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8 Was ist eine Autorenhomepage? in:

Elisabeth Sporer

(Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten, page 119 - 152

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4344-8, ISBN online: 978-3-8288-7255-4, https://doi.org/10.5771/9783828872554-119

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Was ist eine Autorenhomepage?385 Eine Homepage bietet die Möglichkeit, sich selbst und das eigene Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren bzw. zu inszenieren. Dies kann auf verschiedene Weisen geschehen. In erster Linie stellt die Homepage eine Art Visitenkarte dar, die die wichtigsten Informationen über eine Person enthält. Im Falle von Autorinnen und Autoren sind dies vor allem die Biographie und die Bibliographie, oft auch Informationen über aktuelle Termine, Kontaktdaten in Form einer E-Mail- und/oder manchmal sogar einer Wohnadresse. Auf vielen Homepages kann man auch Informationen zur Rezeption finden, die der Werbung für die Werke der AutorInnen dienen. Die Art, wie man sich selbst präsentiert, kann entweder durch Grafik, durch Bilder oder auch durch Videobzw. Audiodateien bestimmt sein. Der Einsatz der Grafik variiert bei Autorenhomepages stark und reicht von sehr einfachen bis zu hochprofessionellen, von klassischen bis zu auffällig bunten Präsentationen. Für eine Analyse der Selbstpräsentation ist weiters aussagekräftig, wie viel AutorInnen auf ihren Websites preisgeben. Manche stellen Pressefotos zum Download zur Verfügung, während andere keine Abbildungen der eigenen Person veröffentlichen. Zum Teil wird die Homepage dazu verwendet, Texte zu veröffentlichen, zum Teil werden nur Basisinformationen zur Verfügung gestellt. Einige Autorinnen und Autoren zeigen das ganze Spektrum ihrer künstlerischen Tätigkeit und veröffentlichen beispielsweise auch Abbildungen ihres bildnerischen Schaffens, die sie mit künstlerischer Intention aufgenommen haben. Diese zusätzlichen Informationen, die nicht direkt zum Werk gehören, können nach der von Gérard Genette in den achtziger Jahren entwickelten Kategorisierung zu den sogenannten Paratexten386 gezählt werden, in welchen zusätzliche Informationen über Autor und 8 385 Dieser Abschnitt ist schon in ähnlicher Form im Tagungsband „Netzliteratur im Archiv“ abgedruckt worden, vgl. Sporer 2017. 386 Genette 2001. 119 Werk enthalten sind, die jedoch selbst nicht zum Werk gehören. Diese Informationen beeinflussen die Rezeption des Werkes und steuern so das Bild des Autors bzw. der Autorin sowohl im literarischen Feld als auch in der sonstigen Öffentlichkeit. Dies kann entweder durch den Autor selbst initiiert sein oder auch durch den Verlag bzw. die Künstleragentur. Da eine Homepage mit derartigen Informationen nicht direkt mit dem Werk materiell verbunden ist, gehört sie in Genettes Kategorisierung genauer gesagt zu den Epitexten. Diese sind zunächst extern vom Werktext zu sehen, könnten aber später auch mit diesem verbunden werden, indem Zitate in späteren Auflagen Eingang in den Peritext des Buches finden. Es könnte sich beispielsweise um Zitate aus Rezensionen handeln, die das Buch in einem besonders guten Licht erscheinen lassen. Zusammenfassend könnte man sagen, dass sich das Bild des Autors bzw. der Autorin aus vielen verschiedenen Mosaiksteinen zusammensetzen lässt, die enger oder weniger eng mit dem Autor und seinem Werk verbunden sind. Der Autor bzw. die Autorin und das Werk werden in der Außensicht häufig gleichgesetzt und diese Bereiche verschwimmen meist auch in der Inszenierung auf einer Homepage. Um glaubwürdig zu wirken, muss der Autor bzw. die Autorin seine/ihre Inszenierung im Internet so gestalten, dass sie zum Werk und zur sonstigen Präsentation in der Öffentlichkeit passt. So darf beispielsweise ein als konservativ geltender Autor bzw. eine als konservativ geltende Autorin die Inszenierung nicht so wählen, dass dieses Bild kompromittiert wird. Dies würde RezipientInnen verwirren, was in den meisten Fällen nicht gewünscht ist. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass das Fehlen einer Homepage natürlich ebenso auf einer bewussten Entscheidung beruhen kann. Zu einem Autor bzw. einer Autorin, der bzw. die für ein konservatives Weltbild steht und moderne Entwicklungen ablehnt, würde es beispielsweise nicht passen, eine Homepage zu betreiben. Es wäre nicht stimmig, wenn AutorInnen, die demonstrativ darauf hinweisen, dass sie die eigenen Werke noch auf einer Schreibmaschine statt auf einem Computer verfassen, sich im Internet versuchen würden. Doch gibt es im literarischen Diskurs einige Phänomene, die als Grundlagen für eine Theorie der Selbstinszenierung gesehen werden können. Hierzu gehören die Konzepte Habitus, Aufmerksamkeitser- 8 Was ist eine Autorenhomepage? 120 zeugung und die Eigendarstellung in Form von Inszenierung und Performance.387 All diese Konzepte dienen AutorInnen dazu, Bekanntheit und Aufmerksamkeit im literarischen Feld zu erzeugen. Wer dies nicht erreicht, hat im Feld auch keinen Erfolg. Daher müssen SchriftstellerInnen versuchen, sich hier ihren Platz zu schaffen, um überhaupt anerkannt werden zu können. Wer als Autor bzw. Autorin gilt und wie er bzw. sie als solcher bzw. solche wahrgenommen wird, wird durch das literarische Feld und durch ihre oder seine Positionierung darin bestimmt. Es kann sich zwar jede/r selbst als AutorIn bezeichnen, doch ob er als solche/r auch in der Gesellschaft bzw. im literarischen Feld anerkannt wird, hängt von verschiedenen Mechanismen ab, nach denen sich wiederum die Strategien von SchriftstellerInnen richten. Alle Maßnahmen, die bewusst oder unbewusst so getroffen werden, dass ein bestimmtes Bild entsteht, gehören zum Habitus. Sie müssen konsistent sein, um glaubwürdig zu erscheinen. Im vorliegenden Beitrag werden Blogs nicht zu den Autorenhomepages gezählt, da sie sich vor allem auf die Darstellung von AutorInnen als Individuen im literarischen Feld und deren Selbstinszenierung konzentrieren. Da Blogs oft Texte enthalten, die eindeutig zum Werk des Autors bzw. der Autorin gehören, und nicht gezielt dazu dienen, Informationen über diesen bzw. diese zu veröffentlichen, werden sie nicht primär zur Inszenierung des Autors bzw. der Autorin gerechnet und daher der Werkanalyse überlassen. Man könnte zwar auch untersuchen, wie die Auswahl der Texte in einem Blog mit der Inszenierung des Schriftstellers bzw. der Schriftstellerin bzw. mit der Inszenierungsstrategie korreliert, doch würde dies den Rahmen der Arbeit sprengen und auch eine andere Methode der Untersuchung erfordern. Nachdem nun die Ausgangssituation dargelegt ist, möchte ich auf die Möglichkeiten eingehen, für die sich AutorInnen bei der Konzeption ihrer Homepages entscheiden können, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen und sich durch diese zu profilieren. Hierfür wird im Folgenden eine Kategorisierung der häufigsten Arten der Selbstpräsentation auf Autorenhomepages entworfen. Natürlich überschneiden sich die Konzepte, aber man kann meist sehr rasch feststellen, welche Art der Präsentation im Vordergrund steht. Es lassen sich mehrere Typen 387 Vgl. Willems 2009a. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 121 unterscheiden, bei denen jeweils einer der folgenden Aspekte im Mittelpunkt steht: 1. Visitenkarte 2. Werk des Autors bzw. der Autorin 3. Performance 4. Meinungen 5. Marketing 6. Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund Im Folgenden werden die aufgeführten Kategorien näher beschrieben und mit Beispielen erläutert. Der Korpus, der für die Analyse verwendet wird, entstand im Rahmen des FWF-Projekts Autorenhomepages388, das von 2011 bis 2014 am Innsbrucker Zeitungsarchiv (Universität Innsbruck) unter der Leitung von Renate Giacomuzzi durchgeführt wurde. Die Visitenkarte Viele SchriftstellerInnen verwenden ihre Homepage als eine Art Visitenkarte. Man findet die wichtigsten Informationen wie Biographie und Bibliographie, Kontaktdaten und manchmal auch Termine. Die Homepage wird bei dieser Art der Präsentation lediglich dazu verwendet, dass Interessierte sich schnell Basisinformationen zum Autor bzw. zur Autorin verschaffen können. Weiters dient die Homepage dazu, dass sich KritikerInnen, JournalistInnen oder auch WissenschaftlerInnen über einen Autor bzw. eine Autorin informieren können, ohne diese/n selbst oder den Verlag kontaktieren zu müssen. Falls ein Kontakt doch notwendig ist oder gewünscht wird, kann man diesen auch über die Homepage – etwa über eine E-Mail-Adresse bzw. eine Postanschrift – herstellen oder sich auch mit dem Verlag bzw. dem Agenten bzw. der Agentin des Autors bzw. der Autorin in Verbindung setzen. Die Art und Weise, in der ein Schriftsteller bzw. eine Schriftstellerin sein/ihr Werk sowie die eigene Biographie inszeniert, sagt etwas darüber aus, wie er oder sie sich der Öffentlichkeit präsentieren will. Wieviel wird preisgegeben? Sind Informationen über das Privatleben 8.1. 388 https://iza-server.uibk.ac.at/autorenhomepages/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 122 bzw. über persönliche Interessen, die nicht direkt mit dem Status als LiteratIn verbunden sind, zu finden? Teils werden detaillierte Lebensläufe, teils nur fragmentarische oder überhaupt nur Lebensdaten, manchmal werden Listen verliehener Preise oder auch Zugehörigkeiten zu Gesellschaften bzw. Vereinen veröffentlicht. Es ist in diesem Fall aufschlussreich, ob Termine auf der Homepage aufgelistet werden. Falls ja, suggeriert dies schon eine gewisse Umtriebigkeit. Doch erst wenn man sich die Seite genauer ansieht, kann man feststellen, ob dieser Eindruck der Realität entspricht. Werden die Terminangaben gepflegt oder sind nur Veranstaltungen aus vergangenen Jahren zu finden? Ist die Terminseite leer? Es bedarf also einer genaueren Untersuchung jeder Seite, ob das, was der Menüpunkt »Termine« verspricht, auch wirklich geboten wird. Die Informationen über das Werk bestehen bei dieser Form der Homepage meist aus einer Liste von Buchtiteln mit bibliographischen Angaben. Eher selten sind Leseproben, häufiger Abbildungen der Buchcover zu finden. Auch wenn die Autorenhomepage als Visitenkarte die einfachste Form der Selbstinszenierung darstellt, kann die Gestaltung sehr unterschiedlich ausfallen: von einfach, fast schon amateurhaft, bis zu aufwändig und professionell durchdacht. Manchmal gibt es auf der Homepage auch Links zu weiteren Plattformen des Autors bzw. der Autorin, etwa zu sozialen Netzwerken, zur Seite des Verlages oder auch zu einem Blog, der als externe Ergänzung der Homepage betrachtet werden muss. Dies zeigt auch, wie rege LiteratInnen im Internet agieren und wie vernetzt sie sind. Beispielhaft sind hier die Startseiten von Walter Kappachers Homepage, die zu den üblichen Menüpunkten noch den Punkt „Auszeichnungen“ hinzugefügt bekommen hat, und die Startseite von Anna Weidenholzer, die zwar moderner gestaltet ist als die von Kappacher, aber trotzdem nur ein Minimum an Informationen aufweist – „Bücher“, „Biographie“ und „Kontakt“. 8.1. Die Visitenkarte 123 Abbildung 6: Homepage von Walter Kappacher, http://www.walter-kapp acher.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 7: Homepage von Anna Weidenholzer, http://www.annaweid enholzer.at/autorin/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 124 Die Arbeit im Mittelpunkt Literarische Texte sind nicht auf allen Autorenhomepages zu finden, auch wenn man dies vielleicht erwarten würde. Beim Projekt »Autorenhomepages«389 des Innsbrucker Zeitungsarchivs, in dessen Rahmen vierteljährlich Spiegelungen von über 120 Autorenhomepages für ein öffentlich zugängliches Archiv gespeichert werden, sind nur 52 mit solchen literarischen Texten bestückt. Die Menge und die Art der Texte variieren stark. Manchmal sind nur ein oder zwei Texte publiziert, zum Teil eigenständige, die nur auf der Homepage veröffentlicht werden, zum Teil Ausschnitte aus Romanen, Kurzgeschichten usw. oder auch Beiträge, die in Zeitungen oder Zeitschriften erschienen sind. Daher ist immer die Auswahl der Texte zu betrachten und zu bewerten, wie diese den Autor bzw. die Autorin darstellt. Es gibt auch grafische Stilmittel, die alleine schon mit dem Design der Seite den Text in den Mittelpunkt stellen. Künstlerisches Werkzeug als Merkmal und Inszenierungsmittel ist schon lange bei Autorinnen und Autoren sehr beliebt. Schon früher wurde das Schreiben bzw. der Text als Inszenierungsstrategie in den Vordergrund gerückt; auf Fotos, in Videos oder auch in Texten, die mit der Inszenierung zu tun haben, sind häufig Bücher, Schrift, Schreibmittel – etwa Schreibmaschine oder Feder – zu finden. Hier ist Text das Mittel, mit dem SchriftstellerInnen sich inszenieren. Auf den Homepages geschieht dies in der Weise, dass AutorInnen auf der grafischen Ebene Text in den Vordergrund rücken. Die Homepage von Terézia Mora kann in diesem Zusammenhang als Beispiel dienen. Die Seite besteht eigentlich nur aus einem Textauszug aus ihrem Roman Alle Tage390. 8.2. 389 https://iza-server.uibk.ac.at/autorenhomepages/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 390 Mora 2004. 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 125 Abbildung 8: Homepage von Térezia Mora, https://www.tereziamora.de/ Der Text ist elegant in hellgrauer Schrift auf weißem Hintergrund abgebildet. Immer wieder werden Aussparungen im Text für die Präsentation anderer Informationen verwendet. Zunächst finden sich unter einem Foto der Autorin persönliche Daten wie Geburtsdatum, Geburtsort und ein Hinweis darauf, dass sie seit 1998 als freie Schriftstellerin tätig ist. Weiter unten sind die Buchcover ihrer Veröffentlichungen sowie deren Übersetzungen abgebildet. Mehr Informationen werden auf ihrer Seite allerdings nicht geboten. Wenn man auf die Bilder der Cover bzw. auf den Link zu mehr Informationen klickt, wird man auf die Seite des Verlags weitergeleitet. Zuletzt findet man Hinweise auf Essays, ein Hörspiel und ein Theaterstück, jeweils mit Leseprobe. Die Seite ist untypisch für das Internet, da sie keine Unterseiten aufweist, sogar das Impressum und der Kontakt sind auf dieser einen Seite ganz unten abgebildet. Diese Form der Präsentation kann man als konservativ bezeichnen, die Möglichkeiten des Internets werden nicht wirklich genutzt. Alle Informationen könnten genauso auf einem Blatt Papier abgebildet sein. Das Einzige, was auf eine andere Seite verweist, sind die Links zum Verlag. Diese Art der Inszenierung mit wenigen Stilmitteln ist weit verbreitet. Ganz ähnlich in der Gestaltung präsentiert sich auch die Autorenhomepage von Peter Clar. Hier dominiert ebenfalls grauer Text auf weißem Hintergrund. Es findet sich jedoch auf der linken Seite zusätz- 8 Was ist eine Autorenhomepage? 