Content

5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss in:

Elisabeth Sporer

(Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten, page 61 - 88

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4344-8, ISBN online: 978-3-8288-7255-4, https://doi.org/10.5771/9783828872554-61

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Autorinszenierung – ein historischer Abriss Grundlagen der Inszenierung Im Bereich des literarischen Feldes gibt es seit jeher die Illusion, dass es eine autonome Kunst und KünstlerInnen gebe, die keine Anerkennung durch andere Menschen anstrebten. Es ist jedoch unrealistisch zu meinen, dass AutorInnen sich nicht – zumindest innerhalb des literarischen Feldes – in einem Wettstreit um die knappe Ressource „Aufmerksamkeit“196 befinden würden. Jeder bzw. jede will seine Position im Feld behaupten bzw. ausbauen. Die anti-ökonomische Sicht auf das literarische Feld entspricht auch nicht dem Alltag eines Schriftstellers bzw. einer Schriftstellerin. Im Mittelalter musste man sich einen Mäzen suchen, für den man seine Werke verfassen konnte, heute bemühen sich Autoren darum, dass ihre Werke in möglichst renommierten Literaturverlagen publiziert werden. Die AutorInnen sind in den literarischen Markt eingebunden, den sie mit ihren Schriften beliefern. Es ist zwar nicht unbedingt so, dass das literarische Werk als Ware im kapitalistischen Sinn gesehen werden muss, aber dennoch müssen AutorInnen auch am literarischen Markt präsent sein oder zumindest von ihm wahrgenommen werden, sonst werden sie weder auf intellektueller Ebene noch auf finanzieller Ebene Erfolge feiern können. In der Gesellschaft erfahren AutorInnen heute weniger Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahrzehnten, da sie ihre „Rolle als Sprecher der Menschheit, als Repräsentanten der Nationalkultur, Historiker der Gesellschaft oder politisch einflussreiche Akteure an der literarischen Front der Klassenkämpfe“197 wohl verloren haben. 5 5.1. 196 Vgl. Jürgensen/Kaiser 2011a; Frank 1998; Assmann/Assmann 2001; Joch /Mix/ Wolf 2009. 197 Jürgensen/Kaiser 2011b, S. 16. 61 Durch die Massenproduktion von Büchern gingen die Einnahmen von Buchverlagen nach oben. Damit einhergehend bekamen auch AutorInnen einen neuen Stellenwert in der Buchproduktion. Die quantitativen Aspekte dieser Entwicklung bilden jedoch auch deren qualitative Aspekte ab: Autoren wurden mit der Entwicklung des Buchund Medienmarktes nach und nach zu einem, wenngleich bedeutenden Teil des Produktionsapparates (was die enorme Bedeutung des Urheberrechts bis heute erklärt): Sie übernahmen ein breites Spektrum von Funktionen, zu denen Verfassen von Texten ebenso gehört wie die Recherche, Redaktion, Korrektur und schließlich Produktion.198 Um sich nun im literarischen Feld behaupten zu können und hervorzustechen, nutzen AutorInnen verschiedenste Inszenierungsmöglichkeiten. Christoph Jürgensen und Gerhard Kaiser nennen diese in ihrem Band „Schriftstellerische Inszenierungspraktiken“199 und erstellen eine Typologie dieser Praktiken. Jürgensen und Kaiser erläutern den Begriff „Inszenierungspraktiken“ wie folgt: Inszenierungspraktiken, das meint hier zunächst jene textuellen, paratextuellen und habituellen Techniken und Aktivitäten von SchriftstellerInnen, in oder mit denen sie öffentlichkeitsbezogen für ihre eigene Person, für ihre eigene Tätigkeit und/oder ihre Produkte Aufmerksamkeit erzeugen.200 Sie beziehen sich hierbei auf verschiedene Möglichkeiten der Inszenierung, nicht nur auf die schriftliche, die sich über die von SchriftstellerInnen produzierten Texte vollzieht, sondern auch auf Techniken neben dem geschriebenen Wort. In diesem Zusammenhang beschreiben sie einerseits in Anlehnung an Genette201 paratextuelle Inszenierungspraktiken wie die Peritexte Vorwort, Nachwort, Illustration, Anmerkung usw., die im Text auf eine Art der Inszenierung hinweisen können, oder auch Epitexte wie Interviews oder Selbstkommentare, die zwar sprachgebunden sind, aber von anderen Phänomenen (Kleidung, Gestik, Mimik) begleitet werden können. Als dritte große Kategorie führen Jürgensen/Kaiser die habituellen Techniken ein, die sich nun gar nicht mehr mit (schriftlichem/mündlichem) Text bzw. sprachli- 198 Delabar 2008, S. 94. 199 Vgl. Jürgensen/Kaiser 2011a. 200 Jürgensen/Kaiser 2011b, S. 10. 201 Vgl. Genette 2001. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 62 chen Elementen in irgendeiner Form beschäftigen müssen. Es geht bei diesem Aspekt mehr um die performativen, sozialen und ästhetischen Komponenten einer Inszenierungsstrategie. Diese habituellen Praktiken beziehen sich vor allem auf den Lebensstil eines Autors bzw. einer Autorin, wobei hier „Stil“ als „eine für das Publikum inszenierte Interpretationsanleitung“202 beschrieben wird. Hierbei ist der Lebensstil nicht in seiner biographischen Form gemeint, sondern als Bestandteil von Inszenierungspraktiken. Allerdings haben der Stil und die mit ihm einhergehenden habituellen Praktiken auch immer etwas mit einem Autorenbild zu tun, das sich nicht nur aus diesen zusammensetzt, sondern zusätzlich von Fremdzuschreibungen bzw. Fremdinszenierungen anderer AkteurInnen des literarischen Feldes – wie Verlagen, KritikerInnen, Preisen usw. – bestimmt wird und in Wechselwirkung tritt. „[Es] wird deutlich, dass sich die Geschichte der Autorinszenierung – wie die Diskussion über Autorschaft insgesamt – nicht als eine kontinuierliche Folge sich ablösender Konzepte entwickelt, sondern von Überschneidungen, Zitaten und Rückkoppelungen lebt.“203 Es gibt also sehr viele verschiedene Möglichkeiten, wie eine Autorinszenierung aussehen kann und es gibt ebenso viele Kanäle, über die diese verbreitet werden kann. Medien der Inszenierung Der Duden beschreibt ein Medium als „vermittelndes Element“204. Es steht zwischen demjenigen, der etwas vermitteln will, und demjenigen, dem es vermittelt werden soll. Im vorliegenden Fall werden Medien dazu verwendet, den Autor bzw. die Autorin hervorzuheben, abzugrenzen oder ihn/sie ganz allgemein zu inszenieren. Der Begriff Medium wird hier im weitesten Sinn gebraucht, d.h. es sind nicht nur die technischen Medien, wie Foto, Fernsehen, Radio, Internet usw., gemeint, sondern auch Körper, Biographie oder Skandal können als ‚Vermittler‘, also als Medien gesehen werden. Die folgende Aufzählung er- 5.2. 202 Vgl. Soefner 1986, S. 317–341 bzw. Jürgensen/Kaiser 2011b, S. 13. 203 Künzel/Schönert 2007, S. 10 204 http://www.duden.de/rechtschreibung/Medium_Vermittler_Traeger (letzter Zugriff: 18.8.2018). 