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6 AutorInnen und das Internet in:

Elisabeth Sporer

(Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten, page 89 - 108

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4344-8, ISBN online: 978-3-8288-7255-4, https://doi.org/10.5771/9783828872554-89

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
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AutorInnen und das Internet Technologische Neuerungen im Bereich des Schreibens haben schon immer einen gewissen Reiz auf Autorinnen und Autoren ausgeübt. Manche lehnen zwar eine neue Form des Schreibens prinzipiell ab, aber es gibt eine beträchtliche Zahl von Autorinnen und Autoren, die die Faszination des Neuen für sich entdecken und dadurch auch neue Formen der Literatur und des Schreibens entwickeln. Während manche AutorInnen heute noch mit der Schreibmaschine arbeiten, nutzen andere schon lange das Internet zur Verbreitung ihrer Texte und erforschen neue Mittel des literarischen und künstlerischen Ausdrucks und experimentieren mit ihnen. Die Produktion von Texten war von jeher geprägt von der Art der schriftlichen Fixierung. Von der Keilschrift über die Feder bis hin zu Schreibmaschine bzw. heute zum Computer wirkte sich die Art und Weise, wie Texte produziert wurden, ob handschriftlich oder maschinell, ob mit Feder oder Tastatur, auf Themen, Möglichkeiten der Textproduktion sowie auf die künstlerische Produktion aus.291 So merkt Simanowski diesbezüglich zu Veränderungen der Produktion durch die Verwendung des Computers an: Aber schon der nichtvernetzte, noch ganz auf das Wort reduzierte Computer hat unsere Schriftkultur verändert. Das Copy-und-Paste-Verfahren ermöglicht eine andere Textproduktion, als sie das weiße Blatt Papier auf der Tischplatte oder in der Schreibmaschine verlangt. Die problemlose Korrektur, Umstellung und Vervielfältigung von Textsegmenten verführt zum spontanen Schreiben ohne Konzeption, was den auf diese Weise entstandenen Text schließlich an Duktus und Gesamtentwurf abzulesen sein mag und ihnen schon die Bezeichnung ‚fast-food-prose’ einhandelte.292 In der Folge führte das Internet zu noch viel gravierenderen Veränderungen in der Produktion und Rezeption von Texten. Es ist nun mög- 6 291 Vgl. Kittler 2003. 292 Simanowski 2002, S. 10. 89 lich, alleine im stillen Kämmerlein Texte zu produzieren, diese aber trotzdem über Plattformen im Internet diskutieren zu lassen. Weiters wird es leichter möglich, Gemeinschaftsprojekte zu gründen, die nicht von einer geografischen Nähe der Beteiligten abhängig sind. Außerdem ist es nun technisch gesehen einfacher, grafisch mit Text zu spielen, etwa in der Art, wie es schon im Dadaismus üblich war.293 Beispiele hierfür werden später näher erläutert. Die Möglichkeiten, Texte zu gestalten und zu erzählen, werden durch das neue Medium stark erweitert. Autorinnen und Autoren erkannten schon sehr früh die Vorteile und Möglichkeiten des Internets. Einerseits stellt dieses eine Plattform dar, die es erlaubt, Texte auch ohne Verlag zu veröffentlichen und einem größeren Publikum verfügbar zu machen, andererseits eröffnet das neue Medium auch neue kreative Wege. So entstanden Projekte, die über das reine Veröffentlichen von Texten hinausgingen. Das neue Medium Internet bietet bisher unvorstellbare Möglichkeiten: Die Entwicklung der digitalen Medien und die Etablierung des Internet als neues Leitmedium haben die herrschenden Kulturformen bereits grundlegend verändert und werden damit auch in Zukunft fortfahren. Ein Beispiel dafür ist die Briefkultur, die in der Email einen Nachfolger gefunden hat, der sie zugleich bis zur Unkenntlichkeit verwandelt: spontane, kurze Reaktionen, durchsetzt mit Zitaten aus der Eingangspost und Emoticons, die Ironie graphisch anzeigen, statt sie zwischen den Zeilen wirken zu lassen.294 Die Struktur der im Internet veröffentlichten Literatur hat neue Freiheiten beim Umgang mit dem Text, aber auch neue Probleme mit sich gebracht. Wenn man das Medium mit seinen neuen Chancen nutzen will, muss man sich von herkömmlichen Vorstellungen von Literatur lösen und neue Wege beschreiten. Das wohl wichtigste Kennzeichen des Internets ist seine Hyperlinkstruktur. Dies bedeutet, dass man durch Verlinkungen ganz neue, nicht lineare Texte produzieren kann. Dies ist für die herkömmliche Literatur kaum denkbar, zumindest in der Form, in der dies im Internet oder mit Computern möglich ist. Zwar könnte man mit Verweisen auf vorher oder nachher stehende Seiten arbeiten; das Vor- bzw. Zurückblättern ist allerdings in einem gedruckten Werk nicht wirklich gut handhabbar. Im Internet ist diese 293 Vgl. Schäfer/Riha 1994. 