3. Die Literatur der „dritten Stimme“ in:

Annabelle Jänchen

Die dritte Stimme, page 53 - 80

Migration in der jüngeren deutschsprachigen Literatur

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4314-1, ISBN online: 978-3-8288-7251-6, https://doi.org/10.5771/9783828872516-53

Tectum, Baden-Baden
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3. Die Literatur der „dritten Stimme“ Besonders der Roman Zwischenstationen von Vladimir Vertlib, der sich nur schwer in die zweite oder dritte Stimme einordnen lässt, zeigte immer wieder Abweichun gen und alternative gestalterische Mittel. Geht man daher davon aus, dass Vertlib eher ein Autor der dritten Stimme ist, lässt sich die These aufstellen, dass migratorische Literatur der dritten Stimme neue thematische und formale Schwer punkte entwickelt und sich so von der Literatur der zweiten Stimme abgrenzt. Daher sollen im folgenden Kapitel Werke von Autor/innen dritter Stimme unter sucht werden.203 Sie alle kamen in der vierten Emigrationswelle als Kinder mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie sprechen Deutsch und Russisch als Mutter sprachen — Deutsch im sozialen und beruflichen Kontext, Russisch in der Familie. Eröffnen sie, die während der Migration noch Kinder waren, neue Perspektiven auf den Migrations-Diskurs? Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku geboren und lebt seit 1996 in Berlin. Nach ihrem Debütroman O er Russe ist einer der Birken liebt (2012) erschienen die Romane 'Oie juristische Unschärfe einer Ehe (2014) und Gott ist nicht schüchtern (2017). Sasha Marianna Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren. Sie lebt seit 1995 in Deutschland. Salzmann ist in erster Linie Dramatikerin, Außer sich (2017) ist ihr erstes Prosa-Werk. Dimitrij Kapitelman, geboren 1986 in der Ukraine, lebt seit 1994 in Deutschland. Auch er legte mit DasEächeln meines unsichtbaren Vaters (2016) ein Romandebüt vor. 203 A ufgrund des begrenzten U m fangs kann diese A rbeit nu r eine ausschnitthafte U ntersuchung gew ährle isten . W eitere W erke der dritten Stim m e in der deutschsprachigen G egenw artsliteratur sind etw a M arjana M ichailow na G aponenkos R om ane, zuletzt letz te K enn en (2016) sowie L ena G oreliks W erke, zuletzt M ehr Schwär^ ah Di/a(2017), N ik ita A fanasjew s B anküberfa ll, B erghütte od er a n s E nde d e r W elt (2017), L ana L ux ‘ K ukolka (2017), D im itrij W alls G ott w i l l u n s to t seh en (2015), K at K aufm ans Superposition (2015) und D ie N ach t i s t laut, d e r T ag is t f in s t e r (2017), A nna G alinkas D as ka lte E ich t d e r fern en S terne (2016) und D as neue E eben (2017), W lada K olosowas R ussland to g o (2012) und F liegende H unde (2018), M itja V achedins E n ge l sprechen R ussisch (2017), A lina B ronskys R om ane, zuletzt U nd du k om m st auch drin v o r (2017) oder Ju lya Rab inow ichs W erke, zuletzt D a zw ischen: Ich (2016). 53 3.1 Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt Olga Grjasnowas erster Roman ist ein vielschichtiges Werk, dessen zentrale As pekte um die Themen Herkunft und Heimat, Stereotype und Rassismus, vergan gene und gegenwärtige Weltpolitik und deren Auswirkungen auf das eigene Leben und die Familiengeschichte, den Verlust einer geliebten Person und das Erwachsen-Werden kreisen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Mascha (Maria), gebo ren in den 1980ern als Tochter russisch-jüdischer Eltern in Baku, musste in den 1990ern mit ihrer Familie nach Deutschland fliehen. Einer der zentralen Hand lungsstränge erzählt von den Pogromen im Januar 1990 in Baku, den bürger kriegsartigen Zuständen im Konflikt zwischen Aserbaidschanern und Armeniern und der Übersiedlung der Familie Kogan nach Deutschland. Der andere Erzähl strang zeigt die Gegenwart: Mascha ist gerade dabei, ihr Dolmetscher-Studium in Frankfurt am Main zu beenden, als ihr Freund Elias plötzlich verstirbt und sie in ein tiefes Loch aus Trauer und Depression fällt. Beide Erzählstränge beschreiben Traumata, die, wenngleich sie sehr unterschiedlicher Art sind, immer wieder auch miteinander verknüpft werden. Als Mascha nach Elias’ Tod seine Sachen in der gemeinsamen Wohnung in Kisten verpackt, erinnert sie sich etwa an einen ande ren unfreiwilligen Abschied: „Ich verlor mich in Töpfen, Pfannen und Blumen und dachte an unsere alte Wohnung in Baku. Wie Mutter alles verkaufte, wie un sere Sachen weniger wurden und neue Besitzer kamen.“204 Um Abstand zu ge winnen beschließt sie, einenjob in Israel anzunehmen. Der Roman ist in vier Teile gegliedert und jeweils in kurze Unterkapitel auf geteilt. Teil eins und zwei spielen in Deutschland, Teil drei und vier in Israel und Palästina. Die Erzählweise ist analeptisch. Zwischen den im Präteritum erzählten Geschehnissen der scheinbar unmittelbaren Vergangenheit gibt es immer wieder Rückblenden ins Baku der 1990er Jahre. In der Absurdität des Erzählten findet sich das wichtigste Stilmittel des Textes: „Ich richtete mich im Bett auf und sah zu, wie sie durch das Zimmer lief und sich nervös ein Haar nach dem anderen ausriss.“ (RB 233) Die Ich-Erzählerin Mascha trifft eine ungewöhnliche Auswahl an Attributen, wenn sie die Menschen in ihrer Umgebung beschreibt: „Auf der Hinterbank saßen zweiJungs, die alle vegan und nervös auf ihren Sitzen hin und her rutschten.“ (RB 259). Die Situationen, in denen sie ihren verstorbenen Freund Elias zu sehen glaubt, reichen mitunter gar ins Groteske: „Elias hatte keinen Hun ger, lag apathisch auf dem Sofa, unter einer dünnen Decke und zappte durch die Kanäle. Ich setzte mich zu ihm und schmiegte mich an ihn. [...] Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt.“ (RB 255) Im letzten Absatz des Romans, als Mascha wieder einmal Elias zu sehen glaubt, ändert sich die Zeitform des Textes plötzlich. Im Präsens heißt es nun: „Ich hake mich bei ihm unter, und wir gehen eine Weile nebeneinander her.“ (RB 284) Diese Veränderung suggeriert, die Ich-Erzählerin habe von diesem Punkt der Gegenwart aus ihre Geschichte rückblickend erzählt. Das Ende ist dementsprechend offen. Das Unterhaken und Mitgehen mit einem 204 G rjasnow a 2017, S. 148. Im Folgenden zitiert als: (RB) 54 Toten deutet aber möglicherweise den Tod Maschas an, die zuvor in eine Ausei nandersetzung mit Waffengewalt geraten ist. Aufgrund der verschiedenartigen Themen finden sich Merkmale unterschied lichster Romangattungen wieder. Die immer wieder einfließenden Erinnerungen verschiedener Figuren an Krieg, Flucht und Vertreibung sowie das Hinterfragen problematischer Konzepte wie Heimat und Zuhause, die Themenkomplexe Spra che, Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit sowie Rassismus und Diskriminierung sind charakteristische Motive migratorischer Literatur. Ebenso zentral sind The men wie Studium, ersterjob, (Liebes)Beziehungen und Beziehungsprobleme, Ei fersucht, Bisexualität, Homosexualität, Alkohol, Drogen und Konflikte mit den Eltern. Grjasnowas Werk erinnert deshalb auch an Coming of Age-Romane und Popliteratur. Mitunter nimmt es auch die Form eines Familienromans an und weist Merkmale der Erinnerungsliteratur auf. Ganz zentral ist aber auch das Thema Tod und die Verarbeitung des Verlustes von Elias, einhergehend mit dem Kampf gegen das Vergessen. Mascha hat schwere psychische Probleme, Panikat tacken, Depressionen und Halluzinationen. In Israel meint sie häufig, Elias zu sehen und mit ihm sprechen zu können. Sein Tod fuhrt Mascha außerdem dazu, sich mit ihrem jüdischen Erbe auseinanderzusetzen, wenngleich sie sich weiterhin vomjudentum distanziert: Der jüdische Glaube sagt, dass die Seele den Körper zum Zeitpunkt des To des verlässt, dann aber in der Nähe bleibt, bis der Körper begraben ist, deshalb darf der Körper nicht alleine gelassen werden. Aber Elischa war nicht jüdisch, und ich war nicht religiös. (RB 102) Im jüdischen Glauben findet sie keinen Trost: „Der Talmud gebietet, den Toten zu gedenken. Hätte ich ihn zur Hand gehabt, hätte ich ihn in einen Ofen geschmis sen.“ (RB 104) Mascha ist in erster Linie eine Figur der Widersprüche. So sehr sie auf derjagd nach menschlicher Zuneigung ist und sich Hals über Kopf in Männer und Frauen verliebt, so schnell ist sie wieder auf der Flucht vor jenen Menschen. Sie ist ehrgeizig und gleichgültig, todernst und depressiv, gleichzeitig lebenshung rig und abenteuerlustig. Außerdem ist sie eine Figur der Interkulturalität, die nicht eine Heimat als eindeutigen Bezugspunkt, durchaus aber viele kleine Heimaten hat. Felix Kampei stellt in seiner umfassenden Untersuchung 'Peripherer Widerstand Ana logien von Grjasnowas Protagonistin zu Lena Goreliks Figur der Anja aus Hochzeit in Jerusalem (2007) her. Anja wie Mascha durchbrächen beispielhaft für Figuren migratorischer Literatur die vier kulturellen Homogenitätskriterien Territorium, Religion, Ethnie und Sprache.205 Sie wurden in Russland bzw. der Sowjetunion geboren, leben heute aber in Deutschland und sind international unterwegs. Beide Figuren wahren eine atheistische Distanz zu ihren jüdischen Wurzeln innerhalb einer christlich beziehungsweise muslimisch geprägten Umgebung. Darüber 205 K am pei richtet sich h ier nach den v ier kulturell-e lem entaren K riterien aufgestellt von E m est R enan , in: dergl. (1996): W as is t ein e N a tion ?R ed e am 11. M ärz 1882 an der Sorbonne. H am burg: E uropäische V erlagsanstalt. 55 hinaus sehen sie sich selbst weder als Russinnen, Aserbaidschanerinnen oder Sow jet-Menschen, noch vordergründig als Jüdinnen oder Deutsche, sprechen aber beide Russisch und Deutsch als Muttersprachen.206 Mascha spricht als Dolmet scherin zudem fünf weitere Sprachen. Kampei kommt zu dem Schluss, Goreliks und Grjasnowas Erzählungen seien als „transnationale Gegen-Geschichte[n]“ zu verstehen, die, in Anlehnung an Homi Bhaha, „die ,totalisierenden Grenzen' der Nation durch transnationale Schreibstrategien verwisch[en].