126 lich sehr prominent platziert der Name des Autors. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass hier einzelne Wörter verlinkt sind. Diese Links führen dann zu Unterseiten, die weitere Informationen über Autor und Werk bieten. Diese verfügen jeweils über ein Menü, das den Zugriff auf alle Informationen von jeder Unterseite aus gewährt. Die verlinkten Wörter sprechen für sich, wie beispielsweise „Presse“, „Leben“, „Texte“ oder „Rezensentin“. Manche geben sich auch etwas kryptischer, wie „Grenzen“. Dieser Begriff führt zu den Terminen des Autors. Abbildung 9: Homepage von Peter Clar, http://www.peterclar.at/ Der Text selbst wurde wohl extra für die Homepage geschrieben, da er von der Veröffentlichung verschiedener Daten und Texte im Internet handelt: der pfeil gehört nicht mehr dem schützen, sobald er von der sehne des bogens fortfliegt, und das wort gehört nicht mehr dem sprecher, sobald es seinen lippen entsprungen und gar durch die PRESSE vervielfältigt worden ist, schreibt schon heine, und ich blicke auf den bildschirm meines computers, auf dem die buchstaben hundertmal pro sekunde verschwinden und wiederkehren, als gleiche oder ähnliche oder andere, und denke, um wie viel mehr dies für das internet gilt, in welches ich nun meine TEXTE stelle, in welchem ich meine gedanken, sätze und worte VERÖF- FENTLICHE, in welchem ich öffentlich von so etwas wie von mir, gekennzeichnet durch den LINKS stehenden namen, zeichen der unterwerfung meiner individualität durch den eintritt in die sprache, BERICHT 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 127 ERSTATTE, mir mein LEBEN erschreibe, ich erschreibe mir mein leben – ich erschreibe es mir von buch zu buch, paul nizon, wie ich mir mein leben immer und immer wieder, als gleiches oder ähnliches oder anderes, erschreibe, in BÜCHERN und ZEITSCHRIFTEN, in ANTHOLOGIEN oder im internet. indem aber, das er-schreiben, zitiert mein, durch den links stehenden namen, der der meine ist, oder nicht der meine, aber mich her bestellt und AUSZEICHNET, nein, mich ausstellt und bezeichnet, symbolisiertes ich übersetzend katherine hayes, auf flickering signifiers ausweicht, wird der erzähler zum cyborg mit zugriff auf die relevanten codes, ist der erzähler, bin also ich, wieder dieser begriff, ein manipulator diese[r] codes, sind sie, die sie hier die hundert mal pro sekunde erscheinenden und wieder verschwindenden zeichen, den hier immer und immer wieder in neuer, in veränderter, in gleicher form wiederkehrenden text zu lesen versuchen, nicht mehr leser- oder REZENSENTIN sondern decoderin, bitte decodieren sie, oder besser, oder zumindest, finden sie die spur, die differentielle verweisung von einer spur auf die andere, die weder an- noch abwesenheit ist, die keine GRENZEN der differentiellen verweisung kennt, derrida, und daher nicht decodierbar ist, die also nicht decodierbar ist aber decodiert werden muss, in einer unendlichen kreisbewegung, in einer immer und immer wieder, gleich oder ähnlich oder anders, wiederholten bewegung decodiert werden muss. finden und decodieren sie die nicht auffind-, die nicht decodierbare spur, die in unendlicher wiederholung auf sich als nicht sie selbst, als immer schon eine andere und doch gleiche, verweist, wie meine worte auf sich in unendlicher wiederholung, als immer schon andere und doch gleiche, verweisen, nein, wie die worte auf sich in unendlicher wiederholung, als immer schon andere und doch gleiche, verweisen, denn meine worte sind es ja nicht, denn der pfeil gehört nicht mehr dem schützen, sobald er von der sehne des bogens fortfliegt, und das wort gehört nicht mehr dem sprecher,...391 Es handelt sich hier um einen literarischen Metatext, der beschreibt, was auf der Homepage zu finden ist. Von der Beschreibung der Seite mit dem Hinweis auf den Namen des Autors bis hin zu Übersetzungen und Pressestimmen wird alles erwähnt und gleichzeitig in Frage gestellt. Clar weist darauf hin, dass eine Webpräsentation nur Schein ist und nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun hat. Die Selbstinszenierung des Autor-Ichs wird thematisiert: [...] in welchem ich meine gedanken, sätze und worte VERÖFFENTLI- CHE, in welchem ich öffentlich von so etwas wie von mir, gekennzeichnet durch den LINKS stehenden namen, zeichen der unterwerfung meiner 391 http://www.peterclar.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 128 individualität durch den eintritt in die sprache, BERICHT ERSTATTE, mir mein LEBEN erschreibe [...]392 Auch die Struktur einer Internetpräsenz, die durch den Code bestimmt ist und ständig neu geladen wird, von Verweisen lebt, im Speziellen von Verweisen auf Clar sowie auf sein Leben und sein Werk, wird im Text hervorgehoben. Durch den Metatext präsentiert sich Clar auch eindeutig als intellektueller Autor, lässt in seinem Text bezeichnenderweise den Namen Derrida fallen und weist in seinem Lebenslauf auf seine wissenschaftliche Laufbahn hin. Weiters ist der Text durch eine Klammer strukturiert, die ihn gleich enden lässt, wie er begonnen hat, nämlich mit dem an Umberto Ecos Das offene Kunstwerk393 erinnernden Verweis darauf, dass seine Texte, einmal veröffentlicht, sich durch die Rezeption und die Interpretation selbstständig weiterentwickeln. Sowohl bei Mora als auch bei Clar ist auffällig, dass sie sich als Autorin bzw. Autor präsentieren, indem sie ihre Websites auf das Element Text reduzieren und auf weitere Inszenierungsformen, die auf Aufmerksamkeit abzielen sollen, verzichten. Mora betreibt diese Form der Inszenierung durch Reduktion allerdings noch stärker als Clar. Bei Letzterem findet man doch wesentlich mehr Informationen sowie Texte des Autors, während Mora die Webpräsenz im Wesentlichen auf eine einzige Seite und einen einzigen Textausschnitt beschränkt. Sandra Hoffmann wählt einen anderen Weg der Inszenierung. Sie gestaltet ihre Website grafisch als Buch, das man durchblättern muss. Dies weist wie bei Moras und Clars Homepages auf ihre Arbeit als Autorin hin. Bei Hoffmann ist weiters die Domain hoffmannserzaehlungen.de394, die sie für ihre Webpräsenz gewählt hat, auffällig. Auch diese lenkt den Fokus auf die Arbeit als Autorin und stellt gleichzeitig einen Verweis auf E.T.A. Hoffmann, ihren berühmtesten Namensvetter im Feld der Literatur, dar. Hoffmanns Erzählungen spielt auf den Titel einer Oper von Jacques Offenbach an, der sich in dieser mit E.T.A. 392 Ebd. 393 Vgl. Eco 1977. 