294 Simanowski 2002, S. 9f. 6 AutorInnen und das Internet 90 Form des Verweisens durch ein verlinktes Wort bzw. Bild, das nur angeklickt werden muss, also durch die Hypertextstruktur, bei Weitem einfacher zu gestalten. Durch das Medium wird es aber auch wichtig, Bilder und Gestaltung der einzelnen Webseiten in das Werk mit einfließen zu lassen. Da es ein bildliches Medium ist, das nicht nur vom geschriebenen Text lebt, muss man sich für eine bestimmte grafische Gestaltung entscheiden, die den Inhalt des Werks unterstreicht. Es kommt hinzu, dass das Internet auch die Möglichkeit bietet, den Text so zu programmieren, dass es zu Bewegungen des Textes oder der Bilder in Form von kleinen Filmen oder anderen Gestaltungsvarianten kommt, welche die Literatur in einem neuen Licht erscheinen lassen und die Inhalte unterstützen. Die Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Medium sind nur durch die technischen Gegebenheiten bzw. Programmierkenntnisse eingeschränkt. Wenn man auf die Geschichte der literarischen Formen zurückblickt, kann man diese literarische neue Kunstform am ehesten mit der Konkreten Poesie vergleichen, die ebenfalls mit der Bildlichkeit und dem Layout des Textes spielt. Direkt Bezug auf die Konkrete Poesie nimmt Johannes Auer mit seinem animierten Wurm im Apfel – „worm applepie for doehl“295. Er hat sich das Apfelgedicht von Reinhard Döhl296 zum Vorbild genommen und das Bild noch um die Animation des Wurms erweitert, der den Apfel auffrisst. Abbildung 4: Reinhart Döhls „apfel“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wi ki/Datei:Doehl_apfel.jpg) 295 https://auer.netzliteratur.net/worm/wurm.gif (letzter Zugriff: 18.8.2018). 296 https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Doehl_apfel.jpg (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 91 Durch die Möglichkeit der Verlinkung wird der Leser bzw. die Leserin in die Literatur miteingebunden. Jede und jeder kann sich selbst entscheiden, wie er oder sie sich im Text fortbewegt, da der Text nicht mehr klar linear strukturiert sein muss. Hier ist der literarische Text so konzipiert, dass es mehrere Wege gibt, seinen Inhalt zu lesen und zu erforschen. Allerdings ist der Leser oder die Leserin nicht gänzlich frei. Hypertext ist so gestaltet, dass er Optionen anbietet, die dann genutzt werden können. Diese Optionen sind aber vorgegeben, d.h., dass es der Autor bzw. die Autorin immer noch in der Hand hat, wie der Text rezipiert wird. Ein sehr gelungenes Projekt stellt hier beispielsweise das Werk Zeit für die Bombe297 dar: Susanne Berkenheger hat mit Zeit für die Bombe ein dichtes hypertextuelles Netzwerk geschaffen, das sich aus beinahe 100 einzelnen Textelementen zusammensetzt und den Leser zu einer abenteuerlichen Suche nach einer verlorenen Bombe einlädt. Geschickt setzt die Autorin die im Hypertext vorhandenen Möglichkeiten ein und überrascht den Leser mit unerwarteten Wendungen und originellen Einfällen.298 Es gibt mehrere Protagonisten und Protagonistinnen, aus deren Blickwinkeln die Geschichte erzählt wird. Man braucht mehrere Durchgänge, um die Verhältnisse zwischen den Figuren zu verstehen. Die Erzählweise wechselt zwischen Passagen, bei denen sich der Leser oder die Leserin nicht einbringen kann und sich der Geschwindigkeit des Textes am Bildschirm anpassen muss, und Teilen, bei denen man selbst aktiv die Geschichte weiterführen muss, indem man auf einen Link klickt bzw. einen von mehreren angebotene Links auswählen muss. Die Links verstecken sich hinter Wörtern bzw. Zeichen, die einen immer einen Schritt weiter führen oder manchmal auch einen zurück. Es kann passieren, dass man in einer Schleife immer wieder zu den gleichen Passagen zurückkehrt und sich wieder neu entscheiden kann bzw. muss, wenn man in der Geschichte auf Neues stoßen will. Manche Textpassagen werden immer wieder aufs Neue angezeigt, damit man sich, wenn man will, auch für einen neuen Weg (bzw. Link) entscheiden kann. 297 http://www.wargla.de/zeit.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 298 http://literatur-im-netz.dla-marbach.de/bsz336491255.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 92 Abbildung 5: Text mit Lins aus der Hypertextstory „Zeit für die Bombe“ (Quelle: http://www.wargla.de/zeit.htm – letzter Zugriff: 18.8.2018) Das Motiv der tickenden Bombe und das Thema der Zeit, die zu schnell verfliegt, kommen immer wieder vor. Dies wird zusätzlich durch blinkenden Text unterstrichen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass der Rezipient bzw. die Rezipientin sich auf dieses ‚Spiel‘ einlässt. Er oder sie muss gewillt sein, selbst das Geschehen voranzutreiben und sich für eine Variante zu entscheiden. Somit wird der Leser bzw. die Leserin in das Fortschreiten des Textes miteingebunden. Das Arbeiten im Netz hat aber auch weitere Entwicklungen mit sich gebracht. Es wurde nicht nur möglich, Leser und Leserinnen in den Text miteinzubeziehen, sondern es wurde auch einfacher, kollaborative Projekte mit anderen Autoren und Autorinnen zu realisieren. Ein Beispiel hierfür ist das Mitschreibprojekt Beim Bäcker299 von Clau- 299 http://www.claudia-klinger.de/archiv/baecker/index.