“207 Wie Mascha selbst, so haben auch die meisten anderen Figuren des Romans einen Migrationshintergrund — eine Formulierung, die Mascha übrigens strikt ab lehnt: „Schlimmer wurde es lediglich beim Adjektiv postmigrantisch.“ (RB 12) In Deutschland sind es etwa ihr Freund Cem, dessen Familie aus der Türkei stammt, ihr Ex-Freund Sami, der im Libanon geboren wurde oder ihre muslimische Lieb haberin Sibel, die von zu Hause weglief, um einer Zwangsverheiratung zu entge hen. Selbst Elias, der keinen Migrationshintergrund per se hat, wird als innerdeut scher Migrant aus dem Osten dargestellt. Randfiguren übernehmen gelegentlich die Funktion der Projektionsfläche für Mascha und ihre Freund/innen. Einmal beobachten Mascha und Cem einen jungen und malen sich seine Zukunft aus: „Er wird es schwer haben“, sagte Cem und deutete auf denjungen. „Vielleicht auch nicht.“ Cem sah mich spöttisch an. „Doch, bald wird er einsehen, dass er anders ist als sie. Noch denkt er, dass alle gleich sind. Aber bald wird er bemerken, dass er schwarz ist.“ (RB 220) Auch im Nahen Osten sind es oft Personen mit Migrationshintergrund, zu denen Mascha in Kontakt tritt, wie Sam, der „in Berlin geboren worden war und vor ein paar Jahren Alija gemacht hatte“ (RB 178) und der es Mascha zum Vorwurf macht, dass sie in Deutschland lebt. Maschas Fahrer in Tel Aviv kommt eigentlich aus Sibirien und kann Straßenschilder weder auf Hebräisch noch Arabisch lesen. Der Roman lebt von diesen hybriden Identitäten. Er wird jedoch mit dem Eintritt nach Israel und Palästina auch deutlich politischer. Der Nahostkonflikt, vor allem der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden und Arabern, steht hier thematisch im Zentrum. Mascha versucht objektiv zu bleiben und Mei nungen und Perspektiven neutral zu präsentieren. Wenngleich sich das Buch selbst durch seine Gliederung in vier Teile Israel (Teil drei) und Palästina (Teil vier) gesondert widmet, macht Mascha — trotz ihrer jüdischen Wurzeln — keine große Sache aus dem Grenzübertritt nach Palästina. Im Gegenteil: Auf die War nung ihrer Freundin, dies sei kein Sonntagsausflug, entgegnet sie nur: „Für mich sieht es hier so ziemlich nach Sonntag aus.“ (RB 259) Schon zuvor in Israel hält die politische Anspannung Einzug in fast jede Situ ation des Alltags von Mascha. Bereits bei der Ankunft in Tel Aviv wird Maschas Laptop von den israelischen Sicherheitsbehörden zerstört, weil sie die Tastatur 206 Vgl. K am pei 2017, S. 54 sowie S. 138f. und S. 207ff. 207 E bd., S. 207. 56 mit den für arabisch Lernende und Dolmetscher nötigen arabischen Schriftzei chen beklebt hat. In den Gesprächen mit den Menschen in Israel und Palästina geht es meistens um Ethnien und Politik, oft haben die Menschen drastische, starre Meinungen. Der ständigen rassistischen Ethnisierung jedes Menschen in der Konfliktzone zwischen Israel und Palästina schließt sich auch der aus Berlin stammende Sam an: Er monologisierte. Ich sei so dunkel, bestimmt keine Aschkenasi. Die Kauka sier, die seien hier die Mafia, die würden sich gegenseitig abschlachten. Hier würden nur die Russinnen wras mit Arabern anfangen. Sam würde keinen Ara ber in seine Wohnung lassen, denn dort lägen Waffen rum, richtig viele. [...] „Immerhin bist du keine Araberin. Ich habe arabische Freunde, einen arabi schen Freund, nein, du hast recht, ich habe nur eine arabische CD, aber die mag ich. Die mag ich richtig gerne. Denkst du, ich hasse Araber?“ [...] Sam sagte, die Russen seien keine richtigenjuden. (RB 178f.) Wie in den bereits untersuchten migratorischen Romanen der zweiten Stimme sind Identitätskonzepte und Stereotypisierungen auch in Der Russe ist einer, der Bir ken liebt zentrale thematische Aspekte. Schon die Zuschreibung durch den Titel deutet an, was im Text geschieht. Permanent werden Identitätszuschreibungen konstruiert und dekonstruiert. Sie beziehen sich auf Ethnie, Religion, Nation, Klasse, Geschlecht oder politische Haltung. Der Literaturwissenschaftler Jörg Plath beschreibt Grjasnowas Roman in seiner Rezension daher als ein ,,[h]ochtouriges Identitätenkarussell“.208 Die Figuren erfüllen bestimmte stereotype Mus ter, wie das der Diaspora-Erfahrung der russisch-jüdischen, entwurzelten Figur der Mascha. Chris Wilpert kommt in seiner Untersuchung „Traumatische Symbi ose“ zu dem Ergebnis, „dass es sich bei den Personen im Roman weniger um authentische Figuren, als vielmehr um Typen handelt. Denn die Personen sind so übermäßig je als Vertreter eines Typus gekennzeichnet [...], dass sie dabei teil weise absichtlich ins Groteske zielen.“209 Besonders klischeehaft und satirisch überzeichnet werden Deutsche dargestellt, die oft nur Randfiguren darstellen, wie etwa die Biodeutsche mit dem Jute-Beutel, die aufmerksam das Kleingedruckte auf den Verpackungen liest und einen Wutanfall bekommt, wenn es keinen Bio Salat gibt: „Das kann nicht sein, der Bio-Salat kann nicht ausverkauft sein. Einfach so. Sie verstecken ihn. Der andere ist nix gut, verstehen Sie mich? Nix gut! Das kommt alles aus Amerika!“ (RB 79). Jeder dieser Sätze ist mit Klischees aufgela den. Der ,,[m]an wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt“-Rassist (vgl. RB 155), der „Pseudo-Multikulti Professor“210, Elias’ gelangweilte, 208 2012 . 209 2 0 1 5, S. 64. 210 „Sein M ultikulturalism us fand in K ongresshallen, K onferenzgebäuden und teuren H otels statt. In tegration w ar für ihn die Forderung nach w en iger K opftüchern und m ehr H aut, die Suche nach einem exklusiven W ein oder einem ungew öhn lichen R eisezie l.“ (RB 33) 57 durchschnittliche, „homophobe Ossi-Eltern“211 und der „Anti-Deutsche“ Daniel komplettieren das Bild von den Deutschen. Letzterer wird durch seine undiffe renzierten und schematischen Aussagen immer mehr zur Karikatur: „Du, ich steh voll hinter euch“, sagte Daniel. „Hinter wem?“ „Na euch eben.“ [ - ]„Welches euch?“ Ich schrie beinahe, ein paar Leute aus der Schlange drehten sich um. „Hinter Israel, natürlich. [...] Was hälst du von der Situation? Ich meine, du alsjüdin?“ „Ich lebe in Deutschland. Ich habe einen deutschen Pass. Ich bin nicht Israel. Ich lebe nicht dort. Ich wähle nicht dort, und ich habe auch keinen besonde ren Draht zur israelischen Regierung.“ (RB 63) Daniel überhört Maschas Einwände, sodass man den Eindruck gewinnt, sein Bild von der jüdischen Immigrantin sei fest konstruiert: [N]un seid ihr da, die materialisierte Konsequenz der antisemitischen Vernich tungswut, ihre Exekutive, sozusagen. D iejuden müssen sich nach Auschwitz gegen die verteidigen können, die sie ermorden wollen. (RB 65) Menschen wie Daniel betrachten Mascha als ihren „persönlichen Teddyjuden“, dessen einziger Makel ist, dass er „nicht geradewegs aus einem deutschen Kon zentrationslager kam.“ (RB 64) Auch an sich selbst stellt Mascha klischeehafte deutsche Merkmale fest: „Ich hatte sie dafür gehasst, gründlich und deutsch“ (RB 82). In Israel repräsentiert sie die Deutschen, denn oft, wenn die Leute erfahren, dass Mascha in Deutschland lebt, erzählen sie ihr von den Holocaust-Erfahrungen, die ihre Familienmitglieder gemacht haben. Maschas (in diesem Fall deutsche) Herkunft ist Auslöser für be stimmte Themen. So erduldet sie von den Israelis ironische Bemerkungen wie: „Meine Großmutter hat auch noch Erinnerungen an das friedliebende Deutsch land“ (RB 235) oder „Wissen Sie denn, wie lange mein Großvater auf seine Wie dergutmachung aus Deutschland warten musste?“ (RB 241). In Palästina erlebt sie ähnliche Situationen, etwa als Mascha Ismael fragt, ob seine Narbe von einem israelischen Geschoss stammt und er antwortet: „Ich habe nicht nach dem Her steller gefragt, f.. 4 Vielleicht ein deutsches, wer weiß. Hier heißt es Entwicklungs hilfe.“ (RB 271) 211 „E in Urteil stand m ir nicht zu, doch H orst ist alles andere als ein gu ter V ater gew esen. E r verso ff die W irtschaft seiner Frau und train ierte ab und an die dörfliche Fußballm annschaft. E lischa, der sich niem als im Sport hervorgetan hatte, w urde nach jedem Spiel verprügelt, der Sohn eines Sportfunktionärs sollte w eder zu einem W asch lappen noch zu einem H om osexuellen heran w achsen . E lias hatte lange gebraucht, um zu verstehen , dass L iebe nicht ausschließ lich durch Sch läge ausged rück tw erden kann.“ (RB 145f.) 58 In Deutschland dagegen werden Mascha und ihre Freund/innen mit Diskri minierung und Rassismus im Kontakt mit „typisch deutschen“ Figuren konfron tiert. Solche Situationen finden oft am Rande des eigentlichen Geschehens statt, sie werden wie nebenbei eingeflochten. Als der Arzt im Krankenhaus Maschas Namen liest, so fragt er sie etwa langsam und überdeutlich, ob sie Deutsch spreche und ob er sie, da ihr Nachname so kompliziert sei, Maria nennen könne. Auch von Elias’ Zimmergenossen muss Mascha sich einen bekannten Spruch anhören: „Der linke Bettnachbar räusperte sich und sagte, er müsse mir ein Kompliment machen, ich könne besser Deutsch als alle Russlanddeutschen, die er bisher auf dem Amt getroffen habe“ (RB 18). Von einem Kind türkischer Abstammung da gegen muss sie sich anhören, sie wäre „White trash“ (RB 125). Auch Sami erlebt diese Situationen, oft macht er sich jedoch einen Witz daraus: Die Verkäuferin fragt Sami, wo er herkäme. Aus Frankfurt, sagt Sami. Nein, wo er denn wirklich herkäme. [...] Die Verkäuferin lechzte nach Exotik. „Ich komme aus Madagaskar“ sagte Sami. „Dort leben alle in Baumhäusern und ernähren sich ausschließlich von Bananen.“ „Das ist das erste Mal, dass er ein Eis probiert“, sagte ich. Sami grinste mich an, wenigstens zwischen uns war alles wieder in Ordnung. (RB 142) Cem dagegen lässt sich von solchen Situationen reizen. Als Mascha und er mit dem Auto auf einen anderen Wagen auffahren, kommt es zu einer Konfliktsitua tion: „Kannst du überhaupt Auto fahren? Hast du einen Führerschein?“ fragte er [der Besitzer des anderen Wagens] Cem. H„Wieso duzen Sie mich?