahrzunehmen sind.143 Wahrnehmung Neben der Ebene der Inszenierung und Performance ist auch die Ebene der Wahrnehmung des Ausgeführten zu beachten. Der Begriff Wahrnehmung144 wird im Zusammenhang mit Theatralität gerne verwendet, da es bei diesem keinen Unterschied macht, ob es sich um absichtliche oder unabsichtliche Wahrnehmung handelt. Allerdings hat die Unschärfe, die bei diesem Begriff mitzudenken ist, auch zur Folge, dass der Wahrnehmende nicht direkt als Akteur bzw. Akteurin oder Handelnder bzw. Handelnde gesehen wird, was vor allem in Zusammenhängen außerhalb des Theaters von Nachteil ist.145 Deshalb verwendet Willems zusätzlich den Begriff der Beobachtung. „Grundsätzlich kann unter Beobachtung eine bestimmte Form der Wahrnehmung bzw. ein bestimmtes Wahrnehmen verstanden werden, nämlich das Wahrnehmen als Handeln.“146 Es geht Willems hier also darum, dass der Wahrnehmende seine Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes richtet. Willems spricht an dieser Stelle von einem „strategischen Beobachter“, der Informationen sammelt und diese dann bewertet und nicht nur passiv über sich ergehen lässt. Diese Form des Beobachtens ist eine andere als diejenige, die im Theater praktiziert wird. Zwar handelt es sich hier auch um eine fokussierte und interessierte Wahrnehmung, sie 3.3.2. 143 Vgl. Goffman 2003. 144 Willems 2009e, S. 94ff. 145 Willems 2009e, S. 95. 146 Willems 2009e, S. 95. 3.3. Was ist Inszenierung? 41 muss aber nicht mit einer Bewertung und Hinterfragung des Beobachteten verbunden sein. Habitus Auch der schon erwähnte Habitus147 im Sinn Bourdieus bezieht die Korporalität mit ein.148 Der Körper und seine Inszenierung sind ein wichtiger Teil der Darstellung einer Person und leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, sie einem bestimmten Feld zuzuordnen. Theatralität ist, wenn man den Begriff allgemein bzw. soziologisch fasst, zwar nicht immer direkt an menschliche Akteure gebunden. Sie steckt z.B. auch in Gebäuden oder Texten, die für sich stehen können. Indirekt oder direkt sind jedoch immer Akteure bzw. Interakteure und damit Habitus/Habitusformen im Spiel.149 Der Habitus stellt daher auch eine wichtige Komponente der Performance dar. Vor allem der äußere Habitus ist hier maßgeblich beteiligt und beeinflusst die Art, wie die Performance angelegt ist. Da es das Ziel einer Inszenierung ist, einen bestimmten Eindruck zu erwecken, dem Publikum in einer gewünschten Weise zu erscheinen, muss die Performance passend abgestimmt werden. Natürlich muss auch das Publikum die Kompetenz besitzen, den Habitus des Akteurs oder der Akteurin zu deuten. Meist ist es auch so, dass das Publikum schon mit der Erwartung eines bestimmten Habitus auf die Performance zugeht. Diese Erwartung sollte dann auch nicht enttäuscht werden, außer wenn gerade dies das Ziel sein sollte, z.B. im Sinn einer Provokation, wie sie etwa in Peter Handkes Publikumsbeschimpfung150 vorliegt. Medientheatralität Die neuen Medien bringen, wie schon angedeutet, neue Aspekte im Bereich Theatralität mit sich, die dazu führen, dass man diesen Termi- 3.3.3. 3.3.4. 147 Vgl. Bourdieu 1987. 148 Vgl. Bourdieu 1987, S. 577–579. 149 Willems 2009e, S. 86. 150 Handke 2004, 9ff. 3 Theorie der Inszenierung 42 nus weiter fassen muss. Viele der klassischen Kategorien der Theatralität müssen neu beleuchtet werden bzw. fallen ganz weg. Deshalb unterscheidet Willems die Medientheatralität von der Interaktionstheatralität.151 So ist beispielsweise im medialen Umfeld die direkte Interaktion zwischen AkteurInnen und ZuschauerInnen meist nicht gegeben. Andererseits kann man davon ausgehen, dass durch die meist asynchrone Weiterleitung von Informationen über das Fernsehen bzw. das Internet die potentielle Zuschauerzahl fast unbegrenzt ist. Durch eine Live- Übertragung ergibt sich die Situation, dass Millionen von nicht körperlich anwesenden ZuschauerInnen Sportereignisse, Theateraufführungen, Parlamentsdebatten usw. zeitgleich erleben. Und auch hier gibt es noch einmal verschiedene Formen der Rezeption: Es können einzelne Menschen anonym jeweils alleine eine Sendung ansehen, es können dies mehrere gemeinsam tun und es gibt auch kommunikative Massenveranstaltungen wie etwa Public-Viewing-Events. Natürlich ist die Art der Performance oder Inszenierung auch abhängig vom jeweiligen Medium. Ob Internet, Fernsehen oder Zeitung – es gibt jeweils andere Möglichkeiten, die medienspezifisch genutzt werden. Die Ebene des Publikums, das direkt Feedback gibt, ist zwar auf den ersten Blick in den asynchronen Medien nicht vorhanden, es gibt jedoch in diesem Bereich die Markt- und Meinungsforschung, die Ähnliches, wenn nicht sogar mehr leistet.152 In den modernen Medien nimmt die Korporalität einen weniger wichtigen Rang ein.153 Im Radio zum Beispiel spielt sie bei der Kommunikation keine große Rolle, höchstens in Form der Stimme, im Internet nur in Form von Fotos oder Videos, die vorhanden oder nicht vorhanden sind. Die Korporalität kann auch verzerrt oder manipuliert werden, etwa durch Bildbearbeitung mittels Photoshop. Auch die Vergänglichkeit der Theateraufführung ist in den neuen Medien nur bedingt relevant, da Inszenierungen meist gespeichert werden oder zumindest gespeichert werden können. 151 Willems 2009e, S. 88ff. 152 Willems 2009e, S. 88. 153 Vgl. Willems 2009e, S. 89. 3.3. Was ist Inszenierung? 43 Authentizität „Inszenierung ist immer nicht-authentisch, ist allenfalls Simulation von Wirklichkeit. Zudem ist Inszenierung mit Bewusstheit und Absicht verbunden. Authentizität dagegen mit Natürlichkeit und fehlender Absicht.“154 Auch wenn diese Aussage Katrin Blumenkamps eine wichtige grundsätzliche Erkenntnis formuliert, ist sie wohl zu pauschal geraten und lässt außer Acht, dass Inszenierung verschiedene Facetten haben kann, z.B. gerade auch diejenige der Inszenierung von Authentizität155. Zusätzlich stellt sich das Problem, dass Authentizität schwer zu erkennen und häufig kaum zu beurteilen ist, ob „fehlende Absicht“ vorliegt. Eine erkennbare Inszenierung oder auch Selbstinszenierung von Personen wird in vielen Bereichen nicht gerne gesehen. In den Feldern Politik oder Religion ist es wichtig, dass die Amtsträger glaubwürdig bzw. authentisch erscheinen. Der Verdacht der Inszenierung ist hier in der Regel negativ konnotiert, auch wenn nicht abzusprechen ist, dass sich auch Amtsträger in diesen Berufsfeldern in gewisser Weise inszenieren.156 Es ist weniger wichtig, ob sich jemand inszeniert – das tut er oder sie ohnehin, meist ohne dass es die Rezipientinnen und Rezipienten wahrnehmen –, es geht vielmehr darum, dass der Auftritt stimmig und nicht gekünstelt erscheint. Wenn er nicht authentisch ist, fühlt sich das Publikum betrogen. Dies ist zum Teil auch bei AutorInnen der Fall, zumindest, wenn es in ihren Texten um ernste Themen geht. Gerade dann möchte der Rezipient davon ausgehen können, dass er einen integren Autor oder eine integre Autorin vor sich hat, dem er vertrauen kann. Dementsprechend müssen Autorinnen und Autoren auch in der Öffentlichkeit in adäquater Weise verhalten, damit sie dem Bild, das die Leser von ihnen haben (möchten), gerecht werden. 3.3.5. 154 Blumenkamp 2011a, S. 363. 155 Vgl. Fischer-Lichte 2007. 156 Vgl. Brosda/Schicha 2002, S. 254. 3 Theorie der Inszenierung 44 Aufmerksamkeitserzeugung Ressourcen, von denen aufgrund ihrer Knappheit nicht jeder oder jede profitieren kann, sind umkämpft.157 In diesem Zusammenhang ist vor allem das symbolische Kapital zu nennen, das eng mit Macht korreliert. Auch Aufmerksamkeit kann symbolisches Kapital erzeugen.158 Aufmerksamkeit ist, im Gegensatz zu Geld, aus neurologischen Gründen nicht vermehrbar.159 Erst wenn man von anderen beachtet wird, kann man seine Qualität präsentieren. Also ist es in erster Linie wichtig, Aufmerksamkeit auf sich oder auf sein Produkt zu lenken, bevor man seine Qualitäten anpreisen kann. Werbung und Internet haben in diesem Bereich zu vielen Veränderungen geführt. Man könnte sogar sagen, dass sie durch ihre Informationsflut bewirkt haben, dass der Kampf um Aufmerksamkeit noch erbitterter geworden ist. Zwar kann man Aufmerksamkeit nicht wirklich als Zahlungsmittel einsetzen, man muss diese aber besitzen, um in der Folge Geld erwirtschaften zu können. Es kommt also zu einem Tausch von Aufmerksamkeit gegen Geld. Ein Mensch, der viel Aufmerksamkeit genießt, kann diese auch Sponsoren bzw. Firmen für Werbezwecke zur Verfügung stellen: Auf allen heutigen Feldern (Politik, Religion, Kunst, Erotik u.s.w.) treten Akteure als (Selbst-)Anbieter, (Selbst-)Verkäufer und Konkurrenten um bereichsspezifisch knappe Güter und (Markt-)Anteile auf. Bewertungen, Werte, Preise und (d.h.) Erfolge hängen dabei immer auch von Theatralitätsaspekten ab, von mit Erwartungen, Hoffnungen und Kalkülen verbundenen Wahrnehmungen (Aufmerksamkeit), Einschätzungen und (‚guten’) ‚Eindrücken’, die, z.B. durch Ästhetisierung und Stilisierung, ‚gemacht’ werden müssen.160 Je geringer die Möglichkeit ist, Aufmerksamkeit zu erlangen, desto variantenreicher und innovativer müssen die Mittel werden, um erfolgreich zu sein. Wer nicht ins soziale Nichts der Unauffälligkeit, des Nichtbemerktwerdens oder Nichtgemerktwerdens geraten will oder etwas geraten lassen 3.3.6. 157 Vgl. Franck 1998. 158 Bourdieu 2001, S. 239. 159 Vgl. Franck 1998, S. 49ff. 160 Willems 2009c, S. 36. 3.3. Was ist Inszenierung? 45 will, muss aktiv und d.h. performativ (auf sich) aufmerksam machen. Alle Akteure, die etwas qua Image und Meinung zu gewinnen und zu verlieren haben, Politiker, Wissenschaftler, Künstler, ‚Randgruppen’ etc., haben ein Motiv und neigen dazu, als Kämpfer um Aufmerksamkeit und als Arbeiter an Aufmerksamkeit aktiv zu werden und d.h., sich eines bestimmten Repertoires von Strategien und Methoden der Theatralität zu bedienen. Von ihnen wird umso häufiger, variantenreicher, intensiver und bewusster Gebrauch gemacht, je mehr sich das Problem der Aufmerksamkeit generalisiert und verschärft.161 Zur Aufmerksamkeitserzeugung werden im jeweiligen Feld entsprechende Methoden und Strategien verwendet bzw. entwickelt. Manche sind feldübergreifend in mehreren Bereichen zu finden, wie professionelle Werbung, andere feldspezifisch, etwa die Inszenierung von Altem oder Neuem als dem einzig Wahren. In der Computerwelt wird beispielsweise immer das Neuste hoch gelobt, während zum Beispiel Sammler von Briefmarken das Alter schätzen. Ein spezielles Mittel stellt auch die Provokation dar, die jedoch nicht in allen Bereichen gleich wirksam ist. Wenn es beispielsweise um Bereiche geht, in denen Glaubwürdigkeit, Sicherheit und Konstanz wichtig sind, wird Provokation wohl von der Mehrheit negativ aufgefasst werden. Daher ist es wichtig, was für ein Bild man nach außen hin vermittelt. Dieses Image muss durchgehend gepflegt werden, damit das Ansehen nicht leidet. Imagepflege Jeder Mensch, der als Person des öffentlichen Lebens bezeichnet werden kann, hat ein bestimmtes Image. Dieses entsteht meist nicht ohne jegliches Zutun, sondern es wird von der jeweiligen Person selbst (zumindest versuchsweise) bewusst vermittelt. Es gilt, sozial relevante, und d.h. achtungsrelevante, Informationen sichtbar oder unsichtbar zu machen, (demonstrativ) zu zeigen oder zu verhüllen, im metaphorischen wie im wörtlichen Sinne Bilder von sich und anderen (Objekten) zu machen und als ‚Eindrücke’ zu hinterlassen.162 3.3.7. 161 Willems 2009c, S. 33. 162 Willems 2009c, S. 34. 3 Theorie der Inszenierung 46 Je stärker das Image, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass andere Menschen ein ‚Bild‘ im Kopf haben, an das sie sich erinnern können. Einen derartigen Eindruck können nicht alle Autorinnen und Autoren erzeugen, aber diejenigen, die es geschafft haben, sind so bekannt, dass sie wohl auch über ihre Epoche hinaus relevant bleiben. Werbung, die sich darauf spezialisiert hat, Images zu verkaufen, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. So meint auch Willems: Die sich gegenwärtig historisch zuspitzende Vermarktlichung und damit Verwettbewerblichung und Verwerblichung aller Bereiche der Gesellschaft ist ein struktureller Schlüsselfaktor diverser Theatralitäten und (Ent-)Theatralisierungen, insbesondere einer Verbreitung und Forcierung von strategischen bzw. informationspolitischen Handlungsformen, Werbungstypen, Image-Politiken (Image-Arbeiten) und ‚Ästhetiken’.163 Das Wort Image verbindet man allgemein mit einer Form von Selbst(be)werbung bzw. auch (Selbst-)Inszenierung. Es ist die bewusste Darstellung eines Bildes (Image), das andere Menschen von einem haben sollen. Prominenz Immer mehr Personen des öffentlichen Lebens, darunter auch AutorInnen, sind davon abhängig, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Auch wenn dies nicht unbedingt mit Renommee verbunden ist, kann es doch wichtig sein, zumindest in bestimmten Kreisen als prominent zu gelten. Doch was ist ein „Prominenter“164? Dies ist auch in der Fachliteratur nur teilweise geklärt, es soll hier aber doch grob umrissen werden, was Prominenz ausmacht. Julia Wippersberg macht im Zusammenhang mit dieser Frage folgende bemerkenswerte Aussage: Prominente sind „allgemein bekannt ihrer allgemeinen Bekanntheit wegen“165. Bekannt wird man, wenn ein entsprechender Nachrichtenwert dazu führt, dass News verbreitet werden. „Gebunden ist er […] unabdingbar an mediale Vermittlung, an die Annahme durch ein Publikum 3.3.8. 163 Willems 2009c, S. 36. 164 Wippersberg 2007, S. 13ff. und Franck 1998, 115ff. 165 Wippersberg 2007, S. 21. 3.3. Was ist Inszenierung? 47 (die nicht gleichbedeutend ist mit der Zustimmung) und eine gewisse Dauerhaftigkeit“166. Somit ist klar, dass für die Möglichkeit, prominent zu werden, das Umfeld ausschlaggebend ist. Man kann sich jedoch bemühen, bekannter zu werden und so die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Dies geschieht nicht zuletzt durch verschiedene Arten der Inszenierung. Prominenz wird also in den meisten Fällen ‚gemacht‘, einerseits durch die Personen, die selbst den Wunsch haben hervorzustechen, andererseits durch die Medien, die die Prominenz öffentlich und die Personen der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Um herauszustechen, muss man allerdings anders sein als die anderen, die ebenfalls das gleiche Ziel verfolgen. Man muss originell sein, um sich abheben zu können. Die aktuell andauernden Inszenierungs-Shows im Fernsehen produzieren jährlich hunderte von ‚Prominenten‘. Egal ob Models oder Sänger, auf allen erdenklichen Ebenen wird ‚gecastet‘, um Prominenz zu erzeugen. Die Halbwertszeit der Prominenz ist unterschiedlich. Sie kann Jahre und Jahrzehnte dauern, aber ebenso nach ein paar Monaten auch wieder enden. Durch den starken Anstieg der Anzahl und der Wichtigkeit der Medien im 20. und 21. Jahrhundert ist auch die Anzahl der als mehr oder weniger prominent zu bezeichnenden Menschen gestiegen. Der Großteil der Gesellschaft ist nicht mehr in Volk und Adel geteilt und auch die sozialen Klassen liegen nicht mehr so weit auseinander, wie sie es früher waren. Auch Religion, die früher für die meisten Menschen lebensleitend war, ist für viele nicht mehr so wichtig und hat daher in vielen Bereichen diese Funktion verloren. Dies alles führt dazu, dass sich die Gesellschaft verändert bzw. verändern muss, da sich die Gegebenheiten nicht mehr auf alte ‚Gesetze‘ zurückführen lassen. Es gibt, wie bereits in der Darstellung der postmodernen Gesellschaft erwähnt, nicht mehr so strenge Regeln, wie man sich zu verhalten hat. Das überfordert viele Menschen. Sie sind ziellos und wissen oft nicht, woran sie sich orientieren sollen. Hilfreich können bei der Suche nach Orientierung Rollenbilder sein. Prominente können bei prinzipiellen Orientierungen, bei der Strukturierung des Lebens oder bei der Suche nach einem Ziel als Vorbilder fungieren. Viele möchten wie Prominente sein 166 Wippersberg 2007, S. 38. 3 Theorie der Inszenierung 48 und im Grunde genommen auch selbst berühmt sein. Die heutige Gesellschaft kann als narzisstische Gesellschaft gesehen werden.167 Die moderne Inszenierungsgesellschaft Zunächst ist es im Zusammenhang mit dem Thema Inszenierung und Aufmerksamkeitserzeugung wichtig, die aktuelle mediale und gesellschaftliche Situation zu beleuchten.168 Die grundlegende Tatsache, dass wir Menschen nichts mehr ersehnen als Anerkennung, bildet das „Grundmuster menschlichen Handelns“169 und hat sich wohl seit den Anfängen der Menschheit nicht verändert. So meint Nolte: „Die Identität eines Menschen konstituiert sich über die Anerkennung des Selbstwertes durch Mitmenschen. Menschen sind deswegen permanent bestrebt, sich der Anerkennung anderer zu versichern.“170 Aktuelle gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen führen dazu, dass die Inszenierung in den meisten Bereichen des Lebens stark zunimmt, ob es sich nun um die Wirtschaft oder um die Literatur handelt. Der Konkurrenzkampf auf den verschiedenen Märkten171 wird immer stärker und führt dazu, dass man sich, um Erfolg haben zu können, (selbst) vermarkten muss. Egal, ob es um den privaten Lebensbereich geht oder um die Karriere, überall muss man sich so präsentieren, dass man auffällt, um sich einen Vorteil gegenüber den Konkurrenten zu verschaffen. Dementsprechend wurde in den letzten Jahren in der soziologischen Forschung das Thema Aufmerksamkeit intensiv diskutiert. Dabei war von der Ökonomie der Aufmerksamkeit172 ebenso die Rede wie vom Kampf um Aufmerksamkeit173. Es hat zwar immer schon Formen der Selbstinszenierung und den Wunsch nach Aufmerksamkeit gegeben, aber nie waren die Möglichkeiten so vielfältig, sich in dieser Hinsicht auszuleben. Durch die post- 3.4. 167 Vgl. Bourdieu 1998, S. 17. 168 Willems 1998. 169 Nolte 2005, S. 11. 170 Ebd. 171 Willems 1998, S. 56. 172 Vgl. Franck 1998. 173 Vgl. Nolte 2005. 3.4. Die moderne Inszenierungsgesellschaft 49 modernen Entwicklungen und die Weiterentwicklung auf technischer Ebene steht eine größere Menge an verschiedenen Medien bzw. Medienformaten (Zeitungen, Magazine, Fernsehen, Radio, Internet) als jemals zuvor zur Verfügung, in denen man sich präsentieren kann. Prominente sind die Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit. Der Ruhm ist die schönste der irdischen Belohnungen, weil er den Status des Großverdieners an Aufmerksamkeit noch über den Tod hinaus sichert. Das Hinreißende am jubelnden Publikum ist der Schwall der zufliegenden, das Betörende am eigenen Ausüben von Faszination ist das Bad in der gebannten Aufmerksamkeit.174 So beschreibt Georg Franck das Phänomen des Wunsches nach Aufmerksamkeit. Doch kann dieser Ruhm durch die große Konkurrenz auch nur kurzfristig sein. Schon Andy Warhol erkannte die Tendenz zu „15 minutes of fame“175. Auch wenn nicht klar ist, ob Warhol dieses Zitat wirklich zugeschrieben werden kann, zeigt es doch den Wunsch nach Ruhm und Bekanntheit, der sich dank der verschieden Medien und vor allem des Internets immer leichter erreichen lässt.176 Vor allem für Angehörige der Bereiche Wissenschaft bzw. Kunst und Kultur ist die Aufmerksamkeit besonders wichtig und wirkt sich massiv auf die Karriere aus. Das kommt daher, dass gerade in diesen Bereichen Anerkennung und Aufmerksamkeit als wichtigere ‚Währung’ als Geld dargestellt werden. Was Kulturschaffende verdienen, ist meist nebensächlich, da man ja das macht, was man gerne tut. Zumindest entspricht diese These dem Habitus von Kulturschaffenden und wird dementsprechend inszeniert. Es geht vielmehr darum, dass man seine Arbeit so machen kann, wie man es für richtig hält und so eine Fangemeinde aufbaut, die die Arbeit schätzt. Ohne diese Fangemeinde würde es diese Arbeit gar nicht brauchen bzw. würde sie gar nicht finanziert werden. Somit ist das ökonomische Kapital als sekundär zu betrachten. Natürlich ist durch das auf diese Weise erworbene kulturelle bzw. symbolische Kapital die Möglichkeit größer, Geld zu verdienen. Und nun ist man wieder bei der Aufmerksamkeit: Um eine Fange- 174 Franck 1998, S. 10. 175 http://de.wikipedia.org/wiki/15_minutes_of_fame (letzter Zugriff: 18.8.2018). 176 Vgl. https://www.smithsonianmag.com/smart-news/andy-warhol-probably-neve r-said-his-celebrated-fame-line-180950456/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 3 Theorie der Inszenierung 50 meinde und Anerkennung zu bekommen, muss man erst aus einer Reihe von ähnlichen KünstlerInnen etc. hervorragen. Allerdings war es auch noch nie so schwer wie heute, auf sich aufmerksam zu machen. Die RezipientInnen werden von einer Flut von Informationen und Reizen aus Zeitungen und Magazinen, Fernsehen und Internet überschwemmt, die eigens dafür produziert werden, Aufmerksamkeit zu erregen. Von Seiten der RezipientInnen wird auf wie auch immer geartete Weise eine Selektion getroffen, da nie alles aufgenommen bzw. wahrgenommen werden kann. „Unser intentionales Bewußtsein ist sowohl von der Anzahl und Komplexität der Gegenstände, auf die wir uns konzentrieren, als auch von der Geschwindigkeit her, mit der wir sie auffassen, begreifen und einordnen können, beschränkt.“177 Je weniger man von etwas hat, in diesem Fall Anteile der allgemeinen Aufmerksamkeit, desto mehr muss man damit haushalten. Man muss sich überlegen, was einem am wichtigsten ist und was man vernachlässigen kann. So soll ein „Optimum an Wunscherfüllung und Bedürfnisbefriedigung erreicht werden“178. Dies hat zur Folge, dass die Personen oder Ereignisse, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen, mehr Chancen haben, wahrgenommen zu werden. Die Werbung hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass sie Aufmerksamkeit auf bestimmte Produkte bzw. Personen lenken kann. Vor allem erzeugt sie aber auch die Nachfrage nach etwas. Je mehr Werbung, desto mehr Aufmerksamkeit, desto mehr Nachfrage. Es hat sich bereits eine eigene Industrie entwickelt, die sich auf die Steigerung der Wahrnehmbarkeit spezialisiert hat. So werden etwa in Bereichen wie Kosmetik, Schmuck oder Kleidung Produkte entwickelt, die speziell die Aufgabe haben, Aufmerksamkeit zu erregen. Wie im Theater werden die Auftritte, auf die es ankommt, sorgsam einstudiert und wird aller nur erdenkliche Aufwand getrieben, um den richtigen Eindruck zu machen. Was neu am Zeitstil dieses Aufwands ist, ist die Professionalität und hohe Technologie der Zulieferindustrie.179 Im literarischen Feld geht es aber nicht nur um die Aufmerksamkeit und Anerkennung von Seiten der LeserInnen bzw. der Fans, sondern 177 Franck 1998, S. 49. 178 Franck 1998, S. 14. 179 Franck 1998, S. 13. 3.4. Die moderne Inszenierungsgesellschaft 51 auch um die Aufmerksamkeit und Anerkennung von Seiten der KollegInnen bzw. JournalistInnen, also Leuten vom Fach. Die Meinung dieser Experten ist wichtig für die Karriere. Es kann zwar gelingen, durch einen ‚medialen Trick‘ einen Bestseller zu generieren, allerdings wird die Karriere nicht lange andauern, wenn nicht doch ein gewisses Können dahintersteckt, das die Fachleute interessant und untersuchungswürdig finden. Denn Aufmerksamkeit in irgendeiner Form, sei es auch durch einen Verriss im Feuilleton, ist notwendig, um auf Dauer am Markt präsent bleiben zu können. 3 Theorie der Inszenierung 52 Voraussetzung: Medien, Internet und Informationsflut Historie der Informationsflut Die Möglichkeiten der Erzeugung von Aufmerksamkeit haben parallel zur Entwicklung der technischen Medien kontinuierlich zugenommen und tun dies seit der Verbreitung des World Wide Web in besonders rapidem Ausmaß. Für dieses Wachstum sind nach Franck zwei Hauptursachen verantwortlich: Da ist erstens die Eigenschaft der technischen Hilfsmittel zur Verarbeitung von Information, auch den Wirkungsgrad bei der Erarbeitung von Informationen zu steigern. Da ist zweitens der Sachverhalt, daß das Einnehmen fremder Aufmerksamkeit mit dem Aussenden von Reizen für diese beginnt.180 Schon alleine die Erfindung des Drucks führte zu einer rasanten Steigerung der Verbreitung von Informationen. Die mechanische Reproduktion wurde notwendig, da die Nachfrage nach Schriftstücken so groß wurde, dass sie durch Abschreiben von Hand nicht mehr bedient werden konnte. Die Veröffentlichung von Informationen wurde zunehmend zum täglichen Geschäft vieler Menschen. Franck kommentiert diesen Prozess folgendermaßen: „Die Veröffentlichung ist der professionell betriebene Kampf um Aufmerksamkeit.“181 Eine Voraussetzung für diese Entwicklung war die neue Lebensform in den Städten: Städte sind das klassische Beispiel für die zweite Hauptquelle der Informationsflut. Mit der Bildung von Städten hatte sich eine Lebensform herausgebildet, in der sich die Menschen vor allem miteinander beschäftigen. 4 4.1. 180 Franck 1998, S. 52. 181 Franck 1998, S. 54. 53 Das Leben in der Stadt ist ein Leben mit vielen anderen und in den Augen vieler anderer.182 Durch diese Entwicklungen konnten sich auch das Schreiben bzw. das Verlegen von Büchern als Berufe etablieren: Bemerkenswert an der ökonomischen Realisierung der neuen technischen Möglichkeiten ist die Geschäftsidee des Publikationswesens. Das kommerzielle Ergebnis zählt hier nämlich nicht allein. Kommerziell muß sich der Verkauf nur für den Verlag lohnen. Der Autor ist mit der Aufmerksamkeit zufrieden, deren Einkommen die Auflagenhöhen und Verkaufszahlen messen.183 Wenn sich der Verkauf dann auch noch ökonomisch für den Autor lohnt, ist das nur ein zusätzliches Plus. Hätte sich die kulturelle Gesellschaft anders entwickelt, wären nur massentaugliche, kommerziell erfolgreiche Bücher verlegt worden, würde der Literaturbetrieb heute anders aussehen. Doch durch die Trennung von ökonomischem und symbolischem Gewinn ist die heutige literarische Kultur entstanden. Dadurch, dass die wertende Beachtung eine so große Rolle spielt, war es überhaupt erst möglich, dass sich das Geschriebene vom kleinen, privaten Kreis entfernte und durch das Verlagswesen einer größeren Gruppe von Interessierten zur Verfügung gestellt wurde. Doch durch die Industrialisierung kam noch eine dritte wesentliche Ursache hinzu: das Geld. Durch die Ökonomisierung der Gesellschaft wurde dem Geld eine immer größere Wichtigkeit beigemessen und so wurde es auch zum wichtigsten Motiv der neuen Formen des Geschäfts mit Informationen. Es steht nicht mehr unbedingt die Produktion von Dingen, die man anfassen kann, im Vordergrund, sondern der stark wachsende Dienstleistungssektor und in jüngster Zeit der Sektor der Informations- und technischen Berufe. „Die Stichwörter hier sind die Transformation der klassischen Publikationsmedien in die modernen Massenmedien und das Heranwachsen der Werbung zur eigenen Industrie.“184 Durch die maschinellen und informationstechnischen Entwicklungen wurde die Massenproduktion im ökonomischen und im medialen Bereich beschleunigt und revolutioniert. Die neuen, schnellen 182 Ebd. 183 Franck 1998, S. 55. 184 Franck 1998, S. 63. 4 Voraussetzung: Medien, Internet und Informationsflut 54 Produktionsweisen und die Computerunterstützung führen zu einer Beschleunigung des Lebens in allen Bereichen und zu einer Überflutung mit Informationen. Die Werbung, die in der Folge als zusätzlicher Faktor hinzukommt, trägt noch weiter zur Reizüberflutung der Gesellschaft bei. „Der jeweils stärkste Reiz gewinnt auf Kosten aller anderen.“185 Allerdings sind die Produktion von Waren und das Angebot von Dienstleistungen mittlerweile so groß, dass man sich ohne Werbung nicht am Markt halten könnte. Die Aufmerksamkeit, die einer Firma ohne Werbung zukommt, ist zu gering, als dass sie gegen ihre Konkurrenz bestehen könnte. Ohne Aufmerksamkeit ist also kein Geld zu verdienen und das Geld ist in der postmodernen Konsumgesellschaft der wichtigste Maßstab für Erfolg. Die Beschleunigung, die durch die Informationsflut entsteht, führt aber auch zum Phänomen der Wegwerfinformation. Nicht umsonst heißt es: Nichts ist älter als die Nachricht von gestern. Vor allem durch die mediale Verbreitung durch Informationen über das Internet hat sich diese Tendenz verstärkt. Zuvor hatte das Fernsehen die Zeitung als Massenmedium abgelöst und die Entwicklung beschleunigt. Auch die Globalisierung trägt zur Verstärkung der Informationsflut bei. Die Informationen, auf die man Zugriff hat bzw. die überall präsentiert werden, beschränken sich nicht mehr auf das eigene Land oder den eigenen Kontinent, sondern sind Informationen aus aller Welt. Heute ist es kein Problem, per Livestream oder Stream Sendungen aus den USA zu konsumieren, wenn sie nicht aus rechtlichen Gründen gesperrt sind. Diese Tatsache der weltgesellschaftlichen Dimension von Informationen hat es noch schwerer gemacht, eine Auswahl zu treffen. Aber nicht nur die globale Informationsflut betrifft die Menschen, sondern auch die globale Vernetzung in Form von Echtzeitkommunikation. Diese Faktoren haben dazu geführt, dass wir uns auf einem Weltmarkt befinden, der keine Grenzen kennt. Aufmerksamkeit ist durch die heutigen Medien in gewisser Weise auch messbar geworden. Früher standen nur die Verkaufszahlen von Zeitungen zur Verfügung, heute gibt es mehr Möglichkeiten, die Entwicklung der Aufmerksamkeit deutlich zu machen. Im Fernsehsektor kann man auf Einschaltquoten zurückgreifen, im Internet wird jeder 185 Singer 1997. 4.1. Historie der Informationsflut 55 Klick gezählt. Außerdem werden laufend Untersuchungen zum Medienverhalten der KonsumentInnen in Auftrag gegeben. So kann festgestellt werden, welche Sendungen bzw. welche Personen beim Publikum gut ankommen bzw. vom Publikum viel Aufmerksamkeit erhalten. Das Internet und die Konsumgesellschaft Das Internet wurde ursprünglich als ein Projekt des US Militärs in den 1960er Jahren entwickelt.186 Die Defense Advance Research Projects Agency (ARPA) finanzierte die ersten Projekte, die später zum ARPA- NET, dem Vorgänger des Internets führten. Es sollte ein Kommunikationsnetzwerk aufgebaut werden, das im Falle eines Atomkriegs die weitere (militärische) Kommunikation sichern sollte. Zu Beginn war vor allem das Schreiben von E-Mails die Hauptfunktion des Netzwerkes. Es ging lange Zeit nur um das Versenden von Textinformationen. 1980 wurde das Usenet (Unix User Network) ins Leben gerufen, das sich als Nachrichtennetzwerk etablierte. Die wichtigste Weiterentwicklung war sicherlich die neue Konvention für Datenaustausch, die 1989 im Kernforschungszentrum in Genf (CERN) entwickelt wurde – HTML (Hypertext Markup Language). Diese neue Art von Protokoll machte es auch für technisch weniger begabte User möglich, die Datenübertragung zwischen Computern zu nutzen. Das WWW (World Wide Web) wie wir es heute kenn wurde dann 1993 für die Öffentlichkeit freigegeben. Dies bot viele neue Möglichkeiten. Zu Beginn war der Kapitalismus im Internet noch nicht besonders ausgeprägt. Es waren vor allem computerinteressierte Menschen, die hier eine neue Form der Kommunikation und der Wissensweitergabe fanden. Es präsentierte sich fast schon als Möglichkeit zum Ausstieg aus der Konsumgesellschaft. Man musste sich nur einen Zugang kaufen und dann war alles gratis, was man dort fand. Doch mittlerweile ist das Internet zum Flaggschiff der Konsumgesellschaft mutiert. Vieles, was früher kostenlos war, muss man sich heute mit Geld erkaufen oder man muss sich von Werbung überfluten lassen. Die Werbung im Internet ist zudem mittlerweile stark personalisiert. Google und Facebook können, wenn 4.2. 186 Zur Geschichte des Internets vgl. Hafner/Lyon 1996. 4 Voraussetzung: Medien, Internet und Informationsflut 56 man eingeloggt ist, die Vorlieben der User durch Suchanfragen oder Fan-Seiten, bei denen man Mitglied ist, herausfiltern und zeigen nur die Werbung, die auch zum entsprechenden Profil passt. Es war zu erwarten, dass auch im Internet nicht auf Dauer alles kostenlos sein kann. Arbeiten wie journalistisches Schreiben, Programmierung, Fotobearbeitung, Webdesign usw., die anfangs meist hobbymäßig geleistet wurden, sind längst professionalisiert, müssen also auch entsprechend bezahlt werden und stellen inzwischen einen wichtigen Wirtschaftssektor dar. Immer mehr Zeitungen und Magazine gehen dazu über, ihre Leistungen, z.B. die Archive ihrer Printausgaben, nur noch entgeltlich zur Verfügung zu stellen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Möglichkeit, Informationen aus dem Internet kostenlos zu beziehen, nicht heißen muss, dass dies auch legal ist. Seit Jahren ist im Zusammenhang mit dem Thema Urheberrecht ein erbitterter Kampf zwischen der Musik- und Filmindustrie sowie Autorenvereinigungen auf der einen Seite und Tauschbörsen, Anbietern von Streaming-Servern usw. auf der anderen Seite im Gange. Dieses wurde seit Jahrzehnten nicht grundlegend ge- ändert, obwohl das Internet juristische Probleme und Fragestellungen aufwarf, die dringend geklärt werden mussten. Aus diesem Grund schlossen sich AutorInnen zu Interessensgruppen zusammen, um ihre Rechte durchzusetzen. Durch das Digitalisieren von Büchern und die Erstellung von E-Books ist es viel einfacher geworden, im Internet an Texte heranzukommen. Google hat sich seit 2004 um Kooperationen mit Verlagen bemüht (Google Print).187 Die Firma bekommt PDFs der Publikationen der Verlage übermittelt und speist die in Ihr Netzwerk ein und macht sie durch OCR-Erkennung durchsuchbar und auch in der Google-Suchmaschine auffindbar. Es sollten dann allerdings nicht die gesamten Seiten der Bücher auffindbar sein, was zu Beginn oft weniger gut funktioniert hat. Ab 2005 wurden auch Kooperationen mit Bibliotheken geschlossen (Google Library), die den Scanning-Dienst von Google nutzen, um ihren ganzen Bestand zu digitalisieren. Da es sich hier auch um Werke handelt, an denen die Bibliotheken gar keine Rechte besitzen, hat diese Form der Digitalisierung und Datenweiter- 187 Zu Google Print und Google Library vgl. Giacomuzzi 2007a und https://de.wikip edia.org/wiki/Google_Books (letzter Zugriff: 18.8.2018) 4.2. Das Internet und die Konsumgesellschaft 57 gabe an Google viele Diskussionen ausgelöst.188 In den letzten Jahren hat es auf EU-Ebene Anpassungen der Gesetze gegeben, die die Rechtslage klarer regeln. Beispielsweise sind mittlerweile Datenbanken auch im Urheberrecht inkludiert.189 Auch die Verwendung von urheberrechtlich geschützten Werken im universitären Umfeld wurde neu geregelt.190 Doch auch die Konsumgesellschaft, die sich augenscheinlich vor allem um die Erwirtschaftung von Geld kümmert, muss sich aufgrund der Globalisierung und der Reizüberflutung den postmodernen Rahmenbedingungen anpassen: Eines ist mit dem Erfolg des Internets klargeworden: Die klassischen aufmerksamkeitsökonomischen Quellen der Informationsflut haben die Oberhand zurückgewonnen. Die Globalisierung des Informationsangebots überwindet einen Engpaß in der Informationsverarbeitung mit der Folge, daß das Angebot in gigantischem Umfang wächst. Und es wächst nicht länger in erster, sondern nur mehr zweiter Linie aus kommerziellem Interesse. Selbst dort nämlich, wo es letztlich um Geld geht, geht es zunächst einmal darum, im Kampf um die Aufmerksamkeit zu bestehen.191 Nur wer den nötigen Bekanntheitsgrad hat, kann auch Geld verdienen. Aufmerksamkeit und Massenmedien Die Medien spielen hinsichtlich der Ressource Aufmerksamkeit schon deshalb eine wichtige Rolle, da sie eine gewisse Grundaufmerksamkeit genießen und so eine kontinuierliche Aufmerksamkeitserzeugung gewährleisten können. Die Massenmedien und in Verbindung mit ihnen das Internet gewinnen gleichsam als gesellschaftliche(s) Super-Theater (Welt-Theater) im Ver- 4.3. 188 Vgl. http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/digital/google-books-der-kampfum-das-digitale-buch-1839971.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) und https://www. zeit.de/digital/internet/2011-03/google-books-gericht-2 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 189 Vgl. https://www.wko.at/service/wirtschaftsrecht-gewerberecht/Copyright-und- Werknutzung-im-Internet.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 190 https://www.bmjv.de/SharedDocs/Gesetzgebungsverfahren/Dokumente/BGBl-U rhWissG.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 191 Franck 1998, S. 67. 4 Voraussetzung: Medien, Internet und Informationsflut 58 hältnis zu allen sozialen Bereichen (alltägliche Lebenswelten, Funktionssysteme/Felder, Organisationen, Spezialkulturen, Szenen), auf die sie sich beziehen und die sich auf sie beziehen, immer größere Bedeutung, soziale Wirk- und Wirklichkeitsmacht.192 Da Medien immer eine gewisse Aufmerksamkeit zukommt, können sie auch „Beachtungs-Vorschüsse“193 gewähren. Diese erhalten vor allem Menschen, Produkte, Ereignisse usw., von denen zu erwarten ist, dass sie die Investition wieder einbringen werden. Im Bereich der Medien aber, so argumentieren Goldhaber und Franck, ist Aufmerksamkeit eine homogene Währung, messbar in Auflage, Einschaltquoten, Pagevisits, Reichweite, Besucherzahlen oder Meinungsumfragen.194 Die enorme Menge an Informationen in den verschiedenen Medien muss selektiert werden. Vor allem Neues und Wichtiges lösen Reize aus. Es ist jedoch zu beachten, dass alles, sobald es einmal wahrgenommen wurde, nicht mehr neu ist und daher einen geringeren Reiz verursacht. Bekannte Reizmuster können zwar immer noch wichtig sein und deshalb mehr Aufmerksamkeit hervorrufen, der Neuigkeitswert fällt allerdings weg. Durch die massive Zunahme und Ausbreitung von Massenmedien haben sich sowohl das Raum- und Zeitgefühl als auch der Zugang zu Informationen stark verändert. Position und Rolle eines Menschen sind, wie schon erwähnt, stark von der Möglichkeit bestimmt, über Informationen zu verfügen. Zwei Punkte sind hier für die veränderte Situation der Informationslage charakteristisch: 1. Die Privatsphäre schrumpft, d.h. die meisten Handlungen finden in der Öffentlichkeit statt, auch jene, die früher der privaten Sphäre zugeordnet waren. Somit muss das Verhalten im Rollenspiel personenkreisunabhängig sein. Es ist also, nicht mehr, wie ursprünglich, auf bestimmte Gruppen zugeschnitten. 2. „Der Beziehungsaspekt der Kommunikation wird wichtiger als der Inhaltsaspekt. Der Beziehungsaspekt gibt über die eigentliche Information hinaus Hinweise, wie diese Informationen zu bewerten 192 Willems 1998, S. 47. 193 Nolte 2005, S. 51. 194 Ebd. 4.3. Aufmerksamkeit und Massenmedien 59 sind. Im Zuge vor allem der audiovisuellen Veränderungen werden deshalb expressive, symbolische Gesichtspunkte eines Rollenspiels wichtiger: Strategien, die helfen, Identität auf einen Blick zu vermitteln.“195 Diese Tendenz zur Inszenierung bedeutet allerdings auch, dass die Art und Weise, wie etwas kommuniziert wird, stärker ins Zentrum der Wahrnehmung rückt. Der Mensch entwickelt die Fähigkeit, diese Inszenierungstechniken zu erkennen und auch zu bewerten. 195 Nolte 2005, S. 40. 4 Voraussetzung: Medien, Internet und Informationsflut 60 Autorinszenierung – ein historischer Abriss Grundlagen der Inszenierung Im Bereich des literarischen Feldes gibt es seit jeher die Illusion, dass es eine autonome Kunst und KünstlerInnen gebe, die keine Anerkennung durch andere Menschen anstrebten. Es ist jedoch unrealistisch zu meinen, dass AutorInnen sich nicht – zumindest innerhalb des literarischen Feldes – in einem Wettstreit um die knappe Ressource „Aufmerksamkeit“196 befinden würden. Jeder bzw. jede will seine Position im Feld behaupten bzw. ausbauen. Die anti-ökonomische Sicht auf das literarische Feld entspricht auch nicht dem Alltag eines Schriftstellers bzw. einer Schriftstellerin. Im Mittelalter musste man sich einen Mäzen suchen, für den man seine Werke verfassen konnte, heute bemühen sich Autoren darum, dass ihre Werke in möglichst renommierten Literaturverlagen publiziert werden. Die AutorInnen sind in den literarischen Markt eingebunden, den sie mit ihren Schriften beliefern. Es ist zwar nicht unbedingt so, dass das literarische Werk als Ware im kapitalistischen Sinn gesehen werden muss, aber dennoch müssen AutorInnen auch am literarischen Markt präsent sein oder zumindest von ihm wahrgenommen werden, sonst werden sie weder auf intellektueller Ebene noch auf finanzieller Ebene Erfolge feiern können. In der Gesellschaft erfahren AutorInnen heute weniger Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahrzehnten, da sie ihre „Rolle als Sprecher der Menschheit, als Repräsentanten der Nationalkultur, Historiker der Gesellschaft oder politisch einflussreiche Akteure an der literarischen Front der Klassenkämpfe“197 wohl verloren haben. 5 5.1. 196 Vgl. Jürgensen/Kaiser 2011a; Frank 1998; Assmann/Assmann 2001; Joch /Mix/ Wolf 2009. 197 Jürgensen/Kaiser 2011b, S. 16. 61 Durch die Massenproduktion von Büchern gingen die Einnahmen von Buchverlagen nach oben. Damit einhergehend bekamen auch AutorInnen einen neuen Stellenwert in der Buchproduktion. Die quantitativen Aspekte dieser Entwicklung bilden jedoch auch deren qualitative Aspekte ab: Autoren wurden mit der Entwicklung des Buchund Medienmarktes nach und nach zu einem, wenngleich bedeutenden Teil des Produktionsapparates (was die enorme Bedeutung des Urheberrechts bis heute erklärt): Sie übernahmen ein breites Spektrum von Funktionen, zu denen Verfassen von Texten ebenso gehört wie die Recherche, Redaktion, Korrektur und schließlich Produktion.198 Um sich nun im literarischen Feld behaupten zu können und hervorzustechen, nutzen AutorInnen verschiedenste Inszenierungsmöglichkeiten. Christoph Jürgensen und Gerhard Kaiser nennen diese in ihrem Band „Schriftstellerische Inszenierungspraktiken“199 und erstellen eine Typologie dieser Praktiken. Jürgensen und Kaiser erläutern den Begriff „Inszenierungspraktiken“ wie folgt: Inszenierungspraktiken, das meint hier zunächst jene textuellen, paratextuellen und habituellen Techniken und Aktivitäten von SchriftstellerInnen, in oder mit denen sie öffentlichkeitsbezogen für ihre eigene Person, für ihre eigene Tätigkeit und/oder ihre Produkte Aufmerksamkeit erzeugen.200 Sie beziehen sich hierbei auf verschiedene Möglichkeiten der Inszenierung, nicht nur auf die schriftliche, die sich über die von SchriftstellerInnen produzierten Texte vollzieht, sondern auch auf Techniken neben dem geschriebenen Wort. In diesem Zusammenhang beschreiben sie einerseits in Anlehnung an Genette201 paratextuelle Inszenierungspraktiken wie die Peritexte Vorwort, Nachwort, Illustration, Anmerkung usw., die im Text auf eine Art der Inszenierung hinweisen können, oder auch Epitexte wie Interviews oder Selbstkommentare, die zwar sprachgebunden sind, aber von anderen Phänomenen (Kleidung, Gestik, Mimik) begleitet werden können. Als dritte große Kategorie führen Jürgensen/Kaiser die habituellen Techniken ein, die sich nun gar nicht mehr mit (schriftlichem/mündlichem) Text bzw. sprachli- 198 Delabar 2008, S. 94. 199 Vgl. Jürgensen/Kaiser 2011a. 200 Jürgensen/Kaiser 2011b, S. 10. 201 Vgl. Genette 2001. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 62 chen Elementen in irgendeiner Form beschäftigen müssen. Es geht bei diesem Aspekt mehr um die performativen, sozialen und ästhetischen Komponenten einer Inszenierungsstrategie. Diese habituellen Praktiken beziehen sich vor allem auf den Lebensstil eines Autors bzw. einer Autorin, wobei hier „Stil“ als „eine für das Publikum inszenierte Interpretationsanleitung“202 beschrieben wird. Hierbei ist der Lebensstil nicht in seiner biographischen Form gemeint, sondern als Bestandteil von Inszenierungspraktiken. Allerdings haben der Stil und die mit ihm einhergehenden habituellen Praktiken auch immer etwas mit einem Autorenbild zu tun, das sich nicht nur aus diesen zusammensetzt, sondern zusätzlich von Fremdzuschreibungen bzw. Fremdinszenierungen anderer AkteurInnen des literarischen Feldes – wie Verlagen, KritikerInnen, Preisen usw. – bestimmt wird und in Wechselwirkung tritt. „[Es] wird deutlich, dass sich die Geschichte der Autorinszenierung – wie die Diskussion über Autorschaft insgesamt – nicht als eine kontinuierliche Folge sich ablösender Konzepte entwickelt, sondern von Überschneidungen, Zitaten und Rückkoppelungen lebt.