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 93 dia Klinger. Suter beschreibt das zwischen 1996 und 2000 entstandene Projekt folgender Maßen: Die insgesamt 38 Folgen der Geschichte wurden von 24 Autoren verfasst, wovon einige auch nur mit Pseudonym unterschrieben. Es entstand ein spannendes Hin und Her, das viel über die Gruppendynamik der beteiligten Autoren aussagte, die sich taktisch mit Veränderungen einzelner Charaktere gegeneinander zur Wehr setzten.300 Diese Art der Textproduktion hat es an sich, dass natürlich nicht alle Aspekte, die eingeführt, auch weitergeführt bzw. zu einem Ende gebracht werden. Dies führte auch zu Kritik am Projekt, wie sie Roberto Simanowski im Folgenden zusammenfasst: Wenn Hans Peter Müller das Gemeinschaftsprojekt als solches mit Erotik vergleicht, weil Energien fließen und Menschen sich näher kommen, ist andererseits auch von Verstümmelung zu reden. Das Projekt wimmelt nur so von blutigen Textstümpfen, die keiner versorgt. Alle hinterlassen sie ihre Beiträge mit Ereignissen, die, so meint man, nach der 'Werbepause' unbedingt aufgelöst werden müssen. Keiner kümmert sich richtig darum. Diese hartnäckige Ignoranz macht das Kollektivprojekt schließlich zu einem Tummelplatz der Egoisten.301 Auch wenn es diese berechtigte Kritik gibt, bleibt die Frage, ob das Projekt auf diese Art der Vollständigkeit überhaupt abzielte bzw. abzielen kann. Klar ist jedenfalls, dass dieses Projekt durch seine Pionierarbeit weithin bekannt und dadurch auch kanonisiert wurde. Man kann Webseiten im Internet von jedem Computer der Welt aus bearbeiten, was die Zusammenarbeit sehr erleichtert. Es gibt keine räumlichen Barrieren bzw. keinen Post- und nicht einmal einen E-Mail-Aufwand für den Austausch von Texten. Aus diesem Grund wurde das Internet auch als neue Möglichkeit gesehen, Literatur im Kollektiv zu produzieren. Es ergibt sich die Chance, Texte durch die Zusammenarbeit mehrerer Schreibender entstehen zu lassen, sodass ein eigenständiges, nicht einem einzelnen Autor bzw. einer einzelnen Autorin zuordenbares Werk entsteht. Der Autor bzw. die Autorin tritt also zu Gunsten des Textes in den Hintergrund. So meint auch Hartling, dass es zu einer Marginalisierung des Autors im Internet kommen kann: 300 Suter 2001, S. 16. 301 Simanowski, http://www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/15-Feb/index3.ht m (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 94 Technisch sind Konzeptionen möglich, in denen sich die Autoren stärker selbst zurücknehmen können oder vielmehr ihr Verschwinden besonders inszenieren. Auch dies ist im Netz ausgeprägter möglich, was als „schwache“ Autorschaft bezeichnet wird. Die Marginalisierung vollzieht sich jedoch gerade nicht in der völligen Verabschiedung des Autorschaftskonzeptes, denn das ist ja - wie oben ausgeführt - im Internet überhaupt nicht möglich. Stattdessen vollzieht sie sich die Auffächerung der Autorfunktionen auf viele verschiedene Instanzen.302 Ein Problem dieser Form von Literatur im Internet besteht allerdings darin, dass derartige Projekte immer auch von technischen Voraussetzungen abhängen. Wenn diese veraltet sind bzw. nicht mehr zur Verfügung stehen, ist es nur mehr schwer möglich, die Texte zu rezipieren. Um diese weiterhin zugänglich zu machen, muss man sie regelmäßig konvertieren, was meist einen großen technischen Aufwand darstellt. Daher sind bzw. waren solche Projekte im Internet nur auf Zeit zu finden. Das Problem des Verschwindens von Internetseiten ist in diesem Fall besonders gravierend. Diese Form der Literatur, auch Netzliteratur genannt, die vor allem in den 90er und frühen 2000er Jahren publiziert wurde, ist heute zum größten Teil nicht mehr zugänglich. Aus diesem Grund gibt es Bestrebungen, derartige Projekte auf eine Weise zu archivieren, die es der Wissenschaft ermöglicht, weiterhin darauf zurückgreifen.303 Ein weiteres Problem stellt die unüberschaubare Menge von Websites im Internet dar. Der Umstand, dass Texte dort problemlos publiziert werden können, führt einerseits dazu, dass sehr viele Schreibende Texte dort veröffentlichen, und in der Folge andererseits zu einer äu- ßerst heterogenen Qualität der Werke. Dies kann einen Vorteil und einen Nachteil darstellen. Simanowski meint hierzu: 302 Hartling, http://www.dichtung-digital.org/2009/Hartling/index.