“, fragte Cem und zog seinen Schal enger. „Soll ich auch noch Sie zu dir sagen?“ „Ja“, sagte Cem. Seine Stimme war ruhig, aber ich wusste, dass eine Geduld nicht mehr für lange reichen würde. [...] „[.. JW ie verhälst du dich überhaupt auf deutschen Straßen? Du bist hier nur Gast.“ [...] „Ich bin hier geboren“ „Gar nichts bist du. Ein Kanake, das bist du.“ [...] „Ich rufe die Polizei“, sagte ich und wählte die 112. „Machen Sie ruhig, machen Sie nur.“ Er feuerte mich an. „Ihr Freundchen hier hat wahrscheinlich gar keine Aufenthaltsgenehmigung. Ist ein Illegaler. Profitiert nur von unserem System. Wie die alle.“ (RB 155) Schon als Kind merkte Cem, dass es unterschiedliche Einstufungen von Auslän dern gibt, je nach deren Herkunft. Er erinnert sich an einen Jungen aus seiner Klasse, der konnte kaum Deutsch, aber alle hielten ihn für wahnsinnig intellektuell, weil er Franzose war [...]. Und da habe ich mich in meiner Klasse umgeschaut: 59 lauter Kanaken. Marcel sprach italienisch, Georgi griechisch, Taifun türkisch, Farid persisch und armenisch [...]. Und wir alle sprachen auch Deutsch, ak zentfrei. Aber keiner von uns wurde als intelligent genug erachtet, um auf das Gymnasium wechseln zu können, wir sollten lieber alle auf die Hauptschule oder im besten Fall auf die Realschule. (RB 221) Obwohl er in Deutschland geboren wurde, konnte Cem nicht mitfahren zur Abi- Fahrt nach London, da er kein Visum bekam. Auch Sami kennt das Visa-Problem. Wenn sein Studentenvisum in den USA abläuft, wird es nicht wie üblich innerhalb von zwei Wochen verlängert, sondern Sami muss ein ganzesjahr darauf warten: „[Wjenn im Pass ein arabischer Name stand und als Geburtsort Beirut vermerkt war, konnte selbst die deutsche Staatsbürgerschaft wenig ausrichten.“ (RB 110) Wie schon bei Vertlib zu beobachten war, zeigt sich auch in Der Russe ist einer, der Birken liebt wie Migrantenkinder in deutschen Schulen täglich mit Fremden feindlichkeit konfrontiert werden, während die Eltern, die große Hoffnungen in die Migration gesetzt hatten, nach und nach desillusionierter werden. Maschas Mutter wurde an einem sowjetischen Konservatorium ausgebildet, sie hatte „pro fessionelle Standards“ (RB 26). In Deutschland erteilt sie Kindern Musikunter richt nach ihren sowjetischen Standards und die Eltern beschweren sich, die Kin der hätten in ihrem Unterricht keinen Spaß, da „bekam meine Mutter Herzrasen und schwitzige Hände. Sie hatte bis dahin nicht gewusst, dass Spaß der Zweck der Kunst war.“ (RB 26) Maschas Vater entwickelt sich in der neuen Umgebung zu einer Figur der Niedergeschlagenheit, denn Deutschland hatte für ihn „keine Ver wendung.“ (RB 53) Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf das Notwen digste, sein Deutsch ist auch nach 20Jahren rudimentär. Anders als bei Kaminer und den anderen bisher untersuchten Romanen handelt es sich bei der Emigration dieser Familie aber tatsächlich um eine Flucht: „Offiziell gehörten wir zum Kon tingent jüdischer Flüchtlinge [...] [a]ber unsere Auswanderung hatte nichts mit dem Judentum, sondern mit Bergkarabach zu tun.“ (RB 44) Ausgerechnet nach Deutschland zu gehen war für die Familie, deren Großmutter eine Überlebende der Schoah war, zunächst ein absurder Gedanke, später aber bittere Notwendig keit. Die Hoffnung auf ein besseres Leben, vor allem für ihre Tochter, bestand zwar anfangs, stellte sich doch bald als Illusion heraus. Mascha reagiert denkbar schlecht auf die neuen Lebensumstände: „1996 waren wir in Deutschland. 1997 dachte ich zum ersten Mal über Selbstmord nach.“ (RB 51) Seit jeher leidet Mascha an psychischen Problemen, hat Traumata und Panikattacken, die sich mit Elias’ Tod noch verschlimmern. Während die Eltern in melancholischen Erinnerungen an die Heimat schwel gen können,212 ist Mascha eine Heimatlose, die Sehnsucht nach einem Zuhause verspürt: 212 ,,[M ]eine E ltern saßen au f dem Sofa und erinnerten sich an das G litzern der M eeresoberfläche in der B ucht von B aku, an die A usflugsdam pfer und die R ostropow itsch-G astsp iele. Es w aren fast nur schöne E rinnerungen , die sie aufgehoben hatten. Sie vergaßen absichtlich die 60 Wonach ich mich sehnte, war ein vertrauter Ort. Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten — der Begriff Heimat implizierte für mich stets ein Pog rom. Wonach ich mich sehnte, waren vertraute Menschen, nur war der eine tot, und die anderen ertrug ich nicht mehr. Weil sie lebten. (RB 203) Heimat ist hier kein spezifischer Ort, sondern gebunden an einen bestimmten Menschen. Durch Elias’ Tod ist allerdings das, was sie am ehesten als Heimat empfindet, nicht mehr da. Als ihre Freundin Tal sie fragt, wie sie gern ihr Leben fuhren wolle, antwortet Mascha: „Was ich will, ist fließendes Wasser, Strom und ein friedlicher Platz, an dem niemand getötet wird“ (RB 235). Tal bemerkt darauf hin: „Da warst du doch gut in Deutschland aufgehoben. Kein Grund, hierher [nach Israel] zu kommen.“ (RB 235) Doch Mascha denkt an Elias, dessenAbwesenheit Deutschland scheinbar zu einem Land macht, in dem sie nicht mehr leben kann, vor dem sie flieht. In Israel fühlt sie sich plötzlich an ihre alte Heimat erin nert, die sie seit der Emigration nicht besucht hat: Als ich im Taxi durch Tel Aviv fuhr und im Radio laute orientalische Musik kam [...] fühlte ich mich zu Hause. Es war ein längst vergessenes Zuhause, ein Mosaik aus der Landschaft, der Temperatur, der Musik, den Gerüchen und dem Meer. Ich bat den Fahrer, entlang des Strandes und durch das ärmere südlichere Tel Aviv zu fahren, bis ich merkte, dass ich zu Hause mit Orten assoziierte, die mich an Baku erinnerten. (RB 253) Am Ende des Romans erkennt sie jedoch, dass alle drei Komponenten, die ihr ein Heimatgefühl vermitteln, nämlich eine sie schützende Mutter, ein sie liebender Elias und ein sowjetisches Aserbaidschan, weggebrochen sind (vgl. RB 280). Nur die Sprachen bleiben ihr noch, die in ihrem Leben stets eine stabile Komponente bildeten. Schon als Kind erkannte sie, „dass Sprachen Macht bedeuteten.“ (RB 37) Sei es auf dem Ausländeramt oder in der Schule, immer musste sie für ihre Eltern übersetzen — „Wer kein Deutsch sprach, hatte keine Stimme, und wer bruchstückhaft sprach, wurde überhört.“ (RB 37f.) So fand sie schon früh ihre Berufung als Dolmetscherin und versuchte ihre innere Leere „mit Vokabeln zu füllen.“ (RB 126) Die Mehrsprachigkeit der Protagonistin kann als weiteres Merk mal für die Interkulturaliät von Grjasnowas Roman gesehen werden. Gleichzeitig ist Sprache auch ein weiterer Punkt, an dem Mascha immer wieder auf Unver ständnis stößt, vor allem in Israel, wo sie alsjüdin kein Hebräisch, wohl aber Ara bisch spricht. Weitere transnationale Schreibstrategien lassen sich in Bezug auf die Hand lungsorte des Romans finden. Er setzt in einer Metropole ein, im multikulturellen Viertel Gallus von Frankfurt am Main, wo die ersten beiden Teile des Romans hauptsächlich spielen. Gallus ist jedoch kein gentrifiziertes Szene-Viertel wie Ka miners Prenzlauer Berg, sondern ein randgesellschaftlicher Ort, an dem vor allem K orruption, die N ationale Front und die kilom eterlangen Sch langen vo r leeren Lebensm itte lge schäften und w estlichen B otschaften .“ (RB 54) 61 orientalische Migrant/innen, Junkies und Prostituierte leben. Dass gerade dieser Stadtteil ausgewählt wird, versteht Kampei als weiteren Ausdruck von Grjasnowas Erzählung als „nationale Gegengeschichte“ anhaltender Frauenunterdrückung und Migra tion, in der sowohl die begrifflichen als auch wirklichen Grenzen nationaler Selbstinszenierungsprozesse in gebotener Deutlichkeit aufgezeigt werden.213 Denn Prostituierte und muslimische Frauen teilen ein ähnliches Schicksal in ihrer von Männern bestimmten Welt: „mittags bildeten sich lange Schlangen, in denen müde Frauen in engen Minikleidern oder in weiten Hidschabs standen, neben Zu hältern und anderen männlichenAufpassern.“ (RB 68) Die heterogene Kulturer fahrung begleitet die Protagonistin auch nach Tel Aviv undjerusalem. Schon am Flughafen „vermischen sich die Sprachmelodien zu einem Klangteppich: Rus sisch, Hebräisch, Englisch, Italienisch und Arabisch.“ (RB 161) Als Mascha wegen des bevorstehenden Sabbats an einer überfüllten Bushaltestelle wartet, beobachtet sie die mit ihr wartenden Leute: eine junge Soldatin mit hübscher Handtasche und Maschinengewehr, einen Mann mit kurzen Shorts und Kippa, zwei laut schwat zende Thais und ein uniformiertes, turtelndes Pärchen, das sich auf Russisch un terhält (vgl. RB 186f.). Man kann bei Grjasnowas Roman nicht von Metropolenliteratur wie bei Veremej oder Kaminer reden. Die Großstädte haben hier eher die Funktion, eth nische und religiöse Homogenitätsvorstellungen zu durchbrechen. Im Gegensatz dazu steht die ländlichere Umgebung, wie etwa die kleine Stadt Friedberg, in der Maschas Eltern leben oder das Dorf bei Apolda, in dem Elias aufgewachsen ist. Hier passiert wenig, die Menschen werden als dümmlich dargestellt und der Ort etabliert sich als Gegen-Ort zur pluralen Metropole: Das Dorf war gepflegt und sauber. Hier gab es nicht viel: eine Eisdiele, eine Sparkasse und rundliche ungeschminkte Gesichter. In den Vorgärten taten Pudel ihren Dienst, und die NPD-Plakate hingen niedrig. (RB 113f.) 213 2017 , S. 231. 62 3.2 Sasha Marianna Salzm ann: Außer sich Sasha Marianna Salzmanns 2017 erschienener Debütroman Außer sich erzählt die Geschichte der in Russland geborenen Ali (Alissa). Wie Grjasnowas Protagonistin kam auch Ali als Kind mit ihrer Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge in den 1990ern nach Deutschland. Die jüdischen Wurzeln waren für Alis Eltern, ähnlich wie für Kaminers Protagonisten, in erster Linie Mittel zum Zweck — „Man tat alles, um das geliebte Sowjetland zu verlassen, man war sogar bereit,Jude zu wer den.