394 Die Homepage ist leider nicht mehr online, aber immer noch im Archiv des Projektes Autorenhomepages zu finden. http://wayback.archive-it.org/2844/2012031 2100014/http://www.hoffmannserzaehlungen.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 129 Hoffmanns Werk beschäftigt.395 Es lässt sich also auch hier wieder eine Metaebene feststellen. Zur Navigation auf der Website dienen Links. Für diese werden Wörter verwendet, die auf die Gestaltung der Homepage als Buch, die Hoffmann gewählt hat, verweisen. Von der ersten Seite, welche das Cover des virtuellen Buches darstellt, kommt man, wenn man auf „aufschlagen“ klickt, weiter, während man sich danach jeweils durch Mausklick auf „blättern“ weiterbewegen kann. Das ‚Buch‘ ist weiters in der Form angelegt, dass jeweils die linke Seite mit Bildern versehen ist, während die rechte mit Text befüllt wird. Hier werden ein Lebenslauf, Leseproben, Links, Termine usw. angeboten. Wenn man bis zum Ende ‚blättert‘, findet sich auf der linken Seite die Rückseite des virtuellen Buches, die mit der Vorderseite korreliert. Rechts liegt, wie auf einem Tisch, eine Postkarte mit der Aufschrift „An Sandra Hoffmann“.396 Klickt man auf diese Karte, öffnet sich automatisch ein E-Mail an die Autorin. Michael Kleeberg erlaubt den LeserInnen auf seiner Homepage scheinbar einen Blick auf seinen Schreibtisch, der vor einer Regalwand platziert ist. Dies ist ein klarer Verweis auf Literatur, Bücher und das Schreiben selbst. Der Name des Autors ‚schwebt‘ darüber. In der Mitte des Schreibtisches liegt ein Notizbuch im A4-Format, das wohl auf Kleebergs Arbeitsweise hindeuten soll, dahinter ist ein Federhalter in Katzenform zu erkennen. Links neben dem Notizbuch liegt, dieses ein wenig überlappend, ein zweites, kleineres. An der rechten Seite des Schreibtischs stapeln sich Bücher des Autors, eine kleine ägyptische Figur sowie ein Tannenzapfen sind drapiert. Außerdem sind noch eine volle Kaffeetasse, ein Apfel, eine Postkarte mit der Darstellung einer lesenden Frau im Nachthemd sowie eine rote Schildkappe mit aufgedruckter Werbung für eine Laufveranstaltung abgebildet. Wenn man mit der Maus über die Gegenstände fährt, wird jeweils durch einen Mouse-over-Text enthüllt, mit welchen Themen diese verlinkt sind. Es handelt sich um eine spielerische Variante, durch die sich RezipientInnen puzzleartig Informationen über den Autor zusammensuchen können. Es ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, welche Art von In- 395 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hoffmanns_Erz%C3%A4hlungen (letzter Zugriff: 18.8.2018) 396 http://wayback.archive-it.org/2844/20120312100216/http://www.hoffmannserzae hlungen.de/pages/kontakt.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) 8 Was ist eine Autorenhomepage? 130 formationen vom Autor zur Verfügung gestellt werden bzw. woran er uns teilhaben lassen möchte. Bei manchen der dargestellten Gegenstände lässt sich ansatzweise erahnen, welche Informationen sich dahinter verbergen. So führt etwa der Bücherstapel zur Bibliographie des Autors. Schon schwieriger ist es, die ägyptische Götterstatuette zu interpretieren. Diese verweist auf eine Liste von Übersetzungen, die der Autor erstellt hat. Der Kaffeebecher, der wohl für die journalistische Arbeit steht, führt zu Informationen über politische Essays und Artikel, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen sind. Diese stehen auch im pdf-Format zur Verfügung, was darauf hinweist, dass dem Autor die Verbreitung seiner Ansichten wichtig ist. Hinter dem Federhalter in Katzenform verstecken sich fiktionale Texte des Autors, ebenso im pdf-Format, während der Apfel auf literarische Essays verweist. Die Karte mit der Darstellung einer lesenden Frau im Nachthemd führt zu Kleebergs Lebenslauf in Interviewform. Hier erfahren die LeserInnen viel „Persönliches“. Ganz oben ist ein Foto des Autors am Schreibtisch abgebildet, der hier allerdings nicht mehr vor Bücherregalen, sondern an einem Fenster – wohl am richtigen Arbeitsplatz des Autors – steht. Einige der erwähnten Gegenstände, die man auf der Startseite sieht, sind auch hier zu erkennen, jedoch ergänzt durch einen Laptop. Der Autor blickt sinnierend, mit einem Stift in der Hand, nach draußen. Es handelt sich um eine typische Darstellung des nachdenklichen, die Gedanken schweifen lassenden Autors, die häufig zu finden ist. Das Foto ist untertitelt mit: „Bei der Arbeit: September 2009 am Schreibtisch“. Also wird auch hier wieder auf die Arbeit und das Arbeiten am Schreibtisch verwiesen. Außer den gängigen Lebensdaten finden sich hier der Geburtszeitpunkt, Kleebergs Stammbaum, eine Auflistung aller bisherigen beruflichen Tätigkeiten, von Fahrer und Krankenpfleger über Motorsportjournalist und Kundenbetreuer in einer Werbeagentur bis hin zum Privatlehrer. Des Weiteren erhält man Auskunft über Lieblingsromane und -lyriker des 20. Jahrhunderts, die, wie nicht anders zu erwarten, zur ‚ersten Riege‘ der Weltliteratur gehören (Thomas Mann, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph Conrad, Philipp Roth usw.). Außerdem finden sich noch weitere persönliche Informationen, wie etwa: Lieblingsblume, Lieblingsvogel, Hauptcharakterzüge, Fehler usw. Kleeberg nennt diese Unterseite also nicht ohne Grund „Persönliches“ statt „Lebenslauf “ oder „Biographie“, wie sonst üblich. Er gibt so 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 131 eine große Menge an Informationen preis, welche zumindest zum Teil kaum jemanden interessieren dürften, so dass hier mit dem Stilmittel der Übertreibung gearbeitet wird. Der Literat parodiert auf diese Weise die übliche Form biographischer Angaben auf Autorenhomepages. Weiters findet man auf dem Schreibtisch einen Link zu aktuellen News über den Autor (gewonnene Preise, Weihnachtswünsche usw.) in Form des großen Notizbuches, während das kleine zu den Pressestimmen führt, die Kleeberg „fremde Federn“ nennt, die ja „mit fremden Federn“ geschrieben sind. Letzteres dürfte gleichzeitig eine Anspielung auf die Redewendung „mit fremden Federn schmücken“ oder auf Robert Neumanns Parodie-Band Mit fremden Federn397 darstellen. Schließlich bleibt noch die Schildkappe, die zu aktuellen Veranstaltungen des Autors führt. Abbildung 10: Homepage von Michael Kleeberg, http://www.michaelklee berg.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). In grafischer und struktureller Hinsicht weniger aufwändig gestaltet präsentieren beispielsweise Matthias Politycki und Ulrike Draesner ihre Arbeit. Beide Autorenhomepages zeichnen sich durch eine Vielzahl von Links aus, die zu Texten der Autorin bzw. des Autors führen. Politycki gibt auf seiner Homepage einen Gesamtüberblick über sein 397 Neumann 1950. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 132 schriftstellerisches, wissenschaftliches und journalistisches Schaffen, stellt Leseproben zur Verfügung, Inhaltsverzeichnisse sowie Leseproben seiner Übersetzungen in andere Sprachen, z.B. in das Ukrainische und Koreanische. Politycki stellt sich als Multitalent dar, das in allen Bereichen des Schreibens Fuß fassen konnte und stolz auf die Vielzahl seiner Veröffentlichungen ist. Dies kann man an seiner langen und gut gepflegten Literaturliste sehen, die auch auf der Homepage aufbereitet ist. Weiters finden sich auf der Seite Hörproben, Videos und Interviews. Sogar Werbematerial wird zum Download bereitgestellt. Ulrike Draesner stellt viele kürzere literarische Texte sowie Informationen zu Workshops und Arbeitsprojekten mit anderen KünstlerInnen auf ihre Homepage. Sie gibt sich kunstinteressiert, reflektiert in ihren Texten über Literatur und Poesie. Es gibt auch die Kategorie „Gedicht des Monats“, die nicht nur von ihr selbst verfasste Texte umfasst. Draesner weist auch auf ihre Radiosendung im SWR sowie auf Veranstaltungen hin, an denen sie beteiligt ist. Es ist ihr wichtig zu vermitteln, dass sie an vielen Projekten – und zwar nicht nur im stillen Kämmerlein – arbeitet. Sie macht ihre Arbeit zugänglich und ist an einem Austausch interessiert. Abbildung 11: Homepage von Ulrike Draesner, Stand März 2015, http:// wayback.archive-it.org/2844/20150325105317/http://draesner.de/de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.2. Die Arbeit im Mittelpunkt 133 Die Performance im Mittelpunkt Eine ganz andere Form der Selbstpräsentation findet man beispielsweise bei Slam-Poeten. Diese stellen ihre Performance-Kunst auch auf ihrer Homepage in Form von Videos und Fotos vor. Frank Klötgens Homepages hirnpoma.com ist eine Art Werkschau des Autors. Er präsentiert dort alles Künstlerische, das er produziert, egal ob Texte, Hörspiele, Netzkunst oder auch Songs seiner Band. Dies spiegelt sich schon in den Menüpunkten der Homepage wider: „Lesen“, „Gucken“, „Hören“, „Klicken“ und „Bauen“. Zusätzlich gibt es im Menü noch einen Link zur Startseite und zur Biographie. Abbildung 12: Homepage von Frank Klötgen, http://www.hirnpoma.de/i ndex.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) Spezielle Hintergrundinformationen finden sich unter dem Punkt „Gucken“. Frank Klötgen vermerkt hier etwa, dass er Youtube-Videos von seinen Auftritten durchgegangen ist, löschen ließ oder diese zu einem großen Teil mit dem Hinweis auf seine Homepage versehen hat. Diese Maßnahme sollte dazu führen, dass man auf der Suche nach Informationen und Material zu seiner Arbeit immer auf seine Website, das Herzstück seiner Selbstpräsentation, stößt. Klötgen legt in diesem Zusammenhang besonderen Wert auf die Präsentation von Videos auf seiner Homepage und versucht sicherzustellen, dass diese Videos mög- 8.3. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 134 lichst nur hier zugänglich sind. Am rechten Rand findet man Links zu verschiedenen Video-Kategorien, wie „Slam-Videos“ oder „Poetry Clips“. Außerdem werden auch Netzprojekte des Autors sowie Informationen und Videos zu seiner Band Marilyn’s Army vorgestellt. Die Netzprojekte finden sich unter dem Menüpunkt „Klicken“, es handelt sich um Werke aus den frühen 2000er Jahren. Diese wurden von der Netzliteraturgemeinde gefeiert und weisen eine Qualität auf, die nur wenige vergleichbare Projekte vorweisen können. Er gewann beispielsweise 1998 für Die Aaleskorte der Öhlig den Pegasus Preis und 2005 den Junggesellenpreis für Endlose Liebe398. Daher ist der Autor bemüht, diese weiter zugänglich zu halten, auch wenn dies durch die dauernde Weiterentwicklung des Internets immer schwieriger wird. Das ‚Netz-Werk‘ des Autors ist mit folgender Erklärung versehen: Das Internet war mir einige Jahre lang ein interessanter Spielplatz, den ich bis Ende 2007 auch professionell als Multimedia Manager von Universal Music bearbeitet habe. Und weil sich seit Jahren kaum noch Kreatives im Netz tut, verweise ich stolz auf einige literarische Netz-Projekte, die ich zwischen 1998 und 2008 erstellt habe.399 Auf Klötgens Homepage findet man nicht nur Verweise auf seine drei vollendeten Werke, Aaleskorte der Ölig400, Spätwinterhitze401 und das Trashical Endlose Liebe402, sondern auch Sekundärliteratur zu diesen und kleinere unvollendete Projekte. Klötgen steht im Gegensatz zu vielen anderen NetzkünstlerInnen als Person klar im Mittelpunkt. Unter der Kategorie „Der Autor im Hintergrund“ werden später noch Beispiele von NetzautorInnen genannt werden, die selbst wie unsichtbar wirken und als Person in der Öffentlichkeit fast nicht in Erscheinung treten. Überraschendes verbirgt sich auch hinter dem Menüpunkt „Bauen“. Klötgen hat im Eigenverlag einen Lyrikband veröffentlicht und die 1250 bestellten Exemplare nach Hause geliefert bekommen. Was stellt man daheim mit all den Büchern an? Man baut damit, im Wochentakt – so wünschte sich das jedenfalls die Facebook-Gemeinde und 398 http://www.hirnpoma.de/trashical/ (letzter Zugriff: 18.8.2018) 399 http://www.hirnpoma.de/klicken.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 400 http://www.aaleskorte.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 401 http://www.internetkrimi.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 402 http://www.hirnpoma.de/trashical/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.3. Die Performance im Mittelpunkt 135 schlug immer neue Bauvorhaben vor. Atemberaubend Wackliges wie den Todesstern oder den Schiefen Turm von Pisa; augenzwinkernd Neckisches wie den Bahnhof Stuttgart 21 oder die Schlussszene aus dem Film ‚Casablanca‘.403 Ein Hobby, das nicht alltäglich ist und das kreative Potential und den Humor des Autors widerspiegelt. Es entspricht der Verspieltheit, mit der Klötgen auch an seine Texte herangeht. Auch die Biographie bzw. der Einleitungstext sind in dem für Klötgen typischen Stil gehalten: ALLES GESCHICHTE! ‚If you have 5 minutes to spare, i'll tell you the story of my life‘, sangen The Smiths und ich möchte diesen Zeitrahmen keinesfalls überspannen. Dafür wird unter ‚BIO‘ allerdings auch bei Weitem nicht alles über mich zu erfahren sein, weil alles Private das Netz nichts angeht. Auch wenn ich mich tunlichst hüte, meine Zeit mit Stipendien- und Literaturpreis-Bewerbungen zu verschwenden (und womöglich weniger rampensäuige Literaten ihrer Einkünfte beraube), gab es doch einige nette Menschen und Institutionen, die mich für Preisgeld-fällig erachteten. Diese sind – ebenso wie die wichtigsten Slam-Platzierungen – unter ‚PREISE‘ einzusehen. Außerdem können auf dieser Seite einige mir schmeichelnde Pressestimmen sowie die Chronik meiner bisherigen Auftritte nachgelesen werden.404 Es ist hier zu erkennen, dass der Literat gerne mit Ironie und Übertreibung arbeitet, Stilmitteln, die auch bei Slam-Texten sehr beliebt sind. Er spielt mit Klischees seiner Berufsgattung und ironisiert, wie sich das Leben vieler Autorinnen und Autoren auf das Erheischen von Stipendien und Literaturpreisen konzentriert. Er hält sich für „rampensäuig“405 genug, um sein Leben mit Slampreisgeldern zu bestreiten. Es wird hier deutlich, dass Klötgens Website von ihm selbst sehr gut gewartet wird und die Termine immer auf dem neuesten Stand sind. Der Autor verwaltet seine Termine selbst, sie werden weder von einer Agentur noch von einem Verlag organisiert. Der Hinweis darauf, dass man im Fall von Anfragen einfach ein E-Mail schreiben soll, ist mit dem Vermerk versehen, dass man schon mal die auf der rechten Seite aufgelisteten Veranstaltungen durchgehen soll, um zu sehen, ob 403 http://www.hirnpoma.de/bauen.