“203 Es gibt also sehr viele verschiedene Möglichkeiten, wie eine Autorinszenierung aussehen kann und es gibt ebenso viele Kanäle, über die diese verbreitet werden kann. Medien der Inszenierung Der Duden beschreibt ein Medium als „vermittelndes Element“204. Es steht zwischen demjenigen, der etwas vermitteln will, und demjenigen, dem es vermittelt werden soll. Im vorliegenden Fall werden Medien dazu verwendet, den Autor bzw. die Autorin hervorzuheben, abzugrenzen oder ihn/sie ganz allgemein zu inszenieren. Der Begriff Medium wird hier im weitesten Sinn gebraucht, d.h. es sind nicht nur die technischen Medien, wie Foto, Fernsehen, Radio, Internet usw., gemeint, sondern auch Körper, Biographie oder Skandal können als ‚Vermittler‘, also als Medien gesehen werden. Die folgende Aufzählung er- 5.2. 202 Vgl. Soefner 1986, S. 317–341 bzw. Jürgensen/Kaiser 2011b, S. 13. 203 Künzel/Schönert 2007, S. 10 204 http://www.duden.de/rechtschreibung/Medium_Vermittler_Traeger (letzter Zugriff: 18.8.2018). 5.2. Medien der Inszenierung 63 hebt natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern stellt nur eine Möglichkeit dar, wie Medien, die sich zur Inszenierung eignen, eingeteilt werden können. Die Liste der Beispiele kann jederzeit erweitert werden, da sich auch die Formen der Inszenierung ständig ändern. Viele der folgenden Kategorien überschneiden sich, was nicht zu verhindern ist, da viele Inszenierungsmerkmale ineinandergreifen; allerdings wird immer das hervorstechendste Merkmal als wichtigstes für die Kategorisierung betrachtet. Einleitend soll ein kurzer Überblick gegeben werden, der Möglichkeiten der Inszenierung bzw. Selbstinszenierung im Feld der Literatur auslotet und mit Beispielen illustriert. Körper Der Begriff Inszenierung steht in enger Verbindung mit der äußeren Erscheinung einer Person. Ihre Haltung, ihr Kleidungsstil, ihre Gestik, all diese Dinge sind maßgeblich dafür verantwortlich, welches Bild vermittelt wird. Deshalb spielt der Körper bei der Inszenierung in der Regel eine wichtige Rolle. Am Beispiel der Filmindustrie ist dies besonders gut nachvollziehbar. SchauspielerInnen müssen, um eine bestimmte Rolle spielen zu können, sich schminken und verkleiden, unter Umständen sogar an Gewicht ab- oder zunehmen. D.h. der Körper muss je nach Rolle gestaltet sein. Dieses Phänomen findet sich auch bei der Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit wieder. Egal, ob es sich um SchauspielerInnen, AutorInnen, PolitikerInnen oder andere Personen des öffentlichen Lebens handelt, die sich Aufmerksamkeit verschaffen wollen, ihr Körper ist das Mittel, das in erster Linie dazu verwendet wird. Auffällige Kleidung oder ein skandalöser Haarschnitt können einen wichtigen Beitrag zur Wirkung einer Inszenierung leisten. Natürlich bedarf es dann noch weiterer Maßnahmen, um den gestalteten Körper in Szene zu setzen, wie beispielsweise Fotos, Fernsehoder Theaterauftritte. Aber der Körper besetzt meist einen doch recht wichtigen Part in diesem Spiel der Inszenierung. Else Lasker-Schüler inszenierte sich beispielsweise als Außenseiterin. Sie kleidete sich teils orientalisch, teils unweiblich, auf alle Fälle so, wie es zu ihrer Zeit nicht erwartet wurde. Ihr Kleidungsstil war sehr auffällig, sie trug weite Röcke oder Hosen sowie auffälligen Kunst- 5.2.1. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 64 schmuck. Ihr Stil war vom Orient geprägt, mit dem Sie sich Zeit ihres Lebens auseinandersetzte. Vor allem die Kombination der Themen Orient und Sinnlichkeit bzw. Erotik, war damals tabuisiert. Ihre Zeitgenossen waren Großteils der Meinung, dass sich diese Art von Beschäftigung für eine Frau nicht gehöre. Später lebte sie in Jerusalem, wo sie trotz großer Hitze einen langen Mantel und eine Fellmütze trug. Sie versuchte also, sich von ihrer Umgebung abzugrenzen. Sie gab sich weder traditionell noch anti-traditionell, sondern kreierte ihren eigenen Stil. Lasker-Schüler inszenierte sich als exzentrische Frau mit exotischem Geschmack. Sie präsentierte sich in ihrem Leben wie in ihrem Werk als Kunstfigur, die als Mann oder als Frau gesehen werden konnte. Sie neigte zu mythologischen Themen und Figuren, die sie in ihrem Werk verarbeitete. Engen FreundInnen gab sie eigene Namen, die meist aus der Mythologie stammten. Der Lebensstil der Dichterin in der Berliner Bohème stieß bei vielen auf Unverständnis. In ihren Werken sind Themen aus verschiedenen Mythologien und Religionen zu finden, mit denen sie sich beschäftigte. Ob es sich um Motive im Zusammenhang mit Ägypten, Deutschland, dem Judentum, Naturlyrik usw. handelte – Else Lasker-Schüler bediente sich bei allem, was sie interessierte.205 Foto Es bedarf, wie schon erwähnt, bei der Inszenierung der eigenen Person nicht nur der Gestaltung des Körpers, um wahrgenommen zu werden, sondern auch eines Mediums, das diese einer breiten Öffentlichkeit kommuniziert. Hierfür waren Fotos von jeher beliebt. Man kann sie als eine Art Autogrammkarte zu Lesungen mitnehmen, in Zeitungen und Zeitschriften oder auch auf dem Buchcover abdrucken. Stefan George z.B. wählte als ein bevorzugtes Mittel seiner Inszenierung die Fotografie.206 Gegenüber seinem Kollegen Hugo von Hofmansthal erwähnte er einmal, dass er an Kollegen und Anhänger gerne Porträtaufnahmen verteile, damit diese eine Erinnerung an ihn hät- 5.2.2. 205 Benn 2006, S. 541– 543. 206 Vgl. Bartels 2007. 5.2. Medien der Inszenierung 65 ten.207 1899 ließ er vom bekannten Fotografen Jacob Hilsdorf eine Fotostrecke anfertigen. Die Fotografien Jacob Hilsdorfs und seines Bruders Theodor waren maßgeblich für die Bildung des Kreises um George und für seine Stilisierung als Propheten-Ikone.208 Diese Fotos gingen über das Private hinaus und wurden zum zentralen Instrument der Inszenierung. Diese Form der Werbung ging so weit, dass Georges Bücher schon gekauft wurden, wenn ein Foto des Dichters auf dem Cover abgebildet war. Stefan George war klar, dass man Kunst vermarkten musste, weshalb er sich einerseits durch viele veröffentlichte Fotos als Person bekannt machte und als Marke etablierte und sich andererseits mithilfe seines Zirkels und dessen Riten, die ihm ebenfalls als Marketinginstrument dienten, inszenierte.209 Er wurde dadurch zu einem „Prominenten“210 und so zur Marke211. Eine Schlüsselfunktion im Zusammenhang mit der Prominenz hat seit jeher die Fotografie, die häufig zum Hauptinszenierungsmittel von Personen verwendet wird. Auch die Pop-Autoren späterer Generationen wandten ähnliche Mittel der Porträtinszenierung an und sind so als Nachfolger Georges in dieser Form der Inszenierung zu sehen. 1904 erschien in den Blättern für die Kunst eine Kollage von Porträtfotos der beteiligten Dichter. Stefan George, der Gründer der Zeitschrift, stellte auf diese Weise seine Dichter-Familie212 vor und setzte sein Porträt in die Mitte der Collage, als ob er das Familienoberhaupt wäre. Die Konstellation ist so gewählt, dass sich die Blicke der Dichter fast alle zur Mitte wenden und sich so auf das Bild Georges konzentrieren. Sein Kopf ist vor weißem Hintergrund abgebildet, was nur noch bei einer einzigen weiteren Fotografie, nämlich derjenigen eines verstorbenen Kollegen, der Fall ist. So sticht das Bild Georges unter den anderen heraus. Außerdem sind es genau zwölf Kollegen, die sich – gleich den zwölf Aposteln – um George gruppieren.213 Man kann also sagen, dass sich der Dichter als eine Art Messias darstellen ließ. Von 207 Bartels 2007, S. 25. 208 Braungart 1997, S. 135. 209 Vgl. Wegmann 2005. 210 Vgl. Rojek 2001. 211 Neuhaus 2011. 212 Künzel/Schönert 2007, S. 25. 213 Braungart 1997, S. 136. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 66 Hugo von Hofmannsthal war im Vorfeld der Vorwurf erhoben worden, George habe die Porträts seiner Kollegen aus werbetechnischen Gründen zusammen mit seinem eigenen abdrucken lassen, um sich selbst zu inszenieren.214 George hatte also wohl auch unter AutorenkollegInnen den Ruf, sich selbst auf alle erdenklichen Weisen zu vermarkten. Abbildung 1: Stefan George und die Gebrüder Claus und Berthold von Stauffenberg (Quelle: akg-images) Auf dem oben abgebildeten Foto ist George in der linken Bildhälfte in einer Strickjacke zu sehen und mit einem Kragen, der an den eines Priesters erinnert. Er starrt versunken ins Leere. In der rechten Bildhälfte sind zwei wichtige Elemente zu erkennen: zunächst ein Porträt des Dichters, das gerahmt an der Wand hängt und somit eine Verdoppelung der inszenierten Person darstellt. Zusätzlich blickt der Autor auf der Abbildung an der Wand in dieselbe Richtung wie der Autor in der linken Bildhälfte, was diese Doppelung noch verstärkt. Es befinden 214 George/Hofmannsthal 1953. 5.2. Medien der Inszenierung 67 sich also auf dem Foto – so der wohl beabsichtigte Eindruck – einmal der ‚Privatmensch‘ Stefan George und einmal eine professionelle Abbildung des Prominenten George. Weiters sind die Brüder Claus und Berthold von Stauffenberg zu sehen, die den Dichter anhimmeln. Bartels vergleicht deren Pose mit Adoranten aus der christlichen Ikonografie, was auch wieder auf die rituelle Stilisierung des Autors hinweist.215 Es wird die Aura des Autors inszeniert, die vom Betrachter Besitz ergreifen soll. Das Thema Aura im spiritistischen Sinn war auch Thema in Georges Zirkeln. Abbildung 2: Thomas Mann (Quelle: akg-images / Fritz Eschen) Thomas Mann benutzte ebenfalls das Medium der Fotografie dazu, ein bestimmtes Bild von sich zur Schau zu stellen. Kleidung, Pose und die dazu passende Umgebung waren hierfür sehr wichtig. Oft sieht man ihn am Schreibtisch oder mit einer Zeitung in der Hand. Er schaut häufig in die Ferne und/oder am Fotografen vorbei. Mann präsentiert sich auch gerne zusammen mit anderen Persönlichkeiten seiner Zeit, etwa mit Albert Einstein, im lockeren Gespräch. Er schenkte seiner 215 Bartels 2007, S. 30f. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 68 Frau einen Fotoapparat, damit sie bei Bedarf Fotos von ihm machen konnte. Daher gibt es auch eine Reihe von Fotos von Thomas Mann im engeren Familienkreis, auf der Couch oder am Esstisch. Auch Bertolt Brecht war bekannt für seine Inszenierung auf Bildern. „Bertolt Brecht war ein cooler Typ, man weiß es. Wer es noch nicht weiß, kann es sehen […]“216, so Hans-Harald Müller über die Selbstinszenierung des Autors. Brecht verstand es zum Beispiel, sich in verschiedenen Posen ablichten zu lassen: als Eigenbrötler, als Künstler, als Sportfan zusammen mit einem bekannten Boxer und in vielen anderen ‚Rollen‘. Auf vielen Fotografien findet man ihn ähnlich positioniert bzw. ähnlich gekleidet. Oft hat er eine Zigarre im Mund oder in der Hand. Es gibt eine ganze Fotostrecke, auf der er einen langen, dunklen Ledermantel trägt und sich in verschiedenen Posen – mit oder ohne Zigarre – präsentiert. Auf einigen Fotos hält er eine Hand ans Kinn und inszeniert sich auf diese Weise in typischer Denkerpose. Abbildung 3: Bertolt Brecht in Wohnung Speicherstraße (Quelle: akg-images) 216 Müller 2007, S. 79. 5.2. Medien der Inszenierung 69 Annemarie Schwarzenbach wählte einen anderen Weg, sich über Fotos zu inszenieren. Simone Wichor setzte sich mit dem Nachlass der Autorin auseinander und beschäftigte sich einerseits mit Schwarzenbachs Tagebüchern und Briefen, andererseits mit ihren Porträtfotos.217 Die Autorin entschied sich schon sehr früh dafür, sich durch Fotografien als eine melancholische Künstlerin in Szene zu setzen. Sie erscheint auf den Fotos als androgynes Zwischenwesen, was zur damaligen Zeit verpönt war. Von Thomas Mann ist überliefert, dass er gegenüber Schwarzenbach selbst geäußert habe, dass sie als Jüngling sehr hübsch wäre.218 Die Autorin hatte sich bewusst dafür entschieden, sich durch diese Inszenierung als homosexuell darzustellen und sich den Konsequenzen, d.h. unter Umständen auch Diffamierungen, auszusetzen. Sie ließ sich auf allen Fotos in einem melancholischen und leidenden Gestus ablichten. Diese Künstlerrolle korrespondiert mit der Selbststilisierung in ihren Tagebüchern und Briefen. Authentizität Judith Hermann erlangte durch ihren Debütroman Sommerhaus, später219 in den 1990er Jahren Bekanntheit. Für den Romanumschlag wurde ein Foto in Auftrag geben, das dann in weiterer Folge für die Vermarktung des Buches an die Presse weitergegeben wurde. Das Foto wurde von der bekannten Fotografin Renate von Mangold aufgenommen, die sich schon einen Namen mit Portraits von Autorinnen und Autoren, wie etwa Paul Celan oder Ingeborg Bachmann machen konnte.220 Das Foto zeigt Hermann in einem recht dunklen Raum mit einem sehr dominanten Pelzkragen, der an Portraits von russischen Damen erinnert. Die Autorin ist auf dem Foto nicht von allen Seiten beleuchtet, wie es oft bei Autorenportraits oder allgemein Portraits aus dem Werbebereich der Fall ist. Hermann wird nur von einer Seite mit Licht angestrahlt, was Schatten in ihrem Gesicht erscheinen lässt. Dies resultiert in einer eher düsteren Stimmung und lässt das Foto gleich- 5.2.3. 217 Wichor 2013 S. 153ff. 218 Wichor 2013, S. 154. 219 Hermann 1998. 220 Blumenkamp 2011b, 189. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 70 zeitig mehr wie ein privates als ein Pressefoto wirken. Der Hintergrund zeigt wohl ein Eck mit zwei Fenstern, die milchig und undurchsichtig wirken. Doch was vor allem auffällt ist der Blick der Autorin, der nicht das übliche Marketinglächeln von Autorenfotos zeigt. In mehreren Rezensionen, die das Foto mitabdruckten, wird er als melancholisch gedeutet, was in direkten Zusammenhang mit der Stimmung in ihrem Debütroman gebracht wird.221 Dies lässt darauf schließen, dass das Foto ganz bewusst und passend zum Roman erstellt wurde und Hermann als authentischen Teil des Buches inszenieren soll. Diese Authentizität wird laut Blumenkamp aber auch auf technisch-medialer Ebenen erreicht: Die Authentizität, die das Foto widerspiegelt, ist in zweifacher Hinsicht ‚gemacht’. Auf der Ebene des Dargestellten wird sie erzielt, weil‚ eine authentische Situation simuliert wird’. Unter dem Aspekt der medialen Präsentation wird der Eindruck von Authentischem geweckt, weil ‚die Merkmale spontaner, privater Fotografie genutzt werden.222 Die Marketing-Strategie, die dieses Autorenportrait wohl verfolgte, war wohl einen Konnex zwischen Autorin und Texte herzustellen, was Authentizität suggerieren soll. In einer Analyse von mehreren Rezensionen kommt Blumenkamp zu folgendem Schluss: Die Analyse der Kontexte, in denen das besagte Porträtfoto Hermanns verwendet worden ist, hat gezeigt, dass in den meisten Fällen eine Verschmelzung von Autorin und literarischem Text forciert wird, bis hin zu einer metonymischen Verschiebung, also der Austauschbarkeit der Kategorien Autor und Text.223 Diese Sichtweise ist keines Falls eine übliche für die Rezeption von Autorinnen und Autoren in Zusammenhang mit ihrem Text, konnte aber durch die Inszenierung von Authentizität über das Autorenportrait erzielt werden. Auch, dass nur dieses eine Foto der Autorin vom Verlag nach außen gegeben wurde, weist auf eine gewollte Inszenierung hin. Andere Autorinnen kenn man von vielen verschiedenen Fotos. Blumenkamp nennt hier als Beispiel Alexa Hennig von Lange, von der fast 221 Blumenkamp 2011b, 198f. 222 Blumenkamp 2011a, S. 366. 223 Blumenkamp 2011b, S. 207. 5.2. Medien der Inszenierung 71 jedes Mal ein anderes Foto abgedruckt, also auch vom Verlag weitergegeben wurde.224 Auch wenn es von Lange viele verschiedene Autorenfotos gibt, hat sich ihr Verlag für das Cover der Taschenbuchausgabe ihres Romans Relax225 ebenfalls dazu entschlossen ein ‚authentisches‘ Bild zu verwenden. Die Autorin ist leicht nach hinten gelehnt und schaut nicht in Richtung der Kamera. Sie wirkt, als ob sie nicht einmal bemerkte, dass sie fotografiert wird, ein Eindruck, der von der ungünstigen Haltung der rechten Hand mit dem Daumen an der Nase noch bestärkt wird. Auch von Benjamin Lebert gibt es ein Foto, das zwar definitiv professionell aufgenommen wurde, wie man wieder an der Beleuchtung erkennen kann, aber auf dem er jedoch in unüblicher Weise privat erscheint.226 Er wirkt, als ob er gerade aufgestanden wäre oder zumindest sieht er sehr müde aus; also keine Darstellung, die besonders vorteilhaft wäre und daher auch nicht gerade üblich für ein Autorenportrait. Derartige Darstellungen führen dazu, dass der Leser den Autor als sympathische, authentische Privatperson erlebt. Das Foto wurde auch für eine englische Ausgabe von Leberts Erstling Crazy227 verwendet. Alle drei Beispiele stammen aus dem Bereich der Pop-Literatur, der stark mit dem Thema Authentizität verknüpft ist.228 Biographie Aber nicht nur das Aussehen eines Autors bzw. einer Autorin spielt im Rahmen von Inszenierungsstrategien unter Umständen eine wichtige Rolle. Auch die Art und Weise, wie er bzw. sie sein Leben in der Öffentlichkeit darstellt, ist als Inszenierungsmittel beliebt. Meist werden bestimmte Themen besonders hervorgehoben, die dazu beitragen, dass der Autor mit dem gewünschten Image in Verbindung gebracht wird, 5.2.4. 224 Blumenkamp 2011b, S. 227. 225 Lange 1999. 226 Vgl. Blumenkamp 2011b, S. 262. 227 Lebert 1999. 228 Vgl. Klein 2004, S. 21ff. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 72 oder es werden gar Begebenheiten oder Ähnliches erfunden, um die Biographie interessanter erscheinen zu lassen. Andererseits werden auch Lebensabschnitte aus der Biographie getilgt, die nicht in das gewollte Bild des Autors bzw. der Autorin hineinpassen. Else Lasker-Schüler fasst in Kurt Pinthus’ Anthologie Menschheitsdämmerung – Symphonie jüngster Dichtung ihre eigene Biographie in aller Kürze folgendermaßen zusammen: „Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam, im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenland, und seitdem vegetiere ich.“229 Neben diesen Worten ist auch ein Selbstporträt der Dichterin abgedruckt, eine Tuschezeichnung, die Gesa Dane folgendermaßen beschreibt: Sie […] zeigt eine Figur in kämpferisch trotziger Haltung, das Gesicht mit dem zusammengekniffenen Mund nach rechts gewendet, auf der linken Wange sind ein Stern und ein Halbmond gezeichnet, der Blick ist auf einen Himmelskörper, halb Mond halb Sonne, vor ihr gerichtet.230 Else Lasker-Schüler stellt sich in dieser Zeichnung als Prinz Jussuf, eine von ihr selbst erfundene Figur, dar und schreibt diesen Namen auch zwischen ihre weit auseinandergestellten Beine. Man kann sich vorstellen, dass diese Art der Selbstpräsentation als äußerst exzentrisch angesehen wurde. Die Dichterin trat auch in Cafés und Theatern als Prinz Jussuf auf. Die Identifikation mit dieser Figur zeigt, dass sie sich abheben bzw. abgrenzen wollte. Die Selbstbeschreibung Lasker-Schülers in ihrer Biographie und noch viel mehr in ihrem Selbstporträt stellt eine Vermischung von Leben und Kunst dar. Die Worte wirken, wie schon Ruth Klüger bemerkte, wie ein „kleines Prosagedicht“231. „Sie präsentiert eine hybride Kunstfigur, so scheint es zumindest, mit Rückbezügen auf sich selbst.“232 Auch ihre Gedichte weisen ähnliche Motive wie diejenige in der erwähnten Biographie auf. Somit zeigt die Autorin, dass sie von ihrem Werk nicht getrennt werden kann. Es gibt nur beides zusammen. In ihren Texten findet man immer wieder Parallelen zu ihrem Leben, 229 Pinthus 1960, S. 352. 230 Dane 2007, S. 47. 231 Ebd. 232 Dane 2007, S. 48. 5.2. Medien der Inszenierung 73 was diesen Eindruck noch verstärkt. Auch ihre jüdische Religion wird im Laufe der Zeit immer mehr zum Thema. Bertolt Brecht verstand sich darauf, sich in seinem Werk durch autobiografische Motive selbst zu inszenieren. Diese Motive sollen den Leser bzw. die Leserin davon überzeugen, dass das lyrische Ich im Text Brecht selbst sein soll. Vor allem in seinen Gedichten wird das lyrische Ich in Interpretationen oft annähernd mit Brecht gleichgesetzt werden.233 Nicht nur sein stilisiertes autobiographisches Gedicht Vom armen B.B.234 ist von selbstbewussten Eigenkommentaren geprägt. Brecht spricht in seinen Werken beispielsweise davon, dass er zum Klassiker werde,235 dass man viel von ihm halten könne und er auch viel von sich selbst halte, dass sein Werk der „Abgesang des Jahrtausends“236 sei usw. Auch die Art der Verbreitung seiner Texte war sehr geschickt gewählt. Er veröffentlichte viele in Zeitungen und Illustrierten, somit war sein Werk trotz seines Daseins als „verbrannter Dichter“ immer einem großen Publikum zugänglich.237 Seine Lyrik war außerdem auch noch sangbar und wurde gerne in Radio und Fernsehen ausgestrahlt, was ein sehr großes Publikum direkt ansprach. Von Walter Kempowski wurde zwar nicht direkt die Biographie, aber doch etwas, das zentral mit seinem Leben zu tun hat, gekonnt medial in den Mittelpunkt gerückt: sein Wohnhaus.238 Schon zu Lebzeiten wurde es wie ein Privatmuseum eingerichtet und Besuchern auch so präsentiert. Kempowski veranstaltete dort Literaturseminare, Veranstaltungsreihen und Sommerclubs, in deren Rahmen er Schüler zu sich nach Hause einlud. Es wurden auch Führungen angeboten, bei denen das Haus wie ein Altar präsentiert wurde.239 Die Einrichtungsstücke und deren Anordnung sowie die Präsentation durch den Besitzer vermittelten stark dieses Verständnis. Er wünschte sich auch, dass sein Haus nach seinem Tod zu einem Museum gemacht werde, in der 233 Vgl. https://www.nzz.ch/brechts_selbsterfindung_als_bertolt-1.14964685 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 234 Brecht 1998–2000, Bd. 11, S. 119f. 235 Brecht 1998–2000, Bd. 26, S. 230. 236 Brecht 1998–2000, Bd. 26, S. 115f. 237 Knopf 2007, S. 104. 238 Sina 2011, S. 349f. 239 Sina 2011, S. 350. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 74 gleichen Tradition wie etwa die Wohnstätten Goethes oder Ernst Jüngers. Maske / Verschwinden / Nichtvorhandensein Eine beliebte Art der Inszenierung ist die durch eine Art ‚Maske‘ oder gar durch eine Art ‚Nichtvorhandensein‘ in der Öffentlichkeit.240 Beides lässt sich am Beispiel E.T.A. Hoffmanns illustrieren. Im Zusammenhang mit der ‚Maske‘ spielt bei ihm unter anderem der Name eine wichtige Rolle: Dieser Autor (und Musiker), von Beruf aber eigentlich Jurist, wählte selbst als dritten Vornamen einen der Vornamen Wolfgang Amadeus Mozarts. Im Zusammenhang mit der Strategie des ‚Nichtvorhandenseins‘ ist zu sehen, dass Hoffmanns erste Prosaerzählungen ohne Namensnennung in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung erschienen sind, in welcher von ihm auch Musikrezensionen publiziert wurden, bei denen zu dieser Zeit die Angabe des Verfassers nicht unbedingt notwendig war. Hoffmann bestand in der Folge darauf, dass sein literarische Erstlingswerk auch als selbstständige Publikation – unter dem Titel Fantasiestücke241 – nicht unter seinem Namen gedruckt wurde. Sein Verleger überredete ihn dazu, ein Vorwort von Jean Paul schreiben zu lassen. In der ersten Auflage wurde der Verfasser in der Vorrede nicht erwähnt, in späteren Auflagen wird Hoffmanns Name dann doch eingefügt.242 Die Anonymität von Autorinnen und Autoren war vor allem in der englischsprachigen Literatur des 17. Und 18. Jahrhunderts sehr beliebt. Die Autorschaft wurde vor allem durch zuvor publizierte Werke angegeben.243 So auch bei Hoffmann. Sein zweites Buch wurde mit dem Zusatz: „vom Verfasser der Fantasiestücke in Callot’s Manier“. Statt des Autornamens ist also ein funktionaler Aspekt angegeben, der darauf hinweist, was der Schriftsteller schon geleistet hat. Der nächste Schritt bestand darin, dass Hoffmann sich bei weiteren Büchern zumindest als Herausgeber nen- 5.2.5. 240 Vgl. Prisching 2010. 241 Hoffmann 2006. 242 Vgl. https://de.wikisource.org/wiki/Vorrede_von_Jean_Paul#cite_ref-32 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 243 Vgl. Griffin 2003, S. 880. 5.2. Medien der Inszenierung 75 nen ließ. Dies stellt wieder eine neue Art des Verwirrspiels dar, das er bei den Lebensansichten des Katers Murr244 endgültig auf die Spitze trieb, indem er behauptete, er hätte die Blätter übermittelt bekommen. Hoffmann nutzt nun seine fingierte Rolle als Herausgeber dazu, Kritik am Druckwesen und an der Massenproduktion von Büchern zu üben. Die Abwesenheit des Autors ist ebenfalls eine Strategie der Inszenierung. Sir Walter Scott beispielsweise veröffentlichte seinen Roman Waverley anonym und auch die Folgeromane wurden nicht unter seinem eigenen Namen vertrieben sondern nur mit dem Vermerk „Vom Autor von Waverley“ versehen.245 Genette meint zu den Gründen dieser Anonymität folgendes: „Inzwischen hatte sich der Grund für die Anonymität anscheinend geändert und Scott erkannte als großer literarischer Stratege , daß sein Inkognito die Neugier reizte und den Erfolg der Bücher begünstigte.“246 Als weiteres Beispiel hierfür kann Patrick Süskind genannt werden, der trotz des großen Erfolgs von Das Parfum247keine öffentlichen Auftritte absolviert und daher als Person praktisch nicht in Erscheinung tritt. Man kennt nur sein Verlagsfoto, das auf dem Buchumschlag abgedruckt ist. Ein ähnliches Beispiel in der englischsprachigen Literatur stellt Thomas Pynchon dar, der seine Privatsphäre so stark zu schützen pflegt, dass er jegliche Form von Abbildung ablehnt. Es gibt nur wenige, sehr alte Aufnahmen von ihm. Allein seine Stimme ist bekannt, da er in der Trickfilmserie The Simpsons seinen eigenen Charakter in drei Folgen synchronisiert.248 Diese Figur hat passenderweise eine Papiertüte mit Fragezeichen über den Kopf gestülpt. 244 Hoffmann 2005. 245 Pabst 2018, S. 156. 246 Genette 2001, S. 47. 247 Süskind 1985. 248 Vgl. http://simpsons.wikia.com/wiki/Thomas_Pynchon (letzter Zugriff: 18.8.2018). 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 76 Skandal Der Skandal249 als gewählte Form der Inszenierung hat einen Vorteil, der unter Umständen in der Folge auch zu einem gravierenden Nachteil werden kann: Der Autor bzw. die Autorin wird Zeit seines oder ihres Lebens mit diesem in Verbindung gebracht werden. Es ist klar, dass ein Skandal großes Medieninteresse erregt und daher als Strategie der Aufmerksamkeitserzeugung gute Chancen auf Erfolg hat. Wenn ein Autor oder eine Autorin bekannt genug ist, reicht eine bestimmte Geste oder eine Äußerung, um einen Skandal zu erzeugen, da bereits hinreichend Aufmerksamkeit in den Medien vorhanden ist. Ein Beispiel hierfür wäre Peter Handke, dem in den 1990er Jahren nach der Veröffentlichung von Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien250 immer wieder vorgeworfen wurde, dass er serbische Kriegsverbrechen beschönige und sich in der Diskussion um den Jugoslawien-Konflikt auf die Seite des Serbenführers Slobodan Miloševićs stelle. Handke besuchte diesen schließlich sogar in Den Haag im Gefängnis. Sein Auftritt als Grabredner Miloševićs 2006 ließ den Konflikt erneut aufflammen. Aber auch sonst versteht es Handke, sich durch Skandale zu inszenieren. So gab er beispielsweise den Büchner-Preis zurück und lehnte die Annahme des Heine-Preises ab. Handke arbeitet immer wieder mit der Inszenierungsstrategie der Provokation, die er schon bei seinem ersten Auftritt im Rahmen der Gruppe 47 anwandte, indem er die Mitglieder der Gruppe 47 sowie die Literaturkritik beschimpfte. Ein gänzlich anderes Beispiel liegt bei Reinald Goetz vor. Mit diesem verbindet wohl jeder bzw. jede seinen legendären Auftritt beim Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt. Während der Live- Übertragung seiner Lesung vor der Jury begann er sich plötzlich die Stirn mit einer Rasierklinge zu zerschneiden, sodass Blut auf seine Manuskriptblätter tropfte und sein Gesicht blutverschmiert war. Dieses Beispiel medialer Inszenierung durch einen Skandal machte Goetz „zu 5.2.6. 249 Vgl. Neuhaus / Holzner 2007 und Bartl 2014. 250 Handke 1996. 5.2. Medien der Inszenierung 77 einer Legende der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts“251. Performance Die für AutorInnen wohl genuine Form der Performance ist die Lesung. Sie ist die ursprünglichste Weise, wie Dichter ihr Werk vermitteln. Vor der Verschriftlichung von Literatur war es üblich, dass Dichter und Sänger umherzogen und ihre Werke vortrugen. Mündlichkeit spielte aber nicht nur zur Zeit Homers eine wesentliche Rolle, sondern etwa auch beim mittelalterlichen Minnesang oder beim Vortrag in bürgerlichen Lesegesellschaften bzw. Salons. Im Laufe der Zeit wurde das Publikum immer größer und damit auch anonymer. Nun war es nicht mehr ein kleiner Kreis, welcher der Lesung beiwohnte, sondern eine Masse, die dem Autor zum größten Teil nicht bekannt war. Mittlerweile gibt es auch Spezialformen der Lesung wie den Poetry Slam, bei dem mehrere PoetInnen antreten, um vom Publikum zum Sieger bzw. zur Siegerin gekürt zu werden. Lesungen sind für die meisten AutorInnen Alltag. Sie werden häufig von ihren Verlagen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit dazu verpflichtet, ihr Werk vorzustellen, oft sogar in Verbindung mit sogenannten Lesereisen durch das ganze Land oder über die Grenzen hinaus. Das neue Buch soll dem Publikum breitenwirksam präsentiert werden. Viele LeserInnen finden es interessant, den Autor bzw. die Autorin selbst lesen zu hören und ihm vielleicht sogar noch Fragen stellen zu dürfen. Doch für viele AutorInnen stellt dies eine große Anstrengung dar. Manche lesen nicht gerne aus ihrem Werk, andere wollen keine Fragen gestellt bekommen und wieder andere wollen gar nicht vor Publikum auftreten. Doch gibt es auch SchriftstellerInnen, die sich gerne auf einer Bühne präsentieren und das eigene Buch bzw. das eigene Können in Szene setzen. Auch die Optik kann bei solchen Auftritten wichtig sein. Wie der Autor oder die Autorin sich gibt, wie er bzw. sie gekleidet ist, ob er bzw. sie eine Brille trägt oder ob er sich in unüblicher Weise benimmt, wird vom Publikum wahrgenommen 5.2.7. 251 Arnold 2011, S. 5. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 78 und bewertet. Manche LiteratInnen inszenieren sich laut und auffällig, andere leise und zurückgenommen, mache sind bunt und auffällig gekleidet, andere in Schwarz und Grautönen. Als Beispiel kann in diesem Zusammenhang wieder Else Lasker-Schüler genannt werden. Bei ihren Auftritten in Cabarets, Theatern oder Cafés ging sie strategisch vor: „So plante sie, wo sie zu stehen hatte, wie die Beleuchtung beschaffen sein musste, nicht zuletzt komponierte sie die Zusammenstellung ihrer Kleidungsstücke – bis hin zu den Fingernägeln.“252 Die Dichterin setzte sich mit ihrer Kunst in Beziehung und stilisierte sich selbst, wie schon erwähnt, als Kunstfigur. Ihre exotischen Outfits und ihr Gestus unterschieden sich deutlich von Performances anderer AutorInnen. Gerade das Durchbrechen von Moden und gängigen Arten, sich zu präsentieren, stellt einen Erfolg versprechenden Weg zur Erzeugung von Aufmerksamkeit dar. Nicht nur Live-Auftritte, sondern auch andere mediale Wege bieten Möglichkeiten der Performance. Um 1940 entdeckte Thomas Mann das Radio als neues Medium der Inszenierung. Er wusste, dass er über die gesprochene Sprache viele Menschen in seinen Bann ziehen konnte, und nutzte das Angebot, das ihm Radiosender machten. In BBC-Sendungen wurden seine Texte von Sprechern vorgelesen. Später konnte man in NBC-Sendungen Thomas Mann auch im O-Ton hören.253 Der Schriftsteller konnte so seine Auftritte im Radio auch für sein Engagement gegen den Nationalsozialismus nutzen. „Seine Reden gewannen dabei nicht etwa nur allgemein prophetischen Duktus, sondern enthielten mehre charakteristische biblische Anspielungen, vor allem auf die Abschiedsrede Jesu im Johannes-Evangelium.“254 Peter Handkes öffentliche Auftritte, Interviews und Fotos sowie sein literarisches Werk werden von Andreas Freinschlag unter dem Gesichtspunkt des Simmel'schen Begriffs der Koketterie analysiert. Damit ist gemeint, dass es bei Handke zu einem fortlaufenden Spiel zwischen ihm und seinem Publikum kommt, das nie enden darf, da an diesem Punkt die Koketterie beendet wäre und somit auch die Inszenierung. Nicht umsonst wird Handke, wie bereits ausgeführt, häufig als Provokateur bezeichnet. Er hat einen Habitus angenommen, der 252 Dane 2007, S. 50. 253 Vgl. Hamacher 2007, S. 75f. 254 Hamacher 2007, S. 77. 5.2. Medien der Inszenierung 79 stark von Gegensätzen und einer „Unterminierung von Kommunikationskonventionen“255 geprägt ist. Beides wird wohl absichtlich zur Inszenierung und zur koketten Kommunikation mit Publikum und JournalistInnen eingesetzt. Der Autor spielt ein doppeltes Spiel, das immer eine Hintertür offen lässt und so nie ganz abgeschlossen ist. Auch in seinem literarischen Werk ist zu bemerken, dass oft mehrere Perspektiven zum Tragen kommen. Handke spielt außerdem mit der Illusion, dass manche Figuren mit ihm gleichzusetzen seien und andere wieder nicht, was er in öffentlichen Kommentaren dazu nutzt, Verwirrspiele zu inszenieren. Beispiele hierfür etwa sind die Erzählung Nachmittag eines Schriftstellers256 und Untertagblues257. Erstere setzt sich ironisch mit der Arbeit als Schriftsteller auseinander, Untertagblues hingegen beschäftigt sich in ebenso ironischer Weise mit Handkes Ästhetizismus.258 In den 1990er Jahren trieben die sogenannten Pop-LiteratInnen die Selbstinszenierung ganz offen und auf sehr professionelle Weise auf die Spitze.259 Sie kamen vorwiegend aus den Bereichen Journalismus, Fernsehen und Werbung und kannten sich deshalb mit (Selbst-)Marketing aus. Ihre Medienerfahrung wird sowohl in ihren Werken als auch in ihrem öffentlichen Auftreten deutlich. Dirk Niefanger stellt in diesem Zusammenhang fest: Autorinszenierungen finden sich heute in den unterschiedlichsten Medien, in der Literatur selbst, in deren materiellem Umfeld wie auf Buchrücken und Klappentexten, auf Fotos, in Interviews, im Internet, in Fernsehshows oder Videoclips. Sie nehmen dort zwar selbst häufig fiktive oder zumindest stark stilisierte Züge an, sie dienen aber dennoch dazu, die tatsächliche Position des Autors im literarischen Umfeld zu stärken.260 Einer der bekanntesten Vertreter der Pop-Literatur der 1990er Jahre ist Benjamin von Stuckrad-Barre. Dieser war vor der Publikation seines ersten Romans Soloalbum Journalist beim Rolling Stone und später Gastgeber der Literatursendung Lesezirkel im Musiksender MTV. 255 Freinschlag 2013, S. 225. 256 Handke 1987. 257 Handke 2003. 258 Vgl. Freinschlag 2013, S. 224. 259 Vgl. hierzu beispielsweise Pankau 2004a; Degler/Paulokat 2008. 260 Niefanger 2004. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 80 Auch in Talkshows trat er regelmäßig auf. Die von den LeserInnen häufig vermuteten autobiographischen Hintergründe seiner Texte rückten die Person Stuckrad-Barre in den Mittelpunkt, was die Rezeption stark beeinflusste. Solche Parallelen stellen eine Form der Selbstinszenierung dar; die Grenzen zwischen Schriftsteller und literarischer Figur verschwimmen dabei zunehmend. So ist der Protagonist in Soloalbum auch Musikjournalist. Stuckrad-Barres zweiter Roman Livealbum handelt, diesem Muster folgend, von einem Schriftsteller, der auf Lesereise geht: [...] es geht vielmehr nur um das eine, um den einen, das Ich, den Helden, den Protagonisten oder einfach um Ihn, Benjamin von Stuckrad-Barre. Mit naiver Selbstironie – die ja nie etwas anderes als Selbstverliebtheit ist – beschreibt der Ich-Erzähler im ersten Band der Trilogie sich selbst in der Welt, im zweiten Band erzählt er von sich selbst auf Lesereise (und zwar mit Band 1), und Band 3 der Trilogie schließlich ist dann die Zusammenfassung – nicht von Band 1 und Band 2: ‚Remix’ enthält eine Zusammenfassung von Stuckrad-Barres Artikeln, die bereits in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind.261 Die erwähnten Lesereisen Stuckrad-Barres wurden nicht, wie sonst üblich, als Lesungen in Buchhandlungen organisiert, sondern als Events: „Anstatt in Buchhandlungen und Stadtbüchereien liest man lieber in Kinosälen, Clubs, Konzerthallen oder sogar beim Musik-Festival ‚Rock am Ring’.“262 Bei solchen Performances konnte der Autor seine Entertainer-Qualitäten unter Beweis stellen, z.B. das Publikum mit Kommentaren zum Lachen bringen. Musik und multimediale Präsentationen spielten bei diesen Auftritten eine wesentliche Rolle. So trat durch die Inszenierung des Autors der Text in den Hintergrund. Das Privatleben Stuckrad-Barres war immer wieder Thema in den Medien. Sowohl über seine Beziehungen zu Frauen als auch über seinen Drogenkonsum wurde berichtet. Dabei sorgt er selbst gerne für Gerüchte. So war etwa in einem seiner Romane eine Widmung für eine Frau namens Anke zu lesen, was zu Spekulationen um eine Beziehung mit der verheirateten Komikerin Anke Engelke führte. In Interviews wurde dies zwar zunächst von beiden abgestritten, einige Zeit später gaben sie jedoch ihre langjährige Beziehung bekannt. Einen Höhe- 261 Langhausen 2000. 262 Degler/Paulokat 2008, S. 19. 5.2. Medien der Inszenierung 81 punkt der Selbstinszenierung stellt der Dokumentarfilm Rausch und Ruhm der Fotografin Herlinde Koelbl dar, in dem Stuckrad-Barre am Tiefpunkt seiner Sucht gezeigt und während seiner Entziehungskur begleitet wird. Stuckrad-Barre war auch zusammen mit seinem Pop-Kollegen Christian Kracht auf einem Werbeplakat des Mode-Kaufhauses Peek & Cloppenburg zu sehen. So etwas hatte es in der Literatur-Szene vorher noch nicht gegeben, Literaten präsentierten sich hier wie Popstars.263 Christian Kracht, dessen Roman Faserland264 als Beginn der zweiten Welle der deutschsprachigen Pop-Literatur gilt, inszenierte sich selbst also in ähnlicher Weise in der Öffentlichkeit. 1996 ließ er sich etwa bei einer Reise für eine Reportage an der Grenze zu Afghanistan mit einer Kalaschnikow in der Hand fotografieren. Hierzu meint Niefanger: Seit RAF, Kosovo und Afghanistan symbolisiert sie [die Kalaschnikow] den Terror, denkt man an die Signatur auf den Bekennerschreiben der Schleyer-Entführer oder die Schießübungen in den Lagern Bin Ladens. Diese Waffe zu tragen oder sich mit ihr abzubilden, erscheint zweifellos als eine Provokation der bürgerlichen Kräfte in der jüngeren Bundesrepublik.265 Bei Kracht wurde ebenfalls auf Parallelen zwischen seinen Roman-Figuren und seiner Person bzw. seiner Generation hingewiesen. So ist beispielsweise der Protagonist in Faserland – wie Kracht selbst – ein Sohn reicher Eltern, der mit exzessivem Konsum einen Mangel an sozialen Bindungen zu kompensieren versucht. Konsum, der immer auch an Werbung und Inszenierung erinnert, ist in der Literatur dieser Zeit allgemein ein wichtiges Thema. Einerseits, weil er als Symbol für die Generation dieser AutorInnen steht, andererseits, weil diese AutorInnen durch ihre medienwirksamen Inszenierungen selbst zu einer Marke geworden sind. Dieses Motiv ist allerdings nicht neu. Schon im Skandalroman American Psycho266 des Amerikaners Bret Easton Ellis, der in Deutschland von 1995 bis 2001 sogar verboten war, wurden Markenfetischismus und Selbstinszenierung in den Mittelpunkt ge- 263 Degler/Paulokat 2008, S. 95. 264 Kracht 1995. 265 Niefanger 2004. 266 Vgl. Ellis 2001. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 82 stellt, weswegen dieser Roman oft als Vorlage für Faserland genannt wird.267 Das Auftreten und die Selbstinszenierung des deutschen Pop- Literaten erinnern in der Tat stark an Ellis.268 Dieser stellt in seinem Roman Lunar Park269 Spekulationen über autobiographische Einflüsse auf Romane sogar in den Mittelpunkt und nennt seinen Protagonisten Bret Easton Ellis. Ein weiteres Phänomen der 1990er Jahre, das im Zusammenhang mit der Inszenierung von AutorInnen zu nennen ist, stellt das sogenannte „literarische Fräuleinwunder“270 dar. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf Alexa Hennig von Lange oder auch Judith Hermann verwiesen. Zuvor moderierte sie eine Kindersendung und schrieb Dialoge für die Daily Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten – sie hatte also, wie ihre oben genannten KollegInnen, Medienerfahrung. Der Roman wurde vor allem als Drogen- und Szeneroman rezipiert, teilweise auch wieder als autobiographisches Werk.271 Der Roman trat in der Folge aufgrund der starken Präsenz der Autorin in den Medien hinter die Person Hennig von Lange zurück. Diese war im Fernsehen zu sehen, wurde zu Talkshows und Diskussionsrunden eingeladen, deren Themen nicht unbedingt etwas mit ihrem Roman zu tun hatten, es wurden Fotostrecken mit ihr in Magazinen veröffentlicht und sogar die RezensentInnen schrieben zum Teil mehr über das Erscheinungsbild der Autorin als über das Buch.272 Für das Cover der Taschenbuchausgabe des Romans Relax wurde, wie schon erwähnt, ein Bild der mittlerweile vielen aus dem Fernsehen bekannten Autorin als zusätzliche Werbung für den Roman genutzt. Hennig von Lange nutzte, wie immer wieder betont wird, ihre Wirkung und ihre Bekanntheit in der Öffentlichkeit gezielt: Fasst man die Präsenz Alexa Hennig von Langes in den Medien und ihre öffentlichen Auftritte zusammen, entsteht der Eindruck einer Autorin, die sich der Mechanismen im Literaturbetrieb bewusst ist und sich dieser bereitwillig bedient, um die Verkaufserfolge ihrer Bücher zu steigern.273 267 Vgl. z.B. Mertens 2003; Illies 2000, S. 154; Neuhaus 2009, S. 262. 268 Jürgens 1999. 269 Ellis 2006. 270 Vgl. Hage 1999. 271 Vgl. Müller 2006, S. 50. 272 Vgl. Müller 2006., S. 53f. 273 Müller 2006, S. 55f. 5.2. Medien der Inszenierung 83 Eine noch recht junge Form der literarischen Performance stellt der aus den USA stammende Poetry Slam dar. Das Besondere an Poetry Slams besteht darin, dass das Publikum in die Performance mit einbezogen wird. Die vorgetragenen Beiträge der Dichter werden entweder durch den Publikumsapplaus oder von einer Jury aus dem Publikum bewertet. Außerdem gibt es Regeln, die bei Slams eingehalten werden müssen: So dürfen die Autoren erstens nur selbstverfasste Texte vorlesen. Zweitens haben sie für ihren Auftritt nur eine begrenzte Zeit, die bei den meisten Slams im deutschsprachigen Raum zwischen drei und zehn Minuten liegt. Die ‚No Props-Regel’ schreibt drittens vor, dass keine Hilfsmittel außer Textblatt und Mikrofon verwendet werden dürfen, um die Texte zu präsentieren. Viertens muss bei Auftritten vor allem gesprochen werden. Lieder und Gesangseinlagen dürfen nur einen kleineren Teil des Auftritts einnehmen.274 Diese Regeln bilden einen Rahmen, der natürlich von Veranstaltung zu Veranstaltung etwas anders interpretiert werden kann. Die Hürde für die Teilnahme an einem Poetry Slam ist relativ niedrig. Jeder oder jede kann mitmachen, der einen selbstverfassten Text mitbringt. Dies hat aber auch zur Folge, dass das Publikum den Slammer nicht unbedingt kennen muss. Die Form des Textes ist nicht vorgeschrieben, es kann sich um Gedichte, Kurzprosa, Raps oder andere Sprachkunstwerke handeln. Beim Vortrag liegt zwar das Hauptaugenmerk auf der Art der Präsentation, doch im Vergleich zur Autorenlesung wird der Text bei der Performance viel stärker in den Vordergrund gestellt.275 Durch das Event führt ein Slam Master, auch MC (Master of Ceremony276) genannt, der die Slammer ankündigt und das Voting regelt. Werk Natürlich wird von Schriftstellern auch immer wieder das eigene Werk dazu verwendet, sich in Szene zu setzen. Eine recht aggressive Strategie 5.2.8. 274 Ditschke, S. 170f. 275 Ditschke, S. 171. 276 Dieser Ausdruck stammt aus der amerikanischen Hip-Hop-Szene; vgl. http://en. wikipedia.org/wiki/Master_of_ceremonies (letzter Zugriff: 18.8.2018). 