“214 Der Roman besteht aus zwei Haupterzählsträngen. Einer widmet sich episodenhaft und in analeptischer Form Alis Familiengeschichte, insbesondere der ihrer Urgroßeltern Etja und Schura, ihrer Großeltern Daniil und Emma und ihrer Eltern Kostja und Valja. Teil dieser Familiengeschichte ist auch die Migra tion der Eltern mit Ali, ihrem Zwillingsbruder Anton und dem Großvater Daniil nach Deutschland sowie dem anschließenden Leben im Asylheim. Der zweite Er zählstrang berichtet von der jüngsten Vergangenheit: Ali ist nun eine junge Er wachsene, die nach Istanbul reist um dort ihren verschollenen Bruder zu suchen. Beide Erzählstränge werden eng miteinander verwoben. Die Kapitel sind häufig einer bestimmten Figur zugeordnet, deren Name sich schon der Kapitelüber schrift entnehmen lässt. Ein Kapitel, das die Geschichte von Alis Großeltern er zählt, kann plötzlich durch einen Zeitsprung in die Gegenwart unterbrochen wer den. Die Kapitelreihenfolge ist nicht chronologisch geordnet. Der Roman endet etwa im Chaos des Militärputsches in Istanbul im Juli 2016, in Kapiteln davor finden sich jedoch bereits Erzählungen darüber, was geschieht, als Ali zurück in Deutschland ist (vgl. AS 142, 183ff., 209). Das Kapitel „Danja und Emma“ (AS 183-210) scheint chronologisch eines der letzten zu sein, obwohl es mittig im Ro man erzählt wird. Hier wird klar, dass Ali nach Deutschland zurückgekommen ist und nun als Mann weiterlebt. Auch in einem anderen Kapitel wird plötzlich für einen kurzen Abschnitt aus der Gegenwart erzählt — eine Gegenwart, in der Ali als Mann in Deutschland lebt, nachdem sie in der Türkei angefangen hat, sich Testosteron zu spritzen: Die einzige Angst, an die ich mich deutlich erinnere und die bis heute nicht nachgelassen hat, war, dass ich jetzt, wo ich ein Sohn war, werden würde wie mein Vater. [...] Und natürlich wünsche ich mir, er könnte mich jetzt sehen, so wie ich um die Unmöglichkeit weiß, dass er jemals verstehen könnte, wer ich bin, was den meisten Vätern wohl eigen ist. (AS 236) Die inhaltlichen Schwerpunkte sind einerseits Themen von Pop- und Coming of Age-Literatur wie Drogenkonsum, (Homo)Sexualität und Homophobie, Transgender und Geschlechtsumwandlungen, Reisen, unkonventionelle Lebensstile, fi nanzielle Nöte, Identitätssuche und Identitätsstörungen sowie Konflikte mit den Eltern. Andererseits sind es Motive migratorischer Literatur wie Kriegserinnerun gen, Heimat- und Identitätskonstruktionen, Sprache, Antisemitismus und 214 Salzm ann 2017, S. 108. Im Folgenden z itiert als: (AS) 63 Rassismus. Vor allem in den Rückblenden, die etwa von Schuras und Etinas Le ben zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und in der Sowjetunion erzählen, spielt An tisemitismus eine Rolle. Beispielsweise wird ausführlich die Ärzteverschwörung von 1953 beschrieben, in der jüdische Ärzte wie Etina und Schura in der ganzen Sowjetunion gekündigt werden und hiernach am Existenzminimum leben. Valja und Kostja werden von ihren jüdischen Eltern — in der Hoffnung, sie vor Antise mitismus zu schützen — „russifiziert“ (vgl. AS 58). So sind ihre Vornamen bei spielsweise „hässlichje], ehrlich sozialistisch^] Namen“ (AS 58). Ihre Mutter ach tet außerdem darauf, „dass ihre Tochter eine ordentliche sozialistische Frisur trug“ (AS 59). Dennoch ist Valja aufgewachsen mit antisemitischen „Kinderrei men auf das W ortjid“ (AS 62) und auch ihr erster Mann Iwan beschimpft sie als „Judensau, verreck doch in deinem Israel“ (AS 62). Sie lässt sich von ihm scheiden und heiratet Kostja, denn „er ist Jude. Er würde sie niemals schlagen und dazu Judensau schreien“ (AS 65). Sie ändern ihre Nachnamen zu Tschpanow, denn „Kostja hatte keine Lust mehr, Berman zu heißen, er sagte, darum habe er ständig Ärger auf der Arbeit“ (AS 264). Als Valja, Kostja und die Kinder nach ihrer Emig ration auf Besuch in Russland sind, wird auch Anton als „Judensau und Schwuch tel“ (AS 283) beschimpft. In den Erzählungen über Ali in Deutschland ist Rassismus weniger ein Thema, wenngleich das bereits bekannte Ausländer-Mobbing in der Schule auch sie und ihren Bruder trifft (vgl. 104ff.). Während ihrer Zeit in Istanbul begegnet sie vermehrt homophoben Figuren. Cemal etwa warnt Ali bei ihrer Ankunft vor den Gefahren in Istanbul: ,,[D]ie ganzen Roma und die Kurden und die Trans vestiten, und die ganze Welt ist böse, weißt du doch“ (AS 19). Der Verkäufer Hassan Bey in Istanbul spuckt vor Transmann Katho auf den Boden um zu zei gen, was er von ihm hält (vgl. AS 136). Auch Alis Vater hält nichts von ,,Typ[en] in Frauenkleidern“ (AS 238), „ukrainische[n] Tunten“ (AS 239) und „Schwuch telmusik“ (AS 239). Katho ist es auch, der Ali in Istanbul Testosteron besorgt. Ihre Umwandlung von Ali zu Anton fällt mitten in die Unruhen des Militärput sches. Schon als Kinder haben die Zwillinge Ali und Anton ihre geschlechtsspe zifischen Rollen nicht erfüllt. Die Mutter gibt einen ganzen Monatslohn für ein goldenes Westkleid mit Puffärmeln aus, das sie auf dem Schwarzmarkt kauft, doch Ali wollte lieber sterben als es anziehen, sie heulte, schrie, biss sogar, es war aber nicht zu verhindern, dass Fotos gemacht werden sollten, wofür sonst der ganze Aufwand, und es war erst Ruhe, als Anton in das Kleid kletterte, ganz ohne Aufforderung, sogar die Hände hob und mit den Hüften wackelte, als würde er darin tanzen. Das Foto hatte Ali noch vor Augen: ihr verheultes Gesicht, sie in Leggins und Unterhemd und Anton im goldenen Kleid. (AS 36) Ali überblendet Mann und Frau, sie ist beides und redet von sich gleichzeitig in dritter und erster Peron: „Ich [Ali] sah Ali, der jetzt, plötzlich, als er seiner Mutter gegenübersaß, auch Alissa hätte sein können. Das machte die gewohnte 64 Umgebung, er schwankte zwischen den Zeiten, zwischen den Körpern, er war leer.“ (AS 272f.) Erst nach dem Militärputsch wird Ali von anderen eindeutig als Anton angesprochen (vgl. AS 365). Der Putschversuch und die Angst um sein Leben, die er dabei empfindet, lässt ihn wieder einen neuen Sinn in seinem Leben sehen, denn er beschließt: Wenn ich das hier überlebe, dann gehe ich zu Mama, ich will mit ihr reden. Sie weiß nichts von mir. Und ich nichts von ihr. Und zu Emma und Danja und Schura und Etja, zu allen, die noch leben, ich will sie so viel fragen. Ich kenne sie nicht einmal. (AS 358) Aus diesem Wunsch entsteht das Buch im Buch, geschrieben von Anton über die Geschichte seiner Familie. Durch die Transformation von Ali zu Anton am Ende des Romans gerät der Zwillingsbruder in den Verdacht, nie real gewesen zu sein. Es ist typisch für Ali, Wissenslücken mit Imagination zu füllen, so könnte auch Anton reine Imagination gewesen sein: Ich erdenke mir neue Personen, wie ich mir alte zusammensetze. Stelle mir das Leben meines Bruders vor, stelle mir vor, er würde all das tun, wozu ich nicht in der Lage gewesen bin, sehe ihn als einen, der hinauszieht in die Welt, weil er den Mut besitzt, der mir immer gefehlt hat, und ich vermisse ihn. (AS 275) Auch verblasste Erinnerungen lassen sich durch bloße Vorstellungskraft füllen. Der Roman betont, dass das Vergessen nicht nur Teil des Lebens, sondern insbe sondere Teil eines migratorischen Lebens sei: „[···] ich habe keine Erinnerungen, habe eine Nabelschnur, die ins Nichts führt“ (AS 86). Die Ich-Erzählerin lässt die Leser/innen wissen, dass ihre Erzählungen oft ausgedacht sind: „Es könnte also sein, dass meine Urgroßeltern am Zusammenhalten der Welt an vorderster Front beteiligt waren [...]. Kann sein. Eine andere Version der Geschichte ist [.··]·“ (AS 164) Auch die Lücke, die der Vater mit seinem plötzlichen Tod gelassen hat, ver sucht Ali mit Fiktion zu füllen: Und genauso ist mir bewusst, dass auch ich niemals wissen kann, wer er ge wesen ist und vor wem genau ich so eine Angst hatte. Ich muss ihn mir den ken, nach Worten und Bildern suchen, um mir seine letzten Wochen vorzu stellen. Mir zusammendenken, wer er gewesen ist, bevor er bei Vika vom Bal kon stürzte. (AS 236) Die Unzuverlässigkeit des Erzählers zeigt sich auch im häufigen Wechsel der Er zählperspektive. Das erste Kapitel wird aus der Ich-Erzähler-Perspektive einer kindlichen Ali erzählt. Die anschließenden Kapitel sind Erzählungen in dritter Person mit interner Fokalisierung durch Ali (vgl. AS 13-183). Mehrmals werden diese Kapitel durch Sequenzen in Ich-Erzählsituation unterbrochen, etwa beim inneren Monolog (vgl. AS 94f.) oder als Ali als Fötus im Bauch ihrer Mutter ist und erzählt, was sie wahrnimmt, das „andere Lebewesen neben mir, in demselben 65 Nichts, das mich streift, leicht wie ein Luftballon, höre Fetzen von dem, wras Valja sagt [...]