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I. Einleitung in:

Myriam Bittner

Komplizen des Erzählers, page 1 - 6

Auctoriale Figuren in der mittelhochdeutschen Epik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4313-4, ISBN online: 978-3-8288-7252-3, https://doi.org/10.5771/9783828872523-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung „Die Geschichten fiktionaler Erzählungen sind immer Geschichten von jemandem, ihre Handlung setzt Handelnde voraus.“1 Dementsprechend sind Figuren, die Handelnden der Geschichten, hermeneutische Drehund Angelpunkte. So sehr stehen sie im Mittelpunkt nicht nur der Rezeption durch den Rezipienten, sondern auch der Forschung selbst, dass man annehmen könnte, es sei bereits alles über Figuren gesagt, es gäbe trotz vieler unterschiedlicher Ansätze wenig Neuland zu entdecken. Dennoch sieht sich die vorliegende Arbeit als einen Vorstoß in als bekannt wahrgenommenes Gebiet, welches durch einen anderen Blickwinkel durchaus in neuem Licht erscheinen kann. Dazu zuerst einige Prolegomena: Figur vom Lateinischen figura bedeutet etwas Gebildetes, Gemachtes, Künstliches, ausgehend vom Verb fingere2, das sich noch heute im deutschen Sprachgebrauch als ‚fingiert‘, vorgetäuscht und erdichtet, niederschlägt. Umso überraschender, dass besonders in der neueren Literaturwissenschaft die spezifische Künstlichkeit der Figuren immer weiter aus dem Fokus der Forschung gerät – ja sogar moniert wird, dass Figuren „abgehandelt“ würden, man sie „auf ihre Handlungsfunktion reduzier[e].“3 Demgegenüber stehen Positionen, in denen auf die Handlungsfunktion der Figur gepocht wird. „Funktionen der Handlung erscheinen […] oft anthropomorphisiert, in Menschengestalt“4, so Armin Schulz. Über diese Anthropomorphisierung dürfe jedoch nicht aus den Augen verloren werden, dass die Funktion der Figur für die Hand- I. 1 Eder, Jens: Die Figur im Film. Grundlagen der Figurenanalyse, Marburg ²2014, S. 13. 2 Vgl. PONS-Wörterbuch für Schule und Studium Latein – Deutsch, bearbeitet von Rita Hau. Neubearb. unter Mitw. von Adolf W. Fromm und Gregor Vetter, 1. Aufl. [Nachdruck] 2010, S. 583. 3 Eder: Figur im Film, S. 14. 4 Schulz, S. 181. 1 lung an erster Stelle stehe. Vor allem für die Mediävistik hat sich diese funktionsorientierte Herangehensweise als fruchtbar erwiesen. ‚Psychologisierung‘ in dem Sinne, dass das Handeln von Figuren aus emotionalen Reaktionen heraus erklärbar ist, wird mit dem Hinweis auf Typenhaftigkeit mittelalterlicher Figuren zurückgewiesen. Besonders, aber nicht nur „für (mittelhochdeutsche) Heldenepik sind bekanntlich Widersprüche und Lücken bei den Zuschreibungen gerade auch an die Figuren in besonderem Maße charakteristisch: ausgesparte Motive, stark begrenzte Innenweltdarstellung, widersprüchliche Wertungen, fehlende Stimmigkeit und »gebrochene Linie[n]« in der Darstellung von Figurenhandeln.“5 Diesen Widersprüchen und Lücken widmet sich die vorliegende Arbeit. Sie sollen, im Einklang mit Armin Schulz Ansatz, eben nicht psychologisch aufgefüllt werden, sondern handlungsfunktional: Wo Figurenhandeln unerklärlich bleibt, sollte nach der Auswirkung des Handelns für den weiteren Verlauf der Handlung geforscht werden. Diese Prämisse zum Grundsatz nehmend, versteht sich die folgende Arbeit als Versuch, einer Beobachtung theoretisch fundierte Grundierung zu verleihen – der Beobachtung, dass für den Fortlauf der Handlung wichtige Aktionen nicht gleichwertig auf eine Anzahl verschiedener Nebenfiguren verteilt sondern im Gegenteil auf eine einzelne Figur kumuliert werden können. Diese Figuren lenken die Handlung auf das vom Autor intendierte Ende hin und bekommen somit einer Mitanteil an der Organisation des Werkes zugesprochen. Die These lautet also zusammengefasst: Es gibt innerhalb eines Werkes meist eine Figur neben dem Protagonisten, die mit ihren Aktionen die Handlung des Werkes auf das vom Autor intendierte Ende hinlenkt. Dabei ergeben sich in der Wahrnehmung ihres Gesamtbildes durch den Rezipienten Widersprüche und Reibungspunkte, welche nur beseitigt werden können, wenn man sie nicht psychologisch sondern handlungsfunktional auflöst. 