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 84 legte hier schon Friedrich Schiller an den Tag.277 Er neigte dazu, in Rezensionen Autoren, die andere Konzepte verfolgten, programmatisch zu kritisieren. Durch diese Methode grenzte er sich von seiner Konkurrenz ab. In der Folge versuchte er, den LeserInnen durch eigene Veröffentlichungen zu beweisen, dass er seine Konkurrenz überbieten konnte. Zum ersten Mal ging er so bei Gotthold Friedrich Stäudlin vor, der als äußerst begabt galt und somit genau der Richtige für Schillers Vorhaben war. Das Erscheinen von Stäudlins ‚Musenalmanach‘ löst einen publizistischen Schlagabtausch aus, in dem Schillers Distinktionsstrategie immer wieder darauf zielt, Stäudlin als Kopf eines letztlich nur epigonal-orthodoxen Provinzdichtertums erscheinen zu lassen. Schiller macht sich also daran, einen eignen Almanach, als unmittelbares Konkurrenzprodukt mit Überbietungsgestus, ins Feld zu schicken.278 Im Weiteren schrieb Schiller lobende Rezensionen zu seinen eigenen Publikationen und Verrisse zu Stäudlins.279 Er behauptete von seinem eigenen Werk, dass es „viele seiner Schwestern in den Schatten“ stelle. Stäudlins Werk sei hingegen ein „Schwall von Mittelmäßigkeit“. Somit inszeniert er sein eigenes Werk als besser und wichtiger als das seines Konkurrenten. Dieser Kampf um den Platz des neuen, jungen Talents der deutschen Literatur fand gleich am Beginn von Schillers eintritt in das literarische Feld statt. Sein Selbstbewusster Auftritt half ihm sicherlich dabei den Platz in der deutschen Literaturgeschichte zu finden, den er heute hat. Wie schon erwähnt muss man zuerst auf sich aufmerksam machen, um später auch Erfolg im literarischen Feld zu haben. Paratexte Uwe Wirth beschäftigt sich mit der Inszenierung von Autorschaft in Paratexten280, speziell am Beispiel des Vorworts von E.T.A. Hoffmanns 5.2.9. 277 Kaiser 2011, S. 121ff. 278 Kaiser 2011, S. 123. 279 Vgl. hierzu Kaiser 2011, S. 123f. 280 Vgl. Genette 2001. 5.2. Medien der Inszenierung 85 Lebens-Ansichten des Katers Murr.281 Hierbei stützt er sich vor allem auf den Performativitäts-Begriff von Fischer-Lichte und Austins Sprechakttheorie282. Auch die Unterscheidung zwischen SchreiberIn und SchriftstellerIn nach Michel Foucault und Roland Barthes283 wird im Zusammenhang mit dem Phänomen der Herausgeberfiktion diskutiert. Wirth stellt die Frage, welche Funktionen ein Vorwort haben kann und ob dieses schon zur Fiktion gezählt werden muss oder nicht.284 Die Lebens-Ansichten des Katers Murr stellen ein Werk dar, das sich aufgrund der Autofiktion und Reflexivität des Vorwortes hervorragend für eine derartige Untersuchung eignet. Wirths Studie macht deutlich, dass das Vorwort hier primär als performatives Ritual fungiert, auch wenn es sich auf den ersten Blick als eine Art ‚Gebrauchsanleitung‘ für das Buch tarnt. Doch eigentlich ist diese Form der Reflexion eine Inszenierung der Autorschaft. Schiller verwendet gerne Paratexte, um sich programmatisch zu äußern bzw. sein Werk zu kommentieren. Beim schon erwähnten Almanach, in dem er Stäudlin kritisiert, präpariert er Vorrede und Aussehen des Werkes so, dass seine Absicht klar zu erkennen ist. „Mit der Vorrede und der Vignette auf dem Titelblatt seiner ‚Anthologie‘ antwortete Schiller auf subtile Weise auf Stäudlins Titelkupfer.“285 Er beabsichtigt zu zeigen, dass Stäudlins Almanach keine Entdeckerfunktion erfüllen kann und nur provinzielle Qualität bereithält, und gleichzeitig tauscht er die bei Stäudlin abgebildete Muse mit Leier mit dem Gott der Dichtkunst aus, der siegreich einen Lorbeerkranz trägt, aber nicht, wie sonst oft, die Leier dabei hat. Auch bei seinem ersten Theaterstück Die Räuber verfolgte Schiller eine Inszenierungsstrategie, die man schon im Vorwort oder besser gesagt in einem der Vorworte286 findet. Er gibt nämlich zu, dass das Stück eigentlich nicht für die Bühne geeignet sei. Doch im Weiteren dreht er seine Argumentation um und versucht dem Leser oder der Leserin zu beweisen, dass gerade darin die Qualität des Stückes liege. 281 Hoffmann 2005. 282 Austin 1986. 283 Foucault 2000 bzw. Barthes 2000. 284 Vgl. Wirth 2013. 285 Kaiser 2011, S. 124. 286 Siehe Kaiser 2011, S. 127. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 86 Zusätzlich schrieb er zu den erwähnten Werken Selbstkritiken, die eine Mischung aus Eigenlob und -kritik darstellen. Mit diesen Paratexten beeinflusst er seine LeserInnen und versucht so, sich als bedeutender Künstler zu etablieren. Mit dem Thema Autofiktion beschäftigt sich auch Helene Elshout in ihrer Studie Der Nörgler in „Die letzten Tage der Menschheit“. Karl Kraus’ Alter Ego als Erzählerfigur287. Sie zeigt, dass die Konstruktion der intradiegetischen, allwissenden Erzählerfigur markante Parallelen zur Person Karl Kraus aufweist. Manche Szenen lassen erkennen, dass der Nörgler sich selbst mit dem Autor des Dramas gleichsetzt, indem er sich auf Paratexte bezieht, etwa auf Passagen aus dem Vorwort oder auch auf eine Abbildung neben dem Titelblatt des Dramas. In der ersten Szene, in der er auftritt, setzt er sich sogar mit dem „Fackelkraus“ gleich und wird so von vornherein als Alter-Ego-Figur eingeführt.288 Brief und Tagebuch AutorInnen berücksichtigen in der Regel, dass auch Texte wie Privatbriefe, Tagebücher usw. irgendwann an die Öffentlichkeit gelangen können. Nachlässe in Archiven, Biographien oder auch edierte Briefwechsel sind Zeichen dafür, dass sich ein breites Publikum auch für das Privatleben von AutorInnen interessiert. Walter Kempowski erzählt in seinen Tagebüchern beispielsweise recht offen, wie er sich vor Interviews oder anderen Treffen verhält, und reflektiert auch sein Verhalten. So beschreibt er, wie er während einer Lesereise von einem jungen Paar in seinem Hotelzimmer besucht wird, und meint: „Wir aßen Frühstück zusammen – ich hatte alles Mögliche bestellt, um ihnen zu imponieren […].“289 An einer anderen Stelle schreibt er, dass er von jemandem einen weißen Pfau angeboten bekommen und sich daraufhin vorgestellt habe, wie er beim nächsten Interview bei sich zu Hause mit dem Pfau auftreten werde.290 In den 5.2.10. 287 Elshout 2013, S. 87ff. 288 http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-letzten-tage-der-menschheit-4688/2 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 289 Kempowski 1990, S. 598f. 290 Kempowski 2003, S. 142. 5.2. Medien der Inszenierung 87 Tagebüchern wird die Inszenierung des Autors Kempowski durch diesen explizit angesprochen und analysiert. Er thematisiert sie und wirkt gleichzeitig durch seine Ehrlichkeit doch authentisch. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 88 AutorInnen und das Internet Technologische Neuerungen im Bereich des Schreibens haben schon immer einen gewissen Reiz auf Autorinnen und Autoren ausgeübt. Manche lehnen zwar eine neue Form des Schreibens prinzipiell ab, aber es gibt eine beträchtliche Zahl von Autorinnen und Autoren, die die Faszination des Neuen für sich entdecken und dadurch auch neue Formen der Literatur und des Schreibens entwickeln. Während manche AutorInnen heute noch mit der Schreibmaschine arbeiten, nutzen andere schon lange das Internet zur Verbreitung ihrer Texte und erforschen neue Mittel des literarischen und künstlerischen Ausdrucks und experimentieren mit ihnen. Die Produktion von Texten war von jeher geprägt von der Art der schriftlichen Fixierung. Von der Keilschrift über die Feder bis hin zu Schreibmaschine bzw. heute zum Computer wirkte sich die Art und Weise, wie Texte produziert wurden, ob handschriftlich oder maschinell, ob mit Feder oder Tastatur, auf Themen, Möglichkeiten der Textproduktion sowie auf die künstlerische Produktion aus.291 So merkt Simanowski diesbezüglich zu Veränderungen der Produktion durch die Verwendung des Computers an: Aber schon der nichtvernetzte, noch ganz auf das Wort reduzierte Computer hat unsere Schriftkultur verändert. Das Copy-und-Paste-Verfahren ermöglicht eine andere Textproduktion, als sie das weiße Blatt Papier auf der Tischplatte oder in der Schreibmaschine verlangt. Die problemlose Korrektur, Umstellung und Vervielfältigung von Textsegmenten verführt zum spontanen Schreiben ohne Konzeption, was den auf diese Weise entstandenen Text schließlich an Duktus und Gesamtentwurf abzulesen sein mag und ihnen schon die Bezeichnung ‚fast-food-prose’ einhandelte.292 In der Folge führte das Internet zu noch viel gravierenderen Veränderungen in der Produktion und Rezeption von Texten. Es ist nun mög- 6 291 Vgl. Kittler 2003. 292 Simanowski 2002, S. 10. 89 lich, alleine im stillen Kämmerlein Texte zu produzieren, diese aber trotzdem über Plattformen im Internet diskutieren zu lassen. Weiters wird es leichter möglich, Gemeinschaftsprojekte zu gründen, die nicht von einer geografischen Nähe der Beteiligten abhängig sind. Außerdem ist es nun technisch gesehen einfacher, grafisch mit Text zu spielen, etwa in der Art, wie es schon im Dadaismus üblich war.293 Beispiele hierfür werden später näher erläutert. Die Möglichkeiten, Texte zu gestalten und zu erzählen, werden durch das neue Medium stark erweitert. Autorinnen und Autoren erkannten schon sehr früh die Vorteile und Möglichkeiten des Internets. Einerseits stellt dieses eine Plattform dar, die es erlaubt, Texte auch ohne Verlag zu veröffentlichen und einem größeren Publikum verfügbar zu machen, andererseits eröffnet das neue Medium auch neue kreative Wege. So entstanden Projekte, die über das reine Veröffentlichen von Texten hinausgingen. Das neue Medium Internet bietet bisher unvorstellbare Möglichkeiten: Die Entwicklung der digitalen Medien und die Etablierung des Internet als neues Leitmedium haben die herrschenden Kulturformen bereits grundlegend verändert und werden damit auch in Zukunft fortfahren. Ein Beispiel dafür ist die Briefkultur, die in der Email einen Nachfolger gefunden hat, der sie zugleich bis zur Unkenntlichkeit verwandelt: spontane, kurze Reaktionen, durchsetzt mit Zitaten aus der Eingangspost und Emoticons, die Ironie graphisch anzeigen, statt sie zwischen den Zeilen wirken zu lassen.294 Die Struktur der im Internet veröffentlichten Literatur hat neue Freiheiten beim Umgang mit dem Text, aber auch neue Probleme mit sich gebracht. Wenn man das Medium mit seinen neuen Chancen nutzen will, muss man sich von herkömmlichen Vorstellungen von Literatur lösen und neue Wege beschreiten. Das wohl wichtigste Kennzeichen des Internets ist seine Hyperlinkstruktur. Dies bedeutet, dass man durch Verlinkungen ganz neue, nicht lineare Texte produzieren kann. Dies ist für die herkömmliche Literatur kaum denkbar, zumindest in der Form, in der dies im Internet oder mit Computern möglich ist. Zwar könnte man mit Verweisen auf vorher oder nachher stehende Seiten arbeiten; das Vor- bzw. Zurückblättern ist allerdings in einem gedruckten Werk nicht wirklich gut handhabbar. Im Internet ist diese 293 Vgl. Schäfer/Riha 1994. 294 Simanowski 2002, S. 9f. 6 AutorInnen und das Internet 90 Form des Verweisens durch ein verlinktes Wort bzw. Bild, das nur angeklickt werden muss, also durch die Hypertextstruktur, bei Weitem einfacher zu gestalten. Durch das Medium wird es aber auch wichtig, Bilder und Gestaltung der einzelnen Webseiten in das Werk mit einfließen zu lassen. Da es ein bildliches Medium ist, das nicht nur vom geschriebenen Text lebt, muss man sich für eine bestimmte grafische Gestaltung entscheiden, die den Inhalt des Werks unterstreicht. Es kommt hinzu, dass das Internet auch die Möglichkeit bietet, den Text so zu programmieren, dass es zu Bewegungen des Textes oder der Bilder in Form von kleinen Filmen oder anderen Gestaltungsvarianten kommt, welche die Literatur in einem neuen Licht erscheinen lassen und die Inhalte unterstützen. Die Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Medium sind nur durch die technischen Gegebenheiten bzw. Programmierkenntnisse eingeschränkt. Wenn man auf die Geschichte der literarischen Formen zurückblickt, kann man diese literarische neue Kunstform am ehesten mit der Konkreten Poesie vergleichen, die ebenfalls mit der Bildlichkeit und dem Layout des Textes spielt. Direkt Bezug auf die Konkrete Poesie nimmt Johannes Auer mit seinem animierten Wurm im Apfel – „worm applepie for doehl“295. Er hat sich das Apfelgedicht von Reinhard Döhl296 zum Vorbild genommen und das Bild noch um die Animation des Wurms erweitert, der den Apfel auffrisst. Abbildung 4: Reinhart Döhls „apfel“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wi ki/Datei:Doehl_apfel.jpg) 295 https://auer.netzliteratur.net/worm/wurm.gif (letzter Zugriff: 18.8.2018). 296 https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Doehl_apfel.jpg (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 91 Durch die Möglichkeit der Verlinkung wird der Leser bzw. die Leserin in die Literatur miteingebunden. Jede und jeder kann sich selbst entscheiden, wie er oder sie sich im Text fortbewegt, da der Text nicht mehr klar linear strukturiert sein muss. Hier ist der literarische Text so konzipiert, dass es mehrere Wege gibt, seinen Inhalt zu lesen und zu erforschen. Allerdings ist der Leser oder die Leserin nicht gänzlich frei. Hypertext ist so gestaltet, dass er Optionen anbietet, die dann genutzt werden können. Diese Optionen sind aber vorgegeben, d.h., dass es der Autor bzw. die Autorin immer noch in der Hand hat, wie der Text rezipiert wird. Ein sehr gelungenes Projekt stellt hier beispielsweise das Werk Zeit für die Bombe297 dar: Susanne Berkenheger hat mit Zeit für die Bombe ein dichtes hypertextuelles Netzwerk geschaffen, das sich aus beinahe 100 einzelnen Textelementen zusammensetzt und den Leser zu einer abenteuerlichen Suche nach einer verlorenen Bombe einlädt. Geschickt setzt die Autorin die im Hypertext vorhandenen Möglichkeiten ein und überrascht den Leser mit unerwarteten Wendungen und originellen Einfällen.298 Es gibt mehrere Protagonisten und Protagonistinnen, aus deren Blickwinkeln die Geschichte erzählt wird. Man braucht mehrere Durchgänge, um die Verhältnisse zwischen den Figuren zu verstehen. Die Erzählweise wechselt zwischen Passagen, bei denen sich der Leser oder die Leserin nicht einbringen kann und sich der Geschwindigkeit des Textes am Bildschirm anpassen muss, und Teilen, bei denen man selbst aktiv die Geschichte weiterführen muss, indem man auf einen Link klickt bzw. einen von mehreren angebotene Links auswählen muss. Die Links verstecken sich hinter Wörtern bzw. Zeichen, die einen immer einen Schritt weiter führen oder manchmal auch einen zurück. Es kann passieren, dass man in einer Schleife immer wieder zu den gleichen Passagen zurückkehrt und sich wieder neu entscheiden kann bzw. muss, wenn man in der Geschichte auf Neues stoßen will. Manche Textpassagen werden immer wieder aufs Neue angezeigt, damit man sich, wenn man will, auch für einen neuen Weg (bzw. Link) entscheiden kann. 297 http://www.wargla.de/zeit.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 298 http://literatur-im-netz.dla-marbach.de/bsz336491255.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 92 Abbildung 5: Text mit Lins aus der Hypertextstory „Zeit für die Bombe“ (Quelle: http://www.wargla.de/zeit.htm – letzter Zugriff: 18.8.2018) Das Motiv der tickenden Bombe und das Thema der Zeit, die zu schnell verfliegt, kommen immer wieder vor. Dies wird zusätzlich durch blinkenden Text unterstrichen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass der Rezipient bzw. die Rezipientin sich auf dieses ‚Spiel‘ einlässt. Er oder sie muss gewillt sein, selbst das Geschehen voranzutreiben und sich für eine Variante zu entscheiden. Somit wird der Leser bzw. die Leserin in das Fortschreiten des Textes miteingebunden. Das Arbeiten im Netz hat aber auch weitere Entwicklungen mit sich gebracht. Es wurde nicht nur möglich, Leser und Leserinnen in den Text miteinzubeziehen, sondern es wurde auch einfacher, kollaborative Projekte mit anderen Autoren und Autorinnen zu realisieren. Ein Beispiel hierfür ist das Mitschreibprojekt Beim Bäcker299 von Clau- 299 http://www.claudia-klinger.de/archiv/baecker/index.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 93 dia Klinger. Suter beschreibt das zwischen 1996 und 2000 entstandene Projekt folgender Maßen: Die insgesamt 38 Folgen der Geschichte wurden von 24 Autoren verfasst, wovon einige auch nur mit Pseudonym unterschrieben. Es entstand ein spannendes Hin und Her, das viel über die Gruppendynamik der beteiligten Autoren aussagte, die sich taktisch mit Veränderungen einzelner Charaktere gegeneinander zur Wehr setzten.300 Diese Art der Textproduktion hat es an sich, dass natürlich nicht alle Aspekte, die eingeführt, auch weitergeführt bzw. zu einem Ende gebracht werden. Dies führte auch zu Kritik am Projekt, wie sie Roberto Simanowski im Folgenden zusammenfasst: Wenn Hans Peter Müller das Gemeinschaftsprojekt als solches mit Erotik vergleicht, weil Energien fließen und Menschen sich näher kommen, ist andererseits auch von Verstümmelung zu reden. Das Projekt wimmelt nur so von blutigen Textstümpfen, die keiner versorgt. Alle hinterlassen sie ihre Beiträge mit Ereignissen, die, so meint man, nach der 'Werbepause' unbedingt aufgelöst werden müssen. Keiner kümmert sich richtig darum. Diese hartnäckige Ignoranz macht das Kollektivprojekt schließlich zu einem Tummelplatz der Egoisten.301 Auch wenn es diese berechtigte Kritik gibt, bleibt die Frage, ob das Projekt auf diese Art der Vollständigkeit überhaupt abzielte bzw. abzielen kann. Klar ist jedenfalls, dass dieses Projekt durch seine Pionierarbeit weithin bekannt und dadurch auch kanonisiert wurde. Man kann Webseiten im Internet von jedem Computer der Welt aus bearbeiten, was die Zusammenarbeit sehr erleichtert. Es gibt keine räumlichen Barrieren bzw. keinen Post- und nicht einmal einen E-Mail-Aufwand für den Austausch von Texten. Aus diesem Grund wurde das Internet auch als neue Möglichkeit gesehen, Literatur im Kollektiv zu produzieren. Es ergibt sich die Chance, Texte durch die Zusammenarbeit mehrerer Schreibender entstehen zu lassen, sodass ein eigenständiges, nicht einem einzelnen Autor bzw. einer einzelnen Autorin zuordenbares Werk entsteht. Der Autor bzw. die Autorin tritt also zu Gunsten des Textes in den Hintergrund. So meint auch Hartling, dass es zu einer Marginalisierung des Autors im Internet kommen kann: 300 Suter 2001, S. 16. 301 Simanowski, http://www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/15-Feb/index3.ht m (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 94 Technisch sind Konzeptionen möglich, in denen sich die Autoren stärker selbst zurücknehmen können oder vielmehr ihr Verschwinden besonders inszenieren. Auch dies ist im Netz ausgeprägter möglich, was als „schwache“ Autorschaft bezeichnet wird. Die Marginalisierung vollzieht sich jedoch gerade nicht in der völligen Verabschiedung des Autorschaftskonzeptes, denn das ist ja - wie oben ausgeführt - im Internet überhaupt nicht möglich. Stattdessen vollzieht sie sich die Auffächerung der Autorfunktionen auf viele verschiedene Instanzen.302 Ein Problem dieser Form von Literatur im Internet besteht allerdings darin, dass derartige Projekte immer auch von technischen Voraussetzungen abhängen. Wenn diese veraltet sind bzw. nicht mehr zur Verfügung stehen, ist es nur mehr schwer möglich, die Texte zu rezipieren. Um diese weiterhin zugänglich zu machen, muss man sie regelmäßig konvertieren, was meist einen großen technischen Aufwand darstellt. Daher sind bzw. waren solche Projekte im Internet nur auf Zeit zu finden. Das Problem des Verschwindens von Internetseiten ist in diesem Fall besonders gravierend. Diese Form der Literatur, auch Netzliteratur genannt, die vor allem in den 90er und frühen 2000er Jahren publiziert wurde, ist heute zum größten Teil nicht mehr zugänglich. Aus diesem Grund gibt es Bestrebungen, derartige Projekte auf eine Weise zu archivieren, die es der Wissenschaft ermöglicht, weiterhin darauf zurückgreifen.303 Ein weiteres Problem stellt die unüberschaubare Menge von Websites im Internet dar. Der Umstand, dass Texte dort problemlos publiziert werden können, führt einerseits dazu, dass sehr viele Schreibende Texte dort veröffentlichen, und in der Folge andererseits zu einer äu- ßerst heterogenen Qualität der Werke. Dies kann einen Vorteil und einen Nachteil darstellen. Simanowski meint hierzu: 302 Hartling, http://www.dichtung-digital.org/2009/Hartling/index.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018) 303 Beispiele: DLA Marbach: Netzliteratur authentisch archivieren und verfügbar machen, https://wwik.dla-marbach.de/line/index.php/Hauptseite (letzter Zugriff: 18.8.2018); Universität Siegen: Literatur in Netzen/Netzliteratur, http://www.fk615.uni-siege n.de/de/teilprojekt.php?projekt=B6 (letzter Zugriff: 18.8.2018); Universität Innsbruck: DILIMAG, https://iza-server.uibk.ac.at/dilimag/homeCon tent.jsf (letzter Zugriff: 18.8.2018) und Autorenhomepages, https://iza-server.uib k.ac.at/autorenhomepages/homeContent.jsf (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 95 Die Leser stehen einem Überangebot an mittelmäßigen bis schlechten Texten gegenüber und wünschen sich – wenn der Anbieter nicht gerade Stephen King heißt – oft Evaluationsformen auch im Internet.304 Diese Tatsache hat zur Folge, dass Leser und Leserinnen sich meist selbst überlassen sind und sich durch große Mengen von Texten arbeiten müssen, um herauszufinden, was für sie interessant ist und was nicht. Diese unüberschaubare Vielzahl von literarischen Texten bzw. Projekten im Internet sowie die ‚anarchistische‘ Vorgangsweise, diese an vielen verschiedenen Stellen zu veröffentlichen, hat zur Folge, dass es im Internet grundsätzlich keine Vorauswahl und keine literarische Wertung wie beim herkömmlichen Verlagswesen gibt. Jeder bzw. jede kann publizieren, was er bzw. sie veröffentlichen möchte. Die hier angeführten Möglichkeiten, Literatur im Internet bzw. Digitale Literatur zu präsentieren, teilt man in der Forschung in zwei Kategorien ein:305 – einerseits die „Literatur im Netz“, die der herkömmlichen in gedruckten Werken sehr ähnlich ist, – und andererseits die „Netzliteratur“, welche die Möglichkeiten des Internets dezidiert nützt. Netzliteratur Mit Netzliteratur ist jene Art von Texten gemeint, die sich die Besonderheiten des Internets zunutze machen und so eine ganz neue Form von Literatur darstellen.306 Durch die Hypertext-Struktur von Internetseiten entstehen neue Arten von Texten. Es handelt sich dabei nicht mehr um lineare, wie in Printmedien, sondern um solche, die ganz anders und flexibel aufgebaut werden: Diese Literatur besteht aus Wörtern, die sich bewegen, ihre Farben und Bestandteile ändern und, wie ‚Schauspieler aus Buchstaben’, ihren zeitlich programmierten Auftritt haben. Diese Literatur ist mitunter unabge- 6.1. 304 Simanowski 2002, S. 12. 305 Vgl. Hartling 2002, https://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_h andlungsrollen_dispositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 306 Hartling 2002, https://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handl ungsrollen_dispositiv.htm#zweidrei (letzter Zugriff: 18.8.2018) 6 AutorInnen und das Internet 96 schlossen und gleicht eher einer Performance, einem andauernden Ereignis als einem fertigen Werk. Diese Literatur ist hypertextuell, interaktiv und multimedial.307 Durch das Verlinken von Wörtern, Bildern etc. kann der Leser bzw. die Leserin selbst entscheiden, welchem Weg er oder sie folgen will. So kann z.B. ein und dieselbe Geschichte mehrere Handlungsverläufe und verschiedene alternative Enden anbieten. Außerdem ist es möglich, die Literatur mit multimedialen Elementen, wie Animationen, Videos oder Musik, anzureichern. Eine Besonderheit der Netzliteratur besteht auch darin, dass hier der Autor /die Autorin oft in den Hintergrund und der Leser bzw. die Leserin in den Vordergrund tritt. Der Autor bzw. die Autorin bereitet nur ein Umfeld vor, in dem der Rezipient oder die Rezipientin eigene Geschichten entwickeln kann. Das Beispiel Zeit für die Bombe, das weiter oben genannt wurde, entspricht diesem Prinzip. Durch die verschiedenen, durch die Hypertextualität ermöglichten Verlinkungen entsteht auch ein ganz neues Verständnis von Autorschaft. So meint Florian Hartling: „Der Leser selbst ist nicht mehr auf die passive Rezipientenrolle zurückgeworfen, sondern dazu angehalten, sich kritisierend und schreibend in den Diskurs einzumischen.“308 Stilmittel, die das Internet als Medium der Literatur zusätzlich attraktiv machen, sind laut Roberto Simanowski vor allem Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung.309 Interaktivität meint nach Simanowski die „Teilhabe des Rezipienten an der Konstruktion des Werkes".310 Der Leser oder die Leserin ist bei dieser Literatur aktiv beteiligt, da er sich durch den Hypertext durchnavigieren und Entscheidungen treffen muss und so den Verlauf der Geschichte bestimmt. Intermedialität bedeutet, dass Text mit Bildern bzw. bewegten Bildern und Ton verschmolzen wird. Dies führt zu einer neuen Ästhetik der Literatur, die in dieser Form nur durch Technik erzeugt werden kann. Der 307 Simanowski 2002, S. 14. 308 Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 309 Die folgenden drei Punkte sind übernommen von Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 310 Simanowski 2002, S. 18. 6.1. Netzliteratur 97 letzte Punkt, die Inszenierung, meint in diesem Zusammenhang nach Simanowski, dass bei Netzliteratur „die Programmierung einer werkimmanenten bzw. rezeptionsabhängigen Performance"311 möglich ist. Das Verhalten von Text, Animationen oder auch Bildern kann durch spezielle Formen der Programmierung gesteuert werden, was zu einer Inszenierung führt, die mit einer Kunstperformance bzw. einer Theateraufführung vergleichbar ist. Die Literatur wird im Netz als Performance präsentiert, wobei der Text selbst in den Hintergrund tritt, um den neuen medialen Möglichkeiten Platz zu machen. Heiko Idensen beschreibt dies folgendermaßen: Online-Texte glänzen weniger durch stilistische und rhetorische Figuren oder den Gebrauch metaphorischer Formulierungen, sondern eher durch kontextbezogene Aktivitäten, durch Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Ebenen, Querverbindungen, Schnelligkeit des Austausches – sie thematisieren den Raum zwischen verschiedenen Text-Fragmenten – inszenieren und bearbeiten intertextuelle Strukturen.312 Durch die Kombination dieser drei Stilmittel entsteht die neue Form eines Gesamtkunstwerks, die sich von der traditionellen Verbindung Text-Grafik (Print) oder Bild-Ton (Audiovision) absetzt. Um die verschiedenen Arten von Netzprojekten aufzuzeigen, soll im Folgenden Florian Hartlings Modell313 vorgestellt werden, das vier Arten von Netzliteratur beschreibt, die zum größten Teil auf Roberto Simanowskis Studien in seiner Publikation Interfictions basieren: Erstens gibt es „Hypertext-Projekte“314. Diese basieren noch weitgehend auf der herkömmlichen Textproduktion. Textelemente werden hier lediglich durch Hyperlinks miteinander vernetzt, so dass eine asynchrone Rezeption forciert wird; es wird allerdings die bildliche Ebene noch nicht miteinbezogen. Ein Beispiel hierfür ist Martin Auers Lyrikmaschine315, die aus einer Sammlung von Gedichten besteht, in denen einzelne Wörter Hyperlinks zu anderen Gedichten enthalten. Immer wenn man auf einen Hyperlink klickt, wechselt man zu einem neuen 311 Simanowski 2002, S. 18. 312 Idensen 1995. 313 Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 314 Ebd. 315 http://www.martinauer.net/lyrikmas/_start.htm 6 AutorInnen und das Internet 98 Gedicht. Die zweite Art nennt Hartling „Hyperfiction“316. Diese ist strukturell dem Hypertext sehr ähnlich, der einzige Unterschied besteht darin, dass er nicht im Internet präsentiert, sondern auf Disketten gespeichert und verbreitet wird. Diese Form der Literatur wurde schon vor der allgemeinen Öffnung des Internets erzeugt und mit Hilfe der Software Storyspace317 erstellt. Diese ist immer noch im Internet zu finden und wird auf der Produkthomepage folgendermaßen beschrieben: Storyspace excels at creating rich hypertext structures. The unique and powerful Storyspace map shows each hypertext writing space and each of its links. Because writers can add, link, and reorganize by moving writing spaces on the map, Storyspace encourages creative exploration and flexibility.318 Somit kann man feststellen, dass das Internet den Hypertext zwar nicht exklusiv verwendet, aber die Nutzung stark vorangetrieben hat. Als dritte Kategorie wird die multimediale Literatur vorgestellt, bei der Medien Text, Bild, Ton und Film nebeneinander verwendet werden. Hartling meint zu dieser Art der Literatur: „Der Leser kann am stärksten in das Projekt eingreifen, dabei wird der reine Text zugunsten der anderen Medien zurückgedrängt.“319 Es entsteht also eine Form von Literatur, die auch die Bild- und Bewegungsebene intensiv miteinbezieht und so eine ganz neue Art des Erzählens entwickelt. Und schließlich nennt Hartling noch die „computergenerierte Literatur“320, die sich wesentlich von den anderen Kategorien dadurch abhebt, dass sie nicht ein rein vom Menschen geschaffenes Werk meint, sondern Literatur, die mit Hilfe von eingegebenen Satz- bzw. Gedichtstrukturen oder auch Wörtern, die der Leser bzw. die Leserin vorgibt, automatisch erstellt wird. Allerdings kritisiert Hartling hier: 316 Vgl. Suter 2000 bzw. Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm, 2002 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 317 http://www.eastgate.com/storyspace/index.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 318 Ebd. 319 Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 320 Ebd. 6.1. Netzliteratur 99 Dass die literarische Qualität der vorliegenden Projekte zu wünschen übrig lässt, dürfte mit der mangelnden technischen Kompetenz der Autoren sowie deren beschränkten zeitlichen und finanziellen Ressourcen zusammenhängen. Bislang sind alle entsprechenden Projekte bestenfalls als Experiment, meist jedoch als blanke Spielerei einzustufen.321 Die letzte Variante der sogenannten Netzliteratur sind „kollaborative Schreibprojekte“322 wie beispielsweise das schon zuvor erwähnte Projekt Beim Bäcker von Claudia Klinger. Hier wird jedem oder jeder bzw. bestimmten eingeladenen Personen die Möglichkeit geboten, an einem großen Gesamtwerk mitzuschreiben. Die Initiatoren solcher Projekte sind bzw. waren oft weniger als Autor bzw. als Autorin zu sehen, sondern mehr als Moderator bzw. Moderatorin, der bzw. die das Geschehen im Hintergrund beobachtet und begleitet. Solche Projekte werden selten abgeschlossen und können ständig erweitert oder verändert werden. Auch wenn kollaborative Schreibprojekte die Besonderheiten des Internets durch die Möglichkeit nutzen, zusammen an einem Werk zu arbeiten, ist diese Form der Netzliteratur meist nur textbasiert, da die kommunikativen Dienste früher nur diese Form anboten. Andererseits ermöglichte sie auch AutorInnen mit geringeren technischen Kenntnissen eine Mitarbeit. Der Reiz der kollaborativen Arbeit im Internet war zu Beginn wohl größer als heute, diese Art von Netzliteratur ist inzwischen weitgehend aus dem Internet verschwunden. Dankenswerter Weise gibt es aber Bestrebungen, Netzliteratur zu archivieren. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach sammelt Netzliteratur und versucht sie so aufzuarbeiten, dass sie auch heute noch zugänglich ist.323 Literatur im Netz Die zweite Art von Literatur, die im Internet verbreitet wird, nennt man Literatur im Netz.324 Es wurde nämlich nicht nur das künstlerische und innovative Potential des Internets genutzt, sondern auch sei- 6.2. 321 Ebd. 322 Ebd. 323 https://www.dla-marbach.de/bibliothek/literatur-im-netz/netzliteratur/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 324 Hartling 2002, https://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handl ungsrollen_dispositiv.htm#zweizwei (letzter Zugriff 18.8.2018) 6 AutorInnen und das Internet 100 ne Möglichkeit, ohne größere Hürden Texte zu veröffentlichen, vor allem durch die Einführung von CMS-Systemen und Layout-Vorlagen, sogenannten Templates.325 Diese erlaubten auch Schreibenden ohne Programmierkenntnisse die Nutzung des Internets als Publikationsplattform, was dazu führte, dass die Zahl von online veröffentlichten Publikationen stark anstieg. Jede und jeder kann im Internet publizieren, nicht zuletzt AutorInnen, die bei Verlagen kein Glück oder gar nicht die Absicht haben, Texte in einem Verlag zu veröffentlichen. Es haben sich bis heute viele Plattformen herausgebildet, auf denen man sich meist nur anmelden muss, um Texte präsentieren zu können. Aber auch EinzelautorInnen haben sich seit der allgemeinen Öffnung des Internets dazu entschlossen, eigene Seiten, zum Teil eigene Homepages, zu erstellen, auf denen sie Texte, Gedichte, Gedanken usw. verbreiten können. Textsammlungen und Literaturkritik – digitale Literaturmagazine Das Internet kann natürlich auch als Archiv gesehen werden. Dies erkannten auch Autorinnen und Autoren und begannen es dafür zu nutzen, Textsammlungen zu veröffentlichen.326 Vor allem literarische Online-Magazine327 nutzten die neue Möglichkeit dazu, Texte ohne Druckkosten öffentlich zugänglich zu machen. Es gibt keine einheitliche Form solcher digitalen Veröffentlichungsformen. Sie können als Homepages, als Weblogs oder auch als interaktive Plattformen organisiert sein. Inhalte können sowohl Primärtexte sein, als auch Literaturkritiken. Mitte der 1990er Jahre begannen Privatpersonen mit großem Interesse an Literatur Internetseiten zu erstellen, die sich auf verschiedene Weise mit Literatur beschäftigten. Die meisten dieser Magazine konzentrierten sich darauf, Literaturkritiken zu veröffentlichen oder sogar Plattformen einzurichten, auf denen man Kritiken, nach einer 6.3. 325 Vgl. Ebersbach 2010, S. 62f. 326 Eine Auflistung von digitalen Literaturmagazinen findet sich bei Giacomuzzi 2012. 327 Giacomuzzi 2012. 6.3. Textsammlungen und Literaturkritik – digitale Literaturmagazine 101 Anmeldung auf der Plattform, veröffentlichen konnte.328 Durch diese Form der Literaturkritik wurde es möglich, dass sich eine breitere Masse an der Diskussion über Literatur beteiligen konnte, was sich in Zeiten vor dem Internet um einiges schwieriger und kostenintensiver gestaltete. Ursprünglich war es ja den Feuilletons der Zeitungen vorbehalten, meinungsbildende Texte zu Literatur zu publizieren. Natürlich bedeutete dies auch, dass vor allem Literatur, die schon zum Kanon gehörte bzw. auf einem guten Weg dorthin war, besprochen wurde. Das Internet öffnete nun auch der bis dahin weithin als Trivialliteratur wahrgenommenen Spartenliteratur, wie etwa Fantasy oder Science Fiction, die Pforten zur Literaturkritik, auch wenn es sich vorerst um Laienrezensionen handelte. Vor allem Fans der Genres Fantasy und Science Fiction konnten ihre Liebe zur Literatur im Internet voll entfalten. Viele Fans haben es sich zum Hobby gemacht, die Geschichten ihrer Lieblingsbücher, Filme etc. weiterzuschreiben bzw. Stories, die in diesen fiktionalen Welten spielen. Diese „Fan-Fiction“329 gab es zuvor schon in sogenannten Fanzines330 in Printform doch das Internet bietet zur Veröffentlichung solcher Stories viel mehr Möglichkeiten. Somit ist es nicht verwunderlich, dass das Internet einen wahren Boom an digitalen Fanzines ausgelöst hat. Es kann hier genauso um Marvel- Comics gehen wie um den Bestseller unter den Fantasy-Novels Herr der Ringe.331 Autorenblogs Blogs sind ein Kind unserer modernen, schnelllebigen Zeit. Blogs sind öffentlich zugängliche Internet-Tagebücher, daher auch der Name, der sich aus den Wörtern „Web“ für Internet und „Log“ im Sinne von Logbuch bzw. Tagebuch zusammensetzt. Sie sind meist so aufgebaut, dass 6.4. 328 Beispiele für Magazine, in denen vorrangig Literaturkritiken veröffentlicht werden und wurden, findet man auf der Seite des Projekts DILIMAG des Innsbrucker Zeitungsarchivs: https://iza-server.uibk.ac.at/dilimag/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 329 https://de.wikipedia.org/wiki/Fan-Fiction (letzter Zugriff: 18.8.2018). 330 https://de.wikipedia.org/wiki/Fanzine (letzter Zugriff: 18.8.2018). 331 https://fanlore.org/wiki/List_of_Lord_of_the_Rings_Fanzines (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 102 sich am oberen Rand des Bildschirms ein Header, eine meist mit Fotos, Bildern oder Logos gestaltete Kopfzeile befindet. Darunter ist der Bildschirm häufig in zwei oder drei Spalten aufteilt, wovon die mittlere immer die größte darstellt, in der sich auch die Texte befinden. In einer linken oder rechten Spalte kann man z.B. Links, ein Menü, einen Kalender oder auch Fotos finden. Das Menü kann zum Teil auch quer – direkt unter dem Header bzw. in diesen integriert – platziert sein. Die Blogtexte sind chronologisch so geordnet, dass der neueste Text immer ganz oben steht. Auf der Startseite findet man häufig Anrisstexte der letzten paar Einträge. Um den ganzen Text zu lesen, muss man erst auf die Seite des jeweiligen Artikels gehen. Auf diese kommt man meist über einen Link am Ende des Anrisstextes, der meist mit „weiter...“ beschriftet ist. Ältere Artikel können über Volltextsuche oder Kalender gefunden werden. Allerdings sind die neuesten Artikel immer am präsentesten und ältere geraten schnell in Vergessenheit. Der Blog stellt im Moment wohl eines der beliebtesten Mittel dar, sich im Internet Aufmerksamkeit zu verschaffen. Auch hier ist der Autor bzw. die Autorin als Person immer präsent, „da dort die in der Anwendung implementierte automatische Datierung und Kommentarfunktion ständig auf seinen realen Urheber verweist und an der Oberfläche per se zu einer Potenzierung von Autorzentriertheit führt.“332 Immer mehr AutorInnen werden zu BloggerInnen und schreiben regelmäßig Einträge, die entweder ihre Meinung zu bestimmten Themen wiedergeben oder Einblicke in ihr literarisches Schaffen vermitteln. Viele nutzen einen Blog auch, um Feedback zu ihren Texten zu bekommen. Es ist oft schwer, die Online-Formen Weblog und Homepage zu differenzieren. Oft findet sich auch eine Kombination aus beidem im Internet. Doch prinzipiell kann man sagen, dass ein Blog nur dann vorliegt, wenn regelmäßig neue Einträge zu finden sind. Eine Homepage hingegen hat einen eher statischen Charakter und wird weniger oft mit neuen Inhalten bestückt. Das Problem der Differenzierung besteht eher dann, wenn ein Weblog auch die Merkmale einer Homepage besitzt, wie etwa Biographie und Bibliographie, Pressebereich und Termine. In diesem Fall wird das Blog zur Homepage und kann auch als 332 Giacomuzzi 2009. 6.4. Autorenblogs 103 solche untersucht werden. Allerdings muss hier klar erkennbar sein, welche Autorin oder welcher Autor hinter dem Blog steht. Beispiel: Abfall für alle – Rainald Goetz Rainald Goetz gehört zu den Autoren, die sich in besonderem Maß öffentlich inszenieren. Besonders eindrucksvoll war sein bereits erwähnter Auftritt beim Bachmann-Wettbewerb 1983, wo er sich mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzte. Das Internet bot ihm später genügend Öffentlichkeit für seine Selbstdarstellung. Daher nutzte er das neue Medium und etablierte sich als einer der ersten Autoren, der öffentlich ein Internet-Tagebuch führte. Sein Online-Projekt nannte er Abfall für alle. Er veröffentlichte dort Texte in den Jahren 1998 und 1999.333 Auf seiner Homepage www.rainaldgoetz.de veröffentlichte Goetz vom Frühjahr 1998 bis zum Frühjahr 1999 jeden Tag einen Eintrag. Wie der Titel Abfall für alle schon andeutet, sollten Goetz’ Texte jedem zur Verfügung stehen – zumindest jedem, der damals über einen Internetzugang verfügte. Was Goetz besonders an diesem Projekt reizte, war der Umstand, dass die Produktion und Rezeption von Texten fast gleichzeitig erfolgte. Sobald Goetz etwas geschrieben hatte, stellte er es ins Internet und es konnte gelesen werden. Daher ging es oft auch um tagesaktuelle Themen, wie etwa Meldungen aus den Nachrichten. Als das Projekt zu Ende war, wurde das Tagebuch aus dem Internet genommen. Grund dafür war der Umstand, dass bald darauf die Veröffentlichung des Internet-Tagebuchs als Buch bei Suhrkamp geplant war. Die Buchfassung erschien ein Dreivierteljahr nach Erscheinen des letzten Eintrags. Sie ersetzt und modifiziert die Internetfassung [...]. Die formale Gestalt der Tagesportionen wurde für die Buchgestalt entscheidend ver- ändert; die inhaltlichen Varianten bestehen in Kürzungen und ‚Entschärfungen‘, wohl aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen vorgenommen.334 Daraus ergibt sich das Problem, dass es schwer ist, die Originaltexte, die auf der Homepage des Autors veröffentlicht wurden, mit denjeni- 6.4.1. 333 Vgl. Schumacher 2003; Hagestedt 2004. 334 Hagestedt 2004. 6 AutorInnen und das Internet 104 gen im später erschienenen Buch zu vergleichen. Auch die Änderung der visuellen Darstellung der Texte ist in der Printversion nicht mehr nachvollziehbar. Die Dschungel.Anderswelt – Alban Nikolai Herbst Von Alban Nikolai Herbst wurde 2004 ein literarisches Experiment ins Leben gerufen335, das Steinbrück folgendermaßen beschreibt: Seit über vier Jahren versammelt er in seinem viel frequentierten Blog albannikolaiherbst.twoday.net unter der Überschrift ‚Die Dschungel. Anderswelt’ ein weites Spektrum an Themen – inklusive literarischer Genres wie Fortsetzungsroman, Tagebuch oder Gedicht. Selbst Traumprotokolle und Travestien tauchen hier auf.336 Doch diese Beschreibung wird dem durchdachten Projekt von Alban Nikolai Herbst nicht gerecht. Er wollte mit dem Internet spielen, die Möglichkeiten ausloten, wie weit man ein Verwirrspiel der Identitäten im Internet durchführen kann. Die Dschungel Anderswelt ist zusammen mit der Seite Herbst & Deters Fiktionäre zu sehen. Eine genauere Betrachtung der beiden Seiten gibt einen besseren Überblick über Herbsts literarisches Konzept. Wenn man sich beispielsweise auf der Website der Fiktionäre den Menüpunkt „Biographie“ genauer ansieht, stellt man fest, dass einem sieben verschiedene Biographien und sieben verschiedene Persönlichkeiten vorgestellt werden.337 Doch in Wahrheit steckt hinter allen Alban Nikolai Herbst; oder auch nicht. Denn auch dieser Name ist ein Künstlername. Geboren wurde der Autor unter dem Namen Alexander Michael von Ribbentrop. Diesen legte er allerdings wegen der Assoziation mit dem entfernt verwandten Joachim von Ribbentrop, Außenminister im Dritten Reich, ab, gibt ihn aber mittlerweile (seit 2007) doch wieder oben im Banner der Dschungel.Anderswelt zusammen mit seinem Künstlernamen an. Das Weblog ist mit Herbsts Anderswelt-Trilogie-Romanen inhaltlich verwoben. Sowohl im Weblog als auch in den Romanen konstru- 6.4.2. 335 Vgl. auch Giacomuzzi 2008a. 336 Steinbrück 2008. 337 http://wayback.archive-it.org/2844/20120612100026/http://www.die-dschungel.d e/ANH/main.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6.4. Autorenblogs 105 iert er Wirklichkeiten und Gegen-Wirklichkeiten. Er erweist sich damit, so Giacomuzzi, als ein Anhänger eines […] konstruktivistischen Wirklichkeitsbegriffs, der auf die Literatur übertragen einmal bedeutet, dass die Unterscheidung zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Genres nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, und darüber hinaus, dass Literatur Realität schafft, d.h. auch Realität mitformen kann.338 Herbst trieb dies auf die Spitze, indem er eine Romanfigur auf eBay versteigern wollte oder auch eine Figur in einem Wikipedia-Artikel zum Leben erweckte. Sein Blog ist, wie schon angedeutet, kein herkömmliches ‚Internet-Tagebuch‘, sondern „gleichzeitig auch aktionistisches Experiment, mit dem Herbst die Verschiebung von Privatem in den öffentlichen Raum bis zur eigenen Schmerzgrenze und der anderer treibt.“339 Diese fast schon zu intimen Details stellten von 2004 bis 2006 den Hauptbestandteil des Blogs dar. Das nächste Projekt sollte dann ein reines Arbeitstagebuch werden. Ab August 2006 wurde der Blog zum „chorischen Tagebuch“, in dem mehrstimmig, d.h. von mehreren Personen erzählte Geschehnisse zu lesen sind.340 Die Entscheidung ob die Stimmen fiktive Figuren sind, die Alban Nikolai Herbst erfunden hat, oder nicht, wird den LeserInnen überlassen. Somit wurde eine Diskussion angeregt, welche der Personen real wären und welche nur fiktiv. Herbst beschreibt dies in seinem Eintrag vom 5. August 2006 folgendermaßen: Allerdings könnte kein Leser sich je sicher sein, ob darunter nicht auch literarische Figuren sind, die von uns, den Tagebuchschreibern, erfunden und vor den Augen der Leser entwickelt werden. […] Und die Dschungelbuchleser gerieten in die Versuchung, auch tatsächlich Tagebuchschreiber für meine Fiktionen zu halten. Das wiederum sicherte die anderen Beiträger, setzte ihnen die Maske eines insgesamt Erdichteten auf – weshalb sie ganz besonders frei agieren könnten.341 338 Giacomuzzi 2008a, S. 141. 