·“ (AS 86) Es folgen weitere Wechsel von Ich-Erzählsituation und perso naler Erzählsituation.215 Das Kapitel „Kostja“ wird in dritter Person mit schein barer Fokalisierung durch Alis Vater erzählt (vgl. AS 237ff.). Da Ali zuvor be schreibt, dass sie sich die Geschichte ihres Vaters ausdenken muss, kann dieses Kapitel auch eine Imagination der Figur Ali sein, statt eine Erzählung aus Kostjas tatsächlicher Perspektive. Das erste Kapitel des ersten Teils wiederholt sich im zweiten Teil des Romans, die Szene des Aufbruchs aus Russland und auch die darauffolgenden zwei Kapitel werden aus der Perspektive Antons als Ich-Erzähler beschrieben (vgl. AS 279ff.). Die Erklärung für die häufigen Perspektivenwechsel liefert die Protagonistin selbst: Ich war es damals noch gewohnt, von mir außerhalb meiner selbst, von mir in der dritten Person zu denken, als einer Geschichte, die irgendwem gehört, also erzählte ich ihnen [den Großeltern] eine Geschichte und hoffte, dass sie mich aus meiner Entrückung wieder an sich heranziehen, mich drücken oder mich wenigstens ansehen würden, das wäre schon viel. Ich wusste, ich konnte nicht verlangen, dass sie diese Geschichte verstanden, aber sie hörten mir zu, als ich ihnen von Ali erzählte und wie sie zu Anton wurde. (AS 210) Die Stelle zeigt, dass es der Identitätskonflikt der Figur ist, der auch auf die Er zählsituation einwirkt. Ali erkennt im Laufe der Erzählung, dass auch Erinnerun gen ein Teil ihrer Identität sind. Ich weiß nicht mehr, wie dieser Sichtwechsel kam und wann. Warum ich be schlossen habe, diese Folien und Bilder [Erinnerungen] in meinem Kopf zu ordnen, warum ich angefangen habe, mich als mich zu denken, zu sprechen, sogar zu schreiben, aber ich kann mich an den Zeitpunkt erinnern. Das war als mein Urgroßvater, zweiJahre bevor er starb, eine dünne Mappe aus einem Sekretär zog und vor mir auf den Tisch legte. Oder nein, falsch, es war, als ich anfing, darin zu lesen, da war Schura schon tot und ich zurück aus Istanbul. (AS 142) Die Auseinandersetzung mit und das Schreiben über Familiengeschichte und ei gene Geschichte sind identitätsstiftend. Doch erst die Reise nach Istanbul hat sie zu dieser Erkenntnis gebracht, und so steht diese Reise auch im Zeichen einer für migratorische Familiengeschichten paradigmatischen Bewegung durch den Raum — „an welche Orte sie [die Geschichten] auch führten — Odessa, Czernowitz, 215 D as K apitel, das zw ar in der M itte des Rom ans angeordnet ist, chrono logisch aber w ie bereits verm utet das letzte ist, w ird aus der Ich-E rzäh lsituation gesch ildert (vgl. A S 183-210). D arau f fo lgt w eiterh in die personale E rzäh lsituation , unterbrochen von einem kurzen Ich-E rzäh ler-E inschub (vgl. A S 235f.). D as K apitel „V alja“ w ird von A li als Ich-E rzäh lerin beschrieben (vgl. AS 257-275). D as letzte K apitel w ird zunächst in dritter Person (vgl. A S 341-361), dann in erster Person erzäh lt (vgl. A S 361-365). 66 Grosny, Wolgograd, Moskau, Deutschland, Deutschland, Deutschland und dann Istanbul am Hafen, wo Katho mir von Odessa erzählte“ (AS 144). Der Grund für die Emigration der Familie Tschpanowist, dass Valja „ihre Tochter abgesichert sehen“ (AS 65) will. Sie glaubt, dass Ali und Anton nicht „be weglich genug waren, um die Sowjetunion zu besiegen, [...] also beschloss sie, es nicht dem Zufall zu überlassen, ob ihre Kinder eine Zukunft haben würden oder nicht“ (AS 101). Anders als Etja und Schura, die im Zweiten Weltkrieg ihr gelieb tes Odessa verlassen mussten und sich vor der Kriegsfront fliehend durch die Ukraine bewegten, emigrierten die Tschpanows freiwillig nach Deutschland — in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch auch hier tritt, wie schon bei Vertlib und Grjasnowa, das Motiv der Desillusionierung der Elterngeneration ein. Ihre Vorstellungen und Wünsche gehen nicht in Erfüllung, Valja und Kostja las sen sich scheiden. Valjas Mittelpunkt in Deutschland ist ihre Arbeit. Kostja ist arbeitslos und Alkoholiker. Im Laufe der Erzählung stürzt er vom Balkon und stirbt. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist schlecht und von Vorur teilen und gegenseitigem Unverständnis geprägt. Alis Geschlechtsumwandlung wird von der Mutter weitestgehend ignoriert. Schon als sie als Kind wie Anton kurzes Haar tragen wollte, erlaubte die Mutter es nicht, denn Haare seien ,„ [...] die Ehre einer Frau, was willst du mit deiner Ehre auf dem Müllhaufen?‘ ,Und was ist, wenn ich keine Frau bin?‘ ,Was bist du dann, ein Elefant?'“ (AS 89). Als Ali als junge Erwachsene ihr Haar abschneidet, bleibt sie für ihre Mutter nur noch ein „Abziehbild einer Erinnerung mit langen Haaren“ (AS 90) statt einer Persönlich keit. Und erst als Ali einen Dreitagebart trägt, hört die Mutter auf nach Enkelkin dern zu fragen (vgl. AS 262). Die Distanz zwischen den Generationen bleibt groß. Für die Eltern wurde der Traum von Deutschland zum Alptraum, so sehr, dass Kostja sogar zurück nach Russland geht — „vor allem wollte er nie, nie wieder die deutsche Sprache hören, die ihm nichts als Ärger eingebracht hatte.“ (AS 253) Auch Valja bereut die Entscheidung und kommt zu dem Schluss: „[···] Migration tötet, es klang wie eine Warnung auf einer Zigarettenschachtel: Migration fügt ihnen und den Menschen in ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu.“ (AS 297) Der Roman bewegt sich häufig an Orten des Transitorischen. Die 36-stündige Zugfahrt von Moskau nach Berlin wird eindringlich beschrieben, so auch die An kunft am Bahnhof in Deutschland. Anstelle einer Begrüßung erbricht Ali sich auf die Füße ihres Onkels — das Hähnchen, das sie zuvor im Zug gegessen hatte, „kletterte aus dem Magen wieder zurück in ihren Mund [...] , auf die Schuhe des Mannes“ (AS 55). Die Ankunftsszene ist geprägt von Überforderung und dem Moment des Fremden und Exotischen: Außerhalb ihres Kopfes verlief die Zeit schneller, es bewegten sich Dinge in Blitzgeschwindigkeit, Schuhe, die wie Schlangen um sich schnappten, Ottern und riesige Insekten, die sie ansprangen, sie schrie auf und hatte das Gefühl, geschrumpft und in ein Bild gesteckt worden zu sein, das bei McDonald’s an der Wand hing. Alles war Dschungel, alles war Farben, alles machte ihr Angst 67 und sie wusste nicht, ob sie auf dem Boden lag oder in ein Loch gefallen war. (AS 55) Auch die Ankunft am Flughafen in Istanbul verläuft ähnlich, wenngleich sie zwan zig Jahre später stattfindet. Ali bricht auf der Flughafentoilette zusammen und fühlt wieder „ein verdorbenes Vogelvieh in der Kehle“ und Schnürsenkel, die „wie Insekten“ auf sie zukriechen (AS 13), so sehr erinnert die Situation des Transits sie an die Ankunft in Deutschland. Auch Grenzkontrolle und Zoll verlaufen nicht reibungslos, wie schon bei der Einreise nach Deutschland, als die Mutter „sich ans Herz fass[te], in den Büstenhalter, dort wo die zweihundert Dollar auf den Beamten warteten“ (AS 54). In der Türkei mutmaßen die Zollbeamten, sie könne eine Prostituierte sein: „Wir haben ein Problem in diesem Land mit Importen aus Russland. Frauen, meine ich. Frauenimporten aus Russland.“ Ali öffnete den Mund und wollte etwas sagen wie „Aber ich komme doch aus Berlin!“ oder „Sehe ich so aus?“, stattdessen bekam sie einen Lachanfall [...]. „Gibt es eine Möglichkeit, wie ich beweisen kann, dass ich keine russische Nutte bin?“ fragte sie. (AS 16) Ähnlich wie Mascha in Grjasnowas Roman nimmt auch Ali den Flughafen als besonders multikulturellen Raum wahr: „Die ganze Welt stand hier Schlange. Mi niröcke, Burkas, Schnurrbärte in allen Schnitten und Farben, Sonnenbrillen in al len Größen, aufgespritzte Lippen in allen Formen, [...] .“ (AS 14) Auch der urbane Raum Istanbul ist ein Ort des Transits. Schon seine Lage am Übergang von Eu ropa nach Asien kann als Metapher für den Transit gelesen werden, den die Pro tagonistin des Romans hier körperlich erlebt. Nachdem sie sich einige Zeit wie im Transit zwischen Mann- und Frau-Sein befand, geschieht letztlich die Transfor mation von Ali zu Anton. Nach Deutschland geht sie bzw. er als anderer Mensch zurück. Anders als in Grjasnowas Roman werden Klischees über Deutsche und Deutschland in Außer sich überwiegend positiv dargestellt. Motive des Wohlstands und der Möglichkeit ein glückliches, sicheres Leben zu führen stehen dabei im Mittelpunkt.216 Wie Mascha werden Ali und Anton in Deutschland zwar (vor al lem als Kinder) als Ausländer/innen wahrgenommen, im Ausland aber als Deut sche. Und so behandelt man sie im Ausland als „einer von denen.“ (AS 333) Ne gative stereotype Beschreibungen findet man in Salzmanns Roman eher von Russ/innen. Valjas erster Mann Iwan ist eine Figur, die klassische negative Kli schees über Russen vereint. Er ist ein Trinker und ein Schläger, seine Lebensweis heit lautet: „Ein Mann trinkt, bevor er redet und danach. Dazwischen kann er eine Träne vergießen, das kann schon sein, aber nur, wenn er trinkt. Wenn er nicht trinkt und heult, ist er entweder eine Schwuchtel oder e in jid “ (AS 61). Alkohol konsum wird als Teil der russischen Identität instrumentalisiert. Iwan benimmt 216 Vgl. etwa AS 43, 240, 288, 337. 68 sich „wie ein echter russischer Mann [...]: Wenn er schlägt, dann liebt er.“ (AS 63) Kostja dagegen wirkt wie eine Karikatur: Er trank nicht, wie ein russisch-orthodoxer Mann zu trinken hatte, auch nicht wie ein Jid, sondern mehr wie ein kleiner junge, dem man gesagt hatte, dass er sonst nicht mitspielen darf [...]. Er fand, es schmeckte nicht, er wusste aber auch, dass er keine andere Wahl hatte. (AS 79) Sprache hat in Salzmanns Roman nicht den gleichen Stellenwert für die Figuren wie bei Grjasnowa. Der direkte Einfluss von Fremdsprachen, insbesondere des Russischen, ist jedoch größer, da sehr oft bestimmte Redewendungen und Aus drücke auf Russisch wiedergegeben werden. ,,[n]opa, nopa nopaAyeMca Ha CBoeM BeKy“ (AS 12) ist eine Zeile aus dem Lied „necHa MymKeTepoß“ („Lied der Mus ketiere“), bekannt vor allem durch Mikhail Boyarsky, der es 1978 als Darsteller der Figur des d’Artagnon in einer sowjetischen Adaption der Drei Musketiere von Alexandre Dumas gesungen hat. Der Erzähler übersetzt dem Leser: „Es ist an der Zeit, es ist an der Zeit, sich dieser Zeit zu erfreuen“ (AS 12). Weiterhin zitiert werden das berühmte Liebeslied „Kaaroma“ („Katjuscha“) (vgl. AS 40) und Leschenkos „ P o A H T e A b C K H Ü a o m “ („Elternhaus“) (vgl. AS 87). Oft wird Vokabular, das im Russischen anders konnotiert ist als die deutsche Entsprechung, auf Rus sisch wiedergegeben, beispielsweise „3MHrpauna“ (AS 80) als besondere, auf Russland bezogene Form der Emigration, „HHm,He, Habenichtse“, „AeAo Bpaueü, die Ärzteverschwörung“ (AS 168), „ÄeAe3Haa“ für eine „Iron Lady“ (AS 171), etc.217 Liebeskummer wird beschrieben als Seelenunruhe, A y m a 6 o a h t , man sprach von Qualen, M yK H , aber dazu muss man wissen, dass Russen, oder all jene, die sich dieser Sprache bedienen, im mer alles etwas drastischer sehen, weil sie es drastischer ausdrücken. Sie sagen nicht: Ich mag diese Äpfel, sie sagen: Ich liebe diese Äpfel. Sie sagen nicht: Ich bin verheiratet, sie sagen: Ich bin befraut oder ichstehehintermeinemmann. (AS 147) Ali spricht Deutsch als Muttersprache, wechselt aber ins Russische, wenn sie bei spielsweise besonders wütend ist (vgl. AS 117). Dasjiddische, in dem noch ihre Urgroßeltern sich unterhielten (vgl. AS 149f.), beherrscht Ali nicht. Sie liebt die russische Sprache, kann sich aber doch nicht ganz mit ihr identifizieren: „[..] ich misstraute der bildreichen Sprache, in der er erzählte, weil ich meiner Mutterspra che grundsätzlich misstraute. Weil sie so viel besser ist als die Welt, aus der sie kommt, blumiger und bedeutsamer, als die Realität je sein könnte.