5 Lienert, Elisabeth: Aspekte der Figurenkonstitution in mittelhochdeutscher Heldenepik, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Bd. 138.1 (2016), S. 51–75, hier: S. 52f. I. Einleitung 2 Für diese Steuerung und Lenkung der Handlung6 ist die Informationsvergabe innerhalb der Diegese von besonderer Bedeutung: „Eine Figur kann einer anderen Figur insbesondere Informationen vorenthalten, über die der Rezipient bereits informiert ist“7 Es kommt somit zu einer vom Rezipienten als solche auch wahrgenommene Verschiebung in den Machtverhältnissen zwischen den Figuren. Diesem Ansatz folgt die in der vorliegenden Arbeit vorgestellte Theorie. Sie nimmt die Überlegung zum Ausgang, dass unterschiedliche Wissensstände innerhalb des Figurenkosmos die Funktion spezieller, mit einem Wissensvorsprung ausgestatteter Figuren, maßgeblich beeinflusst. Die Figur, die mehr weiß als die andere, ist in der Lage, das Handeln der unwissenden Figur zu beeinflussen. „Enthält eine Figur einer andere Figur Informationen vor über die der Rezipient bereits verfügt, wird damit in der Regel ebenfalls signalisiert, daß die Figur bestimmte Intentionen verfolgt.“8 Doch welcher Art ist diese Intention? In welchem Zusammenhang stehen Handlungslenkung und Wissen einer Figur? Ebenfalls stellt sich die Frage, woher der Wissensvorsprung der Figur originiert. Beobachtungen, dass einigen Figuren, auch wenn es sich nicht um Protagonisten handelt, mehr Handlungsmacht zu besitzen scheinen als andere, sind nicht vollständig neu. Jedoch wurde bisher nie der Versuch unternommen, hinter der Bemächtigung dieser Figuren ein erzählerisches Prinzip zu erkennen und dieses Prinzip durch eine werk- übergreifendes Erzählprinzip zu untermauern. Im besten Fall kann dieses Prinzip zu weiterführenden Erkenntnissen über die Konzeption von Erzählwerken beitragen. 6 Die Begriffe Steuerung und Lenkung der Handlung werden in dieser Arbeit synonym gebraucht. Handlungslenkende und handlungssteuernde Figuren beschreiben dasselbe Prinzip. 7 Dimpel, Michael Friedrich: Die Zofe im Fokus. Perspektivierung und Sympathiesteuerung durch Nebenfiguren vom Typus der Confidente in der höfischen Epik des hohen Mittelalters, Berlin 2011, S. 47. 8 Dimpel: Zofe im Fokus, S. 48. I. Einleitung 3 Vorgehen: Die Dissertation gliedert sich in drei Hauptbereiche. Forschung und Theorie, Interpretationsansätze und die abschließende Überprüfung des Prinzips In einem Überblick der Forschung zur mittelalterlichen Figur werden zuerst die Spannungsfelder bereits erfolgter Aussagen zu Figuren vorgestellt, zwischen denen sich Ansätze für das Erzählprinzip einer handlungslenkenden Figur notwendig bewegen müssen. Den Forschungsüberblick schließt eine exemplarische Betrachtung zweier Figuren, die bereits in der Forschung den Nimbus desen erhalten haben, mit einer besonderen Handlungsfunktion ausgestattet worden zu sein. Aus dieser Betrachtung lassen sich im besten Falle bereits Beobachtungen extrahieren, die für die Konzeption solcher handlungslenkender Figuren von entscheidender Bedeutung sind. Ebenfalls können diese Beobachtung in die Suche nach Kriterien zur Existenz solcher wissenden, handlungslenkenden Figuren miteinfließen. Es folgt eine genaue Definition und Abgrenzung der verwendeten narratologischen Begriffe, um die Grundlagen festzulegen, auf denen sich die Theorie stützen wird. Dabei erscheint es zentral, den schon im Titel erwähnten Arbeitsbegriff ‚Auctoriale Figur‘ für eine handlungssteuernden Figur mitsamt der