339 Giacomuzzi 2008a, S. 142. 340 https://dschungel-anderswelt.de/20060805/die-dschungel-oeffnen-abermals-dastagebuch-nun-vielstimmig-zum-realitaetsbegriff-als-einem-der-wahrnehmung-k leine-theorie-des-literarischen-bloggens-68-experiment-ficken-3-2485662/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 341 http://albannikolaiherbst.twoday.net, Eintrag vom 5.8.2006, 8:37 Uhr, zit. n. Giacomuzzi 2008a, S. 142. 6 AutorInnen und das Internet 106 Herbst treibt also inhaltlich in seinen Werken ein Verwirrspiel um Realität und Wirklichkeit und zieht dieses weiter in seine Autorschaft. Er arbeitet mit multiplen Persönlichkeiten, die, wie erwähnt eine eigene (fiktive) Biographie besitzen und ihm helfen sein literarisches Verwirrspiel zu konstruieren. 6.4. Autorenblogs 107 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick Konzepte Schon im Jahr 1959 wurden von Theo Lutz erste computergenerierte Gedichte erstellt. Dies geschah im Rahmen der Stuttgarter Schule342 um Max Bense, die sich vor allem mit der schon erwähnten Konkreten Poesie beschäftigte. Um die Möglichkeiten der konkreten Poesie auszuloten, waren die Mitglieder der Stuttgarter Schule, vor allem Theo Lutz, Max Bense und Reinhard Döhl, besonders daran interessiert, die Möglichkeiten neuer medialer Erscheinungen in Kombination mit künstlerischer Produktion und Aufschreibsystemen auszuprobieren. Zunächst war die Beschäftigung mit dem Thema eher theoretischer Natur. Es wurden Häufigkeitswörterbücher erstellt, die für statistische und ästhetische Textanalysen genutzt wurden. Als nächster Schritt wurde dann eine literarische Interpretation hinzugefügt. Es wurden hierfür mit einem eingegebenen Lexikon und eingespeisten Regeln synthetische Texte generiert. Das erste Programm wurde mit Sätzen aus Franz Kafkas Das Schloß343 gefüttert und bestand aus ca. 200 Befehlen. Diese neue Art der Poesie wurde von Bense als „künstliche“ Poesie von „natürlicher“ Poesie abgegrenzt.344 In den 1960er Jahren wurden dann weitere Experimente mit Grafik, Musik und Sprache im Zusammenhang mit Elektronik durchgeführt. Zusätzlich wurde weiterhin an konkreter visueller Poesie gearbeitet: Die Experimente ebneten schließlich Jahrzehnte später ab 1994 den Weg für eine neue netzliterarische Bewegung mit den Stuttgarter Exponenten 7 7.1. 342 http://www.stuttgarter-schule.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 343 Kafka 1922. 344 http://www.stuttgarter-schule.de/natuerliche_und_kuenstliche_poesie.html (letzter Zugriff. 18.8.2018) 109 [Reinhard] Döhl, Johannes Auer, Susanne Berkenheger, Martina Kieninger, Oliver Gassner und anderen mehr.345 Diese zweite Welle der Stuttgarter Schule wurde vor allem für die innovativen Netzliteraturprojekte bekannt, die in diesem Rahmen erstellt wurden. Döhl und Auer arbeiteten weiter an der Verschränkung von Konkreter Poesie und Digitaler Poesie. So entstanden beispielsweise die Werke H.H.H. – Homage à Helmut Heißenbüttel346 und Epitaph Gertrude Stein347, an denen ca. 30 Autorinnen und Autoren beteiligt waren. Diese beiden Arbeiten zeigen, wie wichtig das Dialogische für Döhls Beschäftigung mit dem Internet war. Mittels einfacher Mittel gelang es ihm, den dialogischen Ansatz der Stuttgarter Schule in das neue Medium zu transportieren.348 Vor allem die Kooperation zwischen KünstlerkollegInnen und auch das Zusammenspiel verschiedener Künste waren für die weitere Entwicklung der Netzliteratur im deutschsprachigen Raum wichtig. Beispiele hierfür werden später noch genannt. Das letzte kooperative Netzprojekt Döhls The Famous Sound of Absolute Wreaders349 spiegelt eine weitere Richtung wider, die im Bereich der Netzliteratur sehr wichtig ist: Der fließende Übergang zwischen schreibender Instanz und rezipierender Instanz, die durch die interaktive Komponente vieler Netzliteraturprojekte entsteht, wird in diesem Werk Döhls in den Mittelpunkt gestellt – der sogenannte Wreader, eine Kombination aus writer und reader. In den Experimenten Döhls und Auers wurde vor allem die Technik der Hyperlinks in Kombination mit animierten GIFs verwendet. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Auers visuelles Gedicht kill the po- 345 Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachigen_N etzliteratur.pdf, S. 6 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 346 Auer, https://auer.netzliteratur.net/hhh/h_h_h.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 347 Auer, https://auer.netzliteratur.net/epitaph/epitaph.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 348 Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachigen_N etzliteratur.pdf, S. 8 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 349 http://kunstradio.cyberfiction.ch (inzwischen offline, zu finden im Internet Archive: https://web.archive.org/web/20170322095622/http://kunstradio.cyberfic tion.ch/ - letzter Zugriff: 18.8.2018). 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 110 em350, in dem die LeserInnen selbst den Schuss auf das Gedicht auslöst und so aktiv den Text zerstört. Ein weiteres Beispiel für elektronische Konkrete Poesie ist das bereits vorgestellte Projekt worm applepie für döhl351, das ebenfalls von Auer erstellt wurde. Hier handelt es sich um eine animierte Version von Döhls Inkunabel-Apfel. Nur frisst hier der Wurm den Apfel langsam auf, um kurz vor dem Verschwinden des Apfels wieder von vorne zu beginnen. Der Wurm wird als Wort „Wurm“ dargestellt. Sylvia Egger arbeitet vor allem zum Bereich des Dadaismus und beschäftigt sich hier intensiv mit Walter Serner.352 Jörg Piringer geht das Thema Netzliteratur etwas weniger konzeptuell an und kreiert vor allem dynamische Poesie, die mit auditiven und visuellen Elementen spielt. Mittlerweile hat Piringer auch Apps für Handys mit seinen Projekten erstellt. Dies stellte einen ganz neuen Entwicklungsschritt im Bereich der Netzliteratur dar.353 Netzliteraten und Schöpfer von experimenteller Literatur probierten in den 1980er und 1990er Jahren aus, was es an Möglichkeiten gab. Viele von ihnen beschäftigten sich auch auf einer theoretischen Ebene mit dem Thema Netzliteratur. Viele Texte von Netzliteraten und Netzliteraturforschern sind heute immer noch auf der Plattform www.netzl iteratur.net zu finden. Hypertextprojekte Oliver Gassner und Dirk Schröder gehörten zu den experimentierfreudigen AutorInnen dieser Zeit im deutschen Sprachraum.354 Sie verwendeten in den 1980er Jahren für die Produktion ihrer Werke Kopiermaschinen, Faxgeräte oder auch Drucker und banden diese in den kreativen Herstellungsprozess mit ein, um so elektronische Poesie zu schaffen. Oliver Gassner wurde dann später zu einem der wichtigsten 7.2. 350 https://auer.netzliteratur.net/kill/killpoem.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018) 351 https://auer.netzliteratur.net/worm/applepie.htm (letzter Zugriff: 18.8.2019) 352 Vgl. https://serner.dadasophin.de/ (letzter Zugruff: 18.8.2018) und Egger 2009. 353 Vgl. zu Piringer: http://joerg.piringer.net/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 354 Vgl. http://oliver-gassner.de/main/index.html (letzter Zugriff: 18.8.2108) bzw. https://literaturkritik.de/id/951 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 7.2. Hypertextprojekte 111 Beitragslieferanten in der Diskussion um die Netzliteratur und war einer der ersten Blogautoren im Internet. Heiko Idensen und Matthias Krohn beschäftigen sich seit 1980 im audiovisuellen Labor in Hildesheim mit dem Thema Hypertext. 1989/90 präsentierten sie auf der Ars Electronica ihre interaktive Installation „imaginäre Bibliothek“355, die auf Ideen von Borges, Eco und Foucault basierte. Ihre Verknüpfungen führten zu unendlichen Ausdrucken, damals noch auf einem Nadeldrucker. Die ‚imaginäre Bibliothek‘ vereinigt elektronische Texte, Bilder und Grafiken. Im Rahmen des ARS ELECTRONICA war die ‚imaginäre Bibliothek‘ auf zwei Computern installiert, plaziert innerhalb eines Rundbaus inmitten von präsentierten Büchern und Buch-Objekten, wobei zwei Drucker im Hintergrund permanent die Lese-Touren der Benutzer ausdruckten. Diese Endlos-Ausdrucke wurden zu Buch-Rollen gewickelt, die auf diese Weise den Bestand der imaginären Bibliothek sichtlich durch die unentwegte Produktion der Leser vergrößern.356 Später wurde das Projekt von Idensen und Krohn auch ins Internet verlagert. Der Nutzer sollte dazu gebracht werden, sich durch „verzweigtes assoziatives Lesen und Navigieren in ein Netzwerk aus Texten zu verstricken und somit seine Beteiligung am Imaginationsraum Bibliothek zu simulieren.“357 Die Idee zu diesem Projekt war aus dem Kontakt mit dem Hochschuldozenten Kurd Alsleben entstanden, der mit Lochkarten eine Art Hypertext kreierte.358 Im Rahmen dieser Forschung entstanden mehrere mechanische und elektro-mechanische Link-Maschinen. Schon in den 1960er Jahren beschäftigte sich Alsleben mit Computergrafiken, die durch einen Zeichenautomaten ausgegeben wurden. In den 1960er Jahren erforschte Alsleben in seinen Arbeiten die Möglichkeit des dialogischen Kunstwerkes mit Bezugspunkt in der ästhetischen Kommunikation. Wichtig war dabei die Entwicklung partizipativer Mo- 355 Alsleben, 2001; http://www.netzliteratur.net/idensen/lexikon.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 356 http://www.netzliteratur.net/idensen/lexikon.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 357 Suter/Böhler 2001, S. 14. 358 Vgl. Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachige n_Netzliteratur.pdf, S. 12. 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 112 mente und ihre Verknüpfung, wie sie in den universitären Arbeitskreisen um Alsleben und Antje Eske in den 1970er Jahren diskutiert wurden.359 Dies bildete den Nährboden für Projekte vieler ForscherInnen und KünstlerInnen, die hier anschlossen, wie beispielsweise Idensen und Krohn mit ihrer „imaginären Bibliothek“. Aus diesem Verständnis heraus entstand auch der kollaborative Ansatz von Netzliteratur. Idensen geht davon aus, dass jedes geschriebene Wort ein Zitat darstellt, das sich auf schon Geschriebenes bezieht. Jeder Text bezieht sich auf einen schon vorhandenen, was sich in den Begriffen Intertextualität oder später auch der Intermedialität, essentiellen Schlüsselwörtern der Postmoderne, widerspiegelt. Ebenso wie Idensen und Krohn nahm auch Detlev Fischer in den 1980er Jahren an Seminaren von Alsleben und Eske teil. Er erzeugte zusammen mit „Freunden, Mitbewohnern und Bekannten“ ein „komplexes Text-Bild-Netzwerk“360, das unter dem Titel „Schwamm“ in mehreren Ausstellungen zu sehen war. Suter beschreibt dieses Projekt „als eine offene multilineare Geschichte, die märchenhafte und absurde Momente aufweist, teils mit leichten Horrorelementen“361. Erstellt wurde das Hypertextkunstwerk mit einem Programm von Apple namens HyperCard. 362Ein ähnliches, frühes Hypertextprojekt wurde 1992 von Walter Grond ins Leben gerufen. Das Literaturprojekt, das unter dem Namen Absolut Homer363 bekannt wurde, spielte ebenfalls mit dem Gedanken, dass Texte nicht von einem Autor bzw. einer Autorin erschaffen werden können, da sie immer aus schon Bekanntem zusammengesetzt sind. Der kollaborative Roman mehrerer Autorinnen und Autoren erschien später auch in gedruckter Form.364 In den 1990er Jahren entstanden noch weitere kollaborative Online-Projekte im Internet, wie etwa Idensens Hyperknast365 und Hyper- 359 Suter 2001, S. 12. 360 Suter 2001, S. 14. 361 Ebd. 362 https://de.wikipedia.org/wiki/HyperCard (letzter Zugriff: 18.8.2018) 363 Grond 1995. 364 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezensionbelletristik-odysseus-meidet-oesterreich-11317636.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 365 Siehe https://adel.uni-siegen.de/node/6104 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7.2. Hypertextprojekte 113 texttrees366. Mehrere AutorInnen konnten in diesen interaktiven Schreibsystemen Geschichten schreiben oder weiterschreiben. Die Texte waren über eine zentrale Baumstruktur miteinander verbunden. Das Projekt Hyperknast war gleichzeitig als kritisches Statement zu den Themen Zensur, Verbote und Löschung von Texten zu sehen.367 Ein weiteres innovatives kollaboratives Projekt von Guido Grigat entstand unter dem Titel 23:40368. Hier wurde für jede Minute eines Tages ein Text erstellt, der allerdings immer nur ganz genau zur entsprechenden Zeit gelesen werden kann. Somit „verweigert sich der Text im Internet dem Leser“369 temporär und verlangt ihm einiges an Geduld ab, er stellt sich dem schnellen Herumklicken im Internet entgegen. Viele Projekte der Netzliteratur wurden in der Mailingliste Netzliteratur auf theoretischer Ebene diskutiert sowie im Webring bla miteinander verknüpft. Um die Netzliteratur-Projekte herum entstanden verschiedene Veranstaltungen, wie Ausstellungen, Festivals und Preisausschreiben, was die Präsenz der Netzkunst bzw. Netzliteratur in der Öffentlichkeit deutlich macht. So gab es beispielsweise ein Netzliteraturfestival des Literaturhauses Stuttgart370, den Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb 1999 (initiiert von Oliver Gassner)371sowie ein Preisausschreiben von „Die Zeit“ und „IBM“ (1996 – 1998), später als Pegasus bekannt.372 Das Besondere an den Preisausschreiben bestand darin, dass diese sich nicht ausschließlich im literarischen Feld abspielten, sondern für eine breite Öffentlichkeit ausgeschrieben waren und so nicht nur die übliche Klientel ansprachen. Leider verliefen jedoch die meisten dieser Projekte im Sand, weshalb es zu keinem weiteren Vor- 366 Siehe https://wwik.dla-marbach.de/line/index.php/Hypertextree (letzter Zugriff: 18.8.2018). 367 Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachigen_N etzliteratur.pdf, S. 16 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 368 Simanowski 2000, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/bell etristik/rezension-guido-grigats-sammlung-von-uhrzeit-texten-113041.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) 369 Suter 2001, S. 17. 370 Vgl. https://auer.netzliteratur.net/stz_cic.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) und Ortmann 2001 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 371 Ortmann 2001. 372 https://www.netzliteratur.net/schroeder/wklt.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018) 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 114 antreiben derartiger Wettbewerbe kam. Es finden sich jedoch einige Preisträger aus den späten 1990er und frühen 2000er Jahren, die sich durch ihre Erfolge einen Namen machen konnten. Susanne Berkenheger zum Beispiel gewann den Pegasus für ihre bereits beschriebene Hyperfiction Zeit für die Bombe373 und konnte dadurch Aufmerksamkeit erregen. Dieser Hypertext besteht aus kurzen Textsequenzen, die teilweise wie ein Film automatisch hintereinander ablaufen und teilweise als ein Geflecht von Links miteinander verbunden sind. Man kann sich auf verschiedensten Pfaden durch die Geschichte bewegen, doch irgendwann landet man wieder am Anfang. „Der Leser weiss in ihren Texten nie so recht, wieviel Kontrolle er nun wirklich über den Text und den weiteren Verlauf der Story hat.“374 Ähnliche Hypertextprojekte wurden von Frank Klötgen konzipiert und erstellt. Sein Bilddrama Die Aaleskorte der Ölig375 besteht aus 20 Szenen, die der Leser selbst durch die Wahl von Fotografien der SchauspielerInnen und durch Regieanweisungen zu einem Film zusammenstellen kann. 6,9 Milliarden mögliche Varianten können erstellt werden. Dieses Projekt enthält nicht nur Hypertext, sondern auch multimediale Bestandteile. Ein weiteres Projekt Klötgens, Endlose Liebe376, präsentiert sich als Online-Musical, das aus 19 Liebesliedern besteht, die Klötgen mit seiner Band Marilyn’s Army aufgenommen hat. Hier wird also vor allem die auditive Ebene in den Fokus gerückt. Code Work Als dritte Strömung der Netzliteratur ist noch das sogenannte „Code Work“ zu nennen. Hier steht die Programmierung als Text im Mittelpunkt. Quellcodes und Programmierung werden selbstreferentiell inszeniert, so dass die Software als Text im Zentrum des Werks steht. Hinter dem Text, der an der Oberfläche betrachtet werden kann, befinden sich noch verschiedene Textebenen, die normalerweise nicht zu sehen sind. Die „Code Work“-Strömung legt diesen sonst unsichtbaren 7.3. 373 http://www.wargla.de/zeit.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 374 Suter 2001, S. 24. 375 http://www.aaleskorte.de (letzter Zugriff: 18.8.2018). 376 http://www.hirnpoma.de/trashical/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7.3. Code Work 115 Text frei und produziert so eine ganz eigene Form von Literatur. Als wichtigster Vertreter dieser Richtung gilt Florian Cramer, der sowohl als Literaturwissenschaftler als auch als Netzkünstler tätig war. Als Beispiel für seine Arbeit kann plaintext.cc377 genannt werden, das Werk, mit dem er den „Junggesellenpreis“378 des Stuttgarter Netzliteraturfestivals 2005 gewann. Ähnlich wie bei der konkreten Poesie steht auch hier das Visuelle im Mittelpunkt, allerdings liegt hier der Fokus auf dem Code. „Durch die Vermischung von Softwareelemente und Programmierung mit Pornographie spielt Cramer dabei“, wie Hartling formuliert, „mit ironischen Verfremdungen des Konzepts ‚Junggeselle’“.379 Blogs Eine neue Form von Literatur, die im Netz publiziert wird, sind Blogs, die schon weiter oben erwähnten Internet-Tagebücher, die es ermöglichen, auf technisch einfache Weise Texte ins Netz zu stellen. Hier sind zwar ebenfalls Hyperlinks zu finden, auch hier läuft das Programm mit einer Datenbank im Hintergrund und ist mit Codes erstellt worden, doch wird im Normalfall nur der Text, möglicherweise bebildert, in den Mittelpunkt gestellt. Beispiele wurden bereits genannt. Auf dieses Phänomen wird an späterer Stelle noch näher eingegangen. Selfpublishing als E-Book Durch das Internet und die Entstehung von E-Books wurde auch die Möglichkeit geschaffen, Bücher im Selbstverlag zu veröffentlichen.380 Hierfür stehen verschiedene Plattformen zur Verfügung, wobei der In- 7.4. 7.5. 377 https://adel.uni-siegen.de/node/6131 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 378 http://www.junggesellenpreis.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 379 Hartling 2009, S. 287. 380 Matting, http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-05/self-publishing (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 116 ternetbuchhändler Amazon381 sicher die bekannteste Variante darstellt. Schon früher gab es Verlage, bei denen man Bücher auf eigene Kosten drucken lassen konnte. Doch der große Vorteil bei E-Books liegt darin, dass sie nur in digitaler Form verkauft werden und daher keine Druckkosten anfallen. Digitale Bücher werden dann zum Teil zu Preisen um einen Euro oder weniger angeboten, was natürlich die Schnäppchenjäger bei Amazon anspricht. Wenn man es einmal geschafft hat in die Top-100-Liste bei Amazon zu kommen, ist die Aufmerksamkeit groß genug, dass man auch weiterhin von guten Verkaufszahlen ausgehen kann. Vor allem, seit E-Reader auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Verbreitung finden, mehren sich auch hier die Erfolgsstorys. Doch trotz aller Erfolgsgeschichten kann das Selfpublishing nicht den herkömmlichen Verlag ersetzen. Nahezu alle Selfpublishing-Erfolge werden später auch in traditionellen Verlagen publiziert. So meint Nele Neuhaus, die durch ihren Selfpublishing-Erfolg einen Vertrag bei Ullstein bekam: Was ein großer Publikumsverlag für einen Autor leistet, kann dieser im Alleingang nicht schaffen. Nach der Arbeit am Buch kommt schließlich die ganze Vermarktung. Die Logistik, die für den gelungenen Auftritt eines Buches notwendig ist, bekommen Autoren in der Regel nicht hin, auch wenn sie so gut vernetzt sind, wie ich es bin. Wenn jemand tatsächlich Autor sein möchte, ist ein Verlag – noch – unabdingbar.382 Somit ist das Selbstpublizieren eher als Sprungbrett in den herkömmlichen Literaturbetrieb zu betrachten. Hier gibt es mittlerweile schon viele Erfolgsstorys383. Eines der bekanntesten Beispiele ist wohl E. L. James, die ihre Fan-Fiction zu Stephanie Meyers Twilight-Romanen zuerst auf der Plattform fanfiction.net veröffentlichte. Nachdem die Romane bei den Erstlesern gut ankamen, verbreiteten sie sich rasend schnell über Mundpropaganda und Plattformen wie Goodre- 381 https://kdp.amazon.com/de_DE?ref_=kdpgp_p_de_psg_kw_ad2 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 382 https://www.buchreport.de/2013/10/10/im-alleingang-nicht-zu-schaffen/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 383 http://ilovewriting.ullstein.de/vom-self-publishing-zum-bestseller/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7.5. Selfpublishing als E-Book 117 ads. Verlage wurden auf E. L. James aufmerksam und sie unterschrieb einen Vertrag mit dem Random House Imprint Vintage Books.384 Doch auch die Erfolgsgeschichte von Andy Weirs Buch The Martian hat im Internet begonnen. Zuerst veröffentlichte er seine Geschichte, über einen auf dem Mars gestrandeten Astronauten, kapitelweise auf seinem Blog. Als er dann fertig war, beschloss er, das Buch um 99 Cent bei Amazon anzubieten. Sofort schnellte es an die Spitze der Sci-Fi- Charts und bescherte Weir einen Vertrag bei Random House. Später wurde der Roman auch noch erfolgreich mit Matt Damon in der Hauptrolle verfilmt. Das Internet hat Autorinnen und Autoren durch das E-Book eine neue Möglichkeit gegeben, ihre Werke bekannt zu machen, auch wenn sie bei Verlagen kein Glück hatten. Verlage sind in den Literaturbetrieb eingebettet und reagieren bei eingesendeten Manuskripten vielfach auf Namen, die ihnen schon aus der Literaturszene bekannt sind. Für Neulinge in der Szene ist es oft schwierig, einen Vertrag bei einem Verlag zu ergattern. Das E-Book birgt die Möglichkeit, die LeserInnen direkt zu erreichen, ohne, dass der herkömmliche Literaturbetrieb dazwischengeschaltet ist. Die hier vorliegende Auflistung literarischer Formen im Internet sind deckt nur ein Ausschnitt von dem ab, was sich im Internet alles findet. 384 Ebd. 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 118 Was ist eine Autorenhomepage?385 Eine Homepage bietet die Möglichkeit, sich selbst und das eigene Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren bzw. zu inszenieren. Dies kann auf verschiedene Weisen geschehen. In erster Linie stellt die Homepage eine Art Visitenkarte dar, die die wichtigsten Informationen über eine Person enthält. Im Falle von Autorinnen und Autoren sind dies vor allem die Biographie und die Bibliographie, oft auch Informationen über aktuelle Termine, Kontaktdaten in Form einer E-Mail- und/oder manchmal sogar einer Wohnadresse. Auf vielen Homepages kann man auch Informationen zur Rezeption finden, die der Werbung für die Werke der AutorInnen dienen. Die Art, wie man sich selbst präsentiert, kann entweder durch Grafik, durch Bilder oder auch durch Videobzw. Audiodateien bestimmt sein. Der Einsatz der Grafik variiert bei Autorenhomepages stark und reicht von sehr einfachen bis zu hochprofessionellen, von klassischen bis zu auffällig bunten Präsentationen. Für eine Analyse der Selbstpräsentation ist weiters aussagekräftig, wie viel AutorInnen auf ihren Websites preisgeben. Manche stellen Pressefotos zum Download zur Verfügung, während andere keine Abbildungen der eigenen Person veröffentlichen. Zum Teil wird die Homepage dazu verwendet, Texte zu veröffentlichen, zum Teil werden nur Basisinformationen zur Verfügung gestellt. Einige Autorinnen und Autoren zeigen das ganze Spektrum ihrer künstlerischen Tätigkeit und veröffentlichen beispielsweise auch Abbildungen ihres bildnerischen Schaffens, die sie mit künstlerischer Intention aufgenommen haben. Diese zusätzlichen Informationen, die nicht direkt zum Werk gehören, können nach der von Gérard Genette in den achtziger Jahren entwickelten Kategorisierung zu den sogenannten Paratexten386 gezählt werden, in welchen zusätzliche Informationen über Autor und 8 385 Dieser Abschnitt ist schon in ähnlicher Form im Tagungsband „Netzliteratur im Archiv“ abgedruckt worden, vgl. Sporer 2017. 386 Genette 2001. 119 Werk enthalten sind, die jedoch selbst nicht zum Werk gehören. Diese Informationen beeinflussen die Rezeption des Werkes und steuern so das Bild des Autors bzw. der Autorin sowohl im literarischen Feld als auch in der sonstigen Öffentlichkeit. Dies kann entweder durch den Autor selbst initiiert sein oder auch durch den Verlag bzw. die Künstleragentur. Da eine Homepage mit derartigen Informationen nicht direkt mit dem Werk materiell verbunden ist, gehört sie in Genettes Kategorisierung genauer gesagt zu den Epitexten. Diese sind zunächst extern vom Werktext zu sehen, könnten aber später auch mit diesem verbunden werden, indem Zitate in späteren Auflagen Eingang in den Peritext des Buches finden. Es könnte sich beispielsweise um Zitate aus Rezensionen handeln, die das Buch in einem besonders guten Licht erscheinen lassen. Zusammenfassend könnte man sagen, dass sich das Bild des Autors bzw. der Autorin aus vielen verschiedenen Mosaiksteinen zusammensetzen lässt, die enger oder weniger eng mit dem Autor und seinem Werk verbunden sind. Der Autor bzw. die Autorin und das Werk werden in der Außensicht häufig gleichgesetzt und diese Bereiche verschwimmen meist auch in der Inszenierung auf einer Homepage. Um glaubwürdig zu wirken, muss der Autor bzw. die Autorin seine/ihre Inszenierung im Internet so gestalten, dass sie zum Werk und zur sonstigen Präsentation in der Öffentlichkeit passt. So darf beispielsweise ein als konservativ geltender Autor bzw. eine als konservativ geltende Autorin die Inszenierung nicht so wählen, dass dieses Bild kompromittiert wird. Dies würde RezipientInnen verwirren, was in den meisten Fällen nicht gewünscht ist. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass das Fehlen einer Homepage natürlich ebenso auf einer bewussten Entscheidung beruhen kann. Zu einem Autor bzw. einer Autorin, der bzw. die für ein konservatives Weltbild steht und moderne Entwicklungen ablehnt, würde es beispielsweise nicht passen, eine Homepage zu betreiben. Es wäre nicht stimmig, wenn AutorInnen, die demonstrativ darauf hinweisen, dass sie die eigenen Werke noch auf einer Schreibmaschine statt auf einem Computer verfassen, sich im Internet versuchen würden. Doch gibt es im literarischen Diskurs einige Phänomene, die als Grundlagen für eine Theorie der Selbstinszenierung gesehen werden können. Hierzu gehören die Konzepte Habitus, Aufmerksamkeitser- 8 Was ist eine Autorenhomepage? 120 zeugung und die Eigendarstellung in Form von Inszenierung und Performance.387 All diese Konzepte dienen AutorInnen dazu, Bekanntheit und Aufmerksamkeit im literarischen Feld zu erzeugen. Wer dies nicht erreicht, hat im Feld auch keinen Erfolg. Daher müssen SchriftstellerInnen versuchen, sich hier ihren Platz zu schaffen, um überhaupt anerkannt werden zu können. Wer als Autor bzw. Autorin gilt und wie er bzw. sie als solcher bzw. solche wahrgenommen wird, wird durch das literarische Feld und durch ihre oder seine Positionierung darin bestimmt. Es kann sich zwar jede/r selbst als AutorIn bezeichnen, doch ob er als solche/r auch in der Gesellschaft bzw. im literarischen Feld anerkannt wird, hängt von verschiedenen Mechanismen ab, nach denen sich wiederum die Strategien von SchriftstellerInnen richten. Alle Maßnahmen, die bewusst oder unbewusst so getroffen werden, dass ein bestimmtes Bild entsteht, gehören zum Habitus. Sie müssen konsistent sein, um glaubwürdig zu erscheinen. Im vorliegenden Beitrag werden Blogs nicht zu den Autorenhomepages gezählt, da sie sich vor allem auf die Darstellung von AutorInnen als Individuen im literarischen Feld und deren Selbstinszenierung konzentrieren. Da Blogs oft Texte enthalten, die eindeutig zum Werk des Autors bzw. der Autorin gehören, und nicht gezielt dazu dienen, Informationen über diesen bzw. diese zu veröffentlichen, werden sie nicht primär zur Inszenierung des Autors bzw. der Autorin gerechnet und daher der Werkanalyse überlassen. Man könnte zwar auch untersuchen, wie die Auswahl der Texte in einem Blog mit der Inszenierung des Schriftstellers bzw. der Schriftstellerin bzw. mit der Inszenierungsstrategie korreliert, doch würde dies den Rahmen der Arbeit sprengen und auch eine andere Methode der Untersuchung erfordern. Nachdem nun die Ausgangssituation dargelegt ist, möchte ich auf die Möglichkeiten eingehen, für die sich AutorInnen bei der Konzeption ihrer Homepages entscheiden können, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen und sich durch diese zu profilieren. Hierfür wird im Folgenden eine Kategorisierung der häufigsten Arten der Selbstpräsentation auf Autorenhomepages entworfen. Natürlich überschneiden sich die Konzepte, aber man kann meist sehr rasch feststellen, welche Art der Präsentation im Vordergrund steht. Es lassen sich mehrere Typen 387 Vgl. Willems 2009a. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 121 unterscheiden, bei denen jeweils einer der folgenden Aspekte im Mittelpunkt steht: 1. Visitenkarte 2. Werk des Autors bzw. der Autorin 3. Performance 4. Meinungen 5. Marketing 6. Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund Im Folgenden werden die aufgeführten Kategorien näher beschrieben und mit Beispielen erläutert. Der Korpus, der für die Analyse verwendet wird, entstand im Rahmen des FWF-Projekts Autorenhomepages388, das von 2011 bis 2014 am Innsbrucker Zeitungsarchiv (Universität Innsbruck) unter der Leitung von Renate Giacomuzzi durchgeführt wurde. Die Visitenkarte Viele SchriftstellerInnen verwenden ihre Homepage als eine Art Visitenkarte. Man findet die wichtigsten Informationen wie Biographie und Bibliographie, Kontaktdaten und manchmal auch Termine. Die Homepage wird bei dieser Art der Präsentation lediglich dazu verwendet, dass Interessierte sich schnell Basisinformationen zum Autor bzw. zur Autorin verschaffen können. Weiters dient die Homepage dazu, dass sich KritikerInnen, JournalistInnen oder auch WissenschaftlerInnen über einen Autor bzw. eine Autorin informieren können, ohne diese/n selbst oder den Verlag kontaktieren zu müssen. Falls ein Kontakt doch notwendig ist oder gewünscht wird, kann man diesen auch über die Homepage – etwa über eine E-Mail-Adresse bzw. eine Postanschrift – herstellen oder sich auch mit dem Verlag bzw. dem Agenten bzw. der Agentin des Autors bzw. der Autorin in Verbindung setzen. Die Art und Weise, in der ein Schriftsteller bzw. eine Schriftstellerin sein/ihr Werk sowie die eigene Biographie inszeniert, sagt etwas darüber aus, wie er oder sie sich der Öffentlichkeit präsentieren will. Wieviel wird preisgegeben? Sind Informationen über das Privatleben 8.1. 388 https://iza-server.uibk.ac.at/autorenhomepages/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 122 bzw. über persönliche Interessen, die nicht direkt mit dem Status als LiteratIn verbunden sind, zu finden? Teils werden detaillierte Lebensläufe, teils nur fragmentarische oder überhaupt nur Lebensdaten, manchmal werden Listen verliehener Preise oder auch Zugehörigkeiten zu Gesellschaften bzw. Vereinen veröffentlicht. Es ist in diesem Fall aufschlussreich, ob Termine auf der Homepage aufgelistet werden. Falls ja, suggeriert dies schon eine gewisse Umtriebigkeit. Doch erst wenn man sich die Seite genauer ansieht, kann man feststellen, ob dieser Eindruck der Realität entspricht. Werden die Terminangaben gepflegt oder sind nur Veranstaltungen aus vergangenen Jahren zu finden? Ist die Terminseite leer? Es bedarf also einer genaueren Untersuchung jeder Seite, ob das, was der Menüpunkt »Termine« verspricht, auch wirklich geboten wird. Die Informationen über das Werk bestehen bei dieser Form der Homepage meist aus einer Liste von Buchtiteln mit bibliographischen Angaben. Eher selten sind Leseproben, häufiger Abbildungen der Buchcover zu finden. Auch wenn die Autorenhomepage als Visitenkarte die einfachste Form der Selbstinszenierung darstellt, kann die Gestaltung sehr unterschiedlich ausfallen: von einfach, fast schon amateurhaft, bis zu aufwändig und professionell durchdacht. Manchmal gibt es auf der Homepage auch Links zu weiteren Plattformen des Autors bzw. der Autorin, etwa zu sozialen Netzwerken, zur Seite des Verlages oder auch zu einem Blog, der als externe Ergänzung der Homepage betrachtet werden muss. Dies zeigt auch, wie rege LiteratInnen im Internet agieren und wie vernetzt sie sind. Beispielhaft sind hier die Startseiten von Walter Kappachers Homepage, die zu den üblichen Menüpunkten noch den Punkt „Auszeichnungen“ hinzugefügt bekommen hat, und die Startseite von Anna Weidenholzer, die zwar moderner gestaltet ist als die von Kappacher, aber trotzdem nur ein Minimum an Informationen aufweist – „Bücher“, „Biographie“ und „Kontakt“. 8.1. Die Visitenkarte 123 Abbildung 6: Homepage von Walter Kappacher, http://www.walter-kapp acher.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 7: Homepage von Anna Weidenholzer, http://www.annaweid enholzer.at/autorin/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 124 Die Arbeit im Mittelpunkt Literarische Texte sind nicht auf allen Autorenhomepages zu finden, auch wenn man dies vielleicht erwarten würde. Beim Projekt »Autorenhomepages«389 des Innsbrucker Zeitungsarchivs, in dessen Rahmen vierteljährlich Spiegelungen von über 120 Autorenhomepages für ein öffentlich zugängliches Archiv gespeichert werden, sind nur 52 mit solchen literarischen Texten bestückt. Die Menge und die Art der Texte variieren stark. Manchmal sind nur ein oder zwei Texte publiziert, zum Teil eigenständige, die nur auf der Homepage veröffentlicht werden, zum Teil Ausschnitte aus Romanen, Kurzgeschichten usw. oder auch Beiträge, die in Zeitungen oder Zeitschriften erschienen sind. Daher ist immer die Auswahl der Texte zu betrachten und zu bewerten, wie diese den Autor bzw. die Autorin darstellt. Es gibt auch grafische Stilmittel, die alleine schon mit dem Design der Seite den Text in den Mittelpunkt stellen. Künstlerisches Werkzeug als Merkmal und Inszenierungsmittel ist schon lange bei Autorinnen und Autoren sehr beliebt. Schon früher wurde das Schreiben bzw. der Text als Inszenierungsstrategie in den Vordergrund gerückt; auf Fotos, in Videos oder auch in Texten, die mit der Inszenierung zu tun haben, sind häufig Bücher, Schrift, Schreibmittel – etwa Schreibmaschine oder Feder – zu finden. Hier ist Text das Mittel, mit dem SchriftstellerInnen sich inszenieren. Auf den Homepages geschieht dies in der Weise, dass AutorInnen auf der grafischen Ebene Text in den Vordergrund rücken. Die Homepage von Terézia Mora kann in diesem Zusammenhang als Beispiel dienen. Die Seite besteht eigentlich nur aus einem Textauszug aus ihrem Roman Alle Tage390. 8.2. 389 https://iza-server.uibk.ac.at/autorenhomepages/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 390 Mora 2004. 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 125 Abbildung 8: Homepage von Térezia Mora, https://www.tereziamora.de/ Der Text ist elegant in hellgrauer Schrift auf weißem Hintergrund abgebildet. Immer wieder werden Aussparungen im Text für die Präsentation anderer Informationen verwendet. Zunächst finden sich unter einem Foto der Autorin persönliche Daten wie Geburtsdatum, Geburtsort und ein Hinweis darauf, dass sie seit 1998 als freie Schriftstellerin tätig ist. Weiter unten sind die Buchcover ihrer Veröffentlichungen sowie deren Übersetzungen abgebildet. Mehr Informationen werden auf ihrer Seite allerdings nicht geboten. Wenn man auf die Bilder der Cover bzw. auf den Link zu mehr Informationen klickt, wird man auf die Seite des Verlags weitergeleitet. Zuletzt findet man Hinweise auf Essays, ein Hörspiel und ein Theaterstück, jeweils mit Leseprobe. Die Seite ist untypisch für das Internet, da sie keine Unterseiten aufweist, sogar das Impressum und der Kontakt sind auf dieser einen Seite ganz unten abgebildet. Diese Form der Präsentation kann man als konservativ bezeichnen, die Möglichkeiten des Internets werden nicht wirklich genutzt. Alle Informationen könnten genauso auf einem Blatt Papier abgebildet sein. Das Einzige, was auf eine andere Seite verweist, sind die Links zum Verlag. Diese Art der Inszenierung mit wenigen Stilmitteln ist weit verbreitet. Ganz ähnlich in der Gestaltung präsentiert sich auch die Autorenhomepage von Peter Clar. Hier dominiert ebenfalls grauer Text auf weißem Hintergrund. Es findet sich jedoch auf der linken Seite zusätz- 8 Was ist eine Autorenhomepage? 126 lich sehr prominent platziert der Name des Autors. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass hier einzelne Wörter verlinkt sind. Diese Links führen dann zu Unterseiten, die weitere Informationen über Autor und Werk bieten. Diese verfügen jeweils über ein Menü, das den Zugriff auf alle Informationen von jeder Unterseite aus gewährt. Die verlinkten Wörter sprechen für sich, wie beispielsweise „Presse“, „Leben“, „Texte“ oder „Rezensentin“. Manche geben sich auch etwas kryptischer, wie „Grenzen“. Dieser Begriff führt zu den Terminen des Autors. Abbildung 9: Homepage von Peter Clar, http://www.peterclar.at/ Der Text selbst wurde wohl extra für die Homepage geschrieben, da er von der Veröffentlichung verschiedener Daten und Texte im Internet handelt: der pfeil gehört nicht mehr dem schützen, sobald er von der sehne des bogens fortfliegt, und das wort gehört nicht mehr dem sprecher, sobald es seinen lippen entsprungen und gar durch die PRESSE vervielfältigt worden ist, schreibt schon heine, und ich blicke auf den bildschirm meines computers, auf dem die buchstaben hundertmal pro sekunde verschwinden und wiederkehren, als gleiche oder ähnliche oder andere, und denke, um wie viel mehr dies für das internet gilt, in welches ich nun meine TEXTE stelle, in welchem ich meine gedanken, sätze und worte VERÖF- FENTLICHE, in welchem ich öffentlich von so etwas wie von mir, gekennzeichnet durch den LINKS stehenden namen, zeichen der unterwerfung meiner individualität durch den eintritt in die sprache, BERICHT 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 127 ERSTATTE, mir mein LEBEN erschreibe, ich erschreibe mir mein leben – ich erschreibe es mir von buch zu buch, paul nizon, wie ich mir mein leben immer und immer wieder, als gleiches oder ähnliches oder anderes, erschreibe, in BÜCHERN und ZEITSCHRIFTEN, in ANTHOLOGIEN oder im internet. indem aber, das er-schreiben, zitiert mein, durch den links stehenden namen, der der meine ist, oder nicht der meine, aber mich her bestellt und AUSZEICHNET, nein, mich ausstellt und bezeichnet, symbolisiertes ich übersetzend katherine hayes, auf flickering signifiers ausweicht, wird der erzähler zum cyborg mit zugriff auf die relevanten codes, ist der erzähler, bin also ich, wieder dieser begriff, ein manipulator diese[r] codes, sind sie, die sie hier die hundert mal pro sekunde erscheinenden und wieder verschwindenden zeichen, den hier immer und immer wieder in neuer, in veränderter, in gleicher form wiederkehrenden text zu lesen versuchen, nicht mehr leser- oder REZENSENTIN sondern decoderin, bitte decodieren sie, oder besser, oder zumindest, finden sie die spur, die differentielle verweisung von einer spur auf die andere, die weder an- noch abwesenheit ist, die keine GRENZEN der differentiellen verweisung kennt, derrida, und daher nicht decodierbar ist, die also nicht decodierbar ist aber decodiert werden muss, in einer unendlichen kreisbewegung, in einer immer und immer wieder, gleich oder ähnlich oder anders, wiederholten bewegung decodiert werden muss. finden und decodieren sie die nicht auffind-, die nicht decodierbare spur, die in unendlicher wiederholung auf sich als nicht sie selbst, als immer schon eine andere und doch gleiche, verweist, wie meine worte auf sich in unendlicher wiederholung, als immer schon andere und doch gleiche, verweisen, nein, wie die worte auf sich in unendlicher wiederholung, als immer schon andere und doch gleiche, verweisen, denn meine worte sind es ja nicht, denn der pfeil gehört nicht mehr dem schützen, sobald er von der sehne des bogens fortfliegt, und das wort gehört nicht mehr dem sprecher,...391 Es handelt sich hier um einen literarischen Metatext, der beschreibt, was auf der Homepage zu finden ist. Von der Beschreibung der Seite mit dem Hinweis auf den Namen des Autors bis hin zu Übersetzungen und Pressestimmen wird alles erwähnt und gleichzeitig in Frage gestellt. Clar weist darauf hin, dass eine Webpräsentation nur Schein ist und nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun hat. Die Selbstinszenierung des Autor-Ichs wird thematisiert: [...] in welchem ich meine gedanken, sätze und worte VERÖFFENTLI- CHE, in welchem ich öffentlich von so etwas wie von mir, gekennzeichnet durch den LINKS stehenden namen, zeichen der unterwerfung meiner 391 http://www.peterclar.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 128 individualität durch den eintritt in die sprache, BERICHT ERSTATTE, mir mein LEBEN erschreibe [...]392 Auch die Struktur einer Internetpräsenz, die durch den Code bestimmt ist und ständig neu geladen wird, von Verweisen lebt, im Speziellen von Verweisen auf Clar sowie auf sein Leben und sein Werk, wird im Text hervorgehoben. Durch den Metatext präsentiert sich Clar auch eindeutig als intellektueller Autor, lässt in seinem Text bezeichnenderweise den Namen Derrida fallen und weist in seinem Lebenslauf auf seine wissenschaftliche Laufbahn hin. Weiters ist der Text durch eine Klammer strukturiert, die ihn gleich enden lässt, wie er begonnen hat, nämlich mit dem an Umberto Ecos Das offene Kunstwerk393 erinnernden Verweis darauf, dass seine Texte, einmal veröffentlicht, sich durch die Rezeption und die Interpretation selbstständig weiterentwickeln. Sowohl bei Mora als auch bei Clar ist auffällig, dass sie sich als Autorin bzw. Autor präsentieren, indem sie ihre Websites auf das Element Text reduzieren und auf weitere Inszenierungsformen, die auf Aufmerksamkeit abzielen sollen, verzichten. Mora betreibt diese Form der Inszenierung durch Reduktion allerdings noch stärker als Clar. Bei Letzterem findet man doch wesentlich mehr Informationen sowie Texte des Autors, während Mora die Webpräsenz im Wesentlichen auf eine einzige Seite und einen einzigen Textausschnitt beschränkt. Sandra Hoffmann wählt einen anderen Weg der Inszenierung. Sie gestaltet ihre Website grafisch als Buch, das man durchblättern muss. Dies weist wie bei Moras und Clars Homepages auf ihre Arbeit als Autorin hin. Bei Hoffmann ist weiters die Domain hoffmannserzaehlungen.de394, die sie für ihre Webpräsenz gewählt hat, auffällig. Auch diese lenkt den Fokus auf die Arbeit als Autorin und stellt gleichzeitig einen Verweis auf E.T.A. Hoffmann, ihren berühmtesten Namensvetter im Feld der Literatur, dar. Hoffmanns Erzählungen spielt auf den Titel einer Oper von Jacques Offenbach an, der sich in dieser mit E.T.A. 392 Ebd. 393 Vgl. Eco 1977. 394 Die Homepage ist leider nicht mehr online, aber immer noch im Archiv des Projektes Autorenhomepages zu finden. http://wayback.archive-it.org/2844/2012031 2100014/http://www.hoffmannserzaehlungen.