“ (AS 167) Was Figuren wie Ali und ihre Mutter ausmacht, ist das Hybride, die Vermischung von Zeiten, Orten und vor allem Sprachen: 217 Für weitere B eispiele vgl. A S 50, 62, 145, 150, 173f., 176, 180, 197, 199, 205f., 226f., 237f., 241, 244, 255, 274, 282ff., 305. 69 Sie sprach in mehreren Sprachen gleichzeitig, mischte sie je nach Farbe und Geschmack der Erinnerung zu Sätzen zusammen, die etwas anderes erzählten als ihren Inhalt, es klang, als wäre ihre Sprache ein amorphes Gemisch aus all dem, was sie war und was niemals nur in einer Version der Geschichte, in einer Sprache Platz gefunden hätte. (AS 258) Die Absurdität als Stilmittel, die Grjasnowas Der Russe ist einer der Rirken Hebt aus macht, findet sich auch in Salzmanns Außer sich. Es gibt eine Reihe kurioser Per sonifikationen, die mit dem Erlebnis der Einreise nach Deutschland und dem ver dorbenen Hähnchen, das Ali im Zug aß, verwoben sind. Als ein Straßenverkäufer ihr in Istanbul gekochtes Hähnchen anbietet kommt ihr sofort die Galle hoch — „Das Hähnchen starrte sie an, Ali versuchte, dem Blick standzuhalten.“ (AS 51) Situationen des Skurrilen und Unbehaglichen werden auf diese Weise unterstri chen: ,„Sind das noch die Kekse die ich letztes Mal mitgebracht habe‘, fragte Ali in den Raum hinein. Die Frage fiel aus ihr heraus und blieb auf dem Linoleumbo den liegen.“ (AS 91)218 218 Vgl. auch A S 39, 200, 212, 219, 242, 287, 319, 338, 352. 70 3.3 Dimitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters Dimitrij Kapitelmans Debütroman, erschienen 2016, erzählt die Geschichte der jüdisch-russischen Familie Kapitelman, die in den 1990ern als Kontingentflücht linge aus der Ukraine nach Deutschland gekommen ist. Der Sohn Dimitrij war zu dieser Zeit achtjahre alt. Der Roman beginnt in der Gegenwart, in der der Sohn erwachsen ist. Immer wieder gibt es Rückblicke auf das Leben in Kiew oder die Jugend des Protagonisten, die er mit seiner Familie im Leipziger Problemstadt viertel Grünau verbrachte. Diese Rückblicke stellen jedoch nicht wie in Der Russe ist einerderB irken liebt und A ußer sich einen eigenen Handlungsstrang dar, sondern sind lediglich als Flashbacks angelegt, die zum Verständnis der inneren Konflikte der Figuren beitragen. Hauptsächlich geht es um die Suche nach der jüdischen Identität von Vater und Sohn, die sie nach Israel führt — das Land, in das sie ur sprünglich emigrieren wollten, obwohl Leonid Kapitelmann nicht gläubig und seine Frau keine Jüdin ist. Dennoch spielt die jüdische Identität und auch das „was wäre wenn wir damals nach Israel gegangen wären“-Motiv immer eine gewisse Rolle, weshalb Vater und Sohn sich auf eine Spurensuche in den Nahen Osten begeben. Identität ist so auch in diesem Roman ein zentrales Thema. Das Werk erzählt von der permanenten Identitätsaushandlung des Ich-Erzählers, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seinen „unsichtbaren“ Vater betrifft. Der Protagonist Dimi trij besitzt ein schwieriges Verhältnis zu seinem jüdischen Erbe. Sein Vater ist Jude, seine Mutter aber nicht, weshalb er nach religiöser Auslegung „kein richtiger Jude, nur ein halber, eine Art Mängelexemplar“219 ist. Er bezeichnet sich selbst als „Falschjude Dimitrij K.“ (vgl. LV 48, 136, 182) oder „Identitinjunkie“ (LV 182), „unbedarfter, atheistischer Zone-I-Ukrainer“ (LV 233), „überambitionierte[r] Kulturbrückenbauer“ (LV 236), „Herkunfts- statt Heiratsschwindler“ (LV 249), „kleines, wahrheitssuchendes Würstchen“ (LV 255) und „atheistische[s] Erbin formationskonstrukt“ (LV 257). Es mangelt ihm an einem Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe. Er befürchtet, nicht einmal ein „halber Unsichtba rer“ zu sein, ,,[s]ondern einfach jemand ohne Gestalt. Nicht wissend, wer ich bin, und nirgendwo zu Hause. Schlimmer noch: Nicht wissend, wer oder wo ich gern wäre.“ (LV 13) Seinen Vater bezeichnet Dimitrij als ,,gleichgültige[n], verängstigte[n], Feind bilder wiederkäuende[n], unsichtbare[n] alte[n] Mann“ (LV 48). Auch ihn kenn zeichnet eine identitäre Zerrissenheit — ethnisch gesehen betrachtet er sich alsjuden, wenngleich er das Judentum als Religion ablehnt. Geboren in der Ukraini schen Sozialistischen Sowjetrepublik fühlt er sich als „Mensch der Sowjetunion“ (LV 70). Die Ukraine sieht er jedoch nicht als seine Heimat. Vielmehr hat er das Land gehasst, „weil es ihn wie schon seine Vorfahren schlecht behandelt hat.“ (LV 9) Doch auch in Deutschland ist er „immer der Fremde, immer der Auslän der“ (LV 24) geblieben, spricht kaum Deutsch, integriert sich nicht und lebt in 219 K apitelm an 2016, S. 12. Im Folgenden z itiert als: (LV) 71 seinem russischen „Magazin“ wie in einer Blase aus russischen Produkten und russischsprachigen Kunden mitten in Leipzig. Das alles macht ihn für seinen Sohn zu einem Unsichtbaren, einem Enigma. [...] Vielleicht ist mein Vater einfach ein irreführender und wider sprüchlicher Charakter, der auch unter anderen Umständen nirgends dazuge hören würde. Oder er ist unsichtbar geworden, weil das Leben alsjude in der Ukraine und im Ostdeutschland der Neonazis ganz viel von ihm ausgelöscht hat. [...] Ist mein Vater so, wie er ist, weil er ein jude ist? Oder hält ihn diese Selbstdefinition davon ab, der übersprudelnd warmherzige Allerweltsfreund zu sein, der er eigentlich gern wäre? (LV 11) In Israel wird Leonid erstmals sichtbar für Dimitrij: „Nun dämmert mir, dass diese Haltung nur eine Miniatur seiner zerrissenen Art zu existieren ist. Die Welt theo retisch verneinend, praktisch in jeden ihrer Quadratzentimeter verliebt.“ (LV 153) Die Motivation der Eltern, nach Deutschland zu emigrieren, war der Wunsch nach einer besseren Zukunft für ihren Sohn, in den sie große Hoffnungen setzten: „Du musst doppelt so gut werden wie die anderen. Hörst du? Doppelte Leistung!“ (LV 24). Ähnlich wie die Figuren in Salzmanns Roman erlebt auch die Familie Kapitelman eine baldige Ernüchterung: [...] so kühlte Papas Begeisterung über unser neues Leben bald spürbar ab. Nun erlebte ich ihn so reizbar wie nie zuvor. Die Ernstmiene, die sein warmes Gesicht so straff und unerkennbar steinig spannte und die ich so ungern an Papa sah, wurde zu seinem Grundausdruck. (LV 27) Gründe dafür sind finanzielle Sorgen, fehlende Unabhängigkeit und das Zurück lassen einer Existenzform in der Ukraine, die in Deutschland so nicht funktio nierte. Obwohl Dimitrij die Vorteile eines Lebens in Deutschland bewusst sind, wünscht er sich manchmal, dass die Familie die Ukraine nie verlassen hätte. Auf grund der Migration hat er keine Kindheitsfreunde und fühlt sich nirgends zuge hörig. Die Unfreiwilligkeit mit der Dimitrij als Kind die Heimat verließ, zeigt sich auch in der Wortwahl, wenn es etwa heißt, er sei als Kind „aus Kiew rausmigriert worden.“ (LV 79) Wie in den Romanen von Grjasnowa und Salzmann wird hier eine neue Perspektive auf Migration eröffnet, nämlich die der Kinder, die in Deutschland für ihre Eltern als Übersetzer/innen in vielen öffentlichen Angele genheiten agieren oder „die schicksalrichtenden Briefe der Familie verfassen zu dürfen.“ (LV 60) Kapitelman nennt es ironisch „die Privilegien der Migrantenkin der“ (vgl. LV 60). Die Rückblenden erzählen oft von den schlechten Erfahrungen, die Dimitrij als Kind in Deutschland gemacht hat: „Im Heim hat man Freunde, in der Schule nicht [...]. Ich war der stinkende Russenjunge, in der Form hatte man mir das mehrmals auf dem Schulhof kommuniziert.“ (LV 26) Auch außerhalb der Schule berichtet der Ich-Erzähler von „Nazihorden auf Menschenjagd“ (LV 28) im Leipziger Viertel Grünau. Diese sorgen für ein jähes Ende der Kindheit des 72 Protagonisten — „In Kiew hatte ich mit Kostja uns Rostik Fangen gespielt. In Grünau floh ich vor Neonazis mit Messern, Neonazis mit Hunden und Neonazis mit Baseballschlägern.“ (LV 28) Den Eltern fehlen vor allem sprachlich die Fä higkeiten, für ihren Sohn einzustehen. Doch vieles, was ihm in Deutschland wie derfährt, bekommen sie gar nicht mit und was in Dimitrij zurückbleibt, ist ein Trauma: Sie verstehen bis heute nicht, wie sehr ich an Grünau gelitten habe. Oder wol len nicht verstehen, wie viel fremde Verbitterung, Verzweiflung und Hass ich als Kind fressen und aushalten musste. Ich glaube auch nicht, dass sie es je mals verstehen werden. Ich habe selbst Jahre gebraucht, um das Grünauer Gift in mir aufzuspüren. Aber als ich es schließlich entdeckte, Gitarre spielend in Schöneberg, legte ich mich auf den Boden, kauerte mich zusammen und heulte los. (LV 121) Dimitrij wird von seinen Eltern oftmals vorwurfsvoll als Deutscher bezeichnet. Sie grenzen sich von diesem deutschen Sohn ab und halten ihm vor: „Ja, Kiew, das ist eine echte Stadt. Nicht so wie dein stinkendes Leipzig, Dima!“ (LV 84). Das führt zu einer Kluft zwischen beiden Parteien, die wenig Verständnis für die Situation des anderen aufbringen: Wenn die Ukraine so großartig war, wieso waren wir dann hier? Wieso hock ten wir in diesem potthässlichen Leipziger Nazisumpf? Und warum meine Deutschen? Mein stinkendes Leipzig? Ich hatte nicht beschlossen, dass wir nach Germania ziehen. [...] Ich war noch nicht mal gefragt worden, wo ich leben möchte! Warum wurde ich plötzlich aus unserer Familie ausgegrenzt und als neme^ an den Pranger gestellt? Diese Fragen hätte ich an jenem Tag stellen sollen. Habe ich aber nicht. Sondern still die Migrantenpsychose mei ner Eltern verinnerlicht. Und mir vorgenommen, wieder russischer zu wer den. Das versuche ich im Prinzip noch heute. Besonders dann, wenn mir mal wieder die richtigen russischen Vokabeln fehlen, um meine Gefühle zu ver mitteln, und ich fürchte, dass meine Familie mich nicht mehr versteht. (LV 84) Richtig heimisch fühlen sich aber weder Dimitrij noch Leonid in Deutschland. Beide besitzen nicht einmal den deutschen Pass. Doch auch von der Ukraine sind sie zu sehr entfremdet. Daher fliegen sie nach Israel, wohin sie ursprünglich emig rieren wollten: „Wir schauen uns das Leben an, das wir um eine Ausreise verpasst haben. Wir waren eigentlich schon fast Neuisraelis, dann hat mein Vater uns nach Deutschland geschleppt.