narratologischen Problemgeschichte näher zu erläutern. Ausgehend von den theoretischen narratologischen Voraussetzung wird dann ein Katalog entwickelt, der Kriterien für die Existenz einer solchen handlunglenkenden Figur im Text beinhaltet. Je mehr Kriterien erfüllt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei der untersuchten Figur um eine Funktion zur Lenkung der Handlung handelt, die Figur also als Werkzeug zur Handlungssteuerung eingesetzt wird. „Das Erstellen von Prognosen über die Wirksamkeit einzelner Verfahren ist kaum möglich, ohne dabei einen konkreten Fall in einem konkreten Text heranzuziehen.“9 Aus diesem Grund werden die im ersten Teil dieser Arbeit aufgestellten Hypothesen anhand von fünf Werken der mittelhochdeutschen Epik durchgespielt und einer Prü- 9 Dimpel: Zofe im Fokus, S. 116. I. Einleitung 4 fung unterzogen. Um eine größtmögliche Aussagekraft und Varianz zu erhalten, spannt sich der Textcorpus vom späten 12 Jh. bis Mitte des 13. Jahrhunderts und beinhaltet sowohl als heldenepisch als auch als höfisch klassifizierte Erzählungen sowie Texte, deren genrespezifische Einordnung ständiger Gegenstand der Forschungsdiskussion ist. Dabei wird jedoch keine historisch lineare Reihenfolge eingehalten. Stattdessen wird sich in der Figurenkonstellation der Werke graduell dem Protagonisten angenähert, dem Zentrum der Diegese. Begonnen wird mit Herr-Diener/Vasall Konstellationen, beispielhaft die Figuren Lunete im Iwein und Hagen im Nibelungenlied, hernach folgt die Untersuchung eines Nebenprotagonisten, Gawan in Wolframs von Eschenbach Parzival. Auch bei der viertens erfolgenden Untersuchung zum Graf Wetzel im Herzog Ernst handelt es sich auf den ersten Blick um eine Herr-Vasall Konstellation, jedoch unter Vorzeichen, die Vasall und Protagonist enger miteinander in Beziehung setzen als dies bei den vorigen Konstellationen der Fall ist. Das abschließende Interpretationskapitel behandelt Gottfrieds von Straßburg Tristan und weicht insofern von den vorigen ab, als dass zwei Figuren anstatt nur einer untersucht werden. Auf der einen Seite wird Tristan selbst unter der Fragestellung untersucht, ob er als Protagonist ebenfalls eine im Sinne der Theorie handlungssteuernde Figur sein kann. Auf der anderen Seite erfolgt, in Anlehnung an die ersten beiden Kapitel, eine ergänzende Untersuchung der Dienerin Brangäne. Das Ziel ist es, durch die praktische Erprobung der Theorie sowohl Licht in bisher ungeklärte Fragestellungen der jeweiligen Texte zu bringen, als auch herauszufinden, ob die herausgearbeiteten Kriterien aussagekräftig sind. Nach der abschließenden Überprüfung der Theorie, die auch den Versuch einer Gewichtung der Kriterien mit einschließt, folgt ein Ausblick auf offene Fragen und angrenzende Themengebiete, welche die Beschäftigung mit der Theorie einer handlungssteuernden Figur weiterführen könnten. I. Einleitung 5

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Zusammenfassung

Wissen als Handlungsmacht – Anhand fünf mittelhochdeutscher Epen wird das Erzählprinzip der ‚Auctorialen Figur‘ herausgearbeitet: Durch herausragendes Wissen zur Handlungslenkung befähigt, wird sie dem Erzähler auf der Ebene narrativer Regie zur Seite gestellt, um dort einzugreifen wo es ihm selbst verwehrt ist. Im ersten Teil wird basierend auf der Forschungslage ein Kriterienkatalog herausgearbeitet, welcher in der vorliegenden Interpretation auf Figuren im Nibelungenlied, Iwein, Herzog Ernst B, Parzival und Tristan angewendet wird. Je stärker diese Kriterien für die untersuchten Figuren erfüllt sind, desto näher kommen sie dem Prinzip der Auctorialität – sie sind dem Urheber der Erzählung in Wissen und Lenkungsmacht ähnlich geworden und avancieren häufig auch zu den heimlichen Helden des Epos, sowohl für den Erzähler als auch für den Rezipienten.