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 129 Hoffmanns Werk beschäftigt.395 Es lässt sich also auch hier wieder eine Metaebene feststellen. Zur Navigation auf der Website dienen Links. Für diese werden Wörter verwendet, die auf die Gestaltung der Homepage als Buch, die Hoffmann gewählt hat, verweisen. Von der ersten Seite, welche das Cover des virtuellen Buches darstellt, kommt man, wenn man auf „aufschlagen“ klickt, weiter, während man sich danach jeweils durch Mausklick auf „blättern“ weiterbewegen kann. Das ‚Buch‘ ist weiters in der Form angelegt, dass jeweils die linke Seite mit Bildern versehen ist, während die rechte mit Text befüllt wird. Hier werden ein Lebenslauf, Leseproben, Links, Termine usw. angeboten. Wenn man bis zum Ende ‚blättert‘, findet sich auf der linken Seite die Rückseite des virtuellen Buches, die mit der Vorderseite korreliert. Rechts liegt, wie auf einem Tisch, eine Postkarte mit der Aufschrift „An Sandra Hoffmann“.396 Klickt man auf diese Karte, öffnet sich automatisch ein E-Mail an die Autorin. Michael Kleeberg erlaubt den LeserInnen auf seiner Homepage scheinbar einen Blick auf seinen Schreibtisch, der vor einer Regalwand platziert ist. Dies ist ein klarer Verweis auf Literatur, Bücher und das Schreiben selbst. Der Name des Autors ‚schwebt‘ darüber. In der Mitte des Schreibtisches liegt ein Notizbuch im A4-Format, das wohl auf Kleebergs Arbeitsweise hindeuten soll, dahinter ist ein Federhalter in Katzenform zu erkennen. Links neben dem Notizbuch liegt, dieses ein wenig überlappend, ein zweites, kleineres. An der rechten Seite des Schreibtischs stapeln sich Bücher des Autors, eine kleine ägyptische Figur sowie ein Tannenzapfen sind drapiert. Außerdem sind noch eine volle Kaffeetasse, ein Apfel, eine Postkarte mit der Darstellung einer lesenden Frau im Nachthemd sowie eine rote Schildkappe mit aufgedruckter Werbung für eine Laufveranstaltung abgebildet. Wenn man mit der Maus über die Gegenstände fährt, wird jeweils durch einen Mouse-over-Text enthüllt, mit welchen Themen diese verlinkt sind. Es handelt sich um eine spielerische Variante, durch die sich RezipientInnen puzzleartig Informationen über den Autor zusammensuchen können. Es ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, welche Art von In- 395 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hoffmanns_Erz%C3%A4hlungen (letzter Zugriff: 18.8.2018) 396 http://wayback.archive-it.org/2844/20120312100216/http://www.hoffmannserzae hlungen.de/pages/kontakt.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) 8 Was ist eine Autorenhomepage? 130 formationen vom Autor zur Verfügung gestellt werden bzw. woran er uns teilhaben lassen möchte. Bei manchen der dargestellten Gegenstände lässt sich ansatzweise erahnen, welche Informationen sich dahinter verbergen. So führt etwa der Bücherstapel zur Bibliographie des Autors. Schon schwieriger ist es, die ägyptische Götterstatuette zu interpretieren. Diese verweist auf eine Liste von Übersetzungen, die der Autor erstellt hat. Der Kaffeebecher, der wohl für die journalistische Arbeit steht, führt zu Informationen über politische Essays und Artikel, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen sind. Diese stehen auch im pdf-Format zur Verfügung, was darauf hinweist, dass dem Autor die Verbreitung seiner Ansichten wichtig ist. Hinter dem Federhalter in Katzenform verstecken sich fiktionale Texte des Autors, ebenso im pdf-Format, während der Apfel auf literarische Essays verweist. Die Karte mit der Darstellung einer lesenden Frau im Nachthemd führt zu Kleebergs Lebenslauf in Interviewform. Hier erfahren die LeserInnen viel „Persönliches“. Ganz oben ist ein Foto des Autors am Schreibtisch abgebildet, der hier allerdings nicht mehr vor Bücherregalen, sondern an einem Fenster – wohl am richtigen Arbeitsplatz des Autors – steht. Einige der erwähnten Gegenstände, die man auf der Startseite sieht, sind auch hier zu erkennen, jedoch ergänzt durch einen Laptop. Der Autor blickt sinnierend, mit einem Stift in der Hand, nach draußen. Es handelt sich um eine typische Darstellung des nachdenklichen, die Gedanken schweifen lassenden Autors, die häufig zu finden ist. Das Foto ist untertitelt mit: „Bei der Arbeit: September 2009 am Schreibtisch“. Also wird auch hier wieder auf die Arbeit und das Arbeiten am Schreibtisch verwiesen. Außer den gängigen Lebensdaten finden sich hier der Geburtszeitpunkt, Kleebergs Stammbaum, eine Auflistung aller bisherigen beruflichen Tätigkeiten, von Fahrer und Krankenpfleger über Motorsportjournalist und Kundenbetreuer in einer Werbeagentur bis hin zum Privatlehrer. Des Weiteren erhält man Auskunft über Lieblingsromane und -lyriker des 20. Jahrhunderts, die, wie nicht anders zu erwarten, zur ‚ersten Riege‘ der Weltliteratur gehören (Thomas Mann, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph Conrad, Philipp Roth usw.). Außerdem finden sich noch weitere persönliche Informationen, wie etwa: Lieblingsblume, Lieblingsvogel, Hauptcharakterzüge, Fehler usw. Kleeberg nennt diese Unterseite also nicht ohne Grund „Persönliches“ statt „Lebenslauf “ oder „Biographie“, wie sonst üblich. Er gibt so 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 131 eine große Menge an Informationen preis, welche zumindest zum Teil kaum jemanden interessieren dürften, so dass hier mit dem Stilmittel der Übertreibung gearbeitet wird. Der Literat parodiert auf diese Weise die übliche Form biographischer Angaben auf Autorenhomepages. Weiters findet man auf dem Schreibtisch einen Link zu aktuellen News über den Autor (gewonnene Preise, Weihnachtswünsche usw.) in Form des großen Notizbuches, während das kleine zu den Pressestimmen führt, die Kleeberg „fremde Federn“ nennt, die ja „mit fremden Federn“ geschrieben sind. Letzteres dürfte gleichzeitig eine Anspielung auf die Redewendung „mit fremden Federn schmücken“ oder auf Robert Neumanns Parodie-Band Mit fremden Federn397 darstellen. Schließlich bleibt noch die Schildkappe, die zu aktuellen Veranstaltungen des Autors führt. Abbildung 10: Homepage von Michael Kleeberg, http://www.michaelklee berg.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). In grafischer und struktureller Hinsicht weniger aufwändig gestaltet präsentieren beispielsweise Matthias Politycki und Ulrike Draesner ihre Arbeit. Beide Autorenhomepages zeichnen sich durch eine Vielzahl von Links aus, die zu Texten der Autorin bzw. des Autors führen. Politycki gibt auf seiner Homepage einen Gesamtüberblick über sein 397 Neumann 1950. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 132 schriftstellerisches, wissenschaftliches und journalistisches Schaffen, stellt Leseproben zur Verfügung, Inhaltsverzeichnisse sowie Leseproben seiner Übersetzungen in andere Sprachen, z.B. in das Ukrainische und Koreanische. Politycki stellt sich als Multitalent dar, das in allen Bereichen des Schreibens Fuß fassen konnte und stolz auf die Vielzahl seiner Veröffentlichungen ist. Dies kann man an seiner langen und gut gepflegten Literaturliste sehen, die auch auf der Homepage aufbereitet ist. Weiters finden sich auf der Seite Hörproben, Videos und Interviews. Sogar Werbematerial wird zum Download bereitgestellt. Ulrike Draesner stellt viele kürzere literarische Texte sowie Informationen zu Workshops und Arbeitsprojekten mit anderen KünstlerInnen auf ihre Homepage. Sie gibt sich kunstinteressiert, reflektiert in ihren Texten über Literatur und Poesie. Es gibt auch die Kategorie „Gedicht des Monats“, die nicht nur von ihr selbst verfasste Texte umfasst. Draesner weist auch auf ihre Radiosendung im SWR sowie auf Veranstaltungen hin, an denen sie beteiligt ist. Es ist ihr wichtig zu vermitteln, dass sie an vielen Projekten – und zwar nicht nur im stillen Kämmerlein – arbeitet. Sie macht ihre Arbeit zugänglich und ist an einem Austausch interessiert. Abbildung 11: Homepage von Ulrike Draesner, Stand März 2015, http:// wayback.archive-it.org/2844/20150325105317/http://draesner.de/de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 133 Die Performance im Mittelpunkt Eine ganz andere Form der Selbstpräsentation findet man beispielsweise bei Slam-Poeten. Diese stellen ihre Performance-Kunst auch auf ihrer Homepage in Form von Videos und Fotos vor. Frank Klötgens Homepages hirnpoma.com ist eine Art Werkschau des Autors. Er präsentiert dort alles Künstlerische, das er produziert, egal ob Texte, Hörspiele, Netzkunst oder auch Songs seiner Band. Dies spiegelt sich schon in den Menüpunkten der Homepage wider: „Lesen“, „Gucken“, „Hören“, „Klicken“ und „Bauen“. Zusätzlich gibt es im Menü noch einen Link zur Startseite und zur Biographie. Abbildung 12: Homepage von Frank Klötgen, http://www.hirnpoma.de/i ndex.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) Spezielle Hintergrundinformationen finden sich unter dem Punkt „Gucken“. Frank Klötgen vermerkt hier etwa, dass er Youtube-Videos von seinen Auftritten durchgegangen ist, löschen ließ oder diese zu einem großen Teil mit dem Hinweis auf seine Homepage versehen hat. Diese Maßnahme sollte dazu führen, dass man auf der Suche nach Informationen und Material zu seiner Arbeit immer auf seine Website, das Herzstück seiner Selbstpräsentation, stößt. Klötgen legt in diesem Zusammenhang besonderen Wert auf die Präsentation von Videos auf seiner Homepage und versucht sicherzustellen, dass diese Videos mög- 8.3. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 134 lichst nur hier zugänglich sind. Am rechten Rand findet man Links zu verschiedenen Video-Kategorien, wie „Slam-Videos“ oder „Poetry Clips“. Außerdem werden auch Netzprojekte des Autors sowie Informationen und Videos zu seiner Band Marilyn’s Army vorgestellt. Die Netzprojekte finden sich unter dem Menüpunkt „Klicken“, es handelt sich um Werke aus den frühen 2000er Jahren. Diese wurden von der Netzliteraturgemeinde gefeiert und weisen eine Qualität auf, die nur wenige vergleichbare Projekte vorweisen können. Er gewann beispielsweise 1998 für Die Aaleskorte der Öhlig den Pegasus Preis und 2005 den Junggesellenpreis für Endlose Liebe398. Daher ist der Autor bemüht, diese weiter zugänglich zu halten, auch wenn dies durch die dauernde Weiterentwicklung des Internets immer schwieriger wird. Das ‚Netz-Werk‘ des Autors ist mit folgender Erklärung versehen: Das Internet war mir einige Jahre lang ein interessanter Spielplatz, den ich bis Ende 2007 auch professionell als Multimedia Manager von Universal Music bearbeitet habe. Und weil sich seit Jahren kaum noch Kreatives im Netz tut, verweise ich stolz auf einige literarische Netz-Projekte, die ich zwischen 1998 und 2008 erstellt habe.399 Auf Klötgens Homepage findet man nicht nur Verweise auf seine drei vollendeten Werke, Aaleskorte der Ölig400, Spätwinterhitze401 und das Trashical Endlose Liebe402, sondern auch Sekundärliteratur zu diesen und kleinere unvollendete Projekte. Klötgen steht im Gegensatz zu vielen anderen NetzkünstlerInnen als Person klar im Mittelpunkt. Unter der Kategorie „Der Autor im Hintergrund“ werden später noch Beispiele von NetzautorInnen genannt werden, die selbst wie unsichtbar wirken und als Person in der Öffentlichkeit fast nicht in Erscheinung treten. Überraschendes verbirgt sich auch hinter dem Menüpunkt „Bauen“. Klötgen hat im Eigenverlag einen Lyrikband veröffentlicht und die 1250 bestellten Exemplare nach Hause geliefert bekommen. Was stellt man daheim mit all den Büchern an? Man baut damit, im Wochentakt – so wünschte sich das jedenfalls die Facebook-Gemeinde und 398 http://www.hirnpoma.de/trashical/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 399 http://www.hirnpoma.de/klicken.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 400 http://www.aaleskorte.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 401 http://www.internetkrimi.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 402 http://www.hirnpoma.de/trashical/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.3. Die Performance im Mittelpunkt 135 schlug immer neue Bauvorhaben vor. Atemberaubend Wackliges wie den Todesstern oder den Schiefen Turm von Pisa; augenzwinkernd Neckisches wie den Bahnhof Stuttgart 21 oder die Schlussszene aus dem Film ‚Casablanca‘.403 Ein Hobby, das nicht alltäglich ist und das kreative Potential und den Humor des Autors widerspiegelt. Es entspricht der Verspieltheit, mit der Klötgen auch an seine Texte herangeht. Auch die Biographie bzw. der Einleitungstext sind in dem für Klötgen typischen Stil gehalten: ALLES GESCHICHTE! ‚If you have 5 minutes to spare, i'll tell you the story of my life‘, sangen The Smiths und ich möchte diesen Zeitrahmen keinesfalls überspannen. Dafür wird unter ‚BIO‘ allerdings auch bei Weitem nicht alles über mich zu erfahren sein, weil alles Private das Netz nichts angeht. Auch wenn ich mich tunlichst hüte, meine Zeit mit Stipendien- und Literaturpreis-Bewerbungen zu verschwenden (und womöglich weniger rampensäuige Literaten ihrer Einkünfte beraube), gab es doch einige nette Menschen und Institutionen, die mich für Preisgeld-fällig erachteten. Diese sind – ebenso wie die wichtigsten Slam-Platzierungen – unter ‚PREISE‘ einzusehen. Außerdem können auf dieser Seite einige mir schmeichelnde Pressestimmen sowie die Chronik meiner bisherigen Auftritte nachgelesen werden.404 Es ist hier zu erkennen, dass der Literat gerne mit Ironie und Übertreibung arbeitet, Stilmitteln, die auch bei Slam-Texten sehr beliebt sind. Er spielt mit Klischees seiner Berufsgattung und ironisiert, wie sich das Leben vieler Autorinnen und Autoren auf das Erheischen von Stipendien und Literaturpreisen konzentriert. Er hält sich für „rampensäuig“405 genug, um sein Leben mit Slampreisgeldern zu bestreiten. Es wird hier deutlich, dass Klötgens Website von ihm selbst sehr gut gewartet wird und die Termine immer auf dem neuesten Stand sind. Der Autor verwaltet seine Termine selbst, sie werden weder von einer Agentur noch von einem Verlag organisiert. Der Hinweis darauf, dass man im Fall von Anfragen einfach ein E-Mail schreiben soll, ist mit dem Vermerk versehen, dass man schon mal die auf der rechten Seite aufgelisteten Veranstaltungen durchgehen soll, um zu sehen, ob 403 http://www.hirnpoma.de/bauen.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 404 http://www.hirnpoma.de/bio.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 405 http://www.hirnpoma.de/bio.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 136 der gewünschte Tag noch frei ist. Weiters wird an dieser Stelle vermerkt, dass man sich für den Kauf von Büchern ebenfalls an ihn selbst wenden könne. Man könnte darüber diskutieren, ob Klötgen vielleicht eher in die Kategorie „Selbstvermarkter“ gehört, doch die performante Selbstinszenierung steht bei ihm im Vordergrund, weshalb er in der vorliegenden Arbeit zu den Performern gezählt wird. Auch die österreichische Poetry-Slammerin Mieze Medusa präsentierte früher auf ihrer Homepage Videos von Slams sowie von Auftritten mit ihrer Band. Diese sind mittlerweile vor allem auf ihrem Blog „Mieze Medusa trägt nach – mein deadlineresistenter Weblog zu den Themen Lesen, Hören und Alltag“406 zu finden. Hier stellt sie auch Texte ihrer Performances vor. Dazu steht im Blog in der Kategorie „Slamtexte“ Folgendes: Mieze Medusa publiziert hier manchmal flüchtige Slamtexte. Nicht für die Ewigkeit gemacht. Sich selbst in den Mund gelegt. Beim Lesen beachten: Das ist mündliche Literatur. Für den Vortrag geschrieben.407 Mieze Medusa stellte sich früher auf ihrer Homepage als Doppelpersönlichkeit dar. Links befand sich ein Menü, das zu Informationen und Performances im Zusammenhang mit ihrer literarischen Tätigkeit führte, rechts zu solchen hinsichtlich ihrer musikalischen. Mittlerweile gibt es nur noch ein Menü auf der linken Seite, die musikalische Tätigkeit ist als Menüpunkt „Band“ eingefügt. Hier finden sich Musikstücke von „Mieze Medusa & Tenderboy“ zum Anhören. Auch wenn es mittlerweile nur noch wenige Videos auf Mieze Medusas Homepage gibt, Fotos ihrer Auftritte sind immer noch zu finden. Die Slam-Poetin verweist an prominenter Stelle mit Links in Form von Icons auf verschiedene soziale Netzwerke. Auch dies vermittelt den Eindruck, dass die Literatin als Person präsent ist, und zwar nicht nur bei Live-Auftritten, sondern auch im Internet. 406 https://miezemedusa.wordpress.com (letzter Zugriff: 18.8.2018). 407 https://miezemedusa.wordpress.com/category/miezes-slamtexte/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.3. Die Performance im Mittelpunkt 137 Abbildung 13: Homepage von der Poetry Slammerin Mieze Medusa, Stand Oktober 2011, http://wayback.archive-it.org/2844/2011102407225 4/http://www.miezemedusa.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Die Homepage von Mieze Medusa hat sich in den letzten Jahren zwar verändert und bietet nicht mehr ganz so viele Elemente ihrer Performance-Kunst an, dafür finden sich diese auf ihrem Blog wieder. Dieser Blog ist zur regelmäßigen Darstellung ihrer Auftritte sicher auch besser geeignet als eine Homepage, da man auf einen Blog leichter und schneller Audio- sowie Videodateien veröffentlichen kann. Doch insgesamt ist immer noch deutlich zu erkennen, dass Mieze Medusa die Performance wichtig ist und diese im Mittelpunkt ihres Schaffens und auch ihrer Präsentation im Internet steht. Meinungen im Mittelpunkt Autorinnen und Autoren, so wie eigentlich die meisten KünstlerInnen, sind dafür bekannt, dass Sie kritisch denken und sich daher auch gerne zu kontroversen Themen äußern, etwa in Bereichen wie Politik, Kunst, Kultur, Wissenschaft, Soziales etc.408 Eine Homepage bietet hierfür eine gute Infrastruktur, da man von keinen Verlagen, Journalis- 8.4. 408 Vgl. http://eipcp.net/transversal/0308/draxler/de (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 138 ten, Zensuraktionen bei Facebook oder ähnlichen Plattformen abhängig ist. Eines der bekanntesten Beispiele für diese Kategorie ist die Homepage von Elfriede Jelinek. Die Autorin betreibt seit 1996 eine eigene Internetseite, auf der sie unter anderem Kommentare zu politischen Themen sowie literarische Texte veröffentlicht. Die Homepage ist vom Design her eher einfach gehalten. Die zurückhaltende Gestaltung stellt die vielfach gesellschaftspolitischen bzw. politikkritischen Texte in den Mittelpunkt. Die Startseite zeigte bis vor ca. drei Jahren ein Foto der Autorin. Sie trug darauf ein verwaschenes Poloshirt und blickte aus einem Fenster. Hinter ihr sah man ein Bücherregal. Mittlerweile findet man einen hängenden Plexiglasstuhl in Form einer offenen Halbkugel, in dem drei Teddybären sitzen. Im Hintergrund kann man durch Türrahmen die undeutliche Silhouette einer Gestalt erkennen, bei der es sich wohl um die Autorin handelt. Die Person Elfriede Jelinek ist also gegenüber der früheren Darstellung in den Hintergrund gerückt.409 Abbildung 14: Startseite von Elfriede Jelineks Homepage, http://www.elfr iedejelinek.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Am linken Bildschirmrand ist ein Menü verfügbar, das aus mehreren Kästchen besteht. Die Schrift ist rot und erinnert an eine Handschrift. 409 Vgl. Giacomuzzi 2017, S. 59f. 8.4. Meinungen im Mittelpunkt 139 Ganz oben findet sich der Menüpunkt „Elfriedes Fotoalbum“, der sich hinsichtlich der Schrift von den restlichen abhebt. Sie ist zwar auch hier rot, besteht aber aus Großbuchstaben, die wie von Hand ausgemalt aussehen. Hinter den Menüpunkten finden sich politische Kommentare, Theatertexte, Romane, Bilder, Nachrufe, Erinnerungen, Texte über Musik und Kino sowie zu den Themen Kunst und Österreich. Vor allem Jelineks Kommentare zu politischen Themen, die Österreich betreffen, werden immer wieder in TV-Sendungen sowie in den Print-Medien aufgegriffen. Manche der auf der Website veröffentlichten Kommentare sind nur dort zu finden, andere wurden zuvor in Zeitungen oder Zeitschriften abgedruckt. Auch Jelineks Protest gegen die „schwarz-blaue Regierung“ in Österreich unter Bundeskanzler Schüssel von 2000 bis 2007 oder ihre Reden auf Anti-Rassismus-Kundgebungen wurden von der Öffentlichkeit wahrgenommen und sind nun auf ihrer Homepage dokumentiert. 2010 setzte sich die Autorin für ein Bleiberecht für die vor der Ausweisung aus Österreich stehende Familie Zogaj ein, was sich auch in Texten auf ihrer Internetseite widerspiegelt. 2015 waren Jelineks Texte vom Thema Flüchtlinge geprägt. Bei Publikationen dieser Art wird die emotionale Note häufig mit Bildern von Betroffenen oder auch Zeitungssauschnitten unterstrichen. Die Autorin präsentiert sich als politische Intellektuelle, die nicht davor zurückschreckt, ihre Meinung kundzutun. Sie nutzt die Homepage als Plattform für Statements und damit auch als Plattform dafür, wie sie sich im literarischen Feld positioniert. So klare Meinungsäußerungen findet man auf Homepages von Autorinnen und Autoren selten. Jelineks Homepage stellt hier eher eine Ausnahme dar. Aber auch ihre Entscheidung, einen ganzen Roman statt in einem Verlag lieber im Internet zu veröffentlichen, stellt ein politisches Statement dar. Nachdem die Schriftstellerin 2004 den Nobelpreis bekommen hatte, fand sie sich frei von Geldsorgen und wollte etwas ohne die Einschränkungen, die ein Vertrag mit einem Verlag mit sich bringt, verwirklichen. Dies geschah mit Neid, einer Art Fortsetzungsroman, bestehend aus vielen kleinen Texthäppchen. Sie nutzt hier auch die Vorteile des Hypertexts und stellt ein Inhaltsverzeichnis an den Anfang, in dem zwar keine Kapitelnamen zu finden sind, aber die Nummern, die mit dem jeweiligen Text verlinkt sind. Diese werden auf 8 Was ist eine Autorenhomepage? 140 einem Bild in einem Kreis aufgereiht. Die Funktion erkennt man erst auf den zweiten Blick. Abbildung 15: Startseite von Elfriede Jelineks Roman Neid, https://www. elfriedejelinek.com/fneid1.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). Eine ganz andere Form der Präsentation von Ansichten findet sich bei Angelika Reitzer. Sie hatte eine Zeitlang ihren Blog in ihre Homepage integriert, später wurde er dann ausgelagert auf eine externe Blogseite bei twoday.net.410 Mittlerweile ist der Blog nicht mehr verfügbar. Er war als Menüpunkt angeführt und war ebenso wie die anderen Inhalte der Homepage im rechten Frame geladen, das Menü befand sich links davon. Die Inhalte von Reitzers Blog sind sehr vielseitig, spiegeln aber wohl ihre Interessen wider. Beispielsweise veröffentlicht sie ihre Meinung zu einer Ausstellung von Magdalena Frey und Ingo Vetter im Kunstverein Mistelbach oder sie schreibt über ihre Gedanken zu einer Meldung im Radio, die von einem Amoklauf berichtet. Dazwischen finden sich auch literarische Texte. Eine Abgrenzung zwischen Literatur und Meinung gibt es hier nicht. Alles verschwimmt ineinander. Doch was bleibt, sind Meinungen, die veröffentlicht werden – egal ob als literarischer Text oder als Text zu Erlebnissen der Autorin. 410 Auf ihrer neuesten Homepage ist kein Blog mehr zu finden. 8.4. Meinungen im Mittelpunkt 141 Abbildung 16: Homepage von Angelika Reitzer, Stand September 2013, http://wayback.archive-it.org/2844/20130910215257/http://www.angeli kareitzer.at/?page_id=911 (letzter Zugriff: 18.8.2018) Der Blog auf Reitzers Homepage hatte nicht sehr viele Einträge. Dies liegt an dem schon erwähnten externen Blog angelikaexpress411, der wohl technischer leichter zu befüllen war. Teilweise überschneiden sich die Beiträge und sind sowohl auf der Homepage als auch in dem Blog zu lesen. Wahrscheinlich handelt es sich um Übergänge vom Blog zum integrierten Blog auf der Homepage. Der Blog enthält eine große Menge an älteren Texten. Ein Text, der allerdings auf der Homepage fehlt, obwohl alle anderen Texte, die davor und danach veröffentlicht wurden, auf beiden Plattformen zu finden sind, ist ein offener Brief an den österreichischen Parlamentsabgeordneten Richard Lugar.412 Vielleicht wollte Angelika Reitzer hier doch noch einen Unterschied zwischen Blog und Homepage machen und hat sich daher entschieden, den offenen Brief nur in ihrem Blog zu veröffentlichen. 411 http://angelikaexpress.twoday.net/ (letzter Zugriff: 20.7.2018), mit Stand 25.8.2018 ist der Blog leider deaktiviert. 412 http://angelikaexpress.twoday.net/stories/offener-brief-an-ing-lugar-team-strona ch-ehemals-bzoe-fpoe-bzg-die-fin/ (letzter Zugriff: 20.7.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 142 Abbildung 17: Blog von Angelika Reitzer, http://angelikaexpress.twoday. net/ (letzter Zugriff: 20.7.2018). Das Marketing im Mittelpunkt Manche AutorInnen verwenden ihre Homepage hauptsächlich als Marketinginstrument. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Website von Cornelia Travnicek. Die Autorin nutzt die aktuellen Möglichkeiten, sich im Internet zu vermarkten, intensiv. Ihre Seite enthält eine gut gepflegte Termine-Sektion. Am linken Rand ist eine Spalte für die Sozialen Netzwerke reserviert. Hier kann man Travniceks neueste Twitter- Einträge lesen oder auch gleich mit einem Klick auf ihre Facebook- Fanseite kommen. Des Weiteren verweist ein Link auf ihren Instagram- Account. Es stehen auch Buttons zur Verfügung, die dazu dienen, ihre Homepage auf verschiedenen Plattformen mit einem Klick zu teilen. Der Lebenslauf unter dem Menüpunkt „Über mich“ ist sachlich gehalten und auch die Pressefotos unter dem Menüpunkt „Bilder“ sind professionell präsentiert, wie man dies eher von Verlagen betreuten Autorenhomepages kennt. Vor allem sticht hier aber heraus, dass es auf der Seite keine klassische Bibliographie gibt und die Werke der Autorin in einem Online-Shop präsentiert werden, der die Möglichkeit bietet, die Bücher gleich auf dieser Seite zu bestellen. Die Homepage der Autorin 8.5. 8.5. Das Marketing im Mittelpunkt 143 wird farblich jeweils an die aktuelle Publikation, die auf der Startseite zu finden ist (auch mit einem Link zum Shop), angeglichen. Travnicek gibt sich also klar als professionelle Geschäftsfrau zu erkennen, die ihre Arbeit verkauft. Abbildung 18; Homepage von Cornelia Travnicek, https://www.corneliat ravnicek.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Sabine Grubers Autorenhomepage präsentiert sich auf schwarzem Hintergrund. Alle Links befinden sich gleich auf der Startseite, auch die Unterkategorien. Die Buch-Cover aller Veröffentlichungen sind auf der Startseite abgebildet. Die jeweils neueste Veröffentlichung ist an prominenter Stelle platziert. Wenn man auf ein Cover klickt, wird das Cover mit den bibliographischen Angaben auf einer neuen Seite geöffnet. Leseproben bzw. YouTube-Videos sind, falls vorhanden, verlinkt. Weiters stehen Pressefotos, die man unter entsprechender Copyright- Angabe verwenden kann, eine Kurzbiographie sowie eine Publikationsliste zur Verfügung. Weitere Menüpunkte nennen sich „Romane“, „Prosa“, „Lyrik“, „Essays“, Theaterstücke“ oder auch „Hörspiele“. Als Unterpunkte finden sich die Titel von Grubers Werken. Wenn man auf die jeweilige Unterseite geht, erscheinen Kurzbeschreibungen und Textauszüge. Eigene Menüpunkte führen auch zu „Interviews“ mit der 8 Was ist eine Autorenhomepage? 144 Autorin sowie zu „Rezensionen“ zu ihren Werken. Auch „Termine“ werden als eigener Menüpunkt geführt. Abbildung 19: Homepage von Sabine Gruber, http://www.sabinegruber.a t/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). All dies ergibt das Bild einer professionellen Autorenhomepage, wie sie auch Verlage für Autorinnen und Autoren erstellen. Es gibt weiterreichende Infos zum Werk, Teaser, die den Kauf anregen sollen und Infos, die vor allem für die Presse relevant sind. Die Termine werden aktuell gehalten. Vor allem dieser Punkt spricht sehr für den Marketing-Aspekt der Seite. Gepflegte Terminseiten sind auf Autorenhomepages keine Selbstverständlichkeit. Der Autorin ist der Kontakt zu ihren LeserInnen offenbar wichtig. Hierfür ist auch die Angabe einer Mailadresse, deren Bezeichnung zumindest suggeriert, dass sie direkt zur Autorin führt, ein Indiz. Meist werden nur Adressen der Verlage angegeben, damit die eigehenden E-Mails vorgefiltert werden können. Die Homepage von Sabine Gruber bietet eine professionelle Darstellung ihrer Werke, die nicht zu viel verrät, so dass der Buchverkauf angeregt wird. In erster Linie aber vermittelt sie doch durch die Angaben der Termine, bei denen man die Autorin persönlich kennen lernen kann, und die Angabe der E-Mail-Adresse für einen direkten Kontakt eine Nähe zur Autorin. 8.5. Das Marketing im Mittelpunkt 145 Zuletzt muss in dieser Kategorie noch auf die traditionelle Verlagshomepage für Literatinnen und Literaten hingewiesen werden, die den einzigen Zweck hat, als Marketing-Instrument zu fungieren. Meist sind diese Homepages für alle AutorInnen des Verlags gleich gestaltet. Im Banner findet sich meist ein Porträt des Autors bzw. der Autorin, darunter ein Menü, das auf die Kategorien „Biographie“, „Werke“, „Termine“ sowie „Kontakt“ verweist. Die Werke sind meist mit einem Link zur Verlagswebsite versehen, damit das Buch gleich beim Verlag selbst bestellt werden kann. Ein Beispiel für eine solche vom Verlag betreute Homepage stellt die Seite von Judith Hermann dar, die der S. Fischer Verlag für sie erstellt hat.413 Abbildung 20: Verlagshomepage von Judith Hermann, http://www.judith hermann.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Manche dieser Verlagshomepages für Autorinnen und Autoren haben noch Erweiterungen, die an die Webseite von Sabine Gruber erinnern, wie beispielsweise Interviews414 oder Rezensionen415. 413 http://www.judithhermann.de (letzter Zugriff: 18.8.2018). 414 http://www.juliafranck.de/site/julia_franck/interview (letzter Zugriff: 18.8.2018). 415 http://www.kehlmann.com/inhalt13.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 146 Abbildung 21: Vom Verlag erstellte Autorenhomepage von Julia Franck, http://www.juliafranck.de/site/julia_franck/interview (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 22: Pressestimmen auf der Homepage von Daniel Kehlmann, http://www.kehlmann.com/inhalt13.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.5. Das Marketing im Mittelpunkt 147 Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund Manche AutorInnen entscheiden sich dafür, als Person möglichst in den Hintergrund zu treten. Man findet auf ihren Homepages kaum persönliche Informationen und sucht dort auch vergeblich Fotos. Dieses Phänomen ist zum Beispiel bei NetzliteratInnen weit verbreitet, denen meist die Projekte wichtiger sind als sie selbst als Personen. Sie arbeiten konzeptuell an einem größeren Kunstwerk und sind in der Regel ganz auf ihr Werk fokussiert und bleiben selbst im Hintergrund. Häufig agieren solche KünstlerInnen unter Pseudonym. Viele dieser NetzautorInnen sind in der Netzkunstszene sehr umtriebig und verfassen auch theoretische Texte über Netzkunst bzw. über ihre eigenen Werke. Sie geben Auskunft darüber, was hinter ihren Werken steckt, ob es sich um Gesellschafts- oder Netzkritik handelt, ob es ihnen darum geht, so weit wie möglich an die Grenzen des Machbaren zu gehen oder auch einfach nur darum, eine witzige Geschichte multimedial zu erzählen. Als ergiebiges Beispiel hierfür erweist sich die Autorenhomepage des Netzkünstlers kyon, der als Person auf der Homepage überhaupt nicht aufscheint, sondern unter einem Pseudonym eine Kunstfigur kreiert. So beschreibt Giacomuzzi in ihrer Beschreibung der Homepage im Projekt Autorenhomepages: „Kyons Metapage ist eine Sammlung von Netzprojekten des Berliner Künstlers kyon. Die herkömmlichen Merkmale einer Autorenhomepage fehlen weitgehend. Die einzige biographische Information stellt eine E-Mailadresse sowie eine in dem Werk.“416 Er schafft auf seiner „Metapage“ ein Universum aus tausenden Links, durch das man beliebig navigieren kann.417 Die URL „metatrons.net“ weist schon auf die Metastruktur hin. Die zentrale Seite zeigt ein knotenartiges Gebilde, das mit vielen, sehr kleinen Punkten versehen ist. Von hier aus navigiert man durch kyons Welt und kann philosophische, literarische und geschichtliche Reisen erleben. Und man kann immer davon ausgehen, dass kyon noch mehr auf 8.6. 416 Giacomuzzi: https://iza-server.uibk.ac.at/autorenhomepages/collectionDetail.jsf?i d=41500&conversationContext=1 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 417 Vgl. Giacomuzzi 2017, S. 50ff. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 148 seiner Seite versteckt hat, was nur durch genaueres Suchen zu entdecken ist. Abbildung 23: Homepage des Netzkünstlers kyon, https://metatrons.net/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Der Autor bzw. die Autorin kann auf einer Autorenhomepage auch dadurch in den Hintergrund rücken, dass Grafik und Aufmachung der Seite stark in den Vordergrund treten. Tim Krohn lässt beispielsweise einen Schwarm Bienen auf seiner Website herumschwirren und -surren. Man muss mit dem Mauszeiger die Bienen jagen, um sich auf der Homepage weiterzubewegen. Jede Biene, die mit einem mouseover ‚gefangen‘ werden kann, ist mit einem Link versehen, der zu Informationen über den Autor führt. Während die Startseite mit dem ‚Bienenspiel‘ auffällig und aufwändig programmiert ist, sind die Unterseiten mit den Informationen eher lieblos gestaltet. Der Fokus dieser Seite liegt also auf dem Spielerischen, dem Fangen der Informationen, bevor sie mit den Bienen davonfliegen. 8.6. Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund 149 Abbildung 24: Bienen auf der Startseite der Homepage von Tim Krohn, https://timkrohn.ch/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Die österreichische Autorin Anna Kim hat sich für eine minimalistische Homepagevariante entschieden. Diese besteht nur aus einer Seite, auf der ein Foto ihres aktuellen Romans zu sehen ist. Darunter findet sich eine Liste ihrer Veröffentlichungen. Jede davon ist mit einem Link zur jeweiligen Verlagsseite, auf der das Buch vorgestellt wird, versehen. Wieder darunter stehen, durch einen Strich getrennt, E-Mail-Adressen für den Kontakt mit dem Verlag bzw. für Presseangelegenheiten. Die Seite ist spartanisch in Weiß gehalten, die Schrift ist schwarz. Informationen über Anna Kim fehlen auf der Website ganz. Es gibt auch keine Links zu ihrer Biographie auf einer der Verlagswebsites oder Ähnliches. Die Schriftstellerin nimmt sich auf ihrer Homepage ganz zurück und stellt ihre Werkliste in den Vordergrund. Aber auch das Werk wird spartanisch dargestellt. Es gibt keine Inhaltsangaben, keine Rezensionen, nur die Titel der Bücher. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 150 Abbildung 25: Homepage von Anna Kim, http://annakim.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.6. Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund 151 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 Auch AutorInnen und Verlage haben mittlerweile das Potential von Werbung im Internet wahrgenommen. Es gibt eine Reihe von Vorteilen, die sich in diesem Bereich ergeben: Einerseits ist diese Form der Werbung relativ kostengünstig. So fallen beispielsweise keine Druckkosten an, sondern nur Schaltungsgebühren auf gewissen Websites bzw., falls die Werbung auf der Website des Verlags platziert wird, die Hosting-Gebühren für den eigenen Webspace. Vor allem die Weiterentwicklungen im Internet in Richtung Interaktivität, das sogenannte Web 2.0418, haben Neuerungen im Bereich des Marketings mit sich gebracht. Es ist nun möglich, die Werbung viel persönlicher zu gestalten: Die Sozialen Medien des digitalen Netzes sind immersiv – anders als die elektronischen Massenmedien: Sie sind als Nutzer Teil des Webs, wenn Sie sich seiner Sozialen Medien bedienen; Sie werden aber kein Teil des Radios oder des Fernsehens, wenn Sie einschalten, oder der Zeitung, wenn Sie lesen.419 Dies stellt eine Revolution für die Werbung bzw. die Werbeindustrie dar und hat die Möglichkeiten des Marketings stark verändert. Was ist das Web 2.0? Das Web 2.0 ist die Weiterentwicklung des Internets, die auch interaktive Möglichkeiten eröffnet. Holzapfel meint hierzu: „Unter ‚Web 2.0’ versteht man den Trend Internetauftritte so zu gestalten, dass ihre Erscheinungsweise in einem wesentlichen Sinn durch die Partizipation ihrer Nutzer (mit-)bestimmt wird.“420 Auf Wikipedia, einem Kind des Web 2.0, findet man folgende Erklärung: 9 9.1. 418 419 Siehe Holzapfel/Holzapfel 2011, S. 53. 420 Holzapfel/Holzapfel 2011, S. 45. 153 Web 2.0 ist ein Schlagwort, das für eine Reihe interaktiver und kollaborativer Elemente des Internets, speziell des World Wide Webs, verwendet wird. Hierbei konsumiert der Nutzer nicht nur den Inhalt, er stellt als Prosument selbst Inhalt zur Verfügung. Der Begriff postuliert in Anlehnung an die Versionsnummern von Softwareprodukten eine neue Generation des Webs und grenzt diese von früheren Nutzungsarten ab. Die Verwendung des Begriffs nimmt jedoch zugunsten des Begriffs Social Media ab.421 Schon am Beginn der Entwicklung des Internets waren Ideen im Umlauf, die sich mit dem deckten, was heute als Web 2.0 oder Social Web bekannt ist. Das Internet war immer als Kommunikationsmedium gedacht. In der Geschichte des Mediums finden sich schon in den 1960er Jahren Lern-Communitys an Universitäten, Mailinglisten und Kommunikationswerkzeuge, die an heutige Foren erinnern. Aber auch politische Gruppen sahen großes Potential in einer neuen Kommunikationsform im Internet. Hacker und auch die Free-Speech-Bewegung in den USA verwendeten Vorläufer des Internets, um ihre Standpunkte klar zu machen, und sahen dieses Medium als eine Möglichkeit, frei zu kommunizieren. Die Freiheit des Internets und auch der Schutz dieser Freiheit waren und sind immer noch heiß diskutierte Themen. 1965 entwarf Ted Nelson sein Hypertextsystem Xanadu, das als eine unbegrenzte Informationsdatenbank geplant war: Der Gegensatz zwischen Autor und Leser sollte aufgehoben sein, weil die darin enthaltenen Dokumente simultan und kollektiv bearbeitet werden können. Auch war geplant, alle alten Versionen weiter zu erhalten, falls die Texte aktualisiert würden.422 Schon der erste Webbrowser Nexus423 hatte eine Art Editor integriert, der es ermöglichte, gleichzeitig zu editieren und mehrere Seiten in verschiedenen Fenstern zu verlinken. Der Nachfolger Mosaic424, der ab 1993 zur Verfügung stand, konnte dies schon nicht mehr. In den 1990er Jahren wurden Chat-Anbieter wie ICQ oder Massive Multiplayer Online Games, die auch die Möglichkeit einer Kommunikation über das Internet boten, immer beliebter. 421 http://de.wikipedia.org/wiki/Web_2.0 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 422 Ebersbach 2010, S. 24. 423 http://digital-archaeology.org/the-nexus-browser/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 424 https://t3n.de/news/mosaic-internet-browser-rueckblick-1068838/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 154 In den Anfängen des öffentlich zugänglichen Internets bestand dieses vor allem aus privaten Homepages, die spezifisches Wissen (z.B. von Fans oder SpezialistInnen), private Fotos, kommentierte Linklisten usw. bereitstellten.425 In sogenannten Webringen wurde bereits auf befreundete Webseiten verlinkt. Dies ähnelte schon sehr dem, was heute als Web 2.0 gesehen wird. Allerdings war die Entwicklung immer an den zum jeweiligen Zeitpunkt aktuellen Stand der Technik geknüpft bzw. an die Technik, die öffentlich zugänglich war. Zum Beispiel wäre eine Serverleistung, wie sie mittlerweile von Facebook und anderen Plattformen erbracht wird, vor zwanzig Jahren noch undenkbar gewesen.426 So wurde es mit der technischen Weiterentwicklung auch möglich, große Dateien ins Internet zu stellen, d.h., dass vermehrt Videos und Audiodateien hochgeladen werden können. Dies verlieh der multimedialen Komponente des Internets einen höheren Stellenwert. Allerdings ging mit der breiteren und vielfältigeren Nutzung des Word Wide Web auch eine Kommerzialisierung einher. Die Wirtschaft entdeckte, dass sie diesen Bereich für ihre Zwecke verwenden konnte, sowohl in der internen Kommunikation als auch in der externen (Homepage, Marketing, Anbieten von Serviceprodukten usw.). Somit verschwand ein großer Teil der öffentlichen Freiheit des Internets, da die Wirtschaft das Netz nun nach ihren Interessen zu gestalten begann, um damit Gewinn zu erzielen. Begünstigungen der Entstehung des Web 2.0 Durch verschiedene Entwicklungen wurde die Entstehung des Web 2.0 begünstigt bzw. herbeigeführt.427 Zum einen waren neue Technologien geschaffen worden, die das interaktive Web förderten. So wurde es beispielsweise möglich, durch eine schnellere Datenübertragung größere 9.2. 425 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Internets (letzter Zugriff. 18.8.2018) 426 Schmidt 2011, S. 25: „Als ‚Plattform’ sollen solche Angebote bezeichnet werden, die einer Vielzahl von Nutzern eine gemeinsame Infrastruktur für Kommunikation oder Interaktion bieten.“ 427 Hettler 2010, S. 3. 9.2. Begünstigungen der Entstehung des Web 2.0 155 Dateien auf einen Server zu laden bzw. diese auch zu streamen.428 Zusätzlich wurde die Nutzung des Internets finanziell günstiger, was dazu führte, dass sich immer mehr Haushalte einen Internetzugang leisten konnten. Durch die neuen Möglichkeiten, die sich durch das interaktive Web ergaben, wurde auch die Bereitschaft der NutzerInnen größer, selbst Inhalte zu erstellen, öffentlich Meinungen abzugeben und Informationen aus dem Privatleben preiszugeben (Kommentare, Videos, Fotos, Status-Meldungen). Die Tatsache, dass von den UserInnen Sozialer Netzwerke und anderer Dienste dieser Art sehr gut angenommen wurde, bewirkte Änderungen in der Einstellung von UserInnen zu bestimmten Themen, wie Privatsphäre, Datendiebstahl usw. Gerade heut ist das Thema Datenschutz durch die neue Datenschutz-Grundverordnung sehr aktuell und hat daher auch bei UserInnen einen gro- ßen Stellenwert.429 Diese Verordnung hat das Augenmerk einer breiten Öffentlichkeit darauf gerichtet, wie wichtig Datenschutz für jede und jeden ist. Woher stammt der Name Web 2.0? Es gibt verschiedene Varianten der Entstehungsgeschichte des Begriffs Web 2.0. „[Die Namensgeber des Web 2.0] das waren je nach Quelle entweder im Dezember 2003 Eric Knorr, Chefredakteur der Zeitschrift Info World, oder etwa um die gleiche Zeit Dale Dougherty von O’Reilly Media gemeinsam mit Craig Cline von MediaLive während eines Brainstormings zur Vorbereitung jener ersten Konferenz.“430 Egal, welche Variante die wahre ist, sicher ist, dass bei dieser 2004 abgehaltenen Konferenz zum Thema Web 2.0 die erste Erwähnung des Begriffs vor einem breiteren Publikum erfolgt. Prinzipiell spielt der Begriff darauf an, dass es in der Programmiersprache in der Regel verschiedene Varianten eines Projekts gibt. Die erste wird oft 1.0 genannt, die weiterentwickelte Variante 2.0 usw. Somit weist der Name darauf hin, dass es 9.3. 428 Streamen bedeutet, dass eine Audio- oder Video-Datei vom Server mittels eines in eine Website integrierten Mediaplayers abgespielt wird und so direkt im Netz angeschaut bzw. angehört werden kann. 429 https://www.jusline.at/gesetz/dsgvo (letzter Zugriff: 18.8.2018). 430 Michelis/Schildhauer 2012, S. 48. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 156 sich um eine verbesserte Form des Internets handelt. Um den Begriff etwas genauer zu definieren und klar zu machen, was er umfasst, schrieb Tim O’Reilly ein Jahr nach der Konferenz den Artikel What is Web 2.0?431, in dem er folgende zentralen Prinzipien des Web 2.0 darlegt:432 1. The Web As Platform 2. Harnessing Collective Intelligence 3. Data is the Next Intel Inside 4. End of the Software Release Cycle 5. Lightweight Programming Models 6. Software Above the Level of a Single Device 7. Rich User Experiences Diese Punkte sind für die vorliegende Arbeit nicht zur Gänze interessant. Daher folgt nun eine kurze Erläuterung der Punkte O‘Reillys, die für das Verständnis der Selbstinszenierung von AutorInnen im Internet relevant sind. Das Web als Plattform Das Internet hat sich in den letzten Jahren immer mehr in Richtung einer globalen Plattform entwickelt. Man kann hier beispielsweise kommunizieren, Files austauschen, Dokumente lagern, Notizen speichern, Termine eintragen u.v.m. Es gibt eine ganze Reihe von Programmen, die dies ermöglichen: Dropbox, Evernote, Wikis, Online- Kalender, Flickr, Youtube usw. Jeder bzw. jede kann Dateien hochladen, auf die dann weltweit zugegriffen werden kann. Im Web 1.0 war diese Entwicklung noch nicht absehbar. Die ersten Plattformen, die sich im Internet etablierten, waren weniger auf Austausch aus, sondern es handelte sich um reine Anwendungen. Durch die Weiterentwicklung zum Web 2.0 gab es viele Programme, die auf der Strecke blieben, etwa der in den Anfängen des Internet viel benutzte Browser Netscape Navigator. Dienste wie Google, die mehr anbieten konnten und dem Platt- 9.3.1. 