Schlussbetrachtung in:

Annabelle Jänchen

Die dritte Stimme, page 81 - 86

Migration in der jüngeren deutschsprachigen Literatur

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4314-1, ISBN online: 978-3-8288-7251-6, https://doi.org/10.5771/9783828872516-81

Tectum, Baden-Baden
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Schlussbetrachtung Die öffentliche und gesellschaftliche Erwartungshaltung stellt sich als problema tisch für junge Autor/innen heraus, die aus Migrantenfamilien stammen. Denn von Menschen, deren Lebensgeschichte durch Migration geprägt ist, wird in der Regel migratorischer und autobiografischer Kontext in ihren Werken erwartet. Grjasnowas These, dass die Literatur dieser Autor/innen nur über deren Biogra fien zusammengefasst werde und keine gemeinsamen Inhalte und Formen zeige, hat sich allerdings nicht als haltbar erwiesen. Wie sich zeigte, wird in der Litera turwissenschaft vor allem in den letzten Jahren immer wieder nach einer Poetik der Migration gefragt. Und so gibt es bereits ein Repertoire an Charakteristika von migratorischer Literatur, das hier zusammengetragen und beispielhaft an Texten überprüft wurde. Einige dieser migratorischen Charakteristika finden sich auch in der Literatur der dritten Stimme wieder. Die biografische Nähe zwischen Autor/in und Ich Erzähler/in ist nach wie vor präsent. Die Texte dritter Stimme orientieren sich inhaltlich und motivisch weiterhin an geschichtlichen und biografischen Stoffen. Migrationserfahrungen und die damit verbundene Auflösung der Binäropposition Fremde und Heimat sind inhaltlicher Schwerpunkt aller Texte. Die Romane und ihre Figuren verhandeln Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dabei geht es vor allem um ethnische, sprachliche, religiöse und nationale Zugehörigkeiten und multiple Identitätskonstruktionen. Nicht selten werden die verschiedenen Zugehörigkeiten über Stereotypisierungen von Personen konstruiert — bei Olga Grjasnowa werden die Deutschen klischeehaft dargestellt, bei Sasha Marianna Salzmann die Russen, bei Dimitrij Kapitelman die Araber. In Grjasnowas Roman werden Identitätszugehörigkeiten permanent verhandelt und Migrantenfiguren als hybride Identitäten dargestellt. Salzmanns und Kapitelmans Erzählungen sind subjektive Identitätssuchen der Protagonist/innen, die, wie die Figur der Ali, „in der Kausalitätslosigkeit der Geschichte“ (AS 274) nicht in der Lage sind, ein „fest geschriebenes Ά [ich]“ (AS 275) zu finden. Alle drei Hauptfiguren sind in gewisser Hinsicht deterritorialisiert und haben keinen örtlichen Bezugspunkt, sie sprechen fließend mehrere Sprachen, ihre jüdischen Wurzeln stehen im Kontrast zu ihrer atheistischen Weltanschauung und ihre ethnische Zugehörigkeit ist ihnen selbst völlig unklar. 81 Die Großstadt als heterogener Mischraum im Kontrast zum homogenen ländlichen Raum spielt auch in der dritten Stimme eine bedeutende Rolle, wenn gleich die untersuchten Texte nicht mehr in der Tradition einer intertextuellen Metropolenliteratur wie bei Veremej und Martynova stehen. Während in der zwei ten Stimme häufig deutsche Städte in den Blick gerückt werden, sind es in der dritten Stimme Orte im Nahen Osten wie Istanbul, Tel Aviv undjerusalem. Wie bei Veremej und Kaminer werden bei Kapitelman, Salzmann und Grjasnowa Städte zum Schauplatz politisch-sozialer Umbrüche und auch städtebaulicher Veränderungen, die symbolisch für die politische Situation des Landes stehen. Auch den Transit-Orten bzw. Ubergangsorten wie Bahnhöfen, Flughäfen oder Asylbewerberheimen wird weiterhin eine besondere Bedeutung der Ankunft, des Abschieds