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2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung in:

Elisabeth Sporer

(Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten, page 13 - 30

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4344-8, ISBN online: 978-3-8288-7255-4, https://doi.org/10.5771/9783828872554-13

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
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Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung Der Begriff Postmoderne Wenn man über Formen und Bedeutung der Autorinszenierung unter den heutigen medialen Bedingungen sprechen will, kommt man nicht umhin, auf jene Theorien und Modelle zu verweisen, die weitgehend als gültiges Bild oder Selbstbild unserer Gesellschaft akzeptiert sind. Hier spielt vor allem der im Sinne von Jean-François Lyotard verwendete Begriff der „Postmoderne“42 eine zentrale Rolle. Auch wenn es den Begriff schon früher gab, hat Lyotards Text Das postmoderne Wissen43 das Verständnis dessen geprägt, was unter Postmoderne ganz allgemein subsumiert wird. Der Terminus selbst ist in der Fachwelt allerdings umstritten.44 So betrachten Welsch45 oder auch Beck46 etwa das, was als Postmoderne bezeichnet wird, nicht als eigene Epoche, sondern als Fortführung der Moderne und finden den Begriff daher unpassend bzw. sogar irreführend. Er suggeriert, dass es sich um etwas komplett Neues handelt, obwohl es in ihrem Verständnis nur eine Weiterentwicklung darstellt. Im Werk Reflexive Modernisierung47 haben Ulrich Beck, Anthony Giddens und Scott Lash als einen gemeinsamen Punkt ihrer Forschung die Ablehnung des Begriffs „Postmoderne“ herausgearbeitet und in der Folge den neuen Begriff der „Reflexiven Modernisierung“ geschaffen, der ihrer Meinung nach offener und daher 2 2.1. 42 Vgl. Lyotard 1997; Welsch 2007; Beck 1986; Beck/Giddens/Lash 1996; Baumann 2008; Reckwitz 2010. 43 Lyotard 1997. 44 Vgl. Welsch 2007, S. 12ff. 45 Welsch 2007, S. 1ff. 46 Vgl. Beck 1986 47 Beck/Giddens/Lash 1996. 13 adäquater ist. So meint Beck im Vorwort zur kontroversen Diskussion um den Begriff der Postmoderne: Wir hielten die sich in die Länge ziehende Debatte um Moderne und Postmoderne für ermüdend, zumal, wie häufig bei solchen Diskussionen, der Ertrag gering war. Mit dem Begriff der reflexiven Modernisierung, selbst wenn er nicht explizit benutzt wird, werden die Fesseln abgestreift, die im Rahmen derartiger Auseinandersetzungen konzeptuelle Innovationen behindern.48 Außerdem findet sich als Kritik am Begriff Postmoderne in der Forschung das Argument, dass aus heutiger Sicht eine derartige Kategorisierung nicht vorgenommen werden könne, da dies erst retrospektiv möglich sei.49 Lyotard gab im Nachhinein selbst zu, dass Postmoderne „wahrscheinlich ein recht unglücklicher Ausdruck“50 sei, da er bestimmte Annahmen impliziere, die von ihm gar nicht gewollt seien, etwa das Ausrufen einer eigenen Epoche, vielleicht sogar im Sinne einer Anti-Moderne: Die Postmoderne kongruiert mit den Forderungen der wissenschaftlichen und künstlerischen Moderne des 20. Jahrhunderts (der ‚Avantgarde-Bewegung‘). Ihr Unterschied von dieser ist nur, daß das, was dort gefordert wurde, jetzt eingelöst wird. Postmoderne ist so der Zustand, in dem die Moderne nicht mehr reklamiert werden muß, sondern realisiert wird.51 Die Postmoderne ist nach Lyotard ein „Gemüts- oder vielmehr Geisteszustand“52, eine Einstellung zu bestimmten Dingen. „Und dazu muß man keineswegs im zu Ende gehenden 20. Jahrhundert leben, sondern kann schon Wittgenstein oder Kant, kann Diderot, Pascal oder Aristoteles geheißen haben.53 Da der Begriff häufig ohne nähere Spezifikation gebraucht wird, soll im Folgenden grob umrissen werden, was er im heutigen Verständnis bedeutet und welche Kennzeichen dabei wichtig sind. In diesem Zusammenhang wird vor allem der Standpunkt von Wolfgang Welsch in 48 Beck/Giddens/Lash 1996, S. 13. 49 Vgl. Welsch 2007, S. 9ff.; Zima 1997, S. 19ff. 50 Lyotard 1986, S. 97. 51 Welsch 2007, S. 36. 52 Vgl. Lyotard 1986, S. 97. 53 Welsch 2007, S. 35. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 14 Unsere postmoderne Moderne54 beleuchtet werden, da hier ein umfassender Überblick geboten wird. Der Begriff der Postmoderne soll nach Welsch nicht als Gegenteil der Moderne bzw. als Anti-Moderne, gesehen werden, sondern als logische Fortführung oder sogar als „radikale Moderne“55. Allerdings grenzt Welsch hier ein. Er spricht von der Spätmoderne, dem 20. Jahrhundert, und nicht von der Neuzeit. Hinsichtlich dieser frühen Moderne kann die Postmoderne sehr wohl in vielen Bereichen als Gegenstück gesehen werden. Vor allem die Pluralität56, ein Charakteristikum der Postmoderne, widerspricht dem Streben auf ein großes Ganzes hin, das in der früheren Moderne angedacht war. Allerdings gab es durch