5.2. Medien der Inszenierung 63 hebt natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern stellt nur eine Möglichkeit dar, wie Medien, die sich zur Inszenierung eignen, eingeteilt werden können. Die Liste der Beispiele kann jederzeit erweitert werden, da sich auch die Formen der Inszenierung ständig ändern. Viele der folgenden Kategorien überschneiden sich, was nicht zu verhindern ist, da viele Inszenierungsmerkmale ineinandergreifen; allerdings wird immer das hervorstechendste Merkmal als wichtigstes für die Kategorisierung betrachtet. Einleitend soll ein kurzer Überblick gegeben werden, der Möglichkeiten der Inszenierung bzw. Selbstinszenierung im Feld der Literatur auslotet und mit Beispielen illustriert. Körper Der Begriff Inszenierung steht in enger Verbindung mit der äußeren Erscheinung einer Person. Ihre Haltung, ihr Kleidungsstil, ihre Gestik, all diese Dinge sind maßgeblich dafür verantwortlich, welches Bild vermittelt wird. Deshalb spielt der Körper bei der Inszenierung in der Regel eine wichtige Rolle. Am Beispiel der Filmindustrie ist dies besonders gut nachvollziehbar. SchauspielerInnen müssen, um eine bestimmte Rolle spielen zu können, sich schminken und verkleiden, unter Umständen sogar an Gewicht ab- oder zunehmen. D.h. der Körper muss je nach Rolle gestaltet sein. Dieses Phänomen findet sich auch bei der Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit wieder. Egal, ob es sich um SchauspielerInnen, AutorInnen, PolitikerInnen oder andere Personen des öffentlichen Lebens handelt, die sich Aufmerksamkeit verschaffen wollen, ihr Körper ist das Mittel, das in erster Linie dazu verwendet wird. Auffällige Kleidung oder ein skandalöser Haarschnitt können einen wichtigen Beitrag zur Wirkung einer Inszenierung leisten. Natürlich bedarf es dann noch weiterer Maßnahmen, um den gestalteten Körper in Szene zu setzen, wie beispielsweise Fotos, Fernsehoder Theaterauftritte. Aber der Körper besetzt meist einen doch recht wichtigen Part in diesem Spiel der Inszenierung. Else Lasker-Schüler inszenierte sich beispielsweise als Außenseiterin. Sie kleidete sich teils orientalisch, teils unweiblich, auf alle Fälle so, wie es zu ihrer Zeit nicht erwartet wurde. Ihr Kleidungsstil war sehr auffällig, sie trug weite Röcke oder Hosen sowie auffälligen Kunst- 5.2.1. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 64 schmuck. Ihr Stil war vom Orient geprägt, mit dem Sie sich Zeit ihres Lebens auseinandersetzte. Vor allem die Kombination der Themen Orient und Sinnlichkeit bzw. Erotik, war damals tabuisiert. Ihre Zeitgenossen waren Großteils der Meinung, dass sich diese Art von Beschäftigung für eine Frau nicht gehöre. Später lebte sie in Jerusalem, wo sie trotz großer Hitze einen langen Mantel und eine Fellmütze trug. Sie versuchte also, sich von ihrer Umgebung abzugrenzen. Sie gab sich weder traditionell noch anti-traditionell, sondern kreierte ihren eigenen Stil. Lasker-Schüler inszenierte sich als exzentrische Frau mit exotischem Geschmack. Sie präsentierte sich in ihrem Leben wie in ihrem Werk als Kunstfigur, die als Mann oder als Frau gesehen werden konnte. Sie neigte zu mythologischen Themen und Figuren, die sie in ihrem Werk verarbeitete. Engen FreundInnen gab sie eigene Namen, die meist aus der Mythologie stammten. Der Lebensstil der Dichterin in der Berliner Bohème stieß bei vielen auf Unverständnis. In ihren Werken sind Themen aus verschiedenen Mythologien und Religionen zu finden, mit denen sie sich beschäftigte. Ob es sich um Motive im Zusammenhang mit Ägypten, Deutschland, dem Judentum, Naturlyrik usw. handelte – Else Lasker-Schüler bediente sich bei allem, was sie interessierte.205 Foto Es bedarf, wie schon erwähnt, bei der Inszenierung der eigenen Person nicht nur der Gestaltung des Körpers, um wahrgenommen zu werden, sondern auch eines Mediums, das diese einer breiten Öffentlichkeit kommuniziert. Hierfür waren Fotos von jeher beliebt. Man kann sie als eine Art Autogrammkarte zu Lesungen mitnehmen, in Zeitungen und Zeitschriften oder auch auf dem Buchcover abdrucken. Stefan George z.B. wählte als ein bevorzugtes Mittel seiner Inszenierung die Fotografie.206 Gegenüber seinem Kollegen Hugo von Hofmansthal erwähnte er einmal, dass er an Kollegen und Anhänger gerne Porträtaufnahmen verteile, damit diese eine Erinnerung an ihn hät- 5.2.2. 205 Benn 2006, S. 541– 543. 206 Vgl. Bartels 2007. 5.2. Medien der Inszenierung 65 ten.207 1899 ließ er vom bekannten Fotografen Jacob Hilsdorf eine Fotostrecke anfertigen. Die Fotografien Jacob Hilsdorfs und seines Bruders Theodor waren maßgeblich für die Bildung des Kreises um George und für seine Stilisierung als Propheten-Ikone.208 Diese Fotos gingen über das Private hinaus und wurden zum zentralen Instrument der Inszenierung. Diese Form der Werbung ging so weit, dass Georges Bücher schon gekauft wurden, wenn ein Foto des Dichters auf dem Cover abgebildet war. Stefan George war klar, dass man Kunst vermarkten musste, weshalb er sich einerseits durch viele veröffentlichte Fotos als Person bekannt machte und als Marke etablierte und sich andererseits mithilfe seines Zirkels und dessen Riten, die ihm ebenfalls als Marketinginstrument dienten, inszenierte.209 Er wurde dadurch zu einem „Prominenten“210 und so zur Marke211. Eine Schlüsselfunktion im Zusammenhang mit der Prominenz hat seit jeher die Fotografie, die häufig zum Hauptinszenierungsmittel von Personen verwendet wird. Auch die Pop-Autoren späterer Generationen wandten ähnliche Mittel der Porträtinszenierung an und sind so als Nachfolger Georges in dieser Form der Inszenierung zu sehen. 1904 erschien in den Blättern für die Kunst eine Kollage von Porträtfotos der beteiligten Dichter. Stefan George, der Gründer der Zeitschrift, stellte auf diese Weise seine Dichter-Familie212 vor und setzte sein Porträt in die Mitte der Collage, als ob er das Familienoberhaupt wäre. Die Konstellation ist so gewählt, dass sich die Blicke der Dichter fast alle zur Mitte wenden und sich so auf das Bild Georges konzentrieren. Sein Kopf ist vor weißem Hintergrund abgebildet, was nur noch bei einer einzigen weiteren Fotografie, nämlich derjenigen eines verstorbenen Kollegen, der Fall ist. So sticht das Bild Georges unter den anderen heraus. Außerdem sind es genau zwölf Kollegen, die sich – gleich den zwölf Aposteln – um George gruppieren.213 Man kann also sagen, dass sich der Dichter als eine Art Messias darstellen ließ. Von 207 Bartels 2007, S. 25. 208 Braungart 1997, S. 135. 209 Vgl. Wegmann 2005. 210 Vgl. Rojek 2001. 211 Neuhaus 2011. 212 Künzel/Schönert 2007, S. 25. 213 Braungart 1997, S. 136. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 66 Hugo von Hofmannsthal war im Vorfeld der Vorwurf erhoben worden, George habe die Porträts seiner Kollegen aus werbetechnischen Gründen zusammen mit seinem eigenen abdrucken lassen, um sich selbst zu inszenieren.214 George hatte also wohl auch unter AutorenkollegInnen den Ruf, sich selbst auf alle erdenklichen Weisen zu vermarkten. Abbildung 1: Stefan George und die Gebrüder Claus und Berthold von Stauffenberg (Quelle: akg-images) Auf dem oben abgebildeten Foto ist George in der linken Bildhälfte in einer Strickjacke zu sehen und mit einem Kragen, der an den eines Priesters erinnert. Er starrt versunken ins Leere. In der rechten Bildhälfte sind zwei wichtige Elemente zu erkennen: zunächst ein Porträt des Dichters, das gerahmt an der Wand hängt und somit eine Verdoppelung der inszenierten Person darstellt. Zusätzlich blickt der Autor auf der Abbildung an der Wand in dieselbe Richtung wie der Autor in der linken Bildhälfte, was diese Doppelung noch verstärkt. Es befinden 214 George/Hofmannsthal 1953. 