und der Transformation zugeschrieben. Auf formaler Ebene lassen sich Parallelen zwischen zweiter und dritter Stimme im blurring ofgenres, in der mul tiperspektivischen und analeptischen Erzählweise und in der Duplizität in Figu renkonstellation und Milieu beobachten. In der dritten Stimme findet man gar eine Verdreifachung des Ortes, denn alle drei Romane spielen in der ehemaligen Sowjetunion, in Deutschland und im Nahen Osten. Die drei Romane der dritten Stimme weisen zudem viele neue Gemeinsam keiten auf: Die Protagonist/innen sind junge Erwachsene, die als Kinder nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit ihren Eltern als jüdische Kontingent flüchtlinge nach Deutschland kamen. Dort hatten sie keine leichte Kindheit, wenngleich die Motivation ihrer Eltern war, ihnen in Deutschland ein besseres Leben als in der alten Heimat zu ermöglichen. Sie waren in der neuen Umgebung der Ausländerfeindlichkeit ihrer Mitschüler/innen und Mitmenschen ausgesetzt. So weit ähneln die Bewegungslinien denen in den Romanen der zweiten Stimme. Doch Grjasnowa, Salzmann und Kapitelman erweitern ihre Romane um eine dritte gemeinsame Bewegungslinie: Als junge Erwachsene begeben sich die Ich Erzähler/innen auf eine Reise der Selbstfindung in den Nahen Osten nach Israel und Palästina oder in die Türkei. In der Fremde finden sie ein Stück Heimat — Mascha erinnert sich in Israel plötzlich an Baku, Ali fühlt sich mitten in Istanbul als wäre sie in einem russischen Dorf an der Wolga und Dimitrij überlegt sogar, einige Jahre in Israel zu leben. Auch werden ihre Beobachtungen plötzlich sehr viel politischer: Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist ein zentrales Thema bei Kapitelman und Grjasnowa. Salzmanns Roman berichtet von den Unruhen während des Militärputsches in der Türkei im ju li 2016. Auch geraten in der dritten Stimme interkulturelle Familiengeschichten und russisch-jüdische Familiengenealogie noch stärker in den Fokus. Vor allem Salz manns Werk ist ein Generationenroman, der die Geschichte von Flucht und Ver treibung einer Familie im 20. Jahrhundert erzählt. In Deutschland schämen sich die Kinder für ihre Eltern (etwa für die fehlenden Sprachkenntnisse oder ihre schlechte finanzielle Situation). Dies spielt eine besondere Rolle in ihrer Bezie hung zueinander. Auch ihre Identitätsprobleme verstehen die Kinder zum Teil als Resultat der Emigrationsentscheidung der Eltern, weshalb sich die beiden 82 Generationen entfremden. Ein weiterer Bruch entsteht durch die Partizipation an unterschiedlichen Werteordnungen — die Eltern orientieren sich an ihrer konser vativeren Herkunftsgesellschaft, während sich ihre in Deutschland sozialisierten Kinder an Werteordnungen der Ankunftsgesellschaft orientieren. Es folgt ein Zu sammenprall der Anschauungen — etwa bezüglich sich verändernder Genderkonzepte. Ali wird zum Mann und findet erst dadurch wirklich zu sich selbst. Die Eltern akzeptieren diese Veränderung jedoch nicht und zeigen kein Verständnis. Auch Dimitrijs Werteordnung entspricht der eines antirassistischen, linkspoliti schen ,,Gutmensch[en]“ (LV 194) und fuhrt zu regelmäßigen Konflikten mit sei nem araberfeindlichen Vater. Insgesamt aber ist Das Lächeln meines unsichtbaren Va ters noch am ehesten eine positive Migrationsgeschichte, denn die Reise nach Is rael erweckt in Vater und Sohn neue Hoffnung und bietet vor allem Dimitrij neue Aspekte seiner Identität, sodass er am Ende die deutsche Staatsbürgerschaft be antragen möchte. So wird hier im krassen Gegensatz zu Grjasnowa ein positives Ende gezeichnet, bei dem die Elterngeneration zwar