die Avantgarde-Bewegungen in der Spätmoderne neue Entwicklungen, die auf die Postmoderne hinwiesen. Das große Ganze trat in dieser Bewegung in den Hintergrund und das Experimentieren, die Vielfalt und das Nebeneinander vieler Kunstformen wurde zum Standard. Heute sind diese Bestrebungen in den Alltag eingedrungen. Auch wenn Lyotard den Begriff Postmoderne nicht als „historische ‚Periodisierung’“57 verstanden wissen will, ist Welschs Beobachtung doch schlüssig, so dass die Moderne als eine Entwicklung zu sehen ist, die in die Postmoderne übergeht. Der Begriff Postmoderne wird seit mehreren Jahrzehnten in Bereichen wie Philosophie, Soziologie, Literatur, Musik, Architektur und Kunst verwendet und diskutiert. Er bezeichnet einen Wandlungsprozess in diesen und weiteren Bereichen, der als Folge verschiedener zeitgeschichtlicher Faktoren zu sehen ist: Die Veränderungen von der industriellen Produktions- zur postindustriellen Dienstleistungs- und postmodernen Aktivitäts-Gesellschaft, die ökonomische Umstellung von Globalkonzepten auf Strategien der Diversifizierung, die Strukturveränderungen der Kommunikation infolge der neuen Technologien, das neue wissenschaftliche Interesse an nichtdeterministischen Prozessen, und Strukturen der Selbstorganisation, an Chaos und fraktaler Dimension, die philosophische Verabschiedung des rigorosen Rationalismus und Szientismus und der Übergang zu einer Vielfalt 54 Welsch 2007. 55 Welsch 2007, S. 6. 56 Vgl. Welsch 2007, S. XVII. 57 Lyotard 1986, S. 97. 2.1. Der Begriff Postmoderne 15 konkurrierender Paradigmen, all das sind Prozesse, die gewichtige Verschiebungen gegenüber Positionen der Moderne anzeigen.58 Das wichtigste und in allen Bereichen der Postmoderne vorherrschende Kennzeichen ist die Pluralität. „Pluralität“ – so Welsch – […] ist der Schlüsselbegriff der Postmoderne. Sämtliche als postmodern bekannt gewordene Topoi – Ende der Meta-Erzählungen, Dispersion des Subjekts, Dezentrierung des Sinns, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Unsynthetisierbarkeit der vielfältigen Lebensformen und Rationalitätsmuster – werden im Licht der Pluralität verständlich.59 Das Nebeneinander von verschiedenen Meinungen, Strömungen, Anschauungen, von dem die Gegenwart geprägt ist, muss nicht negativ gesehen werden. So meint etwa Markus Gasser: In allen Bereichen der wohlhabenden westlichen Gesellschaft herrscht eine Vielfalt – oder ‚Pluralität’ – von Meinungen, Ideen, Lebenskonzepten und Weltanschauungen, die mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander wirken. Ihr Widerstreit gestaltet die kulturelle Innenarchitektur der Gesellschaft uneinheitlich – oder ‚heterogen’ – und dieser Zustand stellt einen höchsten Wert, ein Ideal dar, das es auch weiterhin zu verwirklichen gilt.60 Das gleichwertige Nebeneinander von verschiedenen Religionen, Weltanschauungen und Meinungen hat zur Folge, dass man einen bestimmten Sachverhalt auf verschiedene Weise betrachten kann, dass es nicht eine einzige, richtige Sichtweise gibt und somit auch keine allumfassende Wahrheit. Auch Welsch betont, dass die Entwicklung hin zu immer mehr Pluralität nicht als Auflösungsvorgang beklagt werden dürfe, sondern als „zuinnerst positive Vision“61 gesehen werden müsse, die „von wirklicher Demokratie untrennbar“62 sei. Welsch sieht dies als eine erstrebenswerte Entwicklung, die sich vor allem gegen jegliche Form von Totalität und Uniformierung wende: „Die postmoderne Vielheit ist als grundlegend positives Phänomen zu begreifen. Wer verlorener Einheit nachtrauert, trauert einem – wie immer auch sublimen 58 Welsch 2002, S. 11. 59 Welsch 2007, S. XVII. 60 Gasser, S. 34. 61 Welsch 2007, S. 5. 62 Welsch 2007, S. 5. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 16 – Zwang nach.“63 Es gibt keine großen Meta-Erzählungen mehr, die für alle verbindlich sind, wie dies in der Neuzeit noch der Fall war. So meint Lyotard: „In äußerster Vereinfachung kann man sagen: ‚Postmoderne‘ bedeutet, dass man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt.“64 Dies führt unter anderem zu dem von Ernst Bloch konstatierten Phänomen der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“65. So gibt es zum Beispiel in hochentwickelten Industriegesellschaften immer noch Religionsgemeinschaften, die von mittelalterlich anmutenden Lebensweisen geprägt sind. Der Verlust des großen Ganzen wird von vielen als negativ betrachtet, da er mit Orientierungsverlust, Unklarheit und Risiko einhergeht.66 Vor allem Zygmunt Bauman67 weist darauf hin, dass es traditionelle Bindungen und Solidarität nicht mehr im gleichen Maß wie früher gebe. Ein Gemeinschaftsgefühl, wie es vor dem 20. Jahrhundert üblich war, sei durch die postmodernen Lebensumstände nicht mehr möglich. Ohne feste Anhaltspunkte werde es immer schwerer, das Leben zu ordnen und die Last der