431 O’Reilly 2005, http://oreilly.com/web2/archive/what-is-web-20.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 432 Ebd. 9.3. Woher stammt der Name Web 2.0? 157 formgedanken folgten, konnten sich hingegen stark weiterentwickeln. Mittlerweile ist Google die größte Austauschplattform weltweit. Mit Google Docs wurde beispielsweise das gemeinsame Bearbeiten von Texten, Präsentation und Calc-Dateien sehr einfach. Nutzergenerierte Inhalte Ein zentrales Prinzip des Web 2.0 ist der sogenannte „user added value“433. Das bedeutet, dass der User bzw. die Userin sich selbst in Form von verschiedenen Beiträgen, wie etwa Kommentaren, Rezensionen, Lexikonartikeln, Bewertungen etc., einbringen kann. Die Plattform wird vom Betreiber zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung gestellt. Barrieren für ungeübte Nutzer werden durch leicht verständliche Oberflächen möglichst niedrig gehalten. Hierfür wurden beispielsweise Editoren entwickelt, die das Veröffentlichen im Internet erleichtern. Da man für deren Verwendung keine HTML-Kenntnisse haben muss wurde es einer breiteren Menge an Menschen möglich, das Internet aktiv zu nutzen. Viele Anwendungen fußen auf diesem Konzept, was aber auch bedeutet: „Steuert kein Anwender etwas bei, gibt es bei Web 2.0 auch keinen Service.“434 Wenn sich aber genug UserInnen finden, die die Anwendung nutzen, kann ein nutzerbasierter Service zum Selbstläufer werden. So profitieren einerseits die NutzerInnen davon, dass viele etwas beitragen, andererseits steigt der Wert des Dienstes mit der Zahl der AnwenderInnen. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Online- Enzyklopädie Wikipedia. Hier kann jeder und jede, der oder die sich anmeldet, Artikel zu beliebigen Themen schreiben, ergänzen, ausbessern, optimieren usw. Es gibt sogar Redaktionen, die sich zu bestimmten Themen zusammenfinden (z.B. Geschichte), allerdings darf man sich diese nicht, wie in einem herkömmlichen Verlag vorstellen: Da es in Wikipedia keine verantwortlichen Redakteure gibt, ist die Bezeichnung Redaktion eigentlich unzutreffend. In diesen Redaktionen treffen sich Benutzer, die ansonsten über ihre persönlichen Benutzerseiten, 9.3.2. 433 Hettler 2010, S. 7. 434 Pössneck 2006, http://www.silicon.de/39181748/web-2-0-macht-nutzer-zum-teilder-software (letzter Zugriff: 18.8.2018). 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 158 die Diskussionsseiten, diverse Projektseiten und interne Foren miteinander kommunizieren. Einige der Redaktionen sind ausgesprochen fachspezifisch, andere wurden dagegen eingerichtet, um speziell bei fachübergreifenden Anfragen zur Verfügung zu stehen. Wieder andere Redaktionen entstanden bei der Planung oder Arbeit von größeren Redaktionen, indem ein enger abgegrenzter Themenbereich zu einer eigenen Redaktion wurde.435 Man sieht also, dass auf Wikipedia viele Personen schreiben und lesen, die sich bei bestimmten Themen gut auskennen. Dies bewirkt, dass falsche Informationen meist schnell wieder von der Seite gelöscht oder zumindest im Rahmen der Seite diskutiert werden. Solche Diskussionen zu Beiträgen können dann auch von jeder und jedem eingesehen werden. Im Allgemeinen kann man sagen, dass bei Wikipedia nach dem Prinzip der kollektiven Intelligenz gearbeitet. Daten stehen im Mittelpunkt der Anwendungen Im Web geht es heute vor allem um Daten. Sie werden meist von den NutzerInnen generiert und ihre Qualität und Quantität lassen Rückschlüsse auf das Kapital der Anwendungen schließen. Die Präsentation bzw. die Darstellung der Daten sind hier nebensächlich. Da im interaktiven Web die UserInnen dazu angehalten werden, selbst etwas beizutragen, werden im Internet sehr viele Daten gesammelt. Wie auch immer man dazu steht, es ist ein Faktum, dass so der Mehrwert einer Plattform oder auch des ganzen Internets gesteigert werden kann. Tim O’Reilly nennt dies die „Nutzbarmachung der kollektiven Intelligenz“436. Surowiecki erwähnt beispielsweise, dass eine Gruppe unter bestimmten Bedingungen bessere Resultate erzielt als Einzelne.437 Als Beispiel kann wieder Wikipedia genannt werden. Hier wurde bzw. wird immer noch ein Online-Nachschlagewerk geschaffen, an dem jeder und jede mitarbeiten kann. Ein anderes Beispiel ist Amazon. Der Online-Buchhändler bietet seinen UserInnen die Möglichkeit, Re- 9.3.3. 435 https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktionen (letzter Zugriff: 18.8.2018) 436 Hettler 2010, S. 6. 437 Surowiecki 2007, S. 12. 9.3. Woher stammt der Name Web 2.0? 159 zensionen zu schreiben, Wunschlisten anzulegen oder auch Listen zu bestimmten Themen für andere NutzerInnen zur Verfügung zu stellen. Aber auch im Bereich von Open-Source-Software wird gemeinsam an etwas gearbeitet, das einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen soll. Hier wird der Programmiercode kostenfrei zur Verfügung gestellt und kann von jedem verändert und verbessert werden. Neue Formen der Softwareentwicklung Ein Programm wird nicht mehr als Produkt gesehen, das man einmal kauft und das dann auch in dem Zustand des Kaufs bleibt, sondern als Service. So ist es leichter, die Programme aktuell zu halten, da man einfach immer weiter daran arbeiten kann. Also wird sozusagen dauernd mit Beta-Versionen (noch nicht fertig entwickelten Versionen) gearbeitet. Vielfach handelt es sich hierbei um Web-Anwendungen, die herkömmliche Software, die am eigenen PC installiert ist, ersetzen. Nicht nur Plattformen für Informationsaustausch und Selbstinszenierung wie Facebook oder Twitter sind hier gemeint. Auch Textverarbeitungs- und Tabellenkalkulationsprogramme können ohne die Installation einer Software direkt im Web angewendet werden (Beispiel: Google Docs). Diese Art von onlinebasierter Software hat Umstellungen zur Folge und wertet das Internet als Medium auf. Ein Vorteil dieser Web-Plattformen besteht darin, dass man sich keine neue Software kaufen und nichts am eigenen Computer installieren muss. Updates sind bei dieser Form der Software für den Anwender bzw. die Anwenderin nicht von Bedeutung, da er bzw. sie davon nichts mitbekommt bzw. auch nicht selbst handeln muss. Die Benutzung solcher Online- Anwendungen ist meist so einfach, dass die Barriere für UserInnen sehr niedrig ist. Die Anwendung funktioniert meist selbsterklärend oder ist vergleichbar mit Anwendungen, die man schon kennt. Google Docs erinnert beispielsweise an eine vereinfachte Form von Microsoft- Office-Programmen. 9.3.4. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 160 Leichtgewichtige Programmiermodelle Die neuen Programmiermethoden machen es einfach, Daten in http und Web-Service-Applikationen bereitzustellen: Neue offene, flexible, leicht zu bedienende Schnittstellen, sogenannte APIs, ermöglichen den Zugriff auf die global gesammelten Daten, die auf den Servern großer Onlineunternehmen, wie zum Beispiel eBay, abgespeichert und ständig aktualisiert werden.438 Daten lassen sich mit den neuen Programmiermodellen auch durch sogenannte Mashups, welche Inhalte kombinieren, in eine neue Form bringen. Dies bedeutet, dass man schon bestehende Komponenten weiterverwendet bzw. kombiniert. So kann zeitsparend und auf einfache Weise Neues kreiert werden. O’Reilly nennt dieses Phänomen „Innovation in Assambley“439. Software, die auf mehreren Geräten genutzt werden kann Das Internet als Plattform ist aber nicht nur am PC verwendbar. Es gibt eine Vielzahl von Endgeräten, die mit Applikationen bedient werden müssen. Deshalb werden mittlerweile von den Anbietern meist auch Applikationen für mobile Endgeräte erstellt, damit immer und überall auf die Programme und Daten zugegriffen werden kann. Der Gedanke dahinter ist, dass Web-Anwendungen das Arbeiten flexibler gestalten. Egal ob im Büro, zuhause oder unterwegs, man kann jederzeit auf Programme und Dateien zugreifen. In früheren Zeiten war man auf seinen PC angewiesen, der fix an einem Ort installiert war. Das Web 2.0 befreit die UserInnen von dieser Einschränkung. 9.3.5. 9.3.6. 438 Ebersbach 2010, S. 30f. 439 O’Reilly 2005, http://www.oreilly.com/pub/a/web2/archive/what-is-web-20.html? page=4 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 9.3. Woher stammt der Name Web 2.0? 161 Benutzerführung Optimale Web-Programme werden so gut integriert, so dass man gar nicht merkt, dass etwas im Web stattfindet. Sie unterscheiden sich nicht sehr von Vorgängen, die man von seinem PC oder Mac gewohnt ist. Vor allem die mittlerweile auch in ihrer Online-Variante ausgereifte „Drag-and-Drop-Technologie“ ermöglicht es, Dateien zwischen dem eigenen Computer zuhause und dem Internet hin- und herzuziehen. Somit wird ein Maximum an Usability erreicht. The Long Tail – Chance für Nischenprodukte Normalerweise geht man bei herkömmlichen Geschäftsmodellen davon aus, dass der größte Teil des Gewinns mit Bestsellern erwirtschaftet wird. Diese Regel verliert aber in Zeiten des Internets in bestimmten Bereichen ihre Aussagekraft. Untersuchungen von Verkaufszahlen von Online- Shops wie Amazon und iTunes ergaben, dass ein hoher Anteil des Umsatzes nicht mehr mit Bestsellern erwirtschaftet wird, sondern mit den vermeintlichen Ladenhütern und Nischenprodukten aus dem so genannten Long Tail, die sich zwar selten, dafür aber regelmäßig verkaufen.440 Durch die Weiterentwicklung des Web 2.0 haben sich zusätzliche Aspekte ergeben, die von O’Reilly noch nicht vorhersehbar waren und sich erst mit der Zeit entwickelt haben. Ebersbach ergänzt deshalb O’Reillys Liste um die folgenden weiteren Punkte:441 Juristische Herausforderungen Da diese Form des Internets darauf aufbaut, dass die NutzerInnen Daten, Fotos, Informationen zu Hobbys und anderen Interessen freiwillig ins Netz stellen, ergeben sich neue juristische Probleme. Da diese Phänomene noch recht neu sind, konnte auf gesetzlicher Ebene in vielen 9.3.7. 9.3.8. 9.3.9. 440 Hettler 2010, S. 9f. 441 Ebersbach 2010, S. 28f. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 162 Bereichen noch nicht darauf reagiert werden. Eine endgültige Adaption der Gesetze wird wahrscheinlich noch dauern, auch, wenn in diese Richtung gearbeitet wird. Es wird nicht einfach sein, die Gesetze an die neuen Gegebenheiten in der Gesellschaft durch die Einwirkung des Web 2.0 anzupassen und zu adaptieren. In den letzten Jahren ist hinsichtlich einer Anpassung einiges geschehen. Im Jahr 2018 ist beispielsweise die neue Datenschutzgrundverordnung in Kraft getreten, die die Handhabung von persönlichen Daten genauer regelt als bisher. Auch das Internet als Speicherort ist hier miteinbezogen worden. Neue Geschäftsmodelle Da das Internet historisch bedingt eher als ‚Gratismedium‘ gesehen wurde, war es lange Zeit schwierig, mit dem Internet Geld zu verdienen.442 Ursprünglich wurde im Internet viel ausprobiert, interessierte Menschen versuchten, möglichst offen und auf der Basis von freiem Informationsaustausch zu arbeiten. Vieles läuft auf Open-Source-Programmen, die meisten Dienste werden wegen der großen Konkurrenz kostenlos angeboten. Doch da wirtschaftliche Interessen im Bereich des Internets zunehmen, will man vermehrt auch Geld damit verdienen. Durch das Image des ‚Gratismediums‘ müssen allerdings neue Geschäftsmodelle erdacht werden, damit die NutzerInnen einen Mehrwert in den angebotenen Diensten sehen und auch Geld dafür ausgeben wollen. Es wird vor allem versucht, durch Premiummitgliedschaften, Werbung oder innovative Nischenprodukte, die im Internet vertrieben werden, das Internet bei Geschäften als Vorteil zu nutzen. Eigene Web-2.0-Ästhetik Die Ästhetik des Web 2.0 ergibt sich durch das Selbstgestaltete, da mittlerweile jeder und jede ohne Design- oder Programmierausbildung mit technischen Hilfsmitteln seine eigene Website bzw. seinen ei- 9.3.10. 9.3.11. 442 https://derstandard.at/1269449645811/Zukunftsperspektiven-Das-Internet-ist-ni cht-an-allem-schuld (letzter Zugriff. 18.8.2018) 9.3. Woher stammt der Name Web 2.0? 163 genen Blog einrichten kann. Für die ersten dieser Websites bzw. Blogs galt: Das Design war oft bunt, die Titel von Websites waren auffällig gestaltet und ihre lautmalerischen Qualitäten sind meist erst beim Aussprechen erkennbar. Mittlerweile hat sich die Ästhetik dieser ‚Fertigprodukte’ weiterentwickelt. Es ist alles nicht mehr so bunt wie in den Anfängen, viele Vorlagen sind eher einfach gehalten bzw. gehen mit dem Stil einher, der gerade en vogue ist. Vor allem wordpress wird heute genutzt, um Websites und Blogs zu gestalten. Damit wird auf unkomplizierte Weise das eigene Projekt im Internet präsentiert. Man kann sich einfach eine Vorlage aussuchen und schon loslegen. Es gibt mittlerweile noch zusätzliche Plugins, die es ermöglichen, verschiedene Elemente, wie Newsmeldungen, YouTube-Videos etc. einzubinden. Social Web Das Social Web ist ein Teil des Web 2.0, der sich vor allem um die Unterstützung sozialer Strukturen und um Interaktionen im Internet bemüht.443 Hier rücken die Menschen in den Mittelpunkt, weniger die Verbindungen zwischen Computern bzw. Servern etc. Im Vordergrund stehen hier:444 – der Austausch von Informationen und Wissen – die Herstellung von Kontakten mit anderen NutzerInnen – die Kommunikation mit anderen NutzerInnen D.h. der soziale Teil besteht unter anderem darin, dass man gemeinsam Informationen erstellen und auf verschiedenen Ebenen kollaborativ arbeiten kann. Aber auch die Pflege von Beziehungen ist ein wichtiger Teil des Social Web. Der englische Begriff „social“ umfasst mehr als unser deutsches Wort „sozial“. Im Englischen sind hier eine gesellschaftliche und eine gemeinschaftliche bzw. kollaborative Komponente mitgemeint.445 Das Social Web unterstützt genauso Zweck-Beziehungen (Geschäftsbeziehungen, Kauf, Verkauf usw.) wie emotional gefärbte Beziehungen 9.4. 443 Ebersbach 2010, S. 35f. 444 Vgl. Ebersbach 2010, S. 36. 445 Vgl. Ebersbach 2010, S. 210ff. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 164 (Freundschaften aufnehmen, pflegen usw.). Die bereitgestellten Daten (auch persönliche Daten) sind die Grundlage, ohne welche die sozialen Plattformen nicht funktionieren würden. Es braucht immer auch eine Community, die eine Plattform nutzt, sonst kann diese nicht überleben. Beim Social Web stehen das Individuum sowie die Kommunikation zwischen Individuen im Mittelpunkt. Auch die Integration in Gruppen ist ein wichtiger Punkt. Wer sich nicht integriert, wird als störend empfunden. Die Transparenz im Social Web ist sehr hoch. Viele (auch persönliche) Informationen werden öffentlich bekannt gemacht. Es kommt durch die kommunikativen Prozesse im Social Web auch zu sozialen Rückkoppelungseffekten. Ein Beispiel hierfür sind etwa Bewertungen, die Meinungen von Personen zu Produkten o.Ä. abbilden (z.B. bei Produkten des Online-Händlers Amazon). Diese können dann von anderen NutzerInnen als hilfreich oder nicht hilfreich bewertet werden. Es gibt also eine Bewertung der Bewertung. Somit erreichen Personen, deren Bewertungen oft als hilfreich bewertet werden, einen höheren Rang in dieser Community. Über solche Maßnahmen ergibt sich eine Art Selbstregulierung oder Selbstorganisation der Communitys. Hierbei liegt der Fokus nicht auf der einzelnen Information, sondern auf der Struktur bzw. den Verknüpfungen. Es wird also kollektives Wissen aufgebaut. Was sind Social Media? Hettler beschreibt das Phänomen Social Media auf folgende Weise: Persönlich erstellte, auf Interaktion abzielende Beiträge, die in Form von Text, Bildern, Video oder Audio über Onlinemedien für einen ausgewählten Adressatenkreis einer virtuellen Gemeinschaft oder für die Allgemeinheit veröffentlicht werden, sowie zugrunde liegende und unterstützende Dienste und Werkzeuge des Web 2.0, solchen mit dem Begriff ‚Social Media‘ umschrieben werden.446 9.5. 446 Hettler 2010, S. 14. 9.5. Was sind Social Media? 165 Hier werden verschiedene Medien und Medienformate dazu verwendet, etwas auszutauschen. Dabei entstehen entweder zufällig bestimmte Interessensgruppen oder sie werden absichtlich gebildet. Das Web 2.0 bringt neue Möglichkeiten der Kommunikation mit sich. Im Weiteren werden die Möglichkeiten aufgezeigt, in welcher Form sich Kommunikation in Medien abspielen kann:447 – 1:1-Medien: Bei dieser Form der Kommunikation ist eine beidseitige Kommunikation zwischen zwei Mensch möglich, die aber nur diese betrifft. – 1:n-Medien: Informationen werden von einem Sender an mehrere Empfänger weitergegeben, wie es beispielsweise beim Fernsehen oder anderen Massenmedien der Fall ist. – n:n-Medien: Hier kommunizieren viele Sender mit vielen Empfängern. Dieses Modell beschreibt auch das schon erwähnte Web 2.0. Um die verschiedenen Dimensionen des Phänomens besser zu beschreiben, hat Daniel Michaelis ein Social-Media-Modell erstellt, das die wichtigsten drei Ebenen abbildet:448 – die individuelle Ebene – die technologische Ebene – die sozio-ökonomische Ebene Die individuelle Ebene ist der Ausgangspunkt für all das, was allgemein als Social Media bezeichnet wird, die technologische Ebene die Grundlage für die tatsächlichen, sichtbaren Ausprägungen und die verfügbaren Anwendungen. Die sozio-ökonomische Ebene umfasst alle direkten und indirekten Auswirkungen auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen.449 Die individuelle Ebene ist deshalb so wichtig, weil es ohne den Beitrag des Einzelnen keine Social Media geben würde. Es braucht Menschen, die Beiträge leisten, damit das System funktioniert. Natürlich sind auch die technischen Voraussetzungen dafür notwendig, allerdings würden diese keinen Sinn machen, wenn sie niemand benutzen würde. In einem weiteren Schritt verändern Social Media auch die Wirtschaft. Durch den freien Austausch von Meinungen und Informatio- 447 Vgl. Kielholz 2008, S. 13. 448 Michelis/Schildhauer 2012, S. 19ff. 449 Michelis/Schildhauer 2012, S. 19. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 166 nen im Internet haben Firmen keinen Einfluss darauf, was über ihr Produkt im Internet verbreitet wird. Früher gab es Werbung, die Informationen gezielt vermittelte und andere Informationen gezielt verschwieg. Doch heute können sich Firmen vor Kritik im Internet nicht mehr schützen. Daher ist wohl der Schritt ins Web und hin zu Social- Media-Plattformen eine logische Folge. Wenn man schon nichts dagegen tun kann, macht man am besten gleich selber mit. Doch muss die Kommunikation zwischen Firmen und Kunden möglichst authentisch wirken, sonst wird sie vom Kunden nicht ernst genommen. Da im Netz allgemein eine offene Form der Kommunikation bevorzugt wird, müssen Firmen sich hier anpassen. Das neue Netz umfasst eine Reihe von Anwendungen, denen gemeinsam ist, dass sie die Hürden für den einzelnen Nutzer senken, Informationen im Internet bereitzustellen und sich mit anderen auszutauschen.450 Zu fast jedem Thema findet man eine Gruppe oder Community im Internet. Die Organisation dieser Communitys kann durch verschiedene Arten von Plattformen zustande kommen. Die gängigsten sind:451 – Wikis – Weblogs – Microblogs – Podcasts – Soziale Netzwerke – Social Bookmarking / Social Sharing – Sonstiges: Bewertungsseiten, RSS Feed, Tagging, Blogrole, Multimedia Content, YouTube, Flickr usw. Mittlerweile haben sich auf der Basis dieser Prototypen auch Kombinationen entwickelt. Eine gängige Weise der Einteilung besteht darin, sie nach ihrem Zweck zu bestimmen. Schmidt spricht in diesem Zusammenhang von verschiedenen Inhalten, die über Social Media transportiert werden:452 450 Schmidt 2011, S. 39. 451 Vgl. Hettler 2010, S. 41ff. 452 Schmidt 2011, S. 73ff. 9.5. Was sind Social Media? 167 – Informationsmanagement (Verteilung und Publikation von Daten und Informationen) – Beziehungsmanagement (Beziehungen aufbauen, pflegen oder auch Informationen über gewisse Personen sammeln – Identitätsmanagement (in der Kommunikation mit anderen stellt man seine Person im Internet dar, gibt gefiltert Informationen weiter usw.) Oft wird kollaborativ gearbeitet. Hierbei gruppieren sich mehrere Personen um ein Thema oder eine Reihe von verwandten Themen und sammeln hierzu Wissen, tätigen Aussagen und transportieren Erkenntnisse.453 Die Kommunikation ist in diesem Zusammenhang essenziell, wobei diese in Form von Mitteilungen zwischen zwei oder mehreren Personen (Personal/Private-Message-Funktionen) stattfindet. Ebersbach plädiert dafür, der Dreieckskonstruktion454, dem Modell seiner Vorgänger, noch eine vierte Dimension hinzuzufügen, nämlich die Kollaboration.455 Die bis jetzt genannten Bereiche stehen auch in Wechselwirkung zueinander. So sind, wie schon erwähnt, Kollaboration und Beziehung nicht ohne Kommunikation möglich, außerdem ist Austausch von Informationen gegeben, wenn kollaborativ gearbeitet wird. Der Austausch von (multimedialen) Daten kann auch zur Beziehungspflege verwendet werden (z.B. Urlaubsfotos). Wiki Zur Definition ein Zitat aus dem Eintrag „Wiki“ in der freien Enzyklopädie Wikipedia, die als bekanntestes Beispiel für diese gilt: Ein Wiki (hawaiisch für „schnell“), seltener auch WikiWiki oder Wiki- Web genannt, ist ein Hypertext-System für Webseiten, deren Inhalte von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch online direkt im Browser geändert werden können (Web 2.0-Anwendung). Diese Eigenschaft wird durch ein vereinfachtes Content-Management-System, die sogenannte Wiki-Software oder Wiki-Engine, bereitgestellt. Zum Bearbeiten der In- 9.5.1. 453 Vgl. Ebersbach 2010, S. 210ff. 454 Vgl. beispielsweise Weaver/Shannon 1976. 455 Ebersbach 2010, S. 37. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 168 halte wird meist eine einfach zu erlernende, vereinfachte Auszeichnungssprache verwendet. Die bekannteste Anwendung ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia, welche die Wiki-Software MediaWiki einsetzt.456 Wikis sind also die idealen Kollaborationswerkzeuge. Jeder bzw. jede kann an einem Text mitschreiben, ihn verändern oder auch neu verfassen. Um die Veränderungen nachvollziehen zu können, gibt es normalerweise eine „History“, also eine Dokumentation der Änderungen. Somit ist das Wiki ein tendenziell demokratisches Medium mit flachen Hierarchien. Die einzelnen NutzerInnen rücken in den Hintergrund und das Ergebnis, das Dokument, rückt in den Vordergrund. Allerdings kann, je nach Anwendungsbereich, festgelegt werden, ob anonym mitgeschrieben werden kann oder ob dies nur für registrierte BenutzerInnen möglich ist. Die Struktur von Wikis ist nicht vorgegeben und kann von den NutzerInnen individuell gestaltet werden, was durch die einfache Konfiguration mit Hilfe von Editoren auch für technisch weniger versierte Personen kein Problem darstellt. Das erste Wiki entstand 1995. Der Programmierer Ward Cunningham war unzufrieden mit den damals vorhandenen Möglichkeiten, seine Arbeit zu dokumentieren und kollaborativ an Codes zu arbeiten.457 Deshalb erfand er ein Wiki, das auf einfache Weise seinen Anforderungen genügte. Wikis können für verschiedene Bereiche verwendet werden:458 – Wiki-Communitys: Diese beschäftigen sich mit bestimmten Themen oder erarbeiten kooperativ enzyklopädisches Wissen. – Corporate Wikis: Hier werden Wikis in Firmen zur internen Kommunikation verwendet, beispielsweise als Projekt- bzw. Wissensmanagement-Werkzeug. – Verbreitungsweg von Informationen aller Art: Da Wikis zu den Open-Source-Softwareprodukten zählen, können sie von jedem angelegt werden. Beispielsweise findet man auch oft Wikis als Dokumentationen im Zusammenhang mit Onlinespielen oder anderen Special-Interest-Themen. Auch für E-Learning werden häufig Wikis verwendet. 456 http://de.wikipedia.org/wiki/Wiki (letzter Zugriff: 18.8.2018). 457 Ebersbach 2010, S. 39. 458 Vgl. Ebersbach 2010, S. 41. 9.5. Was sind Social Media? 169 Weblogs/Blogs Der Begriff hat sich aus den Wörtern Web (für Internet) und Log (Tagebuch, Protokoll) gebildet. Mittlerweile ist die verkürzte Variante „Blog“ sehr beliebt.459 Ursprünglich wurde es als eine Art öffentliches Tagebuch genutzt. Softwaretechnisch ist ein Weblog eine Anwendung im Internet, die eine Liste mit Artikeln ausgibt. Die Beiträge sind über URLs einzeln adressierbar und bieten in der Regel die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen.460 Die ersten Blogs entstanden Anfang der 1990er Jahre, waren aber noch sehr einfach gehalten und mussten, da es noch keine Content-Management-Software gab, mit Hilfe von HTML in Eigenregie programmiert werden.461 Vielfach wurden Blogs zu dieser Zeit auch für „Linklisten“ verwendet. Heute gibt es weitere Verwendungsbereiche, beispielsweise solche im Journalismus bzw. in der politischen Meinungsbildung.462 So führen viele PolitikerInnen und JournalistInnen Blogs, um ihre Gedanken oder auch Persönliches aller Art der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sich damit auch zu inszenieren. Die Wirtschaft hat Blogs als Marketing-Instrument entdeckt, so haben viele Firmen begonnen, Corporate Blogs einzurichten, in denen sie ihre neuesten Errungenschaften präsentieren bzw. solche, die sie innerhalb der Firma für den Informationsaustausch verwenden. Meist sind die Beiträge in Blogs subjektiv und kommentierend, sie weisen oft tagesaktuelle Bezüge auf.463 Oft werden Blogs mit privaten Tagebüchern oder Romanen in Tagebuchform verglichen, wobei letzteres die Möglichkeit der bewussten Konstruktion von Inhalten mit heutigen Blogs, bei denen die Selbstinszenierung häufig im Vordergrund steht, gemein hat. Ebenso wie Romane sind auch Blogs für ein Massenpublikum gedacht, im Gegensatz zu den meisten privaten Tagebüchern. Ein großer Vorteil von Blogs besteht darin, dass viele Möglichkeiten offenstehen, andere Medien (Bil- 9.5.2. 459 Vgl. Ebersbach 2010, S. 60 bzw. Hettler 2010, S. 43. 460 Ebersbach 2010, S. 61. 461 Zur Geschichte der Blog vgl. Hettler 2010, S. 44 bzw. Ebersbach 2010, S. 62ff. 462 Zur Verwendung von Blogs vgl. Hettler 2010, S. 44f. 463 Vgl. Ebersbach 2010, S. 71. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 170 der, Videos, Audio-Files usw.) in sie einzubinden, was den Gestaltungs- und Inszenierungsspielraum stark vergrößert. Blogs bieten für NutzerInnen auch die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen. In sogenannten „Blogrolls“464 werden Links zu befreundeten Blogs bzw. Blogs mit ähnlichen Themen gesetzt. Aufgrund der starken Vernetzung spricht man auch von der „Blogosphäre“465. Weitere Formen des Blogs sind der sogenannte Community- sowie der News-Blog. Hier gibt es nicht nur einen Autor bzw. eine Autorin, sondern mehrere Personen, die gemeinsam einen Blog betreiben bzw. befüllen. Es geht meist um ein Schwerpunktthema, etwa um Literatur, um eine Stadt bzw. um Politik usw. Man findet außerdem sogenannte „Watch-Blogs“ im Internet, die sich kritisch mit einem Thema auseinandersetzen, beispielsweise mit der Bild-Zeitung und ihren Inhalten.466 Ein weiterer großer Vorteil von Blogs besteht darin – wie bereits erwähnt –, dass sie über Content-Management-Systeme (CMS) organisiert werden. Diese erleichtern es, Blogtexte über einen Editor einzugeben. Auch Video- und Audiodateien können über ein CMS auf einfache Weise eingebunden werden. Der Aufbau eines Blogs gestaltet sich in der Regel folgendermaßen: Meist steht der neueste Text ganz oben auf der Internetseite, darunter die weiteren in chronologischer Reihenfolge. So fällt der neueste bzw. aktuelle Text sofort ins Auge. Auf der Startseite sind meist nur Anrisstexte der Beiträge zu finden, oft mit einem Bild zur Illustration. Um den gesamten Text zu lesen zu können, muss man auf einen Link klicken.467 Im Zusammenhang mit der schon erfolgten Beschreibung von Blogs lassen sich folgende Merkmale zusammenfassen: – Die Texte befinden sich in einer chronologischen Reihenfolge. – Die Kommunikation kann eine 1:n- oder n:n-Kommunikation sein. – Die Texte sind meist kurz gehalten. – Sie weisen meist eine hohe Aktualität auf. 464 Vgl. Ebersbach 2010, S. 68f. 465 Vgl. Ebersbach 2010, S. 72ff. 466 Zu Arten von Blogs vgl. Ebersbach 2010, S. 64f. und Hettler 2010, S. 44f. 467 Zu Aufbau und Funktlionen von Blogs vgl. Ebersbach 2010, S. 67ff. 9.5. Was sind Social Media? 171 – Bloginhalte sind meist subjektiv. – Blogs sind leicht bedienbar, da die entsprechende Software (CMS) dies ermöglicht. – Blogs bieten die Möglichkeit einer schnellen Verbreitung durch Vernetzung (Blogroll, Blogosphäre, Verlinken, der Artikel). Da Blogs in so vielfältigen Formen vorkommen können, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Einteilung. Hier, um einen Eindruck der Vielfalt zu vermitteln, einige Möglichkeiten:468 Nach Inhalten: – Tagebücher – persönlich gestaltete Blogs, oft nur mit Passwort zugänglich – Zeitungsblogs – Zeitungen und andere Printmedien betreiben zusätzlich zu ihrer Website oft auch Blogs – Watchblogs – beobachten und hinterfragen Inhalte anderer Websites oder Medien (Bild-Blog) – Warblog – Berichterstattung aus Kriegsgebieten – Eventblogs – verfolgen bestimmte Ereignisse (z. B. Wahlen) – Hobbyblogs – hier werden Infos zum jeweiligen Hobby veröffentlicht (Autos, Stricken usw.) – Infoblogs – informieren über bestimmte Themen Nach Medien: – Textblogs – Nachrichten- oder Newsportale – Filter und Linksammlungen – ursprüngliche Form des Blogs (siehe oben) – Fotoblogs – erfolgen über kommerzielle Anbieter, wie beispielsweise Flickr – Videoblogs – es werden Videos präsentiert – Audioblogs – sehr ähnlich wie Podcasts (siehe unten) 468 Vgl. Ebersbach 2010, S. 64. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 172 Nach Betreiber: – Corporate Blogs – zur internen und äußeren Kommunikation von Firmen – Edublogs – z. B. von Schulen und Unis verwendet, SchülerInnen und Studierende können beispielsweise Lerntagebücher auf diese Weise führen – private Blogs – Meinungen einzelner Personen. Podcasts Podcasts sind Audio- oder Video-Dateien, die im Internet zum Download angeboten werden.469 Das Wort setzt sich zusammen aus „iPod“ und „Broadcast“.470 Es handelt sich oft um kurze Sendungen, die über bestimmte Themen, Produkte etc. informieren sollen. Oder es handelt sich um bereits ausgestrahlte Radiosendungen, die man sich auf diese Weise auch zu einem späteren Zeitpunkt anhören kann. Oft ergeben sich ganze Podcast-Reihen, die man abonnieren kann, so dass immer die nächste Folge gleich geladen wird und bereitsteht. Auch Institutionen wie Universitäten verwenden gerne Podcasts.471 Einerseits können so Forschungsberichte, Projekte usw. vorgestellt und die neuesten wissenschaftlichen Erfolge präsentiert werden. Andererseits werden auch gerne gefilmte Vorlesungen auf diese Weise zugänglich gemacht. Firmen verwenden Podcasts für ähnliche Zwecke. Sie stellen sich bzw. ihre Abteilungen auf diese Weise vor und präsentieren neue Produkte und Entwicklungen. Oft sind Podcasts auch in Blogs eingebaut und ergänzen diese durch eine Audio-/Video-Ebene.472 Zu den großen Vorteilen von Podcasts zählt der Umstand, dass sie kostengünstig produziert werden können. Die einfachste und günstigste Variante besteht darin, dass man das eingebaute Mikrofon eines Computers oder Laptops und ein Gratis-Audio-Schnitt-Programm verwendet. Somit kostet die Erstellung eines Podcasts vor allem Zeit. 9.5.3. 469 Vgl. Hettler 2010, S. 51ff. und Ebersbach 2010, S. 76ff. 470 Hettler 2010, S. 51. 471 Podcast der Universität Innsbruck https://www.uibk.ac.at/podcast/zeit/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 472 Hettler 2010, S. 51. 9.5. Was sind Social Media? 173 Es gibt genug Möglichkeiten, die Podcast-Datei hochzuladen, entweder über Plattformen473 oder über Plugins für Blogs474. Da man, um einen solchen Podcast anzuhören, eigentlich nur auf einen Play-Knopf im Internet drücken muss, ist auch die Barriere für Konsumenten sehr niedrig. Praktisch ist auch, dass man Podcasts unabhängig von Ausstrahlungszeiten und Orten konsumieren kann. Dies bringt viel Flexibilität in die Nutzung. Außerdem ergibt sich auch die Möglichkeit, sich von institutionellen Einrichtungen (z.B. Radiostationen) abzugrenzen und eine Art Nischenprogramm zu entwickeln. Podcasts können auch auf persönliche Weise gestaltet werden, indem z.B. die Stimmen von Sprechern verschiedene Emotionen vermitteln. Microblogs Microblogs sind ein noch recht junges Phänomen. Erst seit 2007 ist Twitter, der wohl bekannteste Microblog, im Einsatz.475 Hier werden Texte mit einem maximalen Umfang von 140 Zeichen geschrieben und auf der Website des Anbieters bzw. durch Verknüpfungen auf der eigenen Website veröffentlicht. Diese Nachrichten (auch Tweets genannt) können von anderen Personen, sogenannten Followern, abonniert und kommentiert werden. Man kann durch das Voranstellen einer Raute (z.B.: #unibrennt oder #WM2018 etc.) Schlagwörter vergeben, die dann zur Suche innerhalb des Netzwerks, beispielsweise Twitter, verwendbar sind.476 Dies ermöglicht die Einrichtung eines temporären Nachrichtenkanals, mit dem man bestimmte Ereignisse durch die Tweeds live verfolgen kann. Außerdem sind Microblogs sehr gut mit mobilen Geräten, wie etwa Mobiltelefonen, kompatibel. So ist man jederzeit in der Lage, Nachrichten online zu posten und auch zu lesen. Zwar gibt es neben Twitter noch weitere Anbieter, ist dieser Dienst sicherlich als Marktführer zu bezeichnen.477 Wie auch bei Social Networks und teilweise auch bei Blogs können Profilseiten erstellt werden, 9.5.4. 473 Z.B. https://soundcloud.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 474 Z.B. https://podlove.org/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 475 Vgl. Hettler 2010, S. 45ff. und Ebersbach 2010, S. 82ff. 476 Vgl. Hettler 2010, S. 50 und Ebersbach 2010, S. 83f. 477 Zur Geschichte von Twitter vgl. Ebersbach 2010, S. 83ff. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 174 auf denen man Informationen wie Name, Lebensort, Hobbys usw. angibt.478 Weiters können Fotos hochgeladen werden. Außerdem sind Microblogs ebenso wie Blogs in unkomplizierter Weise über Editoren zu bedienen und in Websites einzubinden. Hier kurz eine Aufstellung der häufigsten Anwendungsgebiete nach Ebersbach:479 – Nachrichten zwischen Privatpersonen Es werden über Twitter zwar häufig Informationen verbreitet, die oft auch recht banal wirken können (etwa: „Ich trinke gerade einen Kaffee“). Diese Form der Nutzung hat Twitter schon süffisante Schlagzeilen eingebracht, die den Sinn des Dienstes anzweifeln oder die Art der Selbstinszenierung über Twitter negativ beleuchten. Der Dienst kann aber auch dazu dienen, Kontakt mit FreundInnen zu halten oder mit diesen über ein Thema zu diskutieren. – Breaking News Da Twitter auch auf Mobiltelefonen verwendet wird, eignet es sich wunderbar dafür, brandaktuelle Informationen zu verbreiten. So wurden zum Beispiel während der Waldbrände in Kalifornien 2007 oder auch während der Unruhen des Arabischen Frühlings aktuelle Nachrichten von Personen, die sich direkt vor Ort aufhielten, weitergegeben. Auch klassische Medien verwenden inzwischen derartige Nachrichten als Quelle. – Politische Mobilisierung Microblogs können zur Koordination politischer und sozialer Bewegungen verwendet werden. Als Beispiel hierfür kann die Uni brennt-Bewegung 2009/2010480 angeführt werden. Österreichische StudentInnen demonstrierten damals gegen die Beschränkung des Hochschulzuganges. Sie besetzten unter anderem den größten Hörsaal in Wien, das Audimax. Der Hashtag #unibrennt wurde verwendet, um von den Demonstrationen und Besetzungen der Bewegung im Internet zu berichten und Gleichgesinnte zu mobilisieren. 478 Vgl. Ebersbach 2010, S. 88 bzw. Hettler 2010, S. 47. 479 Vgl. Ebersbach 2010, S. 89ff. 480 http://www.gaismair-gesellschaft.at/images/icons/2011_M._HASELWANTER_D ie_Uni_brennt.pdf (letzter Zugriff: 18.8.2018). 9.5. Was sind Social Media? 175 – Fachinformationen Twitter wird beispielsweise auf Tagungen dazu verwendet, im Vorhinein Informationen auszutauschen oder während der Veranstaltungen Kommentare abzugeben, Fragen zu stellen usw. – Kundenkommunikation Im Bereich des Marketings wird Microblogging auch von Firmen betrieben. Diese versuchen über spezielle Sonderangebote und Aktionen, die nur über Twitter bekanntgegeben werden, den Verkauf anzukurbeln. Soziale Netzwerke Soziale Netzwerke sind Online-Communitys, in denen man Kontakte pflegt.481 Um an einer derartigen Community teilhaben zu können, muss man sich zunächst mit persönlichen Daten anmelden. Das es wohl das bekannteste Beispiel ist, wird im Folgenden Facebook als exemplarisches Beispiel verwendet.482 Der nächste Schritt besteht darin, dass man eine Profilseite erstellt, die unterschiedliche und auch unterschiedlich viele Informationen enthalten kann. Es ist in der Folge möglich, für verschiedene Gruppen nur bestimmte Informationen anzeigen zu lassen. Das Hauptaugenmerk in Sozialen Netzwerken liegt darauf, ‚FreundInnen‘ zu kontaktieren. Um Kontakt mit einer Person aufzunehmen, schickt man ihm oder ihr eine Freundschaftsanfrage, die beantwortet werden muss. Nach einer positiven Beantwortung können wechselseitig Statusberichte gelesen bzw. über einen Messenger persönliche Nachrichten ausgetauscht werden.483 Somit können solche Communitys dabei helfen, Freundschaften zu pflegen, sowohl Real- Life-Freundschaften als auch Online-Freundschaften. Diese Freundschaften werden in der Community auch präsentiert. Am Beispiel von Facebook, einem der bekanntesten Social Networks, werden noch weitere Möglichkeiten der Kommunikation deutlich. Nutzerinnen und Nutzer besitzen eine sogenannte „Pinnwand“. An dieser kann man ent- 9.5.5. 481 Vgl. Hettler 2010, S. 54ff. und Ebersbach 2010, S. 94ff. 482 Vgl. Ebersbach 2010, S. 110ff. 483 Formen der Kommunikation auf Facebook, wie Pinnwand, Messenger, Gefälltmir-Button etc. siehe Ebersbach 2010, S. 104f. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 176 weder selbst Statusmeldungen posten (ähnlich wie bei Twitter), aber auch Freundinnen und Freunde können dort Nachrichten hinterlassen, Links vorschlagen und vieles mehr. Außerdem werden zu bestimmten Themen, Firmen, Bands usw. „Fanseiten“484 angelegt. Private Nachrichten an eine oder mehrere Personen sind in Facebook ebenfalls möglich. Viele Userinnen und User kommunizieren über eine Chat-Funktion, den Facebook Messenger. Diese macht synchrone Kommunikation über das Internet möglich. Auf Fanseiten stehen ebenso Pinnwände zur Verfügung wie bei den privaten Profilen, ebenso der Messenger. Wenn man Statusupdates auf diesen Fanseiten ebenfalls unter seinen Neuigkeiten sehen will (hier werden alle Vorgänge von Freundinnen und Freunden bzw. auf Fanseiten chronologisch angezeigt), klickt man den „Gefällt mir“-Button ganz oben auf der Seite an. Ein ähnliches Prinzip gibt es nicht nur bei stärker privat orientierten Netzwerken, sondern auch bei Business-Netzwerken wie Xing. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Kommunikation und dem Kontakteknüpfen zwischen Business-Partnern. Man kann sich dort präsentieren, Jobs suchen, mögliche Angestellte finden oder Kontakte mit Geschäftsleuten in ähnlichen Bereichen knüpfen. Natürlich unterscheiden sich die Profilseiten und –fotos auf privaten bzw. auf Business- Netzwerken voneinander. Im privaten Kontext findet man beispielsweise eher Urlaubsfotos, in Business-Netzwerken professionelle, z.B. Bewerbungsfotos. Da diese Netzwerke vor allem von Firmen genutzt werden, sind sie nicht kostenlos oder nur eingeschränkt kostenlos nutzbar.485 Bei MySpace handelt es sich um eine weitere große Online-Community. Hier wird die Möglichkeit geboten, ein ausführliches Profil mit Blog, Fotos und Videos einzurichten. Daher wird MySpace sehr gerne etwa von Bands dazu genutzt, dort Musikdateien und Videos als Stream oder zum Download anzubieten. Da Medien viel mit Kommunikation und Kontakt zu tun haben, haben Donath/Boyd ein Modell erarbeitet, das die Arten des „Kontaktens“ in modernen Medien darstellt:486 484 Vgl. https://de.ryte.com/wiki/Facebook_Fanpage (letzter Zugriff: 18.8.2018) 485 Zu anderen sozialen Netzwerken vgl. Hettler 2010, S. 56f. 486 Donath/Boyd 2004, S. 71–82. 9.5. Was sind Social Media? 177 – Wechsel- bzw. einseitig Zwischen Personen sind die Beziehungen meist wechselseitig, d.h. beide müssen zustimmen. Anders verhält es sich bei den sogenannten „Fanseiten“. Hier klickt man einfach den „Gefällt mir“-Button und es werden alle Infos von dieser Seite bei den eigenen Neuigkeiten hinzugefügt. – (Un)Sichtbarkeit Standardmäßig ist bei den meisten Social Networks vorgesehen, dass die Kontakte öffentlich angezeigt werden. Es gibt aber meist die Möglichkeit, die Kontakte ganz auszublenden. Einzelne auszublenden ist in der Regel nicht möglich. – Beziehungsgrad Der Beziehungsgrad zwischen Personen wird üblicherweise nicht angezeigt. Es wird nur festgestellt, dass eine Beziehung vorhanden ist, aber nicht, welcher Intensität oder Art sie ist. – Kontext Man kann zwar, z.B. bei Facebook, Kontakte für sich selbst in Kategorien einteilen (Arbeit, FreundInnen, enge FreundInnen, Tennis usw.), aber diese Ordnung wird nicht nach außen angezeigt. Kontakte mit Personen können über die Pinnwand, über persönliche Nachrichten oder über „Gruscheln“ bzw. „Anstupsen“ aufgenommen werden.487 Letzteres ist nicht mehr üblich. Auch durch Statusmeldungen wird Kontakt hergestellt. Man kann dann mit Kommentaren antworten oder „Gefällt mir“ anklicken. Die meisten sozialen Netzwerke sind kostenlos nutzbar. Allerdings heißt das natürlich, dass sie sich auf andere Weise finanzieren müssen, in der Regel durch Werbung, die gezielt geschaltet und durch die über die Nutzung des Netzwerks gesammelten Daten personalisiert wird.488 Eine von vielen kritisierte Maßnahme, vor allem bei Facebook, liegt darin, dass laut Nutzerbestimmungen Facebook das Recht hat, beispielsweise Fotos kommerziell zu nutzen. Auch nach dem Löschen bzw. Deaktivieren eines Accounts ist das immer noch der Fall. Über Apps können Daten auch an Firmen gelangen, wie der Skandal um 487 Wenn man beispielsweise auf Facebook den Button „Anstupsen“ drückt, bekommt die andere Person eine Nachricht „XYZ hat dich angestupst“. 488 Vgl. Ebersbach 2010, S. 113f. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 178 Cambridge Analytica gezeigt hat.489 Die von Facebook gesammelten Daten machen es möglich, dass Werbung, die auf Facebook zu sehen ist, personalisiert geschaltet wird. Die 2018 in Europa in Kraft getretene Datenschutzgrundverordnung hat dem aber mittlerweile einen Riegel vorgeschoben. Es ist, zumindest in Europa nicht mehr so einfach, fremde Daten einfach so zu speichern oder sogar weiterzugeben. Weitere Probleme bei Sozialen Netzwerken bestehen darin, dass die Hemmschwelle, jemanden zu seinen Kontakten hinzuzufügen, recht niedrig ist. Somit bestehen viele Kontakte, die man nicht einmal persönlich kennt. Außerdem können Soziale Netzwerke von Stalkern oder für Mobbing missbraucht werden. Es ist weiters leicht, sich eine fiktive Identität zuzulegen und so eine Art Rollenspiel im Netz durchzuführen. Man kann sich jederzeit auch als eine ganz andere Person ausgeben, die es wirklich gibt, etwa als prominente Persönlichkeit. Social Bookmarking / Social Sharing In den letzten Jahren haben sich immer mehr Dienste herausgebildet, deren Service mit Social Sharing zu tun hat.490 Im Prinzip geht es dabei darum, dass verschiedene Arten von Texten oder Dateien im Internet abgespeichert und somit von überallher abgerufen werden können. Beispiele hierfür sind Plattformen, auf denen man Fotos abspeichern kann, wie etwa Flickr. Auch YouTube gehört zu dieser Gruppe von Plattformen, da man mit seiner Hilfe Filme im Internet speichern und jederzeit anschauen kann. Aber auch Linklisten können im Internet gespeichert und von überallher verwendet werden. Vor allem jedoch können diese Daten auch anderen Usern zur Verfügung gestellt werden. Dies ist die soziale Komponente dieser Plattformen. Oft sind die Angebote mit einem Rating-System versehen, das es ermöglicht, die Dateien bzw. Listen oder Links zu bewerten. Auch das Durchsuchen solcher Plattformen ist sehr einfach und ergiebig. Hierbei kann ein Rating-System helfen (besser Bewertetes wird vorgereiht). Somit können 9.5.6. 