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 404 http://www.hirnpoma.de/bio.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 405 http://www.hirnpoma.de/bio.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 136 der gewünschte Tag noch frei ist. Weiters wird an dieser Stelle vermerkt, dass man sich für den Kauf von Büchern ebenfalls an ihn selbst wenden könne. Man könnte darüber diskutieren, ob Klötgen vielleicht eher in die Kategorie „Selbstvermarkter“ gehört, doch die performante Selbstinszenierung steht bei ihm im Vordergrund, weshalb er in der vorliegenden Arbeit zu den Performern gezählt wird. Auch die österreichische Poetry-Slammerin Mieze Medusa präsentierte früher auf ihrer Homepage Videos von Slams sowie von Auftritten mit ihrer Band. Diese sind mittlerweile vor allem auf ihrem Blog „Mieze Medusa trägt nach – mein deadlineresistenter Weblog zu den Themen Lesen, Hören und Alltag“406 zu finden. Hier stellt sie auch Texte ihrer Performances vor. Dazu steht im Blog in der Kategorie „Slamtexte“ Folgendes: Mieze Medusa publiziert hier manchmal flüchtige Slamtexte. Nicht für die Ewigkeit gemacht. Sich selbst in den Mund gelegt. Beim Lesen beachten: Das ist mündliche Literatur. Für den Vortrag geschrieben.407 Mieze Medusa stellte sich früher auf ihrer Homepage als Doppelpersönlichkeit dar. Links befand sich ein Menü, das zu Informationen und Performances im Zusammenhang mit ihrer literarischen Tätigkeit führte, rechts zu solchen hinsichtlich ihrer musikalischen. Mittlerweile gibt es nur noch ein Menü auf der linken Seite, die musikalische Tätigkeit ist als Menüpunkt „Band“ eingefügt. Hier finden sich Musikstücke von „Mieze Medusa & Tenderboy“ zum Anhören. Auch wenn es mittlerweile nur noch wenige Videos auf Mieze Medusas Homepage gibt, Fotos ihrer Auftritte sind immer noch zu finden. Die Slam-Poetin verweist an prominenter Stelle mit Links in Form von Icons auf verschiedene soziale Netzwerke. Auch dies vermittelt den Eindruck, dass die Literatin als Person präsent ist, und zwar nicht nur bei Live-Auftritten, sondern auch im Internet. 406 https://miezemedusa.wordpress.com (letzter Zugriff: 18.8.2018). 407 https://miezemedusa.wordpress.com/category/miezes-slamtexte/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.3. Die Performance im Mittelpunkt 137 Abbildung 13: Homepage von der Poetry Slammerin Mieze Medusa, Stand Oktober 2011, http://wayback.archive-it.org/2844/2011102407225 4/http://www.miezemedusa.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Die Homepage von Mieze Medusa hat sich in den letzten Jahren zwar verändert und bietet nicht mehr ganz so viele Elemente ihrer Performance-Kunst an, dafür finden sich diese auf ihrem Blog wieder. Dieser Blog ist zur regelmäßigen Darstellung ihrer Auftritte sicher auch besser geeignet als eine Homepage, da man auf einen Blog leichter und schneller Audio- sowie Videodateien veröffentlichen kann. Doch insgesamt ist immer noch deutlich zu erkennen, dass Mieze Medusa die Performance wichtig ist und diese im Mittelpunkt ihres Schaffens und auch ihrer Präsentation im Internet steht. Meinungen im Mittelpunkt Autorinnen und Autoren, so wie eigentlich die meisten KünstlerInnen, sind dafür bekannt, dass Sie kritisch denken und sich daher auch gerne zu kontroversen Themen äußern, etwa in Bereichen wie Politik, Kunst, Kultur, Wissenschaft, Soziales etc.408 Eine Homepage bietet hierfür eine gute Infrastruktur, da man von keinen Verlagen, Journalis- 8.4. 408 Vgl. http://eipcp.net/transversal/0308/draxler/de (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 138 ten, Zensuraktionen bei Facebook oder ähnlichen Plattformen abhängig ist. Eines der bekanntesten Beispiele für diese Kategorie ist die Homepage von Elfriede Jelinek. Die Autorin betreibt seit 1996 eine eigene Internetseite, auf der sie unter anderem Kommentare zu politischen Themen sowie literarische Texte veröffentlicht. Die Homepage ist vom Design her eher einfach gehalten. Die zurückhaltende Gestaltung stellt die vielfach gesellschaftspolitischen bzw. politikkritischen Texte in den Mittelpunkt. Die Startseite zeigte bis vor ca. drei Jahren ein Foto der Autorin. Sie trug darauf ein verwaschenes Poloshirt und blickte aus einem Fenster. Hinter ihr sah man ein Bücherregal. Mittlerweile findet man einen hängenden Plexiglasstuhl in Form einer offenen Halbkugel, in dem drei Teddybären sitzen. Im Hintergrund kann man durch Türrahmen die undeutliche Silhouette einer Gestalt erkennen, bei der es sich wohl um die Autorin handelt. Die Person Elfriede Jelinek ist also gegenüber der früheren Darstellung in den Hintergrund gerückt.409 Abbildung 14: Startseite von Elfriede Jelineks Homepage, http://www.elfr iedejelinek.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Am linken Bildschirmrand ist ein Menü verfügbar, das aus mehreren Kästchen besteht. Die Schrift ist rot und erinnert an eine Handschrift. 409 Vgl. Giacomuzzi 2017, S. 59f. 8.4. Meinungen im Mittelpunkt 139 Ganz oben findet sich der Menüpunkt „Elfriedes Fotoalbum“, der sich hinsichtlich der Schrift von den restlichen abhebt. Sie ist zwar auch hier rot, besteht aber aus Großbuchstaben, die wie von Hand ausgemalt aussehen. Hinter den Menüpunkten finden sich politische Kommentare, Theatertexte, Romane, Bilder, Nachrufe, Erinnerungen, Texte über Musik und Kino sowie zu den Themen Kunst und Österreich. Vor allem Jelineks Kommentare zu politischen Themen, die Österreich betreffen, werden immer wieder in TV-Sendungen sowie in den Print-Medien aufgegriffen. Manche der auf der Website veröffentlichten Kommentare sind nur dort zu finden, andere wurden zuvor in Zeitungen oder Zeitschriften abgedruckt. Auch Jelineks Protest gegen die „schwarz-blaue Regierung“ in Österreich unter Bundeskanzler Schüssel von 2000 bis 2007 oder ihre Reden auf Anti-Rassismus-Kundgebungen wurden von der Öffentlichkeit wahrgenommen und sind nun auf ihrer Homepage dokumentiert. 2010 setzte sich die Autorin für ein Bleiberecht für die vor der Ausweisung aus Österreich stehende Familie Zogaj ein, was sich auch in Texten auf ihrer Internetseite widerspiegelt. 