freien Entscheidung zu tragen bzw. zu ertragen. Auch wenn diese neuen Probleme offenkundig nicht zu ignorieren sind, lassen sich durchaus auch positive Aspekte benennen. So bejaht Andreas Reckwitz die Entwicklung, wenn er sich folgendermaßen zur Entstehung des postmodernen Subjekts und zu seinen neuen Freiheiten äußert: Seit dem Humanismus, der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung und dem Liberalismus wird die moderne Kultur von der Idee angetrieben, dass die Ablösung der traditionalen durch eine moderne Gesellschaft die Bedingungen für eine soziale Freisetzung – eine Befreiung des Subjekts aus kollektiven Bindungen – gelegt und den Raum für reflexive, rationale, eigeninteressierte, expressive Individuen geschaffen hat.68 Auch Welsch ist im Übrigen der Ansicht, dass das Leben in der Postmoderne nicht ausschließlich von Nachteilen geprägt ist. Er konzen- 63 Welsch 2007, S. 40. 64 Lyotard 1997, S. 172. 65 Vgl. dazu auch Welsch 2007, S. XVIIf. 66 Siehe Beck 1986; Weber 1973. 67 Bauman 2008. 68 Reckwitz 2010, S. 9. 2.1. Der Begriff Postmoderne 17 triert sich auf den Aspekt der Freiheit und der Möglichkeiten, die durch diese eröffnet werden. Außerdem sieht er in der Postmoderne eine starke Demokratisierung, die auf ethischen Grundlagen basiert, da es zwangsläufig zu Reibungspunkten komme, die diskutiert werden müssten. Es gibt also nicht ein großes, allgemein gültiges Ziel, auf das, ohne dass es hinterfragt würde, von allen hingearbeitet wird, sondern es gibt viele Gruppen mit verschiedenen Zielen. Da sich diese Ziele oft widersprechen, kommt es zu Diskussionen, die im Rahmen einer echten Demokratie gelöst werden müssen. Die Kommunikation zwischen verschiedenen Gruppen ist wichtig für das Zusammenleben und muss, wie Welsch betont, behutsam und gerecht vonstattengehen, damit sie funktioniert. Diese Kommunikation kann als Vielzahl von „Sprachspielen“ im Sinne Ludwig Wittgensteins gesehen werden, die nach bestimmten Regeln funktionieren.69 Durch diese Entwicklung entsteht eine Dynamik, die durch die Globalisierung mittlerweile überregional bzw. sogar weltweit zu Widerständen und Reibungspunkten führt und somit auch zu weltweiter Kommunikation und Diskussion. Auch der Begriff der Vernunft gestaltet sich in der postmodernen Welt neu, da die Pluralität auch eine Pluralität der Rationalität miteinschließen muss. Deren vielfältige Formen sind nicht miteinander vereinbar, was zu neuen Herausforderungen führt. So meint Welsch: Zu entwickeln ist eine neuartige Konzeption von Vernunft, die weder das Maß wirklicher Differenz ignoriert noch Kommunikationsansprüche unnötig preisgibt, sondern sowohl die Grenzen der verschiedenen Rationalitätsformen aufzeigt und wahrt als auch Übergänge und Auseinandersetzungen zwischen ihnen ermöglicht und vollzieht und die darin die klassische Funktion von Vernunft gegenüber den Formationen des Verstandes erneuert.70 Welsch verwendet dafür die Bezeichnung „transversale Vernunft“71. Markus Gasser fasst das Phänomen Postmoderne wie folgt prägnant zusammen: Auch diese ‚Postmoderne’ stellt ein fiktionales Konstrukt dar, ein theoretisches und theoretisch abgehandeltes Kunstwerk, kurz, eine Erfindung, und alles, was ich bisher beschrieben habe, ist mit dieser ‚Postmoderne’ 69 Welsch 2007, S. 5 bzw. 33. 70 Welsch 2007, S. 7. 71 Welsch 2007, S. 317f. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 18 verknüpft: die Legitimationskrise der Philosophie; die Offenheit des Denkens, die eine Offenheit der Form verlangt und voraussetzt, eine essayistische Arbeitswelt also, die jedem Zuendedenken, jedem Denken in Weltanschauungen, in heilsgeschichtlichen Ismen schon formal widersteht; die Entdeckung apokrypher ‚Spielzüge’ in der philosophischen Tradition, die nunmehr als differente Figur erscheint, weshalb die Philosophie – laut Lyotard – auch eine Theorie ihrer selbst sei und ein offenes System, eine willentlich differente Figur werde müsse; die Utopie einer Kultur, deren Schwerpunkt ständig wechselt und daher – ebenso wie der Essay, ebenso wie Lyotards ‚Anti-Modell’ – kein Zentrum aufweist, sondern der Tendenz des Bewußtseins entspricht, sich nicht zu vollenden; die Auflösung sozialer Klassen in Erlebnismilieus; das Schwinden der Distanz zwischen Leben und Kunst in der Verkünstlichung und der freundliche ästhetische Blick auf Gesellschaft, Welt, Wirklichkeit, der sich damit begnügt, anhand vager Begrifflichkeit in sein eigenes Unglück zu investieren; ein lyrisches Denken, das vor Jahrzehnten gestörte Moralkreise wieder zu schließen versucht; und: unsere Unwirklichkeit inmitten aller wahr scheinenden und geglaubten Unwahrscheinlichkeiten.72 Die Realität und die Alltagswelt der Menschen in der westlichen Welt haben sich im Lauf der letzten hundert Jahre offenkundig stark verändert. Allerdings sind diese Veränderungen