5.2. Medien der Inszenierung 67 sich also auf dem Foto – so der wohl beabsichtigte Eindruck – einmal der ‚Privatmensch‘ Stefan George und einmal eine professionelle Abbildung des Prominenten George. Weiters sind die Brüder Claus und Berthold von Stauffenberg zu sehen, die den Dichter anhimmeln. Bartels vergleicht deren Pose mit Adoranten aus der christlichen Ikonografie, was auch wieder auf die rituelle Stilisierung des Autors hinweist.215 Es wird die Aura des Autors inszeniert, die vom Betrachter Besitz ergreifen soll. Das Thema Aura im spiritistischen Sinn war auch Thema in Georges Zirkeln. Abbildung 2: Thomas Mann (Quelle: akg-images / Fritz Eschen) Thomas Mann benutzte ebenfalls das Medium der Fotografie dazu, ein bestimmtes Bild von sich zur Schau zu stellen. Kleidung, Pose und die dazu passende Umgebung waren hierfür sehr wichtig. Oft sieht man ihn am Schreibtisch oder mit einer Zeitung in der Hand. Er schaut häufig in die Ferne und/oder am Fotografen vorbei. Mann präsentiert sich auch gerne zusammen mit anderen Persönlichkeiten seiner Zeit, etwa mit Albert Einstein, im lockeren Gespräch. Er schenkte seiner 215 Bartels 2007, S. 30f. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 68 Frau einen Fotoapparat, damit sie bei Bedarf Fotos von ihm machen konnte. Daher gibt es auch eine Reihe von Fotos von Thomas Mann im engeren Familienkreis, auf der Couch oder am Esstisch. Auch Bertolt Brecht war bekannt für seine Inszenierung auf Bildern. „Bertolt Brecht war ein cooler Typ, man weiß es. Wer es noch nicht weiß, kann es sehen […]“216, so Hans-Harald Müller über die Selbstinszenierung des Autors. Brecht verstand es zum Beispiel, sich in verschiedenen Posen ablichten zu lassen: als Eigenbrötler, als Künstler, als Sportfan zusammen mit einem bekannten Boxer und in vielen anderen ‚Rollen‘. Auf vielen Fotografien findet man ihn ähnlich positioniert bzw. ähnlich gekleidet. Oft hat er eine Zigarre im Mund oder in der Hand. Es gibt eine ganze Fotostrecke, auf der er einen langen, dunklen Ledermantel trägt und sich in verschiedenen Posen – mit oder ohne Zigarre – präsentiert. Auf einigen Fotos hält er eine Hand ans Kinn und inszeniert sich auf diese Weise in typischer Denkerpose. Abbildung 3: Bertolt Brecht in Wohnung Speicherstraße (Quelle: akg-images) 216 Müller 2007, S. 79. 5.2. Medien der Inszenierung 69 Annemarie Schwarzenbach wählte einen anderen Weg, sich über Fotos zu inszenieren. Simone Wichor setzte sich mit dem Nachlass der Autorin auseinander und beschäftigte sich einerseits mit Schwarzenbachs Tagebüchern und Briefen, andererseits mit ihren Porträtfotos.217 Die Autorin entschied sich schon sehr früh dafür, sich durch Fotografien als eine melancholische Künstlerin in Szene zu setzen. Sie erscheint auf den Fotos als androgynes Zwischenwesen, was zur damaligen Zeit verpönt war. Von Thomas Mann ist überliefert, dass er gegenüber Schwarzenbach selbst geäußert habe, dass sie als Jüngling sehr hübsch wäre.218 Die Autorin hatte sich bewusst dafür entschieden, sich durch diese Inszenierung als homosexuell darzustellen und sich den Konsequenzen, d.h. unter Umständen auch Diffamierungen, auszusetzen. Sie ließ sich auf allen Fotos in einem melancholischen und leidenden Gestus ablichten. Diese Künstlerrolle korrespondiert mit der Selbststilisierung in ihren Tagebüchern und Briefen. Authentizität Judith Hermann erlangte durch ihren Debütroman Sommerhaus, später219 in den 1990er Jahren Bekanntheit. Für den Romanumschlag wurde ein Foto in Auftrag geben, das dann in weiterer Folge für die Vermarktung des Buches an die Presse weitergegeben wurde. Das Foto wurde von der bekannten Fotografin Renate von Mangold aufgenommen, die sich schon einen Namen mit Portraits von Autorinnen und Autoren, wie etwa Paul Celan oder Ingeborg Bachmann machen konnte.220 Das Foto zeigt Hermann in einem recht dunklen Raum mit einem sehr dominanten Pelzkragen, der an Portraits von russischen Damen erinnert. Die Autorin ist auf dem Foto nicht von allen Seiten beleuchtet, wie es oft bei Autorenportraits oder allgemein Portraits aus dem Werbebereich der Fall ist. Hermann wird nur von einer Seite mit Licht angestrahlt, was Schatten in ihrem Gesicht erscheinen lässt. Dies resultiert in einer eher düsteren Stimmung und lässt das Foto gleich- 5.2.3. 217 Wichor 2013 S. 153ff. 218 Wichor 2013, S. 154. 219 Hermann 1998. 220 Blumenkamp 2011b, 189. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 70 zeitig mehr wie ein privates als ein Pressefoto wirken. Der Hintergrund zeigt wohl ein Eck mit zwei Fenstern, die milchig und undurchsichtig wirken. Doch was vor allem auffällt ist der Blick der Autorin, der nicht das übliche Marketinglächeln von Autorenfotos zeigt. In mehreren Rezensionen, die das Foto mitabdruckten, wird er als melancholisch gedeutet, was in direkten Zusammenhang mit der Stimmung in ihrem Debütroman gebracht wird.221 Dies lässt darauf schließen, dass das Foto ganz bewusst und passend zum Roman erstellt wurde und Hermann als authentischen Teil des Buches inszenieren soll. Diese Authentizität wird laut Blumenkamp aber auch auf technisch-medialer Ebenen erreicht: Die Authentizität, die das Foto widerspiegelt, ist in zweifacher Hinsicht ‚gemacht’. Auf der Ebene des Dargestellten wird sie erzielt, weil‚ eine authentische Situation simuliert wird’. Unter dem Aspekt der medialen Präsentation wird der Eindruck von Authentischem geweckt, weil ‚die Merkmale spontaner, privater Fotografie genutzt werden.222 Die Marketing-Strategie, die dieses Autorenportrait wohl verfolgte, war wohl einen Konnex zwischen Autorin und Texte herzustellen, was Authentizität suggerieren soll. In einer Analyse von mehreren Rezensionen kommt Blumenkamp zu folgendem Schluss: Die Analyse der Kontexte, in denen das besagte Porträtfoto Hermanns verwendet worden ist, hat gezeigt, dass in den meisten Fällen eine Verschmelzung von Autorin und literarischem Text forciert wird, bis hin zu einer metonymischen Verschiebung, also der Austauschbarkeit der Kategorien Autor und Text.223 Diese Sichtweise ist keines Falls eine übliche für die Rezeption von Autorinnen und Autoren in Zusammenhang mit ihrem Text, konnte aber durch die Inszenierung von Authentizität über das Autorenportrait erzielt werden. Auch, dass nur dieses eine Foto der Autorin vom Verlag nach außen gegeben wurde, weist auf eine gewollte Inszenierung hin. Andere Autorinnen kenn man von vielen verschiedenen Fotos. Blumenkamp nennt hier als Beispiel Alexa Hennig von Lange, von der fast 221 Blumenkamp 2011b, 198f. 222 Blumenkamp 2011a, S. 366. 223 Blumenkamp 2011b, S. 207. 