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1 Einleitung in:

Elisabeth Sporer

(Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet am Beispiel von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten, page 1 - 12

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4344-8, ISBN online: 978-3-8288-7255-4, https://doi.org/10.5771/9783828872554-1

Series: Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Das Internet gehört mittlerweile zum Alltag. Ob wir E-Mails schreiben, einen Begriff ‚googeln‘ oder ein Online-Formular ausfüllen – wir haben täglich mit dem noch relativ jungen Medium zu tun. Es hat die oberste Stelle in der Kommunikation der meisten Menschen eingenommen und ist daher kaum noch wegzudenken. Es gibt kein Büro, das ohne E-Mail-Verkehr, geschweige denn ohne Internetanschluss existieren könnte. Fast jede Firma präsentiert sich im Internet, damit potentielle Kunden die Kontaktdaten schnell finden und sich auf einfache Weise einen Überblick über die Angebote des Unternehmens verschaffen können. Ämter, Universitäten und sonstige öffentliche Institutionen, aber auch Privatpersonen nutzen täglich Dienste, die im Internet angeboten werden. Das World Wide Web erspart einem beispielsweise Amtsgänge oder auch das Einkaufen in Geschäften. Auch der Kontakt mit FreundInnen1 via Facebook oder etwa die Möglichkeit, über Plattformen wie Wikipedia, Wissen allgemein zugänglich zu machen, gehören zu den Vorteilen dieses Mediums. Da das Internet mittlerweile eine so wichtige Rolle in unserem Leben – privat, wie auch in der Arbeitswelt, einnimmt – stellt sich im Bereich der Germanistik die Frage, wie sich diese Entwicklungen auf Autorinnen und Autoren auswirken. Um das Thema etwas zu konkretisieren: Es soll festgehalten werden, dass hier nicht die Frage behandelt werden soll, ob Autorinnen und Autoren das Internet privat nutzen bzw. in welchem Ausmaß sie es für allgemeine Kontakte mit Verlagen, Presse etc. verwenden. Hier ist davon auszugehen, dass Autorinnen und Autoren das Internet so regelmäßig nutzen wie jeder andere Mensch im 21. Jahrhundert. Die Forschungsfragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, beziehen sich auf den Nutzen für Autorinnen und Autoren in 1 1 Die vorliegende Arbeit verwendet für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch die Doppelnennung und das Binnen-I, um durch die Abwechslung den Lesefluss zu verbessern. 1 professioneller Hinsicht bzw. auf die beruflichen Vorteile, die sie durch spezielle Angebote im WWW erzielen. Da das Internet eine Präsentationsplattform darstellt, stellen sich in der vorliegenden Arbeit zunächst folgende grundsätzliche Fragen: Wie können die Möglichkeiten der Präsentation von Autorinnen und Autoren im Internet aussehen? Welche Mittel und Plattformen verwenden sie? Da die Präsentation im Internet auch immer etwas damit zu tun hat, wie man sich darstellen will bzw. wie man sich inszeniert, wird dieser Bereich besonders beleuchtet werden. Hier stellen sich auch die Fragen: Was ist Inszenierung? Wie kann Inszenierung aussehen? Wie hat sich die Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Laufe der Zeit entwickelt? Wie sieht Inszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet aus? Ziele / Hypothesen Autorenhomepages und Facebookseiten stellen moderne und meist auch kostengünstige Möglichkeiten für AutorInnen dar, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren bzw. Werbung für sich und ihre Werke zu machen. Die herkömmliche, eher statische Form der Homepage ist mittlerweile bei professionell Schreibenden – bzw. deren Verlagen, von denen diese Art der PR häufig betreut und finanziert wird – weit verbreitet. In den letzten Jahrzehnten haben sich Soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs zu wichtigen Instrumenten für Literatinnen und Literaten entwickelt, die sich einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren und so vielleicht auch ein ganz neues Publikum ansprechen wollen. In diesem Zusammenhang