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018) 303 Beispiele: DLA Marbach: Netzliteratur authentisch archivieren und verfügbar machen, https://wwik.dla-marbach.de/line/index.php/Hauptseite (letzter Zugriff: 18.8.2018); Universität Siegen: Literatur in Netzen/Netzliteratur, http://www.fk615.uni-siege n.de/de/teilprojekt.php?projekt=B6 (letzter Zugriff: 18.8.2018); Universität Innsbruck: DILIMAG, https://iza-server.uibk.ac.at/dilimag/homeCon tent.jsf (letzter Zugriff: 18.8.2018) und Autorenhomepages, https://iza-server.uib k.ac.at/autorenhomepages/homeContent.jsf (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 95 Die Leser stehen einem Überangebot an mittelmäßigen bis schlechten Texten gegenüber und wünschen sich – wenn der Anbieter nicht gerade Stephen King heißt – oft Evaluationsformen auch im Internet.304 Diese Tatsache hat zur Folge, dass Leser und Leserinnen sich meist selbst überlassen sind und sich durch große Mengen von Texten arbeiten müssen, um herauszufinden, was für sie interessant ist und was nicht. Diese unüberschaubare Vielzahl von literarischen Texten bzw. Projekten im Internet sowie die ‚anarchistische‘ Vorgangsweise, diese an vielen verschiedenen Stellen zu veröffentlichen, hat zur Folge, dass es im Internet grundsätzlich keine Vorauswahl und keine literarische Wertung wie beim herkömmlichen Verlagswesen gibt. Jeder bzw. jede kann publizieren, was er bzw. sie veröffentlichen möchte. Die hier angeführten Möglichkeiten, Literatur im Internet bzw. Digitale Literatur zu präsentieren, teilt man in der Forschung in zwei Kategorien ein:305 – einerseits die „Literatur im Netz“, die der herkömmlichen in gedruckten Werken sehr ähnlich ist, – und andererseits die „Netzliteratur“, welche die Möglichkeiten des Internets dezidiert nützt. Netzliteratur Mit Netzliteratur ist jene Art von Texten gemeint, die sich die Besonderheiten des Internets zunutze machen und so eine ganz neue Form von Literatur darstellen.306 Durch die Hypertext-Struktur von Internetseiten entstehen neue Arten von Texten. Es handelt sich dabei nicht mehr um lineare, wie in Printmedien, sondern um solche, die ganz anders und flexibel aufgebaut werden: Diese Literatur besteht aus Wörtern, die sich bewegen, ihre Farben und Bestandteile ändern und, wie ‚Schauspieler aus Buchstaben’, ihren zeitlich programmierten Auftritt haben. Diese Literatur ist mitunter unabge- 6.1. 304 Simanowski 2002, S. 12. 305 Vgl. Hartling 2002, https://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_h andlungsrollen_dispositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 306 Hartling 2002, https://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handl ungsrollen_dispositiv.htm#zweidrei (letzter Zugriff: 18.8.2018) 6 AutorInnen und das Internet 96 schlossen und gleicht eher einer Performance, einem andauernden Ereignis als einem fertigen Werk. Diese Literatur ist hypertextuell, interaktiv und multimedial.307 Durch das Verlinken von Wörtern, Bildern etc. kann der Leser bzw. die Leserin selbst entscheiden, welchem Weg er oder sie folgen will. So kann z.B. ein und dieselbe Geschichte mehrere Handlungsverläufe und verschiedene alternative Enden anbieten. Außerdem ist es möglich, die Literatur mit multimedialen Elementen, wie Animationen, Videos oder Musik, anzureichern. Eine Besonderheit der Netzliteratur besteht auch darin, dass hier der Autor /die Autorin oft in den Hintergrund und der Leser bzw. die Leserin in den Vordergrund tritt. Der Autor bzw. die Autorin bereitet nur ein Umfeld vor, in dem der Rezipient oder die Rezipientin eigene Geschichten entwickeln kann. Das Beispiel Zeit für die Bombe, das weiter oben genannt wurde, entspricht diesem Prinzip. Durch die verschiedenen, durch die Hypertextualität ermöglichten Verlinkungen entsteht auch ein ganz neues Verständnis von Autorschaft. So meint Florian Hartling: „Der Leser selbst ist nicht mehr auf die passive Rezipientenrolle zurückgeworfen, sondern dazu angehalten, sich kritisierend und schreibend in den Diskurs einzumischen.“308 Stilmittel, die das Internet als Medium der Literatur zusätzlich attraktiv machen, sind laut Roberto Simanowski vor allem Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung.309 Interaktivität meint nach Simanowski die „Teilhabe des Rezipienten an der Konstruktion des Werkes".310 Der Leser oder die Leserin ist bei dieser Literatur aktiv beteiligt, da er sich durch den Hypertext durchnavigieren und Entscheidungen treffen muss und so den Verlauf der Geschichte bestimmt. Intermedialität bedeutet, dass Text mit Bildern bzw. bewegten Bildern und Ton verschmolzen wird. Dies führt zu einer neuen Ästhetik der Literatur, die in dieser Form nur durch Technik erzeugt werden kann. Der 307 Simanowski 2002, S. 14. 308 Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 309 Die folgenden drei Punkte sind übernommen von Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 310 Simanowski 2002, S. 18. 6.1. Netzliteratur 97 letzte Punkt, die Inszenierung, meint in diesem Zusammenhang nach Simanowski, dass bei Netzliteratur „die Programmierung einer werkimmanenten bzw. rezeptionsabhängigen Performance"311 möglich ist. Das Verhalten von Text, Animationen oder auch Bildern kann durch spezielle Formen der Programmierung gesteuert werden, was zu einer Inszenierung führt, die mit einer Kunstperformance bzw. einer Theateraufführung vergleichbar ist. Die Literatur wird im Netz als Performance präsentiert, wobei der Text selbst in den Hintergrund tritt, um den neuen medialen Möglichkeiten Platz zu machen. Heiko Idensen beschreibt dies folgendermaßen: Online-Texte glänzen weniger durch stilistische und rhetorische Figuren oder den Gebrauch