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7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick in:

Elisabeth Sporer

(Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten, page 109 - 118

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4344-8, ISBN online: 978-3-8288-7255-4, https://doi.org/10.5771/9783828872554-109

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick Konzepte Schon im Jahr 1959 wurden von Theo Lutz erste computergenerierte Gedichte erstellt. Dies geschah im Rahmen der Stuttgarter Schule342 um Max Bense, die sich vor allem mit der schon erwähnten Konkreten Poesie beschäftigte. Um die Möglichkeiten der konkreten Poesie auszuloten, waren die Mitglieder der Stuttgarter Schule, vor allem Theo Lutz, Max Bense und Reinhard Döhl, besonders daran interessiert, die Möglichkeiten neuer medialer Erscheinungen in Kombination mit künstlerischer Produktion und Aufschreibsystemen auszuprobieren. Zunächst war die Beschäftigung mit dem Thema eher theoretischer Natur. Es wurden Häufigkeitswörterbücher erstellt, die für statistische und ästhetische Textanalysen genutzt wurden. Als nächster Schritt wurde dann eine literarische Interpretation hinzugefügt. Es wurden hierfür mit einem eingegebenen Lexikon und eingespeisten Regeln synthetische Texte generiert. Das erste Programm wurde mit Sätzen aus Franz Kafkas Das Schloß343 gefüttert und bestand aus ca. 200 Befehlen. Diese neue Art der Poesie wurde von Bense als „künstliche“ Poesie von „natürlicher“ Poesie abgegrenzt.344 In den 1960er Jahren wurden dann weitere Experimente mit Grafik, Musik und Sprache im Zusammenhang mit Elektronik durchgeführt. Zusätzlich wurde weiterhin an konkreter visueller Poesie gearbeitet: Die Experimente ebneten schließlich Jahrzehnte später ab 1994 den Weg für eine neue netzliterarische Bewegung mit den Stuttgarter Exponenten 7 7.1. 342 http://www.stuttgarter-schule.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 343 Kafka 1922. 344 http://www.stuttgarter-schule.de/natuerliche_und_kuenstliche_poesie.html (letzter Zugriff. 18.8.2018) 109 [Reinhard] Döhl, Johannes Auer, Susanne Berkenheger, Martina Kieninger, Oliver Gassner und anderen mehr.345 Diese zweite Welle der Stuttgarter Schule wurde vor allem für die innovativen Netzliteraturprojekte bekannt, die in diesem Rahmen erstellt wurden. Döhl und Auer arbeiteten weiter an der Verschränkung von Konkreter Poesie und Digitaler Poesie. So entstanden beispielsweise die Werke H.H.H. – Homage à Helmut Heißenbüttel346 und Epitaph Gertrude Stein347, an denen ca. 30 Autorinnen und Autoren beteiligt waren. Diese beiden Arbeiten zeigen, wie wichtig das Dialogische für Döhls Beschäftigung mit dem Internet war. Mittels einfacher Mittel gelang es ihm, den dialogischen Ansatz der Stuttgarter Schule in das neue Medium zu transportieren.348 Vor allem die Kooperation zwischen KünstlerkollegInnen und auch das Zusammenspiel verschiedener Künste waren für die weitere Entwicklung der Netzliteratur im deutschsprachigen Raum wichtig. Beispiele hierfür werden später noch genannt. Das letzte kooperative Netzprojekt Döhls The Famous Sound of Absolute Wreaders349 spiegelt eine weitere Richtung wider, die im Bereich der Netzliteratur sehr wichtig ist: Der fließende Übergang zwischen schreibender Instanz und rezipierender Instanz, die durch die interaktive Komponente vieler Netzliteraturprojekte entsteht, wird in diesem Werk Döhls in den Mittelpunkt gestellt – der sogenannte Wreader, eine Kombination aus writer und reader. In den Experimenten Döhls und Auers wurde vor allem die Technik der Hyperlinks in Kombination mit animierten GIFs verwendet. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Auers visuelles Gedicht kill the po- 345 Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachigen_N etzliteratur.pdf, S. 6 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 346 Auer, https://auer.netzliteratur.net/hhh/h_h_h.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 347 Auer, https://auer.netzliteratur.net/epitaph/epitaph.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 348 Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachigen_N etzliteratur.pdf, S. 8 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 349 http://kunstradio.cyberfiction.ch (inzwischen offline, zu finden im Internet Archive: https://web.archive.org/web/20170322095622/http://kunstradio.cyberfic tion.ch/ - letzter Zugriff: 18.8.2018). 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 110 em350, in dem die LeserInnen selbst den Schuss auf das Gedicht auslöst und so aktiv den Text zerstört. Ein weiteres Beispiel für elektronische Konkrete Poesie ist das bereits vorgestellte Projekt worm applepie für döhl351, das ebenfalls von Auer erstellt wurde. Hier handelt es sich um eine animierte Version von Döhls Inkunabel-Apfel. Nur frisst hier der Wurm den Apfel langsam auf, um kurz vor dem Verschwinden des Apfels wieder von vorne zu beginnen. Der Wurm wird als Wort „Wurm“ dargestellt. Sylvia Egger arbeitet vor allem zum Bereich des Dadaismus und beschäftigt sich hier intensiv mit Walter Serner.352 Jörg Piringer geht das Thema Netzliteratur etwas weniger konzeptuell an und kreiert vor allem dynamische Poesie, die mit auditiven und visuellen Elementen spielt. Mittlerweile hat Piringer auch Apps für Handys mit seinen Projekten erstellt. Dies stellte einen ganz neuen Entwicklungsschritt im Bereich der Netzliteratur dar.353 Netzliteraten und Schöpfer von experimenteller Literatur probierten in den 1980er und 1990er Jahren aus, was es an Möglichkeiten gab. Viele von ihnen beschäftigten sich auch auf einer theoretischen Ebene mit dem Thema Netzliteratur. Viele Texte von Netzliteraten und Netzliteraturforschern sind heute immer noch auf der Plattform www.netzl iteratur.net zu finden. Hypertextprojekte Oliver Gassner und Dirk Schröder gehörten zu den experimentierfreudigen AutorInnen dieser Zeit im deutschen Sprachraum.354 Sie verwendeten in den 1980er Jahren für die Produktion ihrer Werke Kopiermaschinen, Faxgeräte oder auch Drucker und banden diese in den kreativen Herstellungsprozess mit ein, um so elektronische Poesie zu schaffen. Oliver Gassner wurde dann später zu einem der wichtigsten 7.2. 350 https://auer.netzliteratur.net/kill/killpoem.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018) 351 https://auer.netzliteratur.net/worm/applepie.htm (letzter Zugriff: 18.8.2019) 352 Vgl. https://serner.dadasophin.de/ (letzter Zugruff: 18.8.2018) und Egger 2009. 353 Vgl. zu Piringer: http://joerg.piringer.net/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 354 Vgl. http://oliver-gassner.de/main/index.html (letzter Zugriff: 18.8.2108) bzw. https://literaturkritik.de/id/951 (letzter Zugriff: 18.8.2018) 7.2. Hypertextprojekte 111 Beitragslieferanten in der Diskussion um die Netzliteratur und war einer der ersten Blogautoren im Internet. Heiko Idensen und Matthias Krohn beschäftigen sich seit 1980 im audiovisuellen Labor in Hildesheim mit dem Thema Hypertext. 