weiterhin als die dargestellt wird, die am meisten mit den Auswirkungen der Migration zu kämpfen hat, die nun aber weniger desillusioniert ist. In Der Russe ist einer der Rirken liebt stellt sich Deutschland für alle Familienmitglieder als Enttäuschung heraus, wenngleich Mascha dort die besten Zukunftsaussichten und Möglichkeiten hat. Doch die Migration hat sie zerrissen, machte sie zu einer Heimatlosen und ließ ihre Eltern unglücklich werden. Auch in A ußer sich hat Migration negative Auswirkungen auf die Familie. Die Eltern trennen sich, weil sie in Deutschland nicht das erhoffte Glück fanden. Der Vater geht zurück nach Russland. Für Ali dagegen scheint nicht der Ort, sondern ihr Geschlecht das Identitätsproblem zu sein. Das erkennt sie jedoch erst durch die räumliche Entfernung von Deutschland und von ihren Eltern. Das typische russisch-sowjetische Symbolinventar der zweiten Stimme spielt in der dritten Stimme kaum noch eine Rolle. In den Elterngenerationen gibt es vereinzelt Figuren, die als „Sowjetmenschen“ dargestellt werden — doch für ihre Kinder haben diese Zugehörigkeiten keine Bedeutung mehr. Rein sprachlich scheint das Russische aber eine stärkere Position einzunehmen als in den Texten von Kaminer, Veremej etc. Wie die Figuren sind die Romane mehrsprachig ge staltet und durch den Einfluss einzelner Vokabeln oder ganzer Sätze auf Russisch geprägt. Die Sprache ihrer Herkunftsländer betrachten die Figuren als Teil ihrer Identität oder — um noch einmal mit Tichomirova zu sprechen — als „das Haus des Auswanderers“.229 Eine Selbstinszenierung als „Immigrant chic“ wie bei Ka miner sucht man indes vergeblich. Vielmehr zeigen die Romane Figuren, die sich wie bei Grjasnowa als Deutsche fühlen, von anderen aber nicht als solche wahr genommen werden. In diesem Sinne entlarven die Texte immer wieder bestimmte zwischenmenschliche Situationen als rassistische Akte. Salzmann thematisiert in 229 Vgl. 2000, S. 174. 83 ihrem Roman außerdem Homophobie. Soziale Randgruppen spielen so in allen drei Texten eine wichtige Rolle. Die Analyse hat gezeigt, dass die Literatur von Autor/innen der dritten Stimme bestimmte Themen und Formen der zweiten Stimme, die gemeinhin als „Migrationsliteratur“ verstanden wird, aufgreift. Sie erweitern diese zusätzlich, da sie Figuren entwerfen, die während der Migration noch Kinder waren und so neue Perspektiven ermöglichen. So tragen auch die Werke der dritten Stimme deutliche Spuren migratorischer Literatur in sich. Hybridität und das Transitorische haben sich als Leitmotive dieser Literatur herausgestellt. Dies zeigt sich schon darin, dass die Figuren weder einen starken Heimatbezug noch eine besondere Akkulturation an die Ankunftsgesellschaft aufweisen. Sie befinden sich stets auf einem Zwi schenweg, einer Art Kompromiss. Weiterhin wurden aber auch neue Trends be obachtet, die sich vom Themenspektrum Migration entfernen. Vor allem psychi sche Probleme der jungen Erwachsenen stehen im Vordergrund: Grjasnowas Pro tagonistin versucht den Verlust eines geliebten Menschen zu überwinden. Detail liert wird der Weg der Trauer beschrieben. Salzmanns Roman erbringt neben der Trans-Debatte eine umfangreiche Mainstream-Kritik. Die hier dargestellte Ziello sigkeit einer jungen Generation, die permanente Sexualisierung von allem, der Drogenkonsum, die Leidenschaftslosigkeit der Liebesbeziehungen, die Verwahr losung von Figuren und Orten und die Abwesenheit von Arbeit erinnern an Pop literatur der 1990er. Mit seinem Fokus auf die Vater-Sohn-Beziehung ist Kapitelmans Werk ein klassischer Familienroman, der sich anders als Salzmanns Gene