Einleitung in:

Annabelle Jänchen

Die dritte Stimme, page 9 - 12

Migration in der jüngeren deutschsprachigen Literatur

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4314-1, ISBN online: 978-3-8288-7251-6, https://doi.org/10.5771/9783828872516-9

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Allein schon der Begriff „Migrationsliteratur“: Dieser ist leider ein sehr schwieriger. Es ist fragwürdig, rassistisch und paternalistisch. Migrationslite ratur in Deutschland ist stets die Literatur, die anders ist, die nicht dazu ge hört, nicht bio-deutsch ist. Die einzige Gemeinsamkeit der Migrationsautoren ist übrigens ihre Herkunft und nicht etwa eine ästhetische oder thematische Gemeinsamkeit.1 (Olga Grjasnowa) Die Rolle von Sprach- und Kulturwechsel in der Literatur wird aktuell neu disku tiert. 2010 veröffentlichte der interkulturelle Literaturwissenschaftler Carmine Chiellino eine umfangreiche Einführung in die Interkulturelle Literaturin Deutschland, in deren Analysen es um Werke von Sprachwechsler/innen2 wie Franco Biondi und Vladimir Nabokov geht. Auch in der literarischen Öffentlichkeit machen Sprachwechsler/innen mit viel diskutierten Werken auf sich aufmerksam. Die ge bürtige Ukrainerin Katja Petrowskaja etwa kam Ende der 1990er mit 29 Jahren nach Berlin und begann dort, Texte auf Deutsch zu verfassen. 2014 erschien ihr renommierter Erzählband Vielleicht Esther. Mit Auszügen aus dem Werk gewann sie 2013 bereits den Bachmann-Preis, der im Rahmen der „Tage der deutschspra chigen Literatur“ jährlich vergeben wird und als eine der wichtigsten Auszeich nungen für deutsche Literatur gilt. Bereits im Jahr zuvor ging der Preis an Olga Martynova, die ähnlich wie Petrowskaja mit Ende zwanzig nach Deutschland kam und heute Lyrik auf Russisch und Prosa aufDeutsch verfasst. Auch die in Aserbaidschan geborene Schriftstellerin Olga Grjasnowa ist eine Sprachwechslerin. In den 1990ern siedelte sie als Elfjährige mit ihrer Familie nach Deutschland über. Mit ihren Romanen Der Russe ist einer der Birken liebt (2012), Die juristische Unschärfe einer Ehe (2014) und Gott ist nicht schüchtern (2017) hat sie als deutschsprachige Schriftstellerin große Erfolge gefeiert. Sie ist jedoch auch für ihre strenge Ablehnung des Begriffs „Migrationsliteratur“ bekannt — eine Katego rie, in die sie als deutsche Autorin „mit Migrationshintergrund“ immer wieder 1 o.V . „O lga G rjasnow a findet Label jM igrationsliteratur4 unsäg lich“ 2017. 2 H ierbei handelt es sich um Personen, die in der Regel durch M igration von einer Sprache A zu einer anderen Sprache B wechseln . D ies kann — oft nach m ehreren G enerationen — in einen kom pletten Sprachw echsel m ünden oder zu M ehrsprach igkeit m it D om inanz einer Sprache fuhren. 9 unfreiwillig gesteckt wird. Grjasnowa macht darauf aufmerksam, dass der Einfluss von Sprachwechsler/innen auf Nationalliteraturen nichts Neues sei, habe es doch schon bei Tolstoi lange Dialoge in Französisch, Englisch und Deutsch gegeben und seien bekannte Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts wie Joseph Conrad und Vladimir Nabokov schon Sprachwechsler gewesen.3 Sie kritisiert daher, dass eine ihrer Meinung nach alte literarische Tradition heute mit dem abwertenden Label „Migrationsliteratur“ lediglich neu etikettiert werde. Migration sei zum Mo dethema geworden — wie in der Politik, so auch in der Germanistik. Dies aber literaturwissenschaftlich am Inhalt oder Stil nachzuweisen, sei „noch niemandem gelungen.“4 Was Grjasnowa offensichtlich fordert, ist eine Betrachtung ihrer Li teratur aufAugenhöhe mit deutscher Literatur „ohne Migrationshintergrund“. Ihre provokante Aussage, Migrationsautor/innen würden einzig über ihre Herkunft definiert, anstatt über ästhetische und thematische Gemeinsamkeiten, soll zum Anlass einer literaturwissenschaftlichen Überprüfung des problemati schen Begriffs der Migrationsliteratur genommen werden. Die vorliegende Arbeit beleuchtet das Verhältnis von Literatur und Migration unter vielfältigen Aspekten. An Beispielen aus der Prosa deutschsprachiger Autor/innen „mit Migrationshin tergrund“ wird untersucht, inwiefern Interkulturalität Gegenstand von Literatur ist und diese in ihrer Ästhetik beeinflusst. Die Fülle der Texte macht eine Ein schränkung auf einen speziellen Fragenhorizont und bestimmte Autor/innen not wendig. Die Analyse der literarischen Texte konzentriert sich daher auf Werke von Autor/innen, die in der ehemaligen Sowjetunion geboren wurden und später nach Deutschland emigrierten. Diese Arbeit verfolgt damit einen Ansatz, der Olga Grjasnowas Ansicht widerspricht und bewusst Autor/innen aufgrund ihrer ge meinsamen Herkunft als Gruppe zusammenfasst. Die Texte der Autor/innen werden vergleichend analysiert mit dem Ziel, die These Grjasnowas anhand lite raturwissenschaftlicher Methoden zu überprüfen. Das in Grjasnowas Augen zu erwartende Ergebnis einer solchen Analyse wäre die Erkenntnis, dass die Texte kaum oder keine inhaltlichen und