nicht plötzlich gekommen. Man konnte schon in der Spätmoderne erkennen, dass sich die Gesellschaft in Richtung einer Pluralität entwickelt. Ein wichtiger Aspekt beim theoretischen Blick auf das Thema Postmoderne ist die bereits erwähnte „Dispersion des Subjekts“73. Das Subjekt ist von der Instabilität der Welt und den Folgen, die mit der postmodernen Pluralität und Freiheit einhergehen, stark betroffen. Es gibt im Leben nicht mehr durchgehend eine einzige, klar definierte Rolle, der man gerecht werden muss, sondern mehrere. Das führt zur Auflösung einer einheitlichen Identität zugunsten von mehreren Identitäten. Das Subjekt ist nicht mehr klar vordefiniert und kann sich je nach Situation verschieden verhalten. Man spricht in diesem Zusammenhang von Patchwork-Identität.74 Hier geht Keupp davon aus, „daß Identität sinnvollerweise als ein subjektiver Konstruktionsprozeß zu begreifen ist, in dem Individuen eine Passung von innerer und äußerer 72 Gasser 1998, S. 37. 73 Welsch 2007, S. XVII. 74 Siehe Keupp 2008. 2.1. Der Begriff Postmoderne 19 Welt suchen“.75 So kann sich beispielsweise ein Mensch je nach Situation anders geben. Wenn man mit seinem Chef spricht, wird man sich anders verhalten, als wenn man mit seinem Bruder oder einer Freundin spricht. Dieses Phänomen wird auch „Codeswitching“76 genannt. Somit ist die Identität nach Keupp eines Menschen nicht immer eine einzige, sondern besteht aus mehreren Teilidentitäten, die sich je nach Situation auch ändern können. Merkmale der postmodernen Gesellschaft Identität und Anerkennung Die spezielle Ausprägung einer unverwechselbaren Identität stellt in der postmodernen Gesellschaft nach Misoch „eine grundlegende Voraussetzung für soziales Handeln und interpersonale Interaktion“77 dar, doch ist es für das Individuum in der Gesellschaft wichtig, die eigene Identität anderen klar zu erkennen zu geben. Dadurch wird dem Individuum auch selbst die eigene Identität bewusst, was dazu führt, dass das Individuum diese auch selbst reflexiv betrachten kann. Diese Identität muss konstant sein, da Einschätzbarkeit und Vorhersehbarkeit dazu führen, dass die Person als stimmig gesehen wird. Brüche zwischen der Sicht anderer und der Eigensicht führen zu Verwirrung und bewirken, so Misoch, dass das Ideal von „Einzigartigkeit, Kohärenz, Konstanz und Kontinuität“78 nicht erreicht wird und die Anerkennung eines Subjekts durch die Umwelt leidet. Anerkennung heißt, dass eine Regelung, die von einem Individuum oder einer Gruppe aufgestellt worden ist, gilt und akzeptiert wird. Außer der ursprünglichen Bedeutung – der Wertschätzung – ist sie auch, wie Kristina Nolte, die zum 2.2. 2.2.1. 75 Siehe Keupp 2008, S. 7. 76 Siehe Heller 1988. Dieser Terminus wurde ursprünglich in der Linguistik verwendet, um das Wechseln zwischen Sprachen zu beschreiben. Er kann aber auch umfassender gebraucht werden, um zu beschreiben, dass sich Menschen in verschiedenen Situationen verschieden verhalten bzw. verschiedene Sprachvarietäten anwenden. 77 Misoch 2004, S. 18. 78 Misoch 2004, S. 20. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 20 Thema Anerkennung und Aufmerksamkeit forscht, meint, „die Bestätigung der Akzeptanz einer Existenz und damit einhergehend eine Einschränkung eigener Freiheit“79. Dies bedeutet, dass sich das Individuum einschränkt, da es ein „Vernunftwesen“80 ist. Es opfert die eigene Freiheit, um Chaos zu beenden oder zu vermeiden. Dies lässt sich laut Nolte damit vergleichen, dass in der Menschheitsgeschichte das Individuum die eigene Handlungsfreiheit einschränken musste, um in Sicherheit leben zu können, da der Naturzustand die andauernde Bedrohung der eigenen Existenz bedeutete.81 Die Anerkennung – so Nolte – „[…] ist eine Übereinkunft, die das Zusammenleben erleichtert, weil sie Rechte und Pflichten regelt und damit Verhalten berechenbar macht“82. Das Individuum ist dadurch zwar eingeschränkt, kann dafür aber viele Situationen besser einschätzen und ist vor allem nicht ständig durch andere Individuen gefährdet. „Identitätsbildung ist ein gesellschaftlicher Prozess, bei dem ein Individuum im Spiegel der Anderen einen eigenständigen Charakter entwickelt und die Werte der Gruppe internalisiert.“83 Individuen kämpfen auch für ihren Selbstwert, was Einfluss auf die Gesellschaft hat bzw. gesellschaftliche Veränderungen hervorruft. Wer um Anerkennung kämpft, will Wertschätzung erfahren. Menschen, die sich nicht an die Spielregeln der Gesellschaft halten, wird fehlende Anerkennung oder gar Ablehnung zuteil; Menschen, die sich hingegen daran halten oder die Macht haben, sie in ihrem Sinne abzuändern, erfahren Anerkennung in Form von Wertschätzung. So entsteht ein Wertesystem, das die jeweilige Gesellschaft prägt. Die Reaktionen hängen meist von den moralischen Vorstellungen in einer Gesellschaft ab, die eine Handlung als positiv oder negativ erscheinen lassen. Um sich einen Wert zuordnen zu können, muss das Individuum laut Nolte ein Selbstbewusstsein besitzen, was so viel heißt wie: das Wissen um sich selbst bzw. das Wissen um das eigene Wissen.84 Wenn 79 Nolte 2005, S. 18. 