489 https://futurezone.at/netzpolitik/max-schrems-facebook-wusste-von-illegaler-dat enweitergabe/400008921 490 Vgl. Ebersbach 2010, S. 118ff. 9.5. Was sind Social Media? 179 Social-Sharing-Plattformen eine hilfreiche Informationsquelle darstellen. Ebersbach führt eine Reihe von Merkmalen an, die diese Art von Plattformen verbinden:491 – Eine Personalisierung ist optional. – Es werden Ressourcen zur Verfügung gestellt. – Diese können geordnet und bewertet werden. – Die Unterteilung in einen öffentlichen und privaten Bereich ist möglich. Der Aspekt des Teilens steht hier im Vordergrund. Geteilt werden kann alles, was in digitaler Form vorliegt. In den letzten Jahren kamen immer wieder File-Sharing-Plattformen in die Medien, über die vor allem Musik und Filme geteilt werden. Derartige Angebote stören natürlich die Industrie, deren Einnahmen dadurch geringer werden. Sonstiges Es gibt noch mehr Elemente, die das Social Web zu bieten hat. Im Folgenden werden noch einige zusätzliche aufgezählt und beschrieben: – Bewertungsseiten: Im Web 2.0 ist der Austausch von Informationen und Meinungen essentiell. So haben sich viele Arten von Bewertungsseiten entwickelt. Hier können Produkte und Dienstleistungen bewertet werden. Im Fall von Amazon wird die Bewertungsfunktion sogar im Online-Shop angeboten. So stehen gleich zu jedem Produkt Bewertungen zur Verfügung, die bei der Entscheidung helfen sollen. – RSS Feed: RSS steht für „Real Simple Syndication“ und „ermöglicht es, Inhalte bzw. Änderungen einer Website in zusammengefasster Form als Feed zu abonnieren.“492 Dies kann ein Blog sein, von dem man dann in einem RSS-Feed-Reader die neuesten Titel von Blogeinträgen, Nachrichten oder andere Neuigkeiten sieht. RSS ist die Tech- 9.5.7. 491 Ebersbach 2010, S. 118. 492 Ebersbach 2010, S. 286. 9 AutorInnen und Verlage im Internet – Werbung 2.0 180 nik, die dahintersteckt. Es wird auch oft die Bezeichnung Newsfeed verwendet. – Tagging: Tags helfen dabei, Postings, Texte usw. zu ordnen. Tagging bedeutet die intellektuelle Verschlagwortung und Interpretation des Materials, die durch eine gewaltig große Anzahl von Nutzern zu einer effektiven Suche führt.493 Wenn also Tags verwendet werden, können NutzerInnen rasch Informationen, Texte oder Postings zu bestimmten Themen finden. Der Nachteil besteht allerdings darin, dass oft synonyme Begriffe verwendet werden, was dazu führt, dass es keine einheitlichen Tags gibt. Man muss man sich z.B. bei Gemeinschaftsblogs auf eine gemeinsame Verschlagwortung einigen, um die Vorteile des Taggings nutzen zu können. Im Web 2.0 dreht sich alles um Kommunikation, Interaktion und Partizipation: die Angebote mit den größten Wachstumszahlen sind soziale Netzwerke und offene Informations- und Unterhaltungsplattformen, die von vielen ihrer Nutzer bewusst als Alternative zu den konventionellen Angeboten der traditionellen Massenmedien verstanden werden.494 Im Web 2.0 werden also viele neue Möglichkeiten geschaffen, das Internet noch mehr und noch intensiver zu verwenden. Es ist ein Teil des Alltags geworden. 493 Ebersbach 2010, S. 142. 494 Holzapfel/Holzapfel 2011, S. 47. 9.5. Was sind Social Media? 181 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media Social Media Marketing oder die Verlagerung von Werbung bzw. PR ins Internet Herkömmliche Werbung ist heute nicht mehr so wirksam wie früher. Die meisten Menschen schalten um oder stellen den Ton ab, wenn im Fernsehen ein Werbeblock gesendet wird, bzw. überblättern Anzeigenseiten in Zeitungen und Zeitschriften, ohne sich diese genauer anzuschauen. Auch Werbebanner auf Websites werden kaum noch registriert.495 Offenbar hat die Bereitschaft dafür abgenommen, sich von Werbung beeinflussen zu lassen, und so wird nur ein sehr kleiner Teil so wahrgenommen, dass er in Erinnerung bleibt. Das gilt vor allem für Werbung mit 1:n Kommunikation.496 Besonders negativ wird sogenannte „Push-Werbung“ gesehen, die sich den Konsumenten regelrecht aufdrängt.497 Beispiele für diese Art von aufdringlicher Werbung sind etwa Pop-up-Fenster auf Websites. Diese werden meist sofort weggeklickt. Dafür hat der Stellenwert von personalisierter Werbung im Internet zugenommen. Vor allem der Bereich Suchmaschinenwerbung hat stark an Bedeutung gewonnen. Hier werden, passend zur jeweiligen Recherche in einer Suchmaschine, entsprechende Werbeangebote mitgeliefert. Sucht man mit einer Suchmaschine nach einem bestimmten Begriff, zu dem neben den Suchtreffern auch thematisch passende Werbebotschaften präsentiert werden, dann steht man diesen Werbeinhalten sehr viel positiver gegenüber als ungewünscht vermittelten Inhalten.498 10 10.1. 495 Hettler 2010, S. 30ff. 496 Siehe Hettler 2010, S. 30. 497 Vgl. Hettler 2010, S. 31. 498 Hettler 2010, S. 32. 183 Diese Form der Werbung wird von Hettler als „Pull-Werbung“ bezeichnet.499 Es ist also zielführender, Konsumenten und Konsumentinnen zur Werbung kommen zu lassen, also da anzusetzen, wo schon Interesse besteht. Dies ist natürlich im Internet am einfachsten. Printund Fernsehwerbung haben gar nicht die Möglichkeit, auf die jeweiligen Interessen der Konsumenten und Konsumentinnen einzugehen. Somit ist das Marketing auf Social-Media-Plattformen eine aktuelle und sehr beliebte Möglichkeit dafür geworden, Produkte zu bewerben.500 Hier findet nicht ein Monolog statt wie bei herkömmlichen Werbemaßnahmen, sondern ein Dialog mit den Kundinnen und Kunden. Dadurch, dass im Bereich Social Media eine n:n-Kommunikation501 vorherrscht, ist Werbung natürlich nicht das einzige Ziel der gesetzten Maßnahmen. Sie dienen auch dazu, Informationen, Feedback usw. von den Kunden zu bekommen. Viele hinterlassen von sich aus Kommentare auf Fan-Seiten, es ist aber auch möglich, durch gezielt gestellte Fragen (als Statusmeldung) gewünschte Antworten zu bekommen. Diese Antworten können für die Marktforschung oder auch für die Weiterentwicklung von Produkten und Werbestrategien verwendet werden. 499 Ebd. 500 http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/marketing.html (letzter Zugriff: 18.8.2018): „Der Grundgedanke des Marketings ist die konsequente Ausrichtung des gesamten Unternehmens an den Bedürfnissen des Marktes. Heutzutage ist es unumstritten, dass auf wettbewerbsintensiven Märkten die Bedürfnisse der Nachfrager im Zentrum der Unternehmensführung stehen müssen. Marketing stellt somit eine unternehmerische Denkhaltung dar. Darüber hinaus ist Marketing eine unternehmerische Aufgabe, zu deren wichtigsten Herausforderungen das Erkennen von Marktveränderungen und Bedürfnisverschiebungen gehört, um rechtzeitig Wettbewerbsvorteile aufzubauen.“ Allerdings wird das Wort Marketing auch für das vorherrschende Instrument, das verwendet wird, genutzt. Siehe Hettler 2010, S. 37: „Wird das hauptsächlich zum Einsatz kommende Instrument näher spezifiziert, wenn die Art der Kundenansprache kennzeichnend ist, spricht man beispielsweise von ‚Direktmarketing’. Ist der Einsatz von Onlinemedien das zentrale methodische Vorgehen zur Vermarktung des Objekts, spricht man von ‚Online-Marketing’.“ Nach diesem Muster kann man bei Maßnahmen im Bereich der Social Media auch von Social Media Marketing sprechen. 501 Vgl. https://www.wirtschaftswiki.fh-aachen.de/index.php?title=N:n-Kommunika tion (letzter Zugriff: 18.8.2018) 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 184 Fragen können aber auch als Mittel dazu verwendet werden, Kundinnen und Kunden zu aktiver Teilnahme an der Fan-Seite aufzufordern. Unternehmen können über das Internet nicht nur leicht mit ihren Kunden ins Gespräch kommen, sondern auch gemeinsam Probleme lösen und voneinander lernen. Durch das Gespräch mit den Kunden erfahren sie, wie das eigene Angebot verbessert oder neue Produkte entwickelt werden können.502 Ein weiterer Vorteil der Einbeziehung von Social Media in ein umfassenderes Werbe- bzw. PR-Konzept besteht darin, dass über mehrere Plattformen Informationen usw. verbreitet bzw. verknüpft werden können. Somit kann man in einem eigenen YouTube-Channel Videos hochladen, die aber auf diese Weise noch nicht von einer größeren Anzahl von Leuten gesehen werden. Um diese Videos weiter zu verbreiten, kann man sie über Facebook oder Twitter posten oder auch in einem Blog verlinken. Diese Form des Marketings wird auch als „virales Marketing“ bezeichnet: Virales Marketing (auch Viralmarketing oder manchmal Virusmarketing) ist eine Marketingform, die soziale Netzwerke und Medien nutzt, um mit einer meist ungewöhnlichen oder hintergründigen Nachricht auf eine Marke, ein Produkt oder eine Kampagne aufmerksam zu machen.503 Im Idealfall, wenn das Produkt, die Werbestrategie usw. vielen Personen zusagen, wird der Link immer weiter gepostet, so dass er im Internet immer weiter verbreitet wird, in einer Art „digitaler Mundpropaganda“.504 Die KundInnen fungieren hier als MultiplikatorInnen. Wenn mehrere Videos veröffentlicht werden und bei einer breiteren Öffentlichkeit auf Interesse stoßen, kann es sogar dazu kommen, dass KundInnen interessiert genug sind, den Channel zu abonnieren, d.h., dass sie immer benachrichtigt werden, wenn ein neues Video hinzugefügt wird. Einer der bekanntesten Werbespots, der ausschließlich über das Internet verbreitet wurde, war derjenige der Kampagne „Ini- 502 Michelis/Schildhauer 2010, S. 27. 503 http://de.wikipedia.org/wiki/Virales_Marketing (letzter Zugriff: 18.8.2018). 504 Hettler 2010, S. 146. 10.1. Social Media Marketing oder die Verlagerung von Werbung bzw. PR ins Internet 185 tiative für wahre Schönheit“505 von Dove. In diesem Werbespot ging es darum Frauen eine positive Einstellung zu ihrem Körper zu vermitteln. Im Weiteren sollen die am häufigsten verwendeten Instrumente vorgestellt werden. Weblogs als Instrument Auch wenn es im deutschsprachigen Raum noch nicht so gängig ist wie im englischsprachigen, zeigt eine Kosten-Nutzen-Abwägung doch klar, dass das Betreiben eines Weblogs von Vorteil ist, wenn man über die entsprechenden zeitlichen und personellen Ressourcen verfügt. Vor allem Klein- und Mittelunternehmen lenken durch diese kostengünstige Werbevariante Aufmerksamkeit auf sich. Aber ein Weblog506 ist nicht nur kostengünstig. Er kann dabei helfen, Vertrauen zu einer Firma aufzubauen. Es können Einblicke gewährt werden, die KundInnen normalerweise nicht haben. Außerdem wird eine intensive Kommunikation nach außen bzw. innerhalb der Firma immer als positiv gesehen. Allerdings muss man sich im Klaren darüber sein, dass ein Blog ständig zu warten ist, da sonst immer weniger darauf zugegriffen wird und er dadurch an Wert verliert. Außerdem kann man nur mit regelmäßigen und aktuellen Postings eine breitere LeserInnenschaft an den eigenen Blog binden. Allerdings sollten die LeserInnen auch nicht von einer zu großen Menge an Texten überfordert werden. Die Qualität dieser Texte sollte im Vordergrund stehen. Es dürfen keine Unwahrheiten verbreitet werden, da dadurch der Ruf einer Firma nachhaltig geschädigt werden kann. Der Ton, in dem die Texte verfasst werden, muss zur Firma und zur Person passen, die den Blog betreut. Sonst wirken die Beiträge schnell gekünstelt. Authentizität ist also für die Leserinnen und Leser eines Blogs sehr wichtig. Somit ist es auch besser, in einem Blog hin und wieder Fehler einzugestehen, anstatt diese zu vertuschen oder gar zu leugnen. Allerdings dürfen natürlich auch keine Firmengeheimnisse ausgeplaudert werden. 10.1.1. 505 http://www.youtube.com/watch?v=iYhCn0jf46U (letzter Zugriff: 18.8.2018). 506 Vgl. Hettler 2010, S. 43ff. bzw. Ebersbach 2010, S. 60ff. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 186 Oft gibt es aus all diesen Gründen auch Richtlinien für die für einen derartigen Blog Zuständigen: „Um einen Blog zu betreiben, sind klare Richtlinien für jeden Mitwirkenden erforderlich, damit keine rechtlichen Grauzonen und Missverständnisse entstehen.“507 Die direkte Kommunikation mit Kunden kann sehr aufschlussreich sein und dabei helfen, die eigenen Produkte zu verbessern. Um diese Kommunikation anzuregen oder aufrechtzuerhalten, sollten die Blog-Texte immer bestimmte Bereiche offenlassen oder Fragen zur Diskussion stellen. So fühlen sich die LeserInnen angesprochen und dazu aufgefordert, sich in Form von Kommentaren am Blog zu beteiligen. Die Art der Kommunikation, die in einem Weblog betrieben wird, kann vielseitig sein. Ansgar Zerfaß und Dietrich Boelter unterscheiden drei Arten von Blog-Kommunikation:508 – persuasive Kommunikation (emotionale Bindung) – argumentative Kommunikation (Überzeugung) – informative Kommunikation (unabhängige Informationsübermittlung) Allerdings gibt es noch weitere Möglichkeiten, die zwischen den genannten liegen. Von Unternehmen betriebene Blogs werden auch Corporate Blogs genannt. Hettler unterscheidet hier verschiedene Arten:509 – Produkt-/Marken- und Serviceblogs: Diese werden genutzt, um Produkte vorzustellen, diese zu etablieren und eine Kundenbindung aufzubauen. Oft werden Beiträge dieser Blogs von Fans weiterverbreitet. – Customer-Relationship-Blogs: Hier wird die Beziehung zu bereits bestehenden Kunden gepflegt. Ein CRM-Blog bietet neben Informationen zu eigenen Produkten weitere Informationen zum Markt, Weiterentwicklungen, Designstudien, Nachrichten etc.510 507 Hettler 2010, S. 187. 508 Zerfaß/Boelter 2005, S. 178. 509 Hettler 2010, S. 179. 510 Hettler 2010, S. 180. 10.1. Social Media Marketing oder die Verlagerung von Werbung bzw. PR ins Internet 187 So werden Informationen direkt an den Kunden weitergegeben und es müssen keine anderen Medien wie Zeitung, Fernsehen oder Radio dazwischengeschaltet werden. – Kampagnen-Blogs: Diese begleiten eine Kampagne und werden daher nur temporär gewartet. – Krisen-Blogs: „Krisen-Blogs erlauben eine schnelle, umfassende und direkte Kommunikation mit den Betroffenen und können so zur Entschärfung einer Unternehmenskrise beitragen.“511 So kann einem Unternehmen nicht vorgeworfen werden, dass es in Krisensituationen zu wenig Informationen weitergibt. – CEO-Blogs: Diese werden von Führungskräften geführt und können sich entweder an eine breite Öffentlichkeit richten oder auch intern an MitarbeiterInnen. Inhaltlich finden sich aktuelle Informationen zum Unternehmen, zu Veränderungen usw., aber auch persönliche Statements des zuständigen Managers o.Ä. – Themen-Blogs: Hier wird das Thema des Blogs auf ein bestimmtes Gebiet eingeschränkt. Dies kann dazu beitragen, dass das Unternehmen mit diesem Thema in Verbindung gebracht wird. Inhaltlich müssen sich die Blogeinträge nicht nur mit Produkten des Unternehmens auseinandersetzen. Es geht mehr darum, Fachkompetenz in einem bestimmten Bereich zu vermitteln. Allerdings ist, wie Hettler anmerkt, die klare thematische Trennung solcher Blogs meist nicht gegeben. Microblogs als Instrument Microblogs werden ähnlich wie Blogs verwendet, nur mit dem Unterschied, dass viel weniger Platz zur Verfügung steht. Auch sie dienen der Positionierung der Marke, der Imagepflege, dem Reputationsaufbau und der Beziehungspflege. Als bekanntestes Beispiel für Micro- 10.1.2. 511 Hettler 2010, S. 181. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 188 blogs ist Twitter zu nennen. Ein Vorteil besteht hier ebenfalls wieder darin, dass ein Account kostenfrei eingerichtet werden kann und in der Folge nicht viel Wartung benötigt. Twitter kann für vieles verwendet werden, als wichtigste Funktion ist jedoch die Verbreitung von Informationen über Unternehmen, Produkte usw. zu nennen: Gewissermaßen in der Funktion eines Newstickers können auf Twitter Pressemitteilungen in Kurzform verarbeitet werden, deren Inhalt von Unternehmensmeldungen, Neuheiten im Produktangebot bis hin zu Sonderangeboten reicht.512 Es können aber auch Informationen zu Veranstaltungen, Charity- Events oder Messen weitergegeben werden. Wegen des stark eingeschränkten Platzes, der für einen sogenannten „Tweet“ zur Verfügung steht, muss der Inhalt kurz, knapp und vor allem gut überlegt sein. Es kann auch vorkommen, dass ein Unternehmen über mehrere Twitter- Accounts verfügt, die Informationen zu verschiedenen Themenbereichen bieten. Ähnlich wie bei Blogs können Accounts auch von bestimmten Personen des Unternehmens betreut werden, wie etwa dem CEO. Auch hier ist es wieder wichtig, dass die „Tweets“ die Kunden interessieren und thematisch für wichtig erachtet werden. Sonst kann man keinen LeserInnen- bzw. FollowerInnen-Stock aufbauen bzw. halten. Beim Computerhersteller Dell gibt es beispielsweise, um seinen Twitter-Account zu puschen, regelmäßig Sonderangebote, die nur dort veröffentlicht werden. Durch solche Maßnahmen können sich Firmen einen großen Kreis an Followern sichern. Twitter kann auch dafür verwendet werden, Links zu anderen Artikeln bzw. Websites zu posten und diese so weiterzuverbreiten. Ein weiterer Vorteil von Twitter besteht darin, dass man eine Verknüpfung mit anderen Anwendungen wie Blogs oder Facebook herstellen kann: Diese Crossover-Effekte von einem Netz in das andere potenzieren die Reichweite von Nachrichten. Twitter verfolgt die Strategie, Status-Updates bzw. Tweets mit anderen Netzwerken auszutauschen und diese nicht nur im eigenen Netzwerk zu belassen.513 512 Hettler 2010, S. 189. 513 Hettler 2010, S. 192. 10.1. Social Media Marketing oder die Verlagerung von Werbung bzw. PR ins Internet 189 Wenn man allerdings die Beziehungen zu Followern regelmäßig pflegen will, d.h. auf deren Tweets antworten bzw. reagieren möchte, dann bedeutet dies doch einigen Aufwand. Soziale Netzwerke als Instrument Um Soziale Netzwerke (im Weiteren soll als Beispiel Facebook, das größte derartige Netzwerk, dienen) als Marketing-Instrumente nutzen zu können, muss man zunächst eine Facebook-Fanseite bzw. ein Profil erstellen. Man hat also die Möglichkeit, das eigene Unternehmen oder eine Marke wie eine Person anzumelden, die dann Freundschaftsanfragen verschicken oder auch beantworten kann. Gängiger ist allerdings, dass man eine Facebook-Fanseite erstellt. Dies muss mit einem schon angemeldeten Profil (entweder der Firma oder einer Einzelperson, die mit der Firma in Verbindung steht) erfolgen. Diese Person, die als AdministratorIn der Seite fungiert, kann dann Einstellungen an der Seite tätigen, Statusmeldungen posten oder auch im Namen der Fanpage „Gefällt mir“-Klicks vergeben. Um als Kunde bzw. Kundin die veröffentlichten Postings dieser Seite bei den eigenen „Neuigkeiten“ sehen zu können, muss man auf einen größeren, grauen „Gefällt mir“- Button ganz oben auf der Fanseite klicken. Auf der Pinnwand einer solchen Fanseite kann der Administrator oder die Administratorin bzw. können die AdministratorInnen (man kann mehrere Personen mit Facebook-Profil dazu qualifizieren) ebenso wie auf privaten Profilseiten Statusmeldungen, Fotos, Links, Videos, Notizen usw. veröffentlichen. Außerdem bestimmt der Administrator bzw. die Administratorin, inwieweit sich Fans der Seite dort einbringen sollen. Dürfen sie Pinnwandeinträge hinterlassen, Links posten usw.? Ein anderer Vorteil von Fanseiten gegenüber Profilseiten besteht darin, dass es keine Beschränkung der Zahl der Fans gibt, für FreundInnen auf Profilseiten aber sehr wohl. Außerdem ist es hier viel einfacher, Anwendungen, wie etwa Gewinnspiele, einzubauen. Auch Hettler betont die Vorteile einer Fanseite: Die Kommunikation mithilfe von Fanseiten ermöglicht es einer Marke, im Kreis der Fans direkt in Erscheinung zu treten. Dies wäre auf der Basis von persönlichen Profilen, zum Beispiel über den Umweg von Facebook- 10.1.3. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 190 Profilen der eigenen Mitarbeiter nicht in dieser Form möglich. Facebook- Fanseiten haben gegenüber den personenbezogenen Profilseiten zudem den Vorteil, dass mehrere Administratoren für deren Pflege benannt werden können, wobei deren Namen nach außen nicht sichtbar werden.514 Eine weitere Möglichkeit der Präsentation besteht im Anlegen einer Facebook-Gruppe. Diese kann von jeder Person mit Facebook-Profil gegründet werden, sie kann offen sein oder beschränkt. In einer solchen Gruppe wird über bestimmte Themen diskutiert. Es können auch Rich Media Content und Anwendungen dazu verwendet werden. Somit ist die Facebook-Gruppe weniger als Repräsentation eines Unternehmens, einer Marke etc. zu verstehen, sondern eher als Austauschplattform für AnwenderInnen bzw. BewundererInnen. Somit stehen hier die Gruppenmitglieder im Zentrum, die agieren sollen, nicht die Firma oder deren VertreterInnen. Daher sind Fanseiten für das Verbreiten von Nachrichten besser geeignet. Fanseiten werden mittlerweile von allen großen Unternehmen eingerichtet. In den letzten Jahren gingen die Zahlen der Fans sprungartig nach oben. Die Verbreitung von Links, Fotos, Postings usw. ist auf Facebook sehr einfach. Vieles kann weiter geteilt und im eigenen Profil der KundInnen angezeigt werden. Somit sehen die FreundInnen dieser KundInnen die Meldungen und vielleicht teilt sie dann wieder mit einem dieser FreundInnen. Es werden z.B. auch Promotion-Angebote über Fanseiten beworben oder Umfragen gestartet. Den Fans können Fragen gestellt werden, ähnlich wie bei den bereits genannten Social- Media-Tools Blog und Microblog. Podcasts als Instrument Audio- und Video-Podcasts sind seit einigen Jahren stark im Kommen. Viele Unternehmen nützen diese dazu, Informationen anzubieten oder auch bereits produzierte Dateien weiterzugeben. Am wirkungsvollsten sind Podcasts, die in regelmäßigen Abständen veröffentlicht werden. So können sie möglichst viele Interessierte erreichen. Auch wenn Podcasts weniger KundInnen erreichen als die zuvor ge- 10.1.4. 514 Hettler 2010, S. 202. 10.1. Social Media Marketing oder die Verlagerung von Werbung bzw. PR ins Internet 191 nannten Instrumente, rufen sie doch meist stärkeres Interesse hervor und werden intensiver genutzt.515 Das Unternehmen kann sich mit Podcasts direkt an den Kunden bzw. die Kundin richten, diese sogar persönlich und emotional ansprechen, da Audio und Video dies zulassen. Oft sind es auch die CEOs, die sich persönlich mit Neuigkeiten an die KundInnen wenden und diesen dadurch so greifbar nahe sind, als ob sie im Wohnzimmer der KundInnen bzw. diese im Büro des CEO stünden. Podcasts können auch als Reihen zu bestimmten Themen hergestellt werden, die mit einem Unternehmen oder seinen Marken bzw. Produkten zu tun haben. Bei der Einbettung eines Podcasts in eine Website kann eine Kommentarfunktion hinzugefügt werden, damit die Kommunikation nicht einseitig verläuft. Ansonsten bieten Podcasts, vor allem Audio-Podcasts, den Vorteil, dass man sie über ein Endgerät wie Mobiltelefon oder MP3-Player fast überall abhören kann. So ist man in der Lage, abonnierte Beiträge regelmäßig zu downloaden und dann z.B. auf dem Weg zur Arbeit zu konsumieren. Dies ist praktischer als z.B. Radiosendungen zu hören, die immer zu bestimmten Zeiten laufen, denn Podcasts sind sowohl zeit- als auch ortsunabhängig. Wikis als Instrument Wikis werden vor allem für die Kundenbindung und für Produkt- Feedback genutzt. Es können hier Tipps und Tricks – sowohl von Unternehmen als auch von KundInnen – eingetragen werden. Sie haben dann eine ähnliche Funktion wie FAQ-Seiten (Frequently Asked Questions), allerdings mit einer interaktiven Komponente für KundInnen, da diese selbst an Wikis mitschreiben können. Allerdings müssen Wikis auch wieder regelmäßig überprüft und gewartet werden, damit die UserInnen nicht das Gefühl bekommen, dass sie nicht ernst genommen werden bzw. damit nicht falsche bzw. unerwünschte Informationen verbreitet werden. 10.1.5. 515 Hettler 2010, S. 221. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 192 Beispiele für Marketing 2.0 In der Sendung Kulturplatz vom 29. 2. 2012 auf SF 1 wurde unter anderem über das Thema „Verführung zum Lesen. Wie sich Bücher und Autoren heute am Markt verkaufen“516 diskutiert. Die Werbewirkung im Internet ist laut dieser Sendung siebenmal höher als traditionelle Werbung, weil die Bewerbung individueller vonstattengehen kann. Der Leser bzw. die Leserin hinterlässt z.B. auf Facebook persönliche Daten, die dann weiterverwertet werden können und die weitere Werbeschaltungen auf der individuellen Facebook-Ansicht beeinflussen. Da die Marketingstrategien von Verlagen und AutorInnen sich meist bei Facebook bündeln, werden sich die weiteren Beispiele mit diesem Aspekt beschäftigen. Es gibt eine Reihe von Komponenten, die auch bei der Werbung von Verlagen und AutorInnen auf Facebook immer wieder zum Tragen kommen. Herkömmliche Bewerbung von Büchern Auf Fanseiten wird immer wieder sowohl auf Neuerscheinungen als auch auf Bücher aus der Backlist hingewiesen. Meist wird ein Zitat, ein lustiger Spruch oder ein Umstand, durch den das Buch mit dem aktuellen Tagesgeschehen oder anderen Ereignissen verbunden wird, genannt. So werden beispielsweise am Valentinstag vor allem Bücher beworben, bei denen es um Liebe geht, im Sommer leichte Strandlektüre und zu Weihnachten Bücher, die sich als Geschenk eignen. Auch zum Tag der Frau, zum Tag des Wassers und zu verschiedenen anderen Anlässen wird die passende Lektüre empfohlen. Veranstaltungsankündigungen Verlage und AutorInnen nützen Facebook häufig, um Events zu bewerben. Lesungen, Diskussionsrunden oder auch Veranstaltungen auf 10.2. 10.2.1. 10.2.2. 516 http://www.videoportal.sf.tv/video?id=bf16643c-633d-4829-b66a-802174d1da8d (letzter Zugriff: 18.8.201 10.2. Beispiele für Marketing 2.0 193 Buchmessen werden auf diese Weise einem größeren Publikum nähergebracht. Manchmal werden auch im Nachhinein Videos von der Veranstaltung oder Fotos vom Event gepostet. Abbildung 26: Ein Link zu Fotos einer Lesung von Daniel Glattauer, https://www.facebook.com/ZsolnayDeuticke/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Verbreitung von Rezensionen und Zeitungsartikel verbreiten Um Interesse an den Publikationen des Verlags bzw. der AutorInnen zu wecken, werden entsprechende Zeitungsartikel über Verlag, Bücher oder AutorInnen verlinkt. Abbildung 27: Link zu einem Artikel über die Kinderbuchautorin Kirsten Boie, https://www.facebook.com/VerlagsgruppeOetinger/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.2.3. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 194 Videos Verlage und AutorInnen verfügen mittlerweile häufig über Youtube- Channels, auf denen sie Videos veröffentlichen. Oft findet man Interviews oder auch sogenannte Buchtrailer. Diese sind noch recht neu, werden jedoch mittlerweile immer häufiger zu Buchveröffentlichungen produziert, die großes Medieninteresse erwarten lassen. Diese Buchtrailer entsprechen in etwa Filmtrailern und zeigen häufig nachgefilmte Szenen aus dem Buch bzw. Stimmungseindrücke, die zum jeweiligen Buch passen. Meist wird dazu der Text des Buches rezitiert. Manchmal sind derartige Trailer auch nur mit Bild und Schrift gestaltet, wie beispielsweise derjenige zu Cornelia Funkes Geisterritter517. Bodo Kirchhoffs Trailer zu Erinnerungen an einen Porsche518 wird mit einem Erzähler und Scherenschnitten inszeniert, Marc Levys Er und Sie519 mit gemalten Bildern, die zum Teil vor den Augen des Betrachters oder der Betrachterin entstehen. Dazu sprechen die Stimmen der Hauptfiguren des Buches, die sich vorstellen und kurz ihre eigene Problemsituation beschreiben. Dies sind nur einige Beispiele, wie solche Buchtrailer inszeniert sein können. Jeder Trailer wird individuell dem Buch und natürlich dem Budget entsprechend erstellt. Links zu Literatursendungen Um die mediale Präsenz von Verlagen bzw. Autorinnen und Autoren zu dokumentieren, werden auch Besprechungen in Literatursendungen auf Facebook verlinkt. Da man mittlerweile fast alle Fernsehsendungen auf der Website des Senders oder auf YouTube nachträglich anschauen kann, bedeutet es für den Verlag bzw. für die AutorInnen keinen großen Aufwand, diese durch Facebook weiterzuverbreiten. Auf der Seite der Sendung Druckfrisch520 sind die Beiträge einzeln angeführt und können so ganz einfach verlinkt werden. 10.2.4. 10.2.5. 517 https://www.youtube.com/watch?v=ZVl96NqOHQk (letzter Zugriff: 18.8.2018). 518 https://www.youtube.com/watch?v=a5Mm1-Dd2aQ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 519 https://youtu.be/SkVbDyKATV0 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 520 http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/index.ht ml (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.2. Beispiele für Marketing 2.0 195 Themenirrelevante Videos, Links, Bilder usw. Wenn es gerade keine interessanten News zu verbreiten gibt, werden häufig andere Dinge gepostet, damit die Fanseite nicht brachliegt. Jedes Posting bringt dem Verlag Aufmerksamkeit, weshalb jeden Tag mindestens ein bis zwei Postings auf die Facebook-Fanseite gestellt werden. Auch Autorinnen und Autoren bedienen sich dieser Methode, da so auf einfache Weise Durststrecken überbrückt werden können. Diese Bilder, Videos und Links können vom allseits bekannten ‚Cat- Content‘ bis zu Links zu tagesaktuellen Themen alles beinhalten. Es ist allerdings empfehlenswert, nicht allzu wahllos zu posten. Fans wollen doch lieber zum Thema der Seite Informationen bekommen und weniger Allgemeines, das auf jeder anderen Facebook-Site auch veröffentlicht werden könnte. Mehrwert durch Kommentare anderer Durch das Interesse anderer kann eine Fanseite auf Facebook an Wert gewinnen. Je mehr Fans sich aktiv in den Inhalt der Seite einbringen, desto mehr Menschen nehmen die Seite wahr. Daher werden oft Fragen gestellt, die von den Fans beantwortet werden sollen (Was lest ihr gerade? o.Ä.). Die Fans werden auf diese Art miteinbezogen und fühlen sich einer Gemeinschaft zugehörig. Außerdem können Autorinnen und Autoren sowie Verlage auf diese Weise Umfragen unter ihren Fans durchführen, die dabei helfen, weitere Marketingmaßnahmen zu entwickeln. Allerdings ist auch bei dieser Methode wieder Vorsicht geboten. Wenn es nicht genug aktive Fans der Seite gibt, kann eine Umfrage an der kaum jemand teilnimmt, schnell negativ auffallen. Fanseiten von Verlagen Die meisten großen Verlage haben mittlerweile Fanseiten auf Facebook angelegt, die nahezu täglich mit neuen Informationen bestückt werden. Damit nach Möglichkeit den Fans der Seite beim Lesen der Statusmeldungen möglichst viel Abwechslung geboten wird, gibt es 10.2.6. 10.2.7. 10.2.8. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 196 eine Vielzahl von Informationen, die über diesen Kanal weitergegeben werden: – Vorstellung neuer Bücher – Verlinkung von Rezensionen – Verlinkung von Literatursendungen – verlagseigene YouTube-Videos Abbildung 28: Link zu einer Video-Reihe des Hanser Verlags, https://ww w.facebook.com/HanserLiteraturverlage/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). – Vorstellung des Verlagsteams – Vorstellung des Marketingteams, mit dem man es auf Facebook zu tun hat – allgemeine Meldungen zur Branche – Gratulationen an Autorinnen bzw. Autoren des Verlags zu Geburtstagen, Preisen usw. – Fotos von Ereignissen im Verlag Auch für Genre-Sparten der Verlage können eigene Fanseiten angelegt werden, die jeweils ein bestimmtes Publikum ansprechen. Piper betreibt zum Beispiel eine eigene Seite für seine Fantasy-Bücher. Auf der Facebook-Fanseite des Rowohlt Verlags – um ein Beispiel näher zu beleuchten – findet man beispielsweise Informationen über etwaige Nominierungen der hauseigenen Autorinnen und Autoren. Im folgenden Screenshot ist beispielsweise zu sehen, dass der Verlag die Nominierung mehrerer AutorInnen auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse verkündet. 10.2. Beispiele für Marketing 2.0 197 Abbildung 29: Nominierungen, https://www.facebook.com/rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Aber auch Neuerscheinungen werden mit einem aussagekräftigen Text und einem Link zur Buchseite des Verlags auf Facebook angekündigt. Rowohlt produziert auch Buchtrailer. Diese Form der Buchwerbung wurde schon früher im Text ausführlicher behandelt. Hier das Beispiel von Stefan Schwarz: Das wird ein bißchen wehtun521. Auch hier ist wieder festzustellen, dass zum Link ein aussagekräftiger Text verfasst wurde. Aber auch Links, die inhaltlich nicht direkt mit dem Verlag zu tun haben, werden veröffentlicht. Hier beispielsweise ein Kurzfilm über die Liebe zu Büchern: Auch Bestenlisten sind ein Thema, das immer wieder auf Facebook-Fanseiten zur Sprache kommt. Hier beispielsweise die KrimiZeit- Bestenliste, auf der sich natürlich auch Autorinnen und Autoren des Verlags wiederfinden: 521 Schwarz 2012. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 198 Abbildung 30: Link zur KrimiZeit-Bestenliste, https://www.facebook.com /rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Besonders stolz sind Verlage auch immer, wenn Bücher als Film ins Kino kommen oder auch im Fernsehen ausgestrahlt werden. Dies bedeutet meistens, dass auch bei älteren Veröffentlichungen die Verkaufszahlen wieder nach oben gehen. Daher ist es für den Verlag von Vorteil, auch für Literaturverfilmungen auf der Facebookseite Werbung zu machen. Abbildung 31: Fernsehtipp – Eine Literaturverfilmung im ZDF, https://w ww.facebook.com/rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.2. Beispiele für Marketing 2.0 199 Wenn ein Buch so gut verkauft wurde, dass es neu aufgelegt werden muss, ist das für die meisten Verlage auch eine Nachricht auf Facebook wert. Es schadet nie, auf schon bekannte und beliebte Bücher noch einmal hinzuweisen. Es könnte bei Interessierten doch einen Kaufwunsch auslösen. Hier wird beispielsweise die Neuauflage von Garp und wie er die Welt sah522 zum 70. Geburtstag des Autors beworben. Abbildung 32: Werbung für die Neuauflage eines Klassikers, https://www .facebook.com/rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Fanseiten von Autorinnen und Autoren Es gibt prinzipiell zwei Arten, wie Fanseiten von Autorinnen und Autoren betrieben werden: Einerseits diejenigen, die von den SchriftstellerInnen selbst bestückt und betreut werden, andererseits solche, bei denen diese Arbeit vom Verlag übernommen wird. Der Unterschied wird rasch deutlich, da bei verlagsbetreuten Seiten vom Autor bzw. der Autorin meist in der dritten Person gesprochen wird. Wenn AutorInnen die Seiten selbst verwalten, fällt in der Regel der Inhalt etwas persönlicher aus: Es wird in der Ich-Form geschrieben, es werden private Fotos veröffentlicht, es werden Gedanken zu Politik und Kultur oder auch zur eigenen Arbeit kundgetan. Die Facebook-Fanseite ist ein leicht zu bedienendes Instrument dafür, die eigene Person bzw. die durch den Verlag vertretenen AutorInnen zu präsentieren und zu inszenieren. 10.2.9. 522 Irving 2012. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 200 Eine Besonderheit stellte das Angebot der Autorin Téa Obreht an ihre Fans dar, live auf Facebook mit ihr zu chatten. Dadurch war Obreht unabhängig von anderen Medien und konnte selbstbestimmt eine Chat-Sprechstunde einrichten und diese über den gleichen Kanal (Facebook) verbreiten. Abbildung 33: Téa Obreht kündigt einen Live-Auftritt an, https://www.fa cebook.com/tea.obreht (letzter Zugriff: 18.8.2018). Mittlerweile gibt es auch die Möglichkeit, Videos ‚live‘ aufzunehmen. Dies ermöglicht, dass sich Personen von aktuellen Events melden können, Nachrichten an ihre Fans weitergeben oder einfach ihr Privatleben zeigen können. Dies kann man sich so ähnlich vorstellen wie Liveschaltungen im Fernsehen. Man drückt den Start-Button und ist sofort live auf Sendung. Die Fans bekommen eine Nachricht, dass jemand gerade auf Sendung ist und können dann zeitgleich zuschalten. Diese Variante wird von Autorinnen und Autoren allerdings nicht großflächig angenommen. Sie posten meist lieber Fotos oder externe Links. Der Autor auf Facebook Autorinnen und Autoren stehen heute unter großem Druck. Die Konkurrenz ist stark angestiegen, Jahr für Jahr werden immer mehr Bücher produziert. Für die Verlage sind Verkaufszahlen immer wichtiger geworden. Um sich nun von Kollegen der schreibenden Zunft abzuhe- 10.3. 10.3. Der Autor auf Facebook 201 ben, bedarf es verschiedenster Strategien der Inszenierung. Vor allem der hohe Stellenwert der Medien Fernsehen und Internet zwingt AutorInnen dazu, diese für sich zu nutzen. Um auf dem literarischen Markt genügend Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, müssen LiteratInnen meist über den reinen Text hinaus präsent sein und möglichst mit ihren LeserInnen in Kommunikation treten. Die Technologien des Web 2.0 im Internet bieten verschiedene Wege an, dies zu erreichen. Sie ermöglichen es, auf einfache Weise Informationen weiterzugeben, zu kommunizieren und sich nicht zuletzt auch zu inszenieren. Im Folgenden wird die postmoderne Lebenssituation mit dem Begriff Inszenierung in einen Zusammenhang gebracht und dieser Konnex erläutert. Anschließend werden Soziale Netzwerke als Instrumente der Inszenierung beschrieben. Abschließend wird eine Kategorisierung für die Inszenierung von AutorInnen auf Facebook vorgeschlagen. Facebook als Instrument der Inszenierung Um Facebook als Marketing-Instrument bzw. Instrument zur Inszenierung nutzen zu können, muss man zunächst eine Fanseite erstellen. Dies erfolgt mit dem bereits angelegten Profil einer Institution bzw. einer Einzelperson. Die Person, die als AdministratorIn der Seite fungiert, kann dann Einstellungen tätigen, Statusmeldungen posten oder auch im Namen der Fan-Page „Gefällt mir“ vergeben. Um als InteressentIn die veröffentlichten Postings dieser Seite bei seinen eigenen „Neuigkeiten” sehen zu können, muss man auf einen „Gefällt mir“- Button klicken. An der Pinnwand einer solchen Seite kann der Administrator bzw. können die Administratoren (man kann mehrere Personen mit Facebook-Profil dazu qualifizieren) ebenso wie auf privaten Profilseiten Statusmeldungen, Fotos, Links, Videos, Notizen etc. veröffentlichen. Außerdem können berechtigte Administratoren bestimmen, inwieweit sich Fans hier einbringen können, also ob sie Pinnwandeinträge hinterlassen bzw. Links posten dürfen usw. Ein anderer Vorteil von Fanseiten gegenüber normalen Profilseiten besteht darin, dass es hinsichtlich der Anzahl von Fans keine Beschränkungen gibt, hinsichtlich der Anzahl von FreundInnen auf Profilseiten aber sehr wohl. Außerdem 10.3.1. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 202 ist es dort viel einfacher, Anwendungen, wie etwa Gewinnspiele, einzubauen. AutorInnen nutzen derartige Fanseiten mittlerweile rege, einerseits, um Kontakt mit LeserInnen zu pflegen, andererseits, um sich selbst und ihr Schaffen zu präsentieren. Sogenannte Statusmeldungen dienen dazu, Werbung für Lesungen oder sonstige Auftritte zu machen, Fotos bzw. Videos zu verlinken, auf Interviews oder Rezensionen zu ihren Büchern oder auch auf Zeitungsartikel aufmerksam zu machen, die sie für besonders interessant halten. Auch Diskussionen zu aktuellen Themen in Kultur und Politik werden initiiert. Hierbei fallen der Grad der Inszenierung und die Tiefe der Einblicke in die Privatsphäre sehr verschieden aus. Manche LiteratInnen zeigen Bilder beim gemütlichen Zusammensitzen bei einem Glas Wein oder sie werfen sich vor der Fotokamera in Pose, andere beschränken sich auf die Ankündigung von Auftritten. Manche Seiten werden auch von Verlagen betrieben. Im Folgenden beschränke ich mich jedoch auf Seiten, die von den Schreibenden selbst betreut werden. Es gibt auch AutorInnen, die auf das Anlegen einer Fanseite verzichten, dafür aber ihr privates Profil öffentlich zugänglich machen und dabei die Funktion für sich nutzen, dass man private Seiten „abonnieren“ kann und dann ebenfalls die neuesten Beiträge angezeigt werden.523 Die Postings auf Facebook bestehen aus Texten (textuelle Komponente), Fotos (bildliche Komponente) und Links (verweisende Komponente). Die Beiträge im Sozialen Netzwerk können aus einer der drei Komponenten, aus zwei oder aus allen drei bestehen. Die verwendeten Bilder und Texte spiegeln die Art der Inszenierung wider. Wenn nur Postings erstellt werden, die mit der Person des Autors zu tun haben (Fotos, Auftritte usw.), dann steht diese auch im Mittelpunkt der Inszenierung. Wenn vor allem Texte veröffentlicht werden, dann steht entweder die Ästhetik des Schreibens im Zentrum oder die Betonung liegt auf Meinungsäußerungen des Autors bzw. der Autorin. Es gibt aber auch die Variante, dass Postings auf den ersten Blick nichts mit den AutorInnen, ihren Meinungen oder ihrem Schaffen zu tun haben, sondern beispielsweise nur dem Verbreiten von Links, Fotos etc. dienen, deren Auswahl unter Umständen auch mehr oder weniger wahl- 523 Vgl. https://www.facebook.com/help/follow/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 10.3. Der Autor auf Facebook 203 los erscheinen mag. Doch auch diese Form der Verwendung kann auf bestimmte Interessen oder eine gewollte Inszenierung hindeuten. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook524 Fanseiten werden mittlerweile von den meisten großen Unternehmen, von Vereinen, Politikern und immer mehr auch von Kunstschaffenden eingerichtet. In den letzten Jahren sind die Zahlen sogenannter Fans sprungartig angestiegen. Das Publizieren von Links, Fotos, Postings usw. ist auf Facebook – wie schon ausgeführt – problemlos zu bewerkstelligen. Diese Elemente einer Fanseite werden in der Folge auch weiterverbreitet. Durch „Teilen” können Fans sie auf der Pinnwand des eigenen Profils anzeigen. Somit ist die Meldung dann auch für deren FreundInnen sichtbar und kann von diesen wieder geteilt werden. Es werden auch ‚Promotion’-Angebote – etwa Verlosungen von Büchern oder Treffen mit AutorInnen – über Fanseiten beworben, Umfragen gestartet etc. Auch wenn sich bei verschiedenen Autoren Zweck und Art der Inszenierung auf Facebook häufig unterscheiden, gibt es doch Überschneidungen. Im Folgenden werden die Facebook-Fanseiten von ausgewählten LiteratInnen danach kategorisiert, was auf ihrer Seite das vorherrschende bzw. auffälligste Prinzip ist. Manche AutorInnen führen ein ‚Doppelleben‘ und können unter mehreren Kategorien eingeordnet werden. Es soll hier versucht werden, einen knappen Überblick über die Möglichkeiten der Eigen-PR bzw. Selbstinszenierung zu bieten. Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund Es gibt AutorInnen, die ihr Profil vor allem dazu verwenden, Websites, Artikel, Fotos, Witze, Videos etc. zu verlinken. Manchmal werden diese Links kommentarlos gepostet, teilweise werden sie mit Annotationen versehen, die dabei helfen, den verlinkten Inhalt einzuordnen und 10.4. 10.4.1. 524 Dieser Abschnitt ist schon in ähnlicher Form im Tagungsband „Subjektform Autor“ abgedruckt worden, vgl. Sporer 2014. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 204 den Grund für die Verlinkung zu erkennen. Die Auswahl ist bereits als Teil der Inszenierung des Autors bzw. der Autorin zu sehen. Welche sind seine/ihre Interessen? Was unterstützt er? Es kann sich aber auch um ‚Nonsens-Links‘ zu Internetseiten handeln, die keinen Bezug zum Autor oder zur Autorin erkennen lassen. Bei diesen Formen der Inszenierung stehen nicht die AutorInnen und ihre Tätigkeiten im Mittelpunkt, sondern eher ihre Interessen, Hobbys, ihr Freundes- bzw. Bekanntenkreis etc. Der ‚wirkliche’ Mensch verbirgt sich hinter gezielt ausgewählten Informationen, die einerseits nur indirekt auf die Persönlichkeit rückschließen, diese andererseits aber in einem gewissen Licht erscheinen lassen. Dadurch soll ein gewünschtes Image erzeugt werden. Viele Beispiele für Postings ohne bestimmten Bezug zum Autor bieten etwa Thomas Glavinic und Peter Glaser. Die meisten haben eher unterhaltenden Charakter und präsentieren unter anderem Fundstücke aus dem Internet. Auf Peter Glasers Seite fällt eine umfangreiche Sammlung von Katzenfotos auf. Mittlerweile posten auch FreundInnen und Fans Katzenfotos auf seiner Pinnwand. Das Beispiel Thomas Glavinic muss man allerdings unter dem Gesichtspunkt sehen, dass es sich hier nicht um eine Seite für Fans handelt. Es gibt auch eine solche, sie wird allerdings zum größten Teil vom Verlag betrieben und beinhaltet daher vor allem Ankündigungen, Zeitungsartikel und Links zu Veranstaltungen. Allerdings hat sich Thomas Glavinic dazu entschlossen, seine eigene Facebook-Fanseite, zumindest zum Teil, öffentlich zugänglich zu machen. Daher wird sie in dieser Arbeit als Autoren- Seite gesehen. Zum Teil werden auch hier die gleichen Links wie auf der Fanseite des Verlages gepostet, aber zusätzlich werden eben auch Videos, Fotos etc. mitgeteilt, die der Autor besonders lustig findet. Diese sind dann mit Kommentaren wie etwa „Hahahahaha“ oder auch einem Herz-Emoticon versehen. Der Text im Mittelpunkt Manche AutorInnen arbeiten bei ihrer Inszenierung in hohem Maß mit der Ästhetik ihrer Sprache und stellen bei ihren Internetauftritten Texte in den Mittelpunkt. Es kann sich neben Prosa und Lyrik auch 10.4.2. 