1989/90 präsentierten sie auf der Ars Electronica ihre interaktive Installation „imaginäre Bibliothek“355, die auf Ideen von Borges, Eco und Foucault basierte. Ihre Verknüpfungen führten zu unendlichen Ausdrucken, damals noch auf einem Nadeldrucker. Die ‚imaginäre Bibliothek‘ vereinigt elektronische Texte, Bilder und Grafiken. Im Rahmen des ARS ELECTRONICA war die ‚imaginäre Bibliothek‘ auf zwei Computern installiert, plaziert innerhalb eines Rundbaus inmitten von präsentierten Büchern und Buch-Objekten, wobei zwei Drucker im Hintergrund permanent die Lese-Touren der Benutzer ausdruckten. Diese Endlos-Ausdrucke wurden zu Buch-Rollen gewickelt, die auf diese Weise den Bestand der imaginären Bibliothek sichtlich durch die unentwegte Produktion der Leser vergrößern.356 Später wurde das Projekt von Idensen und Krohn auch ins Internet verlagert. Der Nutzer sollte dazu gebracht werden, sich durch „verzweigtes assoziatives Lesen und Navigieren in ein Netzwerk aus Texten zu verstricken und somit seine Beteiligung am Imaginationsraum Bibliothek zu simulieren.“357 Die Idee zu diesem Projekt war aus dem Kontakt mit dem Hochschuldozenten Kurd Alsleben entstanden, der mit Lochkarten eine Art Hypertext kreierte.358 Im Rahmen dieser Forschung entstanden mehrere mechanische und elektro-mechanische Link-Maschinen. Schon in den 1960er Jahren beschäftigte sich Alsleben mit Computergrafiken, die durch einen Zeichenautomaten ausgegeben wurden. In den 1960er Jahren erforschte Alsleben in seinen Arbeiten die Möglichkeit des dialogischen Kunstwerkes mit Bezugspunkt in der ästhetischen Kommunikation. Wichtig war dabei die Entwicklung partizipativer Mo- 355 Alsleben, 2001; http://www.netzliteratur.net/idensen/lexikon.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 356 http://www.netzliteratur.net/idensen/lexikon.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 357 Suter/Böhler 2001, S. 14. 358 Vgl. Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachige n_Netzliteratur.pdf, S. 12. 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 112 mente und ihre Verknüpfung, wie sie in den universitären Arbeitskreisen um Alsleben und Antje Eske in den 1970er Jahren diskutiert wurden.359 Dies bildete den Nährboden für Projekte vieler ForscherInnen und KünstlerInnen, die hier anschlossen, wie beispielsweise Idensen und Krohn mit ihrer „imaginären Bibliothek“. Aus diesem Verständnis heraus entstand auch der kollaborative Ansatz von Netzliteratur. Idensen geht davon aus, dass jedes geschriebene Wort ein Zitat darstellt, das sich auf schon Geschriebenes bezieht. Jeder Text bezieht sich auf einen schon vorhandenen, was sich in den Begriffen Intertextualität oder später auch der Intermedialität, essentiellen Schlüsselwörtern der Postmoderne, widerspiegelt. Ebenso wie Idensen und Krohn nahm auch Detlev Fischer in den 1980er Jahren an Seminaren von Alsleben und Eske teil. Er erzeugte zusammen mit „Freunden, Mitbewohnern und Bekannten“ ein „komplexes Text-Bild-Netzwerk“360, das unter dem Titel „Schwamm“ in mehreren Ausstellungen zu sehen war. Suter beschreibt dieses Projekt „als eine offene multilineare Geschichte, die märchenhafte und absurde Momente aufweist, teils mit leichten Horrorelementen“361. Erstellt wurde das Hypertextkunstwerk mit einem Programm von Apple namens HyperCard. 362Ein ähnliches, frühes Hypertextprojekt wurde 1992 von Walter Grond ins Leben gerufen. Das Literaturprojekt, das unter dem Namen Absolut Homer363 bekannt wurde, spielte ebenfalls mit dem Gedanken, dass Texte nicht von einem Autor bzw. einer Autorin erschaffen werden können, da sie immer aus schon Bekanntem zusammengesetzt sind. Der kollaborative Roman mehrerer Autorinnen und Autoren erschien später auch in gedruckter Form.364 In den 1990er Jahren entstanden noch weitere kollaborative Online-Projekte im Internet, wie etwa Idensens Hyperknast365 und Hyper- 359 Suter 2001, S. 12. 