ist zunächst zu klären, was die Begriffe Präsentation bzw. Inszenierung bedeuten. Vor allem soziologische Aspekte dieses Themas müssen beleuchtet werden, damit ein Fundament für eine genauere Analyse der Präsentationen im Internet geschaffen werden kann. Das Ziel der vorliegenden Dissertation ist die Beschreibung, Kategorisierung und Analyse der verschiedenen Formen der Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet. Besonders im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der Internetpräsenz. Dadurch soll ein wesentlicher Beitrag zur Beantwortung der grundsätzlichen Forschungs- 1.1. 1 Einleitung 2 frage geleistet werden, wie sich die Präsentation von Schreibenden durch die Möglichkeiten des Webs verändert hat und ständig weiter verändert. In diesem Zusammenhang wird auch ein kurzer Überblick über das Thema ‚Selbstdarstellung von AutorInnen‘ gegeben werden. Eine systematische Analyse soll zeigen, welche Möglichkeiten der Selbstdarstellung bzw. Selbstinszenierung durch die Präsentation im Internet von AutorInnen genutzt werden. Die Analyse soll in Form einer Typologie erstellt werden, die zeigt, welche Arten der Inszenierung am häufigsten vorkommen. Die Arten der Inszenierung werden anhand von Beispielen erläutert. Abschließend soll ein Überblick über die Nutzung des Internets und die daraus entstehenden Möglichkeiten für Schriftstellerinnen und Schriftsteller entstehen. Methoden Die vorliegende Dissertation gibt einen Überblick darüber, wie sich AutorInnen im Internet präsentieren. Neben der Autorenhomepage wird auch die (Selbst-)Präsentation auf Facebook als prägnantes Beispiel für den Bereich Social Media untersucht. Hierfür müssen zunächst die Relevanz bzw. der Einfluss von Internet und sozialen Plattformen in Hinsicht auf das Thema ermittelt werden. Da in dieser Dissertation Überschneidungen von mehreren Forschungsgebieten vorliegen, wird ein Methoden-Mix angewendet, um möglichst viele Aspekte des Themas beleuchten zu können. Weil es sich um ein medienrelevantes Thema handelt, gelangen vor allem Methoden aus dem Bereich der Medienforschung zur Anwendung. Einen wesentlichen Teil wird die Inhaltsanalyse von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten ausmachen sowie eine Typologisierung, welche Art von Inszenierung in erster Linie zu finden ist. Hier stellen sich die Fragen: Wie wird diese Inszenierung inhaltlich vollzogen? Welche Mittel werden hierfür verwendet? Welche Folgerungen bzw. Interpretationen ergeben sich in Hinblick auf das Medium und seine Spezifika? Auch soziologische bzw. kulturwissenschaftliche Fragestellungen werden in der vorliegenden Arbeit zum Tragen kommen. Da der Autor bzw. die Autorin nicht alleine existiert, sondern in einem Netz aus gesellschaftsinterner Beziehungen, ist er oder sie auch von ebenjener Gesellschaft abhängig. Des- 1.2. 1.2. Methoden 3 halb müssen auch das gesellschaftliche und das literarische Feld im Sinne Bourdieus2 untersucht und mit dem Phänomen der Inszenierung im Internet in Verbindung gebracht werden. Bisheriger Stand der Forschung Soweit ersichtlich gibt es bislang weder in der englisch- noch in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft eine Typologisierung von Arten der Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren im Internet. Der Akzent der Internet-Forschung lag zu Beginn vor allem im Bereich der Netzliteratur und der Netzkunst3, zu denen mittlerweile grundlegende Arbeiten publiziert bzw. Projekte initiiert wurden. Dieser Forschungszweig steht mittlerweile allerdings nicht mehr im Mittelpunkt. Das Interesse der Forschung hat sich inzwischen mehr auf neuere Formen der Präsentation im Internet verlagert. Beispielsweise wurde die Autorenhomepage als Inszenierungsplattform in einem Artikel von Kerstin Paulsen angerissen und in einigen anderen Publikationen als Randthema genannt.4 Das Thema Selbstinszenierung von Autorinnen und Autoren wurde hingegen schon in mehreren Sammelbänden untersucht. Einen geschichtlichen Überblick bieten Gunter E. Grimm und Christian Schärf.5 Autorinszenierungen im Kontext von Medien wurden von Christine Künzel und Jörg Schönert6 analysiert. Mit diesem Thema befasst sich außerdem der Band „Medien der Autorschaft – Formen literarischer (Selbst-)Inszenierung von Brief und Tagebuch bis Fotografie und Interview“7, herausgegeben von Lucas Marco Gisi, Urs Meyer und Reto Sorg. Eine Typologie und Geschichte schriftstellerischer Inszenierungspraktiken wurde von Christoph Jürgensen und Gerhard Kaiser 1.3. 