“ (LV 123) Am Flughafen werden sie von einem alten Freund begrüßt: „Wurde ja auch Zeit, dass ihr mal eure Heimat besucht.“ (LV 66) Die Reise stellt beide auf den Prüfstand. Der Vater fühlt sich in Israel sofort zu Hause. In Dimitrij tagt während der Reise ein inneres Gericht, das seine Identi tätszugehörigkeit verhandelt: „Die Geschworenen des Inneren Gerichts erheben sich kurz und nicken sachlich in den Raum.“ (LV 73) Als Vater und Sohn das 73 Beit-Hatefutsoth-Museum zur Geschichte des jüdischen Exils und der Diaspora besuchen, unterhält sich Dimitrij mit dem Leiter des Zentrums für jüdische Stammbaumforschung über sein schwieriges Verhältnis zumjudentum. Die Aus sage des Leiters, Dimitrij könne „sofort Bürger dieses Landes werden“ (LV 136) verfolgt den Ich-Erzähler daraufhin220 und er zieht in Erwägung, einige Zeit in Israel zu leben oder dorthin auszuwandern. Als eine Frau ihm sagt, dass er kein Jude sei, da seine Mutter keinejüdin sei, tagt erneut sein inneres Gericht: Falschjude Oimitrij K., Sie haben sich unverzüglich im Gerichtssaal einzufinden. Gegen Sie wird ein Revisionsprozess eröffnet. Bitte achten Sie darauf, m it angemessener Niederge schlagenheit vor Gericht zu erscheinen. (LV 251) Es folgt eine ausführliche, seitenlange Auseinandersetzung mit sich selbst, eine „Fahndung nach dem Juden in mir“ (LV 257). Er fragt sich, warum er einer der ver hasstesten Gruppen angehören will, die ihn auch noch zu Schuldgefühlen gegen über seinen palästinensischen Freunden zwingt. Er erkennt seine „beschämende Gier nach Zugehörigkeit, die stets ein 'Beleg mangelnder Selbstliebe bleibt.“ (LV 257) Die Mög lichkeit nach Israel auszuwandern stelle den idealen Weg dar, irgendwo heimisch werden zu können: „Ich werde endlich ankommen, dazugehören. Kein in Klam mern Migrationshintergrund, keine Skepsis, kein inneres Gericht. Jude in Israel. Punkt.“ (LV 142) Dennoch muss er sich eingestehen, dass er Deutschland ver missen würde und macht dies in erster Linie an der Sprache fest: „Gut, diese für Fremde ernst klingende, dabei doch so unfassbar lustige, zarte, tiefsinnige deut sche Sprache wird mir als Hauptmelodie meines akustischen Alltags fehlen. Meine nernzj· Trotzdem.“ (LV 150) Mit Dauer des Aufenthalts in Israel nimmt Dimitrijs Euphorie ab und er fragt sich selbst: Was sollte dieser übereilte Israel-Migrationsporno? Reichen wirklich ein net ter Stammbaumforschungsonkel, ein Gauklergebet bei Meeresrauschen und die Aussicht auf einen funkelnden Staatlich-anerkannter-Jude-Stempel, um mich mein Leben in Deutschland hinschmeißen zu lassen? [...] Blutsverbunden heit— hallo? Wo war meine gesunde Skepsis? Wo die Selbstachtung? Ich habe so sehr am Rad gedreht, dass ausgerechnet Papa in die Rolle des Deutsch landlobbyistenschlüpfenmusste. (LV 157) Er kommt zu dem Ergebnis, selbst wenn er nach Israel ziehen würde — ,,[d]as Gefühl des untilgbaren Makels wird ja doch bleiben. Scheinbar gehört es einfach zu mir.“ (LV 268) So wie sein Vater über sich sagt „Ich wurde in der Sowjetunion gebaut“ (LV 70) stellt Dimitrij über sich selbst fest, er sei „made in Studierter- Mittelstand-Germany“ (LV 268). Letztendlich plant er, einen deutschen Pass zu beantragen — ,,[w]enn überhaupt, bin ich deutscher Jude. Und nicht kompatibel mit Israels Gesellschaft.“ (LV 270) 220 Vgl. L V 1 37 ,13 8 , 1 4 0 ,1 4 1 ,1 4 6 , 147. 74 Die Reise in den Nahen Osten bewirkt einen Rollentausch zwischen den bei den Figuren: „Papa in Israel: mit einem Mal unerschütterlich. Ich dagegen bin eine auf sehr wackligen Beinen wandelnde Aspirin-Entsorgungsbox, die den Satz ,Sie können sofort Bürger dieses Landes werden' in Dauerschleife abspielt.“ (LV 140) Durch die Reise erkennt Dimitrij aber auch die zwei Seiten von Israel, das nicht nur einen immer greifbaren Zufluchtsort für seine Familie darstellt und so auch ein Stück Heimat in sich birgt, sondern das um eine Identität ringt, sämtliche Dreckjobs von schwarzen Juden erledigen lässt und immer stärker von ultrarechten, auf neue Siedlungen pochenden Or thodoxen bestimmt wird [...]. Ebenso wie das Israel, das für einen trügeri schen Status quo irrsinnige Sicherheitsmauern aufzieht und alle paar Monate gegen einen militärisch unterlegenen Gegner Krieg führt. (LV 196) Wie Grjasnowas und Salzmanns Protagonistinnen wird auch Kapitelmans Ich Erzähler mit dem Eintritt in den Nahen Osten sehr viel politischer. Anders als sein Vater reist Dimitrij auch nach Palästina. Dort lernt er viele junge Leute ken nen, denen gegenüber er seine jüdischen Wurzeln jedoch versteckt. Sie führen Gespräche über mögliche Zukunftsperspektiven beider Gebiete: „Was, wenn diese staatsähnlichen Strukturen morgen tatsächlich Staat sein dürften? Wäre das Leben auf beiden Seiten des Sicherheitszauns dann nicht schlagartig leichter? O der würde sich alles verschlimmern, wie ständig vom Likud behauptet?“ (LV 231). Der Grund weshalb Leonid Kapitelman seinen Sohn nicht nach Palästina beglei tet, ist eine tief in ihm verwurzelte Angst vor Arabern. So eröffnet Das Vächeln meines unsichtbaren Vaters nicht nur die Debatte um Rassismus und Antisemitismus gegenüber Geflüchteten in Deutschland, sondern deutet einen bisher viel weniger beleuchteten Aspekt des jüdischen Rassismus Arabern gegenüber an. Leonids Einstellung arabischen Menschen gegenüber nennt Dimitrij „Papas rassistisches Tourette“ (LV 68). Er verurteilt seinen Vater dafür, gerade deshalb, weil er es als Rassismus-Opfer in Deutschland besser wissen sollte. Von den Freunden in Israel wird Dimitrij als Araberfreund bezeichnet — das „nahöstliche Äquivalent zum ,Gutmenschen‘“ (LV 91). Doch im Laufe der Erzählung gesteht sich auch Dimitrij ein, dass er Angst und Vorurteile hat. Er erkennt: Ich bin nicht der Allerweltsfreund und Freigeist, der ich gern wäre. Und auch nicht resistent gegen Rassismus, nur weil ich ihn am eigenen Leib erfahren habe. [...] Ich fürchte, ich bin ein fingierter Gutmensch, der sich zum fami lieninternen Advokaten der Araber und zum Menschlichkeitsmagnaten auf schwingt, während ich dieselben Vorurteile unter dem Herzen trage, die ich so selbstgerecht verurteile. Musste ich erst in den Nahen Osten fliegen, um festzustellen, dass ich ein Pegida-Anhänger mit Migrationshintergrund bin? (LV 190ff.) Er stellt sich seinem eigenen Rassismus, indem er nach Palästina reist. Dort trifft er die „denkbar warmherzigsten Menschen, [die denken,] dass Israel bombardiert 75 gehört.“ (LV 265) Er erkennt, dass sein Glauben an den Frieden naiv ist, dass das Leben in der heutigen Zeit „das Feindsein leichter als das Freundsein“ und das „Fürchten stärker als das Fühlen“ mache (LV 265). Um die politischen Konflikte besser zu verstehen, werden häufig Metaphern verwendet: „You know the game Pac-Man? [...] Pac-Man eats everything. Pac-Man is Israel, Israel eatingPalestine.“ (LV 245) Die Baugrube, an der in Ramallah ein Ministerium eröffnet werden soll, steht symbolisch für die Situation Palästinas: Neben der Verlautbarung klafft eine große, braune Grube, in deren Mitte ein kleiner Bagger keuchend, fast vorwurfsvoll seine Runden dreht. Zuweilen leis tet ihm ein grüner Laster Gesellschaft. Fast schon rührend, wie die zwei A l leingelassenen an der Zukunft bauen. (LV 231) Einige Tage später sind die Fahrzeuge verschwunden: „Ohne sie ist sie [die Bau grube] ein Sinnbild politischer Stagnation. Eine Miniatur der Ohnmacht, in der Dinas Heimat verfangen ist.“ (LV 247) Die Handlungsorte des Romans sind Leipzig, Tel Aviv undjerusalem. Doch auch Berlin erhält vor allem für den Protagonisten eine besondere Bedeutung. Der Ich-Erzähler zieht mit Anfang Zwanzig dorthin. Die Stadt kommt ihm sofort ver traut vor, da sie ihn an Kiew erinnert: „Endlich wieder feierlich breite, schillernde Allen, die mit schneidigen Hauptstädtern gesäumt waren. Endlich wieder der Duft der Metro in den U-Bahn-Schächten (LV 30) Berlin wird als idealer Ort für eine zerrüttete Existenz dargestellt: Die Starken und die Heimatlosen können in Berlin Zuflucht finden. Das Kon zept einer deutschen Leitkultur existiert nicht. Das finde ich sehr befreiend. Wie soll deutsche Leitkultur hier auch aussehen, wenn nicht mal die einzelnen Stadtteile irgendeine Form von Homogenität aufweisen? Berlin ist meine Er satzdroge für Kiew, mein Anti-Meerane und das Gegenteil von Grünau. (LV 32) Während alle Orte zuvor immer von der Entscheidung der Eltern abhingen, be stimmt der Protagonist Berlin ganz allein. Ähnlich wie bei Kaminer steht Berlin hier für eine Wahlheimat für einen Menschen, der keine konkrete Heimat mehr hat. Die wichtigsten Stationen des Transits sind der Flug von Berlin nach Israel und der Grenzübergang zwischen Israel und Palästina. Wenn er an Israel denkt, freut sich Leonid Kapitelman vor allem auf die Flughäfen: ,„Ich möchte die Si cherheit dort genießen. Jeder Jude, der dort angekommen ist, wurde als Bürger Israels aufgenommen. Diese Atmosphäre der Geborgenheit will ich auskosten.‘ Auf einen Schlag nicht mehr unsichtbar sein müssen.“ (LV 44) Als er jedoch aus dem Flugzeug einen ersten Blick auf das Land wirft, ist „sratsch“ „das erste Wort, das Papa von seinem Fensterplatz aus für Israel findet. Frei übersetzt bedeutet sratsch Saustall.