5.2. Medien der Inszenierung 71 jedes Mal ein anderes Foto abgedruckt, also auch vom Verlag weitergegeben wurde.224 Auch wenn es von Lange viele verschiedene Autorenfotos gibt, hat sich ihr Verlag für das Cover der Taschenbuchausgabe ihres Romans Relax225 ebenfalls dazu entschlossen ein ‚authentisches‘ Bild zu verwenden. Die Autorin ist leicht nach hinten gelehnt und schaut nicht in Richtung der Kamera. Sie wirkt, als ob sie nicht einmal bemerkte, dass sie fotografiert wird, ein Eindruck, der von der ungünstigen Haltung der rechten Hand mit dem Daumen an der Nase noch bestärkt wird. Auch von Benjamin Lebert gibt es ein Foto, das zwar definitiv professionell aufgenommen wurde, wie man wieder an der Beleuchtung erkennen kann, aber auf dem er jedoch in unüblicher Weise privat erscheint.226 Er wirkt, als ob er gerade aufgestanden wäre oder zumindest sieht er sehr müde aus; also keine Darstellung, die besonders vorteilhaft wäre und daher auch nicht gerade üblich für ein Autorenportrait. Derartige Darstellungen führen dazu, dass der Leser den Autor als sympathische, authentische Privatperson erlebt. Das Foto wurde auch für eine englische Ausgabe von Leberts Erstling Crazy227 verwendet. Alle drei Beispiele stammen aus dem Bereich der Pop-Literatur, der stark mit dem Thema Authentizität verknüpft ist.228 Biographie Aber nicht nur das Aussehen eines Autors bzw. einer Autorin spielt im Rahmen von Inszenierungsstrategien unter Umständen eine wichtige Rolle. Auch die Art und Weise, wie er bzw. sie sein Leben in der Öffentlichkeit darstellt, ist als Inszenierungsmittel beliebt. Meist werden bestimmte Themen besonders hervorgehoben, die dazu beitragen, dass der Autor mit dem gewünschten Image in Verbindung gebracht wird, 5.2.4. 224 Blumenkamp 2011b, S. 227. 225 Lange 1999. 226 Vgl. Blumenkamp 2011b, S. 262. 227 Lebert 1999. 228 Vgl. Klein 2004, S. 21ff. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 72 oder es werden gar Begebenheiten oder Ähnliches erfunden, um die Biographie interessanter erscheinen zu lassen. Andererseits werden auch Lebensabschnitte aus der Biographie getilgt, die nicht in das gewollte Bild des Autors bzw. der Autorin hineinpassen. Else Lasker-Schüler fasst in Kurt Pinthus’ Anthologie Menschheitsdämmerung – Symphonie jüngster Dichtung ihre eigene Biographie in aller Kürze folgendermaßen zusammen: „Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam, im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenland, und seitdem vegetiere ich.“229 Neben diesen Worten ist auch ein Selbstporträt der Dichterin abgedruckt, eine Tuschezeichnung, die Gesa Dane folgendermaßen beschreibt: Sie […] zeigt eine Figur in kämpferisch trotziger Haltung, das Gesicht mit dem zusammengekniffenen Mund nach rechts gewendet, auf der linken Wange sind ein Stern und ein Halbmond gezeichnet, der Blick ist auf einen Himmelskörper, halb Mond halb Sonne, vor ihr gerichtet.230 Else Lasker-Schüler stellt sich in dieser Zeichnung als Prinz Jussuf, eine von ihr selbst erfundene Figur, dar und schreibt diesen Namen auch zwischen ihre weit auseinandergestellten Beine. Man kann sich vorstellen, dass diese Art der Selbstpräsentation als äußerst exzentrisch angesehen wurde. Die Dichterin trat auch in Cafés und Theatern als Prinz Jussuf auf. Die Identifikation mit dieser Figur zeigt, dass sie sich abheben bzw. abgrenzen wollte. Die Selbstbeschreibung Lasker-Schülers in ihrer Biographie und noch viel mehr in ihrem Selbstporträt stellt eine Vermischung von Leben und Kunst dar. Die Worte wirken, wie schon Ruth Klüger bemerkte, wie ein „kleines Prosagedicht“231. „Sie präsentiert eine hybride Kunstfigur, so scheint es zumindest, mit Rückbezügen auf sich selbst.“232 Auch ihre Gedichte weisen ähnliche Motive wie diejenige in der erwähnten Biographie auf. Somit zeigt die Autorin, dass sie von ihrem Werk nicht getrennt werden kann. Es gibt nur beides zusammen. In ihren Texten findet man immer wieder Parallelen zu ihrem Leben, 229 Pinthus 1960, S. 352. 230 Dane 2007, S. 47. 231 Ebd. 232 Dane 2007, S. 48. 5.2. Medien der Inszenierung 73 was diesen Eindruck noch verstärkt. Auch ihre jüdische Religion wird im Laufe der Zeit immer mehr zum Thema. Bertolt Brecht verstand sich darauf, sich in seinem Werk durch autobiografische Motive selbst zu inszenieren. Diese Motive sollen den Leser bzw. die Leserin davon überzeugen, dass das lyrische Ich im Text Brecht selbst sein soll. Vor allem in seinen Gedichten wird das lyrische Ich in Interpretationen oft annähernd mit Brecht gleichgesetzt werden.233 Nicht nur sein stilisiertes autobiographisches Gedicht Vom armen B.B.234 ist von selbstbewussten Eigenkommentaren geprägt. Brecht spricht in seinen Werken beispielsweise davon, dass er zum Klassiker werde,235 dass man viel von ihm halten könne und er auch viel von sich selbst halte, dass sein Werk der „Abgesang des Jahrtausends“236 sei usw. Auch die Art der Verbreitung seiner Texte war sehr geschickt gewählt. Er veröffentlichte viele in Zeitungen und Illustrierten, somit war sein Werk trotz seines Daseins als „verbrannter Dichter“ immer einem großen Publikum zugänglich.237 Seine Lyrik war außerdem auch noch sangbar und wurde gerne in Radio und Fernsehen ausgestrahlt, was ein sehr großes Publikum direkt ansprach. Von Walter Kempowski wurde zwar nicht direkt die Biographie, aber doch etwas, das zentral mit seinem Leben zu tun hat, gekonnt medial in den Mittelpunkt gerückt: sein Wohnhaus.238 Schon zu Lebzeiten wurde es wie ein Privatmuseum eingerichtet und Besuchern auch so präsentiert. Kempowski veranstaltete dort Literaturseminare, Veranstaltungsreihen und Sommerclubs, in deren Rahmen er Schüler zu sich nach Hause einlud. Es wurden auch Führungen angeboten, bei denen das Haus wie ein Altar präsentiert wurde.239 Die Einrichtungsstücke und deren Anordnung sowie die Präsentation durch den Besitzer vermittelten stark dieses Verständnis. Er wünschte sich auch, dass sein Haus nach seinem Tod zu einem Museum gemacht werde, in der 233 Vgl. https://www.nzz.ch/brechts_selbsterfindung_als_bertolt-1.14964685 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 234 Brecht 1998–2000, Bd. 11, S. 119f. 235 Brecht 1998–2000, Bd. 26, S. 230. 236 Brecht 1998–2000, Bd. 26, S. 115f. 237 Knopf 2007, S. 104. 238 Sina 2011, S. 349f. 239 Sina 2011, S. 350. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 74 gleichen Tradition wie etwa die Wohnstätten Goethes oder Ernst Jüngers. Maske / Verschwinden / Nichtvorhandensein Eine beliebte Art der Inszenierung ist die durch eine Art ‚Maske‘ oder gar durch eine Art ‚Nichtvorhandensein‘ in der Öffentlichkeit.240 Beides lässt sich am Beispiel E.T.A. Hoffmanns illustrieren. Im Zusammenhang mit der ‚Maske‘ spielt bei ihm unter anderem der Name eine wichtige Rolle: Dieser Autor (und Musiker), von Beruf aber eigentlich Jurist, wählte selbst als dritten Vornamen einen der Vornamen Wolfgang Amadeus Mozarts. Im Zusammenhang mit der Strategie des ‚Nichtvorhandenseins‘ ist zu sehen, dass Hoffmanns erste Prosaerzählungen ohne Namensnennung in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung erschienen sind, in welcher von ihm auch Musikrezensionen publiziert wurden, bei denen zu dieser Zeit die Angabe des Verfassers nicht unbedingt notwendig war. Hoffmann bestand in der Folge darauf, dass sein literarische Erstlingswerk auch als selbstständige Publikation – unter dem Titel Fantasiestücke241 – nicht unter seinem Namen gedruckt wurde. Sein Verleger überredete ihn dazu, ein Vorwort von Jean Paul schreiben zu lassen. In der ersten Auflage wurde der Verfasser in der Vorrede nicht erwähnt, in späteren Auflagen wird Hoffmanns Name dann doch eingefügt.242 Die Anonymität von Autorinnen und Autoren war vor allem in der englischsprachigen Literatur des 17. Und 18. Jahrhunderts sehr beliebt. Die Autorschaft wurde vor allem durch zuvor publizierte Werke angegeben.243 So auch bei Hoffmann. Sein zweites Buch wurde mit dem Zusatz: „vom Verfasser der Fantasiestücke in Callot’s Manier“. Statt des Autornamens ist also ein funktionaler Aspekt angegeben, der darauf hinweist, was der Schriftsteller schon geleistet hat. Der nächste Schritt bestand darin, dass Hoffmann sich bei weiteren Büchern zumindest als Herausgeber nen- 5.2.5. 240 Vgl. Prisching 2010. 241 Hoffmann 2006. 242 Vgl. https://de.wikisource.org/wiki/Vorrede_von_Jean_Paul#cite_ref-32 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 243 Vgl. Griffin 2003, S. 880. 5.2. Medien der Inszenierung 75 nen ließ. Dies stellt wieder eine neue Art des Verwirrspiels dar, das er bei den Lebensansichten des Katers Murr244 endgültig auf die Spitze trieb, indem er behauptete, er hätte die Blätter übermittelt bekommen. Hoffmann nutzt nun seine fingierte Rolle als Herausgeber dazu, Kritik am Druckwesen und an der Massenproduktion von Büchern zu üben. Die Abwesenheit des Autors ist ebenfalls eine Strategie der Inszenierung. Sir Walter Scott beispielsweise veröffentlichte seinen Roman Waverley anonym und auch die Folgeromane wurden nicht unter seinem eigenen Namen vertrieben sondern nur mit dem Vermerk „Vom Autor von Waverley“ versehen.245 Genette meint zu den Gründen dieser Anonymität folgendes: „Inzwischen hatte sich der Grund für die Anonymität anscheinend geändert und Scott erkannte als großer literarischer Stratege , daß sein Inkognito die Neugier reizte und den Erfolg der Bücher begünstigte.“246 Als weiteres Beispiel hierfür kann Patrick Süskind genannt werden, der trotz des großen Erfolgs von Das Parfum247keine öffentlichen Auftritte absolviert und daher als Person praktisch nicht in Erscheinung tritt. Man kennt nur sein Verlagsfoto, das auf dem Buchumschlag abgedruckt ist. Ein ähnliches Beispiel in der englischsprachigen Literatur stellt Thomas Pynchon dar, der seine Privatsphäre so stark zu schützen pflegt, dass er jegliche Form von Abbildung ablehnt. Es gibt nur wenige, sehr alte Aufnahmen von ihm. Allein seine Stimme ist bekannt, da er in der Trickfilmserie The Simpsons seinen eigenen Charakter in drei Folgen synchronisiert.248 Diese Figur hat passenderweise eine Papiertüte mit Fragezeichen über den Kopf gestülpt. 244 Hoffmann 2005. 245 Pabst 2018, S. 156. 246 Genette 2001, S. 47. 247 Süskind 1985. 248 Vgl. http://simpsons.wikia.com/wiki/Thomas_Pynchon (letzter Zugriff: 18.8.2018). 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 76 Skandal Der Skandal249 als gewählte Form der Inszenierung hat einen Vorteil, der unter Umständen in der Folge auch zu einem gravierenden Nachteil werden kann: Der Autor bzw. die Autorin wird Zeit seines oder ihres Lebens mit diesem in Verbindung gebracht werden. Es ist klar, dass ein Skandal großes Medieninteresse erregt und daher als Strategie der Aufmerksamkeitserzeugung gute Chancen auf Erfolg hat. Wenn ein Autor oder eine Autorin bekannt genug ist, reicht eine bestimmte Geste oder eine Äußerung, um einen Skandal zu erzeugen, da bereits hinreichend Aufmerksamkeit in den Medien vorhanden ist. Ein Beispiel hierfür wäre Peter Handke, dem in den 1990er Jahren nach der Veröffentlichung von Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien250 immer wieder vorgeworfen wurde, dass er serbische Kriegsverbrechen beschönige und sich in der Diskussion um den Jugoslawien-Konflikt auf die Seite des Serbenführers Slobodan Miloševićs stelle. Handke besuchte diesen schließlich sogar in Den Haag im Gefängnis. Sein Auftritt als Grabredner Miloševićs 2006 ließ den Konflikt erneut aufflammen. Aber auch sonst versteht es Handke, sich durch Skandale zu inszenieren. So gab er beispielsweise den Büchner-Preis zurück und lehnte die Annahme des Heine-Preises ab. Handke arbeitet immer wieder mit der Inszenierungsstrategie der Provokation, die er schon bei seinem ersten Auftritt im Rahmen der Gruppe 47 anwandte, indem er die Mitglieder der Gruppe 47 sowie die Literaturkritik beschimpfte. Ein gänzlich anderes Beispiel liegt bei Reinald Goetz vor. Mit diesem verbindet wohl jeder bzw. jede seinen legendären Auftritt beim Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt. Während der Live- Übertragung seiner Lesung vor der Jury begann er sich plötzlich die Stirn mit einer Rasierklinge zu zerschneiden, sodass Blut auf seine Manuskriptblätter tropfte und sein Gesicht blutverschmiert war. Dieses Beispiel medialer Inszenierung durch einen Skandal machte Goetz „zu 5.2.6. 249 Vgl. Neuhaus / Holzner 2007 und Bartl 2014. 250 Handke 1996. 5.2. Medien der Inszenierung 77 einer Legende der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts“251. Performance Die für AutorInnen wohl genuine Form der Performance ist die Lesung. Sie ist die ursprünglichste Weise, wie Dichter ihr Werk vermitteln. Vor der Verschriftlichung von Literatur war es üblich, dass Dichter und Sänger umherzogen und ihre Werke vortrugen. Mündlichkeit spielte aber nicht nur zur Zeit Homers eine wesentliche Rolle, sondern etwa auch beim mittelalterlichen Minnesang oder beim Vortrag in bürgerlichen Lesegesellschaften bzw. Salons. Im Laufe der Zeit wurde das Publikum immer größer und damit auch anonymer. Nun war es nicht mehr ein kleiner Kreis, welcher der Lesung beiwohnte, sondern eine Masse, die dem Autor zum größten Teil nicht bekannt war. Mittlerweile gibt es auch Spezialformen der Lesung wie den Poetry Slam, bei dem mehrere PoetInnen antreten, um vom Publikum zum Sieger bzw. zur Siegerin gekürt zu werden. Lesungen sind für die meisten AutorInnen Alltag. Sie werden häufig von ihren Verlagen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit dazu verpflichtet, ihr Werk vorzustellen, oft sogar in Verbindung mit sogenannten Lesereisen durch das ganze Land oder über die Grenzen hinaus. Das neue Buch soll dem Publikum breitenwirksam präsentiert werden. Viele LeserInnen finden es interessant, den Autor bzw. die Autorin selbst lesen zu hören und ihm vielleicht sogar noch Fragen stellen zu dürfen. Doch für viele AutorInnen stellt dies eine große Anstrengung dar. Manche lesen nicht gerne aus ihrem Werk, andere wollen keine Fragen gestellt bekommen und wieder andere wollen gar nicht vor Publikum auftreten. Doch gibt es auch SchriftstellerInnen, die sich gerne auf einer Bühne präsentieren und das eigene Buch bzw. das eigene Können in Szene setzen. Auch die Optik kann bei solchen Auftritten wichtig sein. Wie der Autor oder die Autorin sich gibt, wie er bzw. sie gekleidet ist, ob er bzw. sie eine Brille trägt oder ob er sich in unüblicher Weise benimmt, wird vom Publikum wahrgenommen 5.2.7. 