360 Suter 2001, S. 14. 361 Ebd. 362 https://de.wikipedia.org/wiki/HyperCard (letzter Zugriff: 18.8.2018) 363 Grond 1995. 364 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezensionbelletristik-odysseus-meidet-oesterreich-11317636.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 365 Siehe https://adel.uni-siegen.de/node/6104 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7.2. Hypertextprojekte 113 texttrees366. Mehrere AutorInnen konnten in diesen interaktiven Schreibsystemen Geschichten schreiben oder weiterschreiben. Die Texte waren über eine zentrale Baumstruktur miteinander verbunden. Das Projekt Hyperknast war gleichzeitig als kritisches Statement zu den Themen Zensur, Verbote und Löschung von Texten zu sehen.367 Ein weiteres innovatives kollaboratives Projekt von Guido Grigat entstand unter dem Titel 23:40368. Hier wurde für jede Minute eines Tages ein Text erstellt, der allerdings immer nur ganz genau zur entsprechenden Zeit gelesen werden kann. Somit „verweigert sich der Text im Internet dem Leser“369 temporär und verlangt ihm einiges an Geduld ab, er stellt sich dem schnellen Herumklicken im Internet entgegen. Viele Projekte der Netzliteratur wurden in der Mailingliste Netzliteratur auf theoretischer Ebene diskutiert sowie im Webring bla miteinander verknüpft. Um die Netzliteratur-Projekte herum entstanden verschiedene Veranstaltungen, wie Ausstellungen, Festivals und Preisausschreiben, was die Präsenz der Netzkunst bzw. Netzliteratur in der Öffentlichkeit deutlich macht. So gab es beispielsweise ein Netzliteraturfestival des Literaturhauses Stuttgart370, den Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb 1999 (initiiert von Oliver Gassner)371sowie ein Preisausschreiben von „Die Zeit“ und „IBM“ (1996 – 1998), später als Pegasus bekannt.372 Das Besondere an den Preisausschreiben bestand darin, dass diese sich nicht ausschließlich im literarischen Feld abspielten, sondern für eine breite Öffentlichkeit ausgeschrieben waren und so nicht nur die übliche Klientel ansprachen. Leider verliefen jedoch die meisten dieser Projekte im Sand, weshalb es zu keinem weiteren Vor- 366 Siehe https://wwik.dla-marbach.de/line/index.php/Hypertextree (letzter Zugriff: 18.8.2018). 367 Suter, https://www.netzliteratur.net/suter/Geschichte_der_deutschsprachigen_N etzliteratur.pdf, S. 16 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 368 Simanowski 2000, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/bell etristik/rezension-guido-grigats-sammlung-von-uhrzeit-texten-113041.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) 369 Suter 2001, S. 17. 370 Vgl. https://auer.netzliteratur.net/stz_cic.html (letzter Zugriff: 18.8.2018) und Ortmann 2001 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 371 Ortmann 2001. 372 https://www.netzliteratur.net/schroeder/wklt.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018) 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 114 antreiben derartiger Wettbewerbe kam. Es finden sich jedoch einige Preisträger aus den späten 1990er und frühen 2000er Jahren, die sich durch ihre Erfolge einen Namen machen konnten. Susanne Berkenheger zum Beispiel gewann den Pegasus für ihre bereits beschriebene Hyperfiction Zeit für die Bombe373 und konnte dadurch Aufmerksamkeit erregen. Dieser Hypertext besteht aus kurzen Textsequenzen, die teilweise wie ein Film automatisch hintereinander ablaufen und teilweise als ein Geflecht von Links miteinander verbunden sind. Man kann sich auf verschiedensten Pfaden durch die Geschichte bewegen, doch irgendwann landet man wieder am Anfang. „Der Leser weiss in ihren Texten nie so recht, wieviel Kontrolle er nun wirklich über den Text und den weiteren Verlauf der Story hat.