metaphorischer Formulierungen, sondern eher durch kontextbezogene Aktivitäten, durch Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Ebenen, Querverbindungen, Schnelligkeit des Austausches – sie thematisieren den Raum zwischen verschiedenen Text-Fragmenten – inszenieren und bearbeiten intertextuelle Strukturen.312 Durch die Kombination dieser drei Stilmittel entsteht die neue Form eines Gesamtkunstwerks, die sich von der traditionellen Verbindung Text-Grafik (Print) oder Bild-Ton (Audiovision) absetzt. Um die verschiedenen Arten von Netzprojekten aufzuzeigen, soll im Folgenden Florian Hartlings Modell313 vorgestellt werden, das vier Arten von Netzliteratur beschreibt, die zum größten Teil auf Roberto Simanowskis Studien in seiner Publikation Interfictions basieren: Erstens gibt es „Hypertext-Projekte“314. Diese basieren noch weitgehend auf der herkömmlichen Textproduktion. Textelemente werden hier lediglich durch Hyperlinks miteinander vernetzt, so dass eine asynchrone Rezeption forciert wird; es wird allerdings die bildliche Ebene noch nicht miteinbezogen. Ein Beispiel hierfür ist Martin Auers Lyrikmaschine315, die aus einer Sammlung von Gedichten besteht, in denen einzelne Wörter Hyperlinks zu anderen Gedichten enthalten. Immer wenn man auf einen Hyperlink klickt, wechselt man zu einem neuen 311 Simanowski 2002, S. 18. 312 Idensen 1995. 313 Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 314 Ebd. 315 http://www.martinauer.net/lyrikmas/_start.htm 6 AutorInnen und das Internet 98 Gedicht. Die zweite Art nennt Hartling „Hyperfiction“316. Diese ist strukturell dem Hypertext sehr ähnlich, der einzige Unterschied besteht darin, dass er nicht im Internet präsentiert, sondern auf Disketten gespeichert und verbreitet wird. Diese Form der Literatur wurde schon vor der allgemeinen Öffnung des Internets erzeugt und mit Hilfe der Software Storyspace317 erstellt. Diese ist immer noch im Internet zu finden und wird auf der Produkthomepage folgendermaßen beschrieben: Storyspace excels at creating rich hypertext structures. The unique and powerful Storyspace map shows each hypertext writing space and each of its links. Because writers can add, link, and reorganize by moving writing spaces on the map, Storyspace encourages creative exploration and flexibility.318 Somit kann man feststellen, dass das Internet den Hypertext zwar nicht exklusiv verwendet, aber die Nutzung stark vorangetrieben hat. Als dritte Kategorie wird die multimediale Literatur vorgestellt, bei der Medien Text, Bild, Ton und Film nebeneinander verwendet werden. Hartling meint zu dieser Art der Literatur: „Der Leser kann am stärksten in das Projekt eingreifen, dabei wird der reine Text zugunsten der anderen Medien zurückgedrängt.“319 Es entsteht also eine Form von Literatur, die auch die Bild- und Bewegungsebene intensiv miteinbezieht und so eine ganz neue Art des Erzählens entwickelt. Und schließlich nennt Hartling noch die „computergenerierte Literatur“320, die sich wesentlich von den anderen Kategorien dadurch abhebt, dass sie nicht ein rein vom Menschen geschaffenes Werk meint, sondern Literatur, die mit Hilfe von eingegebenen Satz- bzw. Gedichtstrukturen oder auch Wörtern, die der Leser bzw. die Leserin vorgibt, automatisch erstellt wird. Allerdings kritisiert Hartling hier: 316 Vgl. Suter 2000 bzw. Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm, 2002 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 317 http://www.eastgate.com/storyspace/index.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 318 Ebd. 319 Hartling 2002, http://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handlungsrollen_disp ositiv.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 320 Ebd. 6.1. Netzliteratur 99 Dass die literarische Qualität der vorliegenden Projekte zu wünschen übrig lässt, dürfte mit der mangelnden technischen Kompetenz der Autoren sowie deren beschränkten zeitlichen und finanziellen Ressourcen zusammenhängen. Bislang sind alle entsprechenden Projekte bestenfalls als Experiment, meist jedoch als blanke Spielerei einzustufen.321 Die letzte Variante der sogenannten Netzliteratur sind „kollaborative Schreibprojekte“322 wie beispielsweise das schon zuvor erwähnte Projekt Beim Bäcker von Claudia Klinger. Hier wird jedem oder jeder bzw. bestimmten eingeladenen Personen die Möglichkeit geboten, an einem großen Gesamtwerk mitzuschreiben. Die Initiatoren solcher Projekte sind bzw. waren oft weniger als Autor bzw. als Autorin zu sehen, sondern mehr als Moderator bzw. Moderatorin, der bzw. die das Geschehen im Hintergrund beobachtet und begleitet. Solche Projekte werden selten abgeschlossen und können ständig erweitert oder verändert werden. Auch wenn kollaborative Schreibprojekte die Besonderheiten des Internets durch die Möglichkeit nutzen, zusammen an einem Werk zu arbeiten, ist diese Form der Netzliteratur meist nur textbasiert, da die kommunikativen Dienste früher nur diese Form anboten. Andererseits ermöglichte sie auch AutorInnen mit geringeren technischen Kenntnissen eine Mitarbeit. Der Reiz der kollaborativen Arbeit im Internet war zu Beginn wohl größer als heute, diese Art von Netzliteratur ist inzwischen weitgehend aus dem Internet verschwunden. Dankenswerter Weise gibt es aber Bestrebungen, Netzliteratur zu archivieren. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach sammelt Netzliteratur und versucht sie so aufzuarbeiten, dass sie auch heute noch zugänglich ist.323 Literatur im Netz Die zweite Art von Literatur, die im Internet verbreitet wird, nennt man Literatur im Netz.324 Es wurde nämlich nicht nur das künstlerische und innovative Potential des Internets genutzt, sondern auch sei- 6.2. 321 Ebd. 322 Ebd. 323 https://www.dla-marbach.de/bibliothek/literatur-im-netz/netzliteratur/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 324 Hartling 2002, https://www.netzliteratur.net/hartling/netzliteratur_begriff_handl ungsrollen_dispositiv.htm#zweizwei (letzter Zugriff 18.8.2018) 6 AutorInnen und das Internet 100 ne Möglichkeit, ohne größere Hürden Texte zu veröffentlichen, vor allem durch die Einführung von CMS-Systemen und Layout-Vorlagen, sogenannten Templates.325 Diese erlaubten auch Schreibenden ohne Programmierkenntnisse die Nutzung des Internets als Publikationsplattform, was dazu führte, dass die Zahl von online veröffentlichten Publikationen stark anstieg. Jede und jeder kann im Internet publizieren, nicht zuletzt AutorInnen, die bei Verlagen kein Glück oder gar nicht die Absicht haben, Texte in einem Verlag zu veröffentlichen. Es haben sich bis heute viele Plattformen herausgebildet, auf denen man sich meist nur anmelden muss, um Texte präsentieren zu können. Aber auch EinzelautorInnen haben sich seit der allgemeinen Öffnung des Internets dazu entschlossen, eigene Seiten, zum Teil eigene Homepages, zu erstellen, auf denen sie Texte, Gedichte, Gedanken usw. verbreiten können. Textsammlungen und Literaturkritik – digitale Literaturmagazine Das Internet kann natürlich auch als Archiv gesehen werden. Dies erkannten auch Autorinnen und Autoren und begannen es dafür zu nutzen, Textsammlungen zu veröffentlichen.326 Vor allem literarische Online-Magazine327 nutzten die neue Möglichkeit dazu, Texte ohne Druckkosten öffentlich zugänglich zu machen. Es gibt keine einheitliche Form solcher digitalen Veröffentlichungsformen. Sie können als Homepages, als Weblogs oder auch als interaktive Plattformen organisiert sein. Inhalte können sowohl Primärtexte sein, als auch Literaturkritiken. Mitte der 1990er Jahre begannen Privatpersonen mit großem Interesse an Literatur Internetseiten zu erstellen, die sich auf verschiedene Weise mit Literatur beschäftigten. Die meisten dieser Magazine konzentrierten sich darauf, Literaturkritiken zu veröffentlichen oder sogar Plattformen einzurichten, auf denen man Kritiken, nach einer 6.3. 325 Vgl. Ebersbach 2010, S. 62f. 326 Eine Auflistung von digitalen Literaturmagazinen findet sich bei Giacomuzzi 2012. 327 Giacomuzzi 2012. 6.3. Textsammlungen und Literaturkritik – digitale Literaturmagazine 101 Anmeldung auf der Plattform, veröffentlichen konnte.328 Durch diese Form der Literaturkritik wurde es möglich, dass sich eine breitere Masse an der Diskussion über Literatur beteiligen konnte, was sich in Zeiten vor dem Internet um einiges schwieriger und kostenintensiver gestaltete. Ursprünglich war es ja den Feuilletons der Zeitungen vorbehalten, meinungsbildende Texte zu Literatur zu publizieren. Natürlich bedeutete dies auch, dass vor allem Literatur, die schon zum Kanon gehörte bzw. auf einem guten Weg dorthin war, besprochen wurde. Das Internet öffnete nun auch der bis dahin weithin als Trivialliteratur wahrgenommenen Spartenliteratur, wie etwa Fantasy oder Science Fiction, die Pforten zur Literaturkritik, auch wenn es sich vorerst um Laienrezensionen handelte. Vor allem Fans der Genres Fantasy und Science Fiction konnten ihre Liebe zur Literatur im Internet voll entfalten. Viele Fans haben es sich zum Hobby gemacht, die Geschichten ihrer Lieblingsbücher, Filme etc. weiterzuschreiben bzw. Stories, die in diesen fiktionalen Welten spielen. Diese „Fan-Fiction“329 gab es zuvor schon in sogenannten Fanzines330 in Printform doch das Internet bietet zur Veröffentlichung solcher Stories viel mehr Möglichkeiten. Somit ist es nicht verwunderlich, dass das Internet einen wahren Boom an digitalen Fanzines ausgelöst hat. Es kann hier genauso um Marvel- Comics gehen wie um den Bestseller unter den Fantasy-Novels Herr der Ringe.331 Autorenblogs Blogs sind ein Kind unserer modernen, schnelllebigen Zeit. Blogs sind öffentlich zugängliche Internet-Tagebücher, daher auch der Name, der sich aus den Wörtern „Web“ für Internet und „Log“ im Sinne von Logbuch bzw. Tagebuch zusammensetzt. Sie sind meist so aufgebaut, dass 6.4. 