80 Fichte 2001, S. 1. 81 Nolte 2005, S. 18f. 82 Nolte 2005, S. 19. 83 Nolte 2005, S. 20. 84 Nolte 2005, S. 22. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 21 es sich dann als Individuum erkannt hat, begehrt es nach Anerkennung des eigenen Selbst durch andere. In der sozialpsychologischen Theorie beschreibt Identität den unabhängigen Charakter eines Menschen, ein Eigenschaftsmuster, das im Laufe des Lebens erworben wird. Dazu benötigen Menschen andere Menschen, die eigenes Handeln und Wirken spiegeln. Identitätsbildung ist ein gesellschaftlicher Prozess, bei dem im Laufe der Sozialisation die Werte und Ziele der Gemeinschaft in das Wesen des Individuums übernommen werden.85 Somit entsteht die Identität erst durch die Gesellschaft bzw. durch andere Individuen. Doch diese Identität kann sich auch ändern, d.h. sie muss immer wieder aktualisiert werden. Die Wertzuschreibungen bleiben nur so lange bestehen, wie sie von anderen bestätigt werden. Das heißt, dass die Identität eines Menschen zum Großteil von außen und nicht von innen bestimmt ist.86 Man muss zuerst das Bild der anderen von sich selbst erkennen, um in einem reflexiven Prozess schließlich die eigene Identität einordnen zu können. „Nur, wer sich reflexiv auf sich selbst beziehen kann, ist fähig, eine eigene Identität zu entwickeln, und erwirbt mit der Identität die Voraussetzungen für selbständiges Handeln und Denken.“87 Dieses Denken und Handeln ist durch die Gesellschaft und deren Gesetze und Werte bestimmt, die durch die Sozialisation eines Menschen in dessen Identität eingeprägt sind. Daher ist die das Individuum umgebende Welt sehr wichtig für die Identitätsbildung und auch für Rollenverhalten und Persönlichkeitsbildung. Schon als Kind sucht sich der Mensch Identifikationsfiguren, meist die Eltern, die er imitiert und deren Rollen er übernimmt. Auch die Sprache, wie Nolte ausführt, ist in diesem Zusammenhang eine wesentliche Komponente: Sprache ist deshalb so entscheidend, weil sie fertige Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster bereithält. Beim Spracherwerb verinnerlichen Kinder einen Baukasten an Zeichen, Lauten, Artikulation, deren Bedeutung, Kombinations- und Verwendungsmöglichkeiten. Sie lernen Welt und wie man in ihr denken und handeln kann.88 85 Nolte 2005, S. 26. 86 Vgl. Nolte 2005, S. 26ff. 87 Nolte 2005, S. 28. 88 Nolte 2005, S. 29. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 22 Man lernt, Werkzeuge und Handlungsmuster zu verwenden, die es einem ermöglichen, auch „intellektuelle Kapazitäten“89 zu nutzen. Die Handlungsmuster begrenzen die Auswahl des Menschen und machen Entscheidungen so einfacher und vorhersagbarer. Dadurch wird auch Wissen über Routinen erlangt. So wird in einer bestimmten Situation das Reagieren nach einem gewissen Muster möglich. „Aus diesem Wissen entstehen Routinen und daraus kann Weiterentwicklung folgen – bei kognitiven genauso wie bei gesellschaftlichen Prozessen.“90 Damit aus einer derartigen immer wiederkehrenden Handlung eine Institution werden kann, ist aber eine bestimmte gesellschaftliche Situation vorauszusetzen, die dauerhaft gleich bleibt, wie z.B. Sesshaftigkeit. In der Folge liegt dann ein gegebenes Handlungsmuster vor. Der Prozess der Individualisierung91 sowie der Umstand, dass das freie, postmoderne Individuum nicht mehr traditionellen und institutionellen Zwängen unterliegt, führt auch zu größerer Freiheit in der inszenatorischen und performativen Gestaltung. Allerdings wird das Subjekt immer auch von seiner Umgebung beeinflusst, von dem, was gerade modern ist oder nicht, von Stil und Geschmack anderer Menschen usw. Es muss ein eigener Stil der Selbstdarstellung gewählt werden, der konsistent eingehalten wird, damit das Umfeld nicht mit Unverständnis reagiert. Das postmoderne Individuum verspürt ein Geltungsbedürfnis, es will akzeptiert und anerkannt werden, indem es seine Individualität hervorhebt und inszeniert, ein – so Willems – „immer unbestimmteres, immer offeneres Selbst, das mit entsprechender Theatralität immer wieder neu ‚konstruiert‘ und ‚definiert‘ werden kann und muss.“92 Reckwitz fasst die bereits erwähnten Phänomene unter dem Titel Das hybride Subjekt93 zusammen und stellt vor allem den Zusammenhang zwischen Subjekt und Gesellschaft in den Mittelpunkt. Er geht davon aus, dass dieses neue Subjekt in einer Doppelstruktur lebt, die oft als Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft beschrieben 89 Ebd. 90 Nolte 2005, S. 30. 91 Willems 1998, S. 45f. 92 Willems 1998, S. 45. 93 Vgl. Reckwitz 2010. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 23 wird. Somit ist das Subjekt einerseits einer Freiheit ausgesetzt, die sich auf ökonomischer, politischer oder auch familiärer Ebene äußert, andererseits gibt es auch Tendenzen, diese Freiheit auf den gleichen Ebenen wieder einzudämmen. Die Deutung der Moderne94 bewegt sich hier entlang eines Kontinuums zwischen einer Diagnose von individueller Freiheit und einer Diagnose von sozialer Kontrolle oder – anders akzentuiert – zwischen autonomer Vereinzelung und sozialer Integration.95 Reckwitz sieht in dieser Tendenz „zwei Seiten eines Prozesses“96. Für ihn ist es ein Charakteristikum der Postmoderne, […] dass sie spezifische kulturelle Formen produziert, denen entsprechend sich der Einzelne als ‚Subjekt’, das heißt als rationale, reflexive, sozial orientierte, moralische, expressive, grenzüberschreitende, begehrende etc. Instanz zu modellieren hat und modellieren will.97 Es geht hier nicht um den Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft, sondern um „eine Sequenz sozio-kultureller Subjektformen, von ‚Subjektivationen’, von Subjektkulturen“98. Es gibt in der Postmoderne keine eindeutige Subjektstruktur. Das Subjekt hat eben keine definitive Form. Die Definition des Subjekts ist eher eine Art offene Frage, auf die es immer wieder neue Antworten gibt. Das Subjekt ist also durch eine hybride Struktur gekennzeichnet, die sich immer wieder ändern kann. Identität entsteht nicht mehr durch Anpassung. Jeder und jede will herausragen, jeder und jede will ein Original sein. Die Anonymisierung des Lebens in einer globalen Welt führt dazu, dass man nicht untergehen will zwischen all den anderen Menschen und deshalb eine Besonderheit darstellen möchte. Um dies zu bewerkstelligen, darf man allerdings nie auf andere langweilig wirken, weshalb das Selbst als lebenslanges Projekt zu sehen ist. 94 Reckwitz verwendet nicht den Terminus „Postmoderne“, sondern geht ebenfalls davon aus, dass diese Epoche nur eine Weiterführung der Moderne darstellt. 95 Vgl. Wagner 1994, S. 3ff. 96 Reckwitz 2010, S. 10. 97 Ebd. 98 Reckwitz 2010, S. 10f. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 24 Das Subjekt in der postmodernen Gesellschaft Vor allem durch die Globalisierung und durch den Machtverlust weltlicher sowie geistlicher Instanzen ist das Subjekt99 heute auf sich gestellt. Es geht nicht mehr so sehr um Gruppen in der Gesellschaft als um Individuen, die für sich selbst entscheiden können. Allerdings muss sich nicht jedes Subjekt ganz und gar für diese Freiheit entscheiden. Es gibt die Möglichkeit, für sich Strukturen zu suchen, die Vorgaben anbieten, Vorbildern nachzueifern oder sich in Gruppen einzugliedern, die rigidere Strukturen vertreten. Durch Veränderungen des Subjekts bzw. seiner Umgebung kann es dazu kommen, dass sich ein Subjekt gravierend ändert und neue Wege einschlägt. Reckwitz meint zu diesem „hybriden Subjekt“: Die Moderne produziert keine eindeutige, homogene Subjektstruktur, sie liefert vielmehr ein Feld der Auseinandersetzung um kulturelle Differenzen bezüglich dessen, was das Subjekt ist und wie es sich formen kann. Kennzeichnend für die Moderne ist gerade, dass sie dem Subjekt keine definitive Form gibt, sondern diese sich als ein Kontingenzproblem, eine offene Frage auftut, auf die unterschiedliche, immer wieder neue und andere kulturelle Antworten geliefert und in die Tat umgesetzt werden können.100 Diese Tatsache macht das postmoderne Subjekt instabil und beinhaltet auch die Möglichkeit des Scheiterns des Subjekts bei seiner Suche nach Identität. Das Subjekt existiert nicht alleine, sondern immer im Zusammenhang mit anderen, es interagiert in der Gesellschaft mit anderen Subjekten. Daher ist es nicht nur das, was es selbst glaubt zu sein, sondern auch das, was die anderen in ihm zu sehen glauben. So besteht seine Identität sowohl aus den Erwartungen des Umfelds wie auch aus den Antworten auf diese Erwartungen. Das Subjekt will meist steuern, wie es auf andere Subjekte wirkt. Es will seine Realität zur Realität der anderen Subjekte machen, diese sollen sich ein gewünschtes Bild von ihm machen. Allerdings ist jedem Subjekt eine gewisse Rolle zugedacht, die im Blick der anderen dominiert. Es muss Strategien entwickeln, um hervorzustechen und sich abzuheben. 2.2.2. 99 Vgl. Reckwitz 2008; Keupp 2008; Prisching 2010. 100 Reckwitz 2010, S. 14. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 25 Autorinnen und Autoren bewegen sich hier auf einem schmalen Pfad. Um Anerkennung im literarischen Feld zu erreichen, müssen sie etwas Besonderes schaffen. Dies kann zu der von Bourdieu analysierten „verkehrte[n] ökonomische[n] Welt“101 führen: Ein Autor oder eine Autorin, der oder die sich durch Abgrenzung hervorhebt, riskiert, von weiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt zu werden. Er schreckt somit potentielle Kunden ab. Da es für KünstlerInnen wichtiger ist, im jeweiligen künstlerischen Feld angesehen zu sein, wird der Verlust der Anerkennung der übrigen Gesellschaft in Kauf genommen. Durch andere Formen des Hervortretens, etwa mediale Auftritte oder Skandale, kann es aber auch dazu kommen, dass der Autor bzw. die Autorin von seinem künstlerischen Feld zunächst abgelehnt wird. In diesem Fall kann er dann entweder, je nach Auftritt, bei der übrigen Gesellschaft an Ansehen gewinnen und z.B. kommerzielle Erfolge feiern – oder es kann passieren, dass er von keiner Seite seiner Umgebung mehr anerkannt wird. Auch Ulrich Beck hat sich mit den Gegebenheiten der heutigen Gesellschaft beschäftigt und sich damit auseinandergesetzt, dass das Leben heute viel riskanter ist als früher. Man ist für mehr Dinge selbst verantwortlich, muss mehr selbst entscheiden – was auch bedeutet, dass man die Schuld in vielen Situationen nicht mehr auf andere abwälzen kann. Es ist viel leichter, soziale Bindungen zu verlieren und so zu vereinsamen. Das Leben ist allgemein unsicherer als früher, mit wenigen Konstanten, und die Freiheit wird oft eher als Bürde gesehen. Es gibt jedoch mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten, man darf Entscheidungen für sich selbst treffen und so sein Leben in die Hand nehmen, man ist autonom und von vielen sozialen Zwängen befreit.102 Die Position in der Gesellschaft Für das postmoderne Subjekt ist es wichtig, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden bzw. sich diesen zu schaffen. Schon immer wurde durch den jeweiligen Grad und die Art der Anerkennung festgelegt, 2.2.3. 101 Bourdieu 2001, S. 134ff. 102 Vgl. Beck 1986; Beck/Giddens/Lash 1996. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 26 welche Position einem Menschen in der Gesellschaft zufällt. Zu dieser Position gibt es dann verschiedene Rollenmuster und Eigenschaften, die man lernt und befolgt, um diese Position nicht zu verlieren. Positionen bestimmen bedeutet, den eigenen Wert in Bezug zu dem Wert anderer Menschen zu setzen. Aus diesem Vergleich entstehen Minderwertigkeitsgefühle, wenn wir an uns Mängel entdecken und Überlegenheitsgefühle, wenn wir etwas besser können.103 So entstehen verschiedene Schichten in der Gesellschaft, wobei die ranghöheren Individuen mehr Aufmerksamkeit erhalten als die rangniedrigeren. Pierre Bourdieu beschäftigt sich in seinen Arbeiten intensiv mit der Position in der Gesellschaft. Bei seinen Forschungen zum sozialen Raum konzentriert er sich auf die Positionen innerhalb des sogenannten „Machtfeldes“104. Die Beziehungen und Positionen basieren auf einer Wertestruktur. Die Position beschreibt dabei einen festen Punkt in der Struktur. Da die Bewertung der Struktur verhandelbar ist, befindet sich die Gesellschaft in einem permanenten Statuswettbewerb, in einem Kampf um die gesellschaftliche Wertigkeit der einzelnen Positionen.105 Die Attribute des sozialen Raums unterliegen immer einer Wertung. Die verschiedenen Gruppen des Raums repräsentieren verschiedene Lebensstile und bilden so Statusgruppen. „Die Positionen innerhalb eines Feldes definieren sich nach der Verteilung der begehrten knappen Ressourcen, die Bourdieu in ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital unterteilt.“106 Die Verteilung dieser Ressourcen bestimmt dann die Stellung des einzelnen Menschen in einem sozialen Feld. In verschiedenen Feldern bilden sich durch unterschiedliche Merkmale bestimmte Ränge aus, die eine Hierarchie ergeben. Außerdem kann man feststellen, dass in dieser Hierarchie nahe nebeneinanderliegende Positionen durch ähnliche Lebensmuster und Geschmacksvorstellungen verbunden sind. Menschen geben sich so, wie 103 Nolte 2005, S. 31. 104 Vgl. Bourdieu 1992. 105 Nolte 2005, S. 32. 106 Ebd. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 27 es sich für ihre Position ‚gehört’. Sie ordnen sich die Attribute zu, die man in der jeweiligen Stellung glaubt, haben zu müssen. Dies geschieht meist unbewusst. Somit treten ganz automatisch bestimmte Eigenschaften in bestimmten Gruppen häufiger auf. Nolte meint in diesem Zusammenhang: Die Position eines Menschen spiegelt sich in seiner gesamten Erscheinung, seinen Haltungen und seinem Handeln, dem Habitus. Der Habitus ist eine Wahrnehmungs-, Denk- und Bewertungsstruktur eines Menschen, der die soziale Position des Handelns offenbart.107 Heute ist die Position in der Gesellschaft nicht mehr unbedingt von einem physischen Ort abhängig, da durch Internet und andere Massenmedien eine globale Gesellschaft entstanden ist. Es ist vor allem mit Macht und Rang verbunden, ob und woher man Informationen bekommt. Da durch die Massenmedien im Sinne Luhmanns108 den meisten Menschen die gleichen Informationen zur Verfügung stehen, sind die im Vorteil, die sich zusätzliche, besondere Informationen beschaffen können. Soziale Rollen Jeder Mensch ‚spielt‘ eine bzw. seine soziale Rolle. Die Rollen ergeben sich aus der Position innerhalb der sozialen Struktur. Allerdings ist die Rolle dynamischer als die Position und muss daher ständig aktualisiert werden. „Die soziale Rolle ist die Summe der Vorstellungen von dem Verhalten, das mit der Rolle verbunden wird. Wesentlich ist die Erfüllung der an die Rolle gestellten Erwartungen, wie zum Beispiel die Fürsorge der Mutter.