“374 Ähnliche Hypertextprojekte wurden von Frank Klötgen konzipiert und erstellt. Sein Bilddrama Die Aaleskorte der Ölig375 besteht aus 20 Szenen, die der Leser selbst durch die Wahl von Fotografien der SchauspielerInnen und durch Regieanweisungen zu einem Film zusammenstellen kann. 6,9 Milliarden mögliche Varianten können erstellt werden. Dieses Projekt enthält nicht nur Hypertext, sondern auch multimediale Bestandteile. Ein weiteres Projekt Klötgens, Endlose Liebe376, präsentiert sich als Online-Musical, das aus 19 Liebesliedern besteht, die Klötgen mit seiner Band Marilyn’s Army aufgenommen hat. Hier wird also vor allem die auditive Ebene in den Fokus gerückt. Code Work Als dritte Strömung der Netzliteratur ist noch das sogenannte „Code Work“ zu nennen. Hier steht die Programmierung als Text im Mittelpunkt. Quellcodes und Programmierung werden selbstreferentiell inszeniert, so dass die Software als Text im Zentrum des Werks steht. Hinter dem Text, der an der Oberfläche betrachtet werden kann, befinden sich noch verschiedene Textebenen, die normalerweise nicht zu sehen sind. Die „Code Work“-Strömung legt diesen sonst unsichtbaren 7.3. 373 http://www.wargla.de/zeit.htm (letzter Zugriff: 18.8.2018). 374 Suter 2001, S. 24. 375 http://www.aaleskorte.de (letzter Zugriff: 18.8.2018). 376 http://www.hirnpoma.de/trashical/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7.3. Code Work 115 Text frei und produziert so eine ganz eigene Form von Literatur. Als wichtigster Vertreter dieser Richtung gilt Florian Cramer, der sowohl als Literaturwissenschaftler als auch als Netzkünstler tätig war. Als Beispiel für seine Arbeit kann plaintext.cc377 genannt werden, das Werk, mit dem er den „Junggesellenpreis“378 des Stuttgarter Netzliteraturfestivals 2005 gewann. Ähnlich wie bei der konkreten Poesie steht auch hier das Visuelle im Mittelpunkt, allerdings liegt hier der Fokus auf dem Code. „Durch die Vermischung von Softwareelemente und Programmierung mit Pornographie spielt Cramer dabei“, wie Hartling formuliert, „mit ironischen Verfremdungen des Konzepts ‚Junggeselle’“.379 Blogs Eine neue Form von Literatur, die im Netz publiziert wird, sind Blogs, die schon weiter oben erwähnten Internet-Tagebücher, die es ermöglichen, auf technisch einfache Weise Texte ins Netz zu stellen. Hier sind zwar ebenfalls Hyperlinks zu finden, auch hier läuft das Programm mit einer Datenbank im Hintergrund und ist mit Codes erstellt worden, doch wird im Normalfall nur der Text, möglicherweise bebildert, in den Mittelpunkt gestellt. Beispiele wurden bereits genannt. Auf dieses Phänomen wird an späterer Stelle noch näher eingegangen. Selfpublishing als E-Book Durch das Internet und die Entstehung von E-Books wurde auch die Möglichkeit geschaffen, Bücher im Selbstverlag zu veröffentlichen.380 Hierfür stehen verschiedene Plattformen zur Verfügung, wobei der In- 7.4. 7.5. 377 https://adel.uni-siegen.de/node/6131 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 378 http://www.junggesellenpreis.de/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 379 Hartling 2009, S. 287. 