rationenroman nicht auf mindestens drei Generationen konzentriert, sondern al lein die Beziehung zwischen Eltern und Kindern beleuchtet. Die Werke der Literat/innen der dritten Stimme werden anders als die der zweiten Stimme nicht mehr mit deutlichem Verweis auf ihren Migrationshinter grund vermarktet. Wie Navid Kermani es bereits formuliert hat, stellt sich migratorische Literatur der dritten Stimme als deutsche Literatur mit einem „anderen kulturellen Blick“ heraus. Die Autor/innen schöpfen vielleicht aus einem reiche ren, definitiv aber aus einem anderen Archiv als die meisten deutschen Autor/in nen ihrer Generation. Grjasnowa, Salzmann und Kapitelman schreiben durchaus keine reinen Migrationserzählungen. Dennoch beeinflussen die russischen, ukrai nischen und aserbaidschanischen Wurzeln ihrer Figuren deren Handlungs- und Denkweisen ungemein. Würden die Werke keine Spuren der migratorischen Lite ratur zweiter Stimme in sich tragen, so könnte man Grjasnowas Aussage zustim men, die einzige Gemeinsamkeit der Autor/innen sei „ihre Herkunft und nicht etwa eine ästhetische oder thematische Gemeinsamkeit“230. Da jedoch auch viele inhaltliche und formale Gemeinsamkeiten festgestellt wurden, muss Grjasnowas Aussage widersprochen werden: Die untersuchten Romane sind migratorische Romane, wenngleich nicht in erster Linie. Die Literatur der dritten Stimme 230 o.V . „O lga G rjasnow a findet Label jM igrationsliteratur3 unsäg lich“ 2017. 84 entwickelt durchaus eine eigene Ästhetik, die sich aus Erzählformen der Gegen wartsliteratur und den persönlichen Erfahrungen der Autor/innen zusammen setzt. Einen interessanten Ausblick ermöglicht an dieser Stelle Sasa Stanisics bereits erwähnte These von der „exile story“, die seinen Ausführungen zufolge oft in Debütromanen von Autor/innen mit Migrationshintergrund erzählt werde. Da es sich bei den hier ausgewühlten Texten der dritten Stimme in allen drei Fällen um Erstlingswerke handelt, könnte ein Hinzuziehen weiterer Romane derselben Au tor/innen den Gehalt dieser These prüfen und zu neuen Erkenntnissen darüber führen, ob eine Literatur der Migration als solche existiert oder die „exile story“ stets nur einen Ausschnitt aus dem Werk einer deutschsprachigen Gegenwartsau torin bzw. eines deutschsprachigen Gegenwartsautors darstellt. Zum aktuellen Stand liegen mit Diejuristische Unschärfe einer Ehe (2014) und Gott ist nicht schüchtern (2017) allerdings nur von Olga Grjasnowa weitere Romane vor. 85

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Zusammenfassung

Längst gelten Werke von AutorInnen mit Migrationshintergrund nicht mehr als Nischenprodukt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Im Gegenteil: Die Diskussion um die Existenz einer Literatur der Migration führt zu zahlreichen Kontroversen in der literarischen Öffentlichkeit.

Hier macht sich vor allem eine neue Generation von AutorInnen bemerkbar, die während der Migration noch Kinder waren. In ihren Texten erschaffen sie Figuren, die auf der Suche nach ihrer ethnischen, sprachlichen, religiösen, geschlechtlichen und nationalen Zugehörigkeit ihre individuellen Migrationserfahrungen nie ganz überwinden können. Und doch wehren sich die AutorInnen vehement gegen die exotisierende und marginalisierende Einordnung ihrer Werke als Migrationsliteratur. Vor dem Hintergrund etablierter Topoi russisch-deutscher Migrationsliteratur werden Texte von Olga Grjasnowa, Sasha Marianna Salzmann und Dimitrij Kapitelman hinsichtlich inhaltlicher und formaler Schwerpunkte mit dem Fokus auf Heimatkonstruktionen, Identitätskonzeptionen und Raummodelle analysiert.