2 Vgl. Bourdieu 2001, S. 239. 3 Vgl. Arnold 2001; Böhler 2001; Hartling 2009; Heibach 2003; Simanowski 2002; Suter/Böhler 1999. 4 Paulsen 2007, S. 258; knappe Hinweise zur Gattung sind bei Boesken 2010, S. 66 ff. und Ortmann 2001, S. 49f. zu finden. 5 Vgl. Grimm/Schärf 2008. 6 Vgl. Künzel/Schönert 2007. 7 Vgl. Gisi/Meyer/Sorg 2013. 1 Einleitung 4 publiziert.8 Auf ähnliche Weise – allerdings bei weitem ausführlicher – hat sich Carolin John-Wenndorf mit dem Öffentlichen Autor auseinandergesetzt. Nebst dem Entwurf einer feldbasierten, mythologischen Diskursanalyse bietet sie eine Kulturgeschichte der Selbstdarstellung vom Mittelalter bis heute, Praktiken der Selbstdarstellung sowie eine „Kleine Dichtertypologie“9. Allerdings werden auch hier die Themen Website und Facebook-Fanseite nicht näher erwähnt. In den Tagungsbänden Netzliteratur im Archiv10 und Subjektform Autor11finden sich Texte zu Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten. Der Band Subjektform Autor beschäftigt sich zusätzlich noch mit anderen Formen der Inszenierung von Autorschaft. Wichtig für die vorliegende Arbeit ist auch das FWF-Projekt Autorenhomepages, das am Innsbrucker Zeitungsarchiv unter der Leitung von Renate Giacomuzzi zwischen 2011 und 2014 durchgeführt wurde. Dieses Projekt stellt die Grundlage der vorliegenden Forschungsarbeit dar und gibt auch den erforschten Korpus, gerade im Bereich der Autorenhomepages, vor. Die Archivierung wurde in Zusammenarbeit mit dem Internet Archive in San Francisco im Rahmen des Services Archive-it durchgeführt. Mit Beendigung des Projekts im Jahr 2014 wurde auch die Sammlung abgeschlossen, auf Anfrage werden für Forschungszwecke jedoch auch weiterhin neue Quellen aufgenommen.12 Aufbau der Arbeit Damit das Thema der Inszenierung genauer unter die Lupe genommen werden kann, wird der erste Teil der Arbeit der Theorie, in erster Linie aus soziologischer Sicht, gewidmet sein. Zunächst werden der gesellschaftliche Rahmen und der Begriff der Postmoderne näher erläutert, da diese mit der Inszenierung als Phänomen eng verknüpft sind und die Grundlage für eine Theorie der Inszenierung darstellen. Im 1.4. 8 Vgl. Jürgensen/Kaiser 2011a. 9 Vgl. John-Wenndorf 2014. 10 Giacomuzzi 2017, Sporer 2017. 11 Sporer 2014. 12 Vgl. https://www.uibk.ac.at/iza/sammlungen/webarchiv.html (letzter Zugriff: 18.8.2018). 1.4. Aufbau der Arbeit 5 Weiteren wird es um Rollen, Subjekte und Anerkennung in der postmodernen Gesellschaft gehen. Der nächste Abschnitt wird sich mit der Erläuterung des Begriffs Inszenierung auseinandersetzen. Hier spielen die Korporalität und der Habitus im Sinne Bourdieus sowie das Thema der Anerkennung eine Rolle. Nach der Klärung der soziologischen Grundlagen wendet sich die Arbeit dem Bereich der Medientheorie zu. Hier soll ein kurzer Überblick über den Zusammenhang zwischen Medien, Aufmerksamkeit und Anerkennung gegeben werden, um einen Zusammenhang zwischen den Themen Internet und Inszenierung herstellen zu können. Das darauffolgende Kapitel befasst sich mit einem historischen Abriss des Themas Inszenierung von Autorinnen und Autoren. Auch hier wird vor allem die Frage nach den Medien der Inszenierung in den Mittelpunkt gestellt und anhand von Beispielen erläutert. Als letzter Part vor der Analyse von Autorenhomepages und Facebook-Fanseiten wird das Verhältnis von Autorinnen bzw. Autoren zum Internet untersucht. Hierbei stellen sich die Fragen: Wann und wieso begannen sie das Internet zu nutzen? Auf welche Weise wird das