380 Matting, http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-05/self-publishing (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 116 ternetbuchhändler Amazon381 sicher die bekannteste Variante darstellt. Schon früher gab es Verlage, bei denen man Bücher auf eigene Kosten drucken lassen konnte. Doch der große Vorteil bei E-Books liegt darin, dass sie nur in digitaler Form verkauft werden und daher keine Druckkosten anfallen. Digitale Bücher werden dann zum Teil zu Preisen um einen Euro oder weniger angeboten, was natürlich die Schnäppchenjäger bei Amazon anspricht. Wenn man es einmal geschafft hat in die Top-100-Liste bei Amazon zu kommen, ist die Aufmerksamkeit groß genug, dass man auch weiterhin von guten Verkaufszahlen ausgehen kann. Vor allem, seit E-Reader auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Verbreitung finden, mehren sich auch hier die Erfolgsstorys. Doch trotz aller Erfolgsgeschichten kann das Selfpublishing nicht den herkömmlichen Verlag ersetzen. Nahezu alle Selfpublishing-Erfolge werden später auch in traditionellen Verlagen publiziert. So meint Nele Neuhaus, die durch ihren Selfpublishing-Erfolg einen Vertrag bei Ullstein bekam: Was ein großer Publikumsverlag für einen Autor leistet, kann dieser im Alleingang nicht schaffen. Nach der Arbeit am Buch kommt schließlich die ganze Vermarktung. Die Logistik, die für den gelungenen Auftritt eines Buches notwendig ist, bekommen Autoren in der Regel nicht hin, auch wenn sie so gut vernetzt sind, wie ich es bin. Wenn jemand tatsächlich Autor sein möchte, ist ein Verlag – noch – unabdingbar.382 Somit ist das Selbstpublizieren eher als Sprungbrett in den herkömmlichen Literaturbetrieb zu betrachten. Hier gibt es mittlerweile schon viele Erfolgsstorys383. Eines der bekanntesten Beispiele ist wohl E. L. James, die ihre Fan-Fiction zu Stephanie Meyers Twilight-Romanen zuerst auf der Plattform fanfiction.net veröffentlichte. Nachdem die Romane bei den Erstlesern gut ankamen, verbreiteten sie sich rasend schnell über Mundpropaganda und Plattformen wie Goodre- 381 https://kdp.amazon.com/de_DE?ref_=kdpgp_p_de_psg_kw_ad2 (letzter Zugriff: 18.8.2018). 382 https://www.buchreport.de/2013/10/10/im-alleingang-nicht-zu-schaffen/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 383 http://ilovewriting.ullstein.de/vom-self-publishing-zum-bestseller/ (letzter Zugriff: 18.8.2018). 7.5. Selfpublishing als E-Book 117 ads. Verlage wurden auf E. L. James aufmerksam und sie unterschrieb einen Vertrag mit dem Random House Imprint Vintage Books.384 Doch auch die Erfolgsgeschichte von Andy Weirs Buch The Martian hat im Internet begonnen. Zuerst veröffentlichte er seine Geschichte, über einen auf dem Mars gestrandeten Astronauten, kapitelweise auf seinem Blog. Als er dann fertig war, beschloss er, das Buch um 99 Cent bei Amazon anzubieten. Sofort schnellte es an die Spitze der Sci-Fi- Charts und bescherte Weir einen Vertrag bei Random House. Später wurde der Roman auch noch erfolgreich mit Matt Damon in der Hauptrolle verfilmt. Das Internet hat Autorinnen und Autoren durch das E-Book eine neue Möglichkeit gegeben, ihre Werke bekannt zu machen, auch wenn sie bei Verlagen kein Glück hatten. Verlage sind in den Literaturbetrieb eingebettet und reagieren bei eingesendeten Manuskripten vielfach auf Namen, die ihnen schon aus der Literaturszene bekannt sind. Für Neulinge in der Szene ist es oft schwierig, einen Vertrag bei einem Verlag zu ergattern. Das E-Book birgt die Möglichkeit, die LeserInnen direkt zu erreichen, ohne, dass der herkömmliche Literaturbetrieb dazwischengeschaltet ist. Die hier vorliegende Auflistung literarischer Formen im Internet sind deckt nur ein Ausschnitt von dem ab, was sich im Internet alles findet. 384 Ebd. 7 AutorInnen und das Internet – ein geschichtlicher Überblick 118

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Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.