328 Beispiele für Magazine, in denen vorrangig Literaturkritiken veröffentlicht werden und wurden, findet man auf der Seite des Projekts DILIMAG des Innsbrucker Zeitungsarchivs: https://iza-server.uibk.ac.at/dilimag/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 329 https://de.wikipedia.org/wiki/Fan-Fiction (letzter Zugriff: 18.8.2018). 330 https://de.wikipedia.org/wiki/Fanzine (letzter Zugriff: 18.8.2018). 331 https://fanlore.org/wiki/List_of_Lord_of_the_Rings_Fanzines (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6 AutorInnen und das Internet 102 sich am oberen Rand des Bildschirms ein Header, eine meist mit Fotos, Bildern oder Logos gestaltete Kopfzeile befindet. Darunter ist der Bildschirm häufig in zwei oder drei Spalten aufteilt, wovon die mittlere immer die größte darstellt, in der sich auch die Texte befinden. In einer linken oder rechten Spalte kann man z.B. Links, ein Menü, einen Kalender oder auch Fotos finden. Das Menü kann zum Teil auch quer – direkt unter dem Header bzw. in diesen integriert – platziert sein. Die Blogtexte sind chronologisch so geordnet, dass der neueste Text immer ganz oben steht. Auf der Startseite findet man häufig Anrisstexte der letzten paar Einträge. Um den ganzen Text zu lesen, muss man erst auf die Seite des jeweiligen Artikels gehen. Auf diese kommt man meist über einen Link am Ende des Anrisstextes, der meist mit „weiter...“ beschriftet ist. Ältere Artikel können über Volltextsuche oder Kalender gefunden werden. Allerdings sind die neuesten Artikel immer am präsentesten und ältere geraten schnell in Vergessenheit. Der Blog stellt im Moment wohl eines der beliebtesten Mittel dar, sich im Internet Aufmerksamkeit zu verschaffen. Auch hier ist der Autor bzw. die Autorin als Person immer präsent, „da dort die in der Anwendung implementierte automatische Datierung und Kommentarfunktion ständig auf seinen realen Urheber verweist und an der Oberfläche per se zu einer Potenzierung von Autorzentriertheit führt.“332 Immer mehr AutorInnen werden zu BloggerInnen und schreiben regelmäßig Einträge, die entweder ihre Meinung zu bestimmten Themen wiedergeben oder Einblicke in ihr literarisches Schaffen vermitteln. Viele nutzen einen Blog auch, um Feedback zu ihren Texten zu bekommen. Es ist oft schwer, die Online-Formen Weblog und Homepage zu differenzieren. Oft findet sich auch eine Kombination aus beidem im Internet. Doch prinzipiell kann man sagen, dass ein Blog nur dann vorliegt, wenn regelmäßig neue Einträge zu finden sind. Eine Homepage hingegen hat einen eher statischen Charakter und wird weniger oft mit neuen Inhalten bestückt. Das Problem der Differenzierung besteht eher dann, wenn ein Weblog auch die Merkmale einer Homepage besitzt, wie etwa Biographie und Bibliographie, Pressebereich und Termine. In diesem Fall wird das Blog zur Homepage und kann auch als 332 Giacomuzzi 2009. 6.4. Autorenblogs 103 solche untersucht werden. Allerdings muss hier klar erkennbar sein, welche Autorin oder welcher Autor hinter dem Blog steht. Beispiel: Abfall für alle – Rainald Goetz Rainald Goetz gehört zu den Autoren, die sich in besonderem Maß öffentlich inszenieren. Besonders eindrucksvoll war sein bereits erwähnter Auftritt beim Bachmann-Wettbewerb 1983, wo er sich mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzte. Das Internet bot ihm später genügend Öffentlichkeit für seine Selbstdarstellung. Daher nutzte er das neue Medium und etablierte sich als einer der ersten Autoren, der öffentlich ein Internet-Tagebuch führte. Sein Online-Projekt nannte er Abfall für alle. Er veröffentlichte dort Texte in den Jahren 1998 und 1999.333 Auf seiner Homepage www.rainaldgoetz.de veröffentlichte Goetz vom Frühjahr 1998 bis zum Frühjahr 1999 jeden Tag einen Eintrag. Wie der Titel Abfall für alle schon andeutet, sollten Goetz’ Texte jedem zur Verfügung stehen – zumindest jedem, der damals über einen Internetzugang verfügte. Was Goetz besonders an diesem Projekt reizte, war der Umstand, dass die Produktion und Rezeption von Texten fast gleichzeitig erfolgte. Sobald Goetz etwas geschrieben hatte, stellte er es ins Internet und es konnte gelesen werden. Daher ging es oft auch um tagesaktuelle Themen, wie etwa Meldungen aus den Nachrichten. Als das Projekt zu Ende war, wurde das Tagebuch aus dem Internet genommen. Grund dafür war der Umstand, dass bald darauf die Veröffentlichung des Internet-Tagebuchs als Buch bei Suhrkamp geplant war. Die Buchfassung erschien ein Dreivierteljahr nach Erscheinen des letzten Eintrags. Sie ersetzt und modifiziert die Internetfassung [...]. Die formale Gestalt der Tagesportionen wurde für die Buchgestalt entscheidend ver- ändert; die inhaltlichen Varianten bestehen in Kürzungen und ‚Entschärfungen‘, wohl aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen vorgenommen.334 Daraus ergibt sich das Problem, dass es schwer ist, die Originaltexte, die auf der Homepage des Autors veröffentlicht wurden, mit denjeni- 6.4.1. 333 Vgl. Schumacher 2003; Hagestedt 2004. 334 Hagestedt 2004. 