Internet von Autorinnen und Autoren verwendet? Was für Vorteile generieren sie daraus? Auch dieser Teil wird mit einem historischen Überblick beendet werden. Am Ende des theoretischen Teils der Arbeit wird die Gattung Autorenhomepage diskutiert und mit einer Kategorisierung sowie einer Analyse von beispielhaften Autorenhomepages abgeschlossen. Im letzten Teil wird die Inszenierung in Social Media anhand des Beispiels von Facebook-Fanseiten untersucht. Da Social Media eine relativ neue Form im Internet darstellen, wird dieser Begriff bzw. der Begriff Web 2.0 geklärt, um eine Grundlage für die nachfolgende Typologie von Facebook-Fanseiten zu schaffen. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt Der „Autor“13 stellt seit Jahrzehnten ein kontrovers diskutiertes Thema der Forschung dar. 1968 verfasste Roland Barthes seine Schrift Tod des 1.5. 13 Der Begriff „Autor“ wird in diesem historischen Abriss des wissenschaftlichen Diskurses über Autorschaft als Terminus technicus nicht gegendert. 1 Einleitung 6 Autors14. Dieser Beitrag führte dazu, dass die Einbeziehung des Autors in die Interpretation eines Textes als nicht mehr notwendig oder sogar als „naiv“15 betrachtet wurde. Barthes weist in seinen Ausführungen darauf hin, dass in archaischen Kulturen eine Erzählung immer von einem Vermittler kam und deshalb nur die Ausführung gelobt wurde. Der Autor sei eine „moderne Figur, die unsere Gesellschaft hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im französischen Rationalismus und im persönlichen Glauben der Reformation den Wert des Individuums entdeckte [...].“16 Doch nun müsse man, so Barthes, wieder zu einer Betrachtungsweise zurückkehren, bei der der Autor nicht die entscheidende Rolle für den Text spielt. Barthes kommt zu folgendem Schluss: „Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander Fragen stellen.“17 Somit vertritt Barthes – ähnlich wie Julia Kristeva18 – ein Konzept der Intertextualität: Der Text wird nicht vom Autor verfasst, sondern von diesem aus schon vorhandenen Zitaten zu einem neuen ‚Gewebe‘ verarbeitet. Diese Sicht erfordert eine neue Form der Rezeption. Texte sollen nicht „im Hinblick auf einen richtigen und endgültigen Sinn ‚entziffert’ werden; stattdessen sind ihre diffusen Sinngebungsstrategien zu ‚entwirren’“.19 Der Leser dient in diesem System als „Raum, in dem sich alle Zitate, aus denen sich eine Schrift zusammensetzt, einschreiben“20. Auch Michel Foucault beschäftigt sich anknüpfend an Barthes mit der Frage: Was ist ein Autor?21 Foucault ist zwar nicht der Meinung, dass die Kategorie Autor ganz aus dem interpretatorischen Diskurs verschwinden müsse, aber er votiert für eine weiter gefasste Kontextualisierung. Der ‚reale‘ Autor22 sei nicht zentral für den wissenschaftlichen Diskurs. Dafür komme dem Autornamen eine besondere Bedeutung zu: 14 Vgl. Barthes 2000. 15 Jannidis 1999, S. 3. 16 Barthes 2000, S. 186. 17 Barthes 2000, S. 192. 18 Vgl. Angerer 2005. 19 Jannidis 2000b, S. 182. 20 Barthes 2000, S. 192. 21 Foucault 2000. 22 Hiermit ist der Autor als reale Person gemeint. 1.5. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt 7 [...] er besitzt klassifikatorische Funktion; mit einem solchen Namen kann man eine gewisse Zahl an Texten gruppieren, sie abgrenzen, einige ausschließen, sie anderen gegenüberstellen. Außerdem bewirkt er eine Inbezugsetzung der Texte zueinander.23 Somit hat der Autor nicht als ‚reale‘ Person eine Berechtigung im wissenschaftlichen Diskurs, sondern als Ordnungseinheit in bestimmten Diskursen. Auch Foucault sieht den Autor nicht als Genie, sondern ähnlich wie Barthes als ein „Funktionsprinzip, mit dem, in unserer Kultur, man einschränkt, ausschließt und auswählt [...].