251 Arnold 2011, S. 5. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 78 und bewertet. Manche LiteratInnen inszenieren sich laut und auffällig, andere leise und zurückgenommen, mache sind bunt und auffällig gekleidet, andere in Schwarz und Grautönen. Als Beispiel kann in diesem Zusammenhang wieder Else Lasker-Schüler genannt werden. Bei ihren Auftritten in Cabarets, Theatern oder Cafés ging sie strategisch vor: „So plante sie, wo sie zu stehen hatte, wie die Beleuchtung beschaffen sein musste, nicht zuletzt komponierte sie die Zusammenstellung ihrer Kleidungsstücke – bis hin zu den Fingernägeln.“252 Die Dichterin setzte sich mit ihrer Kunst in Beziehung und stilisierte sich selbst, wie schon erwähnt, als Kunstfigur. Ihre exotischen Outfits und ihr Gestus unterschieden sich deutlich von Performances anderer AutorInnen. Gerade das Durchbrechen von Moden und gängigen Arten, sich zu präsentieren, stellt einen Erfolg versprechenden Weg zur Erzeugung von Aufmerksamkeit dar. Nicht nur Live-Auftritte, sondern auch andere mediale Wege bieten Möglichkeiten der Performance. Um 1940 entdeckte Thomas Mann das Radio als neues Medium der Inszenierung. Er wusste, dass er über die gesprochene Sprache viele Menschen in seinen Bann ziehen konnte, und nutzte das Angebot, das ihm Radiosender machten. In BBC-Sendungen wurden seine Texte von Sprechern vorgelesen. Später konnte man in NBC-Sendungen Thomas Mann auch im O-Ton hören.253 Der Schriftsteller konnte so seine Auftritte im Radio auch für sein Engagement gegen den Nationalsozialismus nutzen. „Seine Reden gewannen dabei nicht etwa nur allgemein prophetischen Duktus, sondern enthielten mehre charakteristische biblische Anspielungen, vor allem auf die Abschiedsrede Jesu im Johannes-Evangelium.“254 Peter Handkes öffentliche Auftritte, Interviews und Fotos sowie sein literarisches Werk werden von Andreas Freinschlag unter dem Gesichtspunkt des Simmel'schen Begriffs der Koketterie analysiert. Damit ist gemeint, dass es bei Handke zu einem fortlaufenden Spiel zwischen ihm und seinem Publikum kommt, das nie enden darf, da an diesem Punkt die Koketterie beendet wäre und somit auch die Inszenierung. Nicht umsonst wird Handke, wie bereits ausgeführt, häufig als Provokateur bezeichnet. Er hat einen Habitus angenommen, der 252 Dane 2007, S. 50. 253 Vgl. Hamacher 2007, S. 75f. 254 Hamacher 2007, S. 77. 5.2. Medien der Inszenierung 79 stark von Gegensätzen und einer „Unterminierung von Kommunikationskonventionen“255 geprägt ist. Beides wird wohl absichtlich zur Inszenierung und zur koketten Kommunikation mit Publikum und JournalistInnen eingesetzt. Der Autor spielt ein doppeltes Spiel, das immer eine Hintertür offen lässt und so nie ganz abgeschlossen ist. Auch in seinem literarischen Werk ist zu bemerken, dass oft mehrere Perspektiven zum Tragen kommen. Handke spielt außerdem mit der Illusion, dass manche Figuren mit ihm gleichzusetzen seien und andere wieder nicht, was er in öffentlichen Kommentaren dazu nutzt, Verwirrspiele zu inszenieren. Beispiele hierfür etwa sind die Erzählung Nachmittag eines Schriftstellers256 und Untertagblues257. Erstere setzt sich ironisch mit der Arbeit als Schriftsteller auseinander, Untertagblues hingegen beschäftigt sich in ebenso ironischer Weise mit Handkes Ästhetizismus.258 In den 1990er Jahren trieben die sogenannten Pop-LiteratInnen die Selbstinszenierung ganz offen und auf sehr professionelle Weise auf die Spitze.259 Sie kamen vorwiegend aus den Bereichen Journalismus, Fernsehen und Werbung und kannten sich deshalb mit (Selbst-)Marketing aus. Ihre Medienerfahrung wird sowohl in ihren Werken als auch in ihrem öffentlichen Auftreten deutlich. Dirk Niefanger stellt in diesem Zusammenhang fest: Autorinszenierungen finden sich heute in den unterschiedlichsten Medien, in der Literatur selbst, in deren materiellem Umfeld wie auf Buchrücken und Klappentexten, auf Fotos, in Interviews, im Internet, in Fernsehshows oder Videoclips. Sie nehmen dort zwar selbst häufig fiktive oder zumindest stark stilisierte Züge an, sie dienen aber dennoch dazu, die tatsächliche Position des Autors im literarischen Umfeld zu stärken.260 Einer der bekanntesten Vertreter der Pop-Literatur der 1990er Jahre ist Benjamin von Stuckrad-Barre. Dieser war vor der Publikation seines ersten Romans Soloalbum Journalist beim Rolling Stone und später Gastgeber der Literatursendung Lesezirkel im Musiksender MTV. 255 Freinschlag 2013, S. 225. 256 Handke 1987. 257 Handke 2003. 258 Vgl. Freinschlag 2013, S. 224. 259 Vgl. hierzu beispielsweise Pankau 2004a; Degler/Paulokat 2008. 260 Niefanger 2004. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 80 Auch in Talkshows trat er regelmäßig auf. Die von den LeserInnen häufig vermuteten autobiographischen Hintergründe seiner Texte rückten die Person Stuckrad-Barre in den Mittelpunkt, was die Rezeption stark beeinflusste. Solche Parallelen stellen eine Form der Selbstinszenierung dar; die Grenzen zwischen Schriftsteller und literarischer Figur verschwimmen dabei zunehmend. So ist der Protagonist in Soloalbum auch Musikjournalist. Stuckrad-Barres zweiter Roman Livealbum handelt, diesem Muster folgend, von einem Schriftsteller, der auf Lesereise geht: [...] es geht vielmehr nur um das eine, um den einen, das Ich, den Helden, den Protagonisten oder einfach um Ihn, Benjamin von Stuckrad-Barre. Mit naiver Selbstironie – die ja nie etwas anderes als Selbstverliebtheit ist – beschreibt der Ich-Erzähler im ersten Band der Trilogie sich selbst in der Welt, im zweiten Band erzählt er von sich selbst auf Lesereise (und zwar mit Band 1), und Band 3 der Trilogie schließlich ist dann die Zusammenfassung – nicht von Band 1 und Band 2: ‚Remix’ enthält eine Zusammenfassung von Stuckrad-Barres Artikeln, die bereits in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind.261 Die erwähnten Lesereisen Stuckrad-Barres wurden nicht, wie sonst üblich, als Lesungen in Buchhandlungen organisiert, sondern als Events: „Anstatt in Buchhandlungen und Stadtbüchereien liest man lieber in Kinosälen, Clubs, Konzerthallen oder sogar beim Musik-Festival ‚Rock am Ring’.