6 AutorInnen und das Internet 104 gen im später erschienenen Buch zu vergleichen. Auch die Änderung der visuellen Darstellung der Texte ist in der Printversion nicht mehr nachvollziehbar. Die Dschungel.Anderswelt – Alban Nikolai Herbst Von Alban Nikolai Herbst wurde 2004 ein literarisches Experiment ins Leben gerufen335, das Steinbrück folgendermaßen beschreibt: Seit über vier Jahren versammelt er in seinem viel frequentierten Blog albannikolaiherbst.twoday.net unter der Überschrift ‚Die Dschungel. Anderswelt’ ein weites Spektrum an Themen – inklusive literarischer Genres wie Fortsetzungsroman, Tagebuch oder Gedicht. Selbst Traumprotokolle und Travestien tauchen hier auf.336 Doch diese Beschreibung wird dem durchdachten Projekt von Alban Nikolai Herbst nicht gerecht. Er wollte mit dem Internet spielen, die Möglichkeiten ausloten, wie weit man ein Verwirrspiel der Identitäten im Internet durchführen kann. Die Dschungel Anderswelt ist zusammen mit der Seite Herbst & Deters Fiktionäre zu sehen. Eine genauere Betrachtung der beiden Seiten gibt einen besseren Überblick über Herbsts literarisches Konzept. Wenn man sich beispielsweise auf der Website der Fiktionäre den Menüpunkt „Biographie“ genauer ansieht, stellt man fest, dass einem sieben verschiedene Biographien und sieben verschiedene Persönlichkeiten vorgestellt werden.337 Doch in Wahrheit steckt hinter allen Alban Nikolai Herbst; oder auch nicht. Denn auch dieser Name ist ein Künstlername. Geboren wurde der Autor unter dem Namen Alexander Michael von Ribbentrop. Diesen legte er allerdings wegen der Assoziation mit dem entfernt verwandten Joachim von Ribbentrop, Außenminister im Dritten Reich, ab, gibt ihn aber mittlerweile (seit 2007) doch wieder oben im Banner der Dschungel.Anderswelt zusammen mit seinem Künstlernamen an. Das Weblog ist mit Herbsts Anderswelt-Trilogie-Romanen inhaltlich verwoben. Sowohl im Weblog als auch in den Romanen konstru- 6.4.2. 335 Vgl. auch Giacomuzzi 2008a. 336 Steinbrück 2008. 337 http://wayback.archive-it.org/2844/20120612100026/http://www.die-dschungel.d e/ANH/main.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 6.4. Autorenblogs 105 iert er Wirklichkeiten und Gegen-Wirklichkeiten. Er erweist sich damit, so Giacomuzzi, als ein Anhänger eines […] konstruktivistischen Wirklichkeitsbegriffs, der auf die Literatur übertragen einmal bedeutet, dass die Unterscheidung zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Genres nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, und darüber hinaus, dass Literatur Realität schafft, d.h. auch Realität mitformen kann.338 Herbst trieb dies auf die Spitze, indem er eine Romanfigur auf eBay versteigern wollte oder auch eine Figur in einem Wikipedia-Artikel zum Leben erweckte. Sein Blog ist, wie schon angedeutet, kein herkömmliches ‚Internet-Tagebuch‘, sondern „gleichzeitig auch aktionistisches Experiment, mit dem Herbst die Verschiebung von Privatem in den öffentlichen Raum bis zur eigenen Schmerzgrenze und der anderer treibt.“339 Diese fast schon zu intimen Details stellten von 2004 bis 2006 den Hauptbestandteil des Blogs dar. Das nächste Projekt sollte dann ein reines Arbeitstagebuch werden. Ab August 2006 wurde der Blog zum „chorischen Tagebuch“, in dem mehrstimmig, d.h. von mehreren Personen erzählte Geschehnisse zu lesen sind.340 Die Entscheidung ob die Stimmen fiktive Figuren sind, die Alban Nikolai Herbst erfunden hat, oder nicht, wird den LeserInnen überlassen. Somit wurde eine Diskussion angeregt, welche der Personen real wären und welche nur fiktiv. Herbst beschreibt dies in seinem Eintrag vom 5. August 2006 folgendermaßen: Allerdings könnte kein Leser sich je sicher sein, ob darunter nicht auch literarische Figuren sind, die von uns, den Tagebuchschreibern, erfunden und vor den Augen der Leser entwickelt werden. […] Und die Dschungelbuchleser gerieten in die Versuchung, auch tatsächlich Tagebuchschreiber für meine Fiktionen zu halten. Das wiederum sicherte die anderen Beiträger, setzte ihnen die Maske eines insgesamt Erdichteten auf – weshalb sie ganz besonders frei agieren könnten.341 338 Giacomuzzi 2008a, S. 141. 339 Giacomuzzi 2008a, S. 142. 340 https://dschungel-anderswelt.de/20060805/die-dschungel-oeffnen-abermals-dastagebuch-nun-vielstimmig-zum-realitaetsbegriff-als-einem-der-wahrnehmung-k leine-theorie-des-literarischen-bloggens-68-experiment-ficken-3-2485662/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 341 http://albannikolaiherbst.twoday.net, Eintrag vom 5.8.2006, 8:37 Uhr, zit. n. Giacomuzzi 2008a, S. 142. 6 AutorInnen und das Internet 106 Herbst treibt also inhaltlich in seinen Werken ein Verwirrspiel um Realität und Wirklichkeit und zieht dieses weiter in seine Autorschaft. Er arbeitet mit multiplen Persönlichkeiten, die, wie erwähnt eine eigene (fiktive) Biographie besitzen und ihm helfen sein literarisches Verwirrspiel zu konstruieren. 6.4. Autorenblogs 107

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References

Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.