“24 Diese beiden Positionen sind die prägnantesten in der wissenschaftlichen Debatte, doch waren sie nicht die ersten, die den Autor als Größe in der Interpretation in Frage gestellt haben. Schon in den 1940er Jahren gab es Vertreter des New Criticism, die sich gegen die Einbeziehung der Autorintention in die Interpretation von literarischen Werken aussprachen. William K. Wimsatt und Monroe C. Beardsley postulieren dies in ihrem Aufsatz Der intentionale Fehlschluss25: Hier wird dargelegt, dass die Intention des Autors für die Interpretation irrelevant ist und das Werk in der Folge in den Mittelpunkt rückt. Wir stellten die Behauptung auf, dass die Absicht oder die Intention des Autors weder eindeutig erkennbar noch ein wünschenswerter Maßstab ist, um den Erfolg eines literarischen Werkes zu beurteilen.26 Auch Wolfgang Kayser entwirft in den 1950er Jahren eine Theorie, die sich mit der Instanz „Autor“ auseinandersetzt. Er stellt fest, dass man bei einer Interpretation immer „Autor“ und „Erzähler“ trennen müsse.27 Ein weiterer Ansatz wurde in den 1960er Jahren von Wayne C. Booth verfolgt. Er plädiert dafür, dass der Autor durch das Konzept des „implied author”28 abgelöst werden müsse, der eine Art vermittelnde Instanz zwischen den LeserInnen und dem Autor darstellt. In der Folge geht Wolfgang Iser noch weiter und verschiebt seine Untersuchungen vom Autor auf den „impliziten Leser“29. Auch wenn der 23 Foucault 2000, S. 210. 24 Foucault 2000, S. 228. 25 Wimsatt/Beardsley 2000. 26 Wimsatt/Beardsley 2000, S. 54. 27 Kayser 2000. 28 Booth 2000. 29 Vgl. Iser 1972. 1 Einleitung 8 Autor vielfach als „tot“ oder weniger wichtig angesehen wird, so war und ist die interpretatorische Praxis doch eine andere. So heißt es etwa im Tagungsband Rückkehr des Autors30 im einleitenden Artikel: „Die Praxis der Interpretation(en) literarischer Texte demonstriert vielmehr legitime, ja notwendige Verwendungsweisen des Autorbegriffs, die von der Theoriediskussion nicht angemessen wahrgenommen werden.“31 Auch einzelne Bereiche der Literaturwissenschaft, etwa die Editionswissenschaft, beschäftigen sich weiterhin mit Autoren und deren Biographien. Man kann also nicht behaupten, dass sich die Literaturwissenschaft im Allgemeinen nicht für den ‚realen‘ Autor interessiert habe. Auch außerhalb der wissenschaftlichen Forschung ist der Autor nie aus dem Blickfeld verschwunden. So wird in der Einleitung der Publikation Rückkehr des Autors bemerkt: Wir kaufen uns den ‚neuen‘ Grass, gehen zu Martin Walsers Autorenlesung, protestieren gegen die Verfolgung Salman Rushdies, sehen uns die neueste Shakespeare-Verfilmung im Kino an, suchen in der Buchhandlung unter der Rubrik ‚Frauenliteratur‘ oder füllen im Online-Buchhandel das Suchfeld ‚Autor: Name, Vorname‘ aus.32 Wie man an den vielen Tagungs- und Sammelbänden33, die im vergangenen Jahrzehnt erschienen sind, erkennen kann, werden der Begriff „Autor“ und dessen Einbindung in eine literaturwissenschaftliche Theorie heute immer noch kontrovers diskutiert. Dies hängt unter anderem mit den neuen medialen Voraussetzungen und deren Einfluss auf die Literatur bzw. auf AutorInnen und deren literarische Möglichkeiten zusammen. Die Debatte führte zu einer Sichtweise, die Florian Hartling, der sich in seiner Publikation Der digitale Autor34 ausführlich mit dem Thema Autorschaft und Internet auseinandersetzt, wie folgt auf ironische Weise beschreibt: „Das Internet, so die euphorischen Hypertexttheoretiker, würde den Autor endgültig verabschieden.“35 Zu einer solchen Auffassung kam es durch die Möglichkeit des 30 Vgl. Jannidis 1999. 31 Jannidis 1999, S. 3. 32 Ebd. 33 Hier sind vor allem zu nennen: Bein 2004; Detering 2002; Grimm 2008; Jannidis 1999; Jannidis 2000a; Kleinschmidt 1998; Künzel 2007; Steiner 2009. 34 Hartling 2009. 35 Hartling 2009, S. 9. 1.5. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt 9 WWW, Texte ganz ohne Verweise auf einen Autor (oder zumindest auf einen real existierenden Autor) zu präsentieren oder die Texte im Rahmen eines kollaborativen Projektes eines Autorenkollektivs36 zu veröffentlichen. Hartling stellt folgendes fest: „Kollektive Inhaltsproduktion wie sie bisher vor allem im Onlinejournalismus und bei Online-Enzyklopädien zu finden ist, scheint zuzunehmen und auf literarische Autorschaftsmodelle auszustrahlen.