“262 Bei solchen Performances konnte der Autor seine Entertainer-Qualitäten unter Beweis stellen, z.B. das Publikum mit Kommentaren zum Lachen bringen. Musik und multimediale Präsentationen spielten bei diesen Auftritten eine wesentliche Rolle. So trat durch die Inszenierung des Autors der Text in den Hintergrund. Das Privatleben Stuckrad-Barres war immer wieder Thema in den Medien. Sowohl über seine Beziehungen zu Frauen als auch über seinen Drogenkonsum wurde berichtet. Dabei sorgt er selbst gerne für Gerüchte. So war etwa in einem seiner Romane eine Widmung für eine Frau namens Anke zu lesen, was zu Spekulationen um eine Beziehung mit der verheirateten Komikerin Anke Engelke führte. In Interviews wurde dies zwar zunächst von beiden abgestritten, einige Zeit später gaben sie jedoch ihre langjährige Beziehung bekannt. Einen Höhe- 261 Langhausen 2000. 262 Degler/Paulokat 2008, S. 19. 5.2. Medien der Inszenierung 81 punkt der Selbstinszenierung stellt der Dokumentarfilm Rausch und Ruhm der Fotografin Herlinde Koelbl dar, in dem Stuckrad-Barre am Tiefpunkt seiner Sucht gezeigt und während seiner Entziehungskur begleitet wird. Stuckrad-Barre war auch zusammen mit seinem Pop-Kollegen Christian Kracht auf einem Werbeplakat des Mode-Kaufhauses Peek & Cloppenburg zu sehen. So etwas hatte es in der Literatur-Szene vorher noch nicht gegeben, Literaten präsentierten sich hier wie Popstars.263 Christian Kracht, dessen Roman Faserland264 als Beginn der zweiten Welle der deutschsprachigen Pop-Literatur gilt, inszenierte sich selbst also in ähnlicher Weise in der Öffentlichkeit. 1996 ließ er sich etwa bei einer Reise für eine Reportage an der Grenze zu Afghanistan mit einer Kalaschnikow in der Hand fotografieren. Hierzu meint Niefanger: Seit RAF, Kosovo und Afghanistan symbolisiert sie [die Kalaschnikow] den Terror, denkt man an die Signatur auf den Bekennerschreiben der Schleyer-Entführer oder die Schießübungen in den Lagern Bin Ladens. Diese Waffe zu tragen oder sich mit ihr abzubilden, erscheint zweifellos als eine Provokation der bürgerlichen Kräfte in der jüngeren Bundesrepublik.265 Bei Kracht wurde ebenfalls auf Parallelen zwischen seinen Roman-Figuren und seiner Person bzw. seiner Generation hingewiesen. So ist beispielsweise der Protagonist in Faserland – wie Kracht selbst – ein Sohn reicher Eltern, der mit exzessivem Konsum einen Mangel an sozialen Bindungen zu kompensieren versucht. Konsum, der immer auch an Werbung und Inszenierung erinnert, ist in der Literatur dieser Zeit allgemein ein wichtiges Thema. Einerseits, weil er als Symbol für die Generation dieser AutorInnen steht, andererseits, weil diese AutorInnen durch ihre medienwirksamen Inszenierungen selbst zu einer Marke geworden sind. Dieses Motiv ist allerdings nicht neu. Schon im Skandalroman American Psycho266 des Amerikaners Bret Easton Ellis, der in Deutschland von 1995 bis 2001 sogar verboten war, wurden Markenfetischismus und Selbstinszenierung in den Mittelpunkt ge- 263 Degler/Paulokat 2008, S. 95. 264 Kracht 1995. 265 Niefanger 2004. 266 Vgl. Ellis 2001. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 82 stellt, weswegen dieser Roman oft als Vorlage für Faserland genannt wird.267 Das Auftreten und die Selbstinszenierung des deutschen Pop- Literaten erinnern in der Tat stark an Ellis.268 Dieser stellt in seinem Roman Lunar Park269 Spekulationen über autobiographische Einflüsse auf Romane sogar in den Mittelpunkt und nennt seinen Protagonisten Bret Easton Ellis. Ein weiteres Phänomen der 1990er Jahre, das im Zusammenhang mit der Inszenierung von AutorInnen zu nennen ist, stellt das sogenannte „literarische Fräuleinwunder“270 dar. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf Alexa Hennig von Lange oder auch Judith Hermann verwiesen. Zuvor moderierte sie eine Kindersendung und schrieb Dialoge für die Daily Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten – sie hatte also, wie ihre oben genannten KollegInnen, Medienerfahrung. Der Roman wurde vor allem als Drogen- und Szeneroman rezipiert, teilweise auch wieder als autobiographisches Werk.271 Der Roman trat in der Folge aufgrund der starken Präsenz der Autorin in den Medien hinter die Person Hennig von Lange zurück. Diese war im Fernsehen zu sehen, wurde zu Talkshows und Diskussionsrunden eingeladen, deren Themen nicht unbedingt etwas mit ihrem Roman zu tun hatten, es wurden Fotostrecken mit ihr in Magazinen veröffentlicht und sogar die RezensentInnen schrieben zum Teil mehr über das Erscheinungsbild der Autorin als über das Buch.272 Für das Cover der Taschenbuchausgabe des Romans Relax wurde, wie schon erwähnt, ein Bild der mittlerweile vielen aus dem Fernsehen bekannten Autorin als zusätzliche Werbung für den Roman genutzt. Hennig von Lange nutzte, wie immer wieder betont wird, ihre Wirkung und ihre Bekanntheit in der Öffentlichkeit gezielt: Fasst man die Präsenz Alexa Hennig von Langes in den Medien und ihre öffentlichen Auftritte zusammen, entsteht der Eindruck einer Autorin, die sich der Mechanismen im Literaturbetrieb bewusst ist und sich dieser bereitwillig bedient, um die Verkaufserfolge ihrer Bücher zu steigern.273 267 Vgl. z.B. Mertens 2003; Illies 2000, S. 154; Neuhaus 2009, S. 262. 268 Jürgens 1999. 269 Ellis 2006. 270 Vgl. Hage 1999. 271 Vgl. Müller 2006, S. 50. 272 Vgl. Müller 2006., S. 53f. 273 Müller 2006, S. 55f. 5.2. Medien der Inszenierung 83 Eine noch recht junge Form der literarischen Performance stellt der aus den USA stammende Poetry Slam dar. Das Besondere an Poetry Slams besteht darin, dass das Publikum in die Performance mit einbezogen wird. Die vorgetragenen Beiträge der Dichter werden entweder durch den Publikumsapplaus oder von einer Jury aus dem Publikum bewertet. Außerdem gibt es Regeln, die bei Slams eingehalten werden müssen: So dürfen die Autoren erstens nur selbstverfasste Texte vorlesen. Zweitens haben sie für ihren Auftritt nur eine begrenzte Zeit, die bei den meisten Slams im deutschsprachigen Raum zwischen drei und zehn Minuten liegt. Die ‚No Props-Regel’ schreibt drittens vor, dass keine Hilfsmittel außer Textblatt und Mikrofon verwendet werden dürfen, um die Texte zu präsentieren. Viertens muss bei Auftritten vor allem gesprochen werden. Lieder und Gesangseinlagen dürfen nur einen kleineren Teil des Auftritts einnehmen.274 Diese Regeln bilden einen Rahmen, der natürlich von Veranstaltung zu Veranstaltung etwas anders interpretiert werden kann. Die Hürde für die Teilnahme an einem Poetry Slam ist relativ niedrig. Jeder oder jede kann mitmachen, der einen selbstverfassten Text mitbringt. Dies hat aber auch zur Folge, dass das Publikum den Slammer nicht unbedingt kennen muss. Die Form des Textes ist nicht vorgeschrieben, es kann sich um Gedichte, Kurzprosa, Raps oder andere Sprachkunstwerke handeln. Beim Vortrag liegt zwar das Hauptaugenmerk auf der Art der Präsentation, doch im Vergleich zur Autorenlesung wird der Text bei der Performance viel stärker in den Vordergrund gestellt.275 Durch das Event führt ein Slam Master, auch MC (Master of Ceremony276) genannt, der die Slammer ankündigt und das Voting regelt. Werk Natürlich wird von Schriftstellern auch immer wieder das eigene Werk dazu verwendet, sich in Szene zu setzen. Eine recht aggressive Strategie 5.2.8. 