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 205 um Experimentelles, etwa um Neologismen, handeln. Teilweise bestehen die Postings aus einer Kombination von Texten und Bildern. Peter Glaser versucht sich fast täglich darin, Wortneuschöpfungen zu kreieren, die zu tagesaktuellen Themen passen oder ihm offenbar gerade zufällig einfallen. So betitelt er beispielsweise ein gefälschtes Bild von Tiefkühl-Lasagne mit einem Pony auf der Packung mit „Schummelreiter” und spielt damit auf den zu dieser Zeit aktuellen Pferdefleischskandal in Deutschland und Österreich an. Aber auch Martin Auer beschäftigt sich in seinen Postings regelmäßig mit Sprache und veröffentlicht Prosa-Texte und Gedichte, darunter auch Haikus sowie reflexive Texte zu Wörtern. Abbildung 34: Ein Haiku von Martin Auer. https://www.facebook.com/ martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). Das Privatleben im Mittelpunkt Manchmal wird nicht eine eigene Fanseite angelegt, sondern das private Facebook-Profil zur Inszenierung verwendet, wie schon beim Beispiel Thomas Glavinic erwähnt. In diesem Fall wird das private Profil öffentlich sichtbar gemacht. Dabei wird auch der Umstand genutzt, dass private Profilseiten seit einiger Zeit abonniert werden können. So ist es Fans möglich, kontinuierlich nachzuverfolgen, was sich auf der Seite eines Autors bzw. einer Autorin tut. In diesem Fall ist auch die private Pinnwand-Kommunikation des Autors bzw. der Autorin mit FreundInnen und Bekannten für jeden sichtbar und nicht mehr privat. Also unterscheiden sich diese Profile inhaltlich meist nicht von Fanseiten. Die Entscheidung eines Autors bzw. einer Autorin, sein bzw. ihr privates Profil zu öffnen, kann jedoch als Statement betrachtet werden, 10.4.3. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 206 die LeserInnen am Privatleben teilnehmen lassen zu wollen. Robert Menasse zum Beispiel inszeniert sein Privatleben unter anderem auf seiner privaten Facebookseite mit Fotos von Familienmitgliedern, KollegInnen und FreundInnen, Reisefotos, Fotos von Dreharbeiten usw. Selbst die Produktion neuer Pressefotos wird dokumentiert. Auch Thomas Glavinic kann hier wieder als Beispiel genannt werden. Er veröffentlicht regelmäßig Fotos aus seiner Freizeit, wie etwa von Urlauben oder Treffen mit FreundInnen. Aber auch Martin Auer zeigt seinen Fans Dinge und Situationen aus seinem Alltag, die er interessant findet. Er macht seinen LeserInnen Entdeckungen zugänglich, die er ihnen in Form von Fotos, Filmen oder Audiodateien präsentiert. Abbildung 35: Robert Menasse beim Wandern mit Extrembergsteiger Reinhold Messner, https://www.facebook.com/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 207 Auf Fan-Seiten kann natürlich ebenfalls Privates inszeniert werden. Auch dafür kann Robert Menasse als Beispiel angeführt werden, der uns zum Beispiel regelmäßig Einblicke in die Hotelzimmer bzw. -betten gewährt, in denen er auf seinen Reisen übernachtet. Dies führt dazu, dass seine Fans immer wissen, wo Menasse sich gerade aufhält. Abbildung 36: Menasses Hotelzimmer in Triest, https://www.facebook.co m/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Unter Umständen werden jedoch auch falsche Fährten gelegt. Wenn beispielsweise Thomas Glavinic „Persönliches“ öffentlich preisgibt, geschieht dies nicht selten so überspitzt, dass es sich kaum um reale Informationen handeln kann. Durch diese Art der Inszenierung konstruiert er eine zumindest teilweise fiktive Identität, die nicht mit der realen Person Thomas Glavinic gleichgesetzt werden kann. Ähnliches ist auch in seinem Roman Das bin doch ich zu erkennen, in dem es auf den ersten Blick um Autobiographisches zu gehen scheint, bei dem es sich aber bei genauerer Betrachtung um Fiktion und Inszenierung 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 208 handelt. Leider sind die meisten der persönlichen Postings von Thomas Glavinic mittlerweile nicht mehr zugänglich. Auch Kristof Magnusson ist ein Autor, der gerne öffentlich bekannt gibt, wie er seine Zeit verbringt, ob es sich nun um einen Segelausflug oder um andere Erlebnisse handelt, die er unbedingt seinen LeserInnen vermitteln will. Aber auch Alltagsentdeckungen werden bei Magnusson, wie bei Martin Auer, festgehalten und gepostet. Abbildung 37: Magnusson beim Segeln, https://www.facebook.com/Krist of.Magnusson/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 209 Abbildung 38: Kristof Magnusson teilt mit, wie er seine Zeit verbringt. https://www.facebook.com/Kristof.Magnusson/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Die Performance im Mittelpunkt Inszenierungen dieser Kategorie zielen darauf ab, die Fans zu überraschen, zu erstaunen und zu verunsichern. Bei vielen Postings dieser Art stellt sich die Frage: „Wieso macht der Autor bzw. die Autorin das?“ Die Person des Künstlers bzw. der Künsterlin steht performativ im Mittelpunkt. Vor allem durch Fotos oder auch durch Kommentare werden die LeserInnen immer wieder mit neuen Skurrilitäten konfrontiert. Diese Form der Inszenierung zielt stark auf die Erregung von Aufmerksamkeit bzw. sogar auf Provokation ab. Die Absicht des Autors bzw. der Autorin kann durch die Muster seiner bzw. ihrer Postings rasch erkannt werden. 10.4.4. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 210 Abbildung 39: Sibylle Berg präsentiert sich in einer ungewöhnlichen Pose in Weimar. https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-257091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Sibylle Berg nutzt seit geraumer Zeit Facebook sehr intensiv zur Präsentation der eigenen Person. Sie postet täglich mehrfach im Social Network. Gerne veröffentlicht sie etwa Fotos als kleine Einblicke in ihr Leben, das durch Bergs Performance auf den Bildern häufig skurril anmutet. So zeigt sie etwa eine neue Reisetasche, in der sie selbst zusammengerollt liegt, präsentiert sich mit einer übertrieben erscheinenden Verneigungspose am „schönste[n] Ort in Weimar” oder deutet in einem Hotel einen ›Souvenir“-Diebstahl an. 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 211 Abbildung 40: Sibylle Berg zeigt ihren Leserinnen ihre neue Reisetasche und legt sich dazu hinein. https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-25709 1077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 212 Abbildung 41: Sibylle Berg suggeriert, dass Sie den Hotelmüllkübel stehlen will. https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-257091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Außerdem ‚neckt’ Sibylle Berg ihre LeserInnen immer wieder mit Aufnahmen der eigenen Person an teilweise schwer erkennbaren Orten und der Frage: „Wo bin ich?” Solche Fragen sind im Facebook-Marketing sehr beliebt, da auf diese Weise eine Kommunikation zwischen Post und Fan erzeugt und letzterer stärker an die Fanseite gebunden wird. 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 213 Abbildung 42: Wo bin ich I? https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-257 091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 43: Wo bin ich II? https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-25 7091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 214 Berg zeigt eine spezielle Art von Humor, die ebenfalls dazu geeignet ist, Aufmerksamkeit zu erzeugen. So scherzt sie beispielsweise darüber, dass ihr „neulich ein Penis gewachsen” sei, und illustriert dies mit einem gestellten Foto, auf dem etwas Spitzes unter ihrer Hose zu erkennen ist. Der Scherz passt auch zu ihrem aktuellen Buch, in dem es um die geschlechtlichen Verwirrungen eines Hermaphroditen geht. Abbildung 44: Sibylle Berg ist ein Penis gewachsen. https://www.faceboo k.com/Sibylle-Berg-257091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 215 Das Marketing im Mittelpunkt Es gibt auch Autorinnen und Autoren, die sich als Marketing-Experten erweisen. Sie posten fast täglich nach allen Regeln der Facebook-PR, weisen auf eigene Neuveröffentlichungen und Veranstaltungen hin, setzen Links zu Rezensionen etc. Im Vordergrund steht hier das professionelle Promoten hinsichtlich des literarischen Schaffens und der eigenen Person. Cornelia Travnicek postet häufig Aussagen darüber, was sie gerade macht. Man kann durchgehend mitverfolgen, wo sie ihre Arbeit als Schriftstellerin gerade hintreibt und welche kleineren oder größeren Erfolge sie feiert. Sie war beispielsweise zu den Tagen der deutschen Literatur / Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen und dokumentierte ihre Reise auf Facebook. Auch die Platzierung ihres Buches Chucks525 in einem Geschäft wird von Travnicek thematisiert und wohlwollend kommentiert. Sie ist offensichtlich damit zufrieden, zwischen Maja Haderlap und Peter Handke platziert worden zu sein. Cornelia Travnicek beantwortet auf ihrer Fanseite auch Fragen, beispielsweise die nach ihrem Arbeitsplatz. Sie tut dies, indem sie ein Foto postet und feststellt, dass sie bis jetzt keinen Arbeitsplatz hatte, aber es einmal damit probieren wolle. Abbildung 45: Travnicek freut sich über eine Rezension. https://www.fac ebook.com/corneliatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.4.5. 525 Travnicek 2012. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 216 Abbildung 46: Cornelia Travnicek kündigt eine Lesung an. https://www.f acebook.com/corneliatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 47: Travniceks Arbeitsplatz, https://www.facebook.com/corne liatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 217 Abbildung 48: Entdeckung in einer Buchhandlung. https://www.facebook .com/corneliatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Auch andere Autoren und Autorinnen, wie beispielsweise Olga Flor oder Jenny-Mai Nuyen, nutzen ihre Facebook-Fanseite vor allem für diese Zwecke. Aber auch Thomas Glavinic postet, wie schon erwähnt, nicht nur Links bzw. betreibt Inszenierung der eigenen Identität, er vermarktet ebenso seine Bücher und Veranstaltungen über Facebook. Meinungen im Mittelpunkt Manche SchriftstellerInnen setzen sich intensiv mit Politik und dem Weltgeschehen auseinander und wollen dieses Interesse auch auf Facebook zeigen. Aktuelle politische Ereignisse, Reisen zu politischen Veranstaltungen und sonstige Tätigkeiten, die mit der Weltanschauung 10.4.6 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 218 des Autors oder der Autorin zu tun haben, werden auf der Fanseite er- örtert. Somit steht in diesem Fall die Sicht des Autors oder der Autorin auf die Welt im Vordergrund. In der Regel jedoch kommt bei dieser Art der Inszenierung der Autor selbst als Person nicht zu kurz. Die öffentliche Zurschaustellung von Meinungen erregt auch eine gewisse Aufmerksamkeit. Robert Menasse soll als Beispiel für diese Art der Inszenierung dienen. Er verwendet Facebook unter anderem dazu, politische Statements abzugeben bzw. politische Texte zu veröffentlichen. Hierfür gebraucht er die sogenannte „Notiz-Funktion”, die es NutzerInnen ermöglicht, längere Texte zu verfassen und dann, beispielsweise auf der Fanseite, zu verlinken. Diese Texte können von Facebook-UserInnen kommentiert werden, was bisweilen zu hitzigen Diskussionen über das jeweilige Thema führt. Thematisch konzentriert sich Menasse auf die österreichische Politik und die EU, aber auch politische Aktionen von Studierenden werden von ihm unterstützt. Abbildung 49: Robert Menasse über die FPÖ, https://www.facebook.com /menasse (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 219 Abbildung 50: Robert Menasse war ein Unterstützer der Uni brennt Bewegung, https://www.facebook.com/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 51: Ein längerer Text über Europa und die EU, https://www.fa cebook.com/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Martin Auer erklärt auf Facebook seine Abneigung gegen die Todesstrafe oder kommentiert ironisch die Wahlwerbung der Österreichischen Volkspartei. Er nutzt Facebook auch, um Aufrufe zu starten oder offizielle Statements zu aktuellen Themen abzugeben. So wird beispielsweise seine Teilnahme an Demonstrationen in diesem Zusammenhang dokumentiert oder er verlinkt Zeitungsartikel und schreibt Kommentare dazu. Aber auch andere Themen, die in Österreich in den letzten Jahren ein viel diskutiertes Thema waren, etwa Migration bzw. Asyl, oder allgemeine Themen, etwa soziale Gerechtigkeit, sind bei ihm regelmäßig zu finden. Es gibt sogar längere Texte auf seiner Facebook-Fanseite, etwa einen zum Thema „WAS TUN GEGEN DEN RECHTSRUCK?“. 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 220 Abbildung 52: Martin Auer spricht sich gegen die Todesstrafe aus. https:/ /www.facebook.com/martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 53: Ein offener Brief an die Lebensmittelkette Hofer. https://w ww.facebook.com/martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10.4. Typologie der Autoren-Fanseiten auf Facebook 221 Abbildung 54: Ein ironischer Scherz über den Wahlkampf der ÖVP. https://www.facebook.com/martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). Ein weiterer österreichischer Autor, der gerne politische bzw. weltanschauliche Themen kommentiert, ist Franzobel. In seinen Postings ist eine provokative Grundstimmung auszumachen. Hier beispielsweise kritisiert er sich die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln.: Abbildung 55: Franzobel veröffentlicht ein ZORN-Manifest. https://www. facebook.com/Franzobel-64131098920/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 10 Die gesellschaftliche Bedeutung von Social Media 222 Zusammenfassung Die vorliegende Arbeit behandelt die Inszenierung von Autorinnen und Autoren in einem Medium, das noch recht jung ist. Das World Wide Web bietet viele und mit den Jahren der Weiterentwicklung immer mehr Varianten, sich dort zu präsentieren und zu inszenieren. Eine Fülle neuer Möglichkeiten, wie etwa Soziale Netzwerke oder spezielle Software, vereinfachen die Veröffentlichung im Internet. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Analyse von Autorenhomepages, eine relative frühe Form der Inszenierung im Internet, und von Facebook-Fanseiten, die seit über zehn Jahren zur (Selbst-)Präsentation genutzt werden. Diese beiden Formen haben gegenüber neueren Internetplattformen den Vorteil, dass man sie durch ihre lange Beständigkeit über einen größeren Zeitraum hinweg untersuchen kann. Wissenschaftliche Institutionen, wie etwa das Innsbrucker Zeitungsarchiv oder das Deutsche Literaturarchiv Marbach, helfen mit den Sammlungen ihrer Online-Archive (z.B. Autorenhomepages, digitale Literaturmagazine, Netzliteratur) dabei, auch inzwischen aus dem Internet verschwundene Internetpublikationen zu erforschen. Man kann am Ende dieser Arbeit auf alle Fälle feststellen, dass Autorinnen und Autoren das Internet in verschiedenster Weise nutzen. Zum Teil als Veröffentlichungsort für literarische Texte, zum Teil als Bühne für Inszenierungen bzw. Selbstinszenierungen und zum Teil für Meinungsäußerungen. In der vorliegenden Dissertation ist versucht worden, eine Typologie der gängigsten Formen von Inszenierungen, einerseits bei Homepages und andererseits bei Facebook-Fanseiten, zu erstellen. Ein Vergleich zeigt, dass die Themen, die sich auf den beiden Inszenierungsplattformen herausarbeiten ließen, in weiten Bereichen übereinstimmen. Der größte Unterschied besteht darin, dass AutorInnen Facebook-Fanseiten teilweise ähnlich wie private Facebook-Pages nutzen, d.h., dass sie dort sehr persönliche Einblicke in ihre Gedankenwelt und ihr Privatleben geben. 11 223 Als Grundlage für eine Theorie der Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet haben sich Überlegungen zur Postmoderne (oder reflexiven Moderne) als ergiebig erwiesen. Bei genauerer Betrachtung kann man sagen, dass die Entwicklung der aktuellen Form von Inszenierungen im Internet und vor allem in sozialen Netzwerken im Lebensstil der Postmoderne sowie in der zeittypischen Konstruktion der Identität von Subjekten wurzelt. Durch die veränderten Lebensumstände hat sich auch die Konstruktion der Identität gewandelt. Während die Moderne die Symptome des Zerfalls zwar erkannte, aber den Glauben an die „großen Erzählungen“ noch nicht aufgab, hat die Postmoderne die Aufteilung des Subjekts in ein multiples Ich weitgehend akzeptiert. Das Leben in der Postmoderne kann daher nicht mehr so stabil sein wie in den Jahrzehnten und Jahrhunderten davor. Der Verlust der ‚großen Erzählungen’, der mit Orientierungsverlust, Unklarheit und Risiken einhergeht, wird häufig als negatives Phänomen bzw. als Schicksal gesehen, dem man nicht entrinnen kann. Traditionelle Bindungen und Solidarität gibt es nicht mehr im gleichen Maß wie früher. Ein Gemeinschaftsgefühl, wie es bis in das 20. Jahrhundert üblich war, ist durch die postmodernen Lebensumstände kaum mehr möglich. Ohne feste Anhaltspunkte wird es immer schwerer, das eigene Leben zu ordnen und sich zu entscheiden, da die Wahlmöglichkeiten durch die heutige Pluralität von Lebensstilen stark gestiegen sind. Jeder bzw. jede Einzelne ist in zunehmendem Maß für sich selbst und sein Leben verantwortlich. Auch wenn die Probleme nicht zu leugnen sind, sollte man doch auch die andere Seite der Medaille betrachten: den Aspekt der Freiheit und die Möglichkeiten, die durch diese eröffnet werden. Die Zeit der und seit der Postmoderne (einen eingeführten Begriff für die Zeit danach gibt es noch nicht) weist eine starke Tendenz zur Demokratisierung auf, die ethische Fragen aufwirft, so dass es zwangsläufig zu Reibungspunkten kommt, die diskutiert werden müssen.526 Es gibt also nicht ein großes, allgemein gültiges Ziel bzw. ein großes Projekt, auf das unhinterfragt von allen hingearbeitet wird, sondern es gibt viele verschiedene Ziele und die Notwendigkeit, sich über deren Relevanz zu verständigen, wenn sie für eine Gruppe gelten sollen. 526 Vgl. Welsch 2002, S. 36 und Beck 1986, 161ff. 11 Zusammenfassung 224 Es ist nicht mehr klar bzw. klar vordefiniert, welche Rolle man in der Familie, in der Gesellschaft oder in seinem künstlerischen Gebiet einnimmt. Man kann also selbst mitbestimmen, wer man sein will. Daher kann man auch mehrere Rollen ausprobieren, Rollen wechseln oder bestimmte Rollen inszenieren. So kann beispielsweise ein Autor oder eine Autorin über mediale Kanäle und Auftritte in der Öffentlichkeit eine bestimmte Identität erzeugen und diese dort etablieren. Er kann sich als großer Literat, als schrulliger Eigenbrötler, als umgänglicher ‚Normalbürger’ oder – etwa durch Abwesenheit – als geheimnisvoll inszenieren. Das Internet, eine Begleiterscheinung der Globalisierung, hat die Welt in den letzten Jahrzehnten in allen Bereichen verändert. Die vorliegende Arbeit hat den Versuch unternommen, exemplarisch zu zeigen, dass und wie es auch die Selbstinszenierung bzw. die Möglichkeiten der Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren beeinflusst hat. So gibt es nun die Möglichkeit, Texte ohne Verlag und Druckkosten digital zu veröffentlichen und die eigene Person ins digitale Rampenlicht zu stellen. Heute muss sich ein Autor oder eine Autorin nicht mehr in HTML-Programmierung auskennen. Es gibt Anbieter, von denen die notwendige technische Infrastruktur zur Verfügung gestellt wird. Content Management Systeme (CMS) ermöglichen es, Texte mittels eines Web-Editors zu erstellen bzw. zu bearbeiten, von dem die HTML-Programmierung automatisch generiert wird. Aber auch Blog- Software oder Twitter bieten Schriftstellern und Schriftstellerinnen die Möglichkeit, Texte, Gedanken und Fotos problemlos auf der eigenen Homepage zu veröffentlichen. Der größte Vorteil des Internets für Autorinnen und Autoren liegt wohl in der Möglichkeit literarische Texte kostenlos einer größeren Anzahl von potentiellen LeserInnen zur Verfügung zu stellen. Diese neue Breitenwirksamkeit ist nicht vergleichbar mit Formen der Präsentation eigener Texte in der Zeit vor dem World Wide Web. Im digitalen Zeitalter muss man sich nur eine Plattform suchen, auf der man die Texte veröffentlichen kann und die möglichst gut von Literaturliebhabern auffindbar ist. So konnten einige AutorInnen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren bemerkenswerte Karrieren aufbauen, ohne durch einen Verlag entdeckt worden zu sein. Es wird nicht von Verlagsprofis ausgesucht, was der großen Zahl der LeserInnen gefallen 11 Zusammenfassung 225 könnte, sondern die LeserInnen selbst entscheiden, was ihnen gefällt und was nicht. Die Texte von AutorInnen, die LeserInnen gefallen, werden über das Internet durch die Weitergabe der Links verbreitet und können so eine wachsende Fangemeinde generieren. Somit ist es möglich, ganz ohne Verlag oder Literaturagenten einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Das Internet bietet auch viele Möglichkeiten, sich selbst zu vermarkten. Vor allem Soziale Netzwerke können dabei helfen, die eigenen Texte zu verbreiten. Auch die Entwicklung und weitere Verbreitung von E-Books und in der Folge von E-Book-Readern hat bewirkt, dass AutorInnen selbstbestimmt Ihre Werke publizieren können. Dies alles führt dazu, dass man eine stattliche Menge an symbolischem Kapital ansammeln kann. Allerdings ist immer die Frage zu stellen, inwieweit man auf diese Weise in ausreichender Weise Geld verdienen kann. Das Internet bietet zwar viele Möglichkeiten, sich als AutorIn sichtbar zu machen, allerdings ist dies meist nicht unbedingt mit monetärem Erfolg verbunden. Auch wenn man E-Books selbst verlegt, was mit geringem finanziellem Aufwand möglich ist, verdient man meist nicht genug Geld, um davon zu leben. Hier kommen wir an den Punkt, an dem es dann doch immer noch wichtig ist, dass ein Verlag, am besten ein renommierter mit viel symbolischem und ökonomischem Kapital, einem Schriftsteller bzw. einer Schriftstellerin einen Vertrag anbietet. Dies bringt dann auch eine entsprechende Entlohnung für die AutorInnen mit sich und vor allem auch eine gewisse Infrastruktur, die von SchriftstellerInnen schwer aufzubauen ist. Verlage schalten Anzeigen in entsprechenden Magazinen, sie organisieren Lesereisen und vor allem haben sie eigene Marketingabteilungen, die sich um die Vermarktung kümmern, was die AutorInnen in hohem Ausmaß entlastet und zusätzlich den Vorteil bietet, dass sich die SchriftstellerInnen verstärkt auf das Schreiben konzentrieren können. Natürlich ist es nicht falsch, wenn man sich trotzdem noch im Internet zusätzlich den eigenen Fans präsentiert, vor allem, weil dies auch auf eine viel persönlichere Weise geschehen kann. Selbstinszenierung ist für Autorinnen und Autoren ein wichtiger Weg zur Generierung von Aufmerksamkeit. Als KünstlerIn ist es sehr wichtig, einem größeren Publikum aufzufallen, damit man auch bekannt werden kann. Dies ist schon von jeher ein prägnanter Teil des 11 Zusammenfassung 226 AutorInnendaseins. Schon in Vorinternetzeiten haben sich Autorinnen und Autoren durch Selbstinszenierung stärker wahrnehmbar gemacht. Gleich ob es gestellte Fotos sind, die plakativ darstellen, wie der Autor bzw. die Autorin gesehen werden will (z.B. Thomas Mann, Bertolt Brecht), oder ob sie ihren eigenen Körper durch eigenwillige Kleidung in den Mittelpunkt stellen, wie etwa Else Lasker-Schüler, die mit ihrer orientalischen Transgenderkleidung für Furore sorgte. Auch Skandale, die eigene Biographie oder eine Inszenierung über Briefe, Tagebücher oder Paratexte sind möglich. Auch die Absenz von AutorInnen kann als Inszenierungsstrategie gesehen werden, die den Autor bzw. die Autorin umso interessanter macht. Die verschiedenen Inszenierungsvarianten, die im Internet zu finden sind, können unter anderem mit Begriffen der Theaterwissenschaft untersucht werden. Hier sind zusätzlich zum Inszenierungsbegriff selbst, der aus diesem Bereich stammt, die Performance, die Korporalität und die Wahrnehmung zu nennen, die wichtige Anknüpfungspunkte für die Analyse von Selbstinszenierung im Internet bieten. Vor allem der Begriff der Wahrnehmung schwingt bei jeder Untersuchung von Selbstinszenierung mit, da es dabei vor allem darum geht, wie man von seinem Publikum, in unserem Fall der Leserinnen und Leser, wahrgenommen werden will. Auch die genauere Betrachtung der postmodernen Gesellschaft und Bourdieus Habitus-Theorie haben sich als brauchbare Analysewerkzeuge dafür erwiesen, die Inszenierung bzw. Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren genauer unter die Lupe zu nehmen. Sowohl die Analyse von Homepages als auch Facebook-Fanseiten wurde auf dieser Grundlage vorgenommen und hat auch inhaltlich sehr ähnliche Kategorien von Selbstinszenierung ermitteln können. Diese Kategorisierungen bzw. Typologisierungen zeigen, was bei der Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren im Mittelpunkt stehen kann, d.h. auf welche Weise sich der Autor oder die Autorin in Szene setzt. Naheliegend wäre hier, dass Autorinnen und Autoren sich über Ihre Texte im Internet definieren. Dies ist auch der Fall, allerdings eher bei unbekannteren Autorinnen und Autoren. Renommierte SchriftstellerInnen, die bei bekannten Verlagen unter Vertrag stehen, veröffentlichen hingegen in der Regel in geringerem Ausmaß Texte auf ihrer Homepage. Man kann sagen, dass diese Form der Inszenierung wohl eher dazu dient, den eigenen Bekannt- 11 Zusammenfassung 227 heitsgrad zu steigern. Ist dieser in einem zufriedenstellenden Maß vorhanden, werden Texte nicht mehr kostenlos zur Verfügung gestellt. Eine Ausnahme ist Elfriede Jelinek, die, nachdem sie den Literaturnobelpreis bekommen hat und dadurch finanziell noch unabhängiger wurde, einen ganzen Roman auf ihrer Homepage veröffentlichte. Diesen Roman wollte sie als Statement verstanden wissen, dass sie nun unabhängig von Verlagen veröffentlichen könne, was sie wolle. Die Veröffentlichung von Meinungen zu politischen, kulturellen und sozialen Themen ist ebenfalls eine typische Form der Inszenierung von AutorInnen. Sie zeigen sich als kritisch und am Weltgeschehen interessiert. Auch hier ist wieder die Homepage von Elfriede Jelinek ein Beispiel, das vielen Literaturinteressierten bekannt ist. Auf ihrer Homepage findet man nicht nur Literatur, sondern auch Texte mit Jelineks Meinung über Politik. Wenn die Form der Literatur, für die ein Autor oder eine Autorin steht, mit Performance verbunden ist, wie etwa bei Poetry-SlammerInnen, dann liegt darauf auch der Schwerpunkt der Inszenierung im Web. Oft werden Homepage und Facebook-Fanseite als reines Marketinginstrument verwendet, um Termine oder neue Veröffentlichungen bekannt bzw. bekannter zu machen. Es gibt aber auch Autorinnen und Autoren, die ihr Privatleben in den Mittelpunkt ihrer Inszenierungsstrategie rücken. Diese verwenden die Fanseite ähnlich wie ein privates Facebook-Profil. Sie posten, was sie gerade machen, sie posten ihr Essen, ihre Urlaubsfotos etc. Diese Kategorien, die sehr tiefe private Einblicke gibt, findet sich nur auf Facebook. Auf Autorenhomepages finden sich kaum derart private Informationen. Facebookseiten werden für vieles genutzt. Aber unabhängig davon, ob sie privat gehalten sind oder als offensichtliches Marketinginstrument Verwendung finden, sind sie immer eine Form der Inszenierung. Für viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller steht dies vielleicht gar nicht so im Vordergrund. Die Facebook-Fanseite spiegelt ihre Interessen wider, sie wollen an ihr Publikum bestimmte Mitteilungen senden, die ihnen wichtig sind, oder sie haben ein Hobby oder ein Interesse, das sie auf Facebook zeigen wollen, wie etwa Peter Glaser, der seine Freude an Katzenfotos auf Facebook teilt. Allerdings wird durch die menschliche Seite, die auf diese Weise zeigt wird, Nähe und Authenti- 11 Zusammenfassung 228 zität inszeniert, die verkaufsfördernd sein kann und vielleicht auch sein soll. Facebook ist seit einigen Jahren aus der PR- und Marketing-Landschaft nicht mehr wegzudenken. Es hat den großen Vorteil für Autorinnen und Autoren, dass sie selbst bestimmen können, wie ihre Leserinnen und Leser sie sehen sollen. Weder Verlage, noch PressesprecherInnen oder AgentInnen sind hier zwischengeschaltet. AutorInnen können frei entscheiden, was veröffentlicht wird und wie er oder sie sich inszenieren will. Manche agieren professioneller, manche weniger professionell, manche sogar bewusst und scheinbar mit Absicht unprofessionell. Bei manchen stehen Marketingthemen im Vordergrund, bei manchen politische Aussagen. Alle nur denkbaren Spielarten sind möglich. Im Rahmen meiner Mitarbeit am FWF-Projekt Autorenhomepages am Innsbrucker Zeitungsarchiv (2011–2014) wurde ein Korpus an Autorenhomepages zusammengetragen, auf das ich meine Untersuchungen stützen konnte. Dies half mir, einen Überblick zu bekommen, wie Autorenhomepages aussehen können, welche Informationen sie beinhalten und welche SchriftstellerInnen überhaupt eigene Homepages betreiben. Im Zuge der Auswahl von Homepages für die vorliegende Arbeit konnte festgestellt werden, dass Autorinnen und Autoren das Internet sehr wohl nutzen, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß und bei weitem nicht alle. Es hat sich herausgestellt, dass vor allem bekannte Autorinnen und Autoren das Internet in einem recht geringen Ausmaß als Plattform für ihre Selbstinszenierung nutzen. Dies mag wohl bei vielen arrivierten SchriftstellerInnen auf das höhere Alter zurückzuführen sein. Für diese ist das Internet etwas Neues, mit dem umzugehen sie erst lernen bzw. dafür Hilfe in Anspruch nehmen mussten. Allerdings gibt es auch genug jüngere AutorInnen, die sich kaum oder nicht selbst im Internet präsentieren, da dies der Verlag für sie übernimmt. Offenbar ist ihnen eine Präsenz im Internet kein Anliegen. Jede Website kann für sich analysiert werden, doch gibt es natürlich Überschneidungen und thematische Ähnlichkeiten, die in dieser Arbeit als Kategorien aufgeführt sind. Das Internet hat zwar eine breitenwirksame Form der Selbstinszenierung leichter gemacht, allerdings sind die Themen, die sich in den Kategorien finden, nicht neu. Der 11 Zusammenfassung 229 historische Überblick über die Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren zeigt, dass auch früher schon AutorInnen sich und ihr Privatleben, etwa auf Fotos, ins Zentrum gerückt haben. Ebenso wurde das eigene literarische Werk schon früh von SchriftstellerInnen inszeniert, ebenso wie die Biographie oder das bewusste Sich-aus-der-Öffentlichkeit-Zurücknehmen. Was man aber auf alle Fälle sagen kann ist, dass Inszenierung durch das Internet mehr Aufmerksamkeit bei einer grö- ßeren Menge von Menschen generiert. Die vorliegende Arbeit soll eine Grundlage bieten, auf der man die Erforschung der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet weiterführen kann. Genauere Analysen von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten bieten sich in diesem Zusammenhang ebenso an wie die Anwendung der im Rahmen dieser Dissertation erstellten Typologie auf andere Internetplattformen wie etwa Instagram. Auch eine genauere Untersuchung der historischen Veränderungen der beiden analysierten Inszenierungsplattformen wäre wünschenswert und als Forschungsprojekt vermutlich sehr ergiebig. Da eine ständige Weiterentwicklung des Internets zu konstatieren ist, wird dieser Forschungsbereich wohl weiterhin wissenschaftlich von Interesse sein. Es würde sich auch ein Vergleich zwischen Offline- und Online- Inszenierung von Autorinnen und Autoren anbieten: Welche SchriftstellerInnen bevorzugen das Internet, welche eher eine Bühne mit Live- Publikum, welche inszenieren sich gerne in der Presse, welche durch Fotos? Auch eine Analyse der Verbindung von Biographie und Inszenierung in Online- und Offline-Medien wäre vielversprechend. Der historische Abriss über die Selbstinszenierung von AutorInnen zeigt, welch breites Spektrum in diesem Bereich vorliegt. Ein wesentliches Desiderat ist der Ausbau von wissenschaftlichen Sammlungen digitaler Inhalte. Wenn nicht rechtzeitig entsprechende Daten gesammelt und der Wissenschaft dauerhaft zur Verfügung gestellt werden, können später wichtige Formen der Inszenierung im Internet nicht mehr nachvollzogen werden. Dies wäre ein großer Verlust für die bereits erwähnten Archive, die einen wichtigen Teil der heutigen Literatur und auch der Literaturvermittlung aufgrund der Schnelllebigkeit des Internets nicht dokumentieren könnten, sowie für die wissenschaftliche Forschung. 11 Zusammenfassung 230 Literaturliste Verwendete Literatur Abels, Heinz: Identität, 2., überarbeitete und erweiterte Aufl., Wiesbaden 2010. Alsleben, Kurd / Eske, Antje (Hg.): NetzkunstWörterBuch, Hamburg 2001, URL: http://www.netzliteratur.net/idensen/lexikon.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Digitale Literatur, München 2001 (= Text+Kritik 152). Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Pop-Literatur, München 2003 (= Text+Kritik Sonderband). Arnold, Heinz Ludwig (Hg): Elfriede Jelinek, München 2007 (= Text+Kritik 117). Arnold, Heinz Ludwig (Hg): Rainald Goetz, München 2011 (= Text+Kritik 190). Assmann, Aleida / Assmann, Jan: Aufmerksamkeit. Archäologie der literarischen Kommunikation, München 2001. 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Weidenholzer, Anna: http://www.annaweidenholzer.at/autorin/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 12.3 12 Literaturliste 246 Facebook-Fanseiten Auer, Martin: https://www.facebook.com/martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). Bastei Lübbe: https://www.facebook.com/BasteiLuebbe/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Berg, Sibylle: https://www.facebook.com/Sibylle-Berg (letzter Zugriff: 18.8.2018). Flor, Olga: https://www.facebook.com/olgaflor.literatur/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Franzobel: https://www.facebook.com/Franzobel (letzter Zugriff: 18.8.2018). Glaser, Peter: https://www.facebook.com/peter.glaser (letzter Zugriff: 18.8.2018). Glavinic, Thomas: https://www.facebook.com/glavinic.thomas/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Hanser: https://www.facebook.com/HanserLiteraturverlage/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Magnusson, Kristoff: https://www.facebook.com/Kristof.Magnusson/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Menasse, Robert: https://www.facebook.com/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Moers, Walter: https://www.facebook.com/WalterMoers/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Nuyen, Jenny Mai: https://www.facebook.com/Jenny.Mai.Nuyen/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Obreht, Tèa: https://www.facebook.com/tea.obreht (letzter Zugriff: 18.8.2018). Oetinger: https://www.facebook.com/VerlagsgruppeOetinger/(letzter Zugriff: 18.8.2018). Random House: https://www.facebook.com/randomhouse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Rowohlt: https://www.facebook.com/rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Travnicek, Cornelia: https://www.facebook.com/corneliatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Zsolnay / Deuticke: https://www.facebook.com/ZsolnayDeuticke/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 12.4 12.4 Facebook-Fanseiten 247 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Stefan George und die Gebrüder Claus und Berthold von Stauffenberg (Quelle: akg-images) 67 Abbildung 2: Thomas Mann (Quelle: akg-images / Fritz Eschen) 68 Abbildung 3: Bertolt Brecht in Wohnung Speicherstraße (Quelle: akg-images) 69 Abbildung 4: Reinhart Döhls „apfel“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wik i/Datei:Doehl_apfel.jpg) 91 Abbildung 5: Text mit Lins aus der Hypertextstory „Zeit für die Bombe“ (Quelle: http://www.wargla.de/zeit.htm – letzter Zugriff: 18.8.2018) 93 Abbildung 6: Homepage von Walter Kappacher, http://www.walter-kappa cher.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 124 Abbildung 7: Homepage von Anna Weidenholzer, http://www.annaweide nholzer.at/autorin/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 124 Abbildung 8: Homepage von Térezia Mora, https://www.tereziamora.de/ 126 Abbildung 9: Homepage von Peter Clar, http://www.peterclar.at/ 127 Abbildung 10: Homepage von Michael Kleeberg, http://www.michaelkleeb erg.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 132 Abbildung 11: Homepage von Ulrike Draesner, Stand März 2015, http://w ayback.archive-it.org/2844/20150325105317/http://draesner.de/de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 133 Abbildung 12: Homepage von Frank Klötgen, http://www.hirnpoma.de/in dex.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) 134 249 Abbildung 13: Homepage von der Poetry Slammerin Mieze Medusa, Stand Oktober 2011, http://wayback.archive-it.org/2844/20111024072254 /http://www.miezemedusa.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 138 Abbildung 14: Startseite von Elfriede Jelineks Homepage, http://www.elfri edejelinek.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 139 Abbildung 15: Startseite von Elfriede Jelineks Roman Neid, https://www.el friedejelinek.com/fneid1.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 141 Abbildung 16: Homepage von Angelika Reitzer, Stand September 2013, http://wayback.archive-it.org/2844/20130910215257/http://www.angelika reitzer.at/?page_id=911 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 142 Abbildung 17: Blog von Angelika Reitzer, http://angelikaexpress.twoday.n et/ (letzter Zugriff: 20.7.2018). 143 Abbildung 18; Homepage von Cornelia Travnicek, https://www.corneliatr avnicek.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 144 Abbildung 19: Homepage von Sabine Gruber, http://www.sabinegruber.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 145 Abbildung 20: Verlagshomepage von Judith Hermann, http://www.judithh ermann.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 146 Abbildung 21: Vom Verlag erstellte Autorenhomepage von Julia Franck, http://www.juliafranck.de/site/julia_franck/interview (letzter Zugriff: 18.8.2018). 147 Abbildung 22: Pressestimmen auf der Homepage von Daniel Kehlmann, http://www.kehlmann.com/inhalt13.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 147 Abbildung 23: Homepage des Netzkünstlers kyon, https://metatrons.net/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 149 Abbildung 24: Bienen auf der Startseite der Homepage von Tim Krohn, https://timkrohn.ch/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 150 Abbildungsverzeichnis 250 Abbildung 25: Homepage von Anna Kim, http://annakim.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 151 Abbildung 26: Ein Link zu Fotos einer Lesung von Daniel Glattauer, https: //www.facebook.com/ZsolnayDeuticke/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 194 Abbildung 27: Link zu einem Artikel über die Kinderbuchautorin Kirsten Boie, https://www.facebook.com/VerlagsgruppeOetinger/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 194 Abbildung 28: Link zu einer Video-Reihe des Hanser Verlags, https://www .facebook.com/HanserLiteraturverlage/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 197 Abbildung 29: Nominierungen, https://www.facebook.com/rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 198 Abbildung 30: Link zur KrimiZeit-Bestenliste, https://www.facebook.com/ rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 199 Abbildung 31: Fernsehtipp – Eine Literaturverfilmung im ZDF, https://ww w.facebook.com/rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 199 Abbildung 32: Werbung für die Neuauflage eines Klassikers, https://www.f acebook.com/rowohlt/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 200 Abbildung 33: Téa Obreht kündigt einen Live-Auftritt an, https://www.fac ebook.com/tea.obreht (letzter Zugriff: 18.8.2018). 201 Abbildung 34: Ein Haiku von Martin Auer. https://www.facebook.com/ma rtin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). 206 Abbildung 35: Robert Menasse beim Wandern mit Extrembergsteiger Reinhold Messner, https://www.facebook.com/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 207 Abbildung 36: Menasses Hotelzimmer in Triest, https://www.facebook.co m/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 208 Abbildung 37: Magnusson beim Segeln, https://www.facebook.com/Kristo f.Magnusson (letzter Zugriff: 18.8.2018). 209 Abbildungsverzeichnis 251 Abbildung 38: Kristof Magnusson teilt mit, wie er seine Zeit verbringt. https://www.facebook.com/Kristof.Magnusson (letzter Zugriff: 18.8.2018). 210 Abbildung 39: Sibylle Berg präsentiert sich in einer ungewöhnlichen Pose in Weimar. https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-257091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 211 Abbildung 40: Sibylle Berg zeigt ihren Leserinnen ihre neue Reisetasche und legt sich dazu hinein. https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-257091 077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 212 Abbildung 41: Sibylle Berg suggeriert, dass Sie den Hotelmüllkübel stehlen will. https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-257091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 213 Abbildung 42: Wo bin ich I? https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-2570 91077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 214 Abbildung 43: Wo bin ich II? https://www.facebook.com/Sibylle-Berg-257 091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 214 Abbildung 44: Sibylle Berg ist ein Penis gewachsen. https://www.facebook. com/Sibylle-Berg-257091077121/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 215 Abbildung 45: Travnicek freut sich über eine Rezension. https://www.face book.com/corneliatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 216 Abbildung 46: Cornelia Travnicek kündigt eine Lesung an. https://www.fa cebook.com/corneliatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 217 Abbildung 47: Travniceks Arbeitsplatz, https://www.facebook.com/corneli atravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 217 Abbildung 48: Entdeckung in einer Buchhandlung. https://www.facebook. com/corneliatravnicek/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 218 Abbildung 49: Robert Menasse über die FPÖ, https://www.facebook.com/ menasse (letzter Zugriff: 18.8.2018). 219 Abbildungsverzeichnis 252 Abbildung 50: Robert Menasse war ein Unterstützer der Uni brennt Bewegung, https://www.facebook.com/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 220 Abbildung 51: Ein längerer Text über Europa und die EU, https://www.fac ebook.com/Robert.Menasse/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 220 Abbildung 52: Martin Auer spricht sich gegen die Todesstrafe aus. https:// www.facebook.com/martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). 221 Abbildung 53: Ein offener Brief an die Lebensmittelkette Hofer. https://ww w.facebook.com/martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). 221 Abbildung 54: Ein ironischer Scherz über den Wahlkampf der ÖVP. https: //www.facebook.com/martin.auer (letzter Zugriff: 18.8.2018). 222 Abbildung 55: Franzobel veröffentlicht ein ZORN-Manifest. https://www.f acebook.com/Franzobel-64131098920/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 222 Abbildungsverzeichnis 253

Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.

References

Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.