ästhetischen Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Untersuchung der Primärliteratur erfolgt in Anlehnung an Carmine Chiellinos Konzept der „Topographie der Stimmen“.5 Er unterteilt interkulturelle Autor/innen in neun Stimmen, von denen für diese Arbeit vor allem die ersten drei von Interesse sind. Migrierte Autor/innen, die in den Ankunftsländern wei terhin ihre Herkunftssprache als Mittel ihrer Kreativität nutzen, sind Vertreter/in nen der ersten Stimme. Zu ihnen zählen etwa Sergej Bolmat, Zaza Burchuladze und Maria Rybakova aus den postsowjetischen Staaten. Unter der zweiten Stimme subsumiert Chiellino Autor/innen, die für ihre literarischen Arbeiten im Zuge ih rer Emigration ins Deutsche wechselten. Zu ihnen gehört ein Großteil der deutschsprachigen Gegenwartsautor/innen, die in den ehemaligen 3 Vgl. o.V. „O lga G rjasnow a findet Label jM igrationsliteratur3 unsäg lich“ 2017. 4 Ebd. 5 Vgl. 2001, S. 54ff. 10 Sowjetrepubliken aufgewachsen sind, wie etwa Wladimir Kaminer, Nellja Veremej oder Vladimir Vertlib. Die dritte Stimme ist jene mehrsprachige Stimme der Au tor/ innen, die bei ihrer Ankunft im neuen Land oft noch Kinder waren und im sozialen und schulischen Umfeld Deutsch als Muttersprache sprechen und die Muttersprache der Eltern nur in der familiären Umgebung verwenden. Es sind Autor/innen wie Olga Grjasnowa, Sasha Marianna Salzmann und Dimitrij Kapitelman, deren Werke im dritten Teil dieser Arbeit untersucht werden. Inwiefern greifen nun diese in Deutschland aufgewachsenen und sozialisier ten Autor/innen inhaltliche und formale Charakteristika und Trends der klassi scherweise als „Migrationsliteratur“ verstandenen Werke der zweiten Stimme auf? Ist Olga Grjasnowas Kritik berechtigt und wird Literatur von Autor/innen der dritten Stimme zu Unrecht als Literatur der Migration klassifiziert? Oder lassen sich sogar bestimmte Spezifika feststellen, die typisch für die dritte Stimme sind? Eröffnen Autor/innen, die während der Migration noch Kinder waren, neue Per spektiven auf den Migrationsdiskurs? Um sich der Thematik anzunähern, stellt das erste Kapitel zunächst den Begriff der Migrationsliteratur in Wissenschaft und Literaturbetrieb in den Fokus. Einleitend wird bereits die Diskussion, die unter den sogenannten „Migrationsau tor/innen“ selbst geführt wird, den Kern der Problematik aufzeigen: Nicht die Kategorisierung von Schriftsteller/innen nach ihrer Herkunft, sondern die damit verbundenen Zuschreibungen werden kritisiert. Jene Zuschreibungen im Blick behaltend, wird ein Überblick über die aktuelle Forschungsdiskussion in der Ger manistik erarbeitet und dem Konzept der Migrationsliteratur werden ähnliche Konzepte wie das der interkulturellen Literatur gegenübergestellt. Das zweite Ka pitel der Arbeit bestimmt anhand von Werken von Autor/innen der zweiten Stimme Charakteristika migratorischer Literatur. Hierfür werden vor allem Eva Hausbachers Poetik der Migration (2009), Adrian Wanners Aufsatz zu „Russian Hybrids“ (2008) und Beiträge aus Helmut Schmitz’ Sammelband Von der nationalen gur internationalen Viteratur (2009) herangezogen. Ergänzt werden sie durch eine Reihe weiterer Untersuchungen, unter anderem von Nora Isterheld und Helena Reinhardt. Ein close readingwon Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012), Sasha Marianna Salzmanns Außer sich (2017) und Dimitrij Kapitelmans Das Vächeln meines unsichtbaren Vaters (2016) im letzten Kapitel ermöglicht anschließend einen Vergleich klassischer Migrationstexte mit denen der dritten Stimme. Es sei jedoch angemerkt, dass es nicht Anspruch dieser Arbeit ist, auf diese Weise einen Normenkatalog zu erstellen, sondern einen Beitrag zur aktuellen Diskussion um die Existenz einer Literatur der Migration zu leisten und darüber hinaus Facetten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aufzuzeigen. 11

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Zusammenfassung

Längst gelten Werke von AutorInnen mit Migrationshintergrund nicht mehr als Nischenprodukt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Im Gegenteil: Die Diskussion um die Existenz einer Literatur der Migration führt zu zahlreichen Kontroversen in der literarischen Öffentlichkeit.

Hier macht sich vor allem eine neue Generation von AutorInnen bemerkbar, die während der Migration noch Kinder waren. In ihren Texten erschaffen sie Figuren, die auf der Suche nach ihrer ethnischen, sprachlichen, religiösen, geschlechtlichen und nationalen Zugehörigkeit ihre individuellen Migrationserfahrungen nie ganz überwinden können. Und doch wehren sich die AutorInnen vehement gegen die exotisierende und marginalisierende Einordnung ihrer Werke als Migrationsliteratur. Vor dem Hintergrund etablierter Topoi russisch-deutscher Migrationsliteratur werden Texte von Olga Grjasnowa, Sasha Marianna Salzmann und Dimitrij Kapitelman hinsichtlich inhaltlicher und formaler Schwerpunkte mit dem Fokus auf Heimatkonstruktionen, Identitätskonzeptionen und Raummodelle analysiert.