274 Ditschke, S. 170f. 275 Ditschke, S. 171. 276 Dieser Ausdruck stammt aus der amerikanischen Hip-Hop-Szene; vgl. http://en. wikipedia.org/wiki/Master_of_ceremonies (letzter Zugriff: 18.8.2018). 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 84 legte hier schon Friedrich Schiller an den Tag.277 Er neigte dazu, in Rezensionen Autoren, die andere Konzepte verfolgten, programmatisch zu kritisieren. Durch diese Methode grenzte er sich von seiner Konkurrenz ab. In der Folge versuchte er, den LeserInnen durch eigene Veröffentlichungen zu beweisen, dass er seine Konkurrenz überbieten konnte. Zum ersten Mal ging er so bei Gotthold Friedrich Stäudlin vor, der als äußerst begabt galt und somit genau der Richtige für Schillers Vorhaben war. Das Erscheinen von Stäudlins ‚Musenalmanach‘ löst einen publizistischen Schlagabtausch aus, in dem Schillers Distinktionsstrategie immer wieder darauf zielt, Stäudlin als Kopf eines letztlich nur epigonal-orthodoxen Provinzdichtertums erscheinen zu lassen. Schiller macht sich also daran, einen eignen Almanach, als unmittelbares Konkurrenzprodukt mit Überbietungsgestus, ins Feld zu schicken.278 Im Weiteren schrieb Schiller lobende Rezensionen zu seinen eigenen Publikationen und Verrisse zu Stäudlins.279 Er behauptete von seinem eigenen Werk, dass es „viele seiner Schwestern in den Schatten“ stelle. Stäudlins Werk sei hingegen ein „Schwall von Mittelmäßigkeit“. Somit inszeniert er sein eigenes Werk als besser und wichtiger als das seines Konkurrenten. Dieser Kampf um den Platz des neuen, jungen Talents der deutschen Literatur fand gleich am Beginn von Schillers eintritt in das literarische Feld statt. Sein Selbstbewusster Auftritt half ihm sicherlich dabei den Platz in der deutschen Literaturgeschichte zu finden, den er heute hat. Wie schon erwähnt muss man zuerst auf sich aufmerksam machen, um später auch Erfolg im literarischen Feld zu haben. Paratexte Uwe Wirth beschäftigt sich mit der Inszenierung von Autorschaft in Paratexten280, speziell am Beispiel des Vorworts von E.T.A. Hoffmanns 5.2.9. 277 Kaiser 2011, S. 121ff. 278 Kaiser 2011, S. 123. 279 Vgl. hierzu Kaiser 2011, S. 123f. 280 Vgl. Genette 2001. 5.2. Medien der Inszenierung 85 Lebens-Ansichten des Katers Murr.281 Hierbei stützt er sich vor allem auf den Performativitäts-Begriff von Fischer-Lichte und Austins Sprechakttheorie282. Auch die Unterscheidung zwischen SchreiberIn und SchriftstellerIn nach Michel Foucault und Roland Barthes283 wird im Zusammenhang mit dem Phänomen der Herausgeberfiktion diskutiert. Wirth stellt die Frage, welche Funktionen ein Vorwort haben kann und ob dieses schon zur Fiktion gezählt werden muss oder nicht.284 Die Lebens-Ansichten des Katers Murr stellen ein Werk dar, das sich aufgrund der Autofiktion und Reflexivität des Vorwortes hervorragend für eine derartige Untersuchung eignet. Wirths Studie macht deutlich, dass das Vorwort hier primär als performatives Ritual fungiert, auch wenn es sich auf den ersten Blick als eine Art ‚Gebrauchsanleitung‘ für das Buch tarnt. Doch eigentlich ist diese Form der Reflexion eine Inszenierung der Autorschaft. Schiller verwendet gerne Paratexte, um sich programmatisch zu äußern bzw. sein Werk zu kommentieren. Beim schon erwähnten Almanach, in dem er Stäudlin kritisiert, präpariert er Vorrede und Aussehen des Werkes so, dass seine Absicht klar zu erkennen ist. „Mit der Vorrede und der Vignette auf dem Titelblatt seiner ‚Anthologie‘ antwortete Schiller auf subtile Weise auf Stäudlins Titelkupfer.“285 Er beabsichtigt zu zeigen, dass Stäudlins Almanach keine Entdeckerfunktion erfüllen kann und nur provinzielle Qualität bereithält, und gleichzeitig tauscht er die bei Stäudlin abgebildete Muse mit Leier mit dem Gott der Dichtkunst aus, der siegreich einen Lorbeerkranz trägt, aber nicht, wie sonst oft, die Leier dabei hat. Auch bei seinem ersten Theaterstück Die Räuber verfolgte Schiller eine Inszenierungsstrategie, die man schon im Vorwort oder besser gesagt in einem der Vorworte286 findet. Er gibt nämlich zu, dass das Stück eigentlich nicht für die Bühne geeignet sei. Doch im Weiteren dreht er seine Argumentation um und versucht dem Leser oder der Leserin zu beweisen, dass gerade darin die Qualität des Stückes liege. 281 Hoffmann 2005. 282 Austin 1986. 283 Foucault 2000 bzw. Barthes 2000. 284 Vgl. Wirth 2013. 285 Kaiser 2011, S. 124. 286 Siehe Kaiser 2011, S. 127. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 86 Zusätzlich schrieb er zu den erwähnten Werken Selbstkritiken, die eine Mischung aus Eigenlob und -kritik darstellen. Mit diesen Paratexten beeinflusst er seine LeserInnen und versucht so, sich als bedeutender Künstler zu etablieren. Mit dem Thema Autofiktion beschäftigt sich auch Helene Elshout in ihrer Studie Der Nörgler in „Die letzten Tage der Menschheit“. Karl Kraus’ Alter Ego als Erzählerfigur287. Sie zeigt, dass die Konstruktion der intradiegetischen, allwissenden Erzählerfigur markante Parallelen zur Person Karl Kraus aufweist. Manche Szenen lassen erkennen, dass der Nörgler sich selbst mit dem Autor des Dramas gleichsetzt, indem er sich auf Paratexte bezieht, etwa auf Passagen aus dem Vorwort oder auch auf eine Abbildung neben dem Titelblatt des Dramas. In der ersten Szene, in der er auftritt, setzt er sich sogar mit dem „Fackelkraus“ gleich und wird so von vornherein als Alter-Ego-Figur eingeführt.288 Brief und Tagebuch AutorInnen berücksichtigen in der Regel, dass auch Texte wie Privatbriefe, Tagebücher usw. irgendwann an die Öffentlichkeit gelangen können. Nachlässe in Archiven, Biographien oder auch edierte Briefwechsel sind Zeichen dafür, dass sich ein breites Publikum auch für das Privatleben von AutorInnen interessiert. Walter Kempowski erzählt in seinen Tagebüchern beispielsweise recht offen, wie er sich vor Interviews oder anderen Treffen verhält, und reflektiert auch sein Verhalten. So beschreibt er, wie er während einer Lesereise von einem jungen Paar in seinem Hotelzimmer besucht wird, und meint: „Wir aßen Frühstück zusammen – ich hatte alles Mögliche bestellt, um ihnen zu imponieren […].“289 An einer anderen Stelle schreibt er, dass er von jemandem einen weißen Pfau angeboten bekommen und sich daraufhin vorgestellt habe, wie er beim nächsten Interview bei sich zu Hause mit dem Pfau auftreten werde.290 In den 5.2.10. 287 Elshout 2013, S. 87ff. 288 http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-letzten-tage-der-menschheit-4688/2 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 289 Kempowski 1990, S. 598f. 290 Kempowski 2003, S. 142. 5.2. Medien der Inszenierung 87 Tagebüchern wird die Inszenierung des Autors Kempowski durch diesen explizit angesprochen und analysiert. Er thematisiert sie und wirkt gleichzeitig durch seine Ehrlichkeit doch authentisch. 5 Autorinszenierung – ein historischer Abriss 88

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.