2015 waren Jelineks Texte vom Thema Flüchtlinge geprägt. Bei Publikationen dieser Art wird die emotionale Note häufig mit Bildern von Betroffenen oder auch Zeitungssauschnitten unterstrichen. Die Autorin präsentiert sich als politische Intellektuelle, die nicht davor zurückschreckt, ihre Meinung kundzutun. Sie nutzt die Homepage als Plattform für Statements und damit auch als Plattform dafür, wie sie sich im literarischen Feld positioniert. So klare Meinungsäußerungen findet man auf Homepages von Autorinnen und Autoren selten. Jelineks Homepage stellt hier eher eine Ausnahme dar. Aber auch ihre Entscheidung, einen ganzen Roman statt in einem Verlag lieber im Internet zu veröffentlichen, stellt ein politisches Statement dar. Nachdem die Schriftstellerin 2004 den Nobelpreis bekommen hatte, fand sie sich frei von Geldsorgen und wollte etwas ohne die Einschränkungen, die ein Vertrag mit einem Verlag mit sich bringt, verwirklichen. Dies geschah mit Neid, einer Art Fortsetzungsroman, bestehend aus vielen kleinen Texthäppchen. Sie nutzt hier auch die Vorteile des Hypertexts und stellt ein Inhaltsverzeichnis an den Anfang, in dem zwar keine Kapitelnamen zu finden sind, aber die Nummern, die mit dem jeweiligen Text verlinkt sind. Diese werden auf 8 Was ist eine Autorenhomepage? 140 einem Bild in einem Kreis aufgereiht. Die Funktion erkennt man erst auf den zweiten Blick. Abbildung 15: Startseite von Elfriede Jelineks Roman Neid, https://www. elfriedejelinek.com/fneid1.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). Eine ganz andere Form der Präsentation von Ansichten findet sich bei Angelika Reitzer. Sie hatte eine Zeitlang ihren Blog in ihre Homepage integriert, später wurde er dann ausgelagert auf eine externe Blogseite bei twoday.net.410 Mittlerweile ist der Blog nicht mehr verfügbar. Er war als Menüpunkt angeführt und war ebenso wie die anderen Inhalte der Homepage im rechten Frame geladen, das Menü befand sich links davon. Die Inhalte von Reitzers Blog sind sehr vielseitig, spiegeln aber wohl ihre Interessen wider. Beispielsweise veröffentlicht sie ihre Meinung zu einer Ausstellung von Magdalena Frey und Ingo Vetter im Kunstverein Mistelbach oder sie schreibt über ihre Gedanken zu einer Meldung im Radio, die von einem Amoklauf berichtet. Dazwischen finden sich auch literarische Texte. Eine Abgrenzung zwischen Literatur und Meinung gibt es hier nicht. Alles verschwimmt ineinander. Doch was bleibt, sind Meinungen, die veröffentlicht werden – egal ob als literarischer Text oder als Text zu Erlebnissen der Autorin. 410 Auf ihrer neuesten Homepage ist kein Blog mehr zu finden. 8.4. Meinungen im Mittelpunkt 141 Abbildung 16: Homepage von Angelika Reitzer, Stand September 2013, http://wayback.archive-it.org/2844/20130910215257/http://www.angeli kareitzer.at/?page_id=911 (letzter Zugriff: 18.8.2018) Der Blog auf Reitzers Homepage hatte nicht sehr viele Einträge. Dies liegt an dem schon erwähnten externen Blog angelikaexpress411, der wohl technischer leichter zu befüllen war. Teilweise überschneiden sich die Beiträge und sind sowohl auf der Homepage als auch in dem Blog zu lesen. Wahrscheinlich handelt es sich um Übergänge vom Blog zum integrierten Blog auf der Homepage. Der Blog enthält eine große Menge an älteren Texten. Ein Text, der allerdings auf der Homepage fehlt, obwohl alle anderen Texte, die davor und danach veröffentlicht wurden, auf beiden Plattformen zu finden sind, ist ein offener Brief an den österreichischen Parlamentsabgeordneten Richard Lugar.412 Vielleicht wollte Angelika Reitzer hier doch noch einen Unterschied zwischen Blog und Homepage machen und hat sich daher entschieden, den offenen Brief nur in ihrem Blog zu veröffentlichen. 411 http://angelikaexpress.twoday.net/ (letzter Zugriff: 20.7.2018), mit Stand 25.8.2018 ist der Blog leider deaktiviert. 412 http://angelikaexpress.twoday.net/stories/offener-brief-an-ing-lugar-team-strona ch-ehemals-bzoe-fpoe-bzg-die-fin/ (letzter Zugriff: 20.7.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 142 Abbildung 17: Blog von Angelika Reitzer, http://angelikaexpress.twoday. net/ (letzter Zugriff: 20.7.2018). Das Marketing im Mittelpunkt Manche AutorInnen verwenden ihre Homepage hauptsächlich als Marketinginstrument. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Website von Cornelia Travnicek. Die Autorin nutzt die aktuellen Möglichkeiten, sich im Internet zu vermarkten, intensiv. Ihre Seite enthält eine gut gepflegte Termine-Sektion. Am linken Rand ist eine Spalte für die Sozialen Netzwerke reserviert. Hier kann man Travniceks neueste Twitter- Einträge lesen oder auch gleich mit einem Klick auf ihre Facebook- Fanseite kommen. Des Weiteren verweist ein Link auf ihren Instagram- Account. Es stehen auch Buttons zur Verfügung, die dazu dienen, ihre Homepage auf verschiedenen Plattformen mit einem Klick zu teilen. Der Lebenslauf unter dem Menüpunkt „Über mich“ ist sachlich gehalten und auch die Pressefotos unter dem Menüpunkt „Bilder“ sind professionell präsentiert, wie man dies eher von Verlagen betreuten Autorenhomepages kennt. Vor allem sticht hier aber heraus, dass es auf der Seite keine klassische Bibliographie gibt und die Werke der Autorin in einem Online-Shop präsentiert werden, der die Möglichkeit bietet, die Bücher gleich auf dieser Seite zu bestellen. Die Homepage der Autorin 8.5. 8.5. Das Marketing im Mittelpunkt 143 wird farblich jeweils an die aktuelle Publikation, die auf der Startseite zu finden ist (auch mit einem Link zum Shop), angeglichen. Travnicek gibt sich also klar als professionelle Geschäftsfrau zu erkennen, die ihre Arbeit verkauft. Abbildung 18; Homepage von Cornelia Travnicek, https://www.corneliat ravnicek.com/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Sabine Grubers Autorenhomepage präsentiert sich auf schwarzem Hintergrund. Alle Links befinden sich gleich auf der Startseite, auch die Unterkategorien. Die Buch-Cover aller Veröffentlichungen sind auf der Startseite abgebildet. Die jeweils neueste Veröffentlichung ist an prominenter Stelle platziert. Wenn man auf ein Cover klickt, wird das Cover mit den bibliographischen Angaben auf einer neuen Seite geöffnet. Leseproben bzw. YouTube-Videos sind, falls vorhanden, verlinkt. Weiters stehen Pressefotos, die man unter entsprechender Copyright- Angabe verwenden kann, eine Kurzbiographie sowie eine Publikationsliste zur Verfügung. Weitere Menüpunkte nennen sich „Romane“, „Prosa“, „Lyrik“, „Essays“, Theaterstücke“ oder auch „Hörspiele“. Als Unterpunkte finden sich die Titel von Grubers Werken. Wenn man auf die jeweilige Unterseite geht, erscheinen Kurzbeschreibungen und Textauszüge. Eigene Menüpunkte führen auch zu „Interviews“ mit der 8 Was ist eine Autorenhomepage? 144 Autorin sowie zu „Rezensionen“ zu ihren Werken. Auch „Termine“ werden als eigener Menüpunkt geführt. Abbildung 19: Homepage von Sabine Gruber, http://www.sabinegruber.a t/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). All dies ergibt das Bild einer professionellen Autorenhomepage, wie sie auch Verlage für Autorinnen und Autoren erstellen. Es gibt weiterreichende Infos zum Werk, Teaser, die den Kauf anregen sollen und Infos, die vor allem für die Presse relevant sind. Die Termine werden aktuell gehalten. Vor allem dieser Punkt spricht sehr für den Marketing-Aspekt der Seite. Gepflegte Terminseiten sind auf Autorenhomepages keine Selbstverständlichkeit. Der Autorin ist der Kontakt zu ihren LeserInnen offenbar wichtig. Hierfür ist auch die Angabe einer Mailadresse, deren Bezeichnung zumindest suggeriert, dass sie direkt zur Autorin führt, ein Indiz. Meist werden nur Adressen der Verlage angegeben, damit die eigehenden E-Mails vorgefiltert werden können. Die Homepage von Sabine Gruber bietet eine professionelle Darstellung ihrer Werke, die nicht zu viel verrät, so dass der Buchverkauf angeregt wird. In erster Linie aber vermittelt sie doch durch die Angaben der Termine, bei denen man die Autorin persönlich kennen lernen kann, und die Angabe der E-Mail-Adresse für einen direkten Kontakt eine Nähe zur Autorin. 