“ (LV 65) Bei der Einreise nach Israel erklären Vater und Sohn, dass Dimitrij den ukrainischen Nachnamen des Exmannes der Mutter 76 angenommen habe, denn „Kapitelman sollte in der antisemitischen Ukraine un sichtbar bleiben.“ (LV 65) Die Beamtin reagiert mit „[s]emitsolidarische[m], durchwinkende[m] Lächeln“ (LV 66). Anders als die Protagonistinnen in Grjasnowas und Salzmanns Romanen haben die Figuren in diesem Werk keine Einrei seprobleme. Auch am Grenzübergang von Palästina zurück nach Israel befindet sich Dimitrij in einer privilegierten Situation gegenüber den Palästinensern. Denn diese müssen sich einer entwürdigenden Warterei und Kontrolle unterziehen, während Dimitrij nicht einmal aus dem Bus steigen muss. Auf seinen Pass wird ein kurzer Blick geworfen, seine Sachen werden nicht durchsucht. In Kapitelmans Werk finden sich erstmals die von Hausbacher als charak teristisch für migratorische Literatur bezeichneten appellartigen Erzähleräußerun gen221 in Form von Leseranreden: „Jetzt rede ich hier die ganze Zeit über Un sichtbarkeit und stelle mich selbst nicht mal vor. Verzeihung. Mein Name ist Di mitrij Kapitelman. Oder einfach Dima. Ich nehme an, Sie haben bereits bemerkt, dass ich eine besondere Beziehung zu meinem Vater hege.“ (LV 12) Der Ich Erzähler steht wie der Protagonist in Kaminers Werken dem realen Autor biogra fisch sehr nah und trägt zudem den gleichen Namen. Auch ist er Kaminers Figur in der humorvollen, ironischen Erzählweise ähnlich. Das Werk ist geprägt von einer Reihe an Wortneuschöpfungen wie „rausmigriert werden“ (vgl. LV 79), „Judkraine“ (LV 109), „Fotogenitätsprüfungen“ (LV 126), „Blutsbürgerschaft“ (LV 140), „Identitätskater“ (LV 157) und die Erfindung von „Identitin“ (LV 157), die Sucht nach der eigenen Identitätssuche. Alltägliche Begriffe werden humorvoll umschrieben, die permanente Zahlungsverspätung der Miete seines Vaters nennt er einen ,,freejazzige[n] Zahlungsrythmus“ (LV 58) und das Asylheim für Juden in den 1990ern ein „Wiedergutmachungsheim“ (LV 72). Dinge werden dadurch stilisiert, dass sie in verfremdeter Schreibweise dargestellt werden, wie wenn die Möglichkeit der Übersiedlung nach Deutschland für Juden aus den Sowjetstaaten wie ein neues, wirtschaftliches Produkt beschrieben wird: „Kontingentflüchtlinge“ — mit dieser Artikelbezeichnung machte der ethnopolitische Unternehmer Deutschland eine neue Warengruppe auf. Mein Vater ergatterte sein Existenzschnäppchen, die BRD bekam Rabatte auf ihre Ver gangenheit. (LV 20) Der schwarze Humor des Erzählers bezieht sich nicht selten auf den Holocaust. In ganz alltägliche Situationen baut er Vokabular ein, das eindeutig aufjudenver folgung hinweist: „Ich bin also mit der Säuberung des Festtisches und der Depor tation von allem Unorthodoxen und Unjüdischen befasst.“ (LV 56) Oft werden Verweise ganz unvermittelt und plötzlich eingebaut: „Sollte ich anhand dieses Lä chelns darauf schließen, was für meinen Vater Jüdischsein bedeutet, müsste ich antworten: Im Tante-Emma-Laden eine Capri-Sonne stibitzen und dabei nicht erwischt (vergast) werden.“ (LV 46f.) 221 Vgl. 2009, S. 140. 77 Die russische Sprache hat auch auf diesen Roman einen großen Einfluss. An ders als bei Salzmann werden russische Worte hier nicht in kyrillischen Buchsta ben, sondern in Lateinschrift wiedergegeben. Vor allem das Wort rastojen begleitet den gesamten Text.222 Der Erzähler übersetzt es mit „verstimmt bis traurig“ (LV 68), es erinnert an die Eigenschaft der Melancholie, die den Russen so oft zuge schrieben wird. Es bezieht sich in der Regel auf den Vater, nach ihrem Rollen tausch in Israel beschreibt es jedoch auch Dimitrijs eigene Gefühle: „Zwei Monate später bin ich es, der lethargisch in Netanya am Fenster steht. [...] Bei dem Ge danken an ihn [Hasan] werde ich noch etwas mehr rastojen.“ (LV 268) Am Ende, als der Vater zurück in Deutschland ist, habe er anhand eines „importierten Fröhlichkeitsdepot[s]“ diese Form der Melancholie überwunden: „Keine bleierne rastojenstwa weit und breit.“ (LV 280f.) Wenn russische Vokabeln und Wendungen ver wendet werden, ist das oft so, weil ihre deutsche Entsprechung dem Wort oder Gefühl nicht gerecht werden könnte. „Polesna“ übersetzt er zunächst mit „gut“, muss dazu aber anmerken, dass die direkte Übersetzung „heilsam“ oder „wohltu end“ bedeute: „Es ist also gut/heilsam/wohltuend sich m itjuden zu umgeben.“ (LV 8) Am Ende kommt er noch einmal auf diese Vokabel zurück: „Ich habe beschlossen, dass es eigentlich gut/polesna wäre, noch etwas länger in Israel zu bleiben“ (LV 273).223 Zudem gibt es ungewöhnliche deutsche Formulierungen, die aus dem Russischen stammen wie etwa „der Magazin“, wie das Geschäft des Vaters stets genannt wird oder wenn Leonid Borja fragt: „Hast du sie [Hose und Jacke] damals eigentlich im Komplekt [hervorgehoben von A. J.] gekauft?“ (LV 82). Am Ende der Reise hat auch das Hebräische an Einfluss auf die Sprache gewon nen: „Gut heißt jetzt nicht mehr choroscho, sondern beseder.“ (LV 281) Das Russische war für Dimitrij „in den vergangenen Zwanzig jahren vor allem Familien-Biotop-Sprache, Geheimcode in der Welt der Mehrheitsgermanen.“ (LV 74) Auf Deutsch kann er sich mit seinen Eltern nicht unterhalten. Einmal versucht der Vater ihm einen Brief auf Deutsch vorzulesen: „Verletzung der Pflicht. Keine weitere Ver-trauens-grundlage für weiteres Mietverhältnisses. Unzu, unzu — Vera, schto eto sa slowal Un-zu-mut-bar. Unzumutbar.“ (LV 61) Diese Haspelei ist für den Sohn der Beweis dafür, dass sein Vater in diesem Land niemals angekommen ist. In Israel allerdings „schimmert eine ungeahnte Verdeutschung aus seiner Wort wahl hervor“ (LV 66), wenn er seinem alten Freund etwa auf Russisch von den Problemen mit seinem Vermieter berichtet und dafür die deutsche Vokabel „Ver mieter“ statt einer russischen Entsprechung verwendet. 222 Vgl. L V 68, 81, 103, 160, 268, 280. 223 W eitere d ieser russischen A usdrücke im T ex t sind ,,rinak t‘ und „sato“ ohne direkte Ü bersetzung (LV 10), „ ,B a tjk o„pa im ij sehe s ir d ^ j (V äterchen , hab doch ein H erz)“ (LV 10), „Naid/om, m idjorn“ (LV 53), „da, stuschaju w ad c (LV 82), „ n e m j“ (LV 83), „ fasch ik i“ (LV 86), „ ,[ . . . ] lo ch s t D as ist eine russische B ezeichnung für T ro ttel“ (LV 87f.), „ m ech e f ‘ (LV 95), „ n a s c h t (LV 105), , ,A m erikossi“ (LV 111), „B odaslaw na ja“ (LV 131), „ B u s sk iß Da, r u s s k ß (LV 150), „kopejik “ (LV 155) und „stena p la ch i“ (LV 164). 78 Obwohl der Roman am ehesten der drei Werke dritter Stimme an Kaminers Literatur erinnert, können auch hier keine Spuren eines pikaresken Romans ge funden werden. Vielmehr handelt es sich um Reiseliteratur. Der „Israel & Palästina“-Reiseführer von Lonely Planet ist ständiger Begleiter des Protagonisten, er gibt ihm sogar den „funky Spitznamen“ LP (LV 198). Häufig wird LP zitiert und personifiziert.224 Außerdem bietet er eine Projektionsfläche für die Gefühle des Protagonisten: „Armer, geschundener Lonely Planet, jetzt siehst du so aufgedun sen und klamm aus, wie ich mich fühle.“ (LV 125) In seiner Einsamkeit in Paläs tina redet er gar mit ihm: „Wenn ich schon Gaza nicht sehe, dann wenigstens Nabulus. Wird schon nichts passieren, oder was meinst du, EP? Frag mich nicht, sagt der, ich bin nur ein Buch.“ (LV 233) In ihrer Einführung in die Reiseliteratur (2017) stellen Andreas Keller und Winfried Siebers neue Tendenzen der Reiseliteratur seit 1990 fest. In Anlehnung an Samuel P. Huntingtons The Clash o f Cimligations (1996) seien vor allem neue Mobilitäten ein Resultat der politischen Wendezeiten seit Mitte des 20. Jahrhun derts, die sich in Form von dualen oder gespaltenen Erfahrungshorizonten auch auf literarische Werke auswirken: In Bezug auf das Reisen bedeutet dieses Phänomen vor allem ein erfahrungs gesättigtes, bilaterales Oszillieren und Formulieren von Personen, die nicht mehr zwischen zwei hermetisch getrennten kulturräumlichen Sphären wech seln und „zurückkehren“, sondern in das „Fremde“ bereits mit dem Eigenen kommen [...] .225 Vor allem die Reise in Krisen- und Kriegsgebiete sei ein aktuelles Phänomen.226 Für Autor/innen mit Migrationshintergrund bestehe die Besonderheit, dass sie das bereiste Land nicht allein als Besucher, sondern „mit dem Blick des damit bereits Vertrauten, des Zurückkehrenden wahr[nehmen], so dass sich die reine Opposition oder gar Konfrontation zwischen bilateralen Sphären zugunsten ,hybrider‘ Wahrnehmungsmuster auflöst“.227 Kapitelman und auch Grjasnowa und Salzmann gehören demnach einem „neuen Reise-Autor-Typus“228 an, der von wechselbaren Zugehörigkeiten geprägt ist und so eine mehrfache Blickverschie bung ermöglicht. 224 Vgl. L V 110, 125, 127, 158, 163, 165, 198ff., 217, 220, 238. 225 K eller/Siebers 2017 , S. 148. 226 Vgl. ebd. 227 Ebd. S. 166. 228 Ebd. 79

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References

Zusammenfassung

Längst gelten Werke von AutorInnen mit Migrationshintergrund nicht mehr als Nischenprodukt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Im Gegenteil: Die Diskussion um die Existenz einer Literatur der Migration führt zu zahlreichen Kontroversen in der literarischen Öffentlichkeit.

Hier macht sich vor allem eine neue Generation von AutorInnen bemerkbar, die während der Migration noch Kinder waren. In ihren Texten erschaffen sie Figuren, die auf der Suche nach ihrer ethnischen, sprachlichen, religiösen, geschlechtlichen und nationalen Zugehörigkeit ihre individuellen Migrationserfahrungen nie ganz überwinden können. Und doch wehren sich die AutorInnen vehement gegen die exotisierende und marginalisierende Einordnung ihrer Werke als Migrationsliteratur. Vor dem Hintergrund etablierter Topoi russisch-deutscher Migrationsliteratur werden Texte von Olga Grjasnowa, Sasha Marianna Salzmann und Dimitrij Kapitelman hinsichtlich inhaltlicher und formaler Schwerpunkte mit dem Fokus auf Heimatkonstruktionen, Identitätskonzeptionen und Raummodelle analysiert.