“109 Ebenso wie die Position ist auch die Rolle von Werten der Gesellschaft abhängig und auch sie ist mit einem bestimmten Status verknüpft. Man muss immer in dieser Rolle bleiben bzw. diese realisieren, um auch den Status zu behalten. Dafür muss man sich an die Regeln der Rolle halten. Wenn man diese verletzt, kann er den Status auch wieder verlieren. 2.2.4. 107 Nolte 2005 , S. 33. 108 Vgl. Luhmann 2017. 109 Nolte 2005, S. 34. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 28 Die Rolle, in der ein Mensch sich präsentiert, ist die individuelle Interpretation eines allgemeingültigen Schemas, das deshalb so wirkungsvoll ist, weil es von den anderen Mitgliedern einer Gemeinschaft intuitiv erfasst werden kann. In der Rolle kommen Stereotype der Kultur zum Tragen.110 Jedes Individuum hat jedoch nicht nur eine Rolle, sondern gleich mehrere. Es gibt verschiedene Arten von Rollen, einerseits solche, die man sich nicht aussuchen kann, etwa die Rolle in der Familie (Mutter, Tochter, Ehefrau etc.), andererseits solche, die man sich erwirbt, etwa diejenigen, die mit dem Beruf im Zusammenhang stehen (Angestellter, Vorgesetzter usw.). Und dann finden sich noch individuelle Rollen für bestimmte Situationen. Rollen machen Verhalten vorhersehbar und bilden einen Rahmen dafür, wie man sich zu verhalten hat. Rollen sind immer an bestimmte Situationen gebunden, was dazu führt, dass durch soziale Veränderungen auch andere oder neue Rollenansprüche entstehen. Ein Problem im Zusammenhang mit der postmodernen Gesellschaft besteht darin, dass sich die familiären Strukturen bzw. die Geschlechterrollen geändert haben. Die meisten Frauen üben heute einen Beruf aus und bleiben nicht zu Hause bei den Kindern. Dies hat einerseits gesellschaftliche Gründe, da Frauen heute viele Möglichkeiten haben, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, was früher nicht der Fall war. Andererseits zwingen auch die wirtschaftlichen Verhältnisse, vermehrter Konsum und schwindende Sozialleistungen Frauen dazu, arbeiten zu gehen. Symbolisches Kapital Mittlerweile gilt es in sämtlichen Bereichen der Wissenschaft als Konsens, dass „Wirklichkeit“ immer als ein Konstrukt zu sehen ist. Um es mit Nolte zu formulieren: „Wirklichkeit ist Interpretationssache und gesellschaftliche Wirklichkeit eine Übereinkunft.“111 Dies führt dazu, dass es viele verschiedene Sichtweisen auf die Welt gibt und keine als absolut gültig bezeichnet werden kann. Dennoch wird – häufig in harten Auseinandersetzungen – immer wieder versucht, eine bestimmte 2.2.5. 110 Ebd. 111 Nolte 2005, S. 35. 2.2. Merkmale der postmodernen Gesellschaft 29 Weltsicht in besonderer Weise zu legitimieren. In diesem Zusammenhang ist nun das sogenannte „symbolische Kapital“112 wichtig. Man braucht immer Macht, um die eigene Sichtweise durchzusetzen. Hierfür muss die Macht auch als Macht anerkannt werden. Dies kann durch ökonomisches, soziales oder auch symbolisches Kapital erfolgen. Jeder Kampf um die ‚richtige‘ Weltsicht ist auch ein Kampf um Anerkennung. Menschen, die mächtig sind, sind dies dadurch, dass ihre Position anerkannt ist und sie deshalb die Wahrnehmungsstrukturen zu ihren Gunsten beeinflussen, d.h. Wirklichkeit schaffen können. Symbolisches Kapital ist nun der Gewinn von Anerkennung und somit Macht. Es bietet damit auch die Möglichkeit, selbst Anerkennung zu verteilen und sich im Feld besser durchzusetzen. Durch das symbolische Kapital hat das Individuum einen gewissen „Vertrauensvorschuss“ und kann mit „Konsens- und Folgebereitschaft“113 rechnen. Die besten Chancen dafür, dass Änderungen akzeptiert werden, liegen dann vor, wenn sich Änderungen als nicht zu gravierend erweisen. Hierbei ist die Sprache ein wichtiges Instrument, um sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. „Symbolische Macht ist die Macht, Dinge mit Wörtern zu schaffen.“114 112 Vgl. Bourdieu 1993, S. 207ff. und Nolte 2005, S. 35ff. 113 Vgl. Habermas 1982, S. 272. 114 Bourdieu 1992, S. 153, Bourdieu bezieht sich hier kritisch auf Austin 1986, der den gesellschaftlich-strukturellen Hintergrund nicht in seine Sprechakttheorie einbezieht. 2 Die postmoderne Gesellschaft als Rahmen des Phänomens Inszenierung 30

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Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.