8.5. Das Marketing im Mittelpunkt 145 Zuletzt muss in dieser Kategorie noch auf die traditionelle Verlagshomepage für Literatinnen und Literaten hingewiesen werden, die den einzigen Zweck hat, als Marketing-Instrument zu fungieren. Meist sind diese Homepages für alle AutorInnen des Verlags gleich gestaltet. Im Banner findet sich meist ein Porträt des Autors bzw. der Autorin, darunter ein Menü, das auf die Kategorien „Biographie“, „Werke“, „Termine“ sowie „Kontakt“ verweist. Die Werke sind meist mit einem Link zur Verlagswebsite versehen, damit das Buch gleich beim Verlag selbst bestellt werden kann. Ein Beispiel für eine solche vom Verlag betreute Homepage stellt die Seite von Judith Hermann dar, die der S. Fischer Verlag für sie erstellt hat.413 Abbildung 20: Verlagshomepage von Judith Hermann, http://www.judith hermann.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Manche dieser Verlagshomepages für Autorinnen und Autoren haben noch Erweiterungen, die an die Webseite von Sabine Gruber erinnern, wie beispielsweise Interviews414 oder Rezensionen415. 413 http://www.judithhermann.de (letzter Zugriff: 18.8.2018). 414 http://www.juliafranck.de/site/julia_franck/interview (letzter Zugriff: 18.8.2018). 415 http://www.kehlmann.com/inhalt13.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8 Was ist eine Autorenhomepage? 146 Abbildung 21: Vom Verlag erstellte Autorenhomepage von Julia Franck, http://www.juliafranck.de/site/julia_franck/interview (letzter Zugriff: 18.8.2018). Abbildung 22: Pressestimmen auf der Homepage von Daniel Kehlmann, http://www.kehlmann.com/inhalt13.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.5. Das Marketing im Mittelpunkt 147 Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund Manche AutorInnen entscheiden sich dafür, als Person möglichst in den Hintergrund zu treten. Man findet auf ihren Homepages kaum persönliche Informationen und sucht dort auch vergeblich Fotos. Dieses Phänomen ist zum Beispiel bei NetzliteratInnen weit verbreitet, denen meist die Projekte wichtiger sind als sie selbst als Personen. Sie arbeiten konzeptuell an einem größeren Kunstwerk und sind in der Regel ganz auf ihr Werk fokussiert und bleiben selbst im Hintergrund. Häufig agieren solche KünstlerInnen unter Pseudonym. Viele dieser NetzautorInnen sind in der Netzkunstszene sehr umtriebig und verfassen auch theoretische Texte über Netzkunst bzw. über ihre eigenen Werke. Sie geben Auskunft darüber, was hinter ihren Werken steckt, ob es sich um Gesellschafts- oder Netzkritik handelt, ob es ihnen darum geht, so weit wie möglich an die Grenzen des Machbaren zu gehen oder auch einfach nur darum, eine witzige Geschichte multimedial zu erzählen. Als ergiebiges Beispiel hierfür erweist sich die Autorenhomepage des Netzkünstlers kyon, der als Person auf der Homepage überhaupt nicht aufscheint, sondern unter einem Pseudonym eine Kunstfigur kreiert. So beschreibt Giacomuzzi in ihrer Beschreibung der Homepage im Projekt Autorenhomepages: „Kyons Metapage ist eine Sammlung von Netzprojekten des Berliner Künstlers kyon. Die herkömmlichen Merkmale einer Autorenhomepage fehlen weitgehend. Die einzige biographische Information stellt eine E-Mailadresse sowie eine in dem Werk.“416 Er schafft auf seiner „Metapage“ ein Universum aus tausenden Links, durch das man beliebig navigieren kann.417 Die URL „metatrons.net“ weist schon auf die Metastruktur hin. Die zentrale Seite zeigt ein knotenartiges Gebilde, das mit vielen, sehr kleinen Punkten versehen ist. Von hier aus navigiert man durch kyons Welt und kann philosophische, literarische und geschichtliche Reisen erleben. Und man kann immer davon ausgehen, dass kyon noch mehr auf 8.6. 416 Giacomuzzi: https://iza-server.uibk.ac.at/autorenhomepages/collectionDetail.jsf?i d=41500&conversationContext=1 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 417 Vgl. Giacomuzzi 2017, S. 50ff. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 148 seiner Seite versteckt hat, was nur durch genaueres Suchen zu entdecken ist. Abbildung 23: Homepage des Netzkünstlers kyon, https://metatrons.net/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Der Autor bzw. die Autorin kann auf einer Autorenhomepage auch dadurch in den Hintergrund rücken, dass Grafik und Aufmachung der Seite stark in den Vordergrund treten. Tim Krohn lässt beispielsweise einen Schwarm Bienen auf seiner Website herumschwirren und -surren. Man muss mit dem Mauszeiger die Bienen jagen, um sich auf der Homepage weiterzubewegen. Jede Biene, die mit einem mouseover ‚gefangen‘ werden kann, ist mit einem Link versehen, der zu Informationen über den Autor führt. Während die Startseite mit dem ‚Bienenspiel‘ auffällig und aufwändig programmiert ist, sind die Unterseiten mit den Informationen eher lieblos gestaltet. Der Fokus dieser Seite liegt also auf dem Spielerischen, dem Fangen der Informationen, bevor sie mit den Bienen davonfliegen. 8.6. Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund 149 Abbildung 24: Bienen auf der Startseite der Homepage von Tim Krohn, https://timkrohn.ch/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). Die österreichische Autorin Anna Kim hat sich für eine minimalistische Homepagevariante entschieden. Diese besteht nur aus einer Seite, auf der ein Foto ihres aktuellen Romans zu sehen ist. Darunter findet sich eine Liste ihrer Veröffentlichungen. Jede davon ist mit einem Link zur jeweiligen Verlagsseite, auf der das Buch vorgestellt wird, versehen. Wieder darunter stehen, durch einen Strich getrennt, E-Mail-Adressen für den Kontakt mit dem Verlag bzw. für Presseangelegenheiten. Die Seite ist spartanisch in Weiß gehalten, die Schrift ist schwarz. Informationen über Anna Kim fehlen auf der Website ganz. Es gibt auch keine Links zu ihrer Biographie auf einer der Verlagswebsites oder Ähnliches. Die Schriftstellerin nimmt sich auf ihrer Homepage ganz zurück und stellt ihre Werkliste in den Vordergrund. Aber auch das Werk wird spartanisch dargestellt. Es gibt keine Inhaltsangaben, keine Rezensionen, nur die Titel der Bücher. 8 Was ist eine Autorenhomepage? 150 Abbildung 25: Homepage von Anna Kim, http://annakim.at/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 8.6. Der Autor bzw. die Autorin im Hintergrund 151

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References

Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.