“37 Die neuen Voraussetzungen führten zu einer weiteren, dem entgegengesetzten Entwicklung.38 Autorinnen und Autoren bekamen durch die Plattform Internet eine neue Bühne der (Selbst-)Inszenierung und konnten so wieder in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Auch Florian Hartling meint: An die Stelle des marginalisierten Autors tritt also auch im Internet ein recht lebendiger literarischer Autor, der ganz unterschiedliche Autormodelle realisieren kann, je nach künstlerischer Konzeption und Hyper-Poetik. Das bedeutet, dass sich im Internet als Kommunikations- und Handlungsraum Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit starkem Autorbegriff auch als starke Autoren und Autorinnen inszenieren (z.B. durch gesteigerten Personenkult und Individualisierung).39 Es ist im Internet möglich, sich auf einfache und kostengünstige Weise zu präsentieren. In diesem Zusammenhang kann eine Autorenhomepage das zentrale Mittel zur Selbstpräsentation sein, da sich Autoren auf dieser mit Fotos, Texten, Videos und Audio-Dateien in Szene setzen können. Simone Winko beschreibt die Stellung des Autors im Internet wie folgt: Erwähnenswert ist jedoch, daß das neue Medium zwei der traditionellen Aspekte, die die Zuschreibung eines Texts zu einem Autor hat, in verstärktem Maße auszuprägen hilft: den biographischen und den Authentizitätsaspekt. Biographisches spielt zum Beispiel im Internet eine wichtige Rolle; zahlreiche Autoren ermöglichen es ihren Lesern, per Mausklick zu ihrer Homepage zu gelangen, auf der sie nicht selten ungewöhnlich detaillierte Informationen über ihr Leben, ihre Interessen, weitere Texte und anderes präsentieren.40 36 Hartling 2009, S. 37f. 37 Hartling 2009, S. 10. 38 Vgl. Simanowski 2004. 39 Hartling 2009, S. 10. 40 Winko 1999. 1 Einleitung 10 Autoren können sich im Internet selbst zu einer Marke mit Wiedererkennungswert stilisieren, wie dies ja in der Werbung schon lange üblich ist. Die Tendenz, sich als Autor in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen, ist im deutschsprachigen Raum seit den 1990er Jahren verstärkt zu beobachten, im englischsprachigen Raum schon früher: Autorinnen und Autoren wie auch Verlage scheinen sich seit den 1980er Jahren verstärkt auf Marketingstrategien verlassen zu haben, die mit Techniken der (Selbst-)Inszenierung und der Darbietung von Literatur als „Event“ einhergehen. Spätestens die Popkultur und ihre Autorinnen und Autoren – von Bret Easton Ellis über Nick Hornby bis hin zu den deutschen Literaten von Tristesse Royale – haben inzwischen deutlich gemacht, welche Macht Marken und Labels in der post-modernen Gesellschaft haben können.41 Ein professioneller Auftritt, egal ob bei einer Veranstaltung oder im Internet ist für eine erfolgreiche Selbstvermarktung für Autoren essentiell. Ohne über Verlagsmarketing und Selbstvermarktung Aufmerksamkeit zu generieren, ist es heutzutage schwer, eine Fangemeinde aufzubauen. 41 Künzel 2007, S. 15; siehe auch Niefanger 2002. 1.5. Vorweg: Was ist überhaupt ein Autor bzw. eine Autorin? – Ein Abriss über ein Konstrukt 11

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Zusammenfassung

Das Internet bietet Autorinnen und Autoren viele Möglichkeiten, sich und ihr Werk kostengünstig in der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu inszenieren. In den letzten Jahrzehnten haben sich soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder Twitter sowie Weblogs im literarischen Feld zu wichtigen Instrumenten der Selbstpräsentation im Internet entwickelt. Autorenhomepages gehören schon länger zum Inszenierungsalltag von Schreibenden. Elisabeth Sporer gibt einen historischen Überblick über die medialen Möglichkeiten der (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren und beschreibt, analysiert und kategorisiert verschiedene Modelle der Präsentation im Internet. Im Zentrum stehen